Türchen 9: Sowjetunion – Belgien 1986

3:4 n.V.

In einem denkwürdigen Spiel verliert die dominantere Mannschaft unglücklich – und doch irgendwie der Spielgeschichte entsprechend.

Die verlorene Kontrolle

WM-Achtelfinale, 15. Juni 1986

grundformationenAllzu leicht setzt man die Sowjetunion mit der flächenmäßig größten und politisch dominanten russischen Republik gleich. Zumindest in Hinblick auf den Fußball ein Trugschluss. Das Team bei der Weltmeisterschaft 1986, welches zwei Jahre später mit nur leicht verändertem Kader das Finale der Europameisterschaft in Deutschland erreichen sollte, bestand vor allem aus Ukrainern. Entscheidend dafür, wie ohnehin für die gesamte fußballerische Entwicklung, zeichnete sich Trainerlegende Valeriy Lobanovskiy, der seinerseits in Kyiv geboren wurde. Mit Sechser Aleinikov (Weißrussland) und dem hervorragenden Torhüter Dasaev (Russland) standen lediglich 2 Nicht-Ukrainer in der Startelf. Den Kern bildeten entsprechend Akteure vom Dynamo Kyiv. Es versammelten sich einige Jungspunde und vielerlei Spieler im besten Fußballeralter –  Dasaev war mit 29 gleichzeitig der älteste Spieler.

Bei den Belgiern gab es hingegen auch den ein oder anderen erfahreneren Mann in der Startelf. Beispielsweise Torhüter Jean-Marie Pfaff, damals bei Bayern München unter Vertrag, oder Rechtsverteidiger Eric Gerets, ein deutlich spektakulärerer Spieler als Trainer. Interessanterweise auch in der ersten Elf: Frank Vercauteren, bis vor kurzem Trainer beim russischen Erstligisten Krylja Sowetow (übersetzt: Flügel der Sowjets) in Samara. Im Zentrum des Teams agierten Spielmacher Ceulemans und der absichernde Mittelfeldspieler Grün. Enzo Scifo, eine prägende Figur des belgischen Fußballs, spielte im Alter von gerade einmal 20 Jahren bereits zum zweiten Mal bei einem großen Turnier – im Nachhinein wurde er zum besten jungen Spieler der Wettkämpfe in Mexiko ernannt.

„Totaler Fußball“ sowjetischer Prägung

Das Team der UdSSR kontrollierte von Beginn an die Partie. Sie attackierten die Belgier bereits in deren Hälfte und provozierten in Abstinenz des Rückpassverbotes viele Bälle in Richtung Pfaff. Dieser ließ den Ball in der Regel exakt zwei Mal tippen, ehe er zum langen Schlag ansetzte. Diesen eroberten die sowjetischen Spieler meist sehr schnell und konnten durch die schlechte Staffelung der Belgier in Bezug auf zweite Bälle direkt ihrerseits einen großen Raum überwinden und sich im Territorium des Gegners festsetzen.

Bei eigenem Ballbesitz zeigte sich bei der UdSSR eine überaus moderne Ausrichtung, die in ihren besten Momenten tatsächlich an hehre kommunistische Ideale erinnerte und individuelle Fähigkeiten passend in ein kollektives System einband.
Im Aufbau blieb Bezsonov dabei zumeist passiv, ließ sich jedoch auch bei den seltenen Drucksituationen nicht aus der Ruhe bringen. Kuznetsov pendelte neben ihm zwischen der Rolle als Innenverteidiger und Sechser, während vor allem Aleinikov sich häufig tief fallen ließ. Selbiges tat Yakovenko von Zeit zu Zeit ebenfalls, blieb in der Regel allerdings höher positioniert.

Im Gegenzug konnten sowohl Demyanenko als auch Bal in die Breite auffächern und bei Bedarf auch höher schieben, um dort zu unterstützen. Beispielsweise konnte sich auch einer der zentralen Spieler nach außen fallen lassen, wodurch der jeweilige Verteidiger zu einem Vorstoß kam und sich eine Asymmetrie herausbilden konnte. Bal und Demyanenko waren dabei jedoch keineswegs auf den Bereich am Flügel beschränkt, sondern dribbelten teilweise auch durch den Halbraum an oder schoben im Laufe des Angriffs dort höher. Dies war in der genauen Ausführung von den vor ihnen postierten Akteuren Rats und Yaremchuk abhängig.

Beide verfügten über gute Fähigkeiten im Dribbling und gerade letzterer zudem über einen hervorragenden Antritt, der für lineare Durchbrüche ebenso genutzt werden konnte wie für diagonale Dribblings nach Innen. Vor allem für letztere gab es oftmals hervorragende Unterstützungsbewegungen der Mitspieler, die eine Verfolgung durch die jeweiligen belgischen Gegenspieler provozierten und Raum schufen. Hierfür wich beispielsweise Belanov nach rechts aus, Rats rückte bei Ballbesitz auf der rechten Seite bis ins Sturmzentrum ein. Aus dem tieferen Aufbau wurde er vermehrt mit hohen Diagonalbällen gesucht und konnte bei zu selten vorkommender akkurater Ausführung im Anschluss von Demyanenko etwa durch Vorderlaufen unterstützt werden. Auch situative Positionswechsel der Flügelspieler stellten keine Seltenheit dar.

Insgesamt zog die sowjetische Mannschaft ein flexibles Kombinationsspiel auf, das immer wieder Lücken im klassischen, mit Manndeckungen versehenen, belgischen Verteidigungssystem offenlegte. Dieses war formativ zunächst am ehesten als 4-2-3-1 zu bezeichnen. Als Scifo im Laufe des Spiels immer mehr nach rechts tendierte, erinnerte die Systematik eher an ein 4-3-2-1. Gleichzeitig wurde die Staffelung zum eigenen Strafraum hin häufig ohnehin zu einer Fünfer- oder Sechserreihe.

Maßgeblich für die Dominanz der UdSSR waren zu einem großen Teil die vielen kreativen und pressingresistenten Spieler in der Zentrale, die häufig ihre Positionen variierten und auf unterschiedliche Art und Weise rochierten. Dies führte zu ansehnlichen Kombinationen und einer guten dynamischen Raumbesetzung.

Zavarov, nominell zweiter Stürmer, schaltete sich weit hinten mit ein und zeigte im letzten Drittel dann nachstoßende Läufe, wo ohnehin eine teils enorme Präsenz zu verzeichnen war. Zweite Bälle landeten so überaus häufig bei den sowjetischen Spielern, die darüber hinaus ein ums andere Mal kollektiv ins Gegenpressing gingen und aufgrund der geringen Abstände zueinander eine aussichtsreiche Balljagd starteten. Gleich die erste Torchance des Spiels entstand durch eine Ballrückeroberung. In derselben Szene wurde außerdem das gezielte Bespielen des Rückraums bei Hereingaben offenbart, das im Laufe des Spiels noch häufiger fokussiert werden sollte.

Gegenpressing sowjetischer Prägung: Zwei Spieler attackieren den Ballführenden, die restlichen Spieler in Ballnähe nehmen einen Gegenspieler auf, einer sichert ab.

Gegenpressing à la UdSSR: Zwei Spieler attackieren den Ballführenden, die restlichen Spieler in Ballnähe nehmen einen Gegenspieler auf, einer sichert ab.

Belgien macht trotzdem Tore

Die Belgier wurden zunächst vor allem dann gefährlich, wenn der Gegner die Räume nach Ballverlust mal nicht so schnell schließen konnte und eine Lücke zwischen Abwehr und Mittelfeld klaffte, in die sie schnell hineinattackieren konnten. Auch sie verfügten dabei über einige Spieler, die unter Druck hervorragende Lösungen fanden. Eric Gerets behielt beispielsweise stets die Ruhe und spielte ein ums andere Mal gute Diagonalpässe ins Zentrum oder rückte mit gutem Timing nach. Scifo ließ nach Ballgewinn gerne mehrere Gegner auf einmal stehen.

Vor allem war es aber Spielmacher Ceulemans, der das Heft des Handelns mit zunehmender Spielzeit in die Hand nahm und überaus präsent agierte. Gerade mit Beginn der 2. Halbzeit wurden die Belgier zunehmend konstruktiver und fanden Lücken in der sowjetischen Deckung. Diese gestaltete sich vergleichsweise raumorientiert aus einem 4-4-2 heraus. Passwege wurden vor allem gut belauert und mögliche Anspieloptionen verschlossen. Zunächst waren es vor allem Flügeldurchbrüche und Flanken, mit denen Belgien zu Chancen sowie zum zwischenzeitlichen 1:1 kam. Später fokussierten sie zudem auch einmal den flachen Weg von außen in den Zehnerraum, als die Lücken bei der UdSSR etwas größer wurden.

Dennoch erspielte sich das Team von Lobanovskiy zu Beginn des zweiten Durchgangs direkt eine Doppelchance, als sie die rechte Seite überluden, in den freien Raum (halb-)links verlagerten und gut in den Strafraum einliefen. Die Bemühungen wurden schließlich auch mit dem 2:1 belohnt, das interessanterweise durch eine angedeutete Pressingfalle auf Ceulemans entstand: Dieser blickte sich nach Pass vom Flügel nicht um, wurde aggressiv unter Druck gesetzt und verlor den Ball. Zavarov positionierte sich direkt umschaltbereit in unmittelbarer Nähe und legte mit seiner letzten Aktion den Treffer vor. Für ihn kam der etwas mehr nach rechts tendierende, kleinräumig starke Russe Radionov.

Der einzige wirklich erfolgreiche lange Ball brachte Belgien nur wenig später das 2:2 – Ceulemans stürmte weit nach vorne, Kuznetsov verlor auf fast schon groteske Art und Weise kurzzeitig die Orientierung und lief im Sechserraum herum. Am Strafraum blieb der gegnerische Spielmacher völlig frei und netzte ein.

Doch in der Folge war es wiederum die UdSSR, die nicht aufsteckte und zum gegnerischen Strafraum drängte. Evtushenko war mittlerweile für Yakovenko gekommen, Bals rückte immer forscher am Flügel auf. Die rechte Seite wurde stark fokussiert, Yaremchuk zog es zudem immer wieder ins Zentrum. Dort hatte er nach toller Vorarbeit von Radionov die große Chance, das Spiel noch in der regulären Spielzeit zu entscheiden, doch traf nur die Latte.

Verlängerung. Die Kräfte beider Teams schwanden, was jedoch vor allem für die Sowjetunion ein Nachteil sein sollte: Wer sein Spiel maßgeblich über Kompaktheit und Spielkontrolle aufbaut, dem liegt ein offener Schlagabtausch eher wenig. Belgien hingegen war zunehmend in seinem Element. Der überaus spielintelligente Sechser Grün rückte beispielsweise noch konstanter vor und unterstützte die Schnellangriffe. Den entscheidenden Gegenzug leitete schließlich Scifo ein: Mit Balleroberung und Pass in einem Kontakt initiierte er genau jenen Konter, der die Ecke zum 3:2 brachte. Nach kurzer Ausführung deckte kein sowjetischer Spieler den Raum am zweiten Pfosten, Demol konnte unbedrängt einköpfen.

Schließlich folgte noch das 4:2 per Volley durch Claesen, nachdem Ceulemans am Flügel mehrere Spieler gebunden hatte und das offene Zentrum bespielte. Die Sowjetunion erzielte im direkten Gegenzug per Elfmeter umgehend das 3:4. Doch danach wurde das Anrennen tatsächlich einmal ein blindes. Die letzte nennenswerte Chance vereitelte Pfaff in buchstäblich letzter Sekunde, als er eine verunglückte Hereingabe Evtushenkos über das Tor lenkte.

Belgien feierte den größten fußballerischen Erfolg seiner Geschichte und zog nach dem anschließenden Sieg gegen Spanien ins Halbfinale der Weltmeisterschaft ein, wo mit einem 0:2 gegen Argentinien Endstation war. Die Sowjetunion haderte derweil mit den gar nicht wunderbaren Zufällen des „beautiful game“ und war wenige Jahre später selbst Geschichte.

Jimbo 10. Dezember 2016 um 10:35

Die Aufstellungen beider Mannschaften erklärt sich wie folgt:

Trainer der Sowjets während der Qualifikation war nicht Lobanowskyj, sondern Eduard Malofejew. Dieser wurde aber 16 Tage vor Turnierbeginn nach einer Reihe von weniger erfreulichen Testspielergebnissen entlassen, u.a. (je nach Quelle) einem Unentschieden oder einer Niederlage gegen den damaligen Bundesliga-Absteiger Saarbrücken.

An seine Stelle trat Lobanowskyj, der zwei Wochen vor Amtsantritt mit Dynamo Kiew in überzeugender Weise den Europapokal der Pokalsieger gewann und in dem Achtelfinale gleich auf neun Spieler aus genau dieser Dynamo-Mannschaft setzte.

Bei den Belgiern gab während der Gruppenphase interne Differenzen.
Trainer Guy Thys war mit dem Verhalten der beiden Schlüsselspieler René Vandereycken und Erwin Vandenbergh unzufrieden. Nachdem Vandereycken sich auch noch mit seinen Teamkameraden aus Anderlecht Enzo Scifo und Frank Vercauteren verkrachte, griff Thys durch. Er schickte Vandereycken und Vandenbergh heim und forderte zudem jeden Spieler auf, der mit seinen taktischen Entscheidungen unzufrieden war sich in das selbe Flugzeug wie die Beiden zu begeben.

Durch diese mutige Entscheidung verlor Thys zwar zwei wichtige Spieler, aber dieser Schritt förderte den Einklang im Kader. Thys nahm vor den letzten Gruppenspiel sechs Änderungen vor, und mit dieser Mannschaft drangen sie bis in das Halbfinale vor.

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Schorsch 10. Dezember 2016 um 00:31

Dieses Spiel galt seinerzeit als das beste oder eines der besten des Turniers. Wie savona schon schrieb, handelte es sich um eine Partie des Achtelfinales. Es war vielleicht die beste Phase des sowjetischen Fußballs – und des belgischen. Enzo Scifo war einer meiner Lieblingsspieler in den 80ern.

Es gab im übrigen auch andere nichtrussische Clubs, die internationale Bedeutung besaßen. Dinamo Tiflis dürfte da der bekannteste sein, aus der damaligen Sowjetrepublik Georgien. Den Europacupsieg Dinamos gegen Carl Zeiss Jena habe ich live miterlebt. Das Finale, wo sich die Zuschauer per Handschlag begrüßen konnten… Im übrigen ist Georgien Heimat des Genossen Dschugaschwili. Nicht nur wegen ihm fällt es mir schwer, hehre Ziele des Kommunismus im Zusammenhang mit der Sowjetunion zu erkennen. Auch wenn (oder gerade weil) es nur um ein Fußballspiel geht und dieses mehr als 30 Jahre nach dem Ableben Stalins stattfand. Da hielt Gorbatschow bereits mit Glasnost und Perestroika der in jeder Hinsicht maroden Sowjetunion den Spiegel vor. Aber vielleicht ist es ja kein Zufall, dass die erfolgreichsten sowjetischen Clubteams eben keine russischen Teams waren und auch eine stark individuelle Komponente nicht nur zuließen, sondern auch bewusst förderten.

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savona 10. Dezember 2016 um 06:57

Das mit den hehren Zielen des Kommunismus habe ich als relativ distanzierte floskelhafte Formulierung empfunden, anderenfalls treffen Deine Anmerkungen über den mittlerweile in Russland schon wieder von vielen verehrten Dschugaschwili natürlich ins Schwarze. Aber auch hierzulande scheint die Aversion gegen solche Typen schon mal ausgeprägter gewesen zu sein.

Ich erinnere mich übrigens, in den späteren 60ern einen Artikel über den Fußball in der Sowjetunion gelesen zu haben, in dem dessen Sterilität mit Angst vor individuellen Entscheidungen erklärt wurde; einer Angst, die auch das Publikum erfasst habe und von diesem auf die Spieler zurückstrahle. Dies äußere sich u.a. darin, dass es grundsätzlich keine Torschüsse goutiere, die das Tor – wie knapp auch immer – verfehlten. Jeder harmlose „Rückpass“, der vom Keeper problemlos in Empfang genommen werde, dürfe mit mehr Applaus rechnen als ein um ein Haar den Außenpfosten touchierender Gewaltschuss. Keine Ahnung, ob diese Darstellung in erster Linie der damals üblichen antikommunistischen Stimmung westdeutschen Medien geschuldet war, aber sie war so anschaulich, dass sie sich irgendwo in meinem Langzeitgedächtnis verankern konnte.

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August Bebel 11. Dezember 2016 um 13:47

Ich könnte mir vorstellen, dass mit den hehren Idealen in diesem Zusammenhang folgendes gemeint ist: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ (Marx)

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savona 11. Dezember 2016 um 15:26

Jetzt hab ich mir die Passage im Artikel darauf hin nochmal angeschaut und stelle fest: so ist es bestimmt nicht gemeint, diese Formulierung ist zwar bekannt, passt aber nicht auf den Fußball und seine Protagonisten, denn um deren Bedürfnisse geht es ja nun eher nur sehr am Rande (das Monetäre sei hier mal ausgeklammert). Meine Annahme, dass es sich nur um eine Floskel handele, trifft es aber eigentlich auch nicht. Vielmehr interpretiert ES die Idee des Kommunismus als eine ideale Synthese von individuellen Fähigkeiten und Bereitschaft, sich ins Kollektiv einzufügen. Kann man sicher so machen, Schorschs Einwand, solche Ideale seien damals (1986) schon längst durch die von Gewalt und Terror geprägte politische Praxis der Sowjetunion desavouiert, hat allerdings Gewicht. Auch wenn man versteht, was gemeint ist, darf man die Formulierung demzufolge doch eher als etwas verunglückt betrachten.

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August Bebel 11. Dezember 2016 um 16:58

Es ist doch nur von hehren kommunistischen Idealen die Rede. Damit wird ja nicht impliziert, dass die auch tatsächlich umgesetzt wurden, eher das Gegenteil. Aber gut, wir verstehen das vielleicht unterschiedlich.

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savona 12. Dezember 2016 um 02:07

Ich befürchte, dass der „Geburtsfehler“ schon in den Idealen selbst liegt, insofern als mit ihnen ganz eng die Vorstellung der Schaffung eines „neuen Menschen“ verbunden war. Was letztlich physische und psychische Gewalt gegen diejenigen impliziert, die sich einem solchen „Schöpfungsakt“ widersetzen. Darin liegt wegen des zugrunde liegenden emanzipatorischen Gedankens eine Tragik, die zu benennen nichts mit dem Antikommunismus der Kalten Krieger zu tun hat.

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tobit 12. Dezember 2016 um 11:15

Ich finde nicht, dass die Schöpfung von etwas Neuem automatisch die gewaltsame Vernichtung des Alten impliziert. Dass es so passiert, heißt nicht dass es von vornherein so vorgesehen war. Der Kommunismus ist für mich nicht an seinen Idealen gescheitert, sondern am Totalitarismus der Anführer.

savona 12. Dezember 2016 um 16:23

@ tobit: Natürlich hast Du recht: auch die Ideale der französischen Revolution – liberté, égalité, fraternité – sind nicht durch den Terror von Robespierre und Konsorten generell entwertet. Das Ausmaß des Terrors im Namen des Kommunismus ist allerdings schon noch mal ein anderes Kaliber. Und die Hybris, einen „neuen Menschen“ schaffen zu wollen – die nicht nur dem Kommunismus anzulasten ist – führt m.E. mit Sicherheit in den Untergang, weil es immer auch den Hass, um nicht zu sagen Vernichtungsdrang gegen jede Art von Abweichlertum, sprich Indivualismus beinhaltet.

Schorsch 12. Dezember 2016 um 20:13

Es wird immer Schweine geben, die gleicher sind.

savona 12. Dezember 2016 um 23:12

Phantastische Parabel. Mein Lieblingsbuch von ihm: „Mein Katalonien“, womit übrigens nicht Barça gemeint ist ????; aber selbst hier, im Kampf der spanischen Freiheitsbewegung gegen die Faschisten, hat die Komintern alles nur noch schlimmer gemacht. Wer es erträgt, sich von einem einstmals Überzeugten desillusionieren zu lassen, lese die grandiose Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ von Manès Sperber.

tobit 12. Dezember 2016 um 23:44

Die Schweine wird es auch in jeder nicht-Orwell’schen Mannschaft geben. Ob sie sich selbst dazu erheben, oder von anderen in diesen Status erhoben werden, bleibt erstmal dahingestellt.

@savona:
Die Frage ist für mich, wie man den Satz betont.
Will man EINEN neuen Menschen schaffen, dann hast du Recht, dann spielt man sich als „großer Gleichmacher“ auf.
Will man aber einen NEUEN Menschen schaffen, kann dies auch ein Weg zu mehr Individualität sein ohne sich dabei Andersdenkenden abgrenzen zu müssen.
Zu den Sowjets will ich überhaupt kein Wort hier verlieren, da waren in den oberen Positionen etliche Wahnsinnige und reichlich rassisch/ideologisch motivierte Mörder unterwegs.

Schorsch 13. Dezember 2016 um 12:16

@savona
Ohne ‚Mein Katalonien‘ weder ‚Animal Farm‘ noch ‚1984‘. Dass du Manès Sperber erwähnst berührt mich richtiggehend. ‚Wie eine Träne im Ozean‘ ist ein großartiges Werk. Ich bin da auch familiär etwas vorbelastet. Einer meiner Großonkel kannte Sperber. Er durfte die ‚Gastfreundschaft‘ beider totalitären Herrschaftsformen des 20. Jahrhunderts ‚genießen‘. Den Erkenntnis- und Loslösungsprozess Linker in den 30er/40er Jahren von der Ideologie und den Dogmen der Partei hat er einmal mit einem katholischen Priester verglichen, der zu zweifeln beginnt, letztlich seinen Glauben verliert und dann aber noch den unglaublich schweren Schritt der offiziellen Lossagung bewältigen muss. In vollem Bewusstsein, dass er danach sein Leben lang in Ächtung und Verfolgung leben muss. Aber er gewinnt etwas, was das höchste Gut des Menschen ist: Freiheit. Der Bruder meines Großonkel (also mein Großvater)‘ hat ihm immer gewarnt. Mein Großvater war ‚Sozialfaschist‘ durch und durch. Er hat in der Weimarer Republik‘ im sowohl gegen Nationalsozialisten, als auch gegen Kommunisten gekämpft. Er hat in der später propagierten ‚Volksfront‘ eine Falle der Kommunisten gesehen, die Sozialdemokratie abzuschaffen. Die Zwangsvereinigung in der sowjetischen Besatzungszone hat ihm Recht gegeben. Sein Bruder musste es bitter am eigenen Leib erfahren.
Jemand anderes, den er gut kannte, war Wolfgang Leonhard. ‚Die Revolution entlässt ihre Kinder‘ sollte man gelesen haben, wenn man sich für diesen Themenkomplex interessiert.

Noch zu ‚1984‘: Je weiter wir uns von diesem Kalenderjahr entfernen, desto mehr nähern wir uns dem Inhalt dieses Buches. Ist jedenfalls mein ganz starker Eindruck. Das ‚Wahrheitsministerium‘ steht kurz vor der Installierung. Da bin ich Pessimist.

@tobit
Das sehe ich anders. Wer den ‚Neuen Menschen‘ schaffen will, hat auch immer den Baukasten dafür bereit. Und der besteht aus ‚Umerziehung‘ und Indokrination. Systeme, ganz gleich welcher Couleur, zeichnen sich übrigens dadurch aus, dass es eben nicht nur eine Oberklasse von Profiteuren gibt. Die Mächtigen könnten nicht profitieren, wenn sie nicht ein Heer von Helfern und Helfershelfern hätten, die eben auch profitieren (wenn auch natürlich auf einer nach unten hin immer bescheideneren Weise). Die unseligen Taten müssen ja auch ausgeführt und die Menschen unter Kontrolle gehalten werden. Und das ist ohne die Millionen von Blockwarten, IMn und Denunzianten nicht möglich. Das Gefährlichste für totalitäre Systeme (und solche, die sich als Demokartien tarnen) ist der freie Wille des Menschen.

savona 13. Dezember 2016 um 14:19

@ Schorsch: Du sagst es. Dem ist nichts hinzuzufügen.


savona 9. Dezember 2016 um 21:22

Interessanter Artikel über ein Spiel, das ich – wie das meiste bei dieser WM leider nicht gesehen habe; leider, weil es schon direkt nach dem Spiel große Lobeshymnen gab. Belgien hatte bei allen großen Turnieren seit 1980 überzeugende Auftritte, die Sowjetunion besonders bei der folgenden EM in Deutschland mit einem beachtlichen Auftaktsieg gegen den Turnierfavoriten und späteren Europameister Niederlande. Finalgegner war erneut die Sowjetunion.

Eine kleine Korrektur: das besprochene Spiel fand im Achtelfinale statt; im Viertelfinale schalteten die Belgier die ebenfalls starken Spanier um Butragueño im Elfmeterschießen aus.

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