Blick über den Tellerrand – Folge 35

Einiges zur zweiten Liga gibt es in diesem „Blick über den Tellerrand“. Zudem widmet sich ein kleines taktiktheoretisch-hypothetisches Gedankenspiel der Frage: Wie würden sich Zeitstrafen im Fußball auswirken?

Spieler der Woche: Jeroen van der Lely

Ein ungewöhnlicher Saisonverlauf war in der vorigen Spielzeit dem jungen, 20-jährigen Niederländer Jeroen van der Lely vom FC Twente beschieden. Im Sommer 2015 war er eigentlich kurz zuvor, seine Fußballerkarriere zu beenden und sich anderen Dingen zuzuwenden. Letztlich entschied er sich aber doch um – und rutschte im Verlauf einer absolut chaotischen Hinrunde überraschend aus der zweiten  Mannschaft ins erste Team.

Mit der Zeit erhöhten sich die Einsätze – 21 insgesamt letztlich – und zwischenzeitlich war van der Lely als Linksverteidiger, eigentlich nur Lückenfüller für den verletzten Schilder, eine unauffällige Stütze bei Twentes Achterbahnfahrt. Der junge Defensivallrounder gehört mit seiner unscheinbaren, aber taktisch klugen und sauberen Spielweise zu den eher wenig beachteten Talenten. Zwar erhielt er vor zwei Jahren mal einen Twente-internen Nachwuchspreis, doch in den Kreis der niederländischen Juniorennationalmannschaften gelangte er (bis Ende 2015) nicht und auch sonst wären wohl nur wenige auf die Idee gekommen, gerade ihn zu den vielversprechendsten Kandidaten derer zu zählen, die es in die Eredivisie schaffen könnten.

Eine der wichtigsten Stärken von van der Lely ist sein kluges und bewusstes Nachrückverhalten. Er findet ein hervorragendes Timing, um im richtigen Moment nach vorne zu schieben, bestimmte Räume zu besetzen und dabei taktische Ausgewogenheit herzustellen. So kann er – wegen seines überhaupt guten Raumgespürs – als unauffälliger Balancegeber auftreten, der diese Rolle flexibel ausfüllt und seiner Mannschaft indirekt Sicherheit gibt. Die kluge Zurückhaltung van der Lelys macht ihn zu  einem sehr wertvollen Spieler. Hinzu kommt auch, dass er technisch etwas unterschätzt wird, in vielen Bereichen dort ein sauber-solides Niveau erreicht.

Wenn er einen vielversprechenden Raum erschlossen hat, streut van der Lely von dort auch mal ein ankurbelndes Zuspiel ein. Im Passspiel agiert er ebenfalls grundsätzlich sauber und bringt gelegentlich einzelne herausragende Laserpässe. Insbesondere seine Vorlage zum Siegtor bei Roda JC in einem der Rückrundenspiele der vergangen Saison fand viel Anklang. Im Anschluss daran sollen ihn die Teamkollegen zwischenzeitlich scherzhaft Iniesta genannt haben. Wenn man – natürlich nur rein bezogen auf den Spielertyp, also gewissermaßen das Profil – derartige Vergleiche finden wollte, dann erinnert van der Lely eher an eine Mischung aus Lahm und Modric. (Vereinzelt als Sechser spielte er auch gut, Lieblingsposition ist nach eigenen Angaben übrigens Innenverteidiger.)

Gerade individualtaktisch ist van der Lely aber eben nicht ganz so stark, auch für Eredivisie-Verhältnisse. Das liegt zu einem Großteil auch an der Physis des kleingewachsenen, schmächtigen Defensivallrounders. Nicht nur ist er kein besonders robuster Spielertyp, sondern – trotz grundsätzlicher Wendigkeit – auch nicht so wirklich explosiv. Manchmal hatte van der Lely dadurch beispielsweise gewisse Probleme und Unsicherheiten in der Defensivarbeit, gerade bei der Verteidigung direkter Duelle. Solch unangenehme Situationen blieben und bleiben ihm in der eher mannorientierten Gesamtstruktur der Eredivisie nicht erspart.

In der Hinrunde der vergangenen Saison gab es noch einige besonders instabile Phasen, doch seit der letzten Winterpause konnte sich van der Lely stetig verbessern. Grundsätzlich versucht er seine gewissen Defizite – oder besser: individuellen Nachteile und Voraussetzungen – mit einer abwartenden Haltung auszugleichen und konzentriert sich auf die Stabilisierung des mannschaftlichen oder zumindest gruppentaktischen Verbundes. Er versucht also, der kollektiven Funktionsfähigkeit so gut zu helfen, dass er selbst nicht so viel verteidigen muss. Die optimale Balance hat er dabei aber noch nicht gefunden:

Neben einigen etwas nervös wirkenden Phasen lag ein Problem in der vergangenen Rückrunde insbesondere darin, dass van der Lely manchmal in eine zu vorsichtige Haltung ging. Er konzentrierte sich dann stark darauf, die Stabilität zum Tor hin zu gewährleisten und eng an die Kollegen anzuschließen, um Abstände in den letzten Linien möglichst nicht zu groß werden zu lassen. Gelegentlich hielt er sich dabei aber zu sehr zurück und schränkte dann seinen Zugriffsradius selbst ein.

Manche Szenen, die er mit beherzterem Eingreifen – etwa herausrückend zum Passabfangen – vielleicht schon hätte zerstören können, musste er dann weiterentwickeln lassen und geriet eventuell trotzdem beispielsweise in ein unangenehmes 1gegen1. Nicht immer hatte es sich gelohnt, die Gefahrenvermeidung (überspielt zu werden oder Löcher der Kollegen nicht mehr stopfen zu können) in den Vordergrund zu stellen. Die End- und Strafraumverteidigung van der Lelys schwankt: Durch kleine Unsauberkeiten – und wie es scheint: teilweise einfach etwas langsame Wahrnehmungsdauer bei schnellen Drehungen? – hatte er einige Male nicht mehr ausreichend Reaktionsmöglichkeit, was in unglücklichen Szenen endete. Andererseits hilft ihm seine allgemein kluge Spielweise.

In dieser Saison kam van der Lely zunächst nicht wirklich zum Zuge. Erst an den beiden vergangenen Spieltagen gegen ADO und Vitesse erhielt er seine zwei ersten Startelfeinsätze – derzeit als Rechtsverteidiger. Insgesamt agiert er in der aktuellen Saison etwas konventioneller in seinem Bewegungsspiel und Herausrückverhalten. Dort wirkt gerade seine Entscheidungsfindung aggressiver – wenngleich darin noch nicht so balanciert – und dafür die Proaktivität der gesamten Spielweise minimal passiver. Auch schien van der Lely in jenen beiden Partien nicht ganz so geschmeidig zu agieren wie in der Vorsaison, dieser Eindruck mag aber noch trügen oder sich in den nächsten Partien verflüchtigen.

Bisher überzeugte der junge Defensivallrounder in den beiden siegreichen Partien Ende dieses Monats vor allem durch wühlende, engagierte Aktionen im Gegenpressing, dem er sehr viel Impact liefern konnte. Auch einige kluge und strukturstarke, wenngleich teils etwas unsaubere Pässe gab es zu sehen. Die weitere Entwicklung bei van der Lely und Twente wird nun interessant: Kann sich der Defensivmann in der ersten Elf behaupten? Überdies darf man darauf gespannt sein, wie er sich bei weiteren Einsätzen präsentiert und ob möglicherweise kleinere Anpassungen oder Balanceveränderungen in der Spielweise auffallen. Seine Besonderheit als Spielertyp dürfte van der Lely dabei wahren.

Interessant zu beobachten: Aufs und Abs in Hannover und Bielefeld

Arminias Aufbauprobleme zu Saisonbeginn

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Zum Saisonstart: Da die Sechser häufig auf ihrer Position blieben und entweder verdeckt (gegen 4-4-2-haftes Pressing, dunkelblaue Kreise) oder zugestellt (gegen 4-1-4-1-haftes Pressing, rote Kreise) wurden, hatten die Innenverteidiger oft nur die Passoption zum Außenverteidiger. Diese mussten nicht selten direkt die Linie entlang spielen, wo der Gegner erneut im Rücken attackieren und zuschiebend pressen konnte.

Insgesamt erwischte Arminia Bielefeld – weiterhin noch sieglos – unter ihrem neuen Trainer Rüdiger Rehm keinen guten Saisonstart. Sie begannen mit zwei Partien ohne eigenen Torerfolg und konnten in den meisten Begegnungen allenfalls kleine Ansätze des angekündigten Offensiv-Spielstils zeigen. An den ersten vier – und gerade an den ersten beiden – Ligaspieltagen bestand ein zentrales Kernproblem des Bielefelder 4-4-2 im Freilaufverhalten der Sechser. Dort hielten sich die Neuzugänge Holota und Prietl häufig zurück und passiv in ihrem Grundraum, es gab aber kaum Bewegungen aus den jeweiligen Positionen heraus, um sich für die Innenverteidiger anspielbar zu machen.

Für das gegnerische Pressing war das defensive Mittelfeld der Arminia daher leicht zuzustellen – und fiel entsprechend als Anspielstation für den Aufbau weitgehend aus. In der Folge liefen die eigenen Bemühungen bei Ballbesitz frühzeitig auf die Flügelzonen hinaus, die schon in der Vorsaison unter Norbert Meier einen hohen Stellenwert eingenommen hatten. Der DSC musste frühzeitig auf die Außenverteidiger eröffnen, welche entsprechend gut gepresst werden konnten. Zumal hatten auch diese zumeist nur ein bis zwei einfache Passoptionen in die Spitze. Entsprechend liefen die folgenden Angriffe mit Direktpässen den Flügel entlang oder diagonal auf die klatschen lassenden Stürmer noch wenig flüssig.

Bielefeld im Heimspiel gegen Hannover: Eine Halbzeit Spektakel

Ganz anders aber der Auftritt am fünften Spieltag zuhause gegen Aufstiegskandidat Hannover: Die Bielefelder sprühten vor Engagement und spielten einen sehr guten ersten Durchgang. Nach zahlreichen guten Torchancen kamen sie zu einer 2:0-Führung. Ein Faktor für diese rapide Steigerung lag in der Anfälligkeit der Gäste, die im Pressing keine gute Balance fanden: In der ersten Reihe agierten sie passiv, die eher auf Halbraumkompaktheit fokussierten Flügelspieler kamen im Verschieben nicht dynamisch genug nach außen heraus. Gleichzeitig ging die letzte Linie zu viel Risiko und stand auch in ungeschützten Situationen sehr hoch im Feld. Unter diesen Voraussetzungen konnte Bielefeld aggressiv die Positionen und dann ihre typischen Angriffsmuster durchspielen.

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Grundformationen erste Halbzeit

Dabei fanden sie einen guten Rhythmus und attackierten sehr weiträumig mit enorm viel Dynamik. Bei Schnellangriffen am Flügel hatten sie etwas mehr Raum als sonst, die Entscheidungsfindung bei Seitenverlagerungen war diesmal besser und dazu gab es noch einzelne Konter. Schließlich hatten die – wenngleich immer noch zu häufigen – Anspiele über die Außenverteidiger mehr Effekt: Die Bewegungen ihrer Vordermänner zogen die ohnehin kaum abgestimmte 96-Viererkette auseinander, Schütz und gerade Schuppan suchten von außen konsequenter diagonale Flugbälle hinter die Abwehr. Teilweise ähnelten Hannovers Zugriffsprobleme denen gegen Wing-Backs zwischen den Linien. Bei einigen Bielefelder Chancen bewegte sich Hannover auch einfach zu plump gegen schnell ausgeführte Einwürfe.

Hannovers Aufbau gegen Bielefelds Abwehrblock

Zum starken Auftritt der Ostwestfalen im ersten Durchgang gehörte auch, dass sie die Offensivqualität der Gäste weitgehend neutralisierten. Die Hannoveraner gestalteten ihren Aufbau mit weit aufrückenden Außenverteidigern und abkippenden Bewegungen von Schmiedebach, der sich in den meisten Fällen diagonal in den Raum halbrechts neben die Innenverteidiger fallen ließ, um von dort das Spiel anzukurbeln. Insgesamt reagierte Bielefeld gut darauf: Ihre offensiven Flügelspieler ließen sich nicht nach hinten drücken, sondern suchten sehr diszipliniert die horizontale Kompaktheit in der Linie, die Aktionen Schmiedebachs wurden wechselnd durch die Stürmer oder verschiedene Herausrückbewegungen angelaufen.

Im ersten Fall konnten die beiden Sechser sich lose an den verbleibenden Mittelfeldakteuren von 96 orientieren, fanden dabei aber die passende Zurückhaltung. Auf Seiten der Niedersachsen versuchte einige Male Maier, sich tiefer einzuschalten, um neue Optionen und Strukturen zu geben. Allerdings gelangen ihm damit kaum effektive Impulse: Der Neuzugang fand nicht die optimale Balance und überhaupt baute das Mittelfeldtrio in diesen Momenten zu wenig Bindung zueinander auf, sondern strömte eher sternförmig auseinander. Zwar hatte Hannover in den vorderen Zonen – etwa durch weites Einrücken je eines Flügelspielers – teilweise gute zentrale Präsenz, doch konnten sie diese zunächst kaum anspielen, da sie an den ersten zwei gegnerischen Linien zu selten vorbeikamen.

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Hannovers Aufbau bei Herauskippen Schmiedebachs nach rechts in Halbzeit eins mit Bewegungsmustern der Offensivspieler. Gegen die tendenziell diagonal nach halblinks geschlagenen Pässen Schmiedebachs setzte Bielefeld die Kompaktheit des Blocks. Auch das Herausrücken aus der Viererkette war wichtig (häufig vor allem Behrendt in den Raum vor ihm). Unangenehm für diese Bielefelder Struktur waren Albornoz´ ballferne Überladungsversuche im Aufrücken.

Vielmehr mussten sie – ausgehend von Schmiedebach – auf längere Bälle und vor allem Diagonalpässe setzen, die auch nicht so ungewollt wirkten. Dagegen konnte Bielefeld aber ihre enge Horizontalkompaktheit ins Feld werfen – das war sehr wertvoll. Die mäßig vorbereiteten langen Bälle kontrollierten sie durch Zugriff über Überzahl und aufmerksames Herausrücken der Abwehrspieler. Nur vereinzelt versprühte Hannover dort Gefahr, wenn Albornoz links bis in die letzte Linie nachrückte und gegen Bielefelds enge Staffelung fast überlud. Bei Szenen, die sich im Zwischenlinienraum selbst ergaben, fand Hannover keine passende Einbindung für Füllkrug, während beim Ausspielen zu viel Fokus auf Klaus´ eher wirren Bewegungen lag. Auch einzelne enge Positionierungen der Außenverteidiger – rechts spielte sehr überraschend Iver Fossum – zum Raumöffnen zerrieben Bielefelds Zentrumsblock nicht entscheidend.

Hannover erzwingt das 2:2 und das 3:3

Der kuriose Anschlusstreffer nach einem Eckball in der Nachspielzeit verbesserte die Ausgangsposition für die Niedersachsen jedoch. Nach dem Seitenwechsel führte Hannover immer einseitiger das Kommando und konnte aus dem Aufbau mehr Druck entwickeln. Bei den Bielefeldern ließ die Intensität nach und die Abstände zwischen den Linien wurden größer. Zum einen konnte Hannover daher in den Raum hinter die Stürmer eindringen und von dort das Spiel aufziehen. Zum anderen schloss die Abwehrreihe der Ostwestfalen nicht mehr so gut ans Mittelfeld an, so dass die längeren Chippässe der Gäste in die Zwischenräume besser funktionierten und leichter zu verarbeiten waren. Ohnehin versuchte das Team von Daniel Stendel die Präsenz dort nochmals zu erhöhen.

Wichtig war daran aber vor allem die leichte Anpassung innerhalb der Mittelfeldstruktur, die nun geschlossener und kohärenter daherkam. Die gleichzeitigen weiträumigen Bewegungen zur Seite, die zuvor teilweise Lücken zwischen Maier und einen der Sechser gerissen hatten, wurden abgestellt – vielmehr fokussierte der Zehner bzw. später Karaman und/oder Füllkrug die engeren Offensivzonen. Zwischenzeitlich agierte Hannover eher 4-4-2-haft, mit einrückenden Flügeln und Sobiech als Raumblocker für den Halbstürmer. Auf die Spielkontrolle des Bundesliga-Absteigers fanden die Hausherren immer weniger Zugriff, konnten kaum noch Entlastung schaffen. So erhöhte Hannover zunehmend die Schlagzahl, drückte den Gegner nach hinten und setzte sich dort fest.

Die Bemühungen mündeten zwar kaum in klaren Chancen, brachten aber über die nachhaltige Angriffspräsenz den 2:2-Ausgleich nach einer weiteren Ecke. Dass Hannover ansonsten kaum klare Möglichkeiten hatte generieren können, lag auch  an ihrem teils hektischen Verhalten im Angriffsdrittel: Überladungsansätze nach Abprallern nutzten sie für einige unpassend schnelle Vorwärtsaktionen, weiterhin bekam Klaus etwas zu viel Präsenz. Ähnlich verliefen die folgenden Minuten,  in denen eher die Gäste am Drücker schienen. Eine der wenigen Szenen in die andere Richtung reichte nun aber Bielefeld zu einem überraschenden Standardtor gegen den Spielverlauf, als Behrendt fulminant einen Freistoß aus der Distanz versenkte.

Um den ersten Saisonsieg über die Zeit zu bringen, stellte Rüdiger Rehm umgehend auf eine defensive 5-4-1-Formation um – gegen die Offensivpräsenz der Niedersachsen an der letzten Linie insgesamt kein so schlechtes Mittel. Hannover forcierte die lang gehobenen Zuspiele zwischen die Reihen oder an die Kette heran, insgesamt blieb der DSC in der Strafraumverteidigung jedoch recht stabil. Die Ausnahme kam in der Nachspielzeit, als Fossums Hereingabe am zweiten Pfosten noch das 3:3 erzwang. Trotz dieser späten Enttäuschung für die Hausherren ließ sich in der Nachbetrachtung insgesamt konstatieren: Für Bielefeld war es insgesamt das vielleicht beste Saisonspiel bis dahin, für Hannover ein ernüchternder Rückschritt. Die anschließenden Partien brachten für beide Seiten wiederum wechselhafte Ergebnisse und Erlebnisse – und im Endeffekt gedrehte Gefühlslagen.

Bielefeld: Fahrige Auftritte gegen Aue und Nürnberg

Die Bielefelder konnten im weiteren Verlauf der „englischen Woche“ überhaupt nicht an diesen furiosen Offensivauftritt anknüpfen. Sowohl in Aue als auch gegen Nürnberg funktionierte das schnelle, aggressive Tiefenspiel kaum. Diese zwei Gegner begünstigten die aggressiven Diagonalangriffe vom Flügel hinter die Abwehr nicht so sehr wie die höher stehende Verteidigungslinie Hannovers. Die Mannschaft Aues etwa hatte einige gute Momente, indem sie mit zwei Stürmern früh schon die Innenverteidiger zustellten. Im Duell mit den Erzebirglern musste die Arminia ihre längeren Zuspiele nach vorne deutlich zentraler schlagen und eher an die letzte Linie heran statt dahinter.

Trotz einiger individuell guter Aktionen konnten sich Klos und Voglsammer jedoch nicht nachhaltig und regelmäßig gegen die solide Auer Kompaktheit zwischen Innenverteidigung und anschließenden Sechsern durchsetzen. Überhaupt wurden die – zwischenzeitlich, wie vereinzelt gegen Hannover – etwas vielseitigeren Freilaufbewegungen des neuen Sechserduos aus Prietl und Salger zunehmend durch einen stärker werdenden Fokus auf lange Bälle übergangen. Gerade gegen Nürnberg suchte man auch kaum die Zirkulation in der ersten Linie, sondern brachte sehr zügig längere Zuspiele. Mit der Kontrolle der Abpraller hatten die Bielefelder in ihrer gestreckten Anlage aber Probleme.

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Grundformationen bei der schwachen Heimniederlage gegen Nürnberg

Vermehrt gingen die langen Bälle gegen die Franken sehr weit nach außen auf Klos, die horizontale Verbindung innerhalb der Sturmreihe riss dabei jedoch oft ab. Selbst die simplen Flügelwechsel wurden oft hektisch aus unpassenden Situationen gespielt. Der sehr fragmentarische und nur selten gefährliche Auftritt in der Offensive war ernüchternd, immerhin passte über weite Strecken dieses Duells mit den Franken – auch wenn diese auch schon in Halbzeit eins zu einigen guten Offensivszenen, jedoch oft über individuelle Aktionen Burgstallers – die Arbeit gegen den Ball. In dieser Hinsicht konnte das Team von Rehm grundsätzlich an die vorige Stabilität anknüpfen:

Im 4-4-2 bewegte sich die Mannschaft recht ausgewogen, die Stürmer agierten vorne sauber, das Herausrücken des ballnahen Flügelstürmers war ebenso bedacht wie die Orientierung der Sechser zwischen Mann und Raum. Insgesamt sah man jeweils sehr alltägliche und normale Dinge, die aber zuverlässig umgesetzt wurden. Gerade die positionelle Disziplin im erneut etwas passiveren Pressing war – trotz des Resultates von 1:3 am Ende – ein positives Element. Nur konnte das über den zu geringen Spielzugriff und den schwachen Gesamtauftritt nicht hinwegtäuschen. Gerade bei verschiedensten losen Bällen zwischen den Linien kommen die Bielefelder bisher oft zu spät, da es zu wenige Kollektiv-Mechanismen zum Zusammenziehen – speziell zwischen den klassischen Spielphasen – gibt.

Hannover: Zwei nüchterne, stabile, glanzlose Siege

Auf Seiten von Hannover gab es im Anschluss an das Bielefeld-Spiel einige Änderungen im Ballbesitzspiel. So die längeren Chippässe zwischen die Linien zunächst kaum eine Rolle. Im folgenden Match vor heimischem Publikum gegen Karlsruhe ließ Daniel Stendel nun Fossum wiederum als Zehner des 4-2-3-1 agieren. In dieser Begegnung zeigte Hannover – dank ausgewogener Besetzung und damit Verbindung im Mittelfeld – ein solides und gezieltes, wenn auch glanzloses Ballbesitzspiel mit flacherer Zirkulation und ruhigerem Rhythmus. Sie kamen beim Übergang ins Angriffsdrittel eigentlich immer wieder zuverlässig in den rechten Offensivhalbraum, wo Fossum zwischen den Linien eingebunden werden konnte und weitere Szenen anleiten sollte.

Die Flügelstürmer starteten einige passende Diagonalläufe in die Spitze, Sobiech ging bei Öffnungen zum Flügel einige Male sehr weiträumig horizontal mit herüber, um sich für kurze Doppelpässe anzubieten. Teilweise wich man damit etwas zu sehr zum Flügel. Um mit diesen ansehnlichen Versuchen die Karlsruher aber entscheidend zu knacken, fehlte es zudem oft noch an der weiteren Unterstützung aus der Tiefe. Hier hatten die Niedersachsen einige Timingprobleme, da sie oft noch zu frühzeitig oder in strategisch nicht optimalen Momenten die Einbindung Fossums suchten. So konnten die Sechser beispielsweise nicht immer schnell genug nachrücken und weitere Optionen schaffen, bevor die Szene aus dem Zwischenlinienraum schnell durchgespielt werden musste.

Der Siegtreffer war bereits früh in der Partie nach einer Standardsituation gefallen. Auch beim anschließenden 0:2-Erfolg bei 1860 München kamen die Hannoveraner mit einem soliden Fußball und einem ordentlichen, unspektakulären und recht abgebrühten Auftritt zum Erfolg. Diesmal spulten sie ihr Programm mit etwas mehr Flügelfokus ab, der mit viel Personal überladen werden sollte. Statt Rochaden zwischen Fossums Ausweichen und den Außenspielern agierte nun Karaman über längere Phasen zentraler hinter dem Angreifer, während der Norweger unterstützend eher einrückte. Dieser klare Fokus sorgte für einige stringent eingeleitete Angriffe, zumal diesmal Schmiedebach von der Sechs etwas offensiver agierte und einige starke Aktionen zeigte. Zusammen mit Bakalorz bewegte sich dieser zunächst auch phasenweise kleinräumiger vor der Kette, um den Aufbau zu stärken.

Aus einer sehr dominanten Vorstellung mit viel Ballbesitz heraus boten die Niedersachsen nun noch etwas mehr Wucht als in der vorigen Partie und kamen zu vielen Chancen. Auf einen Treffer mussten sie jedoch lange warten, bis er schließlich erneut per Standard gelang. Am Ende stand ein souveräner 0:2-Auswärtserfolg. Im Pressing agieren die Niedersachsen schließlich ebenfalls solide und individuell stark, mit nicht immer optimalen, aber zumindest primär nach hinten in stabile Zonen verfolgenden Mannorientierungen. Für die Stabilität bei Ballbesitz war auch wiederum Albornoz´ ballfernes Nachrücken, etwa für das Gegenpressing, nicht unwichtig. Alles in allem verbucht der Aufstiegsfavorit seit dem turbulenten 3:3 in Bielefeld also wieder einen gewissen Aufwärtstrend. Weitere Ausführungen zu Hannover bei niemalsallein.

Theoretisches und Hypothetisches: Zeitstrafen im Fußball?

Aus Anlass der 35. Ausgabe von „Blick über den Tellerrand“ gibt es diese neue Kategorie (ohne sich genauere Gedanken darüber gemacht zu haben, mit welchen anderen Aspekten man diese in Zukunft füllen könnte). Generell sollen hier aber keine zu grundlegenden oder allgemeinen Punkte der Theorie angesprochen werden, sondern tatsächlich eher Randaspekte, Ungewöhnliches, kleinere Gedankenspiele. Diesmal geht es um Zeitstrafen im Fußball. Diese sind immer mal wieder von verschiedenen Seiten als Option ins Gespräch gebracht worden, um die – zuletzt wieder etwas stärker thematisierte – Frage nach der konsequenten Ahndung von Unsportlichkeiten oder gar „Halb-Tätlichkeiten“ (an der Grenze zwischen Gelb und Rot) zu entschärfen.

Hinter diesen Überlegungen steht natürlich die Problematik, dass Platzverweise für einzelne Spieler, die über die Stränge schlagen, auch dessen Mannschaft entscheidend treffen und enorme Auswirkungen auf das Spiel haben können. Einerseits plädiert Spielverlagerung eigentlich dafür, dass man den Anspruch haben sollte, so gut zu sein, dass man Schiedsricher-Fehlentscheidungen – allgemein und im weitesten Sinne – kompensieren kann und sich – im Normalfall – nicht so stark darüber echauffieren muss. Andererseits muss man aber schon den „spielfernen“ Charakter solcher – eventuell auch kleinlicher – Platzverweise in Rechnung stellen.

Nicht selten kommt es vor, dass Rote Karten überhaupt nichts mit der eigentlichen Partie und ihrer Struktur zu tun haben, nicht daraus hergeleitet oder provoziert worden sind, sondern parallel und unabhängig einwirken – nur um dann einfach das gesamte „Setting“ umzukrempeln. Manchmal ist das eben schon problematisch, wenn ein Team mit starker Kollektivleistung dominiert, dann aber geschwächt wird, weil eine Individualstrafe, die nicht wirklich etwas mit der Partie zu tun hatte, zur schwächenden Kollektivstrafe wird. Das ist jetzt sicherlich auch eine eher philosophische, allgemeinmoralische Diskussion, die an dieser Stelle nicht weiter aufgemacht werden soll.

Vielmehr geht es weiter zur Frage, die sich ergibt: Könnten Zeitstrafen, bei denen die angesprochene Problematik zumindest abgeschwächt ist, ein möglicher Lösungsweg oder zumindest ein Kompromiss sein? Zunächst einmal – und dabei soll es an dieser Stelle auch belassen werden – böte sich dazu etwa die Überlegung an, wie sich Zeitstrafen auf taktischer Ebene vermutlich auswirken würden. In welcher Weise könnten sie den strukturellen Charakter des Fußballspiels überhaupt beeinflussen, welche Richtungen schlüge die taktische Entwicklung ein?

Eine Unwägbarkeit dabei ist natürlich, dass man nicht weiß, wie streng die entsprechenden Regeln von den Schiedsrichtern angewandt und wie häufig – auch abhängig von der Dauer der Strafe – zu dem zeitlichen Verweis gegriffen würde. Die gegenüber einem Platzverweis geringere Hemmschwelle könnte vielleicht dazu führen, dass man das Ganze gar nicht so selten sähe. (Strukturell vom Prinzip sehr ähnliche Aspekte wie im Folgenden erhält man auch, wenn man ein Szenario durchspielen würde, in denen Zeitstrafen ähnlich häufig wie Gelbe Karte aufträten – nur etwas extremer.)

Auf den ersten Blick erscheint die Vermutung nicht unberechtigt, dass dadurch taktische Vielfalt und In-Game-Umstellungen zunehmen würden – eine Sache, die dem Interesse förderlich wäre. Die Trainer müssten schnell und temporär auf zwischenzeitliche Über- oder Unterzahlen – jeweils auch auf verschiedene Konstellationen je nach betroffenem Spieler – reagieren können, entweder mit verschiedenen vorgeplanten Matchplänen oder durch kluge spontane Reaktion. So entstünden neue Anforderungen an die Coaches und zusätzliche Facetten für die Beobachter der Partien.

Gerade die zeitliche Begrenztheit, der Übergangscharakter einer Unter-/Überzahl nach einer Zeitstrafe sollte eigentlich den Mut und eventuell die Experimentierfreude erhöhen. Wenn man durch eine Zeitstrafe zwischenzeitlich einen Mann mehr hat und weiß, dass das nur auf bestimmte Dauer so sein wird, dann muss man eigentlich in dieser Phase besonders zielstrebig und druckvoll im Auf- bzw. Nachrücken, der Zirkulation, im Pressing und/oder Gegenpressing usw. agieren. Spannend wäre dann insbesondere der Moment, in dem der bestrafte Spieler wieder eingegliedert wird – für beide Teams. Hier wird besonders deutlich, dass die jeweiligen temporären Umstellungen vor allem auch eine Rhythmusangelegenheit wären.

Nochmals zurück zur Situation während einer Zeitstrafe: Umgekehrt könnte  für die Unterzahlmannschaft der Zeitfenster-Charakter dabei helfen, auch mal stärker mit kreativen und zum Teil riskanten Lösungen (asymmetrischen Formationen, unorthodoxen Positionsverteilungen, etc.) auf eine solche Situation zu reagieren. Schließlich müsste jenes Konstrukt nicht allzu lange stabil halten und könnte vielmehr während dieses Abschnittes einen gewissen Überraschungseffekt im Übergang für sich nutzen. Gerade dieses letzte Argument allerdings kann man natürlich auch umdrehen und in eine andere Richtung sehen.

Das führt direkt zur Gegenposition: Es gibt auch zumindest einen (und vielleicht noch mehr) Aspekt, der in eine andere Richtung verwiest und für eine skeptische Einschätzung der Zeitstrafe spricht. Bei der jeweiligen Unterzahlmannschaft die könnte man die typische Reaktion auf Probleme, Ungewöhnliches oder Bedrängnis erwarten: Vorsicht, Rückzug, eventuell Defensive. Wären die mit (vielen) Zeitstrafen einhergehenden Unwägbarkeiten und die temporären Wechsel in Über- und Unterzahlsituationen ein Auslöser für mehr Stabilitätsdenken und konservativen Sicherheitsfußball? Mit zunehmender Häufigkeit von Zeitstrafen gewänne dieser Aspekt wohl an Gewicht.

Ähnlich ist bei einem anderen Punkt, der teilweise aus den verstärkten Anpassungen und Umstellungen resultieren würde: Es könnte zum Verwischen klarer, spielprägender Strukturen, teilweise – und dann wäre es ein Negativaspekt – abgehackter Spielrhythmen kommen. Das hinge entsprechend davon ab, wie schnell die Spieler sich an solche Veränderungen und neue taktische Varianten anpassen könnten. Gerade auf mittelhohem Niveau würde es vielleicht etwas dauern, bis sich die jeweiligen Synergien einer neuen Gemengelage eingeschliffen haben – nur damit sich dann alles wieder ändert.

Tendenziell könnte man das als kritischen Punkt sehen, vermutlich würde aber nur die Beobachtung aufwändiger, weil statt der einen prägnanten taktischen Spielgeschichte der Phasencharakter in den Vordergrund schöbe. Soweit also ein kurzer Streifzug ohne Vollständigkeit: Man kann sicher Argumente für und gegen die Zeitstrafe finden. Gerade die Gefahr einer zu konservativen, stabilitätsorientierten Reaktion scheint aber eher die skeptischen Aspekte überwiegen zu lassen. Eine weitere zu diskutierende Überlegung für die Grauzone zwischen den Kartenfarben wäre noch der sicher nicht uninteressante Zwang zur Auswechslung des entsprechenden Spielers.

DrKlenk 10. Oktober 2016 um 02:18

@TR:

Wie siehst du generell Bielefeld im vergleich zu letzten Saison und generell? Für mich wirkt es aus den wenigen Eindrücken die ich aus dieser Saison habe so, als hätte man gegen den Ball etwas an der passiven Stabilität unter Meier eingebüßt, ohne dabei aber grundsätzlich gefährlichere Ballgewinne zu erzielen. Dabei hatte grade das Rehm mal als Ziel ausgegeben.
Die aggressiven, typischen Angriffsmuster ist sicherlich eine Medaille mit zwei Seiten, aber unter Umständen eher eine Bronze- oder Blechmedaille . Zwar bindet man durch diese Art zu attackieren die eher gradlinigeren, simpleren Flügelspieler und den unter anderem im Strafraum guten Klos ganz gut ein, und vermeidet durch den Flügelfokus tendenziell einige gefährliche Ballverluste.
Andererseits ist es doch ein eher simple Art zu attackieren, die grade bei tiefen Verteidigungsreihen nicht grade durchschlagkräftig ist. Außerdem kann man ziemlich schnell auf dem Flügel festgedrückt werden.
Wie siehst du und wie könnte anmit dem Spielermaterial unter Umständen auch auf andere Art und Weise für Gefahr sorgen?

Bezüglich Hannover: Hier habe ich noch weniger gesehen, deswegen würde ich mich auch hier über eine Einschätzung deinerseits freuen.
Gefühlt ist das Angriffsspiel zumindest schon um einiges kohärenter geworden als die teilweise relativ wirren Sachen unter Frontzeck. Tue mich mit einer genaueren Einordnung da aber schwer.

Liebe Grüße

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CH 4. Oktober 2016 um 09:31

Man kann natürlich überlegen welche taktischen Auswirkungen eine Zeitstrafe hätte, aber deren primärer Sinn und Zweck ist die Disziplinierung einzelner Spieler. Diesbezüglich finde ich sie sehr sinnvoll, da sie eine angemessene Reaktion auf zynische Spielweisen wie taktische Fouls und (permanente) Provokation des Gegenspieler erlaubt. Die Fragen sind da eher : Wie lang ? Parallel oder nachgelagert zur gelben Karte ?

Im Jugendbereich funktionieren Zeitstrafen auch ganz gut, man sollte aber bedenken, dass sie dort eher einen pädagogischen Charakter (leider auch für Trainer) hat, auch weil gelbe Karten da eher leicht genommen werden (werden zu spät verteilt, gelb-rot gibt’s quasi nie, Spiel generell zu kurz für extreme Eskalationen) …

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Compuglobalhypermeganet 3. Oktober 2016 um 19:08

Ich habe am Samstag zufällig das FUTSAL-WM-Finale in Kolumbien zwischen Argentinien und Russland verfolgt. Ähnlich (oder gleich) dem Basketball gibt es nach fünf Mannschaftsfouls einen 10-Meter-Freistoß ohne Mauer für die gefoulte Mannschaft (also ab dem sechsten Foul und mehr).
Im Fußball könnte man es doch ähnlich machen. Ab einer bestimmten Anzahl an Mannschaftsfouls gibt es automatisch einen Freistoß aus sagen wir mal 20 Metern vor dem Tor (mit Mauer) aus einer beliebigen Position.
Das ahndet in meinen Augen ganz gut die taktischen Fouls und bringt mehr Spielfluss, wenn die Spieler wissen, dass ab jetzt jedes Foul (egal wie schwer?) zu einem potenziell gefährlichen Freistoß vor dem eigenen Tor führt.

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Schorsch 1. Oktober 2016 um 15:36

Ich habe selbst einige Jahre die Zeitstrafenregelung als Spieler erlebt und auch einiges von der begleitenden Auswertung mitbekommen. Ende 70er wurde diese Regelung vom DFB im Amateurbereich auf Bitten der FIFA eingeführt, um entsprechende Erfahrungen zu sammeln. Vorher gab es eine entspechende Regelung auch schon im Jugendbereich. Zentraler Gedanke für diese Erprobung (die dann sehr lange andauerte) war es, dem Referee ein Mittel zur besseren Spielleitung an die Hand zu geben. ‚Gelb-Rote‘-Karten gab es nicht und die Zeitstrafe sollte als Mittel erprobt werden, um nicht gleich einen Platzverweis aussprechen zu müssen. Die Länge der Zeitstrafe betrug 10 Minuten. Anfang der 90er wurde diese Regelung dann abgeschafft (außer modifiziert im Jugendbereich), weil die FIFA sich für die Einführung der ‚Gelb-Roten‘-Karte entschieden hatte.

Die Schiedsrichter haben seinerzeit die Zeitstrafe fast durchweg als positiv gewertet. Sie waren ein adäquates Mittel, in erregten Situationen ‚Hitzköpfen‘ die Möglichkeit zu geben, außerhalb des Platzes ‚abzukühlen‘. Dort bekam man auch vom Trainer ordentlich den Kopf gewaschen und konnte dann wieder emotional ‚heruntergekocht‘ mitmachen. Probleme/Proteste wegen der Zeiterfassung habe ich nicht erlebt; vielleicht wurde dieses Thema damals in den dritten Ligen auch nicht so hoch gehängt. Dasgleiche galt für Zeitstrafen nach der 80. Spielminute inkjl. Nachspielzeit.

Als Spieler habe ich diese Regelung als fair und in Ordnung empfunden, so war dies auch bei meinen Mitspielern. Auch und gerade bei denjenigen, die als ehemalige Bundesligaprofis in der ‚Nettoliga‘ unterwegs waren. Die unmittelbar spürbare Sanktion hat da bzgl. Verhaltensänderung im laufenden Spiel schon einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Einen Vorteil aus der Tatsache heraus, dass der betroffene spiler sich 10 Minuten ‚ausruhen‘ kann, um dann gestärkt wieder ins Spielgeschehen eingreifen zu können, habe ich nicht erlebt; im Gegenteil. Es war eher schwierig, nach einer solchen Zwangspause gleich wieder den eigenen Rhythmus zu finden. Dies ist mit anderen Sportarten (bei anderen Rahmenbedingungen) nicht vergleichbar.

Was Änderungen der taktischen Ausrichtung beider Teams anbelangt, so hielt sich dies in Grenzen. Generell war das Überzahlteam schon bemüht, offensiver zu agieren und die situation zu nutzen und das Unterzahlteam war eher bemüht, die Defensive zu stärken, um ein mögliches Gegentor wegen des einen Mannes weniger zu vermeiden. Allerdings hing es auch vom Spielstand und/oder der Überlegenheit hinsichtlich individueller und kollektiver Qualität ab. Die oberen Amateurklassen waren meist recht ausgeglichen besetzt, dennoch gab es natürlich auch qualitative Unterschiede zwischen den Teams. Man muss auch bedenken, dass damals durchweg mit Manndeckung und Libero gespielt wurde. Bei qualitativ gleichwertigen Teams hat dies umgehend zu Veränderungen geführt, die ‚Schadensbegrenzung‘ bedeuteten bzw. eine aktivere Rolle des gegnerischen Liberos. Theoretisch sind 10 Minuten im Fußball schon eine ausreichende Zeit, um bei einigermaßen ausgeglichener Qualität beider Teams in Überzahl den Vorteil durch taktische Umstellungen für die Erzielung eines Tores zu nutzen. Praktisch habe ich dies allerdings nur sehr selten erlebt (was nichts heißen muss). Man sollte dabei nicht außer acht lassen, dass anders als bei taktischen Umstellungen des Gegners während des Spiels bei gleicher Spieleranzahl (die oft genug nicht sofort realisiert werden und dem Gegner auch dadurch einen Vorteil verschaffen können) die Situation bei einer Zeitstrafe (wie bei einem Feldverweis) sofort jedem klar ist und man sich mental unverzüglich darauf einstellt, dass der Gegner nun anders agieren wird.

Eine Einführung von Zeitstrafen im heutigen Fußball würde ich begrüßen. Sie stellen eine direkte Sanktion eines entsprechenden Regelverstoßes dar, was mMn immer einer verzögerten Sanktion vorzuziehen ist. Außerdem bieten sie dem Referee die Möglichkeit zur Differenzierung bei notwendigen Sanktionen. Es hat sich mir noch nie erschlossen, warum ein Spieler für das Trikotausziehen (keine gesundheitliche Gefährdung des Gegenspielers) die gleiche Sanktion erhalten soll wie bei einem groben Foul (Gesundheitsgefährdung). Wobei ich schon der Auffassung bin, dass die Gelbe-Karten-Regelung bei grobem Foulspiel beibehalten werden und durch die zusätzliche Zeitstrafe ergänzt werden sollte. Gelbe Karten aus anderen Gründen (s.o.) sollten mMn ausschließlich durch Zeitstrafen (ohne weitere Aufkumulierung) geahndet werden.

Außerdem sind Zeitstrafen durchaus eine Herausforderung an die taktische Kreativität der Trainer. Was auch nicht das Schlechteste ist, meiner ganz subjektiven Meinung nach.

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SW90 1. Oktober 2016 um 14:52

Unabhängig von „ernsthaften“ Überlegungen fände ich es mal interessant, ein Turnier (z.B. in der Vorbereitung) zu sehen, dass Dynamik-fördernde Regeln einführt. Bspw. eine begrenzte Anzahl von „fliegenden“ Wechseln, Zeitstrafen oder sogar minimale Abweichungen beim Spielfeld.

Gut wäre es schon mal, etwas gegen das Zeitspiel in Deutschland zu unternehmen. In England wird dies gnadenlos nachgespielt. Manche Teams in GER wissen genau, wie sie halb-taktische/verdeckte Fouls einsetzen, um ein Spiel für Minuten zu zerstören. Es wäre die ganz hohe Schule, dies (ebenfalls) nach spielen zu lassen. Manchmal passt die Nachspielzeit ja nicht mal zu dem Regelwerk, das – glaube ich? – gewisse Nachspiel-Zeiten für Wechsel, Tore etc. angibt. Da sind die gewöhnlichen Deutschen 2-3 Nachspiel-Minuten meist unsinnig.

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FvB 4. Oktober 2016 um 19:56

Ich würde mir als Dynamik-fördernde Regel eine weitreichendere Vorteilsreglung ähnlich wie im Eishockey oder Rugby wünschen. Das hieße, dass bei die Mannschaft in Ballbesitz für eine größere Zeitspanne (z.B. 30 sek) einen Ballverlust frei hat, weil sie sonst den ursprünglichen Freistoß zugesprochen bekommt. Der Effekt wäre ein risikoreicheres Offensivspiel, weniger taktische Fouls und vor allem weniger Schinden von Fouls.
Ein Nachteil könnte eine hohe Anzahl an Fouls während der Vorteilsphase sein

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sv90 1. Oktober 2016 um 10:54

Eine Zeitstrafe würde wohl dazu führen, dass die Mannschaft, die in Unterzahl spielt, sehr extrem auf Zeit spielen würde.
Meiner Meinung nach funktionieren Zeitstrafen nur dann, wenn man bei Spielunterbrechungen die Zeit anhält. Erst dann müssten sich die Mannschaften wirklich überlegen, konstruktiv mit der Situation umzugehen.

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tobit 1. Oktober 2016 um 09:35

Die Beschreibung von van der Ley hört sich irgendwie nach Schmelzer an. (Kleinere) Schwächen beim individuellen Verteidigen, dafür sehr stark im mannschaftlichen Verbund.

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blub 1. Oktober 2016 um 01:28

Ein zentraler Punkt bei Zeitstrafen ist für mich ja: von welcher Länge reden wir hier.
in der Jugend gabs bei uns 5min Zeitstrafen. das wäre mir für Profis etwas zu wenig.
Da hängt ja auch die Frage dran wie viel zusätzliche Abnutzung dabei stattfindet.

Was meinst du wäre angemessen für Profifußball? 10 min?
Ich finde ja man könnte mal 5 min für taktische Fouls einführen. Nicht hart, aber man merkts gleich. Und 10 min angesiedelt zwischen Gelb und Rot.
Das ist noch nciht zuende überlegt, sondern reines Brainstorming.

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idioteque 1. Oktober 2016 um 11:44

Sonst könnte man auch bei roten Karten einführen, dass die dezimierte Mannschaft nach 15 Minuten wieder einen 11. Spieler bringen kann, solange das Wechselkontingent noch nicht ausgeschöpft ist. Vor allem bei spielfernen Vergehen würde so die Kollektivbestrafung für die dezimierte Mannschaft so etwas reduziert.
Für den Schiedsrichter wäre das aus meiner Sicht auch praktisch, weil er so bei einer falschen roten Karte nicht die Dynamik der kompletten Partie über den Haufen wirft. Dieser Druck führt nach meinen Eindrücken nämlich dazu, dass oft auch angebrachte Platzverweise nicht erteilt werden.
Ansonsten sehe ich Zeitstrafen auch eher skeptisch, schon allein, weil im Fußball die Zeit nie angehalten wird und faire, nicht Zeit schindende Teams härter getroffen würden.

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rum 1. Oktober 2016 um 12:51

Wie wär’s statt Zeitstrafe mit Strafrunden oder Extrastrecken? Dann gäb es keine Probleme mit der Zeitmessung und der draußen befindliche Spieler erholt sich während der Strafe nicht.

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Basti 5. Oktober 2016 um 01:18

Ich kreiere an der Stelle mal das Szenario, dass man einen „Opfer-Spieler“ in die Startelf beruft, der nach ner Viertelstunde den gegnerischen Starspieler ausknockt, vom Platz fliegt und durch einen „normalen“ Spieler ersetzt wird. Könnte mir da ein Evil-Atletico, Darmstadt oder auch mal Roger Klotz‘ Pillendreher vorstellen 😉
(Nicht alles so ernst gemeint, wie weiter oben erwähnt, kann man immer eine Gegenposition finden)
Andere Frage, die mir kam: Was passiert mit Torhütern? Keine Zeitstrafen, Feldspieler ins Tor? Dann können die Hamburger Feldspieler schonmal Extraschichten einlegen, René Adler wäre für mich so ein Zeitstrafen-Kandidat

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Euler 1. Oktober 2016 um 19:59

Ich halte wenig von Zeitstrafen bei Tätlichkeiten oder ähnlichem. Warum soll man den Spieler nicht ausschließen und damit das Team schwächen. Die „Kollektivstrafe“ ist hier ja erwünscht, sonst ist den Spieler die Schwere ihres Vergehens doch gar nicht bewusst.

Interessant fände ich die Zeitstrafe aber bei taktischen Vergehen, wie Zeit schinden oder taktischen Fouls. Hier ist eine unmittelbare Strafe für das Team, das zu solchen Mittel greifen muss, wünschenswert. Eine individuelle Sperre, etwa durch 5 gelbe Karten, ist aber in meinen Augen nicht notwendig.

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