Blick über den Tellerrand – Folge 27

Der Blick über den Tellerrand zum Saisonendspurt mit: Almerías Ballzirkulation, einem facettenreichen Halbfinale der A-League, etwas Werbung für die Stuttgarter Kickers und der Rückkehr von Viktor Fischer.

Wo es gut läuft: UD Almería

blick über den tellerrand 27 almeriaPräziser müsste man in diesem Fall „Wo es nicht mehr schlecht läuft“ formulieren, denn wie quasi schon die gesamte Saison befinden sich die Andalusier aus Almería weiterhin – zumal sie am Wochenende verloren und wieder etwas tiefer hineinrutschten – im Abstiegskampf der spanischen Liga. Zuletzt sind jedoch etwas Besserung und Hoffnung eingekehrt – präziser gesagt seit dem 6. April, dem Tag, als der neue Trainer Sergi Barjuan die Mannschaft übernahm. Manchem wird der ehemals vielseitige und anpassungsfähige Balance-Außenverteidiger noch von den Barcelona-Teams der 90er-Jahre bekannt sein, wo er unter Cruijff wie unter van Gaal zu den wichtigen Role-Playern gehörte und zusammen mit Pep Guardiola einer der ersten Vertreter in der Reihe der populären und vorbildlichen Eigengewächse der katalanischen Schule darstellte.

Bei seiner ersten großen Trainerstation hat Sergi bisher – man hätte es vermuten können – vor allem das Ballbesitzspiel seiner Mannschaft auf ein erwähnenswertes Niveau gehoben. Über die Defensivarbeit des Teams braucht man nicht großartig ausführlich reden: Sie läuft in einem sauberen und soliden 4-4-1-1 mit guter Grundlagenarbeit ab, das einzelne starke Bewegungen, wechselnde Besetzungen – und damit also eine gewisse Flexibilität – aufweist, aber nicht besonders kompakt, speziell oder entscheidend überdurchschnittlich wäre. Die offensiven Außenspieler versuchen mit einrückenden Positionierungen den Halbraum zu stärken und rücken situativ in die vorderste Linie, um auch mal die gegnerischen Innenverteidiger oder Sechser zu pressen, während die Außenverteidiger dahinter in ihren Mannorientierungen etwas unbalanciert agieren und durch kleinere Kompaktheitsprobleme nicht optimal unterstützt werden.

Interessant ist der bewusste und saubere Wechsel zwischen zwei Varianten in der genauen formativen Ausführung – einem sehr klaren 4-4-1-1 und einem 4-2-4-0-artigen System, bei dem ansatzweise Versuche zu erkennen sind, innerhalb des eigenen „Sechsecks“ im Mittelfeld angespielte Gegner kollektiv abgestimmt durch Zusammenziehen zu isolieren. Schließlich gibt es mit vielseitig ins höhere Pressing aufrückenden Bewegungen auch noch eine dritte Option, die mitunter aber recht löchrig und somit nicht unbedingt wirklich wirksam daherkommt. Zuletzt gegen Málaga war in dieser Hinsicht mit einigen guten diagonalen Bewegungen im 4-1-3-2 aber schon eine Steigerung erkennbar. Daneben bot diese bisher jüngste Partie einige Male Ansätze einer asymmetrischen Raute gegen den Ball, die durch zockende Elemente eines Außenstürmers, meistens Wellington Silva auf rechts, geprägt wurde.

Das System Almerías wird stark von der Abstimmung auf seine Einzelspieler getragen, die Sergi insgesamt sehr feinfühlig eingebunden hat und genau für seine Ballbesitzphasen ausgewählt hat. Vor allem das Mittelfeldzentrum um Verza und den 34-jährigen Kapitän Corona besteht aus spielstarken, technisch sauberen und bisweilen sehr pressingresistenten Akteuren – insbesondere auf diesen Corona trifft das zu. Der Routinier ist als ballsicherer und schwer unter Druck zu setzende Techniker wohl der beste Repräsentant dieses Teams. Auch seine Dribblings und grundlegend seine Positionierungen wissen zu überzeugen, wobei er allein bei anschließender Positionsfindung kleinere Schwächen hat und nach einer gelungenen Aktion kurzzeitig mal etwas unpassend aufrückt. Die Mannschaft sucht sehr geschlossen und konsequent die Ballzirkulation, lässt das Leder sauber und ruhig laufen, zeigt verschiedene Rochadebewegungen innerhalb des Mittelfelds und spielt bei Bedarf auch mal sehr weiträumig bis in die Abwehrreihe zurück. Die Sechser bewegen sich im Aufbau geschickt und vielseitig, der Zehner passt sich in einer zuarbeitend-reaktiven Rolle in Sachen Raumaufteilung daran und unter diesen Umständen spielt die Mannschaft sicher und kontrolliert durch verschiedenste Feldbereiche.

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Almería mit versuchtem Ballbesitzanspiel am Übergang zum Angriffsdrittel. Hier ist Verza sogar mal weit aufgerückt (nahe des Schiedsrichters) und einer der Innenverteidiger steht auf Höhe von Corona

Aus den Offensivzonen gibt es häufig unterstützende Bewegungen für die Stabilität der Zirkulation: Gerade Javier Espinosa erkennt potentielle Situationen zum dynamischen Einrücken frühzeitig und bewegt sich dann so zu den Sechsern hin, dass er nach Zuspielen mit kurzen Ablagen diesen raumöffnende Anschlusspässe ermöglichen kann. Auch  der Mittelstürmer oder der andere Flügelakteur fallen mal kurzzeitig etwas zurück und sorgen mit Weiterleitungen oder Ablagen für neue Dynamiken. Überhaupt ist das sehr aktive Erschließen von Raum neben der Ballsicherheit die Kernstärke der Mannschaft, was natürlich auch miteinander zusammenhängt. Die Sechser agieren im Ballbesitzspiel immer wieder sehr mutig, rücken auch mal mit Ball provozierend in Löcher auf und gehen speziell nach mannschaftlich vorbereiteten Dynamikaufnahmen sehr zielstrebig mit Dribblings in die gegnerische Formation hinein, wenn das in der Situation gerade Sinn und die herrschende Dynamik das möglich macht. Daneben spielen sie häufig – teilweise fast schon zu vorschnell – diagonale Weiterleitungen in offene Lücken in den äußeren Halbräumen, in die dann meistens die Außenverteidiger aufrückend hineinlaufen. Neben der Qualität müssen sie sich also in der strategischen Komponente und der ruhigen Geduld noch etwas verbessern. Dennoch: Dieses Anspielen von Raum zum Anlaufen nach vorne ist ein wichtigstes Stilmittel von Sergis Jungs.

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Direktangriff über den einrückenden und weiterleitenden Linksaußen. Um den Mittelkreis herum sieht man das Mittelfeldtrio mit Verza (tief) sowie Thomas halbrechts und Corona halblinks

Im letzten Drittel agieren sie allerdings etwas zu weiträumig und suchen beispielsweise zu oft entscheidende Zuspiele auf nachstoßende Außenverteidiger oder längere Seitenwechsel. In diesem Zusammenhang gibt es in Sachen Konstanz bei Passwahlentscheidungen noch einiges an Nachholbedarf. So spielen manchmal auch die Innenverteidiger aus dem Aufbau verfrühte und teils auch zu anspruchsvolle halbhohe, lange Pässe direkt in die zusammengerückte Offensivabteilung, auf die aber zudem das Mittelfeld noch gar nicht vorbereitet ist. Weiter vorne wechseln sich in Form gelegentlicher Schwankungen etwas zu simple mit besseren Phasen ab. Manchmal ziehen sie sich gut und konsequent über einem Halbraum zusammen, was zu einigen ansehnlichen Stafetten führt, doch manchmal gibt es innerhalb dieser Offensivabläufe Probleme mit kleineren Halbraumlöchern. Gegen Málaga versuchten sie es an diesem Wochenende häufig mit langen Bällen auf die rechte Seite, was wegen des guten mannschaftlichen Nachschiebens auch recht gut funktionierte. Die entstehenden Engen spielten sie über die Technik ihrer Mittelfeldleute und die rationalen Dribblings von Wellington Silva einige Male überraschend gut aus und kamen dann sauber zu Torchancen. Trotzdem sollte das über die zu verbessernden Punkte jedoch nicht hinwegtäuschen.

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Suboptimale Halbraumbesetzung (hier ballnah zwischen den Ketten des Gegners) im Offensivspiel

Sergis bisherige Ergebnisse lesen sich nicht schlecht, vor allem wenn man bedenkt, dass die drei Niederlagen aus den ersten sechs Partien gegen Barcelona, Rayo und Real Madrid kamen, wobei man unter anderem im Bernabéu gut mithielt und einige ansehnliche Szenen in der Ballzirkulation zeigte. Die Duelle mit den beiden Abstiegskonkurrenten Granada und Eibar wurden souverän gewonnen, während sich die Mannschaft gegen das momentan in starker Form aufspielende Celta Vigo nach Rückstand noch ein 2:2 sicherte. Durch die unglückliche Heimniederlage im andalusischen Duell mit Málaga im siebten Spiel unter Sergis Leistung ist man nun allerdings wieder etwas stärker in den Abstiegskampf gerutscht. Es ist dem Team zu hoffen, dass ihnen der Klassenverbleib gelingt und sie ihre angedeuteten Fortschritte und Entwicklungen im Oberhaus fortsetzen können – mal sehen, wie stark sich die Mannschaft gerade im Offensivspiel noch steigern kann. Wegen der Einzelspieler und ihrer Ballzirkulation sind sie aber eigentlich auch jetzt schon ein lohnenswert anzuschauendes Team.

Spiel der Woche: Sydney FC – Adelaide United 4:1

blick über den tellerrand 27 sydney-adelaideMelbourne Victory stand nach den Play-Offs bereits im Endspiel der diesjährigen A-League – Sydney FC wollte im Duell mit Adelaide United folgen. Normalerweise definiert sich die Mannschaft von Graham Arnold stark über die verhältnismäßig enorme Qualität im defensiven und zentralen Mittelfeld, die ihnen viel Dominanz und Kontrolle über Partien sichert – mit Spielern wie Milos Dimitrijevic und dem diesmal fehlenden Terry Antonis. Nicht nur deshalb gelang dies gegen Adelaide jedoch selten. Zum einen lag es an der ungewohnt unsauber strukturierten Bewegungsanlage im Aufbauspiel, zum anderen an der Spielweise Adelaides. Diese arbeiteten durchgehend, insbesondere jedoch im Mittelfeld, mit klaren Mannorientierungen, die für Sydney sehr unangenehm waren und aus denen sie sich individuell schwer lösen konnten, gegen die sie aber mannschaftlich lange keine klaren Mechanismen fanden.

Bauten sie beispielsweise über links auf und Tavares ließ sich unterstützend etwas zurückfallen, folgte ihm Marcelo Carrusca im Bogen dorthin. In solchen Fällen verpassten die Gastgeber einige Male das entstehende Loch im ballnahen Halbraum zu nutzen – Brosque agierte relativ hoch, während Dimitrijevic sich aufgrund der fehlenden Anschlussdynamiken zu scheuen schien und manchmal etwas zu raumöffnend zu agieren versuchte. Als die Gäste aus diesen Grundstellungen ab der Anfangsphase immer häufiger in ein mannorientiertes hohes Pressing wechselten, war Sydney zu vielen langen Bällen gezwungen und konnte die angestrebte Dominanz nicht so klar auf den Platz bringen. Auch ihre Offensive fand zunächst mit eher simplen und flügelorientierten Bewegungsmustern nur schleppend ins Spiel. Gerade die im linkslastigen Aufbau immer wieder erkennbaren Diagonalsprints von Brosque in die Schnittstellen und hinter den ballnahen Außenverteidiger deuteten zwar Potential an, doch anfangs kam das Team noch nicht kontrolliert genug nach vorne und die horizontal weiträumige Rolle Isaías´ dämmte die Passverbindung zu einem gewissen Grad ein.

Beim Führungstor für die Hausherren nach etwa 20 Minuten zeigte sich aber die Gefahr der mannorientierten Spielweise Adelaides, gerade gegen das individuell starke Sydney. Einen losen Ball im Mittelfeld behauptete Dimitrijevic gegen seinen Gegner und gewann damit mal etwas Freiheiten – worauf Adelaide wegen der „Folgeunterzahl“ nicht mehr vernünftig reagieren konnte. Nach einem Pass auf den Linksverteidiger und dessen simplen Flügellinienball in die Tiefe auf den durchstartenden Naumoff war Adelaides Abwehr geknackt, brach Sydney zur Grundlinie durch und Ibini verwertete die Hereingabe im Rückraum. Zwischendurch waren sie immer mal wieder über schnelle Angriffe gefährlich, doch deutete sich der zweite Treffer in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit nicht unbedingt an. Nach einem Ballgewinn auf der linken Defensivseite lösten sie sich und verlagerten nach rechts, wo Ryalls mutige Diagonalaktion und das geschickte Unterzahldribbling von Dimitrijevic Ibini die freie Hereingabe ermöglichten, welche Brosque artistisch verwertete. So hatte gerade Dimitrijevic mit seinen beiden Einleitungen doch noch entscheidende Aktionen auf dem Weg zur Halbzeitführung gezeigt.

Für die Gäste sah die Höhe des Rückstandes etwas unglücklich aus, hatten sie doch trotz der Probleme ihrer Mannorientierungen keineswegs reihenweise Chancen zugelassen und zudem Vorteile  in Sachen Spielanteile verbucht. Dabei legte das Team des spanischen Trainers Josep Gombau einen durchaus konstruktiven Stil an den Tag. In einer 4-3-3/4-2-3-1-haften Formation suchten sie im Ballbesitz die sauber vorbereitende Zirkulation und deuteten eine überlegt organisierte Raumaufteilung an. Zudem gab es auch einige interessante kleinere Punkte, wie die verschiedenen Rochaden auf halbrechts, die diagonalen Läufe der vorderen Mittelfeldakteure und das situativ flexible Zurückfallen Isaías´ im Aufbau. Doch aus ihren langen Ballbesitzphasen in der Tiefe hatten sie große Probleme nach vorne zu kommen. Das sehr solide ausgeführte 4-4-2 von Sydney verstellte – höhere Pressingphasen waren sehr selten – mit seinen Stürmern in der Grundstellung geschickt den Sechserraum, die Außenspieler nahmen wirksam ausgeführte enge Positionierungen ein und die Sechser rückten flexibel in alle Richtungen heraus, wobei sie das oft in Form der Aufnahme verschiedener Mannorientierungen taten.

Dagegen fehlte es Adelaide gerade bei abkippenden Bewegungen von Isaías in eine Dreierkette an Verbindungen nach vorne. Dies war durch ihre Rollenverteilung mitbestimmt: Über weite Strecken agierten die beiden offensiven Außen, insbesondere Goodwin, zu simpel und breit, während die Ausrichtung des übrigen Mittelfelds nicht zur Aufbau-Umformung passte. Jaggo hatte eine unterstützende Rolle als Supportspieler inne, führte diese aber wenig strukturierend oder spielmachend, sondern teilweise etwas wild aus. Da auch Marcelo Carrusca in seiner Natur ein eher unpräsenter, zurückhaltender Typ schien, der gerne weiträumig durch die Räume umherstreift, um dann kurzzeitig in kleinräumige Situationen zu gehen, fehlte dem Team somit die durchgehend verbindende und in den Übergangszonen strategisch anleitende Hand. Darum fanden auch der Rhythmus in diesen Bereichen und den anschließenden Zonen weiter vorne nicht wirklich zu jenem, dem die Mannschaft in der tiefen Ballzirkulation folgte. Teilweise mussten sie die Problemzonen sogar mit längeren Bällen überbrücken.

Nur selten brachten sie also mal einen Ansatz auch wirklich ins letzte Drittel durch – und wenn, dann waren dies häufig sehr direkte Szenen, bei denen mit vertikaler Beschleunigung etwas Raum überbrückt und sofort in die Angriffszonen gespielt wurde. Mit raumöffnenden Bewegungen gelang es Jaggo und Marcelo Carrusca gelegentlich, Passwege auf einen der kurz zurückfallenden Stürmer, häufig Pablo Sánchez zu schaffen, dem die breiten Außenstürmer-Positionen hier mal ein wenig halfen. Genau wie bei Szenen, in denen Marcelo Carruscas weite Rochaden nach links zu Goodwin mal eingebunden werden konnten, stellte sich hier aber das Problem fehlender Anschlussoptionen. Zumeist konnte Sydney gegen den Empfänger eines solchen Direktpasses über den mannorientiert nachrückenden Verteidiger und die solide Zusammenziehbewegung des Mittelfelds zumindest soweit zuschieben, dass dieser grundlegend isoliert war und den Angriff abbrechen musste. Nur ganz seltene Ausnahmen entstanden mal über halbrechts, wenn sich Sergio Cirio konstanter einschaltete und kurze Ablagen von Pablo Sánchez erhielt, während auch Jaggo vorrückte und Marcelo Carrusca dafür ballfern auswich.

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Circa ab der 60. Minute

Letztlich dauerte es aber bis zur 25. Minute, ehe die Gäste nach einem starken Angriff und raumschaffender Aktion des Mittelstürmers für den durchstartenden Cirio den ersten Abschlussversuch überhaupt abgaben – hier dann gleich eine sehr gefährliche Möglichkeit. Bis zu einem nicht ganz durchkommenden Flügelangriff mit anschließendem Distanzversuch Isaías´ war dies aber der einzige Schuss aus dem Spiel heraus in Durchgang eins. Immerhin wies jene zweite Szene auf kleinere Verbesserungen für den zweiten Abschnitt voraus: Nun bespielte Adelaide die eingerückten gegnerischen Flügel besser, indem die Außenverteidiger direkt druckvoll diagonal nach innen zurückzupassen versuchten, wenn sie das Leder in der höheren Zirkulation erhielten. Verbunden wurde dies mit deutlich mehr aufrückenden und nachstoßenden Bewegungen aus dem zentralen Mittelfeld, wie sich bei der Szene mit Isaías bereits angedeutet hatte. Damit sorgten sie für zusätzliche offensive Präsenz, hatten beim Vorrücken am Flügel mehr Optionen und konnten einige Male der gegnerischen Rückzugsbewegung in Freiräume davonlaufen.

Das unterstrich die Halbzeitumstellung auf eine Art 3-3-4 mit dem eingewechselten Mabil als zurückpendelndem Rechtsaußen anstelle von Malik und einer etwas tieferen sowie präsenter ausweichenden Rolle Marcelo Carruscas. Daraus entstanden einige durchaus vielversprechende spielerische Ansätze und in Verbindung mit den beiden anderen Veränderungen auch die eine oder andere Chance – so nach 57 Minuten ein von außen nach typischem Muster wieder zur Mitte getragener Spielzug, bei dem Marcelo Carrusca aus dem Rückraum einen gefährlichen Abschluss hatte. Direkt im Gegenzug zeigte sich allerdings auch das Risiko dieser Spielweise, als Sydney mit kleineren Pärchenbildungen im rechten Halbraum das gegnerische Mittelfeld überlief, Brosque geschickt im Zwischenlinienraum freikam und die Hausherren folglich die gegnerische Abwehr attackieren konnten – Janko vergab freistehend vor Galekovic. Kurz danach reagierten die Hausherren auf Gombaus neue Offensivanlage mit der Einwechslung von Antonis für den österreichischen Mittelstürmer und sorgten fortan in einer 4-3-3-0-haften Spielweise trotz kleinerer Probleme in der Ausführung für zusätzliche Stabilität.

Das dämmte Adelaides Potential zur Aufholjagd trotz einiger Chancen ein. Zudem mussten die Gäste mittlerweile sogar einem 3:0 hinterherlaufen, da die Hausherren quasi direkt nach Wiederbeginn durch eine schnelle Linksüberladung nach einem Einwurf erhöht hatten. So reichte es für Adelaide auch aufgrund suboptimaler Chancenverwertung – wobei viele Szenen einer über Druck erzeugten Häufung in den allerletzten Minuten entsprangen – nur noch zu einem Anschlusstreffer nach einem Konter. Für die endgültige Entscheidung sorgte der diesmal sehr starke Naumoff mit einer weiteren engagierten Einleitung eines Doppelpasses zum 4:1 in der letzten Minute. Letztlich war es für die Hausherren – schon im Ligamodus Zweiter hinter Finalgegner Victory – ein durchaus verdienter, wenngleich zu hoher Erfolg, mit dem sie auch ihre Serie gegen Adelaide brachen – viermal waren sie in dieser Spielzeit auf Gombaus Team getroffen und hatten kein einziges Mal gewonnen. Die Mannen des katalanischen Trainers deuteten auch durchaus an, wieso, und verdienen sich trotz der Niederlage und ihrer Probleme ein Lob für ihre interessanten Ansätze.

Interessant zu beobachten: Stuttgarter Kickers

In der ersten DFB-Pokalrunde dieser bald abgeschlossenen Saison empfingen im vergangenen August die Stuttgarter Kickers unter Horst Steffen die Mannschaft von Borussia Dortmund. Bei der redaktionsinternen Schnelldurchsicht der verschiedenen Partien dieser ersten Runde stach der Drittligist, der trotz der 1:4-Niederlage eine starke Figur gemacht hatte, ins Auge. Gerade die generelle Raumaufteilung einerseits und die Methodik sowie Intensität beim Zuschieben zum Flügel oder im Halbraum andererseits waren besonders beeindruckend. Dabei wechselten sie zwischen verschiedenen Anordnungen – durch die häufigen Asymmetrien gab es beispielsweise schiefe 4-3-3- und 4-3-2-1-Ansätze – und deuteten Versuche kleinerer Pressingfallen an. In etwas passiveren Phasen bildeten sie gegen den Ball ein horizontal kompaktes 4-4-2, das die Dortmunder aber über sehr saubere und stringente Flügeldurchbrüche knackten.

Zwar entsprang der zwischenzeitliche Anschlusstreffer für die Kickers einer Standardsituation, doch hatten sie sowohl im raumgreifenden Aufbauspiel über den gelegentlich zurückfallenden strategisch starken Ballverteiler Enzo Marchese als auch im Angriffsdrittel einige gute Momente. Am Ende standen in dieser Partie mehr Torschüsse zu Buche als auf BVB-Seite. Die nicht nur von Jürgen Klopp ausgesprochene Erwartung, dass die Mannschaft von Horst Steffen zu den ganz großen Favoriten der Saison in Liga 3 gehören würde, schien sich lange zu bestätigen – bis weit in den Herbst hinein führten sie die Tabelle sogar an. Immer wieder gab es zwischendurch herausragende spielerische und kombinative Vorstellungen des Teams, insbesondere über Halimi, Soriano, Braun und Gerrit Müller, doch aufgrund kleinerer Probleme in der Konstanz und bei Verletzungen verpasste die Mannschaft letztlich den Aufstieg und dürfte nun letztlich auf dem vierten Rang einkehren. Dafür, dass man „Stuttgarter Kickers dieses Jahr wirklich gucken kann“, wie Jürgen Klopp früh formulierte, gebührt es jedoch Lob und Aufmerksamkeit.

Diese kann man dem Team nicht nur zollen, indem man sich ihre Spiele anschaut, sondern auch die sehr ausführliche und an vielen weiteren Informationen reiche Mannschaftsanalyse der Kickers bei „Konzeptfußball“ liest.

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Ein Angriff der Kickers aus dem Pokal-Spiel gegen Dortmund: Halimi löst die schwierige Situation per Hackentrick auf den nachrückenden Braun, der in den Strafraum zieht. Müller setzt sich leicht zur Mitte ab und wird dadurch anspielbar, legt dann den Ball nach außen wiederum per Hacke an Gegenspieler Subotic vorbei (roter Pfeil) und Braun ist allein vor Langerak, scheitert aber. Ein sehr schöner Spielzug.

Spieler der Woche: Viktor Fischer

Er ist endgültig zurück – über ein Jahr konnte Dänemarks Nachwuchshoffnung Vikor Fischer von Ajax nach einer heimtückischen Verletzung kein Spiel bestreiten, ehe er im vergangenen Monat mit kürzeren Einsätzen ins Team zurückkehrte. Dabei zeigte er sich bereits wieder in guter Form, deutete viele starke Ansätze an und war somit durchaus entscheidend an den spielerischen Steigerungen des Vizemeisters zum Saisonausklang beteiligt. Nicht nur als Linksaußen mit konstanter als zuvor einrückenden Elementen, sondern auch als beweglicher zentraler Angreifer zeigte er viele starke Ablagen und Weiterleitungen im Zusammenspiel mit seinen Kollegen. Angesichts der geringen Wettkampfpraxis beeindruckte, wie flüssig, geschmeidig und angepasst er diese Aktionen jeweils durchbrachte – andererseits ein Beleg für seine gruppentaktischen Qualitäten und sein synergetisches Gefühl. Überhaupt sahen die Bewegungsabläufe, Sprints, Schrittfrequenzen und die Ballführung schon wieder sehr wendig, dynamisch und variabel aus. An der letzten Balance, Sicherheit und Erfolgsstabilität fehlt es natürlich noch, aber in gar nicht so großem Maße.

Neben dribbelnd antreibenden und bestimmenden Szenen – hier zog er jedoch oft etwas zu klar zur Grundlinie – standen die zuarbeitend, mitspielenden Einbindungen in den bisherigen Einsätzen zahlenmäßig nicht zurück und sorgten somit für einen etwas veränderten Spielertypen Fischer, als man ihn vor seiner Verletzung kannte. Teilweise schien es gar so, als sei er zwischen den anderen Offensivakteuren der entscheidende, das System zusammenhaltende Verbindungsgeber. Insbesondere in der Partie gegen NAC Breda sorgte dies in Kooperation mit Andersen, Serero und Klaassen für einige schöne Szenen, die beim 0:0 leider nicht mit einem Treffer belohnt wurden. An diesem Wochenende gab es dann zum letzten Heimspiel der Saison beim 3:0 gegen Cambuur auch die ersten Tore für Fischer – und gleich zwei an der Zahl. Erneut auf der nominellen Angreiferposition im Zentrum betätigte er sich diesmal als etwas passiverer Finisher und erarbeitete sich die Treffer jeweils durch zielstrebige und geschickte Läufe in die Spitze sowie präzise, effektive Abschlüsse. Dazu gab es auch noch den einen oder anderen guten mitspielenden Moment in Dynamiken – und das ist es, was insgesamt viel Hoffnung für die Zukunft und die nächste Saison macht.

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Szene aus dem Spiel gegen NAC Breda: Klaassen mit Weiterleitung für den eingerückten Fischer, der unter Druck statt der Annahme direkt eine sofortige Folgeweiterleitung zeigt. Hinter Klaassen startet er diagonal per Bogenlauf in die Spitze und öffnet damit für seinen Kollegen den Passweg auf den nachstoßenden El Ghazi, der halbrechts im Strafraum zum Abschluss kommen kann, jedoch aus durchaus vielversprechender Situation etwas verzieht

Vielen Dank an laolat1.tv für das Bildmaterial zu La Liga!

woody10 13. Mai 2015 um 13:29

Sehr gut!
Almeria wirklich spannend seit Sergi Barjuan übernommen hat, hab sie gleich in ihrem ersten Spiel unter ihm gegen Barca gesehen, dazu ein bisschen im Bernabeu und noch 2x ganz kurz. Was sie machen, wurde ja wunderbar dargelegt. Allgemein hatte ich bei Almeria das Gefühl, dass sie nach dem Abgang von Francisco, der für eine zumindest defensivtaktisch ganz ordentliche, von einigen guten Gegneranpassungen geprägte, Grundanlage mit schnellem Umschaltspiel über die schnellen, athletischen Offensivkräfte stand, unter Martinez zumindest aus taktischer Sicht mit dessen konservativem Alibi-4-4-2 nachgelassen hatten. Da dachte ich, die würden doch recht sicher absteigen.
Unter Sergi hat sich eben gerade das Offensivspiel verbessert.
Ich habe Espinosa nur für ein paar Minuten als LA gesehen, wo ich seine etwas tiefer zurückfallenden, balancierten Bewegungen mochte, ansonsten hat er bei meinen Beobachtungen den 10er gegeben. Zwar mit individuell ein paar ganz guten Aktionen, aber als 10er in der damaligen Rolle gegen Barca war er einfach nicht gut genug eingebunden. Dazu kommt, dass er schon rein vom Rhythmus her mMn ziemlich schlecht zu den anderen Offensivkollegen passt (Hemed, der zeitweise unter Martinez richtig wichtig für Almeria war, mal am ehesten noch ausgenommen). Gegen Barca kam dann natürlich noch die allgemeine Unterlegenheit Almerias in so ziemlich allen Bereichen zum Tragen, was es Espinosa nicht leichter machte. Grundsätzlich mag ich ihn aber sehr!

Bzgl der Tabelle in der Primera Division find ich folgendes ganz witzig. Die oberen 12-13 Teams find ich, zumindest was meine Einschätzungen über die Leistungen der Teams in dieser Saison angeht, extrem gut und repräsentativ angeordnet. D.h. ich finde es ok, dass die Teams auf den Plätzen stehen, auf denen sie derzeit eingeordnet sind. In den hinteren Bereichen teilweise relativ wirre Anordnungen: Dass Elche so viele Punkte macht, hätte ich zB in der ersten Saisonhälfte nicht gedacht, oder, dass Cordoba derart abgeschlagen Letzter ist, hätt ich mir auch nicht gedacht. Irgendwie ganz eigenartig. War jetzt nur eine kurze Ausschweifung, sorry…

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OJ 12. Mai 2015 um 20:17

Schön dass ihr euch in dieser Serie auch oft mit der dritten Liga beschäftigt. Das gefällt mir sehr gut 🙂 hoffentlich können wir dann hier nächste Woche etwas über das topspiel Duisburg:Kiel lesen

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Schimanski 15. Mai 2015 um 23:43

Ja, das fände ich als Duisburger auch sehr geil.

Ich sehe die Kieler taktisch übrigens derzeit etwas stärker als den MSV. Der MSV spielt die letzten Wochen sehr viel Hau-Ruck. Viel Offensivpräsenz. Viel vertikales Spiel. Viele raumgreifende Bälle. Wildes Pressing. Übermotiviertes Anlaufen.

Wenn man dann führt wird tiefer und passiver gespielt und dem Gegner kaum eine Chance auf offensive Umschaltmöglichkeiten gegeben. Ballbesitz? Wozu? Spielkontrolle? Wird überbewertet. Hauptsache der Ball ist weit weg vom eigenen Tor und das Ding wird nach Hause geschaukelt. Bis jetzt klappt es. Duisburg sehnt dem Aufstieg herbei.

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JSU 12. Mai 2015 um 07:48

Seit etwa 2 Wochen verfolge ich eure Artikel und die sind einfach nur der Hammer. Finde es toll, dass ihr euch auch mit kleinen Mannschaften wie Almeria beschäftigt.

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