Taktiktrends der Weltmeisterschaft 2014

Diese Weltmeisterschaft bot dem Freund der Taktik und auch des spektakulären Spiels einiges. Es war (und ist) eine WM der Artenvielfalt, in welcher sich viele kleinere Trends aus dem Vereinsleben abzeichneten, aber auch neue Sachen durch den globalen Charakter der Weltmeisterschaft ins Auge stachen.

Der eindrücklichste Trend dieser Weltmeisterschaft war zum Beispiel etwas, das man in Deutschland kaum zu Gesicht bekommt.

Großer Trend Nummer 1: Dreierketten, Fünferketten, pendelnde Viererketten

Das Dogma der Viererkette ist weltweit vorherrschend. Zwar spielen sehr viele Teams mit unterschiedlichsten gruppen- und mannschaftstaktischen Varianten der Viererkette, doch das Spiel mit vier Verteidigern, die gemeinsam ballorientiert verschieben, gehört zum Standard im Hochleistungssport. Bei dieser Weltmeisterschaft gab es allerdings die Rückkehr (oder Entwicklung) zur Fünferkette. Diese Fünferkette war aber nicht immer eine klare Kette, sondern variierte von Team zu Team.

Eine Szene, bei der Spanien mal schneller vorwärts kam. Silva geht unsauber in den Freiraum, Aranguiz und Vidal kommen im Sprint zurück. Symptomatisch: Busquets und Iniesta nicht involviert. Silva wird zum Schluss von Vidal gefoult.

Bisschen Dreierkette.

Chile beispielsweise agierte am ehesten mit einer Dreierkette. Die Flügelverteidiger spielten zwar gelegentlich auf einer Höhe mit dem Innen- und den Halbverteidigern, bewegten sich aber sehr häufig komplett isoliert im Verschieben von den zentralen Akteuren. Sie gliederten sich dann ins Mittelfeld ein oder spielten isoliert aus der Mannschaft als Manndecker, während sie ballfern bestimmte Räume besetzten, ohne wirklich in einer Kette mit den Innenverteidigern zu spielen. Darum ist Chiles Ausrichtung als 3-4-1-2 oder 3-4-3, auch gegen den Ball, meist am besten beschrieben gewesen.

Bei Costa Rica hingegen war es eher eine Fünferkette, die genutzt wurde. Hier verschoben die fünf Akteure nicht nur in einer Reihe, sondern auch durchgehend gemeinsam ballorientiert. Wenn der Flügelverteidiger nach vorne rückte und presste, dann verschoben die restlichen Spieler hinterher, füllten die Räume und besetzten mit relativ ähnlich bleibenden horizontalen Abständen die Räume dahinter. Desweiteren hielt sich das Herausrücken der Flügelverteidiger in Grenzen und sorgte auch dafür, dass sie meist in einer Fünferreihe oder gar direkt auf einer Linie standen. Uruguay spielte ebenfalls auf diese Art und Weise, wobei bei Costa Rica die flexiblen Herausrückbewegungen – auch zentral – noch häufiger waren und für mehr Variabilität sorgten, desweiteren spielten sie intensiver in ihren Bewegungen.

Beispielhafte Szene für das Herausrücken der Verteidiger.

Beispielhafte Szene für das Herausrücken der Verteidiger bei Costa Rica.

Bereits in der ersten Szene eine mustergültige Demonstration aller italienischen Probleme. Chiellini wird vom Pressingkeil abgeschnitten, Cavani stellt Pirlo zu, Italiens vier Spieler werden von sieben Gegnern zugeschoben. Breite und horizontale Verbindungen generell sind nicht vorhanden. Chiellini legt den Ball unambitioniert auf Marchisio rüber, dessen Lupfer auf Balotelli wird problemlos geklärt.

Uruguay in der Fünferkette.

Die Mexikaner waren im Verschiebeverhalten wiederum anders; sie agierten eher als pendelnde Viererkette. Zentral standen häufig vier oder fünf Spieler in einer Linie, doch wenn der ballnahe Spieler herausrückte, zeigte sich, dass er aus dem Kettenverhalten eigentlich isolierbar war. Der ballferne Außenverteidiger hingegen war das nicht, er bewegte sich mit den drei zentralen Verteidigern und bei Herausrücken des ballnahen Flügelverteidigers im Pressing blieb kurzzeitig eine Viererkette inklusive Viererlinie übrig. Hatte der Gegner im Zentrum den Ball, dann spielten sie zwar tiefer und wie erwähnt mit fünf Spielern auf einer Linie, doch prinzipiell hatten sie bei den Flügelangriffen eine Viererkette und einen ballnahen Pressingspieler, der Zugriff zu erzeugen versuchte.

Mexiko offensiv, Niederlande defensiv

Mexiko offensiv, Niederlande defensiv

Sonderfälle waren die Niederlande von Louis van Gaal und Alejandro Sabellas Argentinien zu Beginn in der ersten Partie gegen Bosnien. Ein klar erkennbares und konstantes Verschiebeverhalten ist bei beiden Teams selten zu sehen gewesen; bei den einen war dies aber durchaus positiv, bei den anderen negativ. Die Albiceleste war das Negativbeispiel. Sie hatten prinzipiell eine pendelnde Viererkette aus einer Fünferlinie heraus, doch ballfern war das Einrücken bisweilen unsauber und es gab eine leicht zonale Mannorientierung des ballfernen Flügelverteidigers. Teilweise entstanden dadurch Bewegungen wie in Dreierketten. In dieser Dreierkette rückten die zentralen Spieler situativ heraus, was wegen mangelnder Absicherung und unpassenden Folgebewegungen sehr instabil war und trotz „zu Nulls“ in der Halbzeit ad acta gelegt wurde. Bis heute haben sie das nicht mehr genutzt bei dieser WM – auch im Finale ist diese Formation nicht zu erwarten.

Die Niederlande hingegen wechselte schlichtweg häufig ihre Verantwortungsbereiche und Bewegungsmuster. In einzelnen Partien und Spielphasen hatten sie eine Fünferkette oder spielten auch mit pendelnder Viererkette über längere Zeiträume, wo ballnah extrem aggressiv mannorientiert verteidigt wurde und sich der Spieler somit aus der Kette herausisoliert, während ballfern der Flügelverteidiger raumorientiert spielte. Meistens gab es aber viele Mannorientierungen, teilweise sogar in ballfernen Räumen und dadurch entstand sogar ansatzweise eine Dreierkette, je nach Mannorientierungsintensität. So gab es einzelne Momente, wo die herausrückenden Flügelverteidiger nicht von den Halbverteidigern oder den selbst erzeugten Druck abgesichert waren, sondern über die diagonal zurückfallenden Sechser mit klaren 3-4-Formationen in der Defensive, die allerdings zentral häufig offen, aber durch die drei Innenverteidiger abgesichert waren.

Und einige Male generierten die Niederländer durch ihre Mannorientierungen auch ganz seltsame Staffelungen wie das kurzzeitige 6-3-1 gegen die Argentinier (hier noch schöner), ein 4-3-3 durch einen vollständig herausgerückten und aus der Kette herausisolierten Halbverteidiger (meist Martins Indi) oder eine komplett offene Mitte, die trotzdem irgendwie nicht bespielt werden konnte (liebe Leser, hier einen lustigen Begriff über Listigkeit oder verschrobene Genialität  und Louis van Gaal als Hashtag kombinieren).  Diese Flexibilität gab es aber generell bei dieser Weltmeisterschaft häufiger zu beobachten.

Großer Trend Nummer 2: Das 4-2-3-1 ist tot, es lebe … alles andere? Ein Hoch auf die Variabilität

4-2-4 gegen 4-2-4 gab es in den 60ern, 4-3-3/1-3-3-3 gegen 4-3-3/1-3-3-3 dominierte in den 70ern, 3-5-2/5-3-2 gegen 3-5-2/5-3-2 erlitten die Zuschauer mehrmals in den 80ern und 4-4-1-1/4-4-2 gegen 4-4-1-1/4-4-2 war häufig das gängige formative Duell in den 90ern und 2000ern. Natürlich gab es immer wieder Ausnahmen oder Ligen, wo sich andere grundlegende Staffelungen etablierten. Dennoch setzte sich in den letzten Jahren das 4-2-3-1 eigentlich weitestgehend bei sehr vielen Mannschaften durch. Bei der vergangenen Weltmeisterschaft gab es zahlreiche Partien, wo zwei einander ähnliche 4-2-3-1-Formationen aufeinandertrafen. Diese Weltmeisterschaft hingegen bricht damit.

4-1-4-1, 4-3-3, 4-2-4, 4-4-2, 4-5-1, 5-4-1, 5-3-1-1, 4-3-2-1, 4-3-1-2, 5-3-2, 5-2-3 und 3-4-3: Das sind so viele Zahlen in einer Reihe, dass man direkt instinktiv nach einem „x“ sucht, auch wenn es vielleicht nur das rechts oben im Eck ist. Aber all diese Formationen konnte man bei dieser Weltmeisterschaft beobachten, sie wurden auch von unterschiedlichen Mannschaften gespielt und die Trainer dieser Mannschaften veränderten ihre Grundausrichtung häufig im Turnier oder sogar während der Spiele.

Grundformationen

Chile mit Zweierkette

Chile hatte beispielsweise gegen Australien eine Viererkette, die man aber vermutlich sogar als Zweierkette bezeichnen könnte; später stellten sie auf ein 3-4-1-2 um, welches aber gegen Spanien, gegen Brasilien und gegen die Niederlande jeweils anders von den Abläufen gehandhabt wurde. Deutschland passte ebenfalls das Pressing häufig an, spielten mal 4-3-3, mal 4-1-4-1, mal 4-4-1-1 und mal veränderten sie ihre Formation in der Situation selbst durch die Bewegung (sh. Analyse zum 7:1). Die Amerikaner warteten mit ihrem asymmetrischen 4-1-4-1-Pressing auf, in welchem ein Achter etwas höher spielte als der zweite, wodurch sie quasi eine Raute in ihrer Formation versteckten.

Natürlich gab es auch hier Mannschaften, welche mehr oder weniger in jedem Spiel das Gleiche und sehr Standard spielten (Ecuador) oder nur leicht und simpel anpassten (Kroatien, Belgien), alles in allem zeigten aber auch viele vermeintlich kleinere Mannschaften, dass sie taktisch und durchaus auch spielerisch aufgeschlossen haben. Am auffälligsten waren hierbei die Algerier, welche die Gruppe als Außenseiter überstanden und sogar Deutschland lange Zeit gewisse Probleme machten; von Chile, Costa Rica und Kolumbien ganz zu schweigen. Oder auch Uruguay: Sie spielten beispielsweise nach der Integration Lodeiros in die Stammelf auch mit einem sehr interessanten 5-3-1-1/5-2-2-1/5-2-1-2-System, in welchem sie dessen Bewegung für eine interessante Asymmetrie und Herausrückbewegungen nutzten.

In unserem WM-Spielplan kann man übrigens mehr zu den Teams und ihren Anpassungen nachlesen, wir haben zu jeder Partie exklusive Brasilien gegen Chile und Argentinien gegen Iran (Beschwerdemails an mr[at]spielverlagerung[dot]com).

Großer Trend Nummer 3: Mannorientierungen und Individualfokus

Es gab aber nicht nur positive taktische Trends bei dieser Weltmeisterschaft, sondern auch einige, die man eher skeptisch beäugen darf. Sehr viele Mannschaften bauten zahlreiche mannorientierte Elemente in ihre eigentliche Raumdeckung ein oder spielten teilweise nahezu mit einer kompletten Manndeckung. Abermals sind hier die Niederländer zu nennen, welche häufig mit unterschiedlichen Umsetzungen der Mannorientierungen und einer insgesamt eher tieferen, kompakten Ausrichtung das gegnerische Aufbauspiel zerstören konnten. Aber auch viele andere Mannschaften nutzten unterschiedliche Mannorientierungen oder Mischformen aus Mann- und Raumdeckung.

Bei Argentinien rückte zum Beispiel der Sechser neben Mascherano ebenso häufig mannorientiert nach vorne, wie die Außenverteidiger und Flügelstürmer. Auch die Brasilianer versuchten mit ihrem hohen Chaospressing durch viele Mannorientierungen Zugriff zu erzeugen, während die Algierer mit einer konsequenten Umsetzung dieser Spielweise ebenfalls relativen Erfolg feiern konnten.

Die vielfach gesehenen Mannorientierungen deuten in gewisser Weise aber auch auf einen zugenommenen Fokus auf das Individuum hin; das Gewinnen von 1-gegen-1-Situationen war bei vielen Mannschaften in zahlreichen Situationen elementar, auch wenn sie durch das kollektiv nach wie vor genutzte ballorientierte Verschieben und die Mischung mit einer Raumdeckung ausreichend gut abgesichert und unterstützt wurden. Dennoch zeigte sich dieser Fokus auch offensiv: Zahlreiche Mannschaften konzentrierten sich auf die Leistungen ihrer Einzelspieler und die Unterstützung dieser.

505 Mannorientierungen

5-0-5-Staffelung bei der Niederlande durch die Mannorientierungen

Bei Argentinien sind Di Maria und Messi in der Offensive und Mascherano gegen den Ball solche fokussierten Spieler, bei Brasilien Neymar (mit Balancespieler Oscar) und Thiago Silva, bei Bosnien Dzeko und Pjanic, bei Kroatien die Flügelstürmer und Rakitic, usw. usf. Wie sowas aber kollektiv gemacht werden kann, das zeigten die französische und deutsche Rollenverteilung. Hier wurden die Bewegungsabläufe innerhalb der Formation an die jeweiligen Fähigkeiten der Spieler angepasst; Pogba und Matuidi spielen auf der Doppelacht ebenso asymmetrisch wie Kroos und Khedira, ebenso wie die Flügelstürmer und Außenverteidiger angepasste Rollen haben.

Kleiner Trend Nummer 1: Die Einbindung der Außenverteidiger

Abgesehen von den oberen drei Punkten ließen sich nur schwer klare Trends im Nationalmannschaftsfußball erkennen; auffällig waren dennoch ein paar weitere Aspekte. Die Rolle der Außenverteidiger variierte beispielsweise. Schienen bei den letzten Weltmeisterschaften die Außenverteidiger fast nur entweder passiv Breite zu geben oder aktiv über die Flügel durchzubrechen, ist dieses Mal das Spektrum bedeutend größer.

Marcelo auf links bei Brasilien spielte häufig als Spielgestalter und wurde in bestimmten Spielen so eingesetzt, bei den Niederländern war Kuyt als Flügelverteidiger fast schon eine Ein-Mann-Flexibilitätsmaschine, der diagonal, linear und sehr offensiv oder sogar passiv im Halbraum und leicht spielgestaltend agierte, obwohl er die Position eigentlich nicht kannte. Bei Deutschland wurde über die „Innenverteidiger als Außenverteidiger“ häufig negativ berichtet, doch das Problem war eher, dass die Einbindung und die potenziellen Möglichkeiten einer solchen Spielweise nicht ordentlich genutzt wurden oder werden konnten.

Generell ist diese Ausrichtung potenziell interessant, es ist aber schwierig konstant die bestmöglichen Synergien dieser Spielweise zu erzeugen. So wäre auch im Aufbau viel möglich, zum Beispiel durch tiefe Rückfallbewegungen der Außenverteidiger und flexiblere Bewegungen der Innenverteidiger sowie des Torwarts; bei Deutschland mit Neuer und Hummels hätte man das beispielsweise interessant nutzen können. In höheren Zonen wäre es desweiteren möglich, dass man durch die Aufrückbewegungen enorm präsent und nahe am Sechserraum absichert, durch die Folgewirkungen einen sehr hohen Staffelungsdruck erzeugt und natürlich durch unterschiedliche Positionierungen im eigenen Angriffsspiel den gegnerischen Außenverteidiger wegzieht (Bernards Orientierungslosigkeit bei dem 7:1).

Spielen sie aber konstant wie beidseitig nur halb-aufrückende Außenverteidiger, dann ist die zusätzliche defensive Absicherung nicht ordentlich gegeben, ballnah werden die Räume nicht sauber geöffnet und im ersten Umschaltmoment ist für den Gegner zu viel Raum zur Geschwindigkeitsaufnahme möglich, weil das Gegenpressing nicht passend umgesetzt wird. Diese Ausrichtung ist also nicht per se schlecht, sondern potenziell gut, aber schwierig einzubinden. Nebenbei spielten auch die Belgier mit einer ähnlichen Spielweise ihrer Außenverteidiger.

Vor dem 0:3:

Bernard ist so verwirrt, dass da ein Innen- als Außenverteidiger spielt, dass er vergisst, wie man Fußball spielt.

Kleiner Trend Nummer 2: Die Entwicklung der Torhüter

Eine ähnliche Variabilität konnte man bei den Torhütern betrachten, wobei sich hier nur ein Trend durchsetzt, den es schon seit Jahren gibt: Die Torhüter sehen sich selbst immer mehr als Feldspieler. Claudio Bravo, Hugo Lloris, Jasper Cillessen, Sergio Romero und Manuel Neuer sind mitspielende Torhüter, wenn auch teilweise mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Charakteristiken. Sogar Tim Howard hat sich im Herbst seiner Karriere stärker in Richtung eines mitspielenden Torwarts entwickelt, während einige andere wiederum bis heute eher den klassischen Torwarttypus vertreten; Iker Casillas und Julio Cesar entsprechen diesem Bild noch.

Aber es wird wohl Mode werden, dass die Torhüter nicht nur auf der Linie enorm stark sind, sondern entweder in allen Bereichen sehr solide und stabil sind (Courtois, Ochoa und Keylor Navas z.B.), in einzelnen Bereichen sehr fokussiert eingebunden werden, wie beim Herauskommen (Hugo Lloris) oder dem Mitspielen mit dem Fuß (Claudio Bravo), oder schlichtweg generell in nahezu jeder Eigenschaft überragen (Manuel Neuer). Die reinen Linienschnapper, welche nur auf der Linie und im Fünfmeterraum größere Stärken besitzen, sterben aber WM für WM aus.

Manuel Neuers Heatmap; Rechte liegen bei Squawka.

Kleiner Trend Nummer 3: Erhöhte strategische Flexibilität

Neben den taktischen Anpassungen finden sich bei dieser Weltmeisterschaft auch grundsätzliche strategische Veränderungen. Gibt es eine Mannschaft, von der man sagen würde, sie hat in jedem Spiel in jeder Spielphase die gleiche Strategie verfolgt? Die Spanier kamen auf nur knapp über 60% Ballbesitz, für ihre Verhältnisse ein wohl relativ geringer Wert. Deutschland, Japan, Argentinien und Italien komplettieren die Top-5 der Ballbesitztabelle.

Deutschland? Gegen Brasilien phasenweise, gegen Frankreich über längere Zeitdauer und auch in der Gruppe spielten sie immer wieder für längere Zeit tief und konzentrierten sich eher auf das Konterspiel. Argentinien? Sie gelten bisweilen als defensivste Mannschaft seit dem Ausscheiden der Griechen, halten den Ball eigentlich dennoch selten aus Defensivgründen, sondern zirkulieren lediglich tief und greifen mit Unterzahlkontern an. Bislang spielt die Alibiceleste also in gewisser Weise den erfolgreichsten Minimalistenfußball dieser Weltmeisterschaft, trotz (und nur partiell wegen) des hohen Ballbesitzes.

Die Niederlande, Frankreich, Kolumbien oder auch die extrem auf Dominanz und Intensität ausgerichteten Chilenen wechselten ihre strategische Ausrichtung je nach Situation und Spielen, in einzelnen Phasen wich sogar Costa Rica phasenweise von ihrem Spielstil ab und hielt den Ball über längere Phasen. Die Höhe und Grundstruktur des Pressings oder die grundsätzliche Art anzugreifen wurden ebenfalls von den meisten Teams häufig gewechselt. Einen grundlegenden Spielstil, ob Konter oder Ballbesitz, konnte man weder insgesamt bei dieser Weltmeisterschaft noch innerhalb einzelner Mannschaften beobachten.

Fazit

Abgesehen von diesen Aspekten lässt sich kaum ein klarer taktischer Aspekt festmachen, der verstärkt in den Fokus geraten ist. Doch neben der Taktik gab es einige andere Dinge, welche ins Auge stachen: Die vielfältigen unterschiedlichen Spielrhythmen und Rhythmusveränderungen fand ich subjektiv überproportional häufig vorhanden. Das Spiel Kolumbien gegen Brasilien in der ersten Halbzeit und noch einige andere Spieler in Ansätzen gehörten für mich beispielsweise zu den beeindruckendsten Dynamiken, die ich jemals in einem Fußballspiel gesehen habe. Zahlreiche Partien veränderten sich auch häufig im Spiel selbst, insbesondere in der zweiten Halbzeit und in den Schlussphasen. Generell schien diese Wechselwirkung aus Taktik, Taktikpsychologie und Psychologie unter teilweise extremen Bedingungen in Brasilien stärker in den Fokus zu geraten.

Ansonsten lässt sich konstatieren: Die Fußballwelt ist im Wandel. Sie verändert sich zu einer farbenfroheren, vielfältigeren Welt und das kann man nur positiv sehen, auch wenn es einige schwache Partien gab, mehrere enttäuschende Mannschaften und viele taktische Probleme, welche auch zeigen, dass der Nationalmannschaftsfußball letztlich doch hinter dem Klubfußball liegt. Trotzdem ist die Weltmeisterschaft einmalig, denn ihr globaler Charakter bringt häufig neue Komponenten und Denkstrukturen zum Vorschein, welche dann in „besserer“ Art und Weise vom Klubfußball adaptiert und weiterentwickelt werden. Man darf gespannt sein, ob die Dreier- oder Fünferkette z.B. auch in Deutschland oder England ihre Rückkehr feiern.

bydy2 21. Dezember 2014 um 16:36

Apropos rauslaufende Keeper…erinnert ihr euch noch an René Higuita? Hatten seine Methoden auch einen taktischen Hintergrund, oder war er einfach nur verrückt?

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RM 21. Dezember 2014 um 17:10

Der war top! Hatte auch taktische Effekte, die sehr positiv waren.

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Rurane 17. Juli 2014 um 12:22

Eine Frage an die Crew von Spielverlagerung: Wird es zur WM auch wieder ein SV-All Star Team geben, ähnlich wie zur Euro 2012?

Dieses Team würde mich sehr interessieren, da sonstige Teams, beispielsweise von Sky Sports, der BBC oder wem auch immer, doch sehr ähnlich sind und ich meine zu erkennen, dass oftmals der Name bzw. vergangene Leistungen Grund für die Nominierung waren und nicht die tatsächliche Leistung während des Turniers.

Vielen Dank.

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MR 17. Juli 2014 um 17:58

Wird es geben, aber so viele Überraschungen werden da wohl nicht dabei sein. Um einige großen Namen wie James, Neuer, Hummels, Neymar und so kommt man nur schwer vorbei.

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Ron 17. Juli 2014 um 18:08

Es können ja auch nicht alle potentiell herausragenden Spieler ein schlechtes Turnier unter ihren Möglichleiten spielen. 😉

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king_cesc 18. Juli 2014 um 10:17

Oder einfach eine Hipstar-Elf mit den neuen Lieblingen nach der WM von SV

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Fred 20. Juli 2014 um 02:54

Thumbs up für diese Idee 🙂

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Koom 16. Juli 2014 um 10:52

Nicht wirklich ein Trend, mehr eine Beobachtung:

Löw steuerte die Spielweise seiner Mannschaft bzw. einzelner Positionen durch die Besetzung. Nehmen wir mal das Prachtbeispiel Höwedes. Er spielte keinen IV auf einer AV-Position, sondern ging AV-typisch regelmässig nach vorne, beteiligte sich am Spielaufbau (so gut es ging). Ich denke, wir sind uns einig, wenn man sagt, dass diese Aufgaben Durm oder Großkreutz genauso hätten erfüllen können (wenn nicht sogar besser).

Allerdings: Die Sichtweise auf das Spiel ist anders. Wo Durm (gelernter Stürmer) und Großkreutz (gelernter Offensiver) bei einem Spielzug vermutlich eher die Optionen sehen, wo sie sich offensiv beteiligen sollten, sieht Höwedes vermutlich primär die Lücken, die er mit Stellungsspiel abdecken sollte. Löw wollte also einen AV, der vor allem defensiv dicht macht und dort nichts anbrennen lässt (schönen Gruß an Marcelo).

Ideallösung? Vermutlich nicht. Aber für die Vorgehensweise eines Nationaltrainers, der eben nicht einen Spieler ein halbes Jahr jeden Tag im Training hat und ihm was einbimsen muss, die zielführendste Vorgehensweise.

Für den Ligenfußball kann man dafür eher schlecht was ableiten. In Sachen Nationalmannschaften ist es aber eine nette Beobachtung.

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FAB 14. Juli 2014 um 14:16

Mit dem Untergang des 4231 geht ja auch einher, dass die Konzentration auf einen klassischen Mittelstürmer kaum mehr zu sehen ist. Die Stars der WM sind Hybridspieler, die aus der Tiefe kommen, egal ob James, Robben, Müller usw.
Ein Spielzug mit dem Ziel zum Torabschluss zu kommen, muss viel früher vorbereitet werden. Bereits bei Balleroberung entscheidet sich, ob Aussicht auf eine Torchance besteht oder nicht. Der Fussball ist dynamischer geworden, wodurch es die Systeme mit relativ festgelegten Strukturen wie das 4231 schwerer haben.
Man kann es auch so formulieren, das 4231 wurde soweit perfektioniert, mit individuell starken Innenverteidigern und sehr guten Mittelfeldstaffelungen bzw. Pressing, das er nicht mehr erfolgreich ist.
Egal welche Systeme sich nun in Zukunft durchsetzen, Dreier- oder Viererkette, wie die Rolle der Außenverteidiger interpretiert wird usw. Der modernen Fussball wird dynamischer werden, die Spieler müssen taktisch flexibler ausgebildet und auch eingesetzt werden. Ich könnte mir vorstellen, dass zukünftig viele Mischsysteme entstehen, das während dem Spiel Umstellungen und Rhythmuswechsel stattfinden, dass einzelne Spieler während den Spiel unterschiedliche Rollen einnehmen.
Das ist alles eine Frage der Ausbildung der Spieler mit hoher Flexibilität und Eigenverantwortung. Müssen solche flexiblen Systeme von einem Trainer akribisch geplant werden und im Training eingeübt werden oder kann es auch sein, dass die Spieler auf dem Platz sich den Begebenheiten anpassen und relativ eigenmächtig ihre Strukturen verändern?
Ist dann die Rolle des Trainer die des Domteurs, der die Spieler wie Marionetten herumschiebt oder ist der Trainer ein Coach, der die Spieler nur berät?
Das ist für mich die spannendste Frage, wie sieht in Zukunft die Rolle des Trainers aus? Was die beiden Finaltrainer (Löw und Sabella) auszeichnet ist, dass sie (zumindest erscheint es mir so) den Spieler hohe Eingenverantwortung zugestehen, das die Vorgaben nicht zu detailliert sind, sondern das sie wohl mehr beraten, sozusagen Tipps und Hinweise für das Spiel geben.
Dagegen stehen Trainer wie van Gaal oder von den Vereinstrainern auch Guardiola oder Klopp, die wohl sehr detaillierte Vorgaben machen … Ich bin sehr gespannt, wie sich das entwickelt. Meine Hoffnung ist aber die, dass sich die Dynamik nochmal weiterentwickelt und dass es Trainer zunehmend schwer haben den „Matchplan“ zu entwickeln und zunehmend gezwungen werden, den Spielern freien Lauf zu lassen.

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HW 15. Juli 2014 um 18:59

Wobei neben Robben van Persien spielte und neben Müller Klose.

Es gibt recht typische Sturmduo-Kombinationen. Man stellt selten zwei identische Spielertypen auf, sondern eher einen Strafraumspieler mit einem mobilen vorbereitenden Stürmer, oder einen Zielspieler mit einem schnellen zweiten Stürmer. Das Geheimnis ist wohl die richtige Kombination zu finden und bei Bedarf auch mal einen Spieler draußen zu lassen.

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FAB 16. Juli 2014 um 11:16

Stimmt bei den erfolgreichen Mannschaften: GER ARG NED BRA gab es immer ein Stürmerduo: Klose/Müller Higuain/Messi van Persie/Robben Fred/Neymar. Wobei immer der zurückgesetzte Stürmer die Hauptrolle spielt und der offensivere Stürmer hauptsächlich Struktur gibt, die Verteidiger nach hinten zieht und Pressingaufgaben übernimmt. Er ist also nicht mehr der klassische Torjäger, auf den das Spiel ausgerichtet ist.
Spontan fällt mir nur Chile ein, die gänzlich ohne Stürmer spielen, wobei Deutschland in den Spielen ohne Klose ja auch ohne eindeutigen Stürmer gespielt hat.
Ich glaube mit der Systemvielfalt, der weiter zunehmenden Dynamik sind die eher statischen, begrenzten Positionen wie Mittelstürmer, aber auch Außenverteidiger auf dem Prüfstand. Ich könnte mir vorstellen, dass beides zunehmend in das Mittelfeldspiel integriert wird und die Aufgaben weniger klar abgegrenzt werden.
Meine Prognose ist einfach die, dass in nicht mehr allzuferner Zukunft eine Unterscheidung 352, 433 usw. immer schwieriger wird, weil sich die Aufgaben zunehmend vermischen und zunehmend im Spiel verändern könnten.
Wichtiger wird dann wieder die Rollenbeschreibung der einzelnen Spieler sein, wie z.B. Khedira der ein Strukturspieler ist, der in die Mittelstürmerposition läuft um dem Aufbauspiel Tiefe zu geben, ähnliches hat auch Vidal bei Chile gemacht. Genauso könnte es Spieler für die Struktur in der Breite geben, wobei diese Aufgabe eben nicht auf die Außenverteidiger festgelegt sein muss. Daneben gibt es dann halt Balancespieler, die sich weniger an das Spielfeld orientieren, sondern an bestimmte Mitspieler, wie Arranguiz für Chile, der die Bewegungen von Vidal ausgeglichen hat. Bei Ballbesitzmannschaften kommen dann eben noch Aufbauspieler hinzu, wie Kroos für Deutschland, im Prinzip auch Mascherano bei Argentinien … Natürlich gibt es Überschneidungen bei den Aufgaben.
In welcher Formation sich diese Spieler dann zueinander stellen, spielt dann keine Rolle mehr, wenn es keine eindeutige Grundformation mehr gibt, sondern diese häufiger im Spiel verändert wird, weil die Mannschaft sie je nach Spielsituation (Verteidigung/Angriff), Gegner bzw. Spielstand ausrichtet.

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Koom 16. Juli 2014 um 10:59

Ich glaube nicht daran, dass der Fußball im wesentlichen dynamischer werden wird. Ich befürchte ein Stück weit eher eine Rückentwicklung beim Großteil der Mannschaften.

Persönlich denke ich, dass die 3/5er-Kette (mit Libero-Variation) spätestens in der 2. Saisonhälfte sehr häufig ausgepackt werden wird. Es ist einfacher, damit effektiv zu verteidigen und die WM hat dieses Modell auch medial und bei den Fans wieder saisonfähig gemacht, weil es jetzt „modern“ ist. Wir werden also gerade von eher schlechteren Teams diese Defensive sehen, vorne wird auch dann, wie bei den meisten WM-Teams dieser Marschrichtung, der liebe Gott helfen müssen (oder auch da verstärkt auf Standards trainiert werden).

Kann mir gut vorstellen, dass wir eine sehr torarme Bundesligasaison haben werden, geprägt von eher destruktivem Defensivfußball.

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Grabbe 13. Juli 2014 um 20:18

Zwei Anmerkungen/Fragen:
1. Wenn du Ochoa unter „in allen Bereichen sehr solide und stabil“ verbuchst: Meinst du da mit ‚Bereichen‘ nur ‚klassisches Torwartspiel‘ vs. ‚modernes Torwartspiel‘, oder tatsächlich alle Bereiche, in die sich ein Torwart zu einteilen lässt (Rauslaufen, 1gg1, Weitschüsse, Strafraumbeherrschung, Spielaufbau etc.)? Falls Letzteres würde ich nämlich nicht zustimmen: Memo mit Riesen-WM, natürlich, und einer meiner Lieblingsspieler, aber das ist für mich einer der unausgeglichensten Keeper des Planeten: 1gg1 und besonders Reflexe große Weltklasse, aber Fernschüsse gehen gar nicht. Das ist schon kein Zufall, dass der die letzte WM nicht im mexikanischen Tor stand und ’nur‘ nach Ajaccio gewechselt ist…

2. Die Rhythmuswechsel fand ich auch beeindruckend. (Nach dem 1. Gruppenspieltag hatte es der Begriff ja mal kurz in alle Kommentatorenkabinen geschafft.) Mir erschien es immer so, als ob die 1. Halbzeit nahezu Vollgas gegeben wurde, möglichst was ergebnistechnisch bei rauskam, und sich die zunächst unterlegene Mannschaft spätestens in der 2. Halbzeit durch nachlassende Intensität ins Spiel zurückbringen konnte. Ich bin da leider nicht so gebildet, aber habe mich häufig gefragt, ob es wirklich an der Intensität lag, oder einfach gute Umstellungen gemacht wurden…

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Dr. Acula 12. Juli 2014 um 23:19

Klasse Artikel, gefällt mir!
kleine Rechtschreib Korrektur: im Absatz zu den mannorientierungen muss es heißen „gesehenen“, statt „gesehen“.

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mh 12. Juli 2014 um 22:07

Da isses wieder: Taktikpsychologie 😉
Marketingtechnisch ein echter Coup, aber mit dem Begriff kann ich nix anfangen…

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RM 12. Juli 2014 um 22:12

Marketingtechnisch? Als ob, eher das Gegenteil 😀
Ich mache da mal einen taktiktheoretischen Artikel dazu.

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Rasengrün 13. Juli 2014 um 12:14

Das wäre begrüßenswert. Ich gelobe auch keinerlei Grundsatzdiskussionen am Rande anzuzetteln, mich dann von anderen Dingen ablenken zu lassen und auf NImmerwiedersehen zu verschwinden.

Davon ab: Schöne Zusammenfassung, nix zu meckern, nur die souveräne Schnoddrigkeit in einigen Passagen zu loben.

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mh 13. Juli 2014 um 13:10

Mach das! Kannst mich gern vom Gegenteil überzeugen 😉

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Kurt C. Hose 17. Juli 2014 um 17:59

Ein theoretischer Artikel über Taktikpsychologie? Ich unterstütze den Vorschlag! 😀

Als langjährigerm Leser und als Psychologe ist mir der Begriff natürlich auch öfter mal ins Auge gefallen. Ich verstehe das bisher so, dass in Abgrenzung zu den „psychologischen“ (manchmal auch: mentalen) die sogenannten „taktikpsychologischen“ Aspekte einer Spielsituation diejenigen sind, die nicht aus der Situation des Individuums (zB Stress unter unmittelbarem Gegenspielerdruck, körperliche Erschöpfung, usw.) sondern aus der „taktischen Situation“ heraus entstehen.

Eine taktische Situation umfasst stets eine „mannschaftliche“ (bzw. „mannschaftsteilige“) Komponente: Daher kommen in taktikpsychologischen Situationen verstärkt gruppenpsychologische Aspekte ins Spiel oder anders gesagt: komplex strukturierte relationale Wechselwirkungen der Akteure. Taktikpsychologische Überlegungen kommen wie alle psychologischen Überlegungen somit nicht ohne Annahmen über gruppen- und individualpsychologische Prozesse der Beteiligten aus.

Taktische und taktikpsychologische Situationen werden durch högscht vielfältige Parameter bestimmt und wirken über psychologische Individual- und Gruppenprozesse selbstrückbezüglich wiederum auf die taktische Situation: Sie sind daher per Definition dynamisch.

Das einfachste Beispiel für einen taktikpsychologischen Parameter ist der Spielstand. Führung oder Rückstand führen zu einer gemeinsamen gruppenpsychologischen Situation aller Spieler der betreffenden Mannschaft. Im weiteren ergeben sich daraus taktische Konsequenzen zB über individuelle Stärken (zB im Konterspiel) oder veränderte Positionen (zB höhere Stellung).

Auch in kleineren taktischen Gruppen wie Mannschaftsteilen oder in situativen Gruppen treten taktikpsychologische Gruppenphänomene auf. Von entsprechend begabten Spielern können sie sogar aktiv beeinflusst werden, wenn die Spieler ihre Beziehungen zu den Mit- und Gegenspielern benutzen. Beispielsweise können Spieler den Gegner in einen bestimmten Raum „mitziehen“, durch Positionsspiel mehr Breite oder Tiefe geben, den Rhythmus verändern, Gegnerzugriff und Abstände variieren und so wiederum die taktische Situation beeinflussen.

Taktikpsychologische Phänomene beeinflussen also durch psychologische Prozesse die taktische Situation innerhalb derer sie geschehen. Auf gruppen- als auch auf indivudualpsychologischer Ebene kann dies ebenso bewusst/absichtsvoll wie auch unbewusst/intuitiv geschehen. Die Psychologie legt nahe, dass es sich tatsächlich überwiegend um intuitiv-unbewusste Informationsverarbeitungsprozesse handelt (diese überwiegen sehr weitgehend). Diese können jedoch mittels verhaltensanalytischer Methoden abgebildet und der bewussten Analyse zugänglich gemacht werden.

tl;dr
Sogenannte „taktikpsychologische“ Phänomene beschreiben psychologische Wechselwirkungen der Akteure auf dem Spielfeld. Diese Beziehungen sind komplex. Daher sind taktikpsychologische Phänomene zunächst als hypothetische Konstrukte des Taktikpsychologengehirns zu betrachten. Dieser versucht, die Konstrukte durch Spielanalysen zu validieren. 😉

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Vanye 12. Juli 2014 um 17:08

Ich weiß nicht, ob das nur ein Trend bei den deutschen Gegnern war, aber es gab viele Mannschaften, die extrem schnelle Leute auf den Flügeln hatten und dann mit weiten Bällen hinter die Außenverteidiger versucht haben, das Zentrum zu überbrücken. Zumindest gegen Deutschland war das ein gutes Mittel, um das Pressing und den Kampf um zweite Bälle in der Mitte zu umgehen. Bei Portugal (Ronaldo), Ghana (Ayew und Atsu), USA (Johnson, Beasley) und Algerien (Slimani) war es klar zu sehen, bei Frankreich etwas weniger. Meistens ging es dann vom Flügel direkt nach innen, denn die Zeit der Flankengötter ist wohl schon seit längerem vorbei (außer in Belgien).

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BBaum 12. Juli 2014 um 16:39

“ … 3-5-2/5-3-2 gegen 3-5-2/5-3-2 erlitten die Zuschauer mehrmals in den 80ern … “ – riesengroßes LOL, wie wahr, wie wahr

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Micoud 12. Juli 2014 um 10:57

Das Pronomen/Zahlwort „einiges“ schreibt man klein. Ist eine Kleinigkeit, aber es sticht im ersten Satz doch sehr unangenehm ins Auge.

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PB 12. Juli 2014 um 10:39

Genialer Artikel. Nicht nur inhaltlich top, sonder auch was den Unterhaltungswert angeht 😉

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Soulcollector 12. Juli 2014 um 09:57

Ein Trend dieser WM ist sicherlich auch der ziemlich starke Fokus auf Fouls und Zweikämpfe. Vielleicht mag es da diese FIFA Anweisung gegeben haben. Aber ich würde behaupten der hohe Fokus auf Mannorientierungen und 1:1 Situationen führt zwangsläufig zu mehr Zweikämpfen weil die Spieler nunmal schon eng beeinander stehen.
Man muss abwarten ob die Zweikämpfe dann in den Ligen und der CL wieder härter bestraft werden als bei dieser WM, dann könnte es dazu führen, dass die Mannorientierungen wieder weniger werden.

Die Variabilität der Teams bei der WM finde ich dagegegn schon sehr überraschend, damit meine ich nicht das Spektrum an Formationen sondern die Flexibilität der einzelnen Teams über das ganze Turnier bzw. auch über ein Spiel. Eine WM ist nunmal ein Turnier und demzufolge werden Fehler deutlich stärker bestraft. In der Liga kann man auch mal ein paar Spiele eine neue Spielidee testen und damit mal 1-2 Spiele verlieren und Fehler ausbessern etc.
Selbst in der CL hat man zu Beginn 6 Gruppenspiele von denen man mal 1 oder 2 verlieren kann. Bei der WM geht das nicht und deshalb war ich bisher der Meinung, dass so viel Flexibilität bei Nationalmannschaften kaum möglich ist weil man eben wenig Zeit in der Vorbereitung hat und es kaum testen kann. Ich finde es aber auch sehr postiv, dass das anscheinend doch möglich ist.

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Anne G. 12. Juli 2014 um 08:31

Wie immer seid ihr spitze wenns um taktikanalyse geht ,-)…bezüglich dem Unterschied zwischen Clubfussball und Nationalmannschaftsfussball, da macht ihr ja einen (Gottseidank, denn diese ganzen Stammtisch-Vollhorsts bezüglich Fussball und Politik (ihr-wisst-schon-was-ich-meine sollte man tunlichst ignorieren wie Trolle) wäre es nicht besser in Turnieren wie WM und EM oder Confed Cup etc. mal Turnierfussball dazu zu sagen? Das die taktik und die Strategien nie so elaborat und ausgetüftelt sein können wie im Clubfussball ist ja jedem hier klar, der hier mitdiskutiert! Dazu passt auch folgender Vergleich den ich in der Süddeutschen gelesen hab: Ein Fussballturnier ist imemr so eine Art Wettkampf, welcher Trainer und Mannschaft am besten mit einem lecken Boot am schnellsten übern See kommt bevor sie absaufen. Dinge wie Improvisation, teamgeist und taktik und das richtige Paar Hammer und Nägel sind dabei gefragt. Vielleicht auch der Grund dafür das LvG mal wieder krachend gescheitert ist, er ist einfach kein Turniertrainer im gegensatz zu anderen Trainern im Turnier. Ein Nationaltrainer bzw. Turniertrainer muss und kann auf ganz andere Sachen zurückgreifen als ein Clubtrainer. Pep Guardiola könnte ich mir nie als Turniertrainer vorstellen z.B. Wann gibts denn eigentlich die Vorschau zu #GERARG?

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jayjay05 12. Juli 2014 um 09:15

LvG ist also „krachend gescheitert“? Im Halbfinale ein Elfmeterschießen zu verlieren ist also das totale Scheitern? Und das ist dann auch gleichzeitig der Nachweis, dass der Trainer kein Turniertrainer ist?
Und warum sollte Guardiola kein Turniertrainer sein können? Denkst Du, es fehlt ihm an Intelligenz sein Handeln entsprechend umzustellen?
Welcher Trainer hat denn deiner Meinung nach „Hammer und Nägel“ für ein Turnier? Woran machst Du so etwas fest? An Ergebnissen?
So viel mal zu den „Stammtischvollhorsts“…;-)

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Anne G. 12. Juli 2014 um 09:29

hey, so war das doch nicht gemeint, gleich so loszupoltern…..ich mag Pep Guardiola als Trainer total gerne und mit spielverlagerung.de hab ich auch richtig Spass an Clubfussball Taktiken und Strategien bekommen und schätze deswegen auch alle: Pep Guardiola, LvG, Klopp, Ancelotti, Jupp Heynckes usw. Dazu ist dieses Blog doch da 😉 LvG hatte Pech bei der WM, wie gesagt da Elfmeterschiessen eben Elfmeterschiessen ist, das ist alles, und er ist ein Spitzen Clubtrainer, das hab ich auch nie anders gemeint. Ich wies lediglich drauf hin das es eben diesen Unterschied zwischen Club- und turnierfussball gibt und spielverlagerung.de das auch so sieht. Bezüglich dem WM Turnierverlauf und wer am Ende als Trainer und Mannschaft gewinnt, das sehen wir dann im Maracana in Rio. In einem Turnier kann so viel unerwartetes passieren, deswegen tun wir uns den Rummel vorm Fernseher doch alle 4 Jahre wieder an 🙂 …..

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Duke van Hudde 12. Juli 2014 um 12:03

Für mich muss ganz klar ein Nationaltrainer ganz andere Stärken haben wie ein Verienstrainer und ein guter Vereinstrainer muss sicher nicth ein guter Nationaltrainer sein.

Reden wir mal über Pep(Ich mag seine Spielweise absolut nicht und finde das die schlimmste und langweiligste Spielweise der letzten 20 Jahre, aber sie kann Erfolgreich sein)
und seine Spielweise.

Für diese Spielweise braucht man bestimmte Spieler die besimmte Qualitäten haben und Vereine wie Barcelona und Bayern kaufen dann passend Spieler ein wenn ihnen dafür 2-3 Leute fehlen. Genau das geht aber in der Nationalmanschaft nicht. Von daher Pep hätte viellecith vor 4 Jahren mit Spanien den Titel holen können, aber ich bezweifel stark das er 98 mit Frankreich, 2002 mit Brasilien oder am bestne noch 2006 mit Italien den Titel geholt hätte. Wie weit er mit Kolumbien oder Chile bei dieser WM gekommen wär will ich auch nicht drüber nachdenken. Als Natinaltrainer muss ich auch immer mit den Material arbeiten was da ist und für diese Spieler die optimale Taktik ausarbeiten.

Dazu gibt es einen anderne Punkt der Nationalmanschaften viel spannnder macht wie haeufig Vereinsfussball. Es gibt kleinere Nationen die haben dann doch in ihren Team mal schnell 2-3 Weltstars und der Rest ist halt durchschnittliche Spieler , aber sie können um diese Weltstars dann eine passende Taktik aufbauen. Im Vereinsfussball kann sowas quasi nicht passieren den nach einen Jahr wo ein Spieler den Ansatz eines Weltstars zeigen würde wird der Spieler weggekauft. Genau dieses macht für mich den Reiz aus bei einer WM.

Das man bei einer WM daher mehr taktische Ideen sieht ist für mich daher eigentlich klar. Den fast jede Manschaft hat ihre eher schwachen Spieler drin die man verushcen kann gezielt unter Druck zu setzen

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Gatling 12. Juli 2014 um 12:42

Dass van Gaal im VF und AF nicht genügend spielerische Mittel fand, die Partien vor dem Elferschießen zu entscheiden ist schon offensichtlich. Ich meine er hat die Mannschaft jeweils zu defensiv eingestellt – in beiden Spielen.

Dass er aber „krachend gescheitert“ sein soll ist mal der allergrößte Blödsinn.
Wieso:
– nur zwei Jahre Trainer der Elf gewesen
– keine EM/WM- Trainererfahrung

was ihm aber vor allem hoch anzurechnen ist:

bis auf van Persie, Robben und Sneyder ist Holland pointiert eine Gurkentruppe gewesen.

Von den 11 Stammspielern haben nur die drei und vielleicht noch De Jong größere internationale Erfahrung. Der weitere Kader spielt mehrheitlich bei Ajax und Feeynord oder bei Durchschnittsvereinen im Ausland.

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Gatling 12. Juli 2014 um 12:48

sollte heißen „im VF und HF“ anstatt „VF und AF“

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Henner Michels 13. Juli 2014 um 03:09

@Gatling

Das niederländische Team eine Gurkentruppe?
Was ist mit Torwart Cillesen, Allrounder Kuyt, Vlaar, Blind. Alles Gurken?

Sie sind wirklich dieser Meinung?

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HW 12. Juli 2014 um 09:41

Ich denke das Problem der Nationalmannschaften ist der Unterschied der Herausforderung von der Qualifikation bis zum Turnier.

Man spielt ca. 1,5 Jahre Quali und dort ist der Leistungsunterschied groß. Sicher verpassen auch große Teams mal ein Turnier, aber eigentlich sind auchdie Engländer, Schweden usw. gegen 60% der Gegner klarer Favorit und oft eher unterfordert. Wenn man dann zum Turnier kommt, ist die Quali wertlos. Plötzlich ist die Taktik und Spielerauswahl mit der man sich noch problemlos qualifiziert hat ungeeignet.
Dazu kommen noch Freundschaftsspiele in denen getestet werden kann.

Die Aufgabe eines Nationaltrainers ist es also nicht nur sein Team zu qualifizieren, sondern in den zwei Jahren vor einem Turnier das Team auch für das Turnier vorzubereiten.
Leider vergessen das ein paar Verbände, und auch die Zuschauer. Als Nationaltrainer muss mehr sehr vorausschauend arbeiten. Natürlich arbeiten auch Vereine mit Strategien für die nächsten 3 bis 5 Jahre. Aber ein Nationaltrainer hat einen anderen Rhythmus. Er hat mehr Zeit für die „Schreibtischarbeit“, Analysen usw. Er muss im Zweijahresrhythmus denken, ohne zu wissen welche Spieler dann in Form oder verletzt sind.

Man kann natürlich nur die Turniere betrachten und in der, für nur sieben Spiele lange, für eine Fußballmannschaft kurze, Turniervorbereitung von ca. 4 Wochen eine Mannschaft formen. Wenn man aber eine Mannschaft schon während der Qualifikation auf das Turnier vorbereitet, ist man deutlich im Vorteil. Auch durch die eindeutige Philosophie einzelner Vereinsmannschaften, musste Spanien vor den letzten Turnieren nie taktisch bei Null anfangen.

Platini hat diese seltsame Nationenliga vorgeschlagen/eingeführt, weil mittlere und kleine Verbände angeblich Probleme bei der Vermarktung von Freundschaftsspielen haben. Dabei löst diese Konzept das eigentlich Problem nicht. Anstatt der Freundschaftsspiele, bei denen man sich Gegner aussuchen oder einkaufen kann, werden die europäischen Teams in Leistungsgruppen zusammengefasst und spielen unter ihresgleichen eine kleine Qualifikation aus. Die bisherige Qualifikation bleibt aber auch bestehen.
Experimentiermöglichkeiten gibt es kaum noch, Trainer kleinerer Teams werden noch mehr am Erfolg in der Quali oder Nationenliga gemessen anstatt ein Team zu entwickeln.

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Anne G. 12. Juli 2014 um 09:53

Stimmt. ich habe die Quali davor vergessen, die es ja auch gibt…..Interessant finde ich auch dazu, das ein Nationaltrainer (haste recht, Turniertrainer kann man dann nicht dazu sagen also bleibts dabei das wir nationaltrainer sagen 🙂 ganz anders planen muss und soll als ein Clubtrainer. Da kommt’s auch auf Kommunikationsfähigkeiten und Vermitteln auf allen Ebenen an. Da fällt mir grad ein Blogbeitrag ein, den ich kürzlich gelesen habe, in dem ein fussballbegeisterter Personaler und Coach mal ein Nationalteam unter diesen Aspekten analysiert hat. Also leadership qualitäten, interne Kommunikation, Abläufe, Einbringen der Mitarbeiter etc. War ganz spannend.

Also Nationenliga, was soll das denn? Als ob es nicht schon genug Spieleinsätze für Spieler und Trainer gäbe…ist ja eh schon an der Grenze inzwischen. Finde ich absolut, jedenfalls nach meiner Meinung, überflüssig.

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HW 12. Juli 2014 um 10:28

Diese UEFA Nations League soll die Freundschaftsspiele ersetzen. Angeblich kommt es nicht zu einer zusätzlichen Belastung. Wenn aber Play-Offs für ein paar EM-Plätze gespielt werden sollen, dann sehe ich eine Mehrbelastung.
Der springende Punkt ist die zentrale Vermarktung durch die UEFA (Platini, der alte Franzose), das gibt es bei Freundschaftsspielen bisher nicht.

Was wohl ein deutscher UEFA Präsident für Projekte anstoßen würde?

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Morimont 12. Juli 2014 um 15:31

Es ist halt nicht so richtig durchdacht, weil das Problem der Mehrbelastung nicht berücksichtigt wird bzw. das Geld an anderer Stelle fehlt, wenn 20er Ligen auf 18 Vereine reduziert werden müssten.
Eine Debatte über den Qualifikationsmudus, den zu ändern ja die Alternative wäre, wird es aber kaum geben, solange die UEFA-Spitze die kleinen Verbände als Teil ihrer Hausmacht braucht. Sportlich sind CONMEBOL, wo es keine wirklichen Kleinen gibt und CONCACAF mit ihrer Endrunde im Vorteil, weil sich ihre WM-Teilnehmer damit großenteils Qualispiele ersparen, die für die Entwicklung der Mannschaften nichts bringen.

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HW 12. Juli 2014 um 20:26

Nicht durchdacht oder bewusst ignoriert?

Morimont 13. Juli 2014 um 00:09

Bewusst ignortiert in Bezug auf die Belastung, nicht durchdacht in Bezug auf den Qualifikationsmodus.

HW 13. Juli 2014 um 09:13

Ich unterstelle der UEFA hier einfach, dass sie die zentrale Vermarktung forcieren will. Und alles andere wird hinten angestellt. Dass aus den Freundschaftsspielen eine Quali wird, dass es am Ende mehr Spiele geben wird.
Im Sommer ist zu viel fußballfreie Zeit. Die FIFA hat vor einem WM Jahr den Confed Cup eingeführt. Die UEFA wird sich ein Playoff-System einfallen lassen.


HW 12. Juli 2014 um 08:26

Zunächst freue ich mich über diesen Artikel, weil rund um ein Ereignis, wie die WM immer viel Aufwand bei der Vorberichterstattung betrieben wird, aber wenig bei der anschließenden Analyse für die öffentlichkeit. Wie wäre es mit einem SV Heft nach einem Turnier?

Den Tod des 4-2-3-1 sehe ich nicht, zumindest nicht allgemein. Es ist aber so, dass es momentan keine Formation gibt, der sich die Trainer fast dogmatisch verpflichtet fühlen. Man sieht auch in den nationalen Ligen eine große Bandbreite. Das 4-2-3-1 hat sich nun etwas versteckt, was mMn auch daran liegt, dass die Mannschaften ihren eigenen Stil gefunden haben und damit das System anpassen. Da spielt dann auf der 10 kein klassischer Spielmacher (weil Land X einfach keinen hat), und schon sieht das nach ne 4-4-1-1 aus. Oder man presst mehr und steht plötzlich im 4-1-4-1 auf dem Feld. Die Grundidee des 4-2-3-1, Kontrolle im Mittelfeld und Zwischenlinienraum, ist so aktuell wie eh und je.

Die erhöhte Mannorientierung ist ein Resultat des Pressings. Steht man tief ist es einfach den Raum zu beherrschen. Da aber mehr Teams früh stören, müssen sie die Gegner aktiv angreifen anstatt passiv zu stellen.

Bei den Außenverteidiger sehen wir glaube ich, dass die Trainer den Spielern jetzt Rollen geben, die ihren Stärken entsprechen. Warum einen Spieler zum eindimensionalen Flügelflitzer machen, wenn er kreatives Potential hat?
Bei Dirk Kuyt war, aufgrund seiner Physis, eigentlich klar, dass er für die Rolle des Wingback geeignet ist. Er war nie ein Strafraumstürmer und es gut zu sehen wie variabel manche Spieler sind.

Die strategische Flexibilität hat vor allem Deutschland gut getan. Vor 4 Jahren war das noch ein reines Konterteam. Und wenn auch Kritiker sagen, 2010 war das schon attraktiver Fußball und Ballbesitz würde keinen Erfolg garantieren, so erkennt man doch, dass die Fähigkeit von Spiel zu Spiel und in Spielen die Strategie zu verändern ein enormer Vorteil ist, den Deutschland jetzt hat. Ballbesitz ist kein Ziel, aber Rhythmuskontrolle ist der entscheidende Punkt. Man kann schnell vorstoßen, man kann aber auch den Ball zirkulieren lassen. Man man pressen oder passiver verteidigen.
Holland, als eines der taktisch flexibelsten Teams ist vielleicht gerade in dem Augenblick gescheitert, in dem sie das Risiko scheuten und das Spiel nicht offen gestalten konnten. Oder Argentinien war einfach zu gut.

Da bei dieser WM weniger Karten gezeigt wurden (wir wissen alle warum) und mehr Tore gefallen sind als 2010, wird sie als WM des Offensivfußball betrachtet werden. Zum Teil stimmt das, Spanien und Italien fehlte wie einigen anderen Teams die Durchschlagskraft. Andererseits waren auch ein paar Minimalisten recht erfolgreich, z. B. Griechenland, und einige Teams sehr körperbetont am Werk.
Wenn es aber um den Titel geht, dann steht mit Argentinien ein Team im Finale, dass eindeutig von der Kontrolle lebt. Und auch Deutschland hat, obwohl ihre Abwehr als Schwachpunkt angesehen wird, einige Gegentore erst kurz vor Spielende kassiert. Die Defensive gewinnt Titel ist also kein veraltetes Prinzip.

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DH 12. Juli 2014 um 03:00

Das Argument mit den Mechanismen finde ich sehr einleuchtend,
Ich hab mir nun auch mal die durchschnittlcihe Spielerpositionierung angeschaut: Gegen FRA kann man in der Tat gar keinenfalls von einer Dreierkette sprechen (da waren wir aber auch quasi 70 Min. in der Defensive gebunden), gegen Brasilien sieht das aber schon ganz anders aus: http://www.whoscored.com/Matches/843548/MatchReport
Aber Brasilien war natürlich auch ein Spiel, das jeder statistischen Erhebung durch den Spielverlauf trotzt.

Vielleicht war da auch der Wunsch Vater des Gedankens. Deutschland wäre in einer Dreier-/Fünferkette sehr viel besser aufgehoben, wenn wieder alle an Bord sind.

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DH 12. Juli 2014 um 02:03

Ich frage mich ja schon seit dem Frankreich-Spiel, ob Deutschland seit Lahms Rückversetzung auch mit Dreierkette nach chilenischem Vorbild spielt. Ich mein, Lahm spielt doch per Definition viel höher als Höwedes, die erste Grafik („Bisschen Dreierkette“) könnte doch quasi 1:1 Deutschlands Defensive Vier zeigen. Oder irre ich mich da?

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blub 12. Juli 2014 um 02:10

Ne, das ist keine Dreierkette. Ist auf dem Feld klar zu erkennen. der Kettenmechanismus mit den 4 spielern ist klar vorhanden. passt auch sonst von der Raumaufteilung garnicht.

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hegel 12. Juli 2014 um 02:13

özil als linker wingback wäre aber eine lustige vorstellung 😀
(ich mag özil, wer diesen kommentar zum anlass nimmt, rhetorisch auf ihn einzuprügeln, wird mit meiner verachtung gestraft.)

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tomci 16. Juli 2014 um 12:21

Özil hat im Offensiverhalten irgendwie schon eine Seite, die zum Wingback passen würde, seine Tendenz den Ball tief in der eigenen Hälfte zu verlangen/sich zum dynamischen Doppelpassspiel anzubieten. Außerdem fehlt ihm ja so ein bisschen die Größe/Kopfball-/Zweikampfstärke, was ihn theoretisch auch für die Seitenpositionen prädestinieren könnte. Seine extreme Pressingresistenz im verzögernden Ballbesitzspiel wäre dort aber verschenkt, und auch seine Dynamik entwickelt er ja auch immer am besten im Kombinationsspiel, was am besten mit vielen Anspielstationen ringsum (=zentrales Mittelfeld) gegeben ist. Es wird drauf ankommen, dass er einfach mental ein wenig mehr Stärke entwickelt um entweder zum eiskalten Vollstrecker, geduldigen Ball-Behaupter oder am besten beidem zu werden. Bei dem Überangebot bei Arsenal, wenn Khedira jetzt auch noch im Mittelfeld mit von der Partie ist, könnte ich mir aber tatsächlich vorstellen, dass Özil öfters links außen spielt. Glaube aber, dass Wenger weiß, dass er dort nicht so gut wie Cazorla/Podolski &co mit niedrigen Einsatzzeiten, verändertem Anforderungsprofil (mehr Torgefahr und Pressing verlangt) klarkommen würde. Sehe ihn auf jedenfall erstmal als Stamm-10 mit Arteta und Khedira/Ramsey/Wilshere dahinter, Cazorla, Giroud, Sanchez davor. Wenn er das nicht innerhalb weniger Wochen zu Gold macht, holen sich Wilshere, Cazorla, Rosicky oder Ramsey ganz schnell seine Position. Sehe ihn bei AFC schon in der pole position wie gesagt, aber vom Typ her sind Wilshere und Ramsey Kroos ähnlicher, der in Kombination mit Khedira ja „ganz gut“ funktionierte, um es gelinde auszudrücken. Beim DFB würde seine Position noch mehr unter Druck geraten, falls er sich nicht durchsetzt..

Aber wenn er sich auch bei AFC gerade im Zentrum keinen Platz findet, sich auf dem Flügel aber bewährt hätte er paradoxerweise evtl. sogar noch bessere Karten, da das ja jetzt die Position ist, auf der er schon mal Weltmeister geworden ist ?? Könnte ihn mir schon als deutsche Antwort auf den geduldigen Iniesta-Flügelstürmer vorstellen. Obwohl, natürlich, sehe auch gerade links Leute wie Reus oder Draxler mit noch mehr Vorteilen im Torzug, individuellen Dribblings, Pressing..

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blub 16. Juli 2014 um 17:20

Also ganz im ernst: Özil ist wingback ist sowas wie Per Mertesacker als falsche neun. Maximire alle schwächen und minimiere alle stärken.

Arsenal hat jetzt aber alle möglichkeiten. die doppelbesetzung mit zentral-akteuren auf außen und özil in der mitte fand ich potentiell ziemlich sexy. sie haben aber auch genügend Lineare oder kreative flügelakteure um da anch bedarf zu besetzen, jeweils mit giroud oder einem schnelleren stürmertypen für die mitte. mit khedira ist noch ne option für box-to-box hinzu gekommen(neben ramsey und wilshere).

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tomci 17. Juli 2014 um 10:02

Gnabry, oxlade, diaby koennten ausgeliehen werden, wenn Khedira kommt, Rosicky verkauft werden.. Arsenal hätte selbst für Wengers Verhältnisse ein Überangebot an MF Spielern..

Soulcollector 12. Juli 2014 um 09:32

Die höhere Positionierung hat er eigentlich nur im Offensivspiel, also bei eigenem Ballbesitz. In der defensiven Grundordnung erkennt man schon deutlich, dass er in der 4er Kette agiert.

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Magic_Mo 12. Juli 2014 um 01:22

Herausragender Artikel, danke dafür! Um es mit RMs eigenen Worten zu beschreiben: Einfach lässig.

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Pelle Lundkvist 12. Juli 2014 um 00:32

Hallo, vielen Dank für den interessanten Artikel!
Aber mit Raul Bravo ist doch Claudio Bravo gemeint, oder?

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a_me 11. Juli 2014 um 23:17

„Bernard ist so verwirrt, dass da ein Innen- als Außenverteidiger spielt, dass er vergisst, wie man Fußball spielt.“ – sensationell 😀

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