AS Saint-Étienne – Girondins de Bordeaux 3:1

Die dritte Runde des „Cuope de la Ligue“ bot ein wahres Topspiel zwischen dem gut in die Saison gestarteten AS Saint-Étienne und dem zuletzt schwächelnden Traditionsverein Girondins de Bordeaux.

Obwohl die Länderspiele kurz bevor standen, konnten beide Mannschaften fast in Bestbesetzung auflaufen. Lediglich drei Spieler fehlten jedem Team: Carrasso, Plašil und N´Guemo beim Gast, Clement, Guilavogui und Sinama-Pongolle auf der anderen Seite.

Saint-Étienne extrem defensiv stark

Besonders nach der frühen Führung für die Gastgeber – einem Eigentor nach nicht einmal drei Minuten von Tremoulinas im Anschluss an eine Ecke – wurde augenfällig, dass Bordeaux am selben Problem litt, mit welchem auch Olympique Marseille gegen Saint-Étienne zu kämpfen hatte: An der fehlenden Anbindung zwischen Offensive und Defensive.

Im nominellen 4-4-1-1 stieß mit Sertic einer der zentralen Mittelfeldspieler im Spielaufbau sehr weit nach vorne – wahrscheinlich mit dem Ziel, durch Vertikalpässe den in der Defensive mit einem 4-1-4-1 und somit nur einem Sechser verteidigendem Gegner zu überladen.

Dafür benötigt es allerdings auch jemanden, der solche Pässe aus dem zentralen Mittelfeld heraus spielen kann, aber der gelernte Innenverteidiger Sané, den man auf dieser Position aufbot, konnte diese Aufgabe nicht stemmen.

Hinzu kam, dass Saint-Étienne in der Defensive wirklich sehr eng und kompakt stand und Sertic exzellent übergeben wurde. Auf der Sechserposition machte Perrin einen sehr umsichtigen Job, bewegte sich intelligent, deckte viel Raum ab und gab seiner Mannschaft eine enorme Sicherheit (dies war wohl eine Reaktion auf besagtes Marseille-Spiel, als ein ins Zentrum einrückender Flügelspieler die Defensive zu leicht aufbrach und Raum zwischen den Linien öffnete, dagegen wollte man sich mit einem zusätzlichen Defensivspieler absichern).

Doch einen anderen Weg nach vorne gab es für Bordeaux kaum, was am beeindruckend ausgeführten Mittelfeldpressing der Gastgeber lag, mit welchem man Bordeaux fast nie in die eigene Hälfte kommen ließ. So fanden die fünf hinteren Spieler fast nie eine Anspielstation, während die fünf vorderen Akteure isoliert waren.

Pressing-Lapsus

Ganze zwei Abschlüsse gelangen Bordeaux in der ersten Halbzeit, doch beide waren gefährlich. Die Qualität der wenigen Chancen, die man bekommen würde, war deshalb so hoch, weil sie entweder entstehen würden, wenn das Pressing einmal fehlschlagen würde oder einer der riskanten Vertikalpässe erfolgreich sein würde.

Ersteres war in der zehnten Minute der Fall, so dass Tremoulinas recht unbedrängt einen schönen Spielzug (mit einem Vertikalpass, also war auch Punkt zwei der Fall) einleiten, durch das Mittelfeld laufen und den Spielzug selbst zum Ausgleich abschließen konnte, was den Treffer besonders schön machte, doch ebenso herausragend das Raum-Schaffen von Sertic und die tollen Bewegungen der Stürmer, die man in dieser Situation einmal zeigen konnte.

In dieser einen Situation presste Saint-Étienne einmal nicht so gut und wurde prompt bestraft. Doch schon bald gingen sie wieder in Führung, Sako traf und es stand nach etwa einer Viertelstunde schon 2:1.

Duelle auf außen

Wie die Ecke, die zum ersten Treffer für die Hausherren geführt hatte, fiel auch dieser Treffer über die rechte Angriffsseite. Schlüsselspieler war hier der schnelle und trickreiche Pierre Aubameyang. Zwar konnte Bordeaux mit zwei nominellen Außenverteidigern auf der Seite durch eine Doppelung seine Gefahr gut eindämmen, doch durch seine Klasse konnte sich der Flügelspieler ab und an selbst daraus lösen oder wurde durch die Unterstützung der auf die Seite verschiebenden Mittelfeldspieler daraus befreit.

Bei Kontern und Gegenstößen war er am gefährlichsten, da hier häufiger eine 1-gegen1-Situation möglich war – beim Tor setzte er sich durch und brachte den Ball herein, im dritten Versuch gelang es seinen Kollegen dann doch, den Ball unterzubringen.

Saint-Étienne war nicht nur der Herrscher des Mittelfeldes, sondern konnte auch das Duell auf den Flanken für sich entscheiden, da man hier etwas gefährlicher wirkte, denn Bordeaux fand fast immer einen kompakten Gegner vor. Trotz des offensiven Marange und des abdriftenden Gouffran wurde die linke Seite meist durch den defensiven Rechtsverteidiger und das gute Verschieben von dessen Teamkollegen abgesichert.

Es gab auch noch eine weitere Disziplin, wo der Gastgeber überlegen war: Perrin und Lemoine konnten dem Spiel ihrer Mannschaft genau das geben, was Bordeaux vermisste: Qualitativ gute Vertikalpässe. Auf diesem Wege konnte man die eigenen Angriffe mit einem Pass in die offensive Dreierreihe gut einleiten und beschleunigen, wobei man auch von der offensiven Natur Sertics profitierte, der viel Raum hinterließ.

Verletzung hilft Bordeaux?

Kurz vor der Pause erzwang eine verletzungsbedingte Auswechslung von Innenverteidiger Marc Planus eine Umstellung bei den Girondins.  Sané und Sertic rückten je eine Position zurück, Tremoulinas in die Mitte und Jussie auf den linken Flügel.

Sofort zeigten sich die positiven Aspekte: Im Mittelfeld hatte man nun mehr Passkreativität, zudem sorgte das neue Pärchen für mehr Anbindung an die Offensive. Man konnte den Gegner leichter anlocken, was für mehr potentielle Löcher im Defensivverbund zum Hineinspielen sorgte. So kam man über die Mittellinie und konnte die linke Seite einbinden, wo Jussie durch das veränderte Positionsspiel nun auch die Außenbahn konsequenter für Marange öffnete.

Folglich hatte man in den vier Minuten vor dem Seitenwechsel mehr gefährliche Aktionen als in der gesamten Spielzeit zuvor – unter anderem den Pfostentreffer von Modeste, der nach genau obigem Muster ablief.

Doch nach der Pause war der Effekt verflogen – Grund war eine Anpassung vom gegnerischen Trainer Galtier, der nun die Defensivanordnung von 4-1-4-1 auf 4-4-1-1 hatte ändern lassen. Man brauchte keinen Ausputzer zwischen den Linien mehr, sondern stand einfach tiefer, setzte Battles auf das Mittelfeldpärchen Bordeauxs an und hatte noch zwei Spieler zur Absicherung dahinter.

Zwar stand Bordeaux nun höher, dominierte jetzt und der Ballbesitz stieg (am Ende 58 %), hatten ihre Außenverteidiger nun mehr Freiheiten, harmonierten auch gut mit den Spielern vor ihnen und spielten einige schöne Kombinationen – doch dies fand alles in tiefen Positionen stand, weit weg vom Tor des Gastgebers, dem es daher nicht weh tat.

Bordeaux regierte, indem Jussie und Tremoulinas ihre Plätze tauschten: Offensiv war es ein durchaus logischer Schachzug, da Jussie für mehr Kreativität in der Mitte und Tremoulinas für mehr Durchschlagskraft und Dynamik auf Außen sorgen sollte, doch ziemlich schnell wurden die defensiven Schwächen entblößt.

Jussie konnte nicht ansatzweise so viel Stabilität bieten wie der nominelle Linksverteidiger Tremoulinas, was Sertic völlig alleine ließ, der den Raum vor der Abwehr nicht abdecken konnte. Lemoine kam zwischen den Linien frei, hatte Zeit zum tödlichen Pass auf Aubameyang, welcher seine starke Leistung mit einem Tor (56.) krönte – Laufweg wie Abschluss waren fantastisch.

Schlussphase

Für Bordeaux gab es nur noch einen Weg: nach vorne. Beim Beschreiten wiederholten sie allerdings den Fehler der ersten Halbzeit. Mehr nominelle Offensive hieß, wie so oft, nicht gefährlichere Offensive. Denn durch das Vorziehen von Jussie fehlte wieder die Anbindung zwischen Offensive und  Defensive und Sertic erneut die Anspieloptionen – ebenso wie dem kompletten Spiel der Mannschaft an diesem Tag die nötige Konzentration, technische Souveränität und das sichere Passspiel abging.

Schlussendlich versuchte man es dann mit einem 4-3-3, doch obwohl man gegen einen nachlassenden Gegner noch zur ein oder anderen Chance für die Statistik kam, war das Spiel bereits entschieden.

Lobenswert allerdings, dass man sich zu keinem Zeitpunkt hängen ließ – selbst als heftiger Regen einsetzte und ein Gewitter kurzfristig einen Ausfall des Fernsehbildes verursachte, spielte man engagiert weiter.

Fazit

Bordeaux verlor ein hochinteressantes Spiel verdient gegen einen extrem defensivstarken Gegner mit starkem Mittelfeldpressing. So kam man fast nie nach vorne. Dazu trug auch die fehlende Anbindung zwischen Offensive und Defensive bei, welche letztlich auch für defensive Instabilität sorgte, die die guten Vertikalpässe und Aubameyang ausnutzten.

Auch in der zweiten Halbzeit fand der Gastgeber immer eine passende Antwort und profitierte einmal mehr von der defensiven Anfälligkeit des Gegenübers.

Saint-Étienne präsentiert sich in dieser Saison bisher überzeugend. Nun gilt es zu beweisen, dass dies auch möglich ist, wenn man selbst das Spiel machen muss. In den nächsten Runden des Ligapokals kann man aber durchaus auf die Rolle des Favoritenschrecks setzen.

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