Donnerstag, 08.12.2016

Borussia M’Gladbach – Bayer 04 Leverkusen 3:3

Borussia Mönchengladbach gegen Bayer Leverkusen: ein Spiel zweier Mannschaften, die für eine strukturierte Defensive und ein dynamisches Offensivspiel stehen. Wer hätte gedacht, dass daraus ein 3:3 entsteht?

Der Kampf um die Mitte: Sieg für Leverkusen, 1:0 für Gladbach

In Folge dieses Aufeinandertreffens zweier Spielphilosophien entstand ein taktisch intensives Um- und Bespielen des zentralen Mittelfelds. Die Leverkusener hatten dort mit ihrem 4-5-1 abermals drei Sechser aufgestellt und den Raum vor der Abwehr somit extrem komprimiert. Gladbach hingegen hat mit ihrem 4-4-2 keinen einzigen Akteur in diesem Raum, denn die beiden Sechser hielten sich tief auf und konnten keine Verbindung nach vorne herstellen.

Grundformationen zu Beginn

Grundformationen zu Beginn

Dies bedeutete, dass die Leverkusener Sechser bei Bedarf sehr weit einrücken konnten. Mit dieser Spielweise pressten sie die gegnerischen Außen und isolierten sie vom Spielgeschehen. Dagegen wollte Lucien Favre mit vorgefertigten Passmustern vorgehen. Die Außenverteidiger blieben im Aufbauspiel tief und machten das Spiel breit, während die Sechser ebenfalls tief blieben.

In diesem Sechseck wurde der Ball dann flach, schnell und sicher zirkuliert. Bei Möglichkeit rückten die Außenverteidiger dann im Positionsspiel leicht auf und die Außenmittelfeldspieler rückten in Richtung Mitte. Ziel war es vermutlich, nach längerer Ballzirkulation Schnittstellenpässe in freie Halbräume zu spielen und von dort die kreativen und technisch starken Juan Arango und Tolga Cilgerci anzuspielen.

Diese sollten den Ball dann möglichst schnell verarbeiten und ihn auf die Außen weiterleiten, um sich von den Sechsern zu befreien. Das funktionierte relativ passabel, allerdings fehlte dann die darauf aufbauende Angriffstaktik beziehungsweise die Umsetzung derselben.

Auch wenn diese prallen gelassenen Pässen erfolgreich auf die Außenverteidiger kamen, gab es keine unmittelbare Gefahr für die Leverkusener. Bayer stand nämlich tief und kompakt, wodurch sie die negativen Folgen des Zockens von Sidney Sam und insbesondere André Schürrle neutralisieren konnten.

Die Dreifachsechs verschob sich dann einfach noch stärker auf Außen, komprimierte den Raum und verhinderte Schnellangriffe. Für Spielverlagerungen blieb kaum Zeit, desweiteren wären die technischen Anforderungen dafür enorm – und somit eher eine Aufgabe für die Flügelstürmer, als die Außenverteidiger der Gladbacher; außerdem ließ sich der ballferne Außen der Leverkusener etwas fallen und sicherte somit die ballferne Seite.

Letztlich mündeten diese Spielweise der Leverkusener und die Passmuster der Gladbacher in einem trägen Spiel der Gladbacher und Dominanz ohne Ball für die Leverkusener. Gladbach kam trotzdem zu einem Treffer: Der Kopfball von Martin Stranzl nach einer Ecke zum 1:0 war der erste Torschuss der Borussen; und selbst die Entstehung dieser Ecke war alles andere als herausgespielt, denn Philipp Wollscheid köpfte einen langen Ball der Gladbacher unbedrängt zum Eckball, weit vor dem eigenen Strafraum.

„Ballverluste bei einfachen Pässe. Unglaubliche Ballverluste.“ – Lucien Favre nach dem Spiel

Das Leverkusener Spiel nach dem Rückstand

Schon wenige Minuten nach der Pause trafen die Leverkusener zum Ausgleich – sie hatte den Ball, kombinierten und Sidney Sam konnte von knapp 16 Metern abschließen. Doch es war nicht nur diese Aktion, sondern die gesamte veränderte Spielweise, welche das Spiel zunehmend interessanter machte.

Nach der zwar dominanten, aber keineswegs überragenden ersten Hälfte wurde der Fokus aus Leverkusener Seite nach der Pause stärker auf eigenen Ballbesitz und auf das fluide Angriffsspiel, anstatt einem schnellen Konter mit Positionsfreiheit, gelegt.

Es sollte funktionieren. Man fing sich zwar einen Konter ein und lag zwischenzeitlich wieder zurück, doch die neue Ausrichtung war die richtige. Die Leverkusener besitzen die womöglich taktisch beste Mannschaft, um einen kompakten und positionsorientierten Gegner auszuspielen. Strategie und Kreativität sind nicht im Übermaß vorhanden, doch die Intelligenz in der Bewegung der Offensivspieler macht dies wett.

Dazu kommt eine hohe Dynamik, ob im Lauf oder in puncto Handlungsschnelligkeit, wodurch sie auch enge Räume oder kleine Lücken effektiv bespielen können. Daraus entwickelte sich dann eine interessante Partie, in der Leverkusen nach dem 2:3 wieder zurückschaltete, aber Gladbach nach vorne zwang.

Diese wiederum tappten in die Pressingfalle der gegnerischen Halbraumverteidigung und konnten kaum Angriffe fahren.

Situative Mannorientierungen gegen Bayers Fluidität

Allerdings war natürlich nicht alles schwach bei den Gladbachern. So unterbanden sie die Konter der Leverkusener in der ersten Halbzeit relativ interessant und für ihre Verhältnisse ungewöhnlich. Bekanntlich spielen die Borussen mit einem positionsorientierten 4-4-2 in der Defensive und orientieren sich deswegen im Umschaltspiel entweder am Mann oder an der eigenen Position.

Gladbachs Aufbauspiel - das Rote ist der Kanal, der bespielt werden soll, das Graue der Halbraum für die einrückenden Flügel. Es klappte nicht, weil Arango wegen Bender nie wirklich frei war und Stranzl offensiv ungefährlich ist

Gladbachs Aufbauspiel – das Rote ist der Kanal, der bespielt werden soll, das Graue der Halbraum für die einrückenden Flügel. Es klappte nicht, weil Arango wegen Bender nie wirklich frei war und Stranzl offensiv ungefährlich ist

Gegen Leverkusen orientierten sie sich aber an deren Angriffsverlauf und übernahmen situativ Mannorientierungen. Damit wurden beispielsweise Schürrles Läufe in die Mitte und das Bewegen von Sam oder Stefan Kießling in dadurch entstehende Lücken unterbunden. Schürrle wurde vom ersten, der ihn presste attackiert, während einer der Sechser oder gar ein Innenverteidiger den ausweichenden Mitspieler verfolgte.

Mit dieser Spielweise konnten sie die Passoption absperren und sorgten dafür, dass auch die Leverkusener nicht allzu viele Chancen in der ersten Hälfte hatten – stattdessen gab es einige Halbchancen ohne große Gefahr für Marc-Andre ter Stegen.

Die Auswirkung Gonzalo Castros

Die zweite taktisch interessante Kleinigkeit betrifft wohl Gonzalo Castro und wie er die Leverkusener Spielweise verändert. Zumeist spielte er diese Saison als rechter Außenstürmer im Leverkusener 4-3-2-1, auch aufgrund von Karim Bellarabis und Sidney Sams Verletzungen und/oder Formschwächen. Nun agiert er aber als halbrechter oder halblinker Achter und sorgt dort für einen nicht zu unterschätzenden Mehrwert.

Castro ist schnell, spielintelligent, technisch stark und hervorragend im Kombinationsspiel. Dazu kann er sowohl offensive als auch defensive Aufgaben erfüllen, was ihn zum idealen Spieler in einem solchen System macht. Er kann beispielsweise als Halbspieler für den aufrückenden Außenverteidiger absichern, kann im Pressing mit seiner Dynamik ungemein wertvoll sein oder offene Räume erkennen und angreifen. Als box-to-box-Spieler mit Lars Bender stellt er wohl die Idealbesetzung da, denn beide können sämtliche Anforderungen an diese komplexe System erfüllen; sei es das Raumöffnen, das Absichern für die Außen oder das Unterstützen der Offensive.

Dadurch erhöhte er die Möglichkeiten für Leverkusen, indem Sascha Lewandowski ohne große personelle Veränderungen seine Mannschaft umstellen kann – ob als mit Ball kontrollierendes Team oder Kontermannschaft, welche stark über die Dynamik und Defensivarbeit kommt.

Fazit

Ein taktisch interessantes Spiel, welches letztlich keinen Sieger fand – obwohl Leverkusen in nahezu allen Spielphasen überlegen war. Doch die Stärke der Gladbacher  bei den Standards sorgte für dieses hoch ausgefallene Unentschieden. Zwei Tore nach ruhenden Bällen und ein Konter in die Leverkusener Drangphase nach dem Seitenwechsel sollten das Unentschieden gegen überlegene Gäste ermöglichen.

Dennoch ist es fraglich, ob sich Leverkusen allzu viel Kritik wegen der „verlorenen“ zwei Punkte gefallen lassen sollte. Gladbach stand defensiv vergleichsweise stabil, blieb ihrer Linie über die gesamte Partie treu, ließ die meisten Leverkusener Chancen nur aus ungünstigen Positionen zu und überzeugte insbesondere durch eine gute Strafraumverteidigung. Ter Stegen und die Chancenverwertung bei Standards erledigten den Rest.

Rudi 13. Februar 2013 um 23:25

Leverkusen war klar die stärkere und bessere Mannschaft.
Favre nannte die Gegentore unnötig, dabei hätten es viel mehr sein können und die Gladbacher Tore mehr als schmeichelhaft.
Favre spricht von zu vielen leichten Passfehlern, dabei war es Leverkuses super Stellungsspiel. Man ist halt nur so gut wie der Gegner es zulässt.
In der ersten Halbzeit hatte Leverkusen 8:0 Ecken, 12:0 Torschüsse, nach 90 Minuten hatte Leverkusen 14:5 Torchancen aus dem Spiel heraus. Gladbach hat eigentlich nur mit langen Bällen was auf dir Reihe bekommen, spielerisch keine Chance.

Antworten

Michael Meyer 11. Februar 2013 um 19:36

Unterm Strich erneut eine gruselige Vorstellung von Gladbach, die sich spielerisch überhaupt nicht zu finden scheinen. Tatsächlich hat die Mannschaft an den vor Saisonbeginn getätigten Fehlinvestitionen zu knabbern und mit der nun relativ leeren Kasse ist es schwierig, die offensichtlich nötigen Verstärkungen zu verpflichten. De Jong kann im Sturm nicht wirklich überzeugen; im rechten Mittelfeld hat sich bisher niemand etablieren können; Cigerci spielt unglaublich schlecht; selbst ein höchst durchschnittlicher Spieler wie Marx scheint unersetzlich zu sein; die Integration von Xhaka scheint nicht voran zukommen. Eigentlich fast erstaunlich, dass die Mannschaft schon 30 Punkte sammeln konnte.

Antworten

elkjaer 11. Februar 2013 um 22:19

Sorry, aber das ist – bei all diesen sachlichen und fundierten Analysen – Quatsch. Wer die Mannschaft regelmäßig beobachtet, sieht auch die Entwicklung. Man muss sich mal von den Ablösesummen und dem daraus folgenden Fehleinkäufsgerede der Boulevardmedien lösen. De Jong war zwei Monate verletzt, mitten in einer Phase, als er gerade den Anschluss fand. Dominguez ist im Laufe der Saison immer stärker geworden und bringt (langsam) auch Impulse im Aufbauspiel. Nur Xhaka braucht offensichtlich noch Zeit. Aber auch Neustädter hat nicht sofort eingeschlagen. Und wieviele haben seinen Wert bis zuletzt überhaupt nicht erkannt? Dass man Reus nicht und Dante nur schwer ersetzen kann … geschenkt.

Was man der Mannschaft vorwerfen muss, sind die Ballverluste im Spielaufbau, wenn ein Gegner konsequent und aggressiv presst.

Zu der Spielanalyse noch mein Eindruck: Leverkusens Top-Chancen resultierten nach meiner Erinnerung fast auschließlich aus Ballverlusten im Gladbacher Aufbauspiel (oder Leverkusener Ballgewinne durch gutes Pressing), die mit blitzschnellen Angriffen richtig gut gekontert wurden. Eine richtig gute Bayer-Chance, die aus der eigenen Abwehr heraus aufgebaut wurde, ist mir nicht in Erinnerung. Da fand ich die Gladbacher Defensive durchaus effektiv. Aber ich kann mich auch täuschen.

Antworten

egmond 10. Februar 2013 um 19:11

Ein (zu unrecht) nicht gegebenes Tor und ein nicht gegebener Elfmeter in der ersten Halbzeit sollten vielleicht darauf hinweisen das Leverkusen nicht nur gegen Gladbach spielen musste…

Antworten

RM 10. Februar 2013 um 19:22

In Schiedsrichterbelange mische ich mich eigentlich nur sehr ungerne ein.

Antworten

laterookie58 10. Februar 2013 um 19:04

RM + alle „Vorredner“ : Danke für eine tolle Analyse mit treffendem Fazit! Euch allen danke ich für das Abrunden meiner Sportschau- Eindrücke über ein hochinteressantes Spiel.
RM : DANKE für Deinen Aufwand und die Zeit! laterookie58

Antworten

Komfortzone 10. Februar 2013 um 12:23

Bayer fehlen offensichtlich die spielerischen Mittel
um den großen Schritt zu machen.
Schön gespielt, ja, aber mehr nicht.
Der Sturm könnte effizienter sein, dazu ist die Abwehr, wie schon gegen
den BVB nicht so sattelfest wie sie sein müsste.
Rudi Völler hat es versäumt im Winter das Rädchen zu stellen und darum
wird Bayer trotz guter Spiele, gutem Trainer, nicht entsprechend mit Punkten
belohnt.
Bayer hatte, wie so oft, haufenweise Ecken – nur eine war gut getreten.
Castros Ecken sind furchtbar, warum macht das nicht Boenisch?
Wollscheid braucht eine Pause und das dringend.
Allein auf seine Kappe gegen mind. 3 Punkte…

Antworten

Wolfsmond 10. Februar 2013 um 09:45

Die erste Halbzeit der Borussia war ja echt zum vergessen. Überhaupt kein Mittel gefunden sich durch die Werkself zu kombinieren. Die Zweite war zwar auch nicht wirklich gut aber wenigstens spektakulär. Ich fands aber beeindruckend wieviele doch recht gute Torchancen sich Leverkusen erspielt hat, das schaffen in der Form auch nicht allzuviele Ligamannschaften gegen Gladbach. Das Ballbesitzspiel hat hier innerhalb der Saison schon einen riesigen Sprung nach vorne gemacht. Man darf gespannt sein wie sich das entwickelt (ich denk mal die bereits angesprochene defensive Stabilität verbessert sich dann quasi nebenbei).

Antworten

ode 10. Februar 2013 um 00:27

Vielleicht liegt die Unsicherheit die in Fehlern mündet ja an der Umstellung…

Antworten

ode 9. Februar 2013 um 18:19

Danke für die interessante Analyse… Bayer scheint trotz guter Leistungen anfällig für Tore zu sein. Jetzt zweimal drei Buden gefangen. Scheint, als würde Lewandowski versuchen, die Mannschaft von der reinen Defensiv-/Tempogegenstoß-Taktik etwas umzustellen. Sie spielen sehr risikoreich mit sehr aggressivem Pressing. Umstellungsschwiergkeiten für die Verteidigung?

Antworten

Massinho 9. Februar 2013 um 18:41

Es liegt weniger an den „Umstellungsschwierigkeiten“ als an den individuellen Fehlern, die jetzt gegen Dortmund und Gladbach 4 Punkte kosteten. Beide Male muss man gewinnen, doch 4/5 Tore wurden einfach dem Gegner geschenkt, so geht das ganz schnell in die Hose. Zudem wurden ein Elfmeter und ein reguläres Tor gegen Gladbach nicht anerkannt, unfassbar, wie man sich um die Punkte bringt.

Antworten

Komfortzone 10. Februar 2013 um 12:28

Bayer hätte gegen Freiburg und Gladbach gewinnen
müssen.

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*