TEs Bundesliga-Check: Fünferkette plus Zentrumsdominanz = Bollwerk

Eine Fünferkette allein genügt nicht, man muss auch das Zentrum dominieren – TE erklärt in der Kolumne, warum Schalke, Hoffenheim & Co. defensiv so gut dastehen. Plus: eine neue Form der Laufstatstik.

Spielverlagerung-Autor TE sucht sich nach jedem Bundesliga-Spieltag zwei bis drei Aspekte heraus, die er kurz und knackig analysiert. TEs Bundesliga-Check ist der Analysehappen für Zwischendurch – eine Spielwiese für taktische Beobachtungen, die in den “langen” Spielanalysen keinen Platz finden.

Ich möchte mich an dieser Stelle zunächst aufrichtig für die ausgefallenen Bundesliga-Kolumnen entschuldigen. Als relativ frisch gebackener Vater erlebe ich das klassische Europa-League-Syndrom: Ich muss erst lernen, die Mehrfachbelastung zu steuern. So manchen Europa-League-Teilnehmer hat dies bereits an den Rande des Abstiegs geführt. Ganz so weit ist es bei mir noch nicht – leider ist aber der DFB-Pokal die Arbeit als Spielverlagerung-Kolumnist im Zweifelsfall der Wettbewerb, der am entbehrlichsten erscheint. Asche auf mein Haupt. Dafür habe ich heute mal wieder zwei allgemeine, ausschweifendere Themen am Start.

Fünferketten-Zentrumsdominanz-Gedöhns

Dass die Fünferkette in dieser Bundesliga-Saison ihr großes Comeback feiert, dürfte kein Geheimnis mehr sein. Die Fünferkette ist die Stammvariante in Hoffenheim, Frankfurt, Gelsenkirchen, Ingolstadt und Wolfsburg, in Köln, Dortmund und Bremen kommt sie ebenfalls häufig zum Einsatz. Im Detail weichen die einzelnen Varianten stark voneinander ab. Vom 5-3-2 über das 5-4-1 bis hin zum 5-2-1-2 (Köln am Wochenende) ist alles dabei.

So sehr sich die Varianten im Detail unterscheiden, in der strategischen Grundidee ähneln sich viele dieser Fünferketten-Teams auffallend. Das bezieht sich gar nicht so sehr auf die Fünferkette selbst, die meist lediglich als Absicherung in der Tiefe fungiert. Die letzte Linie mit fünf Spielern abzusichern, macht gleich in mehrerer Hinsicht Sinn: Man kann die Breite des Platzes gut abdecken, Schnittstellen schließen und einzelne Verteidiger können herausrücken, um den Zwischenlinienraum zu schließen.

Interessanter ist da schon, was davor passiert. Die meisten Fünferketten-Teams würzen die massive Abwehrkette mit einer Dominanz im Zentrum. Das Mittelfeld hat hier die defensive Funktion, die Spielfeldmitte abzusichern. Die Teams möchten den Raum um den Mittelkreis dominieren, also den Raum, in den sich die gegnerischen Sechser aufhalten.

Beispiel Schalke: Diese spannen in einem relativ raumorientierten 3-2 ein Fünfeck über das Zentrum auf. Die beiden Stürmer blockieren den Passweg in den Sechserraum. Dort können die beiden Achter herausrücken und Zugriff herstellen auf die gegnerische Doppelsechs.

Schalkes 5-3-2: Hinten eine Fünferkette, bei der nach Bedarf die Außenverteidiger vorrücken können. Davor platziert Schalke ein Fünfeck, das den gegnerischen Sechserraum dominiert.

Schalkes 5-3-2: Hinten eine Fünferkette, bei der nach Bedarf die Außenverteidiger vorrücken können. Davor platziert Schalke ein Fünfeck, das den gegnerischen Sechserraum dominiert.

Beispiel Hoffenheim: Hoffenheim spielt vor der Fünferkette ein ähnliches 3-2 wie Schalke, nur dass sie es mannorientierter ausführen. Die beiden Achter orientieren sich stark an der Doppelsechs, die beiden Stürmer an den Innenverteidigern. Frei sind meist nur die gegnerischen Außenverteidiger, die aber auch durch die Hoffenheimer Außenverteidiger angelaufen werden können.

Hoffenheim agiert im Spiel gegen den Ball relativ mannorientiert. Das macht vor allem gegen Teams mit einem 4-2-3-1 Sinn: Jedem Gegenspieler ist ganz natürlich ein Hoffenheimer Spieler zugeordnet.

Hoffenheim agiert im Spiel gegen den Ball relativ mannorientiert. Das macht vor allem gegen Teams mit einem 4-2-3-1 Sinn: Jedem Gegenspieler ist ganz natürlich ein Hoffenheimer Spieler zugeordnet.

Beispiel Ingolstadt: Auch Ingolstadt spannt ein Fünfeck über das Zentrum, sie führen es aber anders aus. In einem nominellen 5-4-1-System agieren die beiden Außenstürmer recht zentral. Pascal Groß und Matthew Leckie agieren als „Halbzehner“ hinter der Spitze, rücken dabei weit ins Zentrum ein. Ingolstadts Viererkette im Mittelfeld agiert dadurch ähnlich wie die Leipziger Mittelfeldkette, kann hohen Druck und gleichzeitig eine hohe Kontrolle über den gegnerischen Sechserraum gewährleisten.

Auch Ingolstadts 5-4-1 mit den einrückenden Außenstürmern spannt ein Fünfeck vor der Fünferkette auf. Die Pfeile zeigen, wie Ingolstadt aus der stabilen Grundordnung zu einem aggressiven Pressing wechseln kann.

Auch Ingolstadts 5-4-1 mit den einrückenden Außenstürmern spannt ein Fünfeck vor der Fünferkette auf. Die Pfeile zeigen, wie Ingolstadt aus der stabilen Grundordnung zu einem aggressiven Pressing wechseln kann.

Durch diese Kombination aus totaler Kontrolle über das Zentrum und guter Absicherung in der hintersten Linie sind die Fünferketten-Teams schwer zu knacken. Der Aufbau muss fast zwangsläufig über die Außenpositionen neben den Stürmern erfolgen. Deren Passoptionen sind auf dem Flügel limitiert. Diagonalbälle ins Zentrum sind nicht leicht zu spielen, zumal die Verteidiger immer aus der Fünferkette rücken können, um im Zweifel den Gegner hier zu stellen. Auch Flügelwechsel sind wenig effektiv gegen eine breit stehende Fünferkette des Gegners. Gerade gegen nominelle 4-2-3-1-System sind diese Art der Fünferketten-Systeme äußerst effektiv (siehe Grafik zur Hoffenheimer Variante).

Die defensiven Ergebnisse, die diese Fünferketten-Teams erzielen, sind fast schon furchterregend. Schalke kassierte seit der Umstellung auf das 5-3-2 in 16 Bundesliga-Spielen gerade einmal zwölf Gegentore (exakt so wenige wie die Bayern im selben Zeitraum). Auch die anderen Fünferketten-Teams haben, vertraut man den Formations-Daten von Whoscored, starke Werte: Hoffenheim kommt auf 18 Gegentore in 18 Fünferketten-Spielen, Frankfurt auf 12 in 11, Köln auf 7 in 8, Ingolstadt auf 8 in 8 (wobei Ingolstadts Gegner u.a. Bayern, Leipzig, Schalke und Hertha waren!).

Jene Teams, die ihre Fünferkette nicht mit einem dominanten Zugriff auf das Zentrum kombinieren, haben wesentlich schwächere Werte: Werder kommt auf neun Gegentore in sechs Partien, Wolfsburg auf 14 in 7. Sogar der BVB steht, für ein Spitzenteam, mit 11 in 9 nicht gerade überragend dar. Man sollte daher das Lob für die Fünferkette insoweit relativieren, als dass die Fünferkette allein noch keine ausreichende defensive Stabilität garantiert. Die Kombination aus Dominanz im Mittelfeldzentrum und der defensiven Absicherung der Fünferkette macht die defensiv starken Fünferketten-Teams der Liga so unbezwingbar.

Wer läuft mehr als der Gegner?

Die Statistik, wie viele Kilometer ein Team pro Spiel läuft, ist aus mehreren Gründen eine wenig nützliche. Die Logik, wer viel läuft, spiele erfolgreicheren Fußball, wirkt auf den ersten Blick anziehend. Sie ist aber statistisch nicht nachweisbar. Wer mehr läuft, gewinnt nicht mehr Spiele. Andersrum funktioniert es genausowenig. Ausgerechnet die Bayern, auf dem Wege zur fünften Meisterschaft in Folge, stellt Jahr für Jahr die lauffaulste Mannschaft. Auch der Längsschnitt einer Mannschaft sagt nicht immer viel aus. Mainz läuft aktuell mehr als in einigen Phasen der Hinrunde, erzielt aber keine besseren Ergebnisse.

Die Laufstatistik ist bereits in ihrer Erstellung lückenhaft. Die Laufleistung aus einer Partie lässt sich kaum mit der Laufleistung aus einer anderen Partie vergleichen. Faktoren wie Nettospielzeit, Auswechslungen, Platzverweise verfälschen die Statistik. Selbst wenn man qualitative Faktoren wie Sprints hinzurechnet, erhält man am Ende nicht immer ein faires Ergebnis. Dazn-Experte Ralph Gunesch beispielsweise erzählt immer genüsslich, dass er bei Kantersiegen seiner Mannschaft meist mehr Kilometer und Sprints vorzuweisen hatte als nach Niederlagen – nicht weil er sich mehr einsetzte, sondern weil er häufiger zum Torjubel in die gegnerische Hälfte sprintete. Es muss also nichts heißen, dass der SC Freiburg die höchste Laufleistung, der 1. FC Köln wiederum die geringste aller Bundesliga-Teams hat.

Interessanter finde ich persönlich die Frage, welche Mannschaft innerhalb eines Spiels mehr läuft. Ein Vorteil muss sich nicht erst ergeben, wenn man einen neuen absoluten Laufrekord aufstellt. Es reicht meistens schon, einfach mehr zu laufen als der Gegner. Das muss nicht zwangsläufig ein Vorteil sein, wenn man die falschen Laufwege wählt oder sich schlicht kaputt läuft. Es ist aber trotzdem ganz interessant, sich einmal folgende Tabelle vor Augen zu führen. Ich habe aus den Daten von Bundesliga.de errechnet, in wie vielen Bundesliga-Spielen die Teams mehr und in wie vielen weniger als ihr Gegner gelaufen sind.

Besonders bei fünf Teams ist auffällig, dass sie fast durchweg mehr Laufaufwand betreiben als ihre Gegner: Freiburg, Leipzig, Ingolstadt, Schalke und Hoffenheim. Das muss nicht das Erfolgsgeheimnis dieser Teams sein; ganz sicher hat es aber Implikationen auf ihre Spielweise. Alle diese Teams betreiben gerade gegen den Ball einen hohen Aufwand, um den Gegner vom eigenen Tor fernzuhalten. Bayern, Dortmund und Köln markieren das Gegenstück; sie laufen regelmäßig weniger als ihre Gegner, was gewiss auch mit ihrem Ballbesitzspiel zusammenhängt.

Man sollte das aber nicht überbewerten. Wie bereits geschrieben ist die Statistik der gelaufenen Kilometer pro Spiel sehr anfällig für Schwankungen. Wenn man sie aber überhaupt für irgendwas heranziehen will, sollte man sie modifizieren, beispielsweise wie oben geschehen.

Ausführliche Analysen des 21. Spieltags

Borussia Dortmund – VfL Wolfsburg 3:0
Hertha BSC – Bayern München 1:1
Mainz 05 – Werder Bremen 0:2
Eintracht Frankfurt – FC Ingolstadt 0:2
Hamburger SV – SC Freiburg 2:2

Christoph 24. Februar 2017 um 23:55

Passend zum Thema: Tuchel hat sich in der PK vor dem Spiel gegen Freiburg auch zum Thema Laufstatistik geäußert. Laut ihm gibt es keine Korrelation zwischen Laufleistung und Ergebnis, wichtiger seien die Sprints und intensiven Läufe.

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Schorsch 21. Februar 2017 um 22:07

Beim Tischfußball (‚Kicker‘) ist die Laufarbeit nicht ganz so wichtig. Eher schon, ob man den richtigen Dreh heraushat… 😉 Ohne Blödsinn, die Statistik über die gelaufenen Kilometer pro Spiel ist nur für sich genommen wenig aussagekräftig. Das trifft nicht nur auf die Laufdaten der Torhüter zu. Rückschlüsse lassen sich nur bedingt daraus ziehen. Erst in Verbindung mit anderen Parametern wird sie mMn nutzbar. Eigentlich müsste es Auswertungen über Laufeffektivität und Laufeffizienz geben, die dann in Relation zur präferierten Spielweise eines Teams zu setzen wären.

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Schnix25 21. Februar 2017 um 13:45

Für ansehnlichen Fußball ist diese 5er-Kette gepaart mit dem kompakten Zentrum einfach Gift in meinen Augen. Es gibt zwar viele Zweikämpfe und eine hohe Intensität in vielen Spielen, aber auf Kombinationsfußball wird relativ wenig Wert gelegt. Fast alle Mannschaften mit diesem System setzten auf den Gewinn des zweiten Balles und ein risikoreiches, schnelles Umschaltspiel nach Ballgewinn. Das macht viele Partien sehr hektisch und für mich unansehnlich.

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MR 21. Februar 2017 um 18:16

Das seh ich gar nicht. Die Dreierkette im Aufbau und die vielen Zwischenpositionen der Offensivspieler ermöglichen ein deutlich leichteres Aufbau- und Kombinationsspiel. Wenn das teilweise nicht so präsent ist, dann liegt das mE vielmehr am generellen Fokus der Teams sowie am starken Pressing innerhalb der Bundesliga.

Die Viererketten-Teams in der Bundesliga bolzen doch auch tendentiell mehr? Mainz, Darmstadt, Köln und Freiburg im 4-4-2, in gewisser Hinsicht Bayer und RBL, Hamburg in der Hinrunde. Dagegen sind Dortmund, Hoffenheim und Gladbach die Bundesliga-Teams mit der höchsten Passquote nach Bayern.

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Koom 22. Februar 2017 um 09:07

Und wenn sie nicht bolzen, dann haben sie idR einen 6er, der sich gern zurückfallen lässt, wodurch man eigentlich ja wieder eine Dreierkette im Aufbau hat. Ist also durchaus was dran.

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studdi 22. Februar 2017 um 13:11

Ob ein Team Fußballspielt oder „Bolzt“ hat ja nix mit der Grundaufstellung zu tun. Ich finde Hoffenheim spielt mit den ansehnlichsten Fußball diese Saison. Auch wenn man International guckt spielt Sevilla sehr attraktiven Fußball mit einer 3er Kette .

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Christoph 24. Februar 2017 um 11:41

Würde dir auf jeden Fall zustimmen, ich denke viel hängt von den Spielertypen ab, die in dem jeweiligen System eingesetzt werden (v.a. auch die Besetzung der Wingbacks). Sevilla spielt beispielsweise häufig mit gelernten Offensivspielern auf der Wingbackposition (Vitolo und Sarabia), Pep hatte ja sogar mal Robben als Flügelverteidiger aufgestellt. Ich denke die Gefahr bei Systemen mit 5er/3er Kette ist, dass (Flügel-)Spieler mit starken 1vs1 Fähigkeiten geopfert werden (in Systemen mit 4er Kette die offensiven Flügelspieler) und stattdessen defensivstarke Spieler auf den Außenbahnen aufgestellt werden, was zwar zu defensiver Stabilität aber mangelnder offensiver Durchschlagskraft führt (Schalke als Beispiel).
PS: Freiburg würde ich auch nicht mit Bolzen assoziieren, der SC spielt für mich einen sehr attraktiven Fußball!

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ES 21. Februar 2017 um 10:53

Gibt es eigentlich eine negative Korrelation zwischen Laufleistung und Effizienz? Nach dem Motto: Wer viel und intensiv läuft, hat vor dem Tor nicht mehr genug Sauerstoff im Hirn für die richtig clevere Entscheidung. Bei Stuttgart unter Zorniger konnte man das ja mal extrem beobachten, Köln wäre ein Beispiel für die Umkehrung.

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Beobachter 21. Februar 2017 um 20:32

Kann ich leider nix zu sagen, aber „gefühlt“ hängt die richtige Intensität (what a surprise 😉 ) mit richtiger oder falscher Positionierung zusammen. Bei den Bayern neuerdings zu beobachten: da läuft/trottet dann einer los weil ihm auffällt, dass der Mitspieler in diesen oder jenen Raum spielt. Oder es wird auf Teugel komm raus hinterlaufen und bei der einen oder anderen Flanke habe ich mir auch schon hin und wieder überlegt, wie das mit dem Sauerstoffgehalt so ist… 😛

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Peda 22. Februar 2017 um 14:51

Da lässt sich sicher Interessantes finden, man muss sich nur genau überlegen wie man dabei Laufleistung und Effizienz definiert bzw. misst:

Dass die Laufstatistik alleine nicht viel aussagt, hat TE oben ja schon wortreich beschrieben.
Aber ist selbst der Anteil an den gelaufenen Kilometern eine passende Metrik zur Beantwortung der Frage?
Oder bräuchte es nicht eher einen Anteil der intensiven Läufe und Sprints, um die wirklich zachen Meter zu zählen?

Wenn ich den Gedanken weiterspinne, müsste man dann auch zwischen Läufen in Ballbesitz und gegen den Ball unterscheiden. Manche Mannschaften setzen auf Gegenpressing, manche auf Schnellangriffe, manche auf beides. Und nur die Schnellangriffe lassen sich meiner Meinung nach mit der Effizienz verknüpfen.
Sind intensive Läufe in Ballbesitz aber schon gleichbedeutend mit Schnellangriffen? Was ist, wenn der Ball mehr Meter macht als die Spieler, oder eine nicht nachrückende Hintermannschaft den Schnitt drückt?

Dann muss ich einem erfahrenerem Mann das Wort überlassen, der die Sache anders angeht und Angriffsgeschwindigkeit einfach mit überbrückter Distanz pro Sekunde Ballbesitz misst. Michael Caley hat dabei kurz gesagt herausgefunden, dass Schnellangriffe ineffizient werden, wenn sie schneller laufen als ein Spieler.
Keine Ahnung, ob es das ist, was du wissen wolltest, aber ich hoffe, ich habe meinen Gedankengang nachvollziehbar aufgezeichnet.

Ich habe selbst erst am Wochenende wieder einmal ein Hallenturnier gespielt und kann deine Überlegung bezüglich einer Korrelation zwischen Laufleistung sehr gut nachvollziehen. Aber ich würde es eher als Spielgeschwindigkeit denn als Laufleistung bezeichnen. Es gibt Gegner, die spielen ein Tempo, dass man sich permanent frei laufen und den Ball zirkulieren lassen kann. Und dann gibt es Gegner, die agieren etwas intensiver und plötzlich beginnt das Ganze zu bröckeln: die Pässe müssen schärfer gespielt werden und kommen nicht mehr an, Läufe werden intensiver und das Timing schwieriger.

Ich weiß nicht, wie ich es anders formulieren sollte, aber ich denke man ist nur in einem gewissen Intensitätsfenster effizient: höher als der Gegner reagieren kann, aber nicht höher als man selbst agieren kann.

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ode. 21. Februar 2017 um 09:02

Bezüglich der Tendenz zum Zentrumsbollwerk: In einem anderen Artikel (Bayer-SGE) habe ich kürzlich in der Kommentarspalte nachgefragt, ob die Leverkusener Fokussierung auf ein flügellastiges Aufbauspiel nicht sogar zeitgemäß und sinnvoll sei, da immer mehr Mannschaften den eigenen 6er-Raum, bzw. den Raum vor der Abwehrkette, dicht machen. Sich darin zu verbessern den Spielaufbau auf den Flügeln zu machen und von dort aus Wege hinter die 5er-Kette zu finden, scheint mir da ein probates Mittel, denn das ist ja oft der Raum, den andere Teams vernachlässigen (natürlich wird dann oft verschoben – aber ungewohnt dürfte es für diese zentrumslastigen Teams trotzdem sein). Ein Umstand, der MR im Sonderpodcast zu Bayer noch kritisch sah (und ich selber bisher auch) Aber Tobias Artikel scheint die Sinnigkeit dieser Art des Flügelaufbaus nochmal zu unterstreichen.

Würde gern mehr Meinungen dazu hören.

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tobit 21. Februar 2017 um 10:18

Es gibt halt relativ sichere, weil schwer effektiv zu pressende Räume auf den tiefen Flügeln gegen viele der 5er-Ketten. Versuchen diese ballnah den (tiefen) AV zu attackieren, öffnen sich im Normalfall entweder Räume hinter dem rausrückenden Flügelläufer oder auf der anderen Seite neben den Presse den Stürmern. Diese können dann bei passender Bewegung der Passempfänger und halbwegs guter Übersicht des gepressten AV leicht bespielt werden.
Logische Folge dessen wäre es (für mich) gegen solche Teams mit einem weit nach außen kippenden 6er oder direkt mit einem starken Aufbauspieler als AV zu agieren. Da man aber zum knacken von 5er-Ketten auch Offensive Breite braucht, sollte der ballferne AV entweder ein dribbelstarker Linienläufer, was zu einer grundsätzlichen Asymmetrie führen würde, oder ein weiterer ZM, der ballfern diagonal vorstößt und entweder Gegner nach hinten drückt oder Anspielstation für den ballfernen IV nach der Verlagerung ist, sein.

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ES 20. Februar 2017 um 23:07

Kann mir mal bitte einer den Stöger-Fussball erklären? Ich verstehe BVB und Bayern, die lassen den Ball laufen, warum sollten sie dann selber laufen? Freiburg, Ingolstadt, Leipzig kann ich auch nachvollziehen, das ist alles Intensität pur, klar, dass da Kilometer zusammenkommen, Hoffenheim und Schalke auf ihre Weise auch (mal schauen, wer am nächsten Spieltag wen in Punkto Laufleistung schlägt). Aber Köln? ist doch keine Ballbesitzmannschaft, sondern auch eine, die gegen den Ball stark, und bisweilen intensiv ist, sowie schnell umschaltet. Warum müssen die für den Tabellenplatz so wenig laufen? Was machen die richtig? Oder ist das der Modeste-Faktor, und wenn die den nicht hätten, müssten die entweder 4-6 Tabellenplätze abgeben oder 4-6 km mehr laufen pro Spiel.

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SW90 21. Februar 2017 um 01:34

Obwohl ich so ziemlich jedes Spiel unter Stöger gesehen habe, fällt die Antwort nicht leicht. Es ist womöglich ein Mix aus hervorragender Organisation, sowie schlicht den entsprechenden Spielertypen, als auch den seltenen Pressingphasen in (höheren) MF-Zonen.

Ein Grundpfeiler nach dem Aufstieg war es, die Endverteidigung zu perfektionieren. Auch in dieser Saison brauchen die Gegner viele Schüsse pro Tor. Die letzte Defensivlinie ist tief, davor spielt Stöger immer mit zwei (nicht gerade offensivaffinen) 6ern, die meist limitiert sind, aber überdurchschnittlich absichern und gut getimt (nicht hektisch) Löcher stopfen, antizipieren, ihren Job erledigen. Angriffspressing ist mittlerweile eine Waffe, jedoch netto maximal 4-5 Minuten pro Match; dann aber intensiv und urplötzlich. Stöger lässt ruhig leiten, mannorientiert anlaufen. Erst am Strafraum sprinten die Defensivakteure auch mal.

Zudem hat der FC keine Spielertypen, die sich durch Laufstärke und Pressingwucht auszeichnen. Das geschieht eher über nahezu perfekte Abstände, dem simplen, aber effektiven „Übergeben“ von Gegenspielern und viel Absicherung bzw. wenig Risikospiel bzgl. Kontern des Gegners. Überraschenderweise ist Subotic jemand, der in den letzten zwei Spielen andeutete, „Laserpässe“ und gute lange Bälle spielen zu können. Heintz, Sörensen, Maroh, Lehmann usw. können das einfach kaum bzw. sind da sehr auf Sicherheit bedacht, was meines Erachtens auch stark trainiert wird; also Konter zu vermeiden.

Wer in dieser Hinsicht nicht zuverlässig ist, hat es unter Stöger schwer. Z.B. Jojic und Nagasawa. Auch Mladenovic, der immerhin vor dem Wechsel zum FC gute CL-Partien zeigte, hatte 3-4 Auftritte, die hoffen ließen, aber im Zweifel war er überhart und (als AV) risikofreudig. Dann war er komplett raus bei Stöger.
Obwohl Modeste früh andeutete, zu einem absoluten Top-Stürmer zu reifen, hat er schon öffentlich von – dem sonst extrem ruhigen, gezielten – Stöger Watschen für fehlende Bindung im Spiel gegen den Ball bekommen. Seitdem läuft, köpft, schirmt Modeste fast genau so viel, wie einst Ujah. Durchaus mal auch im eigenen 6er-Raum oder an der Eckfahne (als Einzelspitze).

Ballbesitzphasen mehren sich aktuell, was u.a. an der krassen Steigerung von Osako, sowie dem Top-Neuzugang Höger liegt (aber natürlich auch an dem gesteigerten Selbstverständnis; völlig verrückt, dass sich Wolfsburg unter Ismael ultradefensiv im 5-3-1-1 gegen den FC verschanzte), was momentan zusätzlich zu etwas weniger Laufleistung führt.

Der FC – auch Stöger – wird hier in Podcasts und in Berichten gerne mal als Standard-Schema-F-Team in taktischer Hinsicht dargestellt. Das hat zwar einen wahren Kern, aber wie es Stöger schafft, aus dem Kader so viel Stabilität und Erfolg zu generieren, ist eigentlich mal ein Porträt bzw. eine ausführliche Analyse wert.
Aktuell fehlen Horn, Risse, Lehmann, Bittencourt, Guirassy, Rudnevs. Höger ist häufig angeschlagen, Clemens noch nicht fit. Und trotzdem packt Stöger einfach mal ein 5-2-2-1/5-2-2-2 aus und Köln dreht beinahe die Partie gegen formstarke, individuell klasse besetzte Schalker.

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Petra 21. Februar 2017 um 18:09

Ziemlich gut getroffen aus meiner Sicht. Allerdings finde ich, dass Hector und Höger momentan ein unheimlich starkes 6er-Pärchen sind, auch im Ballbesitz. Gerade Hector hat sich nochmal enorm gesteigert und verliert auch unter Druck fast keinen Ball im Zentrum. Dadurch kommt Köln auch aus längeren Ballbesitzphasen heraus mal zu Abschlüssen, was in der ersten Saison nach dem Aufstieg fast undenkbar war. Da ging’s wirklich nur auf Konter.

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August Bebel 21. Februar 2017 um 18:44

Ich hab auch fast jedes FC-Spiel der letzten Jahre gesehen und kann mich dem vollumfänglich anschließen, tolle Beschreibung!
„wie es Stöger schafft, aus dem Kader so viel Stabilität und Erfolg zu generieren, ist eigentlich mal ein Porträt bzw. eine ausführliche Analyse wert.“ Ich denke, da spielen auch einige Faktoren eine Rolle, die mittels Taktikanalyse nicht so einfach erfasst werden können, Zusammenhalt, Motivation usw.
Und Osako ist momentan wirklich bärenstark, nur um das noch mal hervorzuheben.

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ES 21. Februar 2017 um 10:52

Danke für die Erläuterung. Am Ende geht es darum, Tore zu schießen und Tore zu verhindern. Eine gute Endverteidigung und eine große Effizienz vorne sind dann die halbe Miete. Schalke unter Keller hat ja gezeigt, das man alleine damit in Maßen erfolgreich sein kann, wenn man die individuelle Qualität hat. Wie ich verstehe, wird bei Köln die mangelnde individuelle Qualität (zumindest in der Breite) ausgeglichen durch gute Organisator, taktische Flexibilität und gelegentliches hohes Pressing.

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TE 21. Februar 2017 um 15:15

Das Interessante an Kölns Laufstatistik ist, dass sie ständig Spiele mit geringer Laufleistung produzieren – aber nicht nur auf ihrer, sondern auf beiden Seiten. Durchschnittlich laufen die Gegner 112km gegen Köln, das ist der zweitniedrigste Wert der Liga nach Darmstadt. Erklärt sich aus meiner Sicht aus der taktisch eher „ruhigen“ Spielweise, die auf beiden Seiten durchaus auch mal Leerlauf produziert. Köln gelingt es ja sowohl im Mittelfeldpressing als auch im manchmal eher behäbigen Aufbauspiels sehr gut, das Tempo aus der Partie zu nehmen. Das als kleine Erläuterung zu der Laufstatistik.

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ES 21. Februar 2017 um 16:22

Danke für die Info. Wenn es einer Mannschaft gelingt, dem Spiel den eigenen Stempel aufzurücken (hier: „ruhige“ Spielweise), dann hat sie schon ein Teilziel erreicht. Interessant: HSV unter Gisdol versucht gerade das Gegenteil, nämlich Unruhe und Chaos ins Spiel zu bringen. Soll mal einer sagen, die BL wäre nicht taktisch interessant und vielseitig.

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Thomasmags 20. Februar 2017 um 16:59

Schreibe jetzt aus der Sicht eines Schalkers. Man muss bei der Statistik vielleicht auch berücksichtigen ,wer jetzt genau in der Mannschaft den Kilometerüberschuss verursacht. Das sind in unserem Falle vor allem die beiden absoluten Pferdelungen Schöpf und Kolasinac, die einerseits hinten verteidigen, aber auch vorne jeden Angriff bis zur Grundlinie mitgehen. Ohne die beiden würde das Ganze System auch vermutlich nicht ansatzweise so gut (defensiv) funktionieren.

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Koom 20. Februar 2017 um 15:08

Eine Statistik ist natürlich immer für Interpretationen da. Freiburg, Leipzig, Ingolstadt, Schalke und Hoffenheim hast du als Teams genannt, die besonders häufig mehr laufen als der Gegner. Abgesehen von Schalke „überperformen“ diese aber auch, wobei das bei Ingolstadt natürlich strittig ist und der Tabellenplatz auch dem sehr schlechten Start unter Kauczinski zu „verdanken“ ist. Mein Schluss daraus: Hohe Laufleistung kann individuelle Schwächen kompensieren. Gerade Leipzig: Nichts gegen deren Kader, der ist schick. Aber auch nicht so überragend, als das man damit nur 5 Punkte hinter den Bayern auf Platz 2 stehen müsste.

Laufleistung ist nicht DIE Wahrheit im Fußball, aber durchaus ein Faktor, der in der Entscheidung Sieg oder Niederlage mitspielt.

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felixander 20. Februar 2017 um 14:55

Das Schlüsselwort zur Laufstatistik hast du selbst genannt: „lauffaul“.
So kann man ein merkwürdigen Softskill-Konstrukt mit Zahlen unterfüttern – perfekt für den Doppelpass und das deutsche „Körpersprache“-Publikum.

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