Kanadas WM-Aus gegen England

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Mit 2:1 verlor Kanada am Sonntag gegen England und ist damit aus dem laufenden WM-Turnier ausgeschieden. Dabei wäre für die Mannschaft von Trainer John Herdman gegen im ersten Durchgang taktisch unterlegene Engländerinnen mehr möglich gewesen.

  • Kanada startete gegen im Pressing zugriffslos agierende Engländerinnen gut in die Partie und nutzte in der Offensive vor allem diverse Rochademechanismen auf dem rechten Flügel, um zu Torchancen zu kommen. 
  • Die Engländerinnen hatten nicht nur gegen, sondern auch mit dem Ball Probleme: Die zu schnell vorgetragenen Umschaltaktionen führten dazu, dass sich die Engländerinnen gegen Kanadas gegnerorientierte Spielweise im Zentrum immer wieder selbst am Flügel isolierten oder Angriffe in Unterzahl zu Ende spielen mussten. Trotzdem erzielten sie in der elften und vierzehnten Minute im Anschluss an einen individuellen Abwehrfehler und eine Standardsituation zwei Treffer.
  • Bis zur Pause erzeugte Kanada vor allem über eine erhöhte personelle Präsenz Gefahr in der Offensive und wurde mit dem Anschlusstreffer belohnt.
  • Im zweiten Durchgang änderte England Abläufe und Intensität im Pressing, womit die Kanadierinnen Probleme hatten. Diese passten ab etwa der 70. Minute die Aufbaumuster an, konnten letztlich aber keinen weiteren Treffer mehr erzielen.

Kanadas Offensivvortrag: Rechtsfokus und Kreiselrochaden auf dem Flügel

Anfangsaufstellungen und Offensivmuster

Anfangsaufstellungen und Offensivmuster

Prägend für das Spiel der WM-Gastgeberinnen war der starke Rechtsfokus, den die Kanadierinnen von Anfang an nutzten. Aus einer flachen Aufbauformation, in der beide Außenverteidigerinnen tief agierten, versuchten vor allem Buchanan und Wilkinson mit Zuspielen über mehrere Linien Mitspielerinnen im Zwischenlinienraum zu erreichen. Dabei nutzte Buchanan vornehmlich lange Vertikalbälle, die sie zwischen der Mittelfeldkette der englischen 4-1-4-1-Grundordnung hindurchspielte. Wilkinson bediente mit ihren Zuspielen zumeist Sinclair oder Belanger, die in den entsprechenden Situationen aus dem Sturmzentrum horizontal zum rechten Flügel heraus rochierte, während Sinclair dafür zur Mitte einrückte. Prinzipiell agierten beide relativ frei in ihrem Bewegungsspiel, während die rechte Achterin Schmidt für raumöffnende oder balancierende Läufe verantwortlich war.

Auf der linken Seite fungierten Tancredi auf der Außenbahn und Lawrence auf der Achterposition als Gegenpol zum rechten Flügel. Während Tancredi selten einrückte, und wenn dann in die vorderste Linie nachschob, glich Lawrence diese Bewegungen aus, indem sie selbst auf den Flügel driftete.

Nach den beiden Toren veränderten die Kanadierinnen ihre Offensivmuster etwas. Ab der 15. Minute versuchten die Gastgeberin eine erhöhte Durchschlagskraft über eine größere personelle Präsenz im zweiten und letzten Drittel herzustellen. So agierten z.B. beide Außenverteidigerinnen schon im Aufbau höher, was Tancredi und Sinclair ein frühzeitiges Einrücken in die Mitte ermöglichte. Schmidt nutzte den Raum hinter Wilkinson, um von dort aus spielerischen Einfluss auf das eigene Aufbauspiel zu nehmen, indem sie die beiden Innenverteidigerinnen von diesen Aufgaben entband.

Trotzdem gelang es den Kanadierinnen auch jetzt nicht, über kurze Zirkulationsphasen passende Situationen zu kreieren, an die man ein gut vorbereitetes Aufrücken ins zweite Drittel anschließen hätte können. Positionierungsmängeln in den ersten Linien geschuldet, entwickelte sich keine sichere Ballzirkulation.

Ein weiterer Nachteil, der so auch schon vor den beiden Treffern zu beobachten war, war die Tatsache, dass die Kanadierinnen selten in zentrale Räume eindringen konnten. Zu häufig bedienten sie sich freier Zonen am Flügel, von wo aus meist nur Flankenbälle zur Mitte möglich waren. In diesem Kontext wäre ein aktiveres und eventuell stark raumgreifendes Verhalten von Buchanan und Sesselmann eine sinnvolle Alternative im Aufbauspiel gewesen, deren Folgewirkungen sich vermutlich sehr positiv ausgewirkt hätten.

England: Mängel im Pressing und Verbindungsprobleme in der Offensive

Die Engländerinnen reduzierten ihr Spiel in der Offensive vor allem auf schnelle Umschaltaktionen nach Ballgewinn und operierten schon aus dem Aufbauspiel heraus mit langen Bällen, ohne eine vorbereitende Ballzirkulation zu nutzen. Dabei war Stürmerin Taylor die zentrale Zielspielerin, die vor allem Zuspiele aus der Innenverteidigung erhielt. Hier waren es Basset und Houghton, die diesbezüglich im Aufbau die Hauptaufgabe übernahmen, während Williams weniger involviert war. Unterstützung erhielt das Aufbauspiel zum einen durch die beiden tiefen Außenverteidigerinnen Rafferty und Bronze, zum anderen durch die hängender als Chapman agierende linke Achterin Moore. Durch die unterschiedlichen Spielweisen der beiden entstanden aus der 4-1-4-1-Grundordnung der Engländerinnen oftmals 4-2-3-1-Staffelungen. Carney und Scott auf den Flügeln agierten zu diesen Grundmustern im Zentrum leicht eingerückt und linear.

In der Defensive nutzten die Engländerinnen die gewohnte 4-1-4-1-Grundordnung, in der sich die Asymmetrie auf den beiden Achterpositionen ebenfalls zeigte. Durch ein verstärktes Zurückfallen Moores neben Williams, die den Raum vor der eigenen Viererkette läuferisch allein nicht hätte kontrollieren können, sowie ein häufiges Aufrücken Chapmans, die sich an Kanadas Sechserin Scott orientierte, entstanden 4-2-3-1- und sogar 4-4-2-Staffelungen. Weil diese eigentlich intelligenten Umformbewegungen innerhalb der Formation wenig dynamisch erfolgten, entwickelten sie nicht den gewünschten Zugriff der Engländerinnen im Pressing. Stattdessen führten sie dazu, dass es gerade auf der starken kanadischen Seite zu mangelnden Kompaktheiten im Halbraum kam, und England die meisten Angriffe über die reine Strafraumverteidigung verteidigen musste.

Problematisch daran: Bei Umschaltaktionen oder Kontern nach Ballgewinnen dauerte es extrem lange, bis der Rest der Mannschaft Anschluss an die Offensivspielerinnen der vordersten Linie gefunden hatte. Diese mussten Angriffe so entweder verschleppen oder in Unterzahl zu Ende spielen.

Die Raute als Form des 4-3-3 in der Defensive: Ülülü!

Ein weiterer Punkt, wieso England über weite Phasen der Partie in der Offensive nicht ins Spiel kam, war die intelligente Anpassung der kanadischen 4-3-3-Grundordnung an Englands Aufbaumuster. In dieser waren die beiden kanadischen Flügelspielerinnen den englischen Innenverteidigerinnen zugeordnet, während Belanger tiefer agierte, sodass sich in der Regel 4-3-1-2-Staffelungen ergaben.

Diese schematische Grundordnung ermöglichte es den Kanadierinnen im Zentrum vollständig gegnerorientiert zu verteidigen, wobei man mit Scott vor der Abwehr noch eine zusätzliche freie Spielerin hatte. Nach Anspielen auf die Außenverteidigerinnen Rafferty und Bronze aus der Innenverteidigung konnten Sinclair und Tancredi diese unter Druck setzen und in der Mitte war ein situatives und individuelles Nachrücken der Achter möglich, während Scott sich als liberohafte Akteurin entweder raum-, passweg- oder gegnerorientiert verhalten konnte.

Nach der Pause: England stark verbessert im Pressing

Mit dem Beginn des zweiten Durchgangs agierten die Engländerinnen stark verändert, was die Intensität und die Abläufe im Pressing anging. In der nun als 4-4-1-1-Grundordnung interpretierten 4-1-4-1-Formation lief Stürmerin Taylor bereits die kanadischen Innenverteidiger an, während Chapman nach vorne gerückt agierte und hinter Taylor den zentralen Sechserraum belegte. Und auch die Flügelspielerinnen zeigten sich aggressiver: Sobald eine der beiden Außenverteidigerinnen, oder auf der rechten kanadischen Aufbauseite auch Schmidt, angespielt wurde, rückten sowohl Carney, als auch Scott aus der Formation heraus. Weil Taylor und Chapman Wechselbälle über die Innenverteidigung und den Sechserraum zustellten, konnte die restliche Mittelfeldkette zur Ballseite verschieben und so über kleine horizontale Abstände flache Vertikalpässe in die Tiefe verhindern.

Kanada versuchte die veränderte Gangart der Engländerinnen im Pressing in den ersten Minuten über Chipbälle in die vorderste Linie zu überspielen. Im Kampf um zweite Bälle verloren die Gastgeberinnen einen Großteil dieser Zuspiele allerdings wieder. Herdman brachte deshalb um die 70. Minute neben Matheson auch Leon und Kyle für Tancredi, Wilkinson und Scott in die Partie. Während Kyle Scott auf der Sechserposition positionsgetreu ersetzte, rückte Leon auf den rechten Flügel, Sinclair wechselte auf die linke Seite, Belanger nahm die Position der rechten Verteidigerin ein und Matheson spielte im Sturmzentrum als bewegliche Angreiferin.

Im Aufbau kippte Kyle nun durchgehend ab und ermöglichte den beiden Innenverteidigerinnen weite Läufe in die Räume neben Taylor und Chapman. Insgesamt funktionierte die neue Marschroute, bei der u.a. Matheson als Zielspielerin im Zwischenlinienraum agierte, passabel, weil sie zum einen zwar die größten Probleme im Aufbau behob, zum anderen aber keine Verbesserungen bezüglich des Herausspielens von Torchancen brachte. Die gab es auch nicht, als Kanada für die letzten Minuten alles nach vorne warf und sogar Buchanan mit ins Sturmzentrum rückte.

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