Ukraine – Schweden 2:1

Gastgeber Ukraine gewinnt sein Auftaktspiel mit 2:1. Begünstigt wurde der Sieg durch eine zu passive Herangehensweise ihrer schwedischen Gegner.

Die letzte Partie des ersten Spieltages der EM-Gruppenphase war vorab eine reine Wundertüte: Zwar war über die schwedische Mannschaft mit ihrem erwartbaren 4-4-1-1-System einiges bekannt. Die Ukrainer allerdings waren vor dem Turnier weniger berechenbar. Durch die zahlreichen Strategiewechsel  von Nationalcoach Blochin in den Testspielen war wenig über Anfangself und Taktik bekannt. Sowohl personell als auch taktisch wusste der Trainer daher zu überraschen: Mit Nazarenko, Voronin und Shevchenko baute Blochin auf drei Altstars in der Offensive, mit denen nicht jeder gerechnet hatte. Auch Gusiev war auf der Rechtsverteidigerposition noch vor wenigen Wochen nicht gesetzt. Durch den gelernten Linksaußen auf der Abwehrposition entstand eine leicht asymmetrische Formation, der Akteur von Dynamo Kiew schaltete sich wesentlich öfters in die Offensive ein als sein Gegenüber Selin.

Überhaupt war die ukrainische Formation alles anderes als alltäglich: Während sie in der Defensive auf ein alltägliches 4-4-2 bauten, agierten sie in der  Offensive agierten sie mit einem 4-1-3-2. Grundsätzlich war die Formation bei eigenem Ballbesitz äußerst offensiv. Mit Konoplyanka, Voronin, Shevchenko und Yarmalenko hatte das Team oftmals vier Spieler in einer schematisch hohen Position. Dazu gesellte sich mit Nazarenko ein Achter, der seine Rolle ebenfalls offensiv interpretierte.

Ukraine mit Spielkontrolle

Gegen eine schwedische Mannschaft, die nach zehn aggressiven Anfangsminuten das Offensivpressing vollständig einstellte, war diese Variante nicht sehr effektiv. Da die Ukraine ohne große Gegenwehr die Kontrolle über das Spiel übernehmen konnte, waren sie auf einen Spielaufbau aus dem Mittelfeld angewiesen. Tymoschtschuk  fand in dieser Zone jedoch kaum Unterstützung, da er zwar mindestens fünf Akteure vor sich, aber niemanden neben sich anspielen konnte.

Der Hintergrund dieser Taktik war klar: Coach Blochin wollte mit seinem Team offenbar schnelle Konter spielen. Allerdings gelangen diese gegen die risikolos auftretenden Schweden nur selten. Sobald Tymoschtschuk und Co. zum schnellen Gegenstoß ansetzen wollten, waren bereits acht Gegenspieler hinter dem Ball. Meistens blieben nur Ibrahimovic und Rosenberg vorne. Räume für schnelles Vertikalspiel, wie bei Shevchenkos großer Chance in der 23. Minute nach Doppelpass mit Yarmolenko, gab es kaum.

Die Ukrainer fanden erst ins Spiel, als sich Voronin und Nazarenko vermehrt zurückfallen ließen. Da Tymoschtschuk an diesem Abend nicht allzu kreativ wirkte, wurden die Ideen seines Mittelfeldkollegen Nazarenko umso stärker benötigte. In der letzten Viertelstunde wurden die Ukrainer so immer torgefährlicher. Besonders stark waren sie, wenn Voronin und Nazarenko zusammen kombinierten. Aus einem 4-1-4-1 heraus konnten die beiden Shevchenko sowie Dribbelkünstler Yarmalenko bedienen. Gerade die rechte Flanke produzierte in der Folge zwei bis drei gute Flanken, Konoplianka verpasste nach einer Hereingabe durch Gusiev die beste Chance aus dem Spiel heraus (42.).

Von den Schweden war zu diesem Zeitpunkt nichts zu sehen. Ihr größtes Problem war, dass sie durch die tiefe Stellung ihrer zwei Viererketten einen zu großen Abstand zu den Angreifern hatte. Die einzige Möglichkeit, ihre Offensivspieler einzusetzen, waren daher lange Bälle. Dummerweise ist Ibrahimovic jedoch ihr Schlüsselspieler, ohne den nicht viel geht. So war ihr Spiel vor allem zwischen Minute 25 und 45 eine Ansammlung von riskanten Pässen auf Ibrahimovic, der leidlich versuchte, diese zu halten und abzulegen. Allerdings dauerte es, bis seine Mitspieler nachrückten, und so biss er sich Szene um Szene an den ukrainischen Verteidigern fest. Hinzu kamen die Ibra-typischen Egoismen und Lustlosigkeiten. An sämtlichen guten Chancen der Schweden war dementsprechend der Superstar stets beteiligt, so bei seinem Pfostentreffer in der 39. Minute – ohne ihn ging wenig.

Zweite Halbzeit

In der Halbzeitansprache bemerkten beide Trainer wohl, dass ihre Teams mehr über die Außen spielen sollten, denn in der Folge gab es mehr und mehr Pässe an die Grundlinie.  Bei Schweden postierte sich Larsson weiter außen, Ibrahimovic ging öfters in den Strafraum als Abnehmer für Flanken. Nach wenigen Minuten schien diese Taktik aufzugehen, als Larsson von rechts den Führungstreffer mit einer Flanke auf Källström einleitete. Dieser passte in die Mitte auf Ibrahimovic (52.) – wer sonst sollte den Führungstreffer besorgen?!

Doch das schwedische Glück hielt nicht lange. Auch die Ukrainer wagten in den Minuten zuvor mehr Angriffe über die Flügel. Sie versuchten nun, schneller und direkter Yarmolenko auf rechts einzusetzen, der in einigen Situationen „zockte“ – er vernachlässigte die Rückwärtsbewegung, um im Falle eines Gegenstoßes anspielbar zu sein. Es war keine Überraschung, dass er den Ausgleichstreffer für Shevchenko vorbereitete (55.). Doch damit nicht genug: Wenige Minuten später gewannen die Ukrainer eine Ecke. Shevchenko zeigte bei  seinem kraftvollen Sprint an den kurzen Pfosten all die Motivation, die er durch seinen ersten Treffer hinzugewonnen hat – 2:1 (62.).

Erst in Rückstand wachten die Schweden auf und wurden aggressiver. Sie versuchten es nun mit einem hohen Pressing. Allerdings hatten die Ukrainer durch den hohen Ballbesitz in den 60 Minuten zuvor dermaßen an Passsicherheit gewonnen, dass die Schweden in der gegnerischen Hälfte so gut wie keinen Ballgewinn verbuchen konnten. Auch ihre Wechsel brachten keine Verbesserung des eigenen Spiels: Weder Wilhelmsson auf links noch der durch die Einwechslung von Svensson nach rechts gewanderte Elm konnten für Impulse von den Flügeln sorgen. Chancen gab es nur noch nach Geistesblitzen Ibrahimovic‘ oder durch Offensivaktionen von Mellberg. Der Verteidiger, der mit seinem Bart jeden „nordische Gottheiten Look-a-like“-Contest gewinnen könnte, war an mehreren Offensivaktionen beteiligt, vergab aber eine große Möglichkeit kurz vor Schluss (93.).

Fazit

Die Ukraine gewann mit Kampfgeist und etwas Glück ihr Auftaktspiel. Dabei fand die Elf von Oleg Blochin erst nach und nach ins Spiel. Das eigentlich auf Konter spezialisierte Team musste sich zunächst an die ungewohnte Rolle als dominantes Team gewöhnen. Speziell zwischen der 30. und 60. Minuten spielten sie ungewohnt attraktiven Fußball. Voronin und gerade Nazarenko hatten einige schöne Einfälle, auch Yarmolenko steuerte einige Kabinettstückchen bei. Dass am Ende der umstrittene Altstar Shevchenko den Sieg mit seinen beiden Treffern klar machte, dürfte Blochins Kritiker erst einmal verstummen lassen.

Ihr Gegner Schweden zahlte am Ende den Preis dafür, dass ihre einzige Offensividee „Wir spielen den Ball zu Ibrahimovic“ hieß. Erst, als sich dieser vermehrt ins Sturmzentrum orientierte und dort mit Flanken gefüttert wurde, strahlte das Team so etwas wie Gefahr aus. Personell enttäuschte bei den Skandinaviern vor allem das zentrale Mittelfeld, das durch die tiefe Staffelung des eigenen Teams nie das schwedische Spiel ordnen konnte. Kreative Ideen? Fehlanzeige. Gerade Alkmaars Shooting-Star Elm war bis zu seiner Versetzung nach Rechtsaußen komplett unsichtbar. Vielleicht können die Schweden mit der abwartenden, reaktiven Taktik einem der Favoriten aus England oder Frankreich ein Bein stellen – gegen die Ukraine gingen sie nach dieser mut- und risikolosen Leistung jedenfalls verdient als Verlierer vom Platz.

Article by TE

TEs Taktikleidenschaft erweckte Mourinhos Chelsea. Seitdem favorisiert er schnell umschaltende Teams. Bei Spielverlagerung kümmert er sich hauptsächlich um die Bundesliga und die Nationalmannschaft. Er ist auch bei Twitter aktiv unter @TobiasEscher.

17 Comments

  1. 10
    opaoma says:

    Ist überhaupt nicht auf das Spiel bezogen sondern auf die ganze EM:

    Was halten Ihr hier eigentlich von der Aussage Löws (übereinstimmend natürlich mit dem Medienrummel), dass die EM so ein spektakuläres Fußballfest auf allerhöchstem Niveua sei? Ich meine ich gucke die Spiele auch gerne und sie sind in vielerlei Hinsicht auch spannend zu verfolgen. Aber wenn man die Spiele wirklich mit Vereinsfußball a la Bundesliga vergleicht (was natürlich an sich fargwürdig ist), ist meiner Meinung nach das Niveau was Passicherheit, allgemeine Geschwindigkeit und taktische Mittel angeht doch deutlich niedriger, oder habe ich da einen falschen Eindruck?

    • 10.1
      maverick.91 says:

      mal abgesehen von russland-tschechien und spanien-italien war ich bislang auch durchgehend ziemlich enttäuscht von den spielen
      naja vllt liegts auch daran das es gerade erst die erste runde ist und natürlich jede mannschaft erstmal nicht verlieren will.

      hoffe das es noch besser wird besondere hoffnung habe ich für morgen wenn holland rausfliegt ;)

    • 10.2
      Solid Snake says:

      Ich finde die EM bis jetzt absolut klasse und auch schon jetzt besser als die komplette WM 2010.

      Es gab bis jetzt wirklich 1 schlechtes Spiel und das war England – Frankreich ansonsten komme ich voll auf meine Kosten.

      19 Tore in 8 Spielen ist ein guter Schnitt.

      Die Schiedsrichter sind bis auf die ausnahme vom Eröffnungsspiel absolut ok.

      Die Stimmung in den Stadien ist gut wenn auch nicht alles komplett ausverkauft ist.

    • 10.3
      typhson says:

      Ich würde Löw zustimmen. Bis auf Griechenland, Tschechien und Irland halte ich eigentlich alle Nationalmannschaften bei der EM für in der Lage, im europäischen Vereinsfußball auf Topniveau mit zuspielen. Deutschland würde ich zum Beispiel stärker als Bayern einschätzen und die hätte fast (nicht unverdient) die Championsleague gewonnen.

      Es ist halt immer eine Frage was der Trainer aus dem „Spielermaterial“ macht. Aber wenn man sich das mal anguckt, spielen doch fast alle „Top-Spieler” aus dem Vereinsfußball bei der EM. Und bis auf wenige Ausnahmen konzentriert auf sechs, sieben Teams.

      • 10.3.1
        opaoma says:

        na dann, kann ja heute nichts passieren, hat doch die B-Elf von Bayern Holland locker besiegt!

        (natürlich nur scherzhaft und wenig Aussagekräftig, war nur ein Testspiel und so weiter…)

        Ich sehe jedenfalls jede Nationalelf deutlich schwächer als die meisten Vereinsclubs, selbst wenn das Spielermaterial der Vereine weniger stark ist. Ist ja auch klar finde ich, bei vollkommen ungleicher Trainingsdauer.

    • 10.4
      typhson says:

      Vergessen:

      Eigentlich wollte ich Soldi Snake zustimmen und seine Punkte noch um einen erweitern ;)

  2. 9
    mb89 says:

    ich hätte nochmals die frage:
    wisst ihr zufällig wo ich heatmaps zu den spielen der euro bekomme?
    danke, lg

  3. 8
    Solid Snake says:

    Also für mich war Tymo ganz klar der Mann des Spiels, für mich hat der totale Ruhe ausgestrahlt war sehr passsicher und Zweikampfstark.Auch nach dem Rückstand haben sie den Faden nicht verloren, da hat man die ganze Erfahrung gespürt die die Ukraine zweifelsohne hat.Die Mannschaft ist echt interessant gerade weil man im Vorfeld mal so garnix rausbekommen hat.Habe nur etwas über Doping gelesen und ja.. sie waren wirklich sehr fit und wach gerade in den letzten 20-30min.

    • 8.1
      epodwolf says:

      Naja, also das mit dem Doping wollen wir mal außen vorlassen. Blochin legt halt unglaublich viel wert auf die Fitness und die Spritzigkeit. Glaube, dass die Spieler teilweise auf den Punkt topfit oder aufgrund ihrer Lage im Verein (Tymo) ausgeruhter sind. Da ging ja einiges an Laufleistung.

  4. 7
    epodwolf says:

    Wieder ein wenig amateurhaft gesehen, aber streckenweise hat mich die Ukraine an Dortmund erinnert. Vor allem das schnelle Umschalten nach Balleroberungen im Mittelfeld und die Spielverlagerung durch hohe Bälle.

  5. 6
    Nagus says:

    Nach dem grotten Kick ENG-FRA, hatte ich eigentlich keine Lust mehr mit jetzt SCHW-UKR anzusehen. Aber es hat sich gelohnt. Ausgenommen den ersten 20min. war das Spiel wirklich klasse. 2 gute Manschaften haben sich ein wirklich gutes Spiel geliefert. Am Ende war der Heimvorteil und die Erfahrung der einzelnen Ukrainer in meinen Augen ausschlaggebend. Die Ukrainer haben sich richtig reingehängt und in vielen Punkten vollkommen überrascht.

    -Was bei euch so gar nicht rauskommt, ist das tolle Pressing verhalten der Ukrainer. Teilweise gab es 5-6 Ukrainer die bei einem Ballverlust in der Gegnerischen Hälfte komplett als Manschaft attackiert haben. Und im Gegensatz zu Deutschland oder Italien, haben die das fast bis ganz zum Schluss aufrecht erhalten. Das dies in den letzten 10min noch fast schief gegangen wäre sei mal dahingestellt.
    -Die kleveren Bewegungen der Einzelspieler. Man hat viele Bewegungen gesehen, die man normlerweise nur bei wirklichen Topleuten sieht. Die Ukrainer haben sich immer wieder mit geschickten Drehungen in den Gegenspieler, Freistöße ergaunert. Ich denke das gerade die Altstars und der Trainer hier gelobt werden müssen.
    -Die geschickten langen Bälle. Am Anfang kamen die meisten länge Bälle von Timo und Co nicht so gut. Aber mit der Zeit hat man gemerkt, dass gerade das Zentrum der Ukraine eine sehr gute Spielübersicht hat und auch Bälle über 40+ Meter an den Mann bringt. In Zeiten des Ticka-Tacka eine schöne Art um ein Spiel mal ganz anders aufzuziehen.

    Im großen und ganzen finde ich Gruppe wirklich spannend. Mit der Leistung von SCHW und UKR werden es die anderen beiden noch schwer haben, vor allem bei dem Kick den die da gestern angeboten haben. Eine wirklich ausgeglichene Gruppe. Aber leider treffen die wohl auf die Spanien/Italien Gruppe ;)

  6. 5
    PittiTrüffelschwein says:

    Gerade zum Anfang hin fehlte bei der Ukraine im Umschalten auf den eigenen Ballbesitz so ein wenig das Bindeglied zwischen verteidigenden und angreifenden Spielern. Das wurde dann, als sich Nazarenko etwas fallen ließ, deutlich besser. Zudem war ich beeindruckt, wo der von mir eh schon hoch eingeschätzte Konoplyanka sich seine Bälle geholt hat. Zudem zeigte er sowohl Ansätze eines inverted Wingers, als auch normale Dribblings über links. Kein Wunder, dass besonders Arsenal Interesse haben soll, ihn aus Dnipropetrovsk zu holen.

    Das Schweden nicht mehr konnte, lag für mich auch an der Aufstellung von Rosenberg, statt Elmander. Was Hamrén da geritten hat, weiß ich nicht. Fakt ist, dass Khacheridi ein ebenbürtiger Verteidiger gegen Ibrahimovic war, der ihn nicht nur körperlich, sondern zuletzt auch psychologisch ordentlich angeknockt hat. Mal schauen, wie Ibracadabra im nächsten Spiel reagiert.

  7. 4
    TE says:

    Ups, wie peinlich. Da habe ich den Politik- wohl mit dem Sportteil verwechselt. Ich hab’s nun geändert.

  8. 3
    Plutarch says:

    Müsste es nicht Tymoshchuk anstatt Tymoschchenko in der Grafik der Startformationen heißen?

  9. 2
    Anonymous says:

    Wer ist Tymoshchenko? ^^

  10. 1
    Politiker says:

    ich bitte den Namen Tymoshchuk nicht mit dem Timoschenkos zu verwechseln! Aber in der schnelle passieren eben kleine Fehler! ansonsten super Analyse! (Grafik ganz oben)

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