Donnerstag, 18.12.2014

Helsingborgs IF – Hannover 96 1:2

Hannover gewinnt dank besserer Balance.

Bei diesem Aufeinandertreffen von zwei im Großen und Ganzen als solche zu bezeichnenden 4-4-2-Formationen entstanden viele direkte Zuordnungen zwischen den einzelnen Spielern. Gerade die jeweiligen Viererketten der beiden Teams agierten aus diesem Kontext heraus sehr mannorientiert. Die Hausherren aus Helsingborg setzten überdies auch im Mittelfeld verstärkt auf eine solche defensive Strategie, wenngleich es natürlich immer wieder moderatere Phasen im Laufe der Partie gab, in der die Mannorientierung etwas zurückgefahren wurde. Solche Entspannungsphasen gegen das Pressing der Heimmannschaft provozierte Hannover gelegentlich auch durch das sehr weite und daher nicht gänzlich verfolgte Zurückfallen Pintos, der die Innenverteidiger unterstützen und das aggressive Draufgehen in diesen Situationen neutralisieren konnte.

Unterschiede im Sturm

Im Gegensatz zu diesen Ähnlichkeiten in einigen defensiven Prinzipien gab es hinsichtlich der Offensive bereits in der Rollen- und Aufgabenverteilung der jeweiligen Sturmreihen einige Differenzen.

Während die beiden Stürmer von Helsingborgs sich über weite Teile der Partie recht nah an ihren Grundpositionen bewegten, nur sehr dynamische und kurze Bewegungen machten und eher durch Läufe für das Schaffen von Räumen sorgen sollten, agierten bei den 96ern Mo Abdellaoue und Mame Diouf auf andere Weise: Sie hatten längere Laufwege, gingen dabei nicht nur auf den Flügel, sondern ließen sich zusätzlich auch in tiefere Räume fallen und arbeiteten eher in Form von abgelegten Bällen oder dem generellen aktiven Mitspielen. Dabei konnten sie eine Reihe an Vertikalpässen durch leichtes Absetzen von ihren Gegenspielern gut verarbeiten – anschließend spielte der jeweilige Spieler einen Pass auf einen seiner drei Sturmkollegen, der hinter die hohe Abwehr in den Raum startete, was ein effektives Mittel gegen die gegnerfokussierte Abwehr der Schweden darstellte.

Die Balance macht direkt und indirekt den Unterschied

Zudem gab es bei den Hannoveranern einige gute Positionsverschiebungen für bessere Verbindungen im Gegenstoßspiel, welche besonders über die Flügel kamen. Auf der rechten Seite bildete sich ein Dreieck aus Cherundolo, Ya Konan und Stindl, während auf der linken Seite die beiden zentralen Stürmer etwas in Richtung Huszti tendierten. Durch die Ausflüge von Rausch oder die Pässe von Pinto aus der Tiefe verließ der Ungar einige Male den linken Flügel und driftete recht frei auf die andere Seite, wo Ya Konan im Gegensatz dazu meistens verblieb.

Insgesamt konnte 96 dadurch die beiden Flügel überladen und auch auf ein kollektiveres Angriffsspiel zurückgreifen, das eher auf eine Raumüberbrückung durch Interaktion setzte. Diese Form der Angriffe lohnten sich besonders, wenn den Gastgebern die Kompaktheit zwischen den Mannschaftsteilen fehlte und nicht hinter der Abwehr. Letztlich fanden die Niedersachsen eine sehr gute Balance zwischen jener Art des Angreifens und dem formationstreueren Freiraumspiel, welches eben eher die Räume hinter der aufgerückten Abwehr attackierte. Diese Ausgewogenheit und die richtige Anpassung an die Situation war elementar für die vielen wichtigen Aktionen der Mannschaft von Mirko Slomka – und möglicherweise war dieses Gespür, das über fast die ganze Spielzeit teilweise auch unterbewusst weiter entwickelt worden war, in der Nachspielzeit entscheidend, dass man ruhig und intelligent genug blieb, um nach dem 1:1 doch noch klug den Siegtreffer erzielen zu können.

Helsingborgs zu unbeweglich in der Offensive

Es war eine solche Ausgewogenheit im Angriffsspiel, die den Hausherren fehlte und für ihre Unterlegenheit mitverantwortlich war. Verglichen mit den 96ern gingen Helsingsborgs die angesprochenen Verbindungen zwischen den Spielern ab – gerade ihre Offensivreihe mit den Stürmern und den Außenspielern agierte sehr breit und positionstreu, während die Außenverteidiger nur selten unterstützten und höchstens vorgeschoben absicherten. Dadurch gab es zu wenig Kombinationsmöglichkeiten und Aktionsoptionen, besonders für die Außenspieler, und insgesamt vor allem eine deutlich schlechtere Tiefenstaffelung für potentielles Zusammenspiel als sie Hannover vorzuweisen hatte.

Meist sorgten einzig die beiden laufstarken und beweglichen Sechser bei den Hausherren für die eine oder andere auflockernde Aktion oder einen helfenden Laufweg, beispielsweise diagonal in die Schnittstellen. Dort wollten sie zwischen Mitte und Außen in den Halbräumen für Verbindungen sorgen und die Kollegen zu reagierenden Bewegungen anregen, was aber nur bedingt gelang. So waren meistens Einzelsoli – ganz zu Beginn einmal von Bouaouzan und später einmal von Mahlangu – in den Raum vor der Abwehr die gefährlichsten Aktionen gegen Hannovers durchaus mannorientierte Deckungsansätze – allerdings nicht so gefährlich wie Hannovers Szenen auf der anderen Seite.

Viele lange Bälle und die „Windwirkungen“

Zum Schluss noch ein interessanter, wenn auch nicht direkt spielentscheidender Aspekt, der aber vielleicht nicht unerwähnt bleiben sollte: Durch den phasenweise sehr heftigen Wind im Stadion wurden die langen Bälle, die aufgrund der recht mannorientierten und teilweise früh ausgeübten Pressingweisen der beiden Teams durchaus in hohen Maßen gespielt wurden, ziemlich unvorhersehbar.

Aus diesem Grund war nicht nur besondere Vorsicht vor Fehlern geboten, es bedeutete auch erhöhte Anforderungen bei der Kontrolle und Verarbeitung solcher Zuspiele. Noch interessanter waren allerdings die Effekte auf mögliche Gegenpressing-Situationen, deren Vorbereitung etwas verkompliziert wurde, da sich der Ball in seiner Richtung oder Stärke noch einmal ändern konnte und die nächste Spielsituation sich dann eventuell in einen leicht anderen Spielfeldbereich verlagerte. Um durch den Wind nicht ins Leere zu laufen und dann diese gegenzupressen, durften vorbereitende Muster nicht zu aggressiv ausgeführt werden, was letztlich dazu führte, dass sich (noch) mehr Räume auf dem Spielfeld öffneten. Um es auf die Spitze zu treiben, könnte man auch sagen, Hannover habe in der Reaktion auf die „Windbälle“ ebenso die richtige bzw. bessere Balance in der Anpassung daran gefunden.

Fazit

Nach dem Ausgleich in der Nachspielzeit für das Team aus Helsingborg schaffte Hannover ebenfalls in der Nachspielzeit doch noch seinen verdienten Sieg – ein großes Spektakel in den letzten Minuten. Verdient war der Sieg durch die zwar nicht überdeutliche, aber doch sehr konstante Überlegenheit der Hannoveraner über das ganze Spiel hinweg. Sie passten ihr Angriffsspiel besser der Situation an und agierten hier ohnehin stärker, als die Hausherren, denen häufig Verbindungen und Staffelung fehlten.  Wie bereits erwähnt sorgte das in vielen Aspekten balanciertere Spiel der Niedersachen letztlich für ihre keinesfalls turmhohe, aber eben sehr breitflächige Überlegenheit.

Ichselbst 26. Oktober 2012 um 17:00

Sind bestimmt schon in Arbeit. Solche Spiele zu analysieren lässt sich spielverlagerung bestimmt nicht entgehen. Geduld :)

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MR 26. Oktober 2012 um 17:37

Korrekt. Und es gibt kein “wir” in diesem Fall, sondern immer einen einzelnen Autor für ein Spiel. Und TR ist halt immer schneller als die anderen. ;)

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FlankeKopfTor 26. Oktober 2012 um 16:31

Ich frage mich, warum ihr nach Spielen wie S04-Arsenal und BVB-Real ihr dieses Spiel analysiert. Es ist lange her, dass deutsche Mannschaften (außer Bayern) gegen solche Hochkaräter gewonnen haben. Mich würde vielmehr interessieren wie S04 und der BvB einen Weg gefunden haben gegen diese Hochkaräter zu gewinnen und zu bestehen. Schade!

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