Holstein Kiel – Borussia Dortmund 0:4

Auf eisigem Boden erreichte Borussia Dortmund am Dienstag das Halbfinale des DFB-Pokal gegen das bisherige Überraschungsteam des Wettbewerbs. Dieses verkaufte sich besser, als der vier-Tore-Rückstand erahnen lässt.

Die Grundformationen.

Richtiges gegen falsches 4-2-3-1

Beide Mannschaften traten wie gewohnt im 4-2-3-1 an, wobei diese Grundstruktur bei Dortmund nur zwischenzeitlich grob zu erkennen war, während sie bei Kiel klassischer interpretiert wurde. Die Flügelspieler Lindner und Chahed fielen defensiv in ein 4-4-1-1 zurück und rückten offensiv in ein 4-2-1-3 vor, das Zentrum agierte im konstanten Dreieck.

Dortmund ähnelte im defensiven Pressing wieder stark einem 4-4-2, da Kagawa aufrückte und gemeinsam mit Lewandowski Druck aufbaute. In der Offensive hingegen entsprach das Dortmunder Spiel wie schon gegen Nürnberg eher einem 4-3-3.

Kagawa, Leitner und Kehl agierten dabei extrem beweglich. Kagawa ließ sich oft weit fallen, vornehmlich Leitner stieß mit vielen Freiheiten nach vorn oder auch mal Richtung Flügel und Kehl bewegte sich viel horizontal um seine kreativen Nebenspieler zu ergänzen.

Auf diese Weise schufen und fanden die drei Antriebsfedern des Dortmunder Spiels immer wieder Räume zwischen den gegnerischen Linien. Durch die asymmetrische Aufteilung der Sechserpositionen kombinierten die Borussen vorallem im halbrechten Raum.

Dort offenbarten sie zwischen Lindner und Sykora die üblichen Kompaktheitsprobleme einer 4-4-1-1-Grundordnung im Mittelfeldpressing. Die Halbräume vor den Sechsern können schwer geschlossen werden. Aus diesen heraus zogen die Borussen ihr Spiel auf.

Abgesehen von dieser kleinen, das Konterspiel fördernden, Lücke, zeigten die Kieler eine richtig gute Defensivleistung, obwohl das Ergebnis dies nicht vermuten lässt. Sie spielten ein leicht zurückgezogenes Mittelfeldpressing und verschoben darin erstklassig. Die Staffelung zwischen den Mannschaftsteilen stimmte fast immer, alle Spieler nahmen aufmerksam am Pressing teil und machten dem BVB das Spiel in die Spitze äußerst schwer.

Kiels Aufbauspiel

Auffällig war aber auch die gute Spieleröffnung der Kieler, die sich gegen Dortmunds berüchtigtes Pressing nicht dazu hinreißen ließen, sich auf lange Bälle zu beschränken. Die Innenverteidiger wichen oft auf den Flügel aus um Raum für sichere Pässe zu finden, die Sechser liefen sich viel frei und auch der Torwart zeigte sich recht passsicher. Zwar waren die Mechanismen vorallem im Zentrum nicht auf dem Niveau des fluiden BVB, aber man bekam das Dortmunder Pressing öfter umspielt als viele Bundesligisten.

Auch die Außenverteidiger positionierten sich sehr breit und hoch um Raum zu schaffen und ein kontrolliertes Aufbauspiel zu ermöglichen. Allerdings schalteten sich beide fast nie ins spätere Angriffsspiel ein, hinterliefen nicht. Sie hielten stattdessen ihre Positionen um gegen Dortmunder Gegenstöße abzusichern.

Das viertklassige Team wusste allerdings mit einem Kombinationsspiel zu überzeugen, das in seinen Strukturen und den kollektiven Abläufen sehr gefestigt und erstklassig geplant wirkte. Zentrum der Bemühungen nach vorne war der erfahrene Sykora, dem man anmerkte, kein echter Viertligaspieler zu sein. 14 Tore und 10 Vorlagen in 78 Zweitligaspielen für Osnabrück, Aue und Jena ließen sich erahnen, denn der Zehner setzte sich mehrfach technisch sehr stark durch und verteilte die Bälle präzise. Von rechts unterstützte ihn der oft einrückende, bei Hannover 96 ausgebildete, Sofien Chahed ebenfalls technisch sehr sicher. Lindner ging zudem vom linken Flügel viel in die Spitze.

Kiels Angriffsspiel am Beispiel

Wie schnell die Laufwege in die Spitze dann ineinandergriffen und wie automatisiert und direkt das Passspiel stellenweise ablief, erinnerte etwas an Favres Gladbacher (wobei es Zufall sein dürfte, dass beide Teams einen Patrick Herrmann auf dem rechten Flügel aufstellen). Bei einem Viertligisten, den wir sonst nicht behandeln, verdient dies eine genauere Betrachung. Hier am Beispiel eines Spielzugs aus der 25. Minute, bei dem sich die Gastgeber durch das Mittelfeld des Meisters kombinierten, wie man es in der Bundesliga kaum mal zu sehen bekommt.

Erste Station des Spielzugs.

Aufgebaut wurde dieser Angriff geduldig mit einem kurzen Abwurf des Torwarts. Die weit aufgefächerten Innenverteidiger spielen kurz mit dem zurückfallenden Sechser Kazior und dann verlagert (roter Pfeil) Berzel auf den breitstehenden Außenverteidiger Herrmann, der das Spiel sofort beschleunigt.

Dortmund verschiebt gewohnt flott auf die linke Seite. Chahed und Heider erkennen beide sofort den Raum (blau), der sich hinter den aufrückenden Perisic und Kehl (rot) ergibt, und stoßen hinein. Sykora erkennt seinerseits Heiders Bewegung und stößt nach vorne um hinter Leitner wegzukommen und die Innenverteidiger zu binden – eine perfekt abgestimmte Bewegung.

Auch Müller erkennt den blauen Raum und so kann er Herrmanns Ball sofort verarbeiten. Den unsauberen Pass leitet er technisch anspruchsvoll direkt weiter und entgeht so Kehls Attacke. Mit einer schnellen Weiterleitung bekommt Kiel somit den Ball zwischen die Dortmunder Mittelfeld- und Abwehrreihe. Diese Position ist höchst nützlich und kann vom BVB-Pressing sehr oft verhindert werden.

Dritte Station des Spielzugs nach Müllers Direktpass.

Chahed verarbeitet den Ball gut und kreuzt durch den geöffneten Raum in Richtung Zentrum. Dadurch, dass der Ball aus dem Zentrum kommt (und nicht etwa vom Hintermann), kann er überhaupt erst diese Richtung wählen und auf diese Weise einen Zweikampf mit Schmelzer entgehen. Andernfalls wäre Kehl in tiefer Position und würde diesen Weg zustellen.

Heider erkennt nun wieder sofort den nächsten offenen Raum (blau), den Chaheds Rückstoß auf dem rechten Flügel hinterlässt, und visiert ihn sofort an. Sykora reagiert ebenfalls wieder darauf und kommt kurz.

Dadurch stellt er mit Chahed eine Überzahl gegen Leitner her. Ein simpler Doppelpass lässt den letzten Dortmunder Sechser nun aussteigen.

Fünfte Station des Angriffs nach Doppelpass Chahed-Sykora.

Im dritten Bild sieht man die resultierende Situation. Die Viererkette des BVB ist völlig zerrissen. Schmelzer ist durch Chahed herausgenommen, Hummels ist durch Heider nach außen gezogen und Subotic wegen Sykora herausgerückt.

Heider schaltet erneut sofort und sprintet in sein nun geöffnetes Sturmzentrum zurück. Gleichzeitig könnten Sykora, Chahed und Lindner zu dritt auf Subotic und Piszczek zulaufen.

Hier sieht man aber auch den einzigen taktischen Fehler der Kieler. Sykora schaltet nach seiner Ablage nicht sofort nach vorne um, wodurch die herauskombinierte Überzahl durch Schmelzer teilweise aufgefangen wird.

Dazu kommt, dass Chahed nicht schnell genug ist um sauber in den Raum vor die Abwehr zu kommen, Leitner klebt ihm direkt an der Seite. Ein höherklassigerer, etwas schnellerer Spieler (wie Gladbachs Herrmann oder Reus) hätte hier womöglich auf die Abwehr zumarschieren und die durcheinandergewirbelte Kette mit einem Gassenpass knacken können.

Allerdings erkennt Chahed die ordentliche Alternative und spielt den nun einfachen Pass auf Lindner. Der durch die Kombination in die Mitte gezogene Piszczek kann ihn nicht sofort stören, Kuba kann aus dem gleichen Grund nicht doppeln.

Schade und symptomatisch für Kiel, dass Lindner anschließend schlicht in die Arme von Langerak flankt. Heider war gelungen sich zentral zwischen Hummels und Subotic etwas abzusetzen, was Lindner offenbar sah, aber nicht nutzen konnte.

So verpufften die taktisch sehr starken Ansätze der Hausherren letztlich und es blieb ihnen kein Tor vergönnt. Allerdings gelang es ihnen immerhin, fünf Schüsse auf Langeraks Kasten zu platzieren – genau so viele wie Hoffenheim bzw. so viele wie Nürnberg und Hamburg zusammen.  Angesichts von Dortmunds gewohnt starker Defensive eine absolut respektable Leistung für ein Team der Regionalliga, die in beeindruckender Weise erzielt wurde.

Wie Dortmund den Gegner knackte

Die wichtigen frühen Tore des BVB fielen vorallem deswegen so schnell, weil Dortmund sehr effizient startete. Außer den Treffern gab es in der Anfangsphase keine eigenen Großchancen. Auch, wie die Tore fielen, zeigt dabei, dass Kiel sich besser verkaufte, als man meinen könnte. Dortmund kam nie „einfach so mal“ durch.

Der erste Treffer fiel aus einem Einwurf hinter die Abseitslinie heraus. Lewandowski führte da Kiels Defensive kurz an der Nase herum. Diese konnten zwar eine direkte Wirkung verhindern, hatten aber anschließend etwas Pech. Perisic traf den abgewehrten Ball per Fallrückzieher wohl ungewollt genau so, dass Lewandowskis gut getimeter Antritt ihn genau erreichte. Somit fiel der wichtige Führungstreffer ohne wirklich taktische Relevanz (abgesehen von der Einwurfstrategie).

Beim zweiten Tor zeigten die Dortmunder all ihre Qualitäten auf einmal. Nach einem langen Ball, gingen sie schnellstens ins Gegenpressing, eroberten den Ball in enger Position zurück, kombinierten sich gekonnt aus dieser Situation heraus, verlagerten schnell auf den vorstoßenden Piszczek und dessen Ablage versenkte Kagawa problemlos. Dass Piszczek den Ball erreichte und Kagawa völlige Freiheit hatte, lag nicht an Fehlern von Kiel, sondern schlichtweg an der großen Geschwindigkeit von Piszczek und Lewandowski, der Kagawas Gegenspieler wegzog. Ein ausgesprochen hochwertiges Tor also, welches das Spiel früh beruhigte.

Auch das dritte Tor erzielte Dortmund aus einer Balleroberung heraus, als Torwart Jensen versuchte das Spiel schnell zu machen, und Piszczek aufpasste. Wieder machte die Kieler Defensive anschließend keinen taktischen Fehler, aber Dortmund setzte sich individuell durch.

Der Schlusspunkt hingegen war naiv, völlig unnötig und etwas peinlich, da die Kieler beim indirekten Freistoß im Strafraum einfach eine riesige Lücke im Tor ließen und der Torwart dafür unsinnig die Mauer abdeckte. Dieser Patzer war der sonstigen Kieler Leistung nicht würdig, spielte aber auch keine Rolle mehr.

Fazit

Die vier Tore der Dortmunder schmeicheln ihnen und das, obwohl sie eine gute Leistung abriefen. Die Schussstatistik von 6:14 (5:8 auf’s Tor) zeigt, dass die Gastgeber keineswegs im klassischen Stil zerlegt wurden.

Kiel demonstrierte, wie gut eine Viertligamannschaft spielen kann, wenn der Trainer gute Arbeit macht. Dortmund zeigte, wie konzentriert und am Limit man gegen diese Mannschaft spielen muss, damit man die individuelle Überlegenheit geltend machen kann.  Auch nach dem 0:2 ließen beide Teams nicht nach, was für die Kieler Moral und den Dortmunder Charakter spricht.

Somit konnte man fast 90 Minuten lang ein Spiel sehen, das einem DFB-Pokal-Viertelfinale absolut würdig war und so auch zwischen zwei Bundesligamannschaft hätte ablaufen können. Und das trotz eines Bodens, bei dem laut mehrerer Beteiligter ein Bundesligaspiel nicht einmal angepfiffen worden wäre.

felix 11. Februar 2012 um 00:40

Hey MR!

Sollte man defensiv wenn man im 4-2-3-1 agiert, 4-4-2 oder 4-4-1-1 spielen?
Wie sollte sich der 10er defensiv verhalten?

Danke im Voraus.

Felix

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MR 11. Februar 2012 um 00:57

Hängt davon ab, wie der Gegner spielt, wie die Flügelspieler sich verhalten, wie aktiv der Stürmer mitarbeitet, wie hoch man presst, etc. Die Grundoptionen sind entweder offensives Pressing in einem 4-2-3-1 oder abwartendere Variante im 4-4-2, aber man kann das natürlich umgehen bzw. erweitern mit anderen Abläufen, wie Dortmund. In abwartender Haltung ein 4-4-1-1 zu formen ist im allgemeinen defensiv nicht hilfreich, aber macht das Kontern einfacher. Sowas kann man nie völlig verallgemeinern, hat alles Vor- und Nachteile.

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DMB 11. Februar 2012 um 12:43

Wenn man defensiv im 4-2-3-1 verteidigt, hat man nur einen Mann in erster Linie. Dieser muss sich dann meist zwischen die beiden Innenverteidiger positionieren, um diesen Passweg zuzustellen. Um Druck auf die Außenverteidiger ausüben zu können, müssen die offensiven Außenspieler aufrücken. Dann hat man schon fast ein 4-2-1-3. Dies hat Vorteile, wenn man den Ball erobert (3 Mann in vorderster Linie), ist aber auch riskant, da man den Flügel hinter sich recht offen lässt.
Beim 4-4-1-1 verhält es sich ähnlich. Nur das die Außenspieler normalerweise zu tief stehen um wirklich Druck auf die Außenverteidiger aufbauen zu können. Für Pressing also subobtimal. Dafür steht der Defensivverbund sehr kompakt und die Flügel sind doppelt besetzt.
Beim 4-4-2 kann sich ein Stürmer zwischen die Innenverteidiger positionieren und der zweite auf der ballnäheren Seite den Außenverteidiger attakieren. Sollte der Ball (über den Torwart) auf die andere Seite gelangen verschieben beide und tauschen die Aufgaben. Im Falle des Ballgewinns nach einem langen/mittellangen Ball hat man hier den Nachteil, dass die beiden Stürmer nicht gestaffelt stehen. Dass 4-4-1-1 bietet hier den Vorteil einer Zwischenstation im offensiven Mittelfeld und vereinfacht das Konterspiel ein wenig.

Die perfekte Lösung gibt es natürlich nicht, aber wenn man wie ich aufs Pressing steht, bietet sich meiner Meinung nach das 4-4-2 am ehesten an.

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MR 11. Februar 2012 um 13:21

Danke, sehr guter Beitrag. Ich möcht hinzufügen, dass sich das 4-2-3-1 bzw. 4-2-1-3 aus genanntem Grund eben für sehr hohes Pressing oft besser eignet, da im 4-4-2 bei großer vertikaler Streckung die Abstände zwischen den Linien zu groß werden, was durch die vierte Linie kompensiert werden kann. Im 4-4-2 muss man dementsprechend darauf achten, die Höhe der Pressinglinie diszipliniert zu halten. Daher wird im 4-4-2 hauptsächlich Mittelfeldpressing gespielt.

Der Hinweis mit der Moderierung (die Nachfrage hab ich mal nicht veröffentlicht) heißt nur, dass der Beitrag freigeschaltet werden muss. Das müssen wir bei neuen Mailaddressen (sprich „Erstkommentaren“) leider so handhaben um die zahlreichen Spambots aussortieren zu können.

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Tobias 10. Februar 2012 um 22:36

Sehr schöner Bericht. Grafisch unterstützte Diskussionen charakteristischer Spielzüge dürft Ihr ruhig öfter machen. Das macht die Berichte noch nachvollziehbarer.

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tactic-addicted 10. Februar 2012 um 22:44

Hallo,

das möchte ich auch unbedingt unterstützen. Dadurch wird das ganze wesentlich besser nachvollziehbar. Hätte man denselben Text ohne Bilder aufgeführt, ich hätte wahrscheinlich nur die Hälfte verstanden.
Eine Anregung:
könnte man nicht rechts die Graphik der taktischen Aufstellung beim Scrollen mitlaufen lassen? Das ständige Hin-und Herspringen ist arg umständlich.

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ekMUC 10. Februar 2012 um 22:25

ich kann mich meinem „Vorredner“ nur anschließen, toller Artikel. Und es freut mich, dass mein Eindruck bestätigt wurde. Besonders gefällt mir die „Detailanalyse“ von Kiels Angriff, sehr anschaulich!

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Kimosch 10. Februar 2012 um 20:40

Ich sag mal: Wie immer! Also hammerguter Artikel!

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