Donnerstag, 08.12.2016

Brasilien – Kamerun 4:1

Mit einem souveränen 4:1 gegen Kamerun sichert der Gastgeber den Gruppensieg ab.

Nach der Genesung von Hulk traten die Brasilianer zu ihrem dritten Heimspiel, diesmal in Brasília, wieder mit der Aufstellung vom Auftaktspiel an. Auf Seiten Kameruns gab es nach dem enttäuschenden Auftritt gegen die Kroaten einige disziplinartechnische und einige leistungsbezogene Umstellungen. In Volker Finkes 4-3-3-Formation wurde die Abwehrkette mit Nyom, Matip und Bedimo durch drei neue Leute neben Kapitän N´Koulou besetzt, während Mbia von rechts ins Mittelfeld rückte, wo auch N´Guemo aufgeboten wurde.

Kameruns Pressing, Brasiliens Offensivausrichtung

cmr-bra-2Nachdem die Kameruner in den Anfangsminuten ihr 4-3-3 mit klaren Mannorientierungen im Mittelfeld auslegten und damit einen ersten brasilianischen Sturmlauf zu überstehen hatten, veränderten sie ihre Ausrichtung in der Folge ein wenig. Nun positionierten sie sich – bis auf einige Ausnahmen, bei denen sie ins Angriffspressing übergingen und die Innenverteidiger sowie Luiz Gustavo eng zustellten – grundsätzlich tiefer. Dabei bewegte sich Mittelstürmer Aboubakar im Dunstkreis von Brasiliens tiefstem Sechser. Dahinter bildeten Mbia, Enoh und N´Guemo ein etwas verschobenes Mittelfeld, in dem sich Letztgenannter als halblinker Achter auf den rechtsseitigen Paulinho konzentrierte und Enoh entsprechend situativ in eine asymmetrische Doppel-Sechs zurückfiel. Als freier Akteur konnte er sowohl, im Halbraum vorrückend, die Eröffnungsmöglichkeiten für die Brasilianer blocken als auch den aktiven Halbraum um Neymar und Oscar abschirmen. Das Zusammenspiel dieser beiden Akteure, das einen zentralen Bestandteil der brasilianischen Strategie darstellte und verglichen mit den ersten beiden Partien verbessert wirkte, konnte dadurch nicht immer direkt bedient werden und war somit nicht durchgehend effektiv. Dies erklärte die starken Phasen der Brasilianer wie auch die gelegentlichen Abschnitte, in denen sie eher Probleme hatten.

Strukturell rochierten Neymar und Oscar dabei immer wieder im linken Halbraum und erzeugten bei den besten Angriffen des Teams, wie beispielsweise der vergebenen Chance Hulks unmittelbar vor der Halbzeit, mit spielerisch ansehnlichen Dynamiken. Zunächst drifteten sie beide flexibel durch die hohen Räume und bevorzugt an der letzten Linie, wobei gelegentlich einer von ihnen auch kurzzeitig sehr tief nach hinten fallen und im Aufbau unterstützten oder Synergien aufbauen konnte. Vorne attackierten sie schließlich sehr konsequent die vom jeweils anderen aufgezogenen Freiräume, rochierten hinter- oder voreinander auf die Flügel – und nutzten diese Pärchenbildung also sehr geschickt. Dagegen hielt sich Hulk klarer, breiter und höher auf der rechten Seite auf. Meistens diente er als Verlagerungsoption oder zusätzlicher dribbelnder Abnehmer für die langen Bälle am Flügel oder hinter der Abwehr, vereinzelt fiel er auch etwas nach hinten in den Halbraum zurück, was abgesehen von einer Funktion als Ablagefläche aber nur vereinzelt eingebunden war.

Lange Bälle und Pressingattacken

Weil Kamerun die linke Seite phasenweise ordentlich blockieren konnte, griffen die Brasilianer gerne auch zu langen Bällen, die diese gegnerische Defensivlinie überbrückten und direkt ihre individuell herausragenden Improvisationskünstler suchten. Durch die tiefe Stellung von Aboubakar hatten die Innenverteidiger der Seleção in vielen Phasen genügend Zeit, um diese diagonalen Zuspiele genau vorzubereiten, die sie zudem immer wieder sehr klar und druckvoll in die richtigen Bereiche anbrachten – entweder hinter die Abwehr oder breit auf die Außen. In letzterem Fall erhielten Kameruns Abwehrspieler nicht immer schnell genug Unterstützung durch zurückfallende Bewegungen des Mittelfelds und befanden sich dann oft in Not, zumal gerade Neymar mit starkem Freilaufverhalten und kurzen Finten schon während des Zuspiels überzeugte.

Bereits beim ersten Testspiel des Jahres gegen Südafrika fokussierten die Brasilianer einige Male solche direkten langen Bälle und waren durchaus damit erfolgreich – damals hatte der Fokus aber viel klarer auf den Zuspielen hinter die Abwehr gelegen, während diesmal jene auf den Flügel dominierten. So entstand der zweite Treffer durch Neymars Dribbling ursprünglich aus einem langen Diagonalball, den der Superstar an der linken Außenbahn stark hatte annehmen können. Dem ersten Tor der Seleção war ein Ballgewinn von Luiz Gustavo vorausgegangen, als das Team nach brasilianischer Art im Pressing sehr überfallartig, druckvoll und improvisiert aufgerückt war und aus den grundsätzlich mannorientierten Zuordnungen ausbrach. Solche Szenen kamen zwischendurch immer mal wieder in der ansonsten eher passiven, aber doch auch wechselhaften brasilianischen Defensivarbeit vor.

Die Art, die Höhe und die Intensität sowie die situative Auslösung der Beteiligung der vorderen Akteure schwanken stark und situationsabhängig. So passt sich Neymar meistens intelligent an seine Umgebungen an und spielt defensiv intensiver, wenn es durch eine ungünstige Gesamtstellung gerade nötig ist, oder in der genauen Ausführung je nach Kontext anders. Zudem bedingen die häufig kurzzeitigen Beteiligungen der Offensivspieler an der Verteidigungsarbeit auch, dass sie im Gegenpressing engagierter sind als im Pressing oder sich in höheren Zonen mehr einbringen als in zurückgefallenen Stellungen. Daneben gibt es noch die taktischen Variationen zwischen verschiedenen Phasen – mal ein sehr mannorientiertes Mittelfeld im 4-3-3, mal ein semi-intensives und grundsätzlich normales 4-2-3-1 mit viel Improvisation, mal Aufrücken in ein etwas chaotisches Angriffspressing mit verengten Außenstürmern hinter Fred, dazu verschiedene Asymmetrien durch kurzzeitig tiefere und verschobene Rollen von Hulk oder Oscar.

Kamerun über links

Offensiv versuchten die Kameruner, die durch ihr Aufrücken ins Pressing oder die verschiedenen Mannorientierungen außerdem gelegentlich gefährliche Ballgewinne für schnelle Attacken erzeugen konnten, es vor allem über die linke Seite. Hier agierte Chuopo-Moting als Fokusspieler, der viel Unterstützung vom wie gegen die Kroaten ausweichenden Aboubakar und dem spielerisch etwas unterschätzten Bedimo erhielt. Entweder sollte der Mainzer dann einen schnellen Angriff über diese Optionen einleiten oder die Überladungsmechanismen wurden von den ebenfalls nach links herausweichenden Mbia und N´Guemo bedient und damit in Gang gesetzt.

Allerdings fehlte Kamerun dabei – trotz einer Verbesserung zum Spiel gegen Kroatien, als im Übergang zum letzten Drittel die meisten Aktionen durch Einzeldribblings weitergeführt wurden – die kollektive Klarheit und die Abstimmung mit den ballfernen Bewegungsmustern, um gegen die starke brasilianische Endverteidigung durchbrechen zu können. Zumindest wussten sie mit ihren ordentlichen Ansätzen, der Konsequenz in der Linksfokussierung und den unangenehmen Einzelspielern immerhin recht viele Standardsituationen zu provozieren, von denen eine auch den zwischenzeitlichen Ausgleich brachte.

Zu jenem Zeitpunkt schien die Partie noch Spannung zu bieten, doch war diese mit dem schnellen 3:1 der Brasilianer durch Fred keine fünf Minuten nach der Halbzeitpause weitgehend verflogen. Den gesamten zweiten Spielabschnitt hindurch gab es keine gravierenden Besonderheiten oder Umstellungen, auch nicht durch die Wechsel der beiden Trainer. Die Partie lief in ähnlichem Takt vor sich hin, beide Teams hatten ihre Aktionen, gelegentlich streuten die Brasilianer aktivere Phasen ein und konnten durch ein schönes Zusammenspiel noch einen weiteren Treffer von Fernandinho drauflegen.

Fazit

Auch wenn beim 2:2 im Test gegen Deutschland noch einige Problemzonen bei den Kamerunern erkennbar gewesen waren, hatte man sich von ihnen bei diesem Turnier doch etwas mehr erwarten können. Letztlich stehen bei einem Team, das gegen die DFB-Elf in bestimmten Punkten starke Ansätze zeigten, drei Niederlagen und nur ein Treffer zu Buche, der nach einer Standardsituation im unbedeutenden Abschlussmatch fiel. Gegen die Brasilianer deuteten sie die Qualitäten ihres Mittelfelds und bestimmte Defensivaspekte noch einmal an, doch insbesondere die Klarheit in ihren Schnellangriffen und Kontern war fast während der gesamten Gruppenphase kaum mehr zu sehen.

Brasilien beendet die nicht ganz einfache und störfreie Vorrunde der WM mit dem ersten Tabellenrang und einem versöhnlichen Viererpack im neuen Nationalstadion. Gerade der problematische Eindruck der ersten beiden Spiele lässt sich dadurch nicht verwischen, wenngleich die spielerischen und taktischen Verbesserungen deutlich waren und für die kommenden Aufgaben wichtig werden.

In den ersten Partien hatte es für Paulinho (auch für die gesamte Mannschaft und Fred) sehr viel, aber nicht durchgängig berechtigte Kritik gegeben. Diesmal konnte er sich grundsätzlich steigern, war aber noch weniger als Verbindungsstation eingeplant. Stattdessen agierte er allein als tiefer Raumblocker und gegebenenfalls – füller im Aufbauspiel, um dann erst wieder direkt im letzten Drittel aufzutauchen und dort seine Präsenz um den Strafraum herum einzubinden. Dort stieß er einige Male auch gut in die Schnittstellen der gegnerischen Abwehrkette, wie er es auch schon gegen die Kroaten teilweise sehr gut gemacht hatte, und konnte dort durchaus effektiv bedient werden, weil die Brasilianer diesmal sauberer an den Sechzehner herankamen.

Alles in allem dürfte dies das beste Turnierspiel der Mannschaft von Scolari gewesen sein, die sich trotz weiterhin vieler langer Zuspiele und einer noch etwas wilden Anlage hinsichtlich der Verbindungen und der Positionierungsbalance deutlich verbessert gegenüber den vorigen Partien zeigte. Gelegentlich kamen auch die sehr kompakt angelegten Flügelstellungen, die beim Confed-Cup oder in einigen Testspielen überzeugt hatten, wieder hervor. Wohingegen sich die Übergänge schon viel bewusster und balancierter gestalteten, gab es beim letztlich Ausspielen dann allerdings noch ein paar Probleme oder Unsauberkeiten in den hohen Zonen.

Damit haben die Brasilianer sich für das enorm schwierige Achtelfinale gegen Chile rechtzeitig auf den richtigen Weg gebracht und eine wichtige Steigerung gezeigt, der für das Duell mit dem südamerikanischen Bekannten nun noch eine weitere folgen muss. Man darf aus brasilianischer Sicht wieder optimistischer sein, dass eine nicht mehr wirklich als solche zu bezeichnende Überraschung in jener Partie ausbleibt und der Favorit sich auf dem Weg zum Heim-Titel doch durchsetzen kann.

air force 1 27. Juni 2014 um 05:29

Scolari der alte Fuchs hat die Hinrunde genau analysiert und ist aktuell dabei die beiden Schwachpunkte auszumerzen.
Fernandinho eventuell für Paulinho ( konnte bisher nicht überzeugen)
Maicon eventuell für Alves ( zwei Gegentreffer über seine Seite ) aber auch Marcelo hat defensive Schwächen gezeigt

Anscheinend scheut sich Scolari davor Luiz ins DM zu ziehen und Dante in die Stammelf zu integrieren- er wird schon seinen Grund haben.
Die angestrebten Veränderungen würde ich voll unterstreichen.
Macht Löw sich auch seine Gedanken und sorgt für die Feinjustierung?

Khedira und Özil haben mich überhaupt nicht überzeugt. Lahm auf die RV, Schweinsteiger ins DM auf die 6, und in jedem Falle Schürrle mit rein ins Team- und nicht nur als Joker auf der Bank.

Durm bei einem so großen Turnier plötzlich in voller Verantwortung auf die LV Position zu setzen wäre schon sehr sehr riskant. Wer garantiert dass er dort nicht wieder solche Abstimmungsschwierigkeiten hat wie mit Hummels gegen Real im Bernabeu wo es nach 2 Minuten bereits geklingelt hatte???
Gegen BRA bekäme er es mit Hulk zu tun. FRA könnte sich auch überlegen ( falls Durm plötzlich auf LV stände ) Benzema auf die Durm Seite zu verschieben.
Gegen ARG bekäme er es mit Higuain oder Lavezzi zu tun ( Aguero schient ja verletzt zu sein ). Also, dass sind nicht gerade „small fish“ die Durm da auszuschalten hätte.

Wenn wir gegen ALG sicher führen, dann kann man Durm schon mal etwas WM Luft schnuppern lassen. Ansonsten bleibt es bei Höwedes als LV.

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Peda 25. Juni 2014 um 11:46

Mit Kamerun, Kroatien, Italien und England haben bislang alle Mannschaften, die in Manaus spielen mussten, ihr darauffolgendes Spiel verloren.

Zufall, zu kleine Stichprobe, oder ist davon auszugehen, dass Portugal und die USA auch den Bedingungen Tribut zollen müssen?

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CH 25. Juni 2014 um 10:57

Frage: War das Tor von Fred nicht Abseits ?

Weil, ich persönlich finde er hat aus seinem deutlichen „passiven“ Abseits beim Pass auf Luiz einen Vorteil gezogen – unabhängig davon, ob man bei Luiz‘ Vorlage noch die Schiebelehre auspackt (wg. vor-oder-hinter-dem-Ball).

Würde mich interessieren, wie ihr das beurteilt.

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mh 25. Juni 2014 um 12:09

Neue Spielsituation, und beim zweiten Pass für mich gleiche Höhe

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Gatling 24. Juni 2014 um 21:26

Nun gut, Brasilien ist wohl zusammen mit Frankreich der Gruppensieger bei denen man erst in der KO-Runde sieht zu was sie fähig sind.

Gegen die Kroaten bekommt man einen Elfer geschenkt und der Torwart wie erwartet gewohnt schlecht.

Gegen Mexiko – eine gute aber keine Übermannschaft – schafft man nicht ein Tor.

Gegen ein Team, das jetzt mit 0 Punkten und 1:9 Toren ausscheidet gewinnt man 4:1…

…lasst mal die KO-Runde anrollen…

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mh 24. Juni 2014 um 16:27

Gut gelungen fand ich das Angriffspressing der Brasilianer in einigen Situationen (z.B. vor dem 1:0), war auch meist gut abgesichert durch die Doppelsechs.

Umgekehrt zeigte aber selbst Kamerun, dass das defensive Interesse der offensiven 4 Brasilianer schnell wieder nachlässt, wenn man die erste Pressingwelle überwunden hat. Dann entstehen Räume.

Das Angriffsspiel ist nach wie vor sehr statisch. Viele lange Bälle, und wenn die einrückenden AV zugestellt werden, dann wird oft Luis Gustavo nolens volens zum Spielmacher, zumal Paulinho weiterhin zu wenig Präsenz/Einbindung zeigt.

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