Ein totales 3-3-4 gegen ein spanisches 4-4-2

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Wir blicken wieder nach Spanien auf das Hipstersympathieteam Rayo Vallecano. Dort hat sich nämlich Trainer Paco Jemez einmal mehr etwas Verrücktes einfallen lassen. Doch wegen individueller Unterlegenheit, etwas Pech und einzelnen taktischen Problemen verlor man gegen Espanyol. Interessant war es trotzdem, denn Rayos Spielweise war herrlich unorthodox. Ganz im Gegensatz zu Espanyol. 

Espanyol im 4-4-2/4-4-1-1

Auf die SV-interne Nachfrage, was ich mir denn beim heutigen Spiel zwischen Rayo und Espanyol von Letzteren erwarten könne, antwortete mir Allroundexperte TR nicht besonders aufgeregt. Sie hätten ein relativ simples 4-4-2, lassen den Zehnerraum in der Offensive oft verwaisen, füllen ihn nur situativ, haben zahlreiche Mannorientierungen und sind insgesamt eine Standardmannschaft ohne größere Auffälligkeiten oder Besonderheiten. Alles in allem entsprach diese Beschreibung auch der Realität, auch wenn einzelne Umformungsbewegungen und die Wechselwirkungen Espanyols mit Rayos besonderer Staffelung einige interessante Situationen erzeugten.

Besonders interessant war die Kompaktheit Espanyols, die anscheinend keinen festen Gesetzen zu gehorchen schien – und in der Vertikale deutlich besser als in der Horizontale war.

Kompaktes und mannorientiertes 4-4-2 am eigenen Strafraum

Kompaktes und mannorientiertes 4-4-2 am eigenen Strafraum

In dieser Szene sehen wir zum Beispiel, wie enorm kompakt Espanyol am eigenen Strafraum werden konnte. Sie hatten natürlich den Vorteil, dass Rayo schon zu Beginn den obligatorischen individuellen Torwart-Abwehr-Kommunikationsfehler einbaute, um in Rückstand zu geraten. Das macht Rayo oft und gerne. Espanyols 4-4-2 ist in dieser Situation zwischen Abwehr- und Mittelfeldlinie massiv verengt. Der Zwischenlinienraum existiert eigentlich nicht mehr, stattdessen gibt es einfach ein riesiges Loch vor Mittelfeld und Angriff. Die beiden Stürmer Espanyols warten vorne auf einen Konter und geben Tiefe. Rayo hingegen greift an, bewegt sich viel im Zwischenlinienraum, wodurch sie aber Zurückfallen der Mittelfeldspieler Espanyols provozieren – zumindest in Strafraumnähe.

In höheren Situationen sah es wiederum anders aus. Hier gab es durchaus passable und normale Abstände zwischen Espanyols Abwehr- und Mittelfeldreihe. Damit stand Espanyol einigermaßen gut gestaffelt in der Vertikale, obgleich die horizontale Kompaktheit häufiger zu wünschen übrig ließ. Das hatte allerdings ebenfalls mit Rayo zu tun. Nominell hatte Rayo nur einen Flügelspieler und das waren die Flügelstürmer. Diese gaben meist in der letzten Linie Breite und zogen die Außenverteidiger Espanyols auseinander, während Espanyols Flügelstürmer oft im luftleeren Raum hingen, die Außenverteidiger unterstützten oder in die Mitte einrückten. In obiger Szene stehen beide Flügelstürmer nahe an den eigenen Außenverteidigern und helfen beim Doppeln des Gegenspielers. Passender wäre stattdessen, wenn der gesamte Mittelfeldblock im Verbund intensiver und positionsorientierter zum Ball geschoben hätte.

Nichtdestotrotz war Espanyol aber durchaus stabil. Die Flügelbewegungen waren trotz mangelnder Organisation am interessantesten, besonders wenn solche Situationen daraus entstanden.

334 vs 442 flügelschief

334 vs 442 flügelschief

Hier sehen wir Rayo Vallecano im 3-3-4 stehen. Der ballnahe Flügelstürmer orientiert sich nach vorne und geht etwas in Richtung Rayos Halbverteidiger, der ballnahe Außenverteidiger verfolgt den Flügelstürmer Rayos mannorientiert. Ballfern spielt man positionsgetreu. Hätte Espanyol durchgehender so gespielt und den Raum zum Ball hin noch näher verengt, wären womöglich zahlreiche Chancen durch verstärkte Kontereroberungen herausgesprungen. Die formative Umformung selbst war aber durchaus ansehnlich, wie man hier auch auf der gegenüberliegenden Seite sehen kann.

325 vs 442herausrückend

325 vs 442herausrückend

Ballnah wird herausgeschoben, die Kompaktheit zwischen Abwehr- und Mittelfeldreihe ist allerdings das Wichtigste und wird fokussiert, um Rayos zahlreiche Spieler im Zwischenlinienraum nicht zu öffnen. Mit fortschreitender Spieldauer wurde Espanyol aber immer 4-4-1-1iger und nutzte den hängenden Stürmer, um vermehrt den Sechserraum abzusichern.

334 vs 4411

334 vs 4411

Man sieht also: Obwohl Espanyol weitestgehend ein simples Team ohne große Besonderheiten ist, haben sie einige nette taktischen Aspekte durch ihre Mannorientierungen und herausrückenden Bewegungen an den Tag legen können. Und man sieht in den Bildern auch schon, dass Rayo trotzdem die viel lässigere Mannschaft war.

Ein variables 3-3-4

Was macht man, wenn man die drittmeisten Gegentore der Liga bekommt, individuell klar unterlegen ist, seit jeher als Abstiegskandidat gilt und einen der kleinsten Etats der Liga hat? Natürlich, man muss offensiver spielen. Wenn es im 4-2-3-1 nicht klappt, weil man im letzten Drittel häufig zu strategisch unpassenden Aktionen gezwungen wird, muss man eben einfach alles komplett umkrempeln. Rayo tut dies, indem sie aktuell mit der wohl positionell flexibelsten Mannschaft spielen, die ich persönlich jemals in der modernen Ära gesehen habe – inklusive Guardiolas Mannschaften. Rein von der Formation her war das 3-3-4 wohl eine Mischung aus einem 3-3-2-2 und einem 3-2-2-3.

Leo Baptistao und Bueno spielten als Mittelstürmer, doch Bueno ließ sich halblinks häufiger zurückfallen. Ähnliches war dahinter der Fall, wo Raúl Baena als linker Sechser (wenn 3-2-2-3 als Grundformation) beziehungsweise zentraler Sechser (wenn 3-3-4 als Grundformation) immer wieder nach hinten zwischen Halb- und Innenverteidiger abkippte. Jozabed spielte halbrechts als Achter/Sechser und besetzte häufig die Mitte, wenn Baena abkippte, wurde dabei aber vom halblinken Achter Pozuelo unterstützt. Alex Moreno und Gael Kalkuta auf den Flügelstürmerpositionen gaben Breite, in der ersten Linie schoben die Halbverteidiger (und gelernten offensiven Außenverteidiger) Insua und Quini immer wieder in Richtung Auslinie, Tito besetzte die Mitte.

Das Abkippen in der Mitte stellt ein 4-3-3 bei Rayo her.

Das Abkippen in der Mitte stellt ein 4-3-3 bei Rayo her, welches enorm ballorientiert ist.

Die Variabilität in den Bewegungen war aber enorm. Wie schon erwähnt gab es oft klare 3-3-4-Staffelungen, wo Jozabed und Pozuelo als Achter spielten, Baena den abkippenden Sechser machte und ganz vorne vier Spieler in einer Linie agierten. Dabei bildeten Mittelstürmer und Flügelstürmer auf einer Seite je ein Pärchen, um miteinander kombinieren zu können und ein Loch in die Mitte der Viererkette Espanyols zu reißen. Pozuelo schob aber häufiger unterstützend vor, Jozabed hielt sich hier etwas zurück und es entstanden 3-2-2-3-Staffelungen.

Davon aber nicht genug: Die Halb- und auch Innenverteidiger Tito schoben immer wieder nach vorne, rückten oft ins Mittelfeld oder spielten extrem breit. Baena balancierte das. Er fiel zurück, tauschte mit Tito die Position, sicherte die Halbverteidiger ab oder erzeugte eine Viererkette. Jozabed tat dies zwar auch vereinzelt und sehr selten sogar Pozuelo, meistens war es aber Baenas Rolle. Einige Male kippten sogar zwei Spieler ab, wodurch Fünferketten entstanden.

So sieht eine Dreierkette aus. Und noch eine Dreierkette davor. Rayo verteidigte also häufig im 3-3-4.

So sieht eine Dreierkette aus. Und noch eine Dreierkette davor. Rayo verteidigte also häufig im 3-3-4.

Trotz des Rückstands konnte Rayo dadurch zu vielen Chancen kommen, erspielte sich ein Übergewicht gegen das eigentlich stabile Espanyol und war die bessere Mannschaft. Rein taktisch waren sie massiv überlegen, zeigten zahlreiche starke Kombinationen und gute raumöffnende Bewegungen, auch wenn diese häufig unsauber und nicht immer harmonisch waren; was teilweise an der individuellen Schwäche und dadurch unpassenden Fehlpässen oder Ballverlusten lag. Darum verlor man letztlich auch. Neben einem weiteren individuellen Fehler und einem Konter Espanyols waren es auch technische Unsauberkeiten im letzten Drittel, welche letztendlich die Aufholjagd stoppten und für die 1:3-Niederlage sorgten. Für den Fußball- und für den Taktikfan war es dennoch eine angenehme Partie, in der sich Rayos 75% Ballbesitz und 16:7 Schüsse nicht bezahlt machen sollten. Ansehnlich ist es aber trotzdem.

Danke an Laola1.tv für das Bildmaterial!

Gh 21. Dezember 2014 um 09:13

Finde in diesem Spiel hat man trotz des Ergebnisses gut sehen können, welche Vorteile das Positions- und Ballbesitzspiel für individuell nicht so starke Teams besitzt. Obwohl einige Spieler nicht ihren besten Tag hatten, hat sich Rayo permanent Chancen herausspielen können. Danke für die Analyse.

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Mario 21. Dezember 2014 um 03:17

In welcher Formation hat Rayo verteidigt? Aus dem Bild5 würde ich auf ein 4-2-4. Falls sie auch im 3-3-4 verteidigt haben. Wie haben sie die Lücken geschlossen? Breite 3-Kette in der Abwehr und davor eine enge Mittelfeldkette?

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RM 21. Dezember 2014 um 12:52

Pendelten zwischen 3223, 334, 352 und 424/433. Flügelstürmer ließen sich manchmal zurückfallen und unterstützten, die Halbspieler im Mittelfeld gingen manchmal heraus und manchmal die Halbverteidiger, wo sich dann der zentrale Sechser situativ zurückfallen ließ, um Räume zu schließen. Also so wie in der Offensive eigentlich.

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Mario 22. Dezember 2014 um 20:15

Danke

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