Liverpool FC – Manchester United 1:2

In der englischen Premier League fand an diesem Wochenende der ewige Klassiker statt: Liverpool empfing an der Anfield Road die Mannschaft von Manchester United. Die beiden historisch erfolgreichsten englischen Vereine hatten seit den letzten Saisons ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Die Elf von Sir Alex Ferguson hatte in den letzten Jahren die Vormachtstellung inne und will in dieser Saison den Titel zurĂŒck nach Old Trafford holen. Die Reds hingegen sind seit dem Abgang von Benitez beziehungsweise seit dessen letzter Saison aus der Top-Four gerutscht und liegen aktuell sogar am unteren Ende der Tabelle. Aktuell befinden sie sich gar in einer Umbruchphase mit Neo-Trainer Brendan Rodgers, dessen System wir in dieser Analyse noch genauer ausleuchten werden.

Wechselwirkungen der jeweiligen Formationen

Die Hausherren begannen in einer 4-3-3-Formation. Auf den defensiven Außenbahnen begannen Glen Johnson  auf der linken Seite und Martin Kelly auf der rechten Seite. Nominell spielten sie auf links also mit keinem richtigfĂŒĂŸigen Außenverteidiger, wĂ€hrend JosĂ© Enrique auf der Bank Platz nehmen musste.

Grundformationen zu Spielbeginn

Dies hatte neben LeistungsgrĂŒnden wohl nur geringe taktische Ursachen (bspw. den marginal besseren Antritt Johnsons gegenĂŒber Enriques), denn Johnson gab sich betont klassisch bei seinen VorstĂ¶ĂŸen und versuchte sich seitlich zu halten. Somit interpretierte er seine Rolle weder invers noch diagonal, wenngleich er den einen oder anderen Ausflug nicht verhindern konnte. Auf rechts zeigte sich auch der gelernte Innenverteidiger Kelly sehr offensiv und ging mit nach vorne, um das Spiel breit zu machen und die gegnerischen Außen zu Defensivarbeit zu zwingen.

In der Innenverteidigung begannen Martin Skrtel und Daniel Agger, welche nicht nur Absichern und in der Defensive agieren sollten, sondern sich um Spielaufbau und UnterstĂŒtzung des Mittelfelds kĂŒmmerten. Besonders bei Agger war zu sehen, wie er im Spielverlauf höher spielte und einige AusflĂŒge ins Mittelfeld startete. Dort half er Joe Allen und Steven Gerrard, indem er mit Ball am Fuß aufrĂŒckte und RĂ€ume schuf. Neben den beiden eher defensiven Allen und Gerrard, wobei letzterer sehr viele Wege nach vorne machte und auch ersterer sich bei Möglichkeit miteinschaltete, gab es mit Shelvey einen weiteren zentralen Mittelfeldspieler. Sie sollten das gegnerische Spiel im Mittelfeld unterbinden und die Verbindung nach vorne zu Shinji Kagawa und Robin van Persie kappen.

Damit taten sich Ryan Giggs und Michael Carrick schwer, obwohl beide grundverschiedene Spielertypen sind. Die Aufstellung von Giggs war ohnehin ein Risiko aus der Perspektive von Ferguson. Der Waliser ist weder der defensivstĂ€rkste noch der geduldigste im Aufbauspiel, was darauf deutet, dass der schottische United-Trainer das Umschaltspiel forcieren wollte, denn Giggs schlĂ€gt teilweise herausragende BĂ€lle in die Spitze, wenngleich er etwas zu vertikal fĂŒr eine solche Position ist. Desweiteren sollte Giggs dem Portugiesen Nani in der Defensivarbeit helfen, wĂ€hrend Carrick etwas zentraler agierte und den Raum vor der Abwehr sichern sollte.

Vorne begannen die Reds mit Sterling und Borini, welche mit DiagonallĂ€ufen hinter die Abwehr kommen sollten, Suarez hingegen öffnete RĂ€ume, sollte von hinten Fahrt aufnehmen und ebenso das Mittelfeld unterstĂŒtzen, welches Rodgers als SchlĂŒsselzone festmachte – weswegen wohl auch die meisten Angriffe ĂŒber die Außen kamen (beide Mannschaften griffen weniger als jedes vierte Mal ĂŒber die Mitte an), denn dort befanden sich nun die meisten offenen RĂ€ume. Auch zwei der besten Spieler in dieser Partie waren dort zu finden: der junge Raheem Sterling und der Außenverteidiger Rafael. Wie genau dieser FlĂŒgelfokus entstand, verrĂ€t ein Blick auf die Mitte der Gastgeber.

Liverpools Mittelfeldtrio

Einmal mehr bot Liverpool eine starke  Partie gegen den Erzrivalen im heimischen Stadion. Wie gewohnt war diese Leistung geprĂ€gt von viel AggressivitĂ€t, einem effektivem Pressing und generell viel Laufarbeit. Die Einteilung im Mittelfeld war eher auf Rollen statt Positionen beschrĂ€nkt. Allen war der Organisator und Raumentscheider, welcher mit seinen PĂ€ssen und Bewegungen ĂŒber die Richtung und den Zeitpunkt der Angriffe entschied.

Teilweise war er sogar höher als Gerrard, zumeist war dies jedoch in der Anfangsphase. SpĂ€ter bewegte er sich stĂ€rker horizontal und diese minimale Anpassung machte aus einem Kampf im Mittelfeld eine Überlegenheit Liverpools, welche die GĂ€ste nach hinten drĂŒckte. Kagawa und van Persie suchten dann zwar RĂ€ume im RĂŒcken der gegnerischen Abwehr und auf den durch die aufgefĂ€cherte Formation geöffneten Seiten, doch fanden sie die bespielbaren RĂ€ume nur selten.

Zentral fĂŒllte Gerrard mit viel Arbeit RĂ€ume in Offensive und Defensive. Er sollte seine Physis in den Zweikampf bringen und entweder mit nach vorne stoßen oder schnelle Angriffe initiieren. Ziel war es auch, dass BĂ€lle auf die Außen kamen, wenn sich Anzeichen ergaben, dass die Mitte verdichtet werden wĂŒrde. Diese weiten BĂ€lle stellen den Kompromiss von Gerrards vertikaler Spielweise und dem von Trainer Rodgers propagierten Fokus auf die Effizienz von offensiven Aktionen dar. Wichtig war hierfĂŒr auch die Aufstellung von Jonjo Shelvey.

durch die Rollen von Shelvey und Suarez konnten sie in der Pressingphase (sh. blaues Viereck) mit vier Mann gegen die gegnerische Viererkette arbeiten oder auch (sh. rotes Viereck) mit vier Mann gegen zwei Spieler im Zentrum agieren, was PĂ€sse nach vorne verhinderte und im eigenen Offensivspiel fĂŒr Überzahl sorgte

Er gab dem Pressing eine neue Dimension, lief unermĂŒdlich im zweiten und dritten Spielfelddrittel, wodurch er nicht nur das Mittelfeld, sondern auch Suarez in der Arbeit gegen den Ball unterstĂŒtzte. Diese Rolle benötigt nicht nur Spielintelligenz und Laufarbeit, sondern ein gutes Timing – was Shelvey in Anbetracht seiner Spielweise zumeist mitbrachte, doch bereits zu Spielbeginn ein schweres Foul beging, ohne eine Verwarnung zu erhalten. Eine strittige Entscheidung spĂ€ter musste er vom Platz, als er ĂŒberhastet in einen Zweikampf mit United-Innenverteidiger Evans kam. Dies ist eben die Gefahr einer solchen Spielweise.

Suarez‘ Rolle

Nicht nur in der Defensive schufen die Scousers eine lokale Überzahl durch das Ausweichen in Mannschaftsteilen. Auch offensiv gab es mit Suarez eine Überladung des Raumes zwischen den Linien, indem sich der Uruguayer zurĂŒckfallen ließ. Er spielte dabei wie eine falsche Neun, unterstĂŒtzte Shelvey und Co. beim Kreieren von Chancen und öffnete RĂ€ume fĂŒr Sterling sowie verstĂ€rkt fĂŒr Borini, welche diagonal nach innen zogen; Sterling spielte diese diagonale Rolle dank seiner BallstĂ€rke und fĂŒr die Hereingaben teilweise vor der Kette, natĂŒrlich mit anderen Auswirkungen und einer anderen grundlegenden Idee. Er sollte schlicht variabel agieren und seine Technik ausspielen, um entweder seitlich zu laufen oder sich ebenfalls in die Mitte einzuschalten.

Bei Borini war das primĂ€re Ziel hinter die Kette zu kommen und die unterlegene Geschwindigkeit von Evans und besonders Ferdinand zu nutzen. Allerdings verhinderte das schwache Herausspielen von vertikalen Flachpassmöglichkeiten, die mangelnde EffektivitĂ€t der FlĂŒgelstĂŒrmer sowie gelegentliche gute Positionierungen der Sechser eine enorme Durchschlagskraft dieser Spielweise.

Uniteds Anpassungen

Grundformationen in der Schlussphase nach den Wechseln und Umstellungen

In der ersten SpielhÀlfte wurde Manchester United konstant nach hinten gedrÀngt und konnten kaum Konter fahren. Sie waren die klar schwÀchere Mannschaft und es fehlte nicht nur an der nötigen EffektivitÀt im Umschalten, sondern an der Sicherheit im Passspiel, der nötigen KreativitÀt und DurchsetzungsfÀhigkeit in OffensivzweikÀmpfen. Bester Mann war noch Rafael, welcher hinter Valencia noch mit am besten nach vorne ging und defensiv eine gute Leistung zeigte.

United wollte dann gar nicht mehr den aussichtslosen Kampf in der Mitte annahmen, sondern konzentrierten sich nun ausschließlich auf einen effizienten Gegenschlag. Geholfen wurde ihnen letztlich durch den Platzverweis von Shelvey. Ferguson wollte nun mit Giggs statt Nani auf links und Scholes in der Mitte verstĂ€rkt den Ball halten und den Kampf um Ball und Raum gegen einen dezimierten Gegner annehmen – doch auch hier war man lange Zeit schlechter, wobei die Einwechslung Scholes‘ natĂŒrlich Wunder wirkte und diese Unterlegenheit immer stĂ€rker ausglich.

Bei Liverpool kam Suso fĂŒr Borini und sollte mehr SpielstĂ€rke bringen. Doch in weiterer Folge sah Rodgers wohl die Möglichkeit, dass seine Mannschaft trotz Unterzahl Ball und Gegner dominierte, weswegen er Henderson brachte. Dieser spielte mit Gerrard auf den Halbpositionen neben Allen und sollte die Wege nach vorne mitgehen sowie den Außenverteidigern defensiv helfen. Suso wechselte ins Zentrum und half Suarez, wodurch aus dem 4-4-1 ein aktiveres 4-3-1-1-System entstand. Letztlich waren beide Teams mehr oder minder ebenbĂŒrtig, doch United konnte durch einen Elfmeter das entscheidende Tor erzielen.

Fazit

Eine interessante und intensive Partie, in welcher Liverpool einen Sieg durchaus verdient gehabt hĂ€tte. Indem sie Shelvey und Suarez mit flexiblen Rollen beschĂ€ftigten sowie Allen und Gerrard deren StĂ€rken entsprechend spielen ließen, nutzten sie ihr Potenzial und konnten offensive wie defensive Überzahlen in der Mitte erzeugen – teilweise schlicht durch Laufarbeit und AggressivitĂ€t, welche die primĂ€ren Faktoren in dieser Partie waren. United hingegen war in vielen Aspekten ĂŒberraschend schwach, es fehlte zentral an Dynamik und auf den FlĂŒgeln an den nötigen Optionen. Das klassische breite 4-4-2-Spiel war erst nach dem Platzverweis eine bessere Variante, obwohl man daraus mehr hĂ€tte machen mĂŒssen.

Leonidas 26. September 2012 um 10:55

Interessant wie schlecht Manchester diese Saison spielt. Liverpool braucht nur so weiterzuspielen und im Winter einen halbwegs guten StĂŒrmer dazuholen, dann kommen die Punkte von allein.
Eine Sache zum Schiedsrichter: Der Platzverweis war ein Witz. Evans und Shelvey rauschen beide mit gestreckten Beinen in den Ball. Wenn er Rot gibt, dann fĂŒr beide. Gelb hĂ€tte es auch getan. Der Elfmeter eine klare Schwalbe. Traurig das Manchester seit Jahren und immer wieder von Schiedsrichtern bevorteilt wird (siehe CL-Spiel gegen Galatasaray).

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Ronny 20. Oktober 2012 um 21:48

Meines Erachtens war der Platzverweis völlig berechtigt, da ein solches Einsteigen in der gegnerischen HĂ€lfte fĂŒr mich kaum nachvollziehbar ist.
Zudem finde ich den Fussball den United diese Saison spielt ĂŒberhaupt nicht schlecht, sie hatten am Anfang der Saison noch Schwierigkeiten van Persie mit einzubeziehen, was jedoch jetzt umso besser klappt, wie auch an seinen jetzigen Toren in allen Wettbewerben zu sehen.
Die Verletzung von Wayne Rooney war natĂŒrlih eine klare SchwĂ€chung und man sieht auch, das seit er wieder da ist die QualitĂ€t in United’s Offensive enorm gestiegen ist, wie im heutigen Spiel gg. Stoke City klar erkennbar.
Alle 4 Tore von StĂŒrmern und zu allem Guten sogar auch noch alle Vorlagen jeweils von dem Offensiv-Trio van Persie, Welbeck und Rooney.
Ich vermute das durch diese enorme QualitĂ€t auf den FlĂŒgeln und in der Offensive United dieses Jahr eine sehr erfolgreiche Saison spielen lassen wird, wozu natĂŒrlch auch der Premier League-Titel gehört.

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M 25. September 2012 um 05:03

Um mal der Facebook kritik hier entgegen zu wirken:

konnte das spiel selber leider nicht sehen
Aber bekam durch die beschreibung hier dann doch keinen so schlechten eindruck
(was will man auch – bei allem fan-dasein – an united viel mehr taktisch finden, als scholes)

Find die analyse dann aber doch sogar besser als die von ZM

Zumal ich sehr gern von liverpool lese diese saison
sicherlich wĂ€r speziell das auch noch ausfĂŒhrlicher gegangen,
aber fĂŒr den ersten(?) artikel ĂŒber die reds diese saison wars passend

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Gunner89 24. September 2012 um 17:36

Ich bin auch der Meinung das Liverpool den Sieg verdient hatte, sie waren klar besser in der ersten Halbzeit, von van Persie hat man eig. das ganze Spiel nichts gesehen.

Mal was allgemeineres: Ich finde, dass in der Premier League die PĂ€sse fester gespielt werden, als zB bei den Bayern. Bei den Bayern kommen mir die PĂ€sse immer sehr schwach vor, sodass er gerade so ankommt ohne dass der Spieler entgegen kommen muss und allgemein das Tempo sehr langsam, wĂ€hrend in England auch harte PĂ€sse noch richtig gut angenommen werden. Liegt das an der anderen KamerafĂŒhrung bzw. -perspektive oder ist das echt so?

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Imrahil 24. September 2012 um 16:19

Bei Zonalmarking wird behauptet: „Clearly, Kagawa was trying to play the role he played with Borussia Dortmund, which involved not contributing significantly in the defensive phase of play, and instead trying to find space to initiate counter-attacks .“

http://www.zonalmarking.net/2012/09/23/liverpool-1-2-manchester-united-united-come-from-behind-to-win/

Zumindest der Teil ĂŒber Dortmund ist doch falsch, oder?

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DL 24. September 2012 um 16:52

Ja, definitiv. Soweit ich weiss, ist Kagawa ein wirklich wichtiger Teil des Dortmunder Pressings gewesen. Klar, er hat auch mal spekuliert, aber seine 12+ km pro Spiel kamen vor allem durch das Zulaufen von Passwegen zustande. Hier hat Reus noch Nachholbedarf 😉

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MR 24. September 2012 um 20:39

Das ist glaub ich das falscheste, was ich je in einer Taktikanalyse gelesen hab. Kagawa ist einer der besten Pressingspieler der Welt. (Und hat auch noch weit nach hinten gearbeitet in Dortmund.)

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TW 26. September 2012 um 19:29

Wenn schon zitiert wird, dann bitte nicht die Zitate aus dem Kontext reißen!

Bevor das angegebene Zitat kommt geht es in dem Artikel um die Zuordnungen im Mittelfeld und die Tatsache, dass Kagawa hier Allen zugeordnet wĂ€re. Im Anschluss kommt dann die folgende Aussage: „He did that by drifting around behind Allen, and his major defensive task was to form a barrier between Allen and the ball, preventing easy passes being played into him from the Liverpool defence.“ Und Letzteres ist tatsĂ€chlich die Aufgabe, die er bei Dortmund in Perfektion ausgefĂŒhrt hat.

Im Anschluss wird dann darauf eingegangen, dass Liverpool diese Barriere aufgrund intelligenter Bewegungen der beiden Achter umspielen konnte. Die Kritik richtet sich somit nicht gegen Kagawa und seine defensiven FĂ€higkeiten, sondern gegen die Taktik von Sir Alex Ferguson.

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