Donnerstag, 24.08.2017

Interview mit Lothar Matthäus, Teil 1

Wir trafen Lothar Matthäus und sprachen mit ihm über seine Vorstellungen als Trainer, was er von seinen Trainern gelernt hat und wie attraktiver Fußball aussieht.

Spielverlagerung: Herr Matthäus, wie verfolgen Sie aktuell den Fußball?

Matthäus: Ich verfolge eigentlich alle Ligen in Europa, auch in Ländern, denen in Deutschland nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ich habe viel im osteuropäischen Ausland gearbeitet, auch in Israel, und ich weiß nach wie vor, welche Mannschaften dort ganz oben stehen. Hauptsächlich schaue ich aber natürlich die deutsche Bundesliga. Das ist ein Muss, genauso wie internationale Spiele.

Spielverlagerung: Wie viele Spiele schauen sie grob in der Woche, wie viele davon im Stadion?

Matthäus: Wenn es in meinen Plan passt, schaue ich mir so viele Live-Spiele wie möglich an. Ich würde sagen, monatlich zwischen 4 und 8 Spielen im Stadion. Aber ich schaue auch viel Fernsehen – was die Zeit hergibt, schaut man Fußball. Frauen schauen Mode und wir Männer schauen eben Fußball.

Spielverlagerung: Ist das eine Möglichkeit, sich über fußballerische Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten?

Matthäus: Es gibt nicht immer was Neues zu entdecken, aber manche Spielszene prägt sich ein. Du fragst dich beispielsweise, warum macht der Trainer das, warum stehen die beim Freistoß so tief oder warum lassen sie sich so tief fallen? Da fallen viele Dinge auf, bei denen man sagt: „Mensch, das ist eine gute Idee!“ oder „Da kannst du was verbessern!“. Das musst du gespeichert haben bzw. du schreibst es auf und versuchst dann, es in deine Arbeit einfließen zu lassen.

Spielverlagerung: Ein guter Übergang zu Ihrer Trainerkarriere. In Deutschland ist in diesem Bereich relativ wenig bekannt über Sie. Für welche Philosophie steht der Trainer Lothar Matthäus?

Matthäus: Ich möchte immer erfolgreichen, attraktiven Fußball spielen. Ich glaube, das ist eine Standartantwort, die jeder Trainer bringt. Nur: Wir Trainer sind von dem zur Verfügung stehenden Material abhängig. Der FC Barcelona kommt meiner Idee natürlich am nächsten, aber das würden 99% der anderen Trainer auch sagen. Das ist ja eigentlich das, was wir sehen wollen: erfolgreichen, attraktiven Fußball. Aber es geht nicht immer, weil der FC Barcelona nur einen Trainer haben kann. Wenn ich beispielsweise wie in Bulgarien mit schlecht ausgebildeten Spielern arbeite, muss ich eben ein bisschen von meiner Grundphilosophie abgehen und die Möglichkeiten, die ich habe, bestmöglich auszunutzen.

Spielverlagerung: Das heißt?

Matthäus: In Bulgarien haben wir schon versucht, offensiv zu attackieren gegen Mannschaften, bei denen wir gemeint haben, dass das möglich ist. Aber wenn du gegen eine übermächtige Mannschaft spielst, musst du davon abgehen. Wir kämpfen auch nicht mit einer Pistole gegen einen Panzer. In solchen Spielen sind dann das schnelle Umschalten von Defensive auf Offensive, das Kompaktstehen und das Schaffen vieler Anspielmöglichkeiten wichtiger. Grundsätzlich möchte ich immer, dass die Spieler in Bewegung sind, dass die Spieler Freude haben, dass Leidenschaft dabei ist, dass man auch nach einem verlorenen Ball nicht stehen bleibt, dass man sich wieder hinter dem Ball versucht zu formieren, dass man nicht diskutiert. Das sind Dinge, die man im Fußball immer beachten muss.

Spielverlagerung: Unterschiedliche Trainer setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Sehen Sie sich vor allem als Motivator, als Ausbilder der Spieler, als taktischer Vermittler? Wo ordnen Sie sich ein?

Matthäus: Erst einmal ist wichtig, in welchem Job du arbeitest, als Nationaltrainer oder als Klubtrainer? Du hast als Klubtrainer natürlich viel mehr Einflussmöglichkeiten. Als Nationaltrainer hast du deine Spieler zwei, drei Tage. Es sind einige Spieler angeschlagen, bei einem Freundschaftsspiel kommen die Spieler erst 48 Stunden vor Anpfiff, was sollst du da machen? Hier ist man vor allem als Psychologe gefragt. Die zwei, drei Trainingseinheiten musst du versuchen zu nutzen, um die Spieler zu motivieren, bei Laune zu halten, auf sie einzugehen. Im taktischen Bereich kannst du Standardsituationen üben. Als Klubtrainer hast du natürlich ganz andere Möglichkeiten, du bist ganz anders organisiert, und kannst mit dem gesamten Team oder in Gruppen mit den einzelnen Mannschaftsteilen gezielt arbeiten.

Spielverlagerung: Nationalmannschaften haben sie nun näher erläutert. Wenn Sie bei Klubmannschaften länger etwas entwickeln können, zwingen sie ihrem Gegner ihr System auf? Haben sie eher eine feste Formation oder stellen sie sich stark auf den Gegner ein?

Matthäus: Ich möchte Dominanz erzeugen auf dem Platz. Meine Mannschaft soll das Spiel bestimmen. Das ist natürlich nicht immer möglich. Man muss sich auch auf die Stärken und auf die Schwächen des Gegners einstellen. Dafür studiert man ihn auf Video und schickt seine Leute dorthin, um herauszufinden, welche Taktik die andere Mannschaft spielt und ob sie zum Beispiel zu Hause so spielen wie auswärts. Man muss sich informieren und dann muss man versuchen, den Gegner mit den Möglichkeiten, die man hat, so zu bearbeiten bzw. sein Spiel so durchzuziehen, dass es gelingt.

Spielverlagerung: Bedeutet Dominanz gleichzeitig auch viel Ballbesitz?        

Matthäus: Absolut. Viel Ballbesitz heißt aber nicht, dass ich dominant bin. Denken Sie an die van Gaal Zeit zurück: Die Bayern hatten 60-70% Ballbesitz gehabt, und haben dann meistens in der eigenen Hälfte gespielt. Das ist eigentlich nicht das, was wir sehen wollen. Der Gegner kann sich dann wieder formieren. Daher ist es wichtig, dass du intelligente Spieler hast, die die Situation erkennen: Wann ist die Möglichkeit da, intelligent umzuschalten? Und wann müssen wir in Ballbesitz bleiben? Das ist etwas, was die Spieler vom Grundsatz her mitbringen müssen. Als Trainer kannst du darauf ein bisschen in der tagtäglichen Arbeit eingehen, damit die Spieler wissen: Jetzt halten wir den Ball und locken den Gegner raus, oder jetzt ist die Lücke im richtigen Moment frei zum schnellen Umschalten. Aber das auf dem Platz zu erkennen, liegt im Endeffekt an der Intelligenz des Spielers.

Spielverlagerung: Kann ich diese Intelligenz des Spielers fördern als Trainer, oder ist das etwas, was ein Spieler mitbringen muss?

Matthäus: Ich glaube, dass man in den Trainingsspielen schon Einfluss nehmen kann. Diese sind ja nicht nur dafür da, die Spieler spielen zu lassen, sondern dass man auch mal anhält und erläutert, was möglich gewesen wäre, damit sie es beim nächsten Mal besser machen. Es ist für mich wichtig, das klar anzusprechen, so dass der Spieler es auch versteht. Du kannst also schon Einfluss nehmen, aber wenn der Spieler es mitbringt, ist es für mich als Trainer schon einfacher.

Spielverlagerung: Sie arbeiten dementsprechend besonders gerne mit Spielern zusammen, die über ihre Spielintelligenz kommen und setzen dann vielleicht eher weniger Schwerpunkt auf zum Beispiel physische Attribute?

Matthäus: Jede Position braucht einen unterschiedlichen Typ.  Ich habe mich beispielsweise mal mit Arsene Wenger unterhalten. Er hat sein System, und auf jeder Position weiß er genau, was für einen Spielertypen er haben will. Natürlich kann sich ein Verein wie Arsenal auch erlauben, genau nach diesem Spielertypen zu suchen. Wenn dagegen die Trainer häufig gewechselt werden, kommt es meist auch zum Wechsel der Spielphilosophie. Ich persönlich brauche auch kräftige Spieler in dementsprechenden Positionen, in der Innenverteidigung zum Beispiel. Ich brauche schnelle, dribbelstarke Spieler auf den Außenpositionen. Du kannst aber nicht sagen „Hey, es geht nur mit diesen Spielertypen!“. Du formst dir deine Mannschaft, und dazu gehören natürlich teilweise auch mal größere Spieler. Auch für Standardsituationen brauchst du ja einige Spieler, die eine gewisse Größe mitbringen. Otto Rehhagel ist damit 2004 Europameister geworden, weil er 6-7 Spieler hatte, die mindestens 1,88cm groß waren. Wir wissen, Halbfinale, Finale, zwei Eckbälle, das war die Taktik von Otto 2004, als er mit robusten Spielern den Titel gewonnen hat.

Spielverlagerung: Sie haben Arsene Wenger und Otto Rehhagel genannt. Welche Trainer aus ihrer langen Laufbahn haben Sie am meisten geprägt?

Matthäus: Es wäre jetzt nicht fair zu sagen, der Trainer sei besser gewesen als der andere. Jeder hatte seine Qualitäten und seine Schwächen. Heynckes zum Beispiel hat bereits in den 80ern sehr viel mit dem Ball gearbeitet. Heutzutage mache ich jede Übung mit dem Ball, auch im Konditionstraining. Nur Laufen, ohne Ball, hat uns keinen Spaß gemacht, das macht den Spielern heute auch keinen Spaß. Du musst da auch als Psychologe deine Spieler bei Laune halten. Dafür hat der Jupp Heynckes in seiner frühen Trainerzeit weniger die Kommunikation mit den Spielern gesucht. Das hat zum Beispiel Ottmar Hitzfeld anders gehalten. Er hat die Mannschaft toll im Griff gehabt. Auch wenn es Härtefalle gab, war nie einer sauer. Er wusste, wie er mit den Spielern umzugehen hatte.

Spielverlagerung: Lange Zeit haben sie mit Trapattoni zusammengearbeitet…

Matthäus: Trappatoni war ein Taktikkünstler: „Die Null muss stehen!“ Im Uefa-Pokalendspiel 1991 (mit Inter Mailand gegen AS Rom, Anm. d. Red.) war ich der offensivste Spieler. Wir hatten das Heimspiel 2:0 gewonnen, auswärts stand es 1:0 für den Gegner. Er wechselte einen Verteidiger ein und einen Stürmer aus. Ich war der einzige, der vorne stand, das Spiel war komplett defensiv ausgerichtet. Er hat viel Wert auf taktische Disziplin gelegt.

Udo Lattek war wieder ein ganz anderer Typ. Motivator, Zuckerbrot und Peitsche. Er ist mit den Spielern abends einen Trinken gegangen und am nächsten Tag hat er ihnen in den Arsch getreten. Aber das gehört auch dazu, dass man Vertrauen aufbaut zu den Spielern, und dazu gehören viele Gespräche. Du musst natürlich wissen, mit welchen Typen du es zu tun hast. Welche Kindheit hatte er? Welche Schulbildung? Wie sieht sein Privatleben aus? Nicht dass ich mich da einmische, aber ich habe zu meinen Spielern häufig gesagt, ihr könnt mit mir über alles sprechen. Ich bin nicht nur euer Trainer, sondern auch euer Freund. Ich habe mehr Erfahrung als ihr, nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb. Wenn einer die ganze Nacht nicht geschlafen hat, weil das Kind krank war, dann möchte ich das wissen, damit ich ihn einschätzen kann am nächsten Tag auf dem Platz. Deswegen erwarte ich, dass ein Spieler offen zu mir ist, damit ich auch korrekt mit ihm umgehen kann. Mir ist das offene Verhältnis zwischen meinen Spielern sehr wichtig, denn nur dann kann ich sie korrekt behandeln.

Hier geht es zu Teil 2.

vastel 25. Februar 2012 um 01:24

Toll! Eure Seite gewinnt immer mehr an Qualität!

Interessante Einblicke in Matthäus‘ Ansichten, leider redet er mir teilweise noch zu viel um den heißen Brei und wird nicht vollkommen konkret. Dennoch bin ich positiv überrascht von ihm und gespannt wo er als nächstes landen wird…

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emob 24. Februar 2012 um 19:41

Kompliment für das Interview! Auch wenn die Fragen im ersten Teil natürlich noch sehr allgemein sind, klasse Idee Matthäus auch mal ernsthaft auf den Zahn zu fühlen.

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Pumukel 24. Februar 2012 um 16:19

Matthäus ist ein guter Kerl. Gutes Interview mit hartnäckigen Fragen.

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Stefan (bayer04blog) 24. Februar 2012 um 15:33

Ich sag einfach mal „Vielen Dank“ für dieses Interview bzw. den ersten Teil davon.

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