Dominantes Frankreich besiegt pressingschwaches England knapp

FRA1:0England

Durch den Treffer von Stürmerin Le Sommer gewannen Frankreich zum Auftakt der Gruppe F mit 1:0 gegen England. Weil die „Three Lions“ durch die mannorientierte Spielweise wenig Dynamik im Spiel gegen den Ball erzeugen konnten, gelang es den „Les Bleus“ weite Strecken des Spiels über das eigene Ballbesitzspiel und das auf Kompaktheit bedachte Pressing zu kontrollieren.

Französischer Rechtsfokus und Ballbesitz im ersten Drittel

Anfangsaufstellungen und ungefähre Offensivabläufe beider Teams

Anfangsaufstellungen und ungefähre Offensivabläufe beider Teams

Vor allem zu Beginn der Partie, aber auch in späteren Phasen des Spiels, nutzten die Französinnen einen verstärkten Rechtsfokus. In der 4-4-2-/4-2-3-1-Grundordnung gab es mit Thomis und Necib auf den beiden Flügeln zwei Akteurinnen, die ihre Rollen gänzlich unterschiedlich ausfüllten. Während Thomis in der Regel breit und linear agierte und allenfalls in Situationen einrückte, in denen sie durch Vertikalpässe im Zwischenlinienraum anspielbar war, orientierte sich Necib bereits frühzeitig in Richtung Zehnerraum, um dort die formative Lücke der Formation zu besetzen.

Entsprechend unterschiedlich agierten auch Houara und Boulleau auf den beiden Außenpositionen der Viererkette. Während die Linksverteidigerin Boulleau oftmals weit mit aufrückte, um die Breite im zweiten Drittel herzustellen, nutzte die Rechtsverteidigerin Houara eine tiefere Grundposition, um an der Ballzirkulation im ersten Drittel teilzunehmen.

Auch Abily und Henry auf der Doppelsechs beteiligten sich am Aufbauspiel. Während Abily hin und wieder zwischen Renard und Georges bis in die Innenverteidigung abkippte, orientierte sich Henry vermehrt in den Halbraum und versuchte über einfache Dreieckbildung mit Houara und Thomis Anbindungen nach vorne herzustellen. Insgesamt nahmen die beiden Sechserinnen aber häufig schlechte Positionierungen im Raum ein, agierten zu tief und blockierten so Räume, in die Innenverteidigerinnen hätten aufrücken können.

Im Sturm spielte mit Le Sommer eine auf das Sturmzentrum fokussierte Spitze, die sich in Aufbausituationen aber in den halbrechten Zwischenlinienraum zurückfallen ließ, um dort nach Vertikalbällen anspielbar zu sein. Thiney, die als zweite, leicht hängende Stürmerin auflief, rückte in diesen Situationen nach vorne, belegte die Viererkette und beteiligte sich ansonsten an den Überladungen des rechten Flügels oder diente gemeinsam mit Le Sommer als Raumblockerin.

Englands Dynamik- und Kompaktheitsprobleme in der Defensive

Eines der Hauptprobleme, warum die Engländerinnen über die komplette Spielzeit kaum in die Partie fanden, war der fehlende Zugriff im Pressing. Die 4-1-4-1-Grundordnung, die als Mittelfeldpressing ohne große Rhythmuswechsel interpretiert wurde, entwickelte durch die klare Zuordnung von Chapman sowie Scott zu Abily und Henry keine Dynamik. Weil Stürmerin Aluko in der Regel zu tief agierte, konnte sie durch ihre Anlaufbewegungen kein wirksames leitendes Element erzeugen, das die beiden Achterinnen hätten aufgreifen können, um aus der Formation herauszurücken. Zudem orientierte sich Williams auf der Sechs vor allem zu Beginn der Partie im Pressing stark an der eigenen Viererkette, in die sie teilweise zurückfiel und blieb so in frühen Pressingphasen wirkungslos.

In der Folge verhinderten die klaren Mannorientierungen der Engländerinnen, dass Frankreich den Ball effektiv in zentralen Zonen zirkulieren lassen konnte, erzeugten aber wegen der daraus resultierenden starken vertikalen Streckung große Räume hinter dem ersten Pressingwall. Bei den situativen 4-1-3-2-Staffelungen, die dadurch entstanden, weil White nach Henrys Abkippen weit aus der eigentlichen Formation herausrückte, verstärkte sich dieser Effekt noch. Insgesamt spielte die eigentlich zu tiefe Grundposition der französischen Sechserinnen den „Les Bleus“ sogar in die Karten, weil dadurch Chapman und White weiter nach vorne gelockt wurden.

Leicht übertriebene Darstellung von Englands Pressing gegen Frankreichs Aufbauspiel: Durch den hohen Grad an Mannorientierungen der Engländer geht deren Kompaktheit verloren und vor allem im zweiten Drittel ergeben sich große Räume neben Williams.

Leicht übertriebene Darstellung von Englands Problemen im Pressing gegen Frankreichs Aufbauspiel: Durch den hohen Grad an Mannorientierungen der Engländer geht deren Kompaktheit in der Zentrale verloren und vor allem im zweiten Drittel ergeben sich große Räume neben Williams.

Englands Aufbauproblematik gegen Frankreichs 4-4-2-Mittelfeldpressing

Auch im Aufbauspiel fanden die Engländerinnen auf die von den Französinnen gestellten Fragen keine Antwort. Diese agierten in einem tiefen 4-4-2-Mittelfeldpressing, das in der ersten Halbzeit sehr passiv und auf Kompaktheit um den Sechserraum bedacht war.

Thiney und Le Sommer spielten nahe aneinander und fokussierten sich darauf, keine Schnittstellenpässe zwischen sich zuzulassen. Im Mittelfeldband orientierten sich Henry und Abily an Chapman und White. Necib und Thomis sicherten zunächst den inneren Passweg in einer leicht nach vorne geschobenen und engen Position, um anschließend zum Flügel rücken zu können.

England reagierte auf diese Spielweise der Französinnen so, als dass Williams konsequent zwischen Bassett und Houghton abkippte. Weil Rafferty und Scott auf den Außenverteidigerpositionen diese Situationen allerdings nicht zum Aufrücken ins zweite Drittel nutzten, konnten auch die beiden Innenverteidigerinnen nicht in flügelnahe Räume schieben, sodass sich bei den Engländerinnen schon im Aufbau viel zu flache 5-2-2-1-Staffelungen ergaben. Eine druckvolle Ballzirkulation im ersten Drittel, an deren Anschluss man über Vertikalbälle in den Halbräumen in die Übergangszone vom zweiten ins letzte Drittel hätte kommen können, kam so nicht zustande.

Keine Änderungen zur zweiten Halbzeit

Ohne Wechsel zur Pause änderte sich im zweiten Durchgang wenig. Frankreich nutzte die Minuten nach der Halbzeit, um aus der 4-4-2-Grundordnung höher zu pressen. Situative 4-3-3-Staffelungen am Flügel, die durch das Aufrücken der ballnahen Flügelspielerin auf die Höhe der beiden Stürmerinnen zustande kamen, bereiteten den Engländern große Probleme und führten zu mehreren Ballgewinnen der Französinnen. Im Aufbauspiel blieben die grundsätzlichen Abläufe ebenfalls gleich, Frankreich versuchte aber nun von dort direkter in die vorderste Linie zu spielen und so die Räume neben Williams bewusster zu nutzen. England blieb weiterhin ohne Zugriff im Pressing, änderte nichts an den Abläufen im Aufbauspiel und konnte so keine Verbesserungen verzeichnen.

Fazit

58% Ballbesitz und 9:1-Torschüsse allein in der ersten Halbzeit sprachen eine deutliche Sprache für die Französinnen, die vollkommen verdient gegen unterlegene Engländerinnen gewannen. Gute Ansätze im Spielaufbau und im Pressing reichten aus, um die Mannschaft der „Three Lions“ zu kontrollieren.

Bei den Engländerinnen wirkte sich deren taktische Unterlegenheit klar zu ihren eigenen Ungunsten aus. Nichtsdestotrotz ist die Mannschaft aufgrund der deutlich höheren individuellen Qualität im Vergleich zu Kolumbien und Mexico, den beiden anderen Mannschaften in der Gruppe, deutlich stärker einzuschätzen und weiterhin der zweite klare Favorit auf den Einzug in die KO-Phase.

JV 11. Juni 2015 um 14:25

Ich glaube, es sind die „Three Lions“ gemeint.
Zumindest als Name für das englische Team ist Lyon der falsche Ansatzpunkt…

Oder verpasse ich einen tollen Insider?

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HW 11. Juni 2015 um 14:20

@RT Das soll sicher lionesses im letzten Absatz heißen.

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PG 11. Juni 2015 um 14:15

Wie ist bei Frauen überhaupt eine „mannorientierte Spielweise“ möglich? (kleiner Scherz am Rande 😉
Ich wollte nur mal Danke sagen, mit der Analyse der Frauenmannschaften hab ich auch in der Sommerpause immer interessante Artikel zu lesen. Macht weiter so 😀

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HW 11. Juni 2015 um 14:10

Bei 24 Teilnehmern werden auch viele Drittplatzierter in die KO-Phase einziehen, daher wird England die Vorrunde wohl überstehen. Trotzdem haben die Engländerinnen ähnlich Probleme wie ihre Männer. Eine falsche Selbsteinschätzung oder eine falsche Einschätzung in den Medien und klare taktische Defizite im Mannschaftsspiel. Man scheint sich in England in der Nationalelf vorrangig auf den kleinsten taktischen Nenner zu einigen.Warum können die sonst kein kompaktes Pressing aufbieten und haben Probleme im Aufbauspiel?

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