1. FC Kaiserslautern – SV Werder Bremen 0:0

Das Samstagabendspiel auf dem Betzenberg endete leistungsgerecht 0:0. Beide Teams starteten in der erwarteten Aufstellung, allerdings übernahmen die Hausherren von Beginn an die Initiative, während sich der SVW eher auf die Kontersituationen nach Ballgewinn konzentrierte. Diese doch etwas überraschende Ausrichtung war mit Sicherheit auch eine Reaktion Schaafs auf die letzten Auswärtsspiele der Hinserie, als man in drei Spielen 14 Gegentore hinnehmen musste.

K’lautern im 4-4-2 – Werder wie üblich mit Raute

Grundaufstellungen

FCK-Trainer Kurz wählte defensiv ein 4-4-2-System, bei eigenem Ballbesitz ließ Swierczok etwas fallen und die Außenverteidiger schoben weit vor. Anders als man im Vorfeld hätte vermuten können bestimmten die Hausherren zu Beginn das Spiel. Gegen zunächst abwartende Gäste schoben die Außenverteidiger weit vor und die Innenverteidiger spielten sehr breit. Damit wollte man das sehr zentral angelegte Bremer System in die Breite ziehen und so Räume in der Zentrale öffnen.

Der Spielaufbau ging während der gesamten Partie entgegen der vorherrschenden Lehrmeinung über die Außenverteidiger, die mit 91 bzw. 88 Ballkontakten in dieser Kategorie klar führend in ihrer Mannschaft waren. Die Außenverteidiger hatten häufig noch etwas Luft, ehe der zuständige Bremer von der Halbposition Druck erzeugen konnte, und so konnten die Gastgeber Tempo aufnehmen. Das hohe Tempo führte zu einigem Durcheinander bei den Gästen und hatte den gewünschten Effekt: die beiden zentralen Mittefeldspieler der Lauterer, De Wit und Tiffert, waren trotz nomineller 2:4-Unterzahl häufig anspielbar.

Von Tiffert und De Wit konnte der Ball anfangs noch schnell auf die Flügel gespielt werden, weil die gesamte Bremer Defensivarbeit noch nicht wirklich vorhanden war. Mit diesem einfachen Spielzug konnte man sich in den ersten 20 Minuten einige gute Möglichkeiten und ein klares Übergewicht insgesamt erspielen, allerdings ohne die Überlegenheit in Tore ummünzen zu können.

Werder Bremen spielte erneut mit einer Raute im Mittelfeld, wobei diese mit Bargfrede, dem 18-Jährigen Bundesligadebütanten Trybull, Ignjovski und Ekici extrem jung besetzt war. In der druckvollen Anfangsphase fand man kein probates Mittel, um die chronische Unterzahl auf den Flügeln auszugleichen und gleichzeitig die Mitte kompakt zu halten. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten fand man jedoch mehr und mehr ins Spiel, was auch daran lag, dass die Laufwege der vier Mittelfeldspieler optimiert wurden:

Ekici spielte nicht mehr so nah bei den Stürmern, der ballnahe Halbspieler setzte den Außenverteidiger früher unter Druck und nahm so das Tempo aus den Lauterer Angriffen, und der ballferne Halbspieler ließ sich auf die Höhe Bargfredes fallen, sodass man in der Mitte noch immer eine 3:2-Überzahl hatte, die Löcher in der Zentrale annähernd gestopft werden konnten und die gegnerischen Außenverteidiger keine Narrenfreiheit mehr genossen.

Umschaltphasen als entscheidende Momente

Schon in der Hinrunde zeigte Werder erschreckende Schwächen nach Ballverlusten, die z.B. beim 0:5 in Gladbach sichtbar wurden. Diese Anfälligkeit für gegnerische Konter liegt vor allem an der häufig unausgeglichenen Ausrichtung des Mittelfelds. In Bremen kann man eine der wenigen Mannschaften auf hohem Niveau bestaunen, die die Halbpositionen selten mit gelernten defensiven Mittelfeldspielern, sondern vielmehr mit Offensivakteuren besetzt. Weil die Außenverteidiger die einzigen echten Flügelspieler sind und entsprechend in der Offensive für die nötige Breite sorgen müssen, bleiben somit nur drei wirklich defensive Akteure, sodass man nach Ballverlusten häufig in gefährliche Kontersituationen gerät.

Eine solch offensive Interpretation der Positionen ist nur dann wirklich sinnvoll, wenn die einzelnen Spieler untereinander derart eingespielt sind, dass die Fehlerquote sehr gering ist und man kaum Ballverluste im Aufbauspiel hinnehmen muss. Diese Automatismen im Passspiel sind gerade bei der heute aufgelaufenen „Not-Elf“ nicht vorhanden, sodass Thomas Schaaf verständlicherweise eher konservativ spielen ließ.

Die Halbspieler hielten sich merklich zurück, und auch die Außenverteidiger spielten wesentlich zurückhaltender als zuletzt. Das sorgte zwar über weite Strecken der Partie für eine vergleichsweise stabile Defensive, hatte aber auch zur Folge, dass die gesamte Offensivlast auf den Schultern der drei Offensivakteure, Ekici, Pizarro und Rosenberg, ruhte. Kurz vor der Halbzeit wurde man in dieser Hinsicht etwas risikofreudiger, besonders die Halbspieler schalteten sich nun vermehrt ein und sorgten so für einige gefährliche Aktionen in Tornähe.

Umschaltphasen als entscheidende Momente (2)

Auch bei den Gastgebern hatte man im Vorfeld der Partie vermutet, dass das Hauptaugenmerk in der Offensive auf den Momenten direkt nach Ballgewinn liegen würde. Der überraschende Beginn deutete allerdings in eine andere Richtung, jedoch war der Spielaufbau über die Außen nach den Modifikationen der Bremer nicht mehr effektiv.

Stattdessen tat sich durch das mutigere Offensivspiel der Bremer kurz vor der Pause die Möglichkeit auf, nach Ballgewinnen im Mittelfeld gegen die weit aufgerückten Gäste schnell zu kontern. In der kurzen Zeit nach der Bremer Umstellung zeigte sich sofort das große Potenzial, aber auch die schon vor der Partie bekannte Schwäche der Bremer in diesen Situationen, und es erscheint merkwürdig, dass Thomas Schaaf während der Vorbereitung keine Lösung für das Problem gefunden zu haben scheint.

In der zweiten Hälfte lag beinahe jedem gefährlichen Angriff der Lauterer ein Ballgewinn gegen aufgerückte Bremer zugrunde, das geordnete Aufbauspiel über die Außen war ineffektiv, eine Alternative anscheinend nicht vorhanden. Die immer häufiger gespielten langen Bälle auf Kouemaha stellten logischerweise keine echte Alternative zu einem Aufbauspiel dar, obwohl der Stürmer die Bälle gut behauptete und beeindruckende 18 Offensivzweikämpfe gewann.

Fazit

Zwar hatten beide Mannschaften auch in der zweiten Halbzeit ihre Möglichkeiten nach Kontern, allerdings schafften es weder der FCK noch die Gäste wirklich zwingend zu werden, und so musste man sich am Ende mit einer torlosen Punkteteilung abfinden.

Beide Teams zeigten defensiv eine durchwachsene Leistung, jeweils mit Schwächen nach Ballverlusten im Aufbauspiel. Offensiv war man ebenfalls von diesen Momenten abhängig. Durch die vielen Richtungswechsel wurde das Spiel sehr intensiv, aber auch sehr hektisch. Insgesamt 44 Fouls deuten ebenso auf ein unruhiges Spiel hin wie die Fehlpassquoten von 22,8% (K’lautern) und 20,9% (Werder). Für den Zuschauer ergab dies ein schnelles, intensives Spiel, taktisch hochwertig war es dagegen nicht.

Zirkeltraining 26. Januar 2012 um 19:53

Es kursiert gerade das Gerücht, dass Werder angeblich an einer Verpflichtung von Miloš Krasić interessiert ist.
Falls das der Fall ist (was ich nicht wirklich glaube, auch nicht im Hinblick aufs Finanzielle), wäre das nicht dann ein Zeichen in Richtung langfristig angestrebter Systemwechsel? Das ist ja nun mal ein Flügelflitzer für die rechte Außenbahn.
Hinzu kommt die Tatsache, dass man Marin (den Flügeldribbler für die linke Seite) immer noch nicht verkauft hat. Marin links und Krasić rechts würden meiner Ansicht nach recht gut zusammen passen, Marin mit Zug zur Mitte während Krasic für Breite sorgt. Wobei ich sagen muss, dass ich Krasić nicht ausreichend kenne. Außerdem ist das wohl eh ne Ente oder? Oder meint ihr, wo Rauch ist, da ist auch Feuer?

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Berni 23. Januar 2012 um 17:29

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber wenn ich Lautern spielen sehe, frage ich mich immer wieder wie die so weit hinten stehen können.
Sie sind für mich mindestens ein Level stärker als die anderen Teams im Abstiegskampf. Sie stehen defensiv sehr gut, was man an den Gegentoren sieht und außerdem erarbeiten sie sich einen Haufen sehr guter Chancen pro Spiel. Zumindest in all den Spielen, die ich gesehen habe. Mit einer auch nur durchschnittlichen Chancenverwertung würden wir wohl nun von ihnen als eine der Überraschungen der Saison sprechen!

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MB 23. Januar 2012 um 15:16

@zirkeltraining

Ich muss sagen, ich habe diese Saison noch nicht allzu viele Spiele von Werder gesehen, aber die Beobachtungen in den von mir gesehenen Spielen decken sich gut mit deiner Analyse. Gerade die Rolle Bargfredes, der wie du ja richtig anmerkst sehr passsicher ist, verwundert doch, zumal man nach Ballverlusten durch ein zu weites Vorrücken des defensiven Mittelfeldspielers eben keine Staffelung in der Defensive hat und somit den Konter des Gegners auch nicht verlangsamen kann.

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Danny 23. Januar 2012 um 15:05

Kann jemand was zu der Leistung von Trybull sagen? Ich habe nichts gesehen.
Das Rating von whoscored ist 7,0 also ganz gut, Kickernote jedoch 4.
Bleibt er Stammspieler? Wird er gegen Leverkusen nächste Woche bestehen können gegen Ballack und Bender? Wäre für eine Meinung sehr dankbar.

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webs 23. Januar 2012 um 02:39

Zunächst mal muss ich loswerden, wie toll ich es finde, diese Seite mit ihren wunderbaren Analysen gefunden zu haben.
In der Analyse und den Kommentaren wurde das meiste ja schon angesprochen, meiner Meinung nach ist ein zentrales Problem seit 2010 wirklich der Mangel an einer klaren Ausrichtung. Zunächst der (halbherzige) Versuch, ein anderes System zu spielen, danach das Problem der fehlenden Eingespieltheit durch die vielen Verletzungen und Spieler, die zum aktuellen System nicht mehr passen.

Einen Marin sollte man eigentlich abgeben, wenn man langfristig wieder mit der Raute plant, er ist so nicht effektiv, zu teuer und versaut sich in Bremen letzten Endes seine Karierre, solange er nicht auf seiner Paradeposition spielen kann.

Ich weiß nicht, ob man von dem OM wirklich so viel erwartet, wie es MB denkt, aber die Leistung Ekicis könnte darauf hindeuten. Er wirkte gestern total überfordert, hatte zur Pause 0/8 Zweikämpfe und eine Passquote von 50%. Ich neigte bis jetzt dazu, das alleine seiner schwachen Form zuzuschreiben, aber nach der Analyse sehe ich ein, dass die Anforderungen an seine Position vielleicht einfach zu hoch sind in dem System.

Wenn man es schafft, die Raute flexibler zu interpretieren, gegen den Ball vielleicht auch mal auf eine Linie zu fallen, ist diese Formation auch zukunftsfähig. Ein Problem ist sicher im Moment auch die fehlende Eingespieltheit des MF; entgegen Tobias‘ Behauptung war das gestern nämlich alles andere als die Stammelf, nur weil man vielleicht zwei Wochen im TL so trainiert hat. Die Automatismen greifen nicht so schnell, und im Vergleich zur Hinrunde haben (neben Wiese) eigentlich nur Pizarro, Rosenberg, Bargfrede und Schmitz auf ihrer Stammposition gespielt.
Trybull hatte gestern sein Startelfdebut, Ekici hat zum ersten Mal überhaupt in dieser Saison durchgespielt, davor kam er in 14 Spielen auf magere 500 Minuten, Ignjovski hat bis jetzt meines Wissens nur als Außenverteidiger oder DM gespielt, Fritz bisher immer auf der Halbposition, Sokratis als Außenverteidiger und selbst Prödl hat nur die hälfte der möglichen Minuten auf seiner Lieblinsposition verbracht (weil Schaaf, hatte er die Wahl, bisher eher Wolf vertraut hatte).
Gerade der Wechsel zwischen Fritz und Ignjovski erweckt den Eindruck, Schaaf würde die Raute in zukunft so spielen lassen wollen wie es ihm hier geraten wird: mit offensiveren AV und defensiver eingestellten Halbpositionen. Mit Schmitz und Fritz sehe ich die Außen auch einigermaßen adäquat besetzt. Entscheidend wird wohl sein, ob sich in den nächsten Wochen eine Stammformation für die Raute findet und einspielen kann.

Interessant und beachtenswert finde ich die Analyse von Zirkeltraining bezüglich Bargfredes Aufgabenbereich, darauf werde ich bei der nächsten Partie vermehrt achten.

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Zirkeltraining 23. Januar 2012 um 12:39

Zu Bargfrede: Vielleicht habe ich es oben ein bisschen übertrieben dargestellt, aber meiner Ansicht nach steht er viel zu oft viel zu hoch.
Du schreibst:“ Gerade der Wechsel zwischen Fritz und Ignjovski erweckt den Eindruck, Schaaf würde die Raute in zukunft so spielen lassen wollen wie es ihm hier geraten wird: mit offensiveren AV und defensiver eingestellten Halbpositionen.“ Das war mir auch aufgefallen. Was man aber bedenken muss, ist, dass Hunt, wenn er zurück kehrt, (völlig zu recht) einen Stammplatz in der Raute sicher hat.
Ich denke weiterhin, dass seine Wunschraute aus Bargfrede, Borowski, Hunt und Ekici (dahinter Naldo und Papas in der IV, die das MF mit Vertikalpässen füttern) besteht. Wenn die eingespielt ist, produziert sie kaum Ballverluste, so dass man keinen Ignjovski auf der Halbposition braucht.
Dass Fritz und Ignjovski getauscht wurden, hängt denke ich auch damit zusammen, dass man in der Viererkette etwas mehr Größe und Robustheit (gerade gegen Kouemaha) haben wollte. Deshalb wird sich Boenisch (1,91), wenn er wieder ganz fit wird und einigermaßen in Form kommt, auch einen Platz auf den AV erobern. Vermutlich hinten rechts, und Fritz rückt in die Raute. Oder aber er verdrängt Schmitz, der mir defensiv immer noch viel zu schwach ist. Wenn Hunt wieder da ist, braucht man Schmitz linken Fuß auch nicht mehr für die Standards.
Was mir gestern noch aufgefallen ist: Werders Spieleröffnung ging fast immer über die Außenverteidiger. Die Raute braucht aber nun mal Vertikalpässe aus der Abwehr, um ihre große Stärke (Überzahl im zentralen Mittelfeld) zur Geltung zu bringen (gerade gegen ein 442!!!). Da hat Naldo einfach gefehlt.

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Ian 24. Januar 2012 um 00:45

Ja die Probleme hast du gut erkannt.

Das Ding ist aktuell jedoch, dass selbst praktisch jeder Werder Fan die taktischen Mängel (die seit Jahren dieselben sind) sieht – von einem Bundesligatrainer erwarte ich dann als Fan auch irgendwann einmal, dass diese Fehler abgestellt oder zumindest verbessert werden.

Fakt ist nun einmal, dass die Raute aktuell nur in sehr wenigen Teams funktioniert und Bremen (leider) nicht wirklich dazu gehört (trotz Platz 5, der sehr schmeichelhaft ist zugegebenermaßen).

Das liegt wie gesagt an mehreren Faktoren – wie du „Zirkeltraining“ bereits erwähntest, rückt das gesamte Mittelfeld (inklusive dem DM Bargfrede) zu weit auf und durch häufige leichtsinnige Ballverluste kommt der Gegner zu schnellen Tempogegenstößen, die zum Teil sogar Mann gegen Mann oder in Überzahl gespielt werden können.

An dieser Stelle muss ich übrigens kurz widersprechen und kann Bargfrede wirklich nicht als „passsicher“ durchgehen lassen. Generell gehen zu viele Bälle zu schnell im Mittelfeld oder (konsequenterweise) auch im Sturm verloren.

Das das früher anders war, lässt sich vor allem durch das damals vorhandene Spielermaterial begründen, was um einiges besser für das von Schaaf favorisierte System geeignet war. Das fing mit einem ruhigen Baumann an, der zwar sehr unspektulär und z.T. unbeweglich wirkte, aber halt selten den Ball weggegeben hat, und ging über torgefährliche Miteldfeldspieler wie Borowski und dem glänzenden Spielmacher Micoud bis hin zu den Stürmern Klasnic und Ailton (später Klose) die auch mal an Kombinationen teilnahmen und untereinander auch mal eine Abwehr ganz alleine stehen lassen konnte.

Gegenwärtig ist das Spielermaterial doch eindeutig für ein 4-2-3-1 oder ein 4-3-3 ausgelegt (Arnautovic und Marin als ideale Winger), auch ein 4-4-2 wie es Hannover oder Gladbach praktizieren wäre möglich (aber ganz und gar nicht Werders bzw. Schaafs Spielstil).
Der Wille das System zu ändern ist jedoch nicht erkennbar und daher weiß inzwischen auch jeder, wie die Schwächen bei Werder aussehen (Anfälligkeit über die Flügel, da AV meist gegen 2 Spieler verteidigt, Schwächen nach Standards, Konteranfälligkeit, zu hohe Zentrumskonzentration und zu große Lücken zwischen MF und Abwehr und so weiter).
Was bleibt sind daher immer noch sehr wechselhafte Spiele mit vereinzelten Klatschen zwischendurch, die einfach nur peinlich sind.

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webs 24. Januar 2012 um 16:14

Ich erinnere mich nicht mehr so genau an das Experiment letztes Jahr, aber hat Schaaf da das 4-2-3-1 (das ich auch als ideales System für die momentane Besetzung ansehen würde) nicht mal über einen längeren Zeitraum ausprobiert? Vielleicht hat er da ein bisschen zu früh aufgegeben.

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tactic_addicted 22. Januar 2012 um 17:31

Könnte vielleicht mal der Autor oder ein anderer Fachmann Bezug darauf nehmen, warum man überhaupt mit einer Raute spielt? Ich habe den Eindruck, dass im Mittelfeld dadurch fast immer die Breite fehlt, und man vollkommen anfällig ist gegenüber Gegenstößen über die Außen, siehe z.B. die hohe Niederlage gegen Schalke.
Das Überladen des Zentrums kann doch auch anders bewerkstelligt werden. Außerdem braucht man für die geschaffenen Räume auf den Außen auch entsprechende Außenverteidiger mit offensiver Qualität.
Das System scheint außer Werder auch keiner mehr zu spielen.

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MB 22. Januar 2012 um 20:35

Ich glaube es klingt auch schon im Artikel durch, dass ich der Raute gegenüber eher skeptisch eingestellt bin, wenn sie eben nicht mit defensiven Halbspielern, also eher als ein 4-3-1-2 gespielt wird.

Ich halte diese defensive Variante der Raute für eine gute und sinnvolle Alternative, die man als Trainer gut als Alternativsystem einstudieren kann. Da das System aber eines der wenigen ist, indem defensiv weder effektiv Angriffspressing gespielt werden kann noch mit zwei Viererketten kompakt verteidigt werden kann, ist es meiner Meinung nach zu recht so gut wie ausgestorben. Einzelne Trainer aber sind von dem System ziemlich überzeugt, und sicher auch nicht ohne Grund, und Schaaf gehört eben klar dazu.

In der letzten Saison wurden ja verschiedene andere Systeme ausprobiert, allerdings ohne großen Erfolg. Allerdings bin ich der Meinung, dass das zum einen daran liegt, dass eben das passende Spielerpersonal (Flügelspieler) für eine Systemumstellung fehlt, und zum anderen Schaaf immer so gewirkt hat, als wenn eigentlich doch am liebsten Raute spielen würde. Vielleicht hat er auch nicht genug Wert auf die nötigen Automatismen usw. gelegt… Einfach zu sagen, wir spielen jetzt 4-2-3-1 klappt natürlich nicht, da muss schon eine Menge taktische Arbeit und Analyse stattfinden, und man hatte in Bremen damals den Eindruck, dass die Umstellungen nur halbherziger Natur waren.

Neben dem Trainer muss man aber bei dieser Problematik auch das Management hinterfragen. Noch immer wird ein Özil-Ersatz für die Spielmacherposition gesucht, noch immer fehlen richtige Flügelspieler, aber vor allem denkt man anscheinend, dass alles eigentlich nur von einem guten Spielmacher abhängt. Aber die Zeiten, in denen ein einzelner Spieler eine komplette Mannschaft ausmacht sind meiner Meinung nach vorbei, nur hat man das in Bremen anscheinend nicht erkannt.

Vor der Saison ist dann Schaaf endgültig zur Raute zurückgekehrt, entsprechend sah dann auch die Personalpolitik aus. Man kaufte wieder nur Spieler, die zur Raute passen, und so fehlen jetzt schon seit vielen Jahren echte Flügelspieler, sodass man eigentlich gar keine Möglichkeit hat das System umzustellen, obwohl es in der Hinrunde alles andere als rund lief.

Die dennoch gute Platzierung zum Winter wurde meiner Meinung nach nicht wegen, sondern trotz der nicht eingespielten Raute erreicht, aber es sieht so aus, als ob sich am System auf absehbare Zeit nichts ändert.

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Zirkeltraining 22. Januar 2012 um 23:53

Danke für die gute Analyse!
Ich habe ein paar kleine Anmerkungen, bitte Feedback geben, ob ich falsch liege und was hier davon gehalten wird.
– Zu der Sache mit dem Besetzen der Halbpositionen: Dieses mal wurden die Halbpositionen von gelernten Sechsern (Ignjovski und Trybull) bekleidet. Auch sonst ist mindestens einer der beiden Halbspieler eher defensiv orientiert.
Aber ich gebe dir recht, in der Hinrunde waren es zumeist Hunt und Fritz, von denen Hunt tendentiell eher offensiv ausgerichtet ist (auch wenn er sich im Defensivverhalten wirklich verbessert hat). Allerdings war er unverzichtbar, er war der wahre Motor und Spielmacher, auch wenn er auf der Halbposition spielte. Sein Ausfall schmerzt sehr, er hätte dem Spiel gestern sicher gut getan und Ekici ein wenig unterstützt.
Nichtsdestotrotz hast du natürlich recht ob der strukturellen Unterlegenheit der Raute (sofern sie nicht absolut klasse eingespielt ist).
– Zu dem Satz „Weil die Außenverteidiger die einzigen echten Flügelspieler sind und entsprechend in der Offensive für die nötige Breite sorgen müssen, bleiben somit nur drei wirklich defensive Akteure, sodass man nach Ballverlusten häufig in gefährliche Kontersituationen gerät.“: Ich denke, vom Grundkonzept her ist es die Idee, dass in der Raute die offensiven Außenpositionen nicht konstant besetzt sind, wie schon angemerkt hattest. Allerdings sollte es so sein, dass durch einen der Stürmer oder drei offensiveren Rautenspielern situativ für Breite gesorgt wird. Dadurch wünscht man sich einen ähnlich Effekt wie bei der „false-nine“: Der Verteidiger hat keinen festen Gegenspieler, sondern es stoßen immer wieder verschiedene Spieler unterschiedlich in den Raum hinein. Das war besonders in der Zeit als die Werder-Raute richtig rund lief (2003-2009) sehr schön zu beobachten. Seitdem hat sich Werders Spiel wie ich finde eher zurückentwickelt. Das, wovon die Raute lebt, nämlich flachte, gut getimte Vertikalpässe aus der Innenverteidung heraus (denn im zentralen Mittelfeld hat man hier eine Überzahl) und, darauf aufbauend, schnelles und sicheres fluides Kombinationsspiel ist nicht mehr so wirklich zu sehen. Die Spiele gewinnt man wegen der starken Einzelspier (Naldo, Hunt, Pizarro (für mich immer noch weltklasse)).
Aber zurück zum Thema: Natürlich müssen die Außenverteidiger im zweiten Drittel für Breite sorgen und auch mal zur Grundlinie durchgehen. Das Problem ist aber in meinen Augen eher, dass der 6er (fast immer Bargfrede) offensichtlich den Auftrag hat, permanent mit vorne reinzugehen. Daher kann der Gegner nach Ballgewinn schnell kontern und frei auf die Viererkette zulaufen. Denn wenn man mal (vor seinem inneren Auge) rekapituliert, wie denn die Kontersituationen, die gegen Werder gefahren werden, aussehen, ist es meistens so, dass der Gegner allein auf die Viererkette zuläuft. Die Viererkette ist meistens komplett ( die Außenverteidiger sind also nicht das Problem), der Raum davor ist allerdings oft verwaist (der 6er war halt mit aufgerückt). Natürlich entstehen auch ab und zu gefährliche Kontersituationen, weil die AV’s weit aufgerückt waren, aber ich denke in den meisten Situationen ist es so wie eben beschrieben. Ab und zu rücken auch 6er UND Außenverteidiger auf, was einen dann hinten völlig entblößt.
Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Bargfrede ist ein toller Spieler, sowohl defensiv stark als auch (was ihm seltsamerweise fast nie zugeschrieben wird) sehr passsicher für sein Alter. Das Problem ist meiner Ansicht nach, wie schon gesagt, die Anweisung, dass er sich fast in jedem Angriff vorne mit einschalten soll (so möchte man vielleicht für noch stärkeres Überladen und Überraschungsmomente sorgen), was nicht nur das oben geschilderte Problem mitsichbringt, sondern vermutlich auch einige Körner kostet.
– Zum Satz „. Allerdings bin ich der Meinung, dass das zum einen daran liegt, dass eben das passende Spielerpersonal (Flügelspieler) für eine Systemumstellung fehlt, und zum anderen Schaaf immer so gewirkt hat, als wenn eigentlich doch am liebsten Raute spielen würde.“: Ich finde eigentlich gar nicht mal, dass keine Flügelspieler vorhanden sind. Marin ist sicher primär ein (fantastischer) Flügelspieler. Rosenberg (hat das bei Ajax eine Zeit lang sehr gut gespielt), Arnautovic und Hunt (siehe Rückrunde 2009/2010, wo er im 4231 auf der Offensiven Außenposition spielte und permanent mit Marin und vor allem Özil rochierte [hier hätte er Ekici zum Rochieren]) können dort zumindest kurzfristig aushelfen. Ein Systemwechsel scheint mir, wie du auch anmerkst einfach nicht gewollt. Ich glaube aber dennoch an Schaaf (und damit an die Raute), vielleicht kommt die Eingespieltheit ja mit der Zeit (oder mit Borowski, der prädestiniert für die Halbposition aber leider ständig verletzt ist) wieder…

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HW 22. Januar 2012 um 23:45

Die Breite kann ein Problem werden und bei defensiver Ausrichtung kann sich das Offensivspiel auf die drei Angreifer beschränken.
Aber gut eingespielt, verschiebt sich eine Mannschaft mit Raute toll auf die Flügel (Mittelfeld und Sturm).
Bremens Probleme liegen eher woanders. Transfers schlagen nicht mehr so ein wie früher, die eigenen Jugendspieler werden auch nicht gerade Nationalspieler. Die meisten Teams vor ihnen in der Tabelle haben größere Möglichkeiten. Ohne Champions League gehen die Talente lieber nicht nach Bremen.
Thomas Schaaf ist schon über 10 Jahre Cheftrainer und lässte dieses System spielen, aber trotzdem hat er Probleme damit die Mannschaft einzuspielen und ein Gleichgewicht zu schaffen.

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Tobias (MeineSaison) 22. Januar 2012 um 09:32

Gute Analyse, bis auf die Sache mit der Bremer „Notelf“. Bis auf Naldo und Hunt ist das die Stammelf. Das gesamte Trainingslager über wurde so gespielt. Die Uneingespieltheit gerade im Mittelfeld verwunderte daher schon ein bisschen.

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