Kolumbien – Elfenbeinküste 2:1

Intensiver Wahnsinn gegen wahnsinnige Intensität – doch letztlich entscheiden ganz rationale Entscheidungen von José Pekerman die Partie zwischen Kolumbien und der Elfenbeinküste.

Nachdem Kolumbien im ersten Spiel den unkreativen Griechen eiskalt das Spiel überließ, war die Gegneranpassung in der zweiten Partie eher taktischer als strategischer Natur, dabei aber ähnlich effizient. Die Ivorer konnten indes wie gegen Japan über weite Phasen ihren aggressiven Rhythmus durchdrücken, doch fehlten ihnen gegen die besser angepassten Kolumbianer die spielerischen Mittel und die defensive Stabilität.

Manndeckung auf Yaya Touré zündet

Das Schlüsselelement des Spiels, vor allem im ersten Durchgang, war dabei die Manndeckung von Carlos Sánchez auf Yaya Touré. Wenn sich der durchschlagskräftige Mittelfeldmotor im Raum vor der gegnerischen Abwehr bewegte, klebte Sánchez an ihm. Angesichts der unheimlichen individuellen Fähigkeiten Tourés ist eine Manndeckung gegen ihn auf den ersten Blick eine völlig bescheuerte Idee, denn niemand will gegen den Kerl Zweikämpfe führen. Allerdings entstanden diese Zweikämpfe auch kaum. Durch die raumorientierte Umgebung führte die Manndeckung dazu, dass Touré schlichtweg nicht angespielt wurde.

Bei Ballbesitz der Elfenbeinküste.

Bei Ballbesitz der Elfenbeinküste.

Dadurch fehlte der ivorischen Offensive der entscheidende Fixpunkt für das Vorwärtsspiel im Zentrum. Touré reagierte darauf nicht mit raumschaffenden Ausweichbewegungen, um seinen Manndecker aus der Zone zu ziehen; dafür ist seine Dominanz innerhalb der ivorischen Mannschaft wohl auch zu hoch. So war der Raum, wo sich Touré befand eine tote Zone im Spiel der Ivorer. Bei Tourés gelegentlichen Rückfallbewegungen ins defensive Mittelfeld ließ Sánchez ihn laufen, doch fehlte der Elfenbeinküste in diesen Situationen die Anbindung nach vorne.

Auf die mannorientierte Kontrolle des Sechserraums reagierten Aguilar und Rodriguez häufig, indem sie in eine Doppelacht schoben, sodass sich situativ 4-1-4-1 (oder gar breite 4-3-2-1) Staffelungen ergaben. Dadurch hatten sie die potentiell offenen Halbräume neben Sánchez im Deckungsschatten und verhinderten Aufrückbewegungen von Tiote und Serey Die. Wenn sie drohten, umspielt zu werden rückten die Flügel etwas ein oder ein Abwehrspieler rückte mannorientiert heraus, um Gervinho oder Gradel im Freiraum früh zu stören. Die aggressive Überladung des Zwischenlinienraums, die zumindest phasenweise gegen Japan so gut funktionierte, ließ sich bei den Ivorern nun kaum noch erahnen.

Kraftvolle Präsenz der Ivorer wird zum Konzept

Das führte dazu, dass die Ivorer immer wieder frühzeitig auf die Flügel verlagern mussten. Gegen Japan waren sie am gefährlichsten, wenn sie erst ins offensive Zentrum auslösten, dadurch Raum für die nachstoßenden Außenverteidiger schufen und sie dann erst in hohen Zonen ins Spiel brachten. Nun wurden Boka und Aurier häufig schon in tieferen Zonen gesucht, von wo aus sie nicht direkt flanken konnten und leicht zugeschoben werden konnten.

Auf die beschränkten Möglichkeiten dieser aufgezwungenen Struktur nahm die Elfenbeinküste aber wenig Rücksicht. Sie spielten die Angriffe dann immer wieder brachial durch. Entweder mit hastigen Distanzschüssen, Halbfeldflanken oder riskanten Dribblings von außen gelang es ihnen recht häufig, ihre Attacken zu finalisieren. So hatten sie im ersten Durchgang mehr Spielanteile und eine konstantere Offensivpräsenz, ohne dabei zu richtig gefährlichen Szenen zu kommen.

Auf diese Weise konnten sie dem Spiel erneut ihren Rhythmus aufzwingen und drückten Kolumbien in eine reagierende Rolle. Diese konnten damit durchaus mehr anfangen als Japan: Zwei mal kamen sie bei Konterangriffen extrem gefährlich in den Raum hinter Aurier und hätten dadurch auch in Führung gehen können. Insgesamt kamen sie aber wegen des ivorischen Risikos beim Abschluss eher selten in diese Gegenangriffe hinein; öfters blieben sie auch im guten Gegenpressing der dynamischen Sechser hängen. Dadurch konnten sie ihre Qualitäten im eigenen Ballbesitz seltener einbringen, als ihnen das lieb war.

Druckvolle kolumbianische Kombinationen über halbrechts

Aus dem eigenen Spielaufbau hatten sie nämlich auch einen recht starken Plan, der phasenweise gut aufging: Mit Cuadrado, Zuniga und Rodriguez kombinierten sie sich flexibel und dynamisch durch den rechten Halbraum. Dafür schob Aguilar übrigens immer wieder nach rechts heraus und kurbelte das Spiel diagonal an, während er gleichzeitig Zunigas Vorstöße absicherte. Auch die Innenverteidiger agierten leicht nach rechts verschoben und Armero übernahm eine tiefere, balanciertere Rolle als Zuniga.

Bei Ballbesitz Kolumbiens.

Bei Ballbesitz Kolumbiens.

Für die Verbindung zum Spielaufbau driftete dann Rodriguez als Fokusspieler der Kombinationen in die Räume vor Aguilar. Cuadrado, als offensiver Punkt des Dreiecks, leitete die Angriffe mit seiner Positionierung an. Entweder blieb er breit; dann stieß Zuniga diagonal in den Halbraum durch. Oder er rückte selber in den Halbraum ein; dann übernahm Zuniga das klassische Hinterlaufen und ging mit Geschwindigkeit hinter die Abwehrlinie. Oder aber Cuadrado agierte passiv in einer Zwischenposition und sorgte selbst für den diagonalen Lauf in die Tiefe, während Zuniga und Rodriguez in etwas aufgerückter Stellung zu zweit kombinierten oder dribbelten.

Diese Flexibilität sorgte in Verbindung mit den individuellen Fähigkeiten der drei Akteure für ansehnliche und durchaus effiziente Angriffe, die darüber hinaus einwandfrei abgesichert werden. Mit Gutierrez und Ibarbo rückten auch zwei durchsetzungsfähige Abnehmer in den Strafraum. Das Problem war neben der Chancenverwertung jedoch, dass die Angriffe aufgrund der unterlegenen Präsenz ganz einfach zu selten angesetzt werden konnten.

Quintero sorgt für mehr Präsenz

Dieses Problem ging Pekerman in der zweiten Halbzeit mit zwei wesentlichen Anpassungen an. Zum einen agierte seine Mannschaft nun deutlich intensiver gegen den Ball. Die Grundstruktur war ähnlich, doch gingen die Offensivspieler weitere Wege. Gutierrez agierte leitender zwischen den gegnerischen Verteidigern und rückte auch auf den ivorischen Torwart Barry nach. Rodriguez, Aguilar und Cuadrado erhöhten ihren Zugriffsradius und schoben nch Rückpässen aufwändig nach. So bekam die Elfenbeinküste vereinzelt mehr Raum, war aber im Angriffsdrittel nun wesentlich weniger Präsent. Letztlich brachte auch eine Balleroberung von Rodriguez im Pressing gegen Serey Die das entscheidende 2:0.

Torschütze dieses Treffers war Juan Quintero, der die zweite entscheidende Änderung war. Wie Leser unserer WM-Vorschau wissen, ist der wendige Spielmacher vom FC Porto ein Spielverlagerung-Liebling. Das liegt daran, dass er extreme Reichweite (siehe sein irrer Distanzversuch in der 89. Minute) und Eleganz im Passspiel mit einem unheimlich aggressiven Kombinationsfokus in engräumigen Situationen verbindet. Zudem bringt er diese enorm kreative Spielweise mit sehr dominantem und trotzdem unterstützendem Bewegungsspiel ein.

Mit seiner Einwechselung für den viel lineareren, eher unkreativen Ibarbo kam ein zweiter Pol der Kreativität ins Spiel. Rodriguez überließ ihm die Zehnerposition und ging nach links. So war der gegnerische Fokus etwas von dem Topstar weggeschoben und nach Balleroberungen auf außen hatte Kolumbien mehr technische Klasse zur Umspielung des Gegenpressings; die Ecke zum 1:0 entstand aus einem Konter, bei dem sich Rodriguez außen gegen Tiote durchsetzte.

Das Aufbauspiel wurde etwas ruhiger angelegt; Quintero fiel stärker in Richtung des defensiven Mittelfelds zurück und nahm auf diese Weise Hektik heraus. Das Kombinationsspiel konnte dann breiter und somit raumgreifender und stabiler angelegt werden als zuvor, was durch die Einwechslung des außergewöhnlich kombinationsstarken Außenverteidgers Arias noch unterstützt wurde. Zwar waren die Angriffe nun weniger zielstrebig und druckvoll, doch hatte Kolumbien das Spiel besser unter Kontrolle.

Mehr ivorische Kreativität in der Endphase

Die Endphase des Spiels.

Die Endphase des Spiels.

Mit dem Rückstand kamen dann neben Drogba (für Bony) auch die beiden Dribbler Bolly und Kalou für Serey Die und Gradel. Das bedeutete, dass Touré ins defensive Mittelfeld zurückging, was die Statik der kolumbianischen Defensive natürlich änderte. Sie hatten nun keinen defensiven Ankerpunkt mehr, sondern improvisierten in ihrer „Laufdeckung“ wieder verstärkt.

Das führte – im Verbund mit der Führung – dazu, dass die kolumbianische Defensive nun häufiger im Abwehrpressing agierte als zuvor. Mit den Bewegungen der drei Dribbler, Drogbas Präsenz und Tourés Vorstößen schuf die Elfenbeinküste mehr Unordnung und kam nun auch vermehrt zu Flanken. Letztere konnten Yepes und Co. aber meist klären. So war es nicht überraschend, dass es zum Schluss eine sehr starke Einzelaktion war, durch die die Ivorer über Gervinho zum Anschlusstreffer kamen. Doch dabei profitierte der Roma-Dribbler auch davon, dass der zusätzliche Offensivspieler zuvor den entscheidenden Raum zwischen Innen- und Außenverteidiger geschaffen hatte.

Das simple Plus an numerischer Präsenz reichte aber letztlich nicht für mehr als einen Treffer. Das lag auch daran, dass die Kolumbianer mit ihren erhöhten Spielanteilen für viel Entlastung sorgen konnten. Gewissermaßen hatten die Ivorer ihr Dominanz-Pulver zu früh verschossen.

Fazit

Kolumbien festigte beim zweiten Sieg im zweiten Spiel nicht nur die Achtelfinal-Teilnahme, sondern auch den Eindruck, dass sie neben der individuellen Klasse und ihres taktischen Wahnsinns noch zwei weitere große Stärken haben: eine sehr wertvolle Bank und einen Trainer, der starke Anpassungen an den Gegner und das Spielgeschehen vornimmt. Das könnten entscheidende Aspekte für weitere Erfolge dieser hochinteressanten Mannschaft werden.

Die Elfenbeinküste etablierte sich mit diesem Spiel als einer der unangenehmsten Gegner des Turniers. Sie scheiterten letztlich an ihrer mangelnden Kreativität und taktischen Finesse, doch trotz dieser Schwächen machten sie den Kolumbianern das Leben reichlich schwer. Zum Schluss hatten sie sogar ein knappes Plus an Abschlüssen; wobei Kolumbien doppelt so viele auf das Tor bringen konnte. Mal sehen, wen diese Mischung aus Aggressivität und Physis noch ärgern kann.

Maturin 24. Juni 2014 um 14:22

Was hält Spielverlagerung den von Theo Guiterrez? Irgendwie verstehe ich seine Rolle nicht so ganz und habe mich in der ersten Halbzeit bestätigt gefühlt. Theo ist für mich ein ausweichender Stürmer der viel arbeitet und hohe Aggresivität zeigt, aber als einzelne Spitze ist er mir in seinen Bewegungen zu chaotisch und auch nicht Abschlussstark genug. Er scheint ja seinen Platz sicher zu haben und mich würde mal interessieren wieso, Ramos fände ich persönlich passender.

Ich finde übrigens das neben der 3er Kette der Fokus auf einen Kreativspieler/10er teilweise wieder stärker da ist, vielleicht liegt das aber auch an den besonderen Begebenheiten in Brasilien.

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MR 24. Juni 2014 um 16:40

Stimme beidem zu.

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mh 24. Juni 2014 um 13:33

Kolumbien hat hohe Qualität, aber bisher noch nicht gegen starke Gegner beweisen müssen. Das physische Spiel kann eine Waffe sein, wenn sich der Gegner darauf einlässt. Es zu vermeiden als Gegner wird hohe Laufbereitachaft, flexible Überladungen und m.E. vor allem schnelle Verlagerungen erfordern.
Die Afrikaner fand ich alle zu eindimensional. Im wesentlichen Fokus auf Flügel und Flanken (manchmal Aufbau gleich auf aussen, die Ivorer zunächst durch die Mitte). Wenn man die AV in tiefere Positionen drängt, fehlen sowohl Plan B (zentral durchkombinieren), als auch Geduld (trotzdem gleich Abschluss)…

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Morimont 24. Juni 2014 um 12:29

Der Eckball vor dem 1:0 war allerdings unnötig. Einem fußballerisch besseren Torwart als Barry hätten Bamba/Zokora einfach kurz passen können und der spielt dann entweder einen mitgelaufenen Mitspieler auf der linken Defensivseite an oder drischt den Ball ins linke Seitenaus Höhe Mittellinie. Auch wenn Ihr auf solchen individuellen Details üblicherweise keinen Schwerpunkt setzt: In dieser Situation hat die Qualität des Torwarts einen Unterschied ausgemacht.

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