Ingolstadt bleibt Ingolstadt – und wird dabei flexibler

Trotz der jüngsten Niederlage gegen den Vfl Bochum kann der FC Ingolstadt nach dem 32. Spieltag schon so gut wie sicher für die erste Liga planen. Dabei ist es Ralph Hasenhüttl gemeinsam mit Co-Trainer Michael Henke gelungen, die Entwicklung der „Schanzer“ über die Saison hinweg konstant voranzutreiben, was sich zuletzt an sechs ungeschlagenen Spielen in Folge zeigte.

Eines der prägenden Merkmale des FC Ingolstadt während der Hinrunde der aktuellen Saison, in der die Oberbayern einzig und allein gegen den 1. FC Nürnberg verloren, war der konsequente Fokus auf die eigene taktische Ausrichtung und die Nutzung der eigenen Stärken. Konkrete Gegneranpassung gab es – abgesehen von einem mehr oder minder starken Rechtsfokus – nur selten und wenn dann nur in geringem Ausmaß zu sehen.

Zu Beginn des neuen Jahres versuchten Hasenhüttl und Henke durch diverse Änderungen, u.a. durch eine angepasste Herangehensweise im Pressing, die Probleme aus der Hinrunde abzustellen. Der damit verbundene Rückschritt, den das Trainerteam kurzzeitig in Kauf nehmen musste, führte in dieser Phase der Saison dazu, dass die „Schanzer“ ergebnistechnisch deutlich weniger erfolgreich waren als erwartet und sich gegen Gegner aus dem letzten Drittel der Tabelle schwer taten.

Gerade während der letzten Spiele ist es Hasenhüttl allerdings gelungen, die Entwicklung der Mannschaft soweit voranzutreiben, dass sie nun gerade bezüglich des Pressings deutlich flexibler agieren kann als noch am Saisonanfang. Dieser neue taktische Variantenreichtum in Verbindung mit den stabilen Grundschemata der Ingolstädter war einer jener Faktoren, der dazu führte, dass die Oberbayern in sechs der sieben letzten Spielen ungeschlagen blieben und kurz vor dem Aufstieg in die erste Bundesliga stehen.
Aufstellungen

Zentrumsüberladungen gegen Braunschweig

Nach der 1:3-Niederlage gegen den Karlsruher SC gelang den Ingolstädtern gegen Eintracht Braunschweig aus ergebnistechnischer Sicht zumindest einmal wieder ein Unentschieden. Gegen die 4-1-4-1-Defensivformation der Löwen, bei denen vor allem die beiden Flügelspieler Zuck und Hedenstad im Pressing nach vorne aufrückten, lag der Spielaufbau hauptsächlich bei Matip und Hübner in der Innenverteidigung.

Während Roger sich als tiefster Akteur in den Räumen neben Braunschweigs Stürmer Berggreen positionierte, orientierten sich Morales und Pledl auf den beiden Achterpositionen weiter nach vorne, um sich für den Kampf um zweite Bälle in Stellung zu bringen.

Über massive Überladungen der Mitte durch die drei Offensivakteure Lex, Groß und Hartmann versuchte man in der Endphase der Angriffe, Levels und Soares auf den beiden Außenverteidigerpositionen freizuspielen. So oder im Anschluss an Überzahlbildungen am rechten Flügel wollte man sich geradlinig Chancen erspielen, scheiterte mit den simplen Offensivmustern allerdings an der kompakten Braunschweiger Defensive.

Kompaktheit im Pressing gegen Frankfurt

Wie bereits gegen die Eintracht aus Braunschweig zu sehen, gab es auch gegen den FSV Frankfurt eine passive und auf Kompaktheit bedachte Ausrichtung im Pressing. Prinzipiell agierte man in der gewohnten 4-3-3-Grundformation, aus der allerdings oft 4-1-4-1- oder 4-5-1-Staffelungen entstanden. Ziel war es, die Frankfurter über die eigene Präsenz in der Mitte auf die Flügel zu lenken und anschließend dorthin zu verschieben, was einen gänzlich anderen Pressingansatz als noch in der Hinrunde darstellte und grundsätzlich zu mehr Stabilität führte. Dabei gab es jedoch auch Phasen höheren Pressings in der gewohnten 4-1-2-2-1-Grundordnung, das nicht nur situativ, sondern über mehrere Minuten genutzt wurde.

Im Offensivspiel gab es gegen die 4-4-2-Grundordnung des FSV hingegen keine großen Überraschungen. Die verstärkte Nutzung der rechten Seite versuchte Morales von der linken Achterposition auszubalancieren, während Groß auf der anderen Seite vermehrt abkippte, um die Hauptaufgaben im Spielaufbau zu übernehmen.

Hohes Pressing und bewusstes Lenken gegen Heidenheim

Gegen den FC Heidenheim fokussierten die Ingolstädter wieder ein höheres Pressing und eine insgesamt proaktivere Herangehensweise. Aus einer 4-1-4-1-/4-3-3-Formation lief Stefan Lex Heidenheims linken Innenverteidiger Kraus bereits früh an und leitete den Aufbau des FCH so auf die rechte Ingolstädter Seite. Insgesamt gelang es den Ingolstädtern über diese Variation des standardmäßigen 4-3-3-Pressings, eine ordentliche Grundkompaktheit herzustellen. In Verbindung mit dem risikolosen Aufbauspiel der Heidenheimer kamen allerdings kaum hohe und gefährliche Ballgewinne zustande.

In der Offensive konzentrierte man sich wie gegen den FSV Frankfurt wieder vermehrt auf die Nutzung des rechten Flügels und Offensivaktionen im Anschluss an zweite Bälle.

Mangelnde Diagonalität gegen Düsseldorf

Genauso wie in den vergangenen beiden Spielen agierte man auch gegen die 4-4-2-Grundordnung der Fortuna mit einem verstärkten Rechtsfokus und der üblichen Aufgabenverteilung zwischen den beiden Achtern. Während Stefan Lex im Sturmzentrum spielte, sollte Hinterseer auf dem rechten Flügel vermehrt als Zielspieler gesucht werden. Insgesamt agierte der Österreicher deshalb höher und stärker in der Horizontale pendelnd als Leckie auf der anderen Seite. Dabei war die stark vertikale Ausrichtung im Passspiel gegen den kompakt und passiv agierenden Defensivblock der Düsseldorfer etwas unpassend. Mit der Einbindung Özcans im Aufbauspiel oder kleinen Kombinationen zwischen Roger und Morales gab es allerdings auch durchaus spielerisch gelungene Ansätze.

Personalwechsel gegen Berlin

Beim 2:2-Unentschieden gegen Union Berlin fehlten sowohl Roger als auch Danilo. Während Soares von Engel ersetzt wurde, rückte Morales für Roger vor die Abwehr. Allerdings wurde der US-Nationalspieler gegen Berlins 4-4-2-Formation kaum in das Aufbauspiel miteingebunden.

Weil Morales gegen den Ball weniger weiträumig und physisch schwächer als Roger ist, interpretierten die Ingolstädter ihr Defensivspiel wieder tiefer und kompakter als im Normalfall. Ein Leiten des Gegners zum Flügel wollte man über eine hohe personelle Präsenz in zentralen Räumen und die Arbeit mit Deckungsschatten erreichen.

Veränderter Fokus im Pressing und erneute Probleme mit der Durchschlagskraft gegen Nürnberg

Wie gegen die meisten Gegner, die in einer 4-2-3-1- oder 4-4-2-Grundform agieren, nutzte der FCI auch beim Unentschieden gegen den 1. FC Nürnberg einen klaren Rechtsfokus. Dabei ersetzte Bauer Roger auf der alleinigen Sechserposition, der für den verletzten Matip in die Innenverteidigung rückte. Untypischerweise kippte Bauer nach der Anfangsphase vermehrt ab, wobei die Überbrückung der ersten Aufbaulinie mit Vertikalbällen meistens durch Roger und Hübner aus der Innenverteidigung geschah. Die breite Positionierung der Innenverteidiger hatte zur Folge, dass Groß höher agierte als gewöhnlich.

Trotz dieser Tatsache gelang es den Ingolstädtern nicht, aus dem Übergangsspiel flach in den Zwischenlinienraum zu kommen, den Hinterseer und Hartmann im zweiten Durchgang mit vielen diagonalen Tiefensprints zu öffnen versuchten. Generell fehlte es hier an nachstoßenden Läufen der beiden Achter.

Rhythmuswechsel gegen Bochum

Trotz einer guten ersten Halbzeit und einer 1:0-Führung verlor der FC Ingolstadt am 32.Spieltag mit 1:3 beim Vfl Bochum. Hasenhüttls Plan, den Vfl über das neue 4-1-4-1/4-4-2-Mittelfeldpressing mit nach vorne gerücktem Lex auf die Flügel zu lenken, um dort Zugriff herzustellen, funktionierte in den ersten Minuten der Partie gut. Der Wechsel der Pressingformation nach etwa zehn Minuten hin zu einer 4-1-2-3/4-1-2-2-1-Grundordnung, die als Angriffspressing interpretiert wurde, bereitete den Bochumern trotz der Einbeziehung Luthes in das Aufbauspiel einige Probleme.

Mit der Umstellung auf ein 4-3-3-0-Mittelfeldpressing nahm Hasenhüttl zum zweiten Mal in der Partie eine einschneidende Umstellung im Pressing vor. Weil man hierüber allerdings keine ideale Kontrolle über die Halbräume herstellen konnte, gelang es den Bochumern über beide Sechser und Verlagerungen im Halbraum nach vorne zu kommen.

Fazit

Insgesamt trat der FC Ingolstadt nach der Winterpause deutlich flexibler auf, was das Defensivspiel betraf, und überzeugte durch eine bessere Gegneranpassung. Dabei waren jedoch noch nicht alle Varianten im Pressing perfekt einstudiert und offenbarten teilweise Probleme. In der Offensive hingegen gab es kaum nennenswerte Fortschritte in der Entwicklung der Mannschaft zu beobachten, was vor allem gegen Gegner, die selbst eine starke Endverteidigung besaßen, zu mangelnder Durchschlagskraft führte.

Sharpe 12. Mai 2015 um 08:22

Sie haben mit Matip und Hübner ein tolles IV-Duo, leider ist Matip aktuell aber verletzt. Auch Soares als LV ist sehr talentiert und hat das Interesse einiger Bundesligateams auf sich gezogen. Aber auch er schleppt sich seit Wochen mit einer Zehenverletzung durch die Saison. Wäre die IV komplett, könnte Roger auf der 6 spielen, auf der er eigentlich seine Stärken hat und ein Stabilisator des Teams ist. In der Offensive muss man zu Groß nichts mehr sagen, auch wenn er momentan etwas abbaut, was aber kein Wunder ist, wenn man sieht, welches Pensum er Spiel für Spiel abgespult hat. Ganz vorne sehe ich Lex und Leckie eigentlich als talentierter als Hinterseer.
Mit Christiansen und Bauer haben sie auch 2 sehr talentierte Nachwuchskräfte in den Kader integriert.
Verbessern müssten sie sich aus meiner Sicht auf TW, RV, linkes MF (wo mir Morales nicht so gefällt) und im Sturmzentrum.
Im Tor ist hat ja TW Nr. 2 (Weiss) seinen Abschied bereits bekannt gegeben, Mal schauen, ob sich der neue TW dann gg Rambo durchsetzen kann.
Auf RV kommt da Costa wieder zurück, der wird sicher in den Kampf um die Position eingreifen, aber ich bin mir sicher, dass sie einen AV verpflichten werden. Ein MF-Spieler wird sicher auch mindestens verpflichtet werden + ein Zentrumstürmer, da Hinterseer und Hartmann alleine sicher nicht für Liga 1 reichen werden. Zusätzlich benötigen sie natürlich auch noch einen 3. starken IV, damit sie in Zukunft Hübner oder Matip leichter ersetzen können.
5-6 starke neue Spieler werden also schon kommen müssen, aber so wie ich Hasenhüttl kenne, werden da keine „großen Namen“ verpflichtet werden, sondern Spieler mit Perspektive. Das ist sowieso das eigentlich positive an der Mannschaft, die hat nämlich Perspektive, da sind einige drin, die können noch deutlich stärker werden, als sie diese Saison gespielt haben.
In Ingolstadt ist was am entstehen, natürlich wird bei einem Aufstieg die kommende Saison brutal schwer, aber das ist auch jedem bewusst.

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felixander 11. Mai 2015 um 10:48

Ich hab jetzt schon ein paar Spiele der Schanzer in Gänze gesehen. Aufgrund dessen trau ich diesem Kader bis auf Groß und mit Abstrichen Hinterseer eigentlich keine erfolgreiche BuLi-Saison zu. Gut, es kommen für die neue Saison noch ein paar Langzeitverletzte wie da Costa zurück, das wird auch guttun. Aber trotzdem werden sie ordentlich aufrüsten müssen, oder? Seh ich zu schwarz?

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CE 11. Mai 2015 um 11:45

Das sehe ich ähnlich, obwohl ich jetzt nicht unbedingt Hinterseer als Leistungsträger betrachte. Eher noch Morales, Lex und Leckie neben Groß. Cohen, der eigentliche Kapitän, ist aufgrund einer schweren Verletzung in dieser Saison nahezu komplett ohne Einsatz geblieben. Da muss man die Entwicklung mal abwarten. Pledl und Christiansen sind verheißungsvolle Talente. Hübner sollte in der IV auch eine Zukunft haben.

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felixander 11. Mai 2015 um 13:58

War beim Hinspiel-Sieg gegen Heidenheim im Stadion und da war Hinterseer gefühlt der einzige echte Kicker aufm Platz. Der hat echtes Pressing gespielt und so! 😉 Seitdem bin ich Fan. Aber mir ist schon klar, dass er maximal zu den ersten 15 gehört.

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felixander 11. Mai 2015 um 13:59

Ein modernerer Keeper wäre sicherlich auch ein großer Gewinn, oder? Özcan kann halt irgendwie nichts richtig gut.

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CE 11. Mai 2015 um 17:29

Ja, unbedingt. Wobei der TW in dieser Saison sowieso nicht allzu oft über kurze Pässe am Spiel teilnehmen soll. Aufbaureihen mit Torwart führen auch nur zu langen Schlägen.

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HK 12. Mai 2015 um 13:22

Sie werden nach dem Aufstieg ähnlich chancenlos wie Augsburg oder Paderborn sein.

Eine der seltsamsten Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte BL ist, dass aber auch wirklich kein Aufsteiger chancenlos ist (die Legende Tasmania mag als Ausnahme die Regel bekräftigen).
Die wirkliche Nagelprobe ist dann immer die Nachhaltigkeit. Dabei trägt es dann doch die meisten aus der Kurve.
Da wird es für Ingolstadt entscheidend sein wie tief die Tasche von Audi denn sein wird.

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blub 10. Mai 2015 um 23:46

Es war schon schwer genug zu verkraften das jetzt lauter Spieler in der Bundesliga spielen die jünger sind als ich.
Ab nächste Saison spielen da VEREINE die jünger sind als ich.
Mal sehen wie sie sich schlagen.
Danke für den einblick.

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