Bayer 04 Leverkusen – VfB Stuttgart 2:1

Bayer Leverkusen empfing den VfB Stuttgart. In dieser Saison wurden die Schwaben schon oft kritisiert, während Leverkusen eine lange Zeit als die Überraschungsmannschaft der Saison galt. Doch in den letzten Wochen erhielten die Leverkusener einige Probleme in puncto Spielkontrolle und Kreativität.

Waren die Leverkusener in ihrer Spielanlage zu defensiv? Fehlten die Spieler und die Eingespieltheit für eine offensivere und offensiv kreativere Spielweise? In diesem Spiel sollten sie überraschend früh und extrem mit dieser Frage konfrontiert werden: In der elften Minute führte ein langer Ball zu einem Foul an Vedad Ibisevic, der den resultierenden Elfmeter verwandelte.

Grundformationen zu Spielbeginn

Grundformationen zu Spielbeginn

Leverkusens Offensivprobleme

Nach dem frühen Rückstand nach einem Elfmeter musste Leverkusen mehr für das Spiel machen. Dabei mussten sie nicht wie üblich mit einem abkippenden Sechser in eine Dreierkette im Aufbauspiel auffächern, denn Stuttgart stellte sich enorm tief. Dadurch gaben sie zwar die Möglichkeit auf erfolgswahrscheinliche Konter ab, bereiteten Leverkusen jedoch große Probleme.

Bayer schob die Außenverteidiger bis ins letzte Spielfelddrittel vor. Diese standen sehr breit und konnten einige Flanken erzielen, doch konnten kaum mit Dynamik in offene Räume starten; eventuell offene Räume besetzten sie ja schon selbst verfrüht, wodurch sie die Außenstürmer Stuttgarts weit nach hinten mitzogen.  Ziel war es vermutlich mit dieser breiten und hohen Stellung Räume in der Mitte zu öffnen.

Viele Kombinationen liefen dennoch nach folgendem Muster ab: Start des Aufbauspiels über die breiten Innenverteidiger, dann ein Pass auf die Mitte. Von dort kam der Pass, wenn er es vorher nicht schon tat, auf Lars Bender oder Gonzalo Castro, die ebenfalls breit standen und Überzahlen auf den Seiten erzeugten.

Diagonale Pässe in das Sturmzentrum folgten aber nicht. Zumeist wurden Schnittstellenpässe auf die eingerückten Sidney Sam und André Schürrle gespielt, die sich aber wegen der Kompaktheit der Stuttgarter schnell Druck ausgesetzt sahen. Daraufhin leiteten sie das Anspiel möglichst schnell auf die Außenverteidiger weiter, die dann flankten; wirklich Gefahr gab es dadurch nicht. Eine der spielerisch besten Aktionen entstand, als dieses Muster gebrochen wurde – Bender war nach seinem Pass auf Sam vertikal gestartet und erhielt im entstehenden Loch den Ball für einen Abschluss.

Ansonsten wirkte Stuttgart unterlegen (1:8 Torschüsse bei Halbzeitpfiff), aber in ihrer Spielanlage stabil. Defensiv organisierten sie sich in einem 4-1-4-1, welches aber überaus flexibel in ihren Pressingbewegungen war. Gelegentlich rückten Raphael Holzhauser oder Christian Gentner nach vorne und stellten ein 4-4-2 her. Darauf reagierte Leverkusen naturgemäß mit einem Pass auf die Seite oder situativem Zurückfallen des Sechsers, was wieder Zeit im Angriffsvortrag oder einen Spieler im Mittelfeld kostete.

Wegen der breiten Formation des Gegners ließen sich die Außenstürmer Stuttgarts weit nach hinten fallen und agierten breit. Um das zu kontern, wurde die 4-1-4-1-Formation des VfB einige Male zu einer flachen Fünf. Mit drei Akteuren auf einer Linie sicherten sie den Zwischenlinienraum besser und verhinderten eine Effektivität der Überladungen Bayers auf den Flügeln. Nach vorne ging allerdings wenig bei Stuttgart; Unterzahlkonter und Flügelangriffe scheiterten an der gegnerischen Absicherung und, natürlich, der eigenen numerischen Unterlegenheit.

Die zweite Halbzeit und ihre Anpassungen

Beim VfB Stuttgart kam Cristian Molinaro für Boka. Der Italiener steht auch für etwas mehr Defensivorientierung, ist kopfballstärker und wohl besser in der Strafraumverteidigung. Die interessanteren Anpassungen gab es allerdings bei den Leverkusenern, die ihre Spielweise in der Offensive umstellten.

Jens Hegeler kam für den zentralen und defensivsten Sechser, Stefan Reinartz. Im Aufbauspiel setzte Leverkusen nun eher auf eine Art Doppelsechs. Bender und Castro organisierten das Spiel, während Hegeler in die Spitze ging. Im Angriffsverlauf schloss sich auch Bender diesem Aufrücken an und Castro als dynamischer und pressingresistenter Akteur sicherte ab.

Mit dem kopfballstarken und hochgewachsenen Hegeler sowie Kießling und Bender gab es mehr Akteure im Sturmzentrum, was für mehr Kopfballstärke sorgen sollte. Auch darum gingen die Flügelstürmer nun öfters auf die Seite und blieben breit. Desweiteren starteten die Außenverteidiger ihre Läufe jetzt aus der Tiefe, wodurch sie schneller kamen und ihre Flanken im Idealfall mit weniger Bedrängnis schlugen. Von der auf Pässe in die Engen orientierten offensiven Spielweise wurde also auf konsequenteres Flügelspiel umgestellt.

Grundformationen zu Beginn der zweiten Halbzeit

Grundformationen zu Beginn der zweiten Halbzeit

Vorteile gab es dabei in der Theorie nicht nur für die Außenverteidiger. Auch Schürrle und Sam hatten auf der Seite mehr Platz und konnten mit mehr Geschwindigkeit in die Mitte ziehen. Die Überladungsbewegungen und die Überzahlen auf den Seiten wurden ebenfalls klarer. Aber Stuttgart machte seine Sache vergleichsweise gut. Durch die breiteren Flügelstürmer und tieferen Außenverteidiger konnte Stuttgart ihre eigenen Außenstürmer etwas höher positionieren. Das dynamische Aufrücken der gegnerischen Außenverteidiger wurde so zum zweischneidigen Schwert, Stuttgart kam nun mit ein paar hochgefährlichen Konterchancen vor das Leverkusener Tor.

Defensiv wurde das 4-5-1 als Anordnung beim VfB noch etwas öfter erkennbar, das 4-1-4-1 in der Rollenverteilung war jedoch durch den zurückfallenden Kvist dennoch gegeben. Kvist füllte einige Male den Raum zwischen Innen- und Außenverteidiger der Viererkette, wenn der Außenverteidiger zum Pressing auf den Flügel ging.

Dadurch blieben die Innenverteidigung und der ballferne Außenverteidiger gut sortiert, was die Gefahr nach Flanken verringerte. Generell überzeugten die Stuttgarter in der Strafraumverteidigung. Viele Schüsse konnten geblockt, irgendwie geklärt oder effektiv geklärt werden. Immer wieder fand sich in entscheidenden Szenen, ob beim Abschluss oder in der Chancenentstehung, ein Bein eines Stuttgarters noch dazwischen. Doch einmal war es statt dem Bein die Hand – was für den Ausgleich durch einen Elfmeter sorgte.

Die Schlussphase

Kurz zuvor hatte Lewandowski den jungen Neuzugang Arkadiusz Milik eingewechselt. Mit Milik, Kießling und Schürrle gab es drei nominelle Stürmer – mit Hegeler wurde noch zusätzlich ein weiterer in einem 4-2-4/4-3-3-Hybridsystem aufgestellt. Bender, der sich ebenfalls nach vorne orientierte, bildete dabei eine Doppelsechs mit Castro. Diese Spielweise war enorm offensiv und sollte sich schnell rentieren.

Nach einer Ecke konnten die Stuttgarter nicht klären, eine flipperartige Sequenz führte dann zu einem Treffer durch Lars Bender. Leverkusen blieb aber ihrem System überraschend treu. Offensiv hatten sie mit Milik, Kießling und Hegeler drei Referenzpunkte für Befreiungsschläge sowie mit Schürrle einen ungemein starken Konterspieler.

Sie formierten sich aber auch defensiv weiterhin in der gleichen Anordnung, auch wenn die Flügelstürmer sich stärker nach hinten orientierten und Hegeler bewusst einrückte, um die Asymmetrie aufrechtzuerhalten – Kießling orientierte sich ebenfalls stärker nach rechts und ermöglichte dieses Einrücken.

Ansonsten gab es wenig Spiel und viel Verzögerung in den letzten Minuten. Wechsel, Fouls und Zeitspiel sorgten für einen Mangel an Aktionen bis zum Ende.

Fazit

Leverkusen war überlegen, Leverkusen war dominant und hatte mehr Chancen; dennoch hätte ich bei einem Abpfiff in der 70. Minute den hypothetischen Stuttgartsieg nicht besonders verurteilt. Abgesehen von einigen Halbchancen oder bedrängten Abschlüssen gab es kaum Hochkarätiges für Bayer. Doch die Umstellungen, das unaufhörliche Spiel nach vorne und letztlich die kleinen Mängel der Stuttgarter Verteidigung lassen mich diesen knappen Sieg wohl auch als knapp verdient bezeichnen.

pcr71065 3. März 2013 um 02:05

Wie immer, sehr gelungener Artikel!
Meiner Meinung nach kommen aber die Stuttgarter Konter in der zweiten hälfte zu wenig (nämlich gar nicht) vor.
2 Szenen bei denen Stuttgarter allein vor Leno auftauchten wären es wohl wert gewesen darauf kurz einzugehen bzw sie zu erwähnen.
So wird der Eindruck den man beim Lesen bekommt, ohne das Spiel gesehen zu haben verfälscht.

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RM 3. März 2013 um 10:19

Also ich hätte es auf die Wechselwirkungen geschoben – Flügelstürmer bei Leverkusen ja breiter, Außenverteidiger tiefer. Dadurch die Außenstürmer bei Stuttgart höher und bessere Wahrscheinlichkeit bei Kontern.

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pcr71065 3. März 2013 um 12:27

Ja klar. Macht durchaus Sinn, mir erschließt sich aber nach wie vor nicht, wieso das in deinem Artikel keine Erwähnung findet..
Von Leverkusen sah man derartig klare Großchancen nicht wenn ich mich recht erinnere.
Naja, whatever 🙂

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RM 3. März 2013 um 12:30

War keine Absicht. Das habe ich einfach schon so oft gesehen (tiefe Formation, Konter -> wenige große Chancen, Gegner viele Halbchancen), dass ich es manchmal einfach vergesse. Das ist wie die Standardschwäche des FC Barcelona – wenn ich mich nicht selbst daran erinnere, dann lasse ich es draußen, weil es mir schon so im Blut steckt, dass das halt so ist. Ich editiere es mal hinein.

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blub 2. März 2013 um 22:21

Joa nice. Schon überraschend wie offensiv Bayer werden aknn wenn sie es müssen.
Manchmal wäre ein Renato Augusto doch ganz nützlich.

Offtopic: Schreibt ihr seid neuestem Texte für die ARD? bei der zusammenfassung des Clasico [in der Sportschau] hat der Reporter doch echt „situative Mannorrientierungen“ gesagt.

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RM 2. März 2013 um 22:27

Nein, schreiben wir nicht. Allerdings gibt es in den letzten Wochen vermehrt Taktikanalysen, u.a. bei Spiegel, Süddeutsche und teilweise auch beim Kicker. Da bleiben dann wohl auch bei anderen die Grundbegriffe hängen.

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StuttgarterBub 2. März 2013 um 21:48

in meinen augen hat der vfb in halbzeit 2 auch ein stück offensiver agiert, was den leverkusenern mehr räume verschaffte. ich fand die leverkusener, rein subjektiv, in halbzeit 2 um einiges gefährlicher wie in halbzeit 1.

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Gentnerfan 3. März 2013 um 10:03

Hab ich ähnlich gesehen; dadurch dass Bayers Flügel nach der HZ öfter breit gingen musste gerade Traoré nicht mehr ständig in die Abwehrkette gehen um Carvajal zu neutralisieren. Harnik hat hin und wieder auf Konter spekuliert und die Achter sind auch nicht mehr so ganz konsequent in die Grundordnung zurückgefallen, sodass der VfB dann nicht mehr so mega kompakt stand wie davor. VfB-typisch mit Harnik, der die Außenbahn öffnet).Dafür gewann das Spiel dann etwas an Tempo mit vielen Abschlüssen von Bayer und ein paar Kontern vom VfB (der, wo Sakai abschliesst war auch recht
Am Ende wohl irgendwie schon verdient für Bayer. Wegen der nachlassenden Defensive von Stuttgart und der steigenden Chancenquantität für Bayer nach der Halbzeit konnte man wohl damit rechnen, dass irgendwann zumindest einer mal reingeht.

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Christopher 2. März 2013 um 21:27

Bender hat das zweite Tore gemacht. Nicht Kiesling. Falls der Satz sich auf das zweite Tor bezieht und nicht auf den Elfmeter 😉

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RM 2. März 2013 um 21:31

Mein Fehler; Kießling war zuvor am Ball, nicht wahr? Ich schaue die Spiele ohne Ton auf kleinem Bildschirm, da passiert dann in so einer chaotischen Szene eine Verwechslung.

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LW 3. März 2013 um 11:55

Ohne Ton auf kleinem Bildschirm macht die Analyse noch beeindruckender. Danke mal wieder!

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