Tribut für Socrates – ein Genie verlässt uns

Das tragische Ende eines großen Spielers, der mehr als nur den Fußball selbst bewegte.
Bereits am 20. August wurde der ehemalige Fußballstar mit einer Magen- und Darmblutung sowie großen Schmerzen ins Krankenhaus eingeliefert. Ursache dafür waren langjähriger schwerer Alkoholmissbrauch und exzessives Rauchen. Die Infektion verschlimmerte sich, ein septischer Schock war schließlich die  Todesursache – Spielverlagerung.de gedenkt einem der herausragenden Fußballer der 80er-Jahre auf seine eigene Art und Weise.

Ungewöhnliche Anfänge einer großen Karriere

Sein Vater war noch ein armer Mann aus Belem, einer Stadt am Amazonas. Doch er brachte sich selbst Lesen bei, benannte seine drei Söhne nach griechischen Philosophen und inspirierte seinen Sohn zu größerer Bildung. Socrates, nach einem der größten aller Philosophen benannt, folgte dem Beispiel seines Vaters. Als die Familie nach Ribeirao Preto umzog, kam die gesamte Bibliothek des Vaters und seiner Söhne mit, der junge Socrates schaffte sogar sein Diplom in Medizin an der drittrennomiertesten Universität des gesamten Landes; obwohl er professioneller Fußballer war und in weiterer Folge sogar die WM 1978 verpasste. Seine Vorbilder waren nicht Pelé und Garrincha, es waren Che Guevara und Fidel Castro und so kam es, dass er trotz zahlreicher verpasster Trainingseinheiten Stammspieler und Star des Vereins Botafogo-SP war. Erst mit 24 Jahren schaffte er es zum Nationalspieler und seine einzige Saison außer Landes war bei Fiorentina, allerdings kaum von Erfolg gekrönt. An hartes Training konnte er sich nämlich nie gewöhnen, der 1.93m große Star rauchte ein bis zwei Packungen am Tag und feierte lieber, als dass er sich an den Laufeinheiten seiner jeweiligen Mannschaften beteiligte.

Nichtsdestotrotz wurde er schließlich bei seinem neuen Verein Corinthians Kapitän – und prompt sorgte er für Aufsehen. In den 70ern gab es noch viele Länder mit Diktatur, doch ganz nach seinem Vorbild Che Guevara reformierte und revolutionierte  Socrates einen ganzen Fußballverein: die Democracia Corinthiana, in der jede größere Entscheidung nach Abstimmung der Spieler, der Funktionäre und sonstiger sportlicher Verantwortlichen gefällt wurde. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, man zog ins Halbfinale der Staatsmeisterschaft ein und gewann zweimal die Landesmeisterschaft, die Paulista, doch als Socrates wechselte, zerbrach die Bewegung. Doch nicht nur intern zeigte man sich revolutionär, modern und demokratisch, auch im Auftreten nach Außen, man nahm Banner mit aufs Spielfeld, welche freie Wahlen in Brasilien forderten oder die Absetzung der Militärjunta propagierten.  Wort- und Anführer war ebenfalls Socrates, welcher mit „Demokratie: die Meisterschaft ist nur eine Kleinigkeit“ das Motto des Teams prägte und dennoch in der Nationalmannschaft für seine Ansichten weiterkämpfen durfte. Die Weltmeisterschaft konnte er im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Rai allerdings nie gewinnen – obwohl „sein“ Team von 1982 als das größte seit den glorreichen 70ern galt. Seine Karriere beendete er mit wenig Titeln im Jahre 1989, doch sein Erbe lebt bis heute. Der einzige Doktor, der je bei einer WM spielte und jener Spieler mit dem längsten Namen sind zwei kuriose Erfolge, welche perfekt zu seiner rätselhaften Art passen.

Socrates‘ Karriere danach

Er kehrte in den 90ern zurück nach Ribeirao Preto, wo er als Kinderarzt arbeitete. Doch trotz seiner Rückkehr in ruhigere Gefilde konnte er nicht vom Fußball lassen, vehement kritisierte er die Athletik des modernen Fußballs, die fehlende Schönheit und Eleganz. Kritik erntete besonders das brasilianische Team von 1994 und die fehlenden Reformen im modernen Fußball, so brachte er sich mit ernsthaften Vorschlägen wie Torkameras oder spaßigen Aussagen wie der Reduzierung auf 8-9 Feldspieler mehrmals ins Rampenlicht. Seine Praxis gab er später auf und 2004 meldete er sich sogar in den englischen Amateurligen für einen 12minütigen Einsatz zurück, doch seine wahre Liebe galt nun dem Journalismus – so schien es. Obwohl er sich als Trainer, Maler, Arzt und Journalist versuchte, so schien es immer klar, dass er sich primär für Fußball interessierte.

„Kein Spieler gibt seine Fußballkarriere auf. Der Fußball ist es, der sich von den Spielern abwendet“, sagte er einmal, dieses wundervolle Zitat stammt ebenso von ihm wie „Das Ziel ist zu gewinnen, egal wie. Der sogenannte Systemfußball ist die logische Folge. Seine zentralen Ideen heißen Effizienz und Funktionalität. Dass der Fußball dadurch eindimensional, uninspiriert und somit im ästhetischen Sinne häßlich geworden ist, fällt dabei kaum jemandem auf.“

Folglich verwundert es wenig, dass sein letztes Projekt ein Buch über die WM im eigenen Land hätte werden sollen, seinen Lebensunterhalt finanzierte er sich aber durch Seminare über Führungsmanagement und ähnliches – laut eigener Aussage hatte er über Medizin schon alles vergessen, war aber noch in Theaterstücken, Musikauftritten, Altherrenmannschaften und der Politik aktiv.

Das 82er-Team: Socrates‘ Mythos

Fast 1,95m groß, Schuhgröße 41, wirres Haar, ein Stirnband und ein Vollbart in der Hitze Spaniens. Er wirkte etwas hager und war doch der geniale Taktgeber der wohl am stärksten auf Ästhetik fixierten Mannschaft, die jemals an einer Weltmeisterschaft teilnahm. Obwohl man frühzeitig ausschied, war es eine Mannschaft, welche bis heute für viele als der Inbegriff des jogo bonito, des Futebol Arte, des schönen Spiels gilt. Fast schon rhythmisch agierte das gesamte Team, man bewegte sich elegant, instinktiv nach vorne und ihre Verspieltheit wirkte wie ein Haufen Katzen, welche sich einen Wollknäuel zuspielte. In ihren lichten Momenten wirkten sie unantastbar, angeführt vom magischen Quartett im Zentrum, Falcao und Cerezo, diesen modernen Sechsern, welche den zerbrechlichen Zico und den einmaligen Socrates vorne unterstützten. Doch so talentiert sie alle vier waren und obwohl Zico der bessere Fußballer war, Socrates verkörperte die Seele dieses Teams.

Freiheit, Revolution und diese ewige Suche nach dem Kick, der Hunger nach der reinen Schönheit im Fußball zeichnete ihn aus. No-Look-Pässe mit der Ferse ins Herz der gegnerischen Abwehr, heutzutage absolut undenkbar, doch für den Doktor Normalität. Sein ganz eigener Schritt und sein Rhythmus, welcher sich dennoch an jenen seiner Mannschaft anpassen konnte und umgekehrt, verliehen ihm eine Aura des Übernatürlichen.

Er schien nicht in diese Welt von Athleten hineinzupassen, er hielt sich selbst nicht einmal für einen, doch er schien über jeden Zweifel erhaben, seinen Kopf nach oben gerichtet und mit unglaublichen Pässen, ob Außenrist oder aus dem Fußgelenk, strafte er die Gesetze der Physik Lügen. Er schien trotz seiner Größe so locker über den Platz zu schweben, als sei er eine Erscheinung aus einer anderen Welt, wo es keine Gesetze oder Beschränkungen gab, leicht tanzte er über den Platz und dirigierte sein Orchester, welches eine neue Idee so schön darstellte, wie der Mensch Sokrates die Demokratie idealisierte.

die Taktik des 82er-Teams war so frei und unbekümmert, dass sie Wikipedia nicht einmal richtig darstellen kann.  Eine Korrektur auf spielverlagerung von TR steht auf unserer vollgepackten Agenda

Eine Gruppe verband sich und schaffte etwas einmaliges, ohne Gewalt oder unschöne Szenen wollte man etwas schönes schaffen, Fußball zur Kunst erheben und bis heute lebt dieses Ideal, nie schöner und tragischer inszeniert als bei dieser WM, als sich die talentierteste Mannschaft der Geschichte mit offenen Augen ins offenere Messer stürzte, der Kunst willen. Man gab die 2:0-Führung aus der Hand und obwohl man langsam den Vorsprung verlor, dann sogar deswegen ausschied, wich man nie von seiner Linie ab, man tanzte diesen trägen wie schönen brasilianischen Samba weiter, eine Gruppe von Querdenkern, Revolutionären und Genies war ausgeschieden, doch ihr Mythos lebt bis heute und ist wichtiger, als es jeder Erfolg sein könnte. Socrates‘ Tod ist nur ein Ebenbild jenes Teams, wessen Seele er war: unerwartet für viele kam das Ausscheiden aus dieser Welt, schnell ging es, doch der Mythos lebt bis heute, wird viele Generationen überleben und eine Idee in die Welt hinaustragen, welche den Fußball von allen Sportarten abhebt, ihn zu einer Kunst macht und vielen Jugendlichen auf der ganzen Welt ein positives Ideal, eine Motivation für das schöne Spiel geben wird.

Socrates war ein Vorreiter und Prophet von allem, was den Fußball so wundervoll macht und man darf ihm dankbar sein. Ein großer Mann ist gestorben, doch sein noch größeres Erbe wird ewig leben.

Hier – ein Ausschnitt seiner Kunst:

Trequartista 22. Oktober 2013 um 02:35

„No-Look-Pässe mit der Ferse ins Herz der gegnerischen Abwehr, heutzutage absolut undenkbar, doch für den Doktor Normalität.“

Einspruch: Totti
..stattgegeben.
😉

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RM 22. Oktober 2013 um 09:02

Gut, Totti zählt ja nicht, der ist ja ebenfalls eine Legende im Range Socrates‘. Extrem unterbewerteter Spieler; könnte man den überhaupt überbewerten? 🙂

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Trequartista 23. Oktober 2013 um 16:51

Ja stimmt schon, fand nur genau diese Aussage perfekt passend zu Totti auch, ist ja sozusagen seine Kernkompetenz, die Direktpässe jeglicher Art, oder auch Ab-Art. 😀
Teilweise ja krank was der da macht, wie aus einem Comic oder so.

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RM 23. Oktober 2013 um 17:57

Ja, diese Pässe sind unglaublich. Wie er Pässe direkt abnimmt, ist schon beeindruckend in puncto Technik (wie scharfe Pässe er wie präzise weiterspielt) und dann noch die Übersicht dazu (wohin er dies spielt und unter welcher Dynamik des Spiels). Wohl etwas in der Geschichte des Fußballs, was ich am lässigsten finde.

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Trequartista 23. Oktober 2013 um 23:35

Die angekommenen Steilpässe pro Spiel sind noch erwähnenswert, laut whoscored war er da teilweise die Nr. 1 Europas letztes Jahr, kannte die site vorher nicht ist ganz interessant.
Für mich eine Art Gold Standard für Spielmacher mittlerweile. :p

Anzahl der Pässe, Erfolgsraten, key passes schön und gut aber für mich nicht ganz so aussagekräftig.

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RM 24. Oktober 2013 um 00:07

Meinst du die Throughballs?

Trequartista 24. Oktober 2013 um 15:21

yap, accurate through balls per game heißt es dort glaube ich
kam per zufall auf die site und schaute halt mal bei tottis stats vorbei, da hatte er einen irsinnswert, 3.4 oder so
hat sich dann nachher nach unten gependelt war aber immer noch die nr. 1

cazorla war stark erinnere mich noch
dieses jahr ist totti da schwächer, hat aber eh wieder viele assists und bei den key pässen in den top 5 ca.


BronWaugh 12. Januar 2012 um 02:03

„Man gab die 2:0-Führung aus der Hand und obwohl man langsam den Vorsprung verlor (…)“

Mo-Mo-Moment…

Die Dramaturgie dieses letzten Spiels der Zwischenrunde – die bei den Weltmeisterschaften 74, 78 und 82 das Achtel- und Viertelfinale ersetzte – sah so aus, daß Italien durch Paolo Rossi dreimal in Führung ging, indes Brasilien (durch Sócrates und Falcao) nur zweimal ausgleichen konnte. Nichts gegen die Squadra Azzurra von `82: alles in allem eine brillante Mannschaft, so tough, clever und cool wie nur je ein italienisches Team. Spieler wie Tardelli, Cabrini, Altobelli und Conti brauchten sich hinter den Brasilianern nicht zu verstecken. Bruno Conti, der kurze, bullige Dribbelkünstler vom AS Rom (wo auch der Brasilianer Falcao spielte), war, einer nicht ganz unmaßgeblichen Meinung zufolge, der beste Spieler des Turniers.

Gleichviel, ich war damals 14 – und der Tag, an dem Brasilien ausschied, war einer der schwärzesten meines noch jungen Lebens.

Was Sócrates` Spielweise angeht, so tut man ihm sicher nicht Unrecht, wenn man sagt, daß in ihm Kopfballstärke (!) und Torgefährlichkeit mit einem Paßspiel
verbunden waren, das an die Mittelfeldspieler der Barca-Schule (Guardiola, De La Penha, Xavi, Iniesta, Busquets, Alcantara) erinnert; mag Sócrates, seiner physischen Erscheinung nach, auch das genaue Gegenteil der meisten dieser Spieler gewesen sein.

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Arthur Coimbra 9. Dezember 2011 um 12:03

Großer Artikel über einen der Größten!!! RIP, vielleicht sitzt er grad mit George beim Feiern. Vielleicht warten beide auf Gazza zum Skat spielen. Hoffentlich müssen sie sich noch gedulden.

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uk 7. Dezember 2011 um 18:40

Kompliment für diesen treffenden Nachruf. Er hat mir so gut gefallen, dass ich ihn auf meinem blog verlinkt habe.

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Denis 5. Dezember 2011 um 11:13

Sehr schöner Nachruf.

Aber hier fehlt mir der Zusammenhang zwischen erstem und zweitem Satzteil:
„Seine Vorbilder waren nicht Pelé und Garrincha, es waren Che Guevara und Fidel Castro und so kam es, dass er trotz zahlreicher verpasster Trainingseinheiten Stammspieler und Star des Vereins Botafogo-SP war. „

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David 5. Dezember 2011 um 10:49

1982… oder der unvollendete Samba… nach Ungarn 1954 und Holland 1974 ist Brasilien 1982 das dritte Team, welches in Schönheit gestorben ist. Socrates und Zico waren sicherlich die beiden Protagonisten, welche das (schöne) Spiel am meisten geprägt haben. Dass sich im Final schliesslich Deutschland und Italien gegenüber standen, war für diese Zeit symptomatisch.

Zwei kleinen Korrekturen (auch im Hinblick auf eine allfällige Analyse des 82er Teams von Brasilien): das 4-2-3-1 stimmt meiner Ansicht nach nicht schlecht, nur müsste man Socrates und Zico tauschen. Socrates spielte zentraler und etwas hinter dem weissen Pelé, während letzterer seine genialen Pässe eher als hängende Spitze aus dem Fuss zauberte. Ausserdem war Brasilien gegen Italien nie in Führung, sondern konnte durch Socrates und Falcao zweimal „nur“ ausgleichen.

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Tank 5. Dezember 2011 um 00:29

Schöner Artikel, trauriger Anlass.

Ich kenn ihn von Aufzeichnungen der 82er und 86er WM und würde ihn taktisch als zentralen Mittelfeldspieler mit großem Vorwärtsdrang bezeichnen. Weniger als 10er oder gar offensivem Außenspieler, wie Wikipedia zu suggerieren scheint.

Wenn man körperliche Stärke auf der einen Seite und technische Fertigkeiten auf der anderen Seite als von gleicher Gewichtung betrachtet, dann wird man kaum einen besseren auf seiner Position finden.

Schade, dass er so früh gestorben ist, auch wenn sein Lebensstil es befürchten ließ.

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