Donnerstag, 26.05.2016

Wengers guter Plan scheitert an MSN

Arsenal-London0:2barca

Das Duell Arsenal gegen Barcelona erinnert an den Murmeltiertag: Jedes Mal spielt Arsenal gut mit und am Ende gewinnen immer die Katalanen. Dabei wirkte Arsenal sogar sehr vielversprechend.

Arsenals Leiten auf die Seite

Grundformationen

Grundformationen

Wenger hatte vor dem Spiel davon gesprochen, dass die Gegnervorbereitung auf Hull schwieriger sei als gegen Barcelona. Man wisse, so Wenger, wie Barcelona spielen würde. Die Gegnervorbereitung als solche sei also nicht so schwierig, nur der Grad der Umsetzung. Dies ist natürlich eine riskante Aussage. Jede größere oder klarere Niederlage mit klaren taktischen Nachteilen würde dafür sorgen, dass Wenger dieses Zitat um die Ohren gehauen wird. Dieses Mal bewies Wenger allerdings taktisches Geschick. In puncto Gegneranpassung hatte Arsenal zumindest anfangs fast alles richtig gemacht.

Grundsätzlich war es ein 4-4-1-1/4-4-2. Giroud und Özil kümmerten sich gemeinsam um Busquets; mal stellten sie einfach die Passwege auf ihn zu oder manndeckten ihn, teils versuchte der ballnahe der beiden den Pass zuzustellen und der andere positionierte sich eng an Busquets, um in der nächsten Situation oder bei doch noch erfolgreichen Passmöglichkeiten gleich in der Nähe zu sein. Das erlaubte es ihnen Busquets einigermaßen unter Kontrolle zu haben – zumindest in der ersten Spielhälfte –, ohne sich komplett vom Pressing auf die erste Linie verabschieden zu müssen.

Das 4-4-1-1/4-4-2 wurde außerdem häufig zu einer Art verschobenem, asymmetrischen 4-3-3 oder auch 4-1-4-1. Das 4-3-3 kam zustande, wenn der auf links spielende Alexis Sanchez herausrückte. Er versuchte immer wieder Alves in den Deckungsschatten zu nehmen und Druck auf Barcelonas rechten Innenverteidiger zu machen. Mit Busquets in der Nähe von zwei Gegenspielern, Mannorientierungen Coquelins auf Rakitic und Monreals auf Messi sowie der schieren Geschwindigkeit Alexis‘ funktionierte dies passabel. Özils höhere Position auf Busquets sorgte für eine etwas breitere Stellung Girouds, der dadurch wiederum Pässe auf den linken Innenverteidiger, Mascherano, belauern und gegebenenfalls herausrücken konnte.

Vereinzelt zog sich Arsenal dann auch ins 4-1-4-1 zurück, wo Giroud auf Busquets zurückfiel und Özil mit Ramsey vor Coquelin spielte.

Dieses Pressing funktionierte ganz gut. Man leitete Barcelona auf die linke Seite, wo man dann mit Ramsey und Co. aggressiv presste. Auch auf der rechten Seite konnte man dank der Unterstützung von Koscielny, Ramsey und den erwähnten Mannorientierungen viel Druck entfachen. Beide Male hatte Barcelona ein Problem auf der linken Seite.

Die falsche Verlagerungsoption auf links

Barcelonas freier Mann war im Normalfall in all diesen Situationen Jordi Alba. Zog sich Arsenal auf der rechten Seite zusammen, blieb dennoch der ballferne Außenverteidiger grundsätzlich in der Nähe Neymars. Mit Bellerin hatte man hier auch einen passenden Gegenspieler gefunden. Wenn von rechts auf Alba verlagert wurde, konnte dieser zwar aufrücken, aber es fehlte ihm an der passenden Einbindung. Die nötigen Anspielstationen waren häufig versperrt, dazu pendelte der tiefere Oxlade-Chamberlain als rechter Flügelstürmer geschickt zwischen der Mannorientierung auf Iniesta und dem Anlaufen Albas, was von Ramsey auch sehr gut unterstützt wurde.

Arsenals Leiten im Pressing

Arsenals Leiten im Pressing

Iniesta kam dadurch lange Zeit ebenso wenig ins Spiel wie Neymar, Alba konnte seine Geschwindigkeit bei Durchbrüchen nicht nutzen. Auch seine Fähigkeiten im sauberen Kurzpassspiel waren nicht gefragt; seine Probleme in puncto Kreativität mit Ball am Fuß (im Vergleich zu einem Alaba oder Marcelo) hingegen schon eher. Wurde direkt über links aufgebaut, hatte er teilweise auch Mängel in der Ballbehauptung. Neymars schwache Einbindung lag nicht nur an Arsenal, sondern der generellen Entstehung von Angriffen.

Die eigentliche Lösung: Den Weg auf rechts fokussieren, wie schon so oft in dieser und der letzten Saison. Hier fanden Messi, Suarez und Co. überraschend keine Lösung.

Schwache Positionierung im Zehnerraum und auf rechts

Die ansonsten so herausragende positionelle Balance zwischen Messi, Rakitic, Alves und Suarez geriet dieses Mal ins Wanken. Normalerweise erhält Alves Freiräume in tieferen  und kann von dort aus das Spiel aufbauen. Vorne sucht Messi nach freien Räumen, die ihm Suarez und Rakitic öffnen und gleichzeitig für ihn absichern. Funktioniert dies nicht, agiert Messi sehr breit und erhält die Chance auf ein 1-gegen-1 oder, um es genauer zu formulieren, Messi-gegen-X.

Die überraschende Intensität Arsenals in dieser Zone verhinderte dies. Die Mannorientierung auf Messi sorgte für Probleme den Ball so zu erhalten, dass ein Dribbling in Richtung Tor direkt möglich war. Oft wurde Messi zur Seite oder nach hinten geleitet, woraufhin er Pässe weg vom Tor spielen musste. Rakitic wiederum hatte schlichtweg eine schwache Partie; im Zweifelsfall ließ Arsenal eher Rakitic als die anderen offen, was dieser kaum nutzen konnte. Gelegentlich befand er sich auch schlichtweg in dem Raum zwischen Özil, Ramsey, Coquelin und Alexis, wo er zu wenig Platz für seine Aktionen hatte.

Rakitic ist trotz Spielintelligenz und Technik in engen Räumen womöglich der schwächste aller Feldspieler der Katalanen exkl. der Innenverteidiger. Auch Alves hatte Probleme. Er wurde entweder von Alexis aggressiv angelaufen oder zugestellt; die typischen Bewegungen Alves in die Mitte in offene Räume, wo er den Ball unbedrängt zur Zirkulation mit Sichtfeld nach vorne erhält, gab es sehr selten.

Insgesamt waren auch die Abstände nicht optimal. Die Sauberkeit im Positionsspiel war mäßig und Arsenals Ausrichtung profitierte davon. Dazu war häufig der Zehnerraum unbesetzt. Weder Rakitic noch Iniesta schoben adäquat nach vorne, während Neymar oder Messi in diesen Zonen keine Bindung hatten. Arsenal schaffte es darum die Offensivgefahr Barcelonas einzudämmen; und nach ein paar Ballverlusten sogar gefährlich zu kontern.

Arsenal mit Speed

Geschwindigkeit ist wichtig. Nicht nur strukturelle Dynamik, sondern auch das individuelle Tempo (Antizipation, Handlungsschnelligkeit und (Antritts-)Geschwindigkeit). Gegen den Ball profitierte Arsenal durchaus einige Male davon, dass z.B. Koscielny, Sanchez, Bellerin oder Oxlade-Chamberlain auch unsaubere Situationen und dadurch zu große offene Räume noch irgendwie rechtzeitig be- und Gegenspieler unter Druck setzen konnten. Nach Ballgewinnen war dies ebenfalls überaus wichtig. Einige direkte lange Bälle umspielten das Gegenpressing Barcelonas, die ohnehin in puncto Staffelung und Umschaltverhalten Probleme hatten.

Einige Male konnte dadurch die pfeilschnellen Flügelstürmer in offenen Raum geschickt werden, was Arsenal eine der besseren Chancen in der Anfangsphase bescherte und ein konstanter Faktor im Spiel war. Mit Walcott und durchaus ebenso Welbeck kamen zwei weitere schnelle Spieler später und zeigten, dass mithilfe solcher Geschwindigkeit und simplen Umschaltmustern gegen Barcelona nicht nur Chancen möglich sind, sondern auch deren Planung für das Spiel mit Ball beeinflusst werden können. Dies wäre besonders für das Rückspiel interessant geworden, wenn…

Barcelona dennoch mit dem Sieg

… Barcelona nicht noch etwas mehr Tempo nach der Balleroberung gehabt hätte. Das immer wieder vorkommende Zocken Neymars und Suarez‘ sowie Messis nur gelegentliche, wenn auch dann hervorragende Mitarbeit ohne Ball ermöglicht anderen Mannschaften in höheren Zonen mehr Zirkulation, was aber kaum genutzt wird. Gleichzeitig kann Barcelona eben über diese drei unglaublich stark umschalten.

Dieses Mal geschah es nach einer Balleroberung in einer hohen Zone, wo Neymar direkt nach vorne ging und im Rückraum Messi alleine vorfand, der eiskalt abschloss. Mit der Führung war das Spiel quasi gelaufen. Barcelona dominierte nun und erzielte auch das zweite Tor.

Fazit

Arsenal war gut. Um Kollege Martin Rafelt zu zitieren: Überraschend gut. Wenger hatte sich dieses Mal eine starke Taktik überlegt, welche anfangs sehr gut funktionierte. Barcelona aber konnte die kritischen Angriffe noch in Person Ter Stegens stoppen, bevor sie stabiler wurden und durch einen entscheidenden Angriff das Spiel gewannen.

Shadowchamp 25. Februar 2016 um 14:05

Vielen dank für den tollen Artikel ! Hatte schon gedacht das nur das Juve-Bayern spiel eine Analayse bekommt. Ich als Arsenal-Fan wundere mich immer wieder wie gut wir teilweise gegen die großen spielen können und wie schlecht gegen die kleineren Mannschaften. Von daher kann ich Martin Rafelt mit seinem Fazit nur zustimmmen…..
Aber Barcas individuelle Klasse ist einfach schon herausragend.
Was mich etwas gestört hat war das nach dem 0:1 wirklich die Luft raus war … Arsenal hat sich in dem Moment selbst aufgegeben kann mir so vor, das muss man dem Team vorwerfen …leider nicht zum ersten mal.
Ansonsten hätte ich mir die Einwechslungen vlt schon früher gewünscht manche Rollen waren läuferisch einfach sehr anstregend durch zu halten.

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drklenk 25. Februar 2016 um 09:52

„Rakitic ist trotz Spielintelligenz und Technik in engen Räumen womöglich der schwächste aller Feldspieler der Katalanen exkl. der Innenverteidiger.“

Das könnte sein (wobei man da auch über Alba und evtl. Suárez reden müsste), auf jeden Fall aber der schwächste der drei Mittelfeldspieler.

Dennoch gefallen mir seine balancierenden Bewegungen außerordentlich gut, weshalb ich ihn auch momentan noch vor Arda sehe, der sich irgendwie noch nicht ganz eingespielt hat.
Das könnte sich aber im Laufe der Saison noch ändern. Auch die Rückkehr von Rafinha könnte die Position nochmal interessant machen.

Zum Spiel würde ich noch ergänzen, dass Busquets später häufiger abgekippt ist, um der engen Deckung zu umgehen.
Hätte mir aber eine noch größere Fokussierung darauf, mit anschließenden aufrückenden Bewegungen der Innenverteidiger gewünscht. Ähnlich hat das ja schon gegen Delta ganz gut geklappt (die ihn zwar nicht genauso, aber ähnlich zugestellt haben.)

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DonAndres 25. Februar 2016 um 01:18

Ich habe Arsenal – Barcelona und Juventus – Bayern nacheinander gesehen und ich hatte den Eindruck, dass letzteres das deutlich hochklassigere Spiel war.

Arsenal fand ich in der ersten Hälfte durchaus stark, sie haben fast nichts zugelassen und hatten selbst eine große Chance durch Oxlade-Chamberlain. In der zweiten Hälfte gab es jedoch eine echte Chancenflut für Barcelona. Insgesamt war die zweite Hälfte doch ziemlich wild und ich frage mich, ob das beim Stand von 0:0 in einem CL-Hinspiel zu Hause eine strategisch kluge Entscheidung war (wenn es denn von Wenger so geplant war). Wenger selbst spricht übrigens von „Naivität“ beim 0:1, was doch sehr stark an das Spiel letztes Jahr gegen Monaco erinnert.

PS: Expected Goals laut Michael Caley: 1.6 für Arsenal und 3.1 (+1 penalty) für Barcelona. In der Chancenverwertung lag also nicht nur Arsenal, sondern auch Barca deutlich unter den Erwartungen. Das bestätigt auch meinen Eindruck. Über ein 2-4 oder 2-5 hätte sich keiner beschweren können.

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Michael 25. Februar 2016 um 11:30

Arsenal hatte das Problem, dass man zwar 1 Halbzeit so defensiv spielen kann gegen Barca aber keine Mannschaft der Welt hält das über 90 Minuten durch. Die Chancen von Arsenal waren teilweise nur Zufallsprodukte, es gab nur 2,3 Aktionen wo man sich überhaupt spielerisch befreien konnte und das obwohl ich das Pressing von Barca gerade in der ersten Halbzeit und da v.a. in der Linie ganz vorne als schlecht empfand. Grundsätzlich finde ich aber das Arsenal nahezu das Maximum rausgeholt hat. Mehr war nicht drin, vielleicht 1 Törchen, 2-3 Chancen gav es ja.

Man kann es so zusammen fassen. Gegen dieses Barca gibt es kaum Optionen. Sich hinten reinstellen geht vielleicht 60min gut, spielt man mit bekommt man die Konter. Das ist eine Zwickmühle. Man kann nur hoffen, das ein Busquets ausfällt und die 3 da vorne alle zusammen nen schlechten Tag haben. Dieses mal hatte das S+N keinen guten, dafür das M und es steht trotzdem 0:2.

Zu Rakitic. Für mich war das immer die größte Flasche (bei Schalke) mittlerweile muss ich sagen, dass die Einschätzung dermaßen falsch war…

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Dr. Acula 24. Februar 2016 um 22:26

bin froh, dass auch dieses hochklassige spiel mit einer analyse beehrt wurde. danke dafür!
RM, mal eine rein hypothetische frage. welches team war/ist deiner meinung nach taktisch besser bzgw schwerer zu schlagen: guardiolas barcelona zu seinen hochzeiten (2010/2011) oder dieses barcelona unter enrique mit MSN?

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Lavington 24. Februar 2016 um 20:00

BTW
Kein Fazit?
Wurde denn auch in dem Spiel „geschmidtet“, dass du es gleich weglässt?:-)

@Spiel: Danke für die Analyse, da übrige Spielberichte es bei „Messi“ (vs. Mesut) beließen, der es im Ergebnis zwar – mal wieder – alles gerichtet hat, dadurch aber zu kurz kam und es vage blieb, wie gut Arsenal aufspielte und es den Katalanen geschickt schwer machte.
Spekulative Prognose? : Könnte so ein Barca gegen die Bayern bestehen oder würden selbst sie „gejuvet“ (mit der Chance auf noch größere Gegenschlagskraft)?

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Japhisu 24. Februar 2016 um 19:26

Super Artikel, aber ich hatte das Gefühl, er behandelte nur die erste Halbzeit. In der zweiten Halbzeit konnte sich Barcelona regelrecht entfalten, wirkte immer gefährlicher, nicht mehr so „verhindert“ wie in der ersten. Und Luis Enrique wieß auch in der Presssekonferenz darauf hin, dass man für so eine zweite Hälfte so eine erste Hälfte braucht. Diese wichtige Perspektive auf das Spie hat mir in der ansonsten hervorragenden Analyse gefehlt.

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Arthur 24. Februar 2016 um 17:16

Ich finde diese Analyse überhaupt gut, da viele dem Spiel (was ja durchaus hochkarätig und taktisch interessant war) wegen Bayern-Juve gar keine Beachtung geschenkt haben.

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Bernhard 24. Februar 2016 um 17:14

Stelle offiziell den Antrag, jenen Spieler, welcher auf der ersten Grafik zwischen Özil und Giroud zu sehen ist, bei allen weiteren Grafiken zusätzlich mit dem Titel „Fußballgott“ zu versehen. Platzmangel hin oder her.

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fluxkompensator 25. Februar 2016 um 14:15

diesen antrag unterstütze ich!

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blub 26. Februar 2016 um 10:58

Es gibt für Chome und Firefox Browser extensions die sowas theoretisch können. (d.h. die String A durch String B austauschen)
Das wöre schonmal ein erster Schritt.

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August Bebel 24. Februar 2016 um 16:45

Danke für die gelungene Analyse! Wie kann man denn eigentlich zwei gleichzeitig stattfindende Spiele analysieren? Übrigens war entweder Ramsey unheimlich laufstark oder dir ist da ein kleiner Fauxpas unterlaufen: „Man leitete Barcelona auf die linke Seite, wo man dann mit Ramsey und Co. aggressiv presste. Auch auf der rechten Seite konnte man dank der Unterstützung von Koscielny, Ramsey und den erwähnten Mannorientierungen viel Druck entfachen.“

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