Deutschland U21 – überzeugend, aber falsch aufgestellt

Die deutsche U21-Nationalmannschaft gewann ihr erstes EM-Qualifikationsspiel erwartungsgemäß mit 4:1 gegen den Außenseiter aus Zypern. Überdeckt wurde der Erfolg aber von einer unausgeglichenen Offensivformation, ausgelöst durch den besten Mann des Spiels.

Deutschland nominell im erprobten 4-1-2-3

Trainer Adrion konnte auf eine Vielzahl an schon im Profifußball erprobten Spielern zurückgreifen. Ihre Debüts gaben der erst 17 Jahre junge Draxler, der auch gleich von Beginn an spielen durfte, und der nur ein Jahr ältere Dortmunder Leitner. Außer den drei noch für die U21 spielberechtigten Spielern in der A-Nationalmannschaft, Schürrle, Gündogan und Götze, sowie dem verletzten Jantschke konnte Rainer Adrion auf sämtliche Spieler zurückgreifen.

Das deutsche 4-1-2-3 in der Theorie

Im Tor hatte der Kaiserslauterer Trapp den Vorzug vor Freiburg-Keeper Baumann erhalten. Die Innenverteidigung bildeten Kirchhoff und Sobiech, links hinten spielte Rausch, rechts Funk. Den zentralen defensiven Mittelfeldspieler gab Rudy, davor bildeten Draxler und Didavi das offensivere Mittelfeldduo.

Im Sturm spielte Kapitän Holtby als Rechtsaußen, über links stürmte Esswein und als Mittelstürmer durfte Lasogga starten.

Gegen die individuell wie mannschaftlich schwachen Gäste kamen die Deutschen in der Anfangsphase leicht zu Torchancen. Mit einer schnellen vertikalen Spieleröffnung aus der Innenverteidigung heraus zerlegte man den zypriotischen Abwehrverbund zu Beginn mit einfachsten Mitteln.

Anschließend wurde häufig einer der beiden Außenstürmer durch einen Pass in die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger eingesetzt. Auf diese Weise fiel auch das 1:0 durch Holtby, nachdem Draxler seinen Vereinskollegen mustergültig bedient hatte und dieser nur noch vollstrecken musste.

Im Anschluss an den Treffer verlor die deutsche Mannschaft an Zielstrebigkeit. Den einzelnen Akteuren war anzumerken, dass sie sich im Nationalmannschaftskreis und unter den Augen von DFB-Sportdirektor Matthias Sammer und dem Co-Trainer der A-Nationalmannschaft, Hansi Flick, beweisen wollten.

Holtby fühlt sich auf rechts zu wenig eingebunden

Vor allem der Torschütze zum 1:o, Lewis Holtby, fühlte sich an der rechten Außenlinie offenbar zu wenig eingebunden. Anders als sein Pendant auf links, Alexander Esswein, zog es Holtby zunehmend in die Zentrale.

Dort konnte er nach Belieben die Fäden des Spiels in der Hand halten und war Mittelpunkt von fast jedem Angriff der Gastgeber. Nachteil dieser immer dauerhafter werdenden Bewegung Holtby war, dass die rechte Seite zunehmend verwaiste.

Die tatsächliche Formation mit Holtby in der Zentrale und großem Loch auf rechts

Da Funk sich nicht traute in vorderster Front rechts für Breite zu sorgen und Holtby fast ausschließlich zentral zu finden war, lief das Angriffsspiel der Deutschen praktisch nur noch über die linke Seite und die Mitte.

Dies führte dazu, dass die nach etwa 20 Minuten etwas kompakter auftretenden Zyprioten sich auf eine Spielhälfte beschränken konnten und ihren linken Flügel unbemannt lassen konnten.

Dadurch wurden die Löcher in den Viererketten der Gäste immer kleiner, zudem nahmen sich die vielen Spieler auf engem Raum – Esswein, Draxler, Holtby, Didavi und Rudy – selbst den Platz.

Das Angriffsspiel des Favoriten kam ab Mitte der ersten Halbzeit trotz individuell wie taktisch klar unterlegener Gäste mehr und mehr zum Erliegen.

Darüber konnte auch das 2:0, erneut erzielt von Holtby, nicht hinwegtäuschen. Nachdem Sobiechs Rückpass direkt in die Füße des zypriotischen Stürmers Mitidis den Gästen den Anschlusstreffer beschert hatte, gingen die Teams in die Pause.

Das DFB-Team war gegen den extrem schwachen Gegner drückend überlegen gewesen und hätte trotz der durch Holtbys Bewegung verursachten Problematik wesentlich höher als 2:1 führen müssen.

Adrion sollte umstellen, tut es aber nicht

Zur Pause erwartete man eine Umstellung Adrions.

Doch statt Holtby eine zentrale Rolle zukommen zu lassen oder einen anderen Spieler auf den rechten Flügel zu schicken, gingen die Deutschen taktisch unverändert in den zweiten Durchgang, einzig Funk zeigte nun vereinzelt mutigere Vorstöße.

Doch immer noch blieb der rechte Flügel des Gastgebers verwaist, sodass man sich das Leben selbst schwer machte.

Stattdessen sorgte nun Zypern zentral mit einigen Ballgewinnen und schnellen Kontern über die beiden Stürmern für eine gewisse Torgefahr.

Hätte sich Deutschland, wie in der Anfangsviertelstunde auf das Flügelspiel über Esswein und einen außen postierten Holtby konzentriert, hätte man den zyprischen Defensivverbund mustergültig in die Breite ziehen können und die zahlreichen Lücken zwischen den Ketten und in den Ketten nutzen können.

So aber blieb das deutsche Angriffsspiel durchsichtig und man verpasste es, einen nie gefährdeten Sieg schon früher klar zu machen.

Mit der Einwechslung von Mlapa wechselte Holtby auf den linken Flügel, während Esswein als Mittelstürmer agierte. Anfangs hielt er dort die Position etwas konsequenter, driftete aber schon bald wieder in die Zentrale ab. Jedoch war es auf der linken Seite nicht so dramatisch, weil Rausch mit seinen Vorstößen häufig für die nötige breite auf links sorgen konnte und zudem die Zyprioten mehr und mehr ermüdeten.

So kamen die Gastgeber zum Schluss doch noch zu einem standesgemäßen 4:1-Sieg, der in einem ausgeglichenen System jedoch mit Sicherheit deutlich höher ausgefallen wäre.

Die Tore drei und vier erzielten Didavi und Debütant Draxler.

Holtby – man hätte es ahnen können

Man kann es Lewis Holtby im Grunde noch nicht einmal vorwerfen, dass er von seiner ihm zugewiesenen Position als Rechtsaußen in die Spielmitte drängte.

Der Kapitän ist der mit Abstand beste Spieler von den noch in der U21 verbliebenen Spielern. Er ist den anderen Spielern in seiner Entwicklung sichtlich voraus, übernimmt Verantwortung auf dem Platz und reißt das Spiel an sich.

Diesen Spieler als Rechtsaußen aufzubieten erscheint in diesem Zusammenhang nicht gerade sinnvoll.

Holtby wirkt geradezu prädestiniert für eine der beiden zentralen Positionen im 4-1-2-3, hat diese im vergangenen Jahr auch schon mehrfach bekleidet und, auch wenn es „nur“ gegen Zypern ging, erscheint es doch fragwürdig, seinen besten Spieler auf den außen zu binden, wo doch für jeden Zuschauer zu jeder Minute ersichtlich war, wo sich Holtby am wohlsten fühlt: in der Zentrale.

Ihn dauerhaft auf dem Flügel aufzustellen gefährdet gegen stärkere Gegner ganz eindeutig den Mannschaftserfolg. Holtby drängt, wahrscheinlich unbewusst, in die Zentrale.  Spieler für die Position des Rechtsaußens sind genügend vorhanden, warum also den Kapitän nicht zentral aufstellen? Dort dürfte er zur treibenden Kraft in der Qualifikation zur U21-Europameisterschaft werden, auf außen gefährdet er eben diese.

Reagiert Rainer Adrion rechtzeitig?

Vanye 13. August 2011 um 13:04

Ich könnte mir auch vorstellen, dass Holtby auf Rechtsaußen für das A-Team getestet wurde und deshalb die ganze Zeit dort gespielt hat. Links und Zentral hat man da ja genug stärkere Alternativen, so dass er da kaum in Frage kommt. Die Frage ist, ob er sich rechts als Müller-Ersatz eignet, wenn er so stark in die Mitte auf die Spielmacherposition zieht.

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datschge 13. August 2011 um 15:05

Aber die Frage nach der Eignung für die rechte Seite kann so ein Versuch doch kaum beantwortet. Das A-Team ist ja wesentlich stärker besetzt, und man sollte stark davon ausgehen, dass Holtby dort auch auf der Außen regelmäßiger durch Pässe eingesetzt würde und somit der Trieb, in die Mitte zu ziehen um die Bälle zu organisieren, sich gar nicht derart ausprägen könnte. Zur Beantwortung der Eignung ist immer die Formation und deren genaue Besetzung ausschlaggebend.

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Horst Worst Kees 11. August 2011 um 19:02

Bei aller berechtigter Kritik an Adrion, ihr vergesst das Löw EXTRA Adrion als U21 Coach haben wollte. Adrion ist vom Trainertypus auch eher ein Ausbilder denn ein Taktiker oder sonst etwas. Kann mir gut vorstellen das Löw ihm die Aufgabe gegeben hat, Holtby mehr zu fordern und bestimmte Spieler mit Erfahrungswerten zu pushen.

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Arsi 10. August 2011 um 12:03

Absolut treffende Analyse! Wenn ein Trainer wie Adrion nicht reagiert, obwohl jeder Laie das Manko sieht, dann muss man fragen, ob er nicht fehl am Platz ist.

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Nyo 10. August 2011 um 09:56

Endlich mal ’ne eindeutige Meinung, eindeutige Position von Euch!

Ich habe zwar nur einige Minuten vom Spiel gesehen und kann daher gar nicht beurteilen, ob Ihr richtig liegt, aber es ist gut, dass Ihr mal den stromlinienförmigen Weg verlasst und auch den drückend überlegenen Sieger kritisieren könnt. Bisher kam mir das zu kurz. Denn sinnvoll ist Euer Blog – m.E. – erst, wenn Ihr einen Mehrwert gegenüber dem Offensichtlichen liefern könnt, auch falls das mal jemanden ärgern sollte. Ich glaube, hiermit seid Ihr auf dem richtigen Weg. Weiter so – damit werdet Ihr sehr lesenswert!

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