Spielverlauf und Durchschlagskraft führen zu Herthas Zerfall

hertha-neu0:5TSG Hoffenheim

1899 Hoffenheim beendet die Hinrunde dank einem Sieg gegen die Hertha auf Platz 7, nur einen Punkt hinter der Wolfsburg-Jäger-Gruppe in der Tabelle. Die Hertha hingegen wird in der Winterpause mit einem Auge auf die Abstiegsränge schielen müssen.

Hoffenheims versteckte Raute im 4-2-3-1

Die Hoffenheimer begannen mit einem 4-2-3-1. Volland lief nominell als rechter Flügelstürmer auf, Salihovic kam über links, Schwegler und Polanski bildeten die Doppelsechs. Hinter Sven Schipplock im Sturmzentrum spielte Roberto Firmino auf der Zehn. An sich wurde diese Formation klassisch ausgelegt. Defensiv wurde das 4-2-3-1 meistens zu einem 4-4-1-1, auch wenn die Flügelstürmer situativ zockten; sie blieben also vorne und warteten auf Ballverluste des Gegners, um direkt anspielbar im folgenden Konter zu sein.  Das passierte aber nur selten, meist beteiligten sie sich wie üblich an der Defensivarbeit und standen auf Höhe der beiden Sechser.

Hertha offensiv

Hertha offensiv

Von der Rollenverteilung her gab es aber leichte Unterschiede. Polanski besetzte den Sechserraum tiefer und zentraler als Nebenmann Schwegler, der einige Male auch leicht mit nach vorne rückte. Salihovic auf links rückte wie Volland öfters in die Mitte ein, tat dies aber passiver und tiefer, während Volland seine Rolle sehr frei interpretierte und generell eher wie ein Stürmer als ein Mittelfeldspieler agierte. Firmino orientierte sich in seinen Bewegungen interessanterweise an Salihovic.

Deswegen ging Firmino häufiger in Richtung Sturmspitze oder auf den linken Flügel, sehr oft besetzte er die Position des linken Mittelstürmers wie in einem Dreiersturm. Dazu rochierten er und Volland viel, bewegten sich entlang der Horizontale und suchten freie Räume im Zwischenlinienraum oder gaben situativ auch Breite.  Mit diesen Positionswechseln wollten sie die üblichen Mannorientierungen Herthas zersprengen, was einigermaßen gut funktionierte. Allerdings übergab die Hertha dann meist in den Raum, verfolgte nur in der Zone mannorientiert und blieb relativ kompakt.

Entscheidender war für Hoffenheim, dass sie damit einige Lokalkompaktheiten erzeugten. Mit den Positionswechseln und dem häufigen Aufgaben von Breite durch die Flügelstürmer standen sie vielfach mit dem Mittelstürmer, Salihovic, Volland und Firmino sehr eng aneinander und konnten den Ball schnell in den Strafraum spielen oder zweite Bälle gewinnen.

Beim Tor war es zum Beispiel eine Flanke des ausgewichenen Vollands von der linken Seite scharf in die Mitte, welche Hertha-Verteidiger Brooks gekonnt zum Eigentor verwertete. Auf der rechten Seite befand sich nicht ein Hoffenheimer Spieler, da Volland diese Position verlassen hatte und der Außenverteidiger nicht so hoch nachschob. Zwar verlor Hoffenheim damit die Kontrolle bei Angriffen öfters und konnte nicht im Angriff selbst die Seite wechseln oder für offenen Raum sorgen, stand aber ziemlich stabil nach Ballverlusten. Dazu konnte die Hertha trotz der Mannorientierungen kaum Zugriff gegen den Ball erzeugen.

Hertha mit Problemen im Pressing und im Zugriff hinter den Stürmern

Hertha spielte einmal mehr im 4-4-2 und spiegelte grundsätzlich die Formation der Hoffenheimer, wie sie es unter Jos Luhukay schon so oft taten. Wie üblich praktizieren sie hier eine Mischung aus Raumdeckung und Mannorientierungen. Die Spieler nehmen ihre Grundpositionen in der Formation ein, suchen sich aber in ihrer Nähe einen Gegenspieler und verfolgen diesen. Einzig die Stürmer waren gegen Hoffenheim davon ausgenommen.

Hatte Luhukay in dieser und der vergangenen Saison häufig einen Stürmer auf einen der gegnerischen Innenverteidiger angesetzt und den zweiten Stürmer auf den tieferen Sechser des Gegners pressen lassen, so verhielten sich gegen Hoffenheim beide Stürmer raumorientiert. Sie positionierten sich zuerst vor den Sechserraum Hoffenheims und schoben dann situativ nach vorne, um die Innenverteidiger Hoffenheims zu pressen.

Im Spielaufbau erhielten die Hoffenheimer aber dadurch weniger Probleme, als man es sich erwarten würde. Herthas Stürmer wurden nämlich nicht von den Mittelfeldspielern und der Abwehrreihe unterstützt, wenn sie sich im Pressing nach vorne bewegten. Desweiteren positionierte sich meistens einer der Hoffenheimer Sechser – Polanski öfter als Schwegler – zwischen den beiden Stürmern und auch Baumann im Tor unterstützte das Aufbauspiel sehr gut.

Durch diese massive Überzahl in der ersten Linie inkl. der technischen Stärke Baumanns war ein hohes Pressing ohnehin schwierig. Das Bilden einer solchen Raute, unterstützt von Außenverteidigern und drei engen hohen Offensivsielern direkt davor sowie einem Sechser dahinter ist nur bei einem sehr kompakten, intensiven und gut strukturierten Pressing des Gegners instabil. Dazu kam noch Herthas mangelnde Nachrückbewegungen hinter den Stürmern.

Sobald die Ronny und Schieber Druck erzeugten, konnte Hoffenheim sie einfach umspielen und an ihnen vorbei in den Raum zwischen ihnen und den zu weit entfernt stehenden Mittelfeldspielern passen. Diese wurden meist durch die Offensivspieler Hoffenheims hinten gebunden, weswegen Schwegler und Polanski immer wieder im Sechserraum frei wurden. In den selten Situationen, wo Hertha effektiver hoch presste und auch die Mittelfeldspieler einband, spielten die Hoffenheimer das mit langen Bälle in den Zwischenlinienraum aus und konnten vielfach die zweiten Bälle für sich entscheiden.

Hoffenheim offensiv

Hoffenheim offensiv

Letztlich war aber auch eine Menge Glück dabei; ein Eigentor und zwei Elfmeter sind auch bei eigener Überlegenheit keine erzwungenen oder absolut verdienten Torchancen. Hoffenheim konnte sich aber in weiterer Folge zurückziehen, überließ Hertha das Spiel und konzentrierte sich auf das Kontern.  Trotz Herthas Offensivproblemen funktionierte das passabel.

Hertha mit durchgehender Unterzahl im letzten Drittel

Bis zum Beginn der zweiten Halbzeit hatte die alte Dame aus Berlin nur zwei Abschlüsse – eine beängstigend niedrige Zahl, insbesondere für eine Heimmannschaft. Sie ließen auch zehn gegnerische Abschlüsse zu und waren somit klar unterlegen. Das lag vorrangig daran, dass Hoffenheim kompakt und stabil im 4-4-2 verschob, situativ Mannorientierungen übernahm, aber weitestgehend die Positionen hielt und die passende Höhe dabei hatte. Ihr Mittelfeldpressing war nicht so hoch, um Herthas durchaus guten Aufbaubewegungen zu fordern oder gefährliche lange Bälle hinter die Abwehr zu erlauben, aber auch nicht so tief, dass man keine Präsenz in der gegnerischen Hälfte gehabt hätte.

Die Hertha spielte außerdem ziemlich vorsichtig. Die Außenverteidiger rückten in der ersten Spielhälfte spät auf, die Sechser Hosogai und Niemeyer hielten sich zurück. Oft stand Hertha dann mit vier Offensivspielern auf weiter Flur gegen den kompakten 4-4-1-1-Block Hoffenheims und die Stürmer erhielten generell viele Bälle auf den Flügeln.

Als Hoffenheim in der zweiten Halbzeit tiefer spielte, verloren sie ihre Stärken gegen Herthas Offensivprobleme. Mit einem Abwehrpressing ließen sie die Hertha in die eigene Hälfte und luden sie zu verstärktem Aufrücken ein. In den 15 Minuten nach der Halbzeitpause lautete die Schussstatistik 4:0 aus Hertha-Perspektive; eine dramatische Änderung.

Nach gut einer Stunde spielte Hoffenheim wieder etwas aktiver und Hertha hatte die üblichen Probleme, obwohl Luhukay mit der Einwechslung Stockers für Hosogai sehr offensiv wechselte. Ronny ging auf die Doppelsechs neben Niemeyer und übernahm dort gar den tieferen Part, Stocker ging dafür in die Offensivreihe. Gegen Hoffenheims wieder höheres Pressing gab es trotzdem kein Vorbeikommen. Die folgenden sehr offensiven Wechsel Herthas führten letztlich zu erhöhter Instabilität und Hoffenheims viertem Tor, die das Spiel dann souverän herunterspielten.

Fazit

Ein verdienter Sieg für Hoffenheim, denen der Spielverlauf natürlich in die Karten spielte. Dennoch waren sie die klar bessere Mannschaft und die drei Punkte sind gerechtfertigt, die Hertha enttäuschte in allen Belangen in einem mittelmäßigen Spiel, welches Hoffenheim souverän dominierte.

Benni 21. Dezember 2014 um 18:21

Eine Hoffenheim-Analyse, danke! <3
Hast du zufällig mehr Spiele von uns gesehen und kannst mir erklären, warum ausgerechnet die Benders Kryptonit für unser Mittelfeld sind?

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