Donnerstag, 08.12.2016

Vorschau: Kolumbien – Uruguay

Auch die zweite Partie des Tages ist ein südamerikanisches Duell mit vielen Fragezeichen. In der WM-Qualifikation gelang beiden Teams je ein zu-Null-Sieg.

Die Vorzeichen des Duells zwischen Kolumbien und Uruguay sind merkwürdig durcheinander: Uruguay war in den letzten Jahren das bedeutend erfolgreichere Team und kam bei der letzten WM bis ins Halbfinale, während Kolumbien das erste Mal seit den Neunzigern teilnimmt. Kolumbien überzeugte im aktuellen Turnier aber deutlich mehr und zeigte sich auch in der Qualifikation bereits als das stärkere Team. Allerdings könnte Uruguays jüngster Systemwechsel die Kräfteverhältnisse beeinflussen und das letzte Aufeinandertreffen in der Qualifikation verloren die Kolumbianer 0:2. Damals waren sie aber fast schon sicher qualifiziert und der sehr schwache Zuniga-Ersatzmann Stefan Medina war an beiden Gegentoren beteiligt. Das erste Quali-Spiel gewann Kolumbien mit 4:0 – das ist aber fast zwei Jahre her.

Die diversen Anfälligkeiten Uruguays

Taktisch gesehen hat Kolumbien auf den ersten Blick die Nase deutlich vorn. Uruguay demonstrierte beim sehr engen Weiterkommen in der Gruppe eine Reihe großer Probleme. Zum einen ist ihr Spielaufbau sehr limitiert. Gerade durch das Zentrum geht wenig, da mit Arevalo Rios ein sehr defensiv ausgerichteter Sechser die strategisch wichtigste Position besetzt. Kolumbien demonstrierte gegen die Elfenbeinküste und vor allem Griechenland, dass sie solche zentralen Schwachpunkte gnadenlos fokussieren können und Angriffe über die Flügel gut im Griff haben.

Zudem ist die Stammformation der Tabarez-Elf auch defensiv nicht so recht stabil gewesen. Das nominelle 4-4-2 wurde durch den herausrückenden Achter Lodeiro immer wieder zum 4-1-3-2. Arevalo Rios verteidigte als alleiniger Sechser dann jedoch sehr mannorientiert und es ergaben sich große Lücken, besonders in den Halbräumen. Die kombinationsstarken Kolumbianer dürften in der Lage sein, diese Räume auszunutzen. Vor allem die rechte Seite zeigte gegen die Elfenbeinküste eine sehr gute Halbraumnutzung. James Rodríguez ist in seiner Freirolle ein guter Raumsucher und kann sowohl kombinativ als auch im Dribbling eine eventuelle Manndeckung knacken.

Personelle und taktische Fragezeichen

Nach der Sperre von Luis Suarez und dem Systemwechsel im letzten Gruppenspiel ist aber ungewiss, ob man Uruguay in diesem 4-1-3-2-haften System sehen wird. Oscar Tabarez hat diverse Aufstellungsmöglichkeiten, die relativ gleichwertig erscheinen. Das 4-1-3-2/4-4-2 mit Stuani oder Forlan als Suarez-Ersatz ist eine davon. Zudem wäre ein 4-2-3-1 mit Lodeiro als Zehner, Stuani rechts und Gargano als zweiten Sechser möglich. Das wäre eine recht ausgewogene Wahl, die nicht all zu anfällig sein dürfte, aber wohl gegen Kolumbien auch nicht wirklich viel herausreißt.

Mögliche Konstellation mit Kolumbiens Stammformation und Uruguays neuem 5-3-1-1.

Mögliche Konstellation mit Kolumbiens Stammformation und Uruguays neuem 5-3-1-1.

Dann ist da noch das 5-3-1-1 aus dem Spiel gegen Italien, welches eher eine Anpassung an die Italiener war, aber so stabil funktionierte, dass Tabarez es beibehalten könnte. Auch hier könnten Forlan oder Stuani direkter Ersatz für Suarez sein. Forlan könnte etwas mehr Kreativität auf die Zehnerposition bringen und Cavani auf seine Lieblingsposition vorschieben. Mit Stuani könnte man auch Cavanis Pressingqualitäten weiterhin im zentralen Mittelfeld nutzen.

Die Keilwirkung des 5-3-1-1 ist aber gegen Kolumbien nicht so wertvoll. Jose Pekermans Mannschaft baut ohnehin gern über eine Seite auf und überlädt dann dort Verbindungsräume. Zudem nutzt Kolumbien die Offensivstärke ihrer Außenverteidiger bedeutend fokussierter als Italien. Armero könnte nach Verlagerungen gefährlich werden und Zuniga könnte ungestört aufrücken. Zudem kann Pekerman passend nachwechseln: Quinteros Kombinationsfähigkeit und seine Verlagerungen wären gegen die geballte 5-3-Defensive wohl eine hervorragende Mischung. Das Ausweichen und die Durchschlagskraft von Ramos müssten gegen drei Innenverteidiger recht wirkungsvoll sein.

Stabilität und Physis für den Überraschungssieg?

Die Fünferkette an sich könnte aber in letzter Konsequenz dennoch funktionieren, wenn man sich den Stil der kolumbianischen Durchbrüche anschaut. Cuadrados Dribblings können durch die Halbverteidiger effektiver und tornäher gedoppelt werden als bei einer Viererkette. Rodriguez‘ Schnittstellenpässe und Gutierrez‘ Läufe in die Tiefe auf die Viererkette eingespielt. Ibarbos Einrücken in die Spitze kann durch den dritten zentralen Verteidiger gut zugeordnet werden.

Dazu kommt die individuelle Qualität von Godin, der gerade in der zentralen Überzahlsituation einer Fünferkette nur sehr schwer zu überraschen ist und hohe Hereingaben zuverlässig klären kann. Caceres ist ebenfalls eine sehr passend Personalie: Durch seine hohe Dynamik und Beweglichkeit kann er besser auf die Durchbrüche und Dribblings von Zuniga und Cuadrado reagieren als die meisten anderen Verteidiger.

So hat Uruguay möglicherweise das Zeug zum pragmatischen, knappen Sieg durch eine starke Strafraumverteidigung und individuelle Klasse in der Spitze. Flügelangriffe und Halbfeldflanken auf Cavani sollten drin sein. Und dann kann auch der Ball mal drin sein. Das größere Potential hat aber ohne Frage Kolumbien.

elbro 29. Juni 2014 um 02:50

Die Vorschau ist sehr gelungen, mir aber etwas zu neutral bzw. zu vorsichtig gehalten. Ihr hättet schon deutlicher machen können, dass Ihr Kolumbien klar favorisiert seht, so wie es letztlich auch gekommen ist.

Die 3er-/5er-Kette wird mir momentan zu sehr gehyped. Klar hat sie ihre Stärken, aber eher gegen Teams, die durchs Zentrum wollen, oder wenn man selbst über gute Techniker im Zentrum verfügt. Beides war bei Uruguay gegen Kolumbien nicht der Fall und konnte auch so erwartet werden. Deshalb hatte ich vor dem Spiel auf ein klares 2:0 getippt und lag damit ausnahmsweise mal goldrichtig. Auf ein 4-4-2 anstelle des 4-2-3-1 hatte ich aus Kolumbiens Sicht gehofft und wurde von Pekerman erhört. Schon bei Australien gegen Chile und die Niederlande (jeweils 3-5-2) funktionierte das 4-4-2 klassische mit klassischen Flügelfokus wunderbar. Toll von Pekerman, dass er deshalb extra auf vom 4-2-3-1 abwich. Im Interview nach dem Spiel sagte auch James, dass man gegen diese Fünferkette zwei Stoßstürmer braucht, die die IVs binden, damit er und Cuadrado unterstützt von den AVs über Außen Druck machen können. So konnte man erstens den in guter Form befindlichen Jackson Martinez in der ersten Elf behalten und zweitens 2/3 der Dreierkette mit 2 Stürmern beschäftigen, während z.B. Cuadrado und Zuniga überzahl gegen Pereira schaffen. So hebelt man die Uru-Defensive aus, indem man Überzahl gegen die Wingbacks herstellt, sich hinter diese kombiniert und dann gleich zwei Zielspieler im Zentrum bereit stehen (Martinez und Teo) hat.

Interessant übrigens auch, wie hoch die AVs Kolumbiens in diesem Spiel agierten. So konnten James und Cuadrado immer wieder in den Zehnerraum einrücken (sei es beim Spielaufbau oder im Angriffsspiel).

Tolle Leistung Kolumbiens unter dem Strich, sowohl taktisch, als auch individuell (überragendes Tor von James aus dem Zwischenlinienraum, Brustannahme, Volley). Das zweite Tor für mich wie aus einem Lehrbuch, wie man im 4-4-2 ein 3-5-2 über Außen aushebelt. Tolle, selbstlose Kopfballrückgabe von Cuadrado. Einfach eine begeisternde Mannschaft diese Kolumbianer. Ich bin sehr gespannt, inwiefern sie Brasilien Paroli bieten können (bin da durchaus optimistisch).

PS: Generell würde ich mir übrigens einen Artikel über den Vergleich (Stärken, Schwächen, wann welches besser im Detail sinnvoll ist) von 3er-/5er-Kette und 4er-Kette wünschen.

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Fitsche 29. Juni 2014 um 08:42

Ja, tolle Mannschaft, tolles Spiel! Eine Augenweide gegen den Friedhofskick den die Brasilianer gegen die (leider auch nicht unschuldigen) Chilenen da veranstaltet haben.

Tippe auch klar auf Kolumbien im Viertelfinale. Und sollte Deutschland die Pflicht gegen Algerien bestehen und auch die Franzosen besiegen, gibt es hoffentlich im Halbfinale ein absolutes Fussballfest!

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TonyS 29. Juni 2014 um 10:29

Friedhofskick? Also zumindest in der ersten Halbzeit war Brasilien-Chile doch brutal intensiv, so wie es erwartet worden war. Das beide Mannschaften dieses Tempo nicht über 120 Minuten gehen können, war auch abzusehen. Von einem Friedhofskick kann man keineswegs reden. Auch fand ich die Leistung von Brasilien jetzt nicht so schlecht wie sie überall gemacht wird. Chile ist nunmal ein Topgegner und Brasilien hätte vor allem in der ersten Halbzeit das Spiel auch entscheiden können.

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Fitsche 29. Juni 2014 um 12:01

den Begriff jetzt nicht überbewerten. wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass es spielerisch ein sehr begrenztes Spiel war. Kaum schöne Spielzüge oder Kombinationen.

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blub 29. Juni 2014 um 12:23

Also die Chilenen haben zwischenzeitlich durchaus etwas hergemacht.
Direkte kombinationen im mittelfeld über 6 stationen? i like.

Leider dann häufig nach außen gedrängt; gegenThiago Silve ist es nunmal enorms ciwerig durchschlagskraft zu entwickeln. Normal kann Chile die Verteidiger im Bereich dynamik schlagen, aber bei Liuz und Thiago Silva ist das nunmal fast unmöglich.

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Gatling 29. Juni 2014 um 00:06

alles in Butter, jetzt gehts ans Brasilien leistungsgerecht aus dem Turnier latzen 🙂 Nice

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hegel 28. Juni 2014 um 22:51

swuuush! ich kann mir kolumbien keine 5 minuten anschauen ohne laut über ihre chaotische art zu lachen 😀

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hegel 28. Juni 2014 um 22:52

jetzt zum runterkommen: TAGESSCHAU

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MR 28. Juni 2014 um 23:59

Bester Spitzname, den ich gehört hab: Flashmob

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kreislerjun 29. Juni 2014 um 00:07

chaotisch, aber erfolgreich 😉
2 wirklich schöne Tore, wobei ich die Vorlage zum 2. schöner fand als das eigentliche Tor.

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Pad 29. Juni 2014 um 02:47

Interessant übrigens, dass der Torschütze ziemlich genau im Raum neben dem eher mannorientierten Arevalo Rios zum Abschluss kam 😛 😉

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mh 29. Juni 2014 um 12:56

Mehr ball- als raumorientiert, trauen sich auch mal Rückräume freizulassen, weil sie auf ihre Pressingqualitäten vertrauen. Wie die F-Jugend den WM-Fussball beeinflussen kann 🙂

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Gatling 28. Juni 2014 um 21:46

ich bezweifele, dass es für Kolumbien ein Spaziergang wird, aber ich rechne auch definitiv mit ihnen fürs VF gegen Brasilien.
Uruguay ist letztlich nicht so ausgeglichen besetzt wie Kolumbien.
Wenn man die Gruppengegner anschaut, könnte man Namen mäßig ja meinen Uruguay war in der schwereren. Was aber von den zwei großen Namen Italien und England gespielt wurde war Durchschnitt bzw. schlecht.
Und dann Suarez – klar der ist jetzt nicht der Spielmacher oder Taktgeber, aber er ist halt deren gefährlichster Stürmer. Und deshalb ist sein Fehlen natürlich ein Nachteil, zumal man auch eine Einwechseloption weniger hat.

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Burkina Faso Zwei 28. Juni 2014 um 21:29

come on … Kolumbien geht mit 2-0 ins Viertelfinale. Laufdeckung for the win! Ohne Suarez fehlt Uruguay der nötige Biss … *hust* Pekerman wird’s schon richten. Liebe Grüße an alle Taktik-Fans 😀

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Diego 29. Juni 2014 um 14:23

Sag mal bitte noch die heutigen Spiele voraus 😉

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