4-1-1-2-2 als Antwort auf ein 5-2-2-1

0:2

Merkwürdiger Fußball in einem sehr merkwürdigen System. Wir ignorieren das Ergebnis und beleuchten eine innovative Idee des Frankfurter Trainerstabs.

Der überraschende Sieg der Ingolstädter gegen Frankfurt war aus taktischer Sicht irgendwo sehr interessant und dann wieder doch so gar Eintracht vs Ingolstadtnicht: Dass die Schanzer die drei Punkte holten war vor allem das Ergebnis einer dümmlichen, misslungenen Klärungsaktion von Abraham, die zum Platzverweis und 45 Minuten Unterzahl für Frankfurt führte (#ZeitstrafeJetzt). Die 33 Minuten davor waren nicht direkt attraktiv, aber dafür umso kurioser.

Die besten Hits der 80er, 90er und von heute

Der Ansatz von Ingolstadt und Frankfurt ähnelt sich einigermaßen: Beide agieren mit einer sehr eng gestaffelten Offensive und einer breiten Fünferkette hinten, versuchen aus der Grundordnung sehr aggressiv zu pressen und nutzen dafür viele Mannorientierungen. Zudem sind beide Mannschaften ziemlich laufstark und hauen viele Bälle in die Spitze rein.

Was daraus entstand war ein Spiel mit wenig Breite und sehr, sehr viel Tiefe, wo immer wieder manngedeckt wurde, das dann aber auch immer wieder beendet wurde. Die Grundstaffelungen sahen bei zentraler Ballposition sehr nach 90er-Fußball aus. Das Verschieben zum Ball war aber deutlich organisierter und intensiver als früher. So gab es immer nur kurzzeitig Räume und kleinere Räume. Zudem war das Aufbauspiel auf Frankfurter Seite strukturierter.

1-2-1-4-2 im Aufbau

Wie dieses Aufbauspiel strukturiert war, ist dabei sehr erwähnenswert und schon ein kleiner Teaser auf das noch merkwürdigere Defensivsystem. Frankfurt agierte quasi mit zwei defensiven Mittelfeld-Linien: Sie platzierten Hasebe vor den Innenverteidigern. Dann Mascarell zentral davor. Und dann kam das restliche Mittelfeld. Am vergleichbarsten ist das wohl mit einem 3-5-2, bei dem
die Halbverteidiger nach hinten zurückfallen, um eine Reihe mit dem Torwart zu bilden.

Das Frankfurter Aufbauspiel: Ein Sechser, ein Achter, zwei Zehner. Merkwürdig, aber eigentlich eine sehr schöne Struktur gegen ein Angriffspressing. Rauten und Dreiecke in alle Richtungen.

Das Frankfurter Aufbauspiel: Ein Sechser, ein Achter, zwei Zehner. Merkwürdig, aber eigentlich eine sehr schöne Struktur gegen ein Angriffspressing. Rauten und Dreiecke in alle Richtungen.

Gegen das 5-2-2-1-Pressing der Ingolstädter ist das eine ziemlich logische Idee: In einer Dreierkette hat man gegen das 2-1 des Gegners das Problem, dass die Verbindungen innerhalb der Kette und die zum Sechser so zu kappen sind. Ballnaher Zehner und Stürmer können Druck machen und Deckungsschatten werfen, der vom ballfernen Zehner auch noch stabilisiert wird. Hat man hingegen nur zwei Innenverteidiger, ist man in klarer Überzahl gegen den Stürmer, hat eine zusätzliche Anspielstation im Rücken der Zehner und Ingolstadt muss sich was anderes einfallen lassen.

Dazu konnten Rebic und Barkok aus den vorgeschobenen Halbpositionen theoretisch die Mannorientierungen der Ingolstädter Abwehrreihe bestrafen. Wenn Ingolstadts Außenverteidiger sich breit und mannorientiert verhielten, hätten sie vorstoßen können und damit 4-gegen-3 (oder lokal 2-gegen-1) herstellen können. Praktisch gestaltete sich das wegen der enormen Tiefe dann etwas unpraktisch (der Weg in die Spitze war einfach sehr weit), wurde aber zumindest angedeutet; vor allem bei einer Riesenchance durch einen Konter, als Hasebe hervorragend durch’s Mittelfeldzentrum dribbelte und dann Rebic frei schicken konnte.

Hauptsächlich scheiterte dieser Ansatz daran, dass Frankfurt unter dem Ingolstädter Druck keine so guten Pässe nach vorne zustande bekam. Zunächst waren es in den ersten 30 Minuten ohnehin nicht so viele Frankfurter Aufbauszenen. In diesen reagierte Ingolstadt teilweise einfach sehr passiv, teilweise extremst aggressiv manndeckend. Ein Mal schoben beide Sechser und ein Außenverteidiger bis ins Angriffsdrittel vor, während Meier und Seferovic völlig ungeschützt 2-gegen-2 verteidigt wurden. Der lange Ball nach vorne kam dann aber schlichtweg nicht weit genug. Ein anderer Ball von Hasebe kam in ähnlicher Situation nicht weit genug. Schwer vorstellbar, dass Ingolstadts Manndeckungen auch 90 Minuten gegen elf durchgehalten hätten.

Frankfurts Pressing in einem 4-1-1-2-2 (?)

Die ungewöhnliche Struktur mit drei Mittelfeldlinien deuteten die Frankfurter unorthodoxerweise auch im Spiel gegen den Ball an. An den meisten Stellen wird ihr System als 4-4-2 geführt, doch Barkok und Rebic verhielten sich nicht wie Flügelspieler gegen den Ball. Vereinzelt sah das System nach einem 4-3-3 aus, wenn Rebic nach vorne schob. Generell wirkte es aber so, als ob sich die beiden vermeintlichen Flügelstürmer und Mascarell – wie üblich – als Dreieck im Mittelfeld organisierten.

Das Mittelfelddreieck wird recht klar, außerdem die seltsamen Rollen der Frankfurter Außenverteidiger, die sich hauptsächlich an den gegnerischen Außenverteidigern orientierte. Hasebes Rolle oder Position? Schwer zu sagen - Libero im Mittelfeld?

Das Mittelfelddreieck wird recht klar, außerdem die seltsamen Rollen der Frankfurter Außenverteidiger, die sich hauptsächlich an den gegnerischen Außenverteidigern orientierte. Hasebes Rolle oder Position? Schwer zu sagen – Libero im Mittelfeld?

Die Verbindung von Hasebe zu diesem Dreieck war nun etwas schwierig zu dechiffrieren. In den 4-3-3-Szenen schien er ein relativ normaler Sechser hinter den Achtern Mascarell und Barkok. Recht häufig bildete er auch eine Doppelsechs mit Mascarell. Diese verhielt sich aber meist nicht wie eine Doppelsechs, sondern Hasebe agierte quasi als Libero, der die Abwehr schützte und vereinzelt Spieler aufnahm, während Mascarell sich wie ein alleiniger Sechser bewegte. Vereinzelt kreuzte Mascarell sogar vor Hasebe während einer Abwehrszene.

Dabei nutzte Frankfurt natürlich wie üblich viele (temporäre) Manndeckungen im Mittelfeld, was die positionelle Organisierung nochmals stark verzerrte. Außerdem schien Kovac nach dem 0:1 auf die übliche Fünferkette umzustellen, Hasebe bewegte sich dann also zumindest gegen den Ball in der Abwehrreihe. Diese Umstellung blieb aber wegen der roten Karte nur wenige Minuten aktiv. Alles bisschen konfus.

Jedenfalls waren Frankfurts Organisation und die daraus resultierenden Staffelungen ziemlich interessant. Die zentralen Räume vor der Abwehr konnten sehr unterschiedlich geschlossen werden. Durch die autonome Organisation der beiden Sechser konnte Frankfurt noch mehr Spieler in Ballnähe bringen; ein bisschen wie der RB-Stil, dabei individueller und flexibler, aber dafür weniger sauber in der Raumkontrolle.

Da Barkok (naturgemäß) defensiver agierte als Rebic entstand dazu eine Asymmetrie, woraus sich potentiell eine gute Anpassungsfähigkeit ergab. Wegen der starken Mannorientierungen konnte dieses Potential aber nicht ganz entfaltet werden. Als Mischvariante zwischen 4-2-2-2, 4-2-4 und 4-1-3-2 ist diese Art der Organisation in bestimmten Situationen wohl interessant, um mit viel Tiefe verteidigen zu können, aber dennoch kompakt die gegnerischen Außenverteidiger zu attackieren. Gerade gegen Mannschaften, die viel über die Außenverteidiger und mit langen Bällen agieren, würde das Sinn ergeben.

Pro und Contra

Am spannendsten daran ist wohl die Idee, zwei Spieler in der gleichen Reihe in unterschiedlichen Ketten zu organisieren. Dass also eine Doppelsechs – oder auch zwei Zehner oder zwei Innenverteidiger o.ä. – sich nicht primär aneinander orientieren, sondern beispielsweise einer zum Mannschaftsteil davor und der andere Spieler nach hinten oder seitlich. Das könnte gerade auf niedrigerem Level bei Kompaktheitsschwächen eine nette Lösung sein, um einerseits hinter den ballnahen Pressingspieler zu untersützten, andererseits aber nicht zu flach und passiv zu stehen, falls der Pressingblock überspielt wird. Wenn man also schon ein „broken team“ ist, dann könnte man das mit dieser Organisation ganz gut kompensieren.

Gleichzeitig ist diese Art der Organisation aber auch „unlogisch“, weil die Bewegung zum Ball ineffizienter und die gegenseitige Unterstützung komplexer wird. Daher war die Partie zwischen Frankfurt und Ingolstadt auch so zerfahren. Frankfurt fehlte die strukturelle Klarheit im Umschalten und die Sauberkeit in der Raumkontrolle, um zweite Bälle stabil zu gewinnen. Man kann also nicht unbedingt sagen, dass diese taktische Variante hier wirklich funktioniert hat – unabhängig vom Ergebnis und der roten Karte. Aber ist auf jeden Fall interessant genug, um mal drüber nachzudenken und davon zu lernen.

MH 21. Februar 2017 um 16:20

oder im extremfall als 5-0-5 mit flexiblen anpassungen 😉

aus meiner sicht war die rolle von hasebe diesmal eher unvorteilhaft ggü sonst in der dreierkette im spielaufbau. im stadion sah es schon so aus, dass ingolstadt meist mit zwei stürmern presste, häufiger leckie, seltener gross. und davor hätte ja „echte“ doppelsechs gut gepasst

und die asymmetrie vorne bestand ja nicht nur in der tieferen position von barkok, sondern dieser war auch zentraler. da seferovic ebenfalls wenig auswich, war der rechte flügel oft verwaist und somit sehr ausrechenbar

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DrKlenk 20. Februar 2017 um 21:14

Erinnert mich von der Idee ein bisschen an Atléticos zickzack Mittelfeld. Die hatten ja manchmal in ihrem 4er Mittelfeld den ersten und dritten Spieler hoch, den zweiten und vierten tief. Dadurch potentiell besseren zugriff auf mehr Raum und auch unterschiedliche Sichtfelder. Und eben vor allem bessere Absicherung, wenn eine Linie überspielt wurde, wie auch bei Frankfurt. Was bei Atlético dann besser war mMn(Überraschung bei einem Simone-Team), war die Intensität und das individuelle Bewusstsein der Spieler, wie sie anzulaufen hatten, welche Räume geschlossen werden mussten, und wann man Zugriff erzeugen konnte.

Oder sehe ich da Dinge, wo keine sind, MR?

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