Donnerstag, 24.08.2017

Interview mit Sander Ijtsma

Wir sprachen mit Sander Ijtsma, dem Kopf hinter dem Taktikblog 11tegen11.net, über den Fußball in der Niederlande und die Chancen der Elftaal bei der EM. 

Der Niederländer Sander Ijtsma ist alleiniger Autor der englischsprachigen Taktikseite 11tegen11.net. Auf der Seite werden schwerpunktmäßig die holländische Liga sowie internationale Spiele mit niederländischer Beteiligung analysiert. Darüber hinaus ist die Seite auch bei Facebook und Twitter zu finden. Das Interview schaffte es aus zeitlichen Gründen leider nicht mehr in unsere EM-Vorschau.

Sander, Du bist Gründer und alleiniger Autor des niederländischen Taktikblogs „11tegen11“. Seit wann interessierst du dich für Taktik und wie ist es zu dem Entschluss gekommen, einen eigenen Blog zu dem Thema zu gründen?

Ehrlich gesagt fasziniert mich die taktische Seite des Fußballs, seit ich denken kann. In den letzten Jahren sind mir dann Blogs aufgefallen, die diesen Aspekt des Fußballs im Detail beschreiben, was mir in der medialen Berichterstattung damals und auch heute fehlt. Den größten Einfluss auf die Entwicklung meines Blogs hatte unbestreitbar Michael Cox’ ZonalMarking.net. Letztlich war der Auslöser für mich der Mangel an Berichterstattung über das, was tatsächlich während einem Fußballspiel passiert. Viele Zeitungsartikel nutzen viel Inhalt, den sie bereits vor dem Spiel vorbereiten, aber die Essenz dessen, was in den 90 Minuten tatsächlich auf dem Platz geschieht, bleibt leider auf der Strecke. Ich versuche, diese Lücke füllen, und hoffe, dass dieser Trend in den „klassischen Medien“ aufgenommen wird.

Der niederländische Taktikblogger Sander Ijtsma

Auf deiner Seite werden praktisch alle Spiele mit niederländischer Beteiligung analysiert, der Fokus liegt dementsprechend auf der Eredevise. Wie würdest du die erste holländische Liga im internationalen Vergleich in Bezug auf ihre Wettbewerbsfähigkeit einordnen?

Ein kurzer Blick auf die letzten europäischen Wettbewerbe zeigt, dass die niederländischen Teams nie in die finalen Runden kamen. Ich würde sagen, die Eredivisie liegt ziemlich weit hinter den Top 5 aus England, Spanien, Deutschland, Italien und Frankreich. Allerdings spielen viele Teams in der Eredivisie mit jungen, entwicklungsfähigen Spielern, was die Liga attraktiver macht. Außerdem fallen relativ viele Tore in der niederländischen Liga, was besonders neutrale Fans erfreut.

Die Talente wechseln nach meinem Gefühl in die europäischen Topligen, wodurch erstens das Niveau der Liga insgesamt sinkt und zweitens weniger TV-Einnahmen erzielt werden. Siehst Du das auch so?

Ich stimme zu, dass die Youngsters die Liga verlassen. Jedes Jahr wechseln die besten von ihnen in die stärkeren Ligen. Aber ich sehe dies nicht als Grund für die geringen TV-Einnahmen. Ich würde das Argument umdrehen und sagen, dass der niedrige TV-Deal der Grund ist, dass die Vereine die Spieler nicht halten können.

Ist die weite Verstreuung der besten niederländischen Profis mehr Chance oder Problem für das Nationalteam? Immerhin erleben wir Deutschen gerade, dass erstmals seit langer Zeit wieder einige der deutschen Nationalspieler zu internationalen Topklubs wie Arsenal oder Real Madrid wechseln.

Ich denke, das erweitert die Optionen für Van Marwijk. Ihm stehen Spieler mit Erfahrungen aus allen Top-Ligen bei der kommenden Europameisterschaft zur Verfügung.

Geht durch die Internationalisierung der Nationalmannschaft nicht auch ein wenig die nationale Identität verloren?

Es gibt eine starke nationale Identifikation und der Fakt, dass die meisten Spieler außerhalb Hollands spielen, spielt hierbei nicht wirklich eine Rolle. Bei einem kleinen Land wie Holland wird es immer attraktive Optionen außerhalb der eigenen Grenzen geben.

Kommen wir zum Team, das die Niederlande für die EM in Polen und der Ukraine ins Rennen schicken. Gab es aus Deiner Sicht Überraschungen bei der Nominierung des Kaders?

Mich hat am meisten Van Marwijks Verzicht auf Ajax’ Vurnon Anita überrascht. Er schien ein aussichtsreicher Kandidat auf den Linksverteidigerposten zu sein, jetzt da Erik Pieters verletzt ausfällt. Van Marwijk setzt dort wohl auf Stijn Schaars, der sich während seiner Zeit bei Sporting sehr gut entwickelt hat. Die größte Überraschung ist der 18jährige Linksverteidiger Jetro Willems, der sein Profifußball-Debüt erst vor 16 Monaten gab und der daher kaum Erfahrung mitbringt.

Normalerweise agieren die Niederländer aus einem 4-2-3-1-System. Könnte Van Marwijk mit einem Alternativsystem überraschen?

Nein. Taktiken vorauszusagen gestaltet sich immer schwierig, allerdings wird Van Marwijk am allseits bekannten 4-2-3-1-System festhalten, höchstwahrscheinlich mit Kapitän Van Bommel und Nigel de Jong auf der Doppelsechs, ganz wie bei der Weltmeisterschaft. Gegen defensiv-orientierte und individuell schwächere Gegner hat er zuletzt Van der Vaart neben Van Bommel eingesetzt, um den Gegner mit einem tief agierenden Spielmacher zu konfrontieren, aber gegen stärkere Teams hat er immer auf die doppelte Absicherung gebaut. Und ein Blick auf den Spielplan zeigt, dass Holland bei der EM nicht auf allzu viele schwache Teams treffen wird.

In einem Artikel in unserer EM-Vorschau vertrete ich die Ansicht, dass man bei der Frage, ob Huntelaar oder van Persie in vorderster Linie gesetzt sein soll, nicht bloß die Torquote heranziehen sollte, sondern gerade van Persies spielerische Qualitäten einbeziehen muss, die ihn meiner Meinung nach als Sturmspitze wertvoller machen als den statistisch erfolgreicheren Huntelaar. Wie stehst Du dazu?

Van Persie wäre im defensiv-orientierten, auf Konter fixierten 4-2-3-1 mit der zerstörenden Doppelsechs die bessere Alternative. Gegen schwächere Teams oder bei einem Rückstand könnten jedoch Huntelaars Torjägerqualitäten im Strafraum gebraucht werden.

Neben van Persie muss bei den Schlüsselspielern im Team unbedingt Wesley Sneijder genannt werden, der die Mannschaft 2010 praktisch im Alleingang ins  Finale schoss. Was kann man von ihm diesmal erwarten?

Dasselbe wie bei der WM. Holland wird seine langen Pässe nutzen, um die eigene Geschwindigkeit und Dribbelstärke auf den Flügeln zu nutzen.

Seit langer Zeit schon fordern viele die Herausnahme Kuyts zugunsten eines spielstärkeren Offensivspielers. Wie siehst Du das?

Man sollte bzw. kann nur ein bestimmtes Maß an Technik in einem Team einbauen. Kuyt ist wichtig, um die Balance im Team aufrecht zu erhalten.

Probleme sehen viele neutrale Beobachter in der Defensive. Vor allem die Innenverteidiger gelten als nicht so stark wie die der beiden Hauptkonkurrenten um den Titel, Deutschland und Spanien. Was sagst Du dazu?

Das ist sicher ein zutreffender Punkt, allerdings hilft die Absicherung durch Van Bommel und de Jong sehr stark.

Arjen Robben spielt in der Nationalmannschaft meistens links, bei den Bayern auf rechts. Welche Position passt besser zu ihm?

Er spielt normalerweise auf dem rechten Flügel, aber zuletzt füllte er die Lücke auf der linken Seite des holländischen Teams. Ich denke, er sollte lieber auf rechts spielen.

Sind Überraschungen für die Startaufstellung im ersten Spiel gegen Dänemark zu erwarten?

Die interessanteste Frage wird sein, wer auf der linken Außenbahn spielen wird. Wird es Van Persie als Außenstürmer, Affellay trotz seines fehlenden Rhythmus oder wird Van Marwijk auf den Arbeiter Kuyt zurückgreifen?

Bert van Marwijk ist nicht unumstritten. Während die Deutschen bewundern, wie er das holländische Team pragmatischer und fokussierter machte, fordern viele in den Niederlanden eine dominantere, offensivere Taktik. Kann die holländische Öffentlichkeit ein eher reaktives Team lieben?

Die Reaktionen nach der WM haben gezeigt, dass der jüngeren Generation unter 40 ein gutes Resultat wichtiger ist als der Spielstil. Die älteren Fans hingegen wollen einen proaktiven Stil sehen.

Wie werden die Niederlande bei der EM abschneiden?

Ich würde sagen, dass das Erreichen des Halbfinales ein gutes Resultat wäre.

Zum Schluss würde ich mich noch über ein paar persönliche Tipps zur EM freuen. Wer wird das Turnier gewinnen? Wer wird deiner Meinung nach die größte Turnierüberraschung, und wer die größte Enttäuschung?

Mein Tipp wäre Deutschland, und das nicht nur wegen der Nationalität eurer Leser (lacht). Sie haben den vielfältigsten Kader. Spanien, welche ebenfalls von vielen als Favoriten gehandelt werden, haben viele Spieler, die diese Saison bereits über 50 Spiele gemacht haben – die jüngere Geschichte hat gezeigt, dass dies gefährlich für die Siegeschancen eines Teams sein kann. Spanien ist daher auch mein Tipp für die größte Enttäuschung, bereits beim letzten Mal waren einige sehr enge Resultate dabei. Eine Überraschungsmannschaft könnte Tschechien werden, die ihre jüngsten Erfolge im U21-Bereich nun bei einem A-Turnier fortsetzen könnten.

Und zuletzt: Wie traurig wirst du sein, wenn die deutsche Mannschaft die niederländische Elf auseinandernimmt?

Kein Kommentar

Spielverlagerung bedankt sich für das interessante Interview!

vastel 7. Juni 2012 um 19:55

Danke, darum mag ich eure Seite so! Ich finde es sehr gut, dass ihr euch immer wieder auch andere Meinungen einholt und somit nicht in eine Richtung festfahrt und am Ende eventuell nur in eurer eigenen Suppe schwimmt.

Behaltet dies bitte bei, dann bleibt spielverlagerung.de immer frisch und auf hohem Niveau! 🙂

Die letzte Frage war allerdings schon ein bisschen frech…aber gegen unsere lieben Nachbarn in Orange darf das mal erlaubt sein 😉

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