England U21 – Norwegen U21 1:3

Norwegens U21 mit einem souveränen Sieg gegen die englische U21. Eikrem und Pedersen brillieren ebenso wie das skandinavische Kollektiv, während England sich durch den Mangel an gruppentaktischen Harmonien selbst Matt setzt.

Von Bauernballbesitz und Pressingopfern

Rein optisch hätte man England zu Spielbeginn gar für überlegen halten können. Sie kamen auf beachtliche 78% Ballbesitz und gerieten nie unter Druck im ersten Abwehrdrittel. Henderson, Chalobah und Loewe holten sich mühelos vor der eigenen Abwehr die Bälle ab und schoben sie sich dann zu. Doch es war keine Überlegenheit, sondern gewollt – und zwar von den Norwegern.

Es ist wie im Schach: Ein Bauer ist ungefährlich, er hat einen beschränkten Aktionsradius und kann eigentlich nur perfekt genutzt werden, um Räume zu besetzen oder als Opfer für strategische Spielzüge zu dienen. Letzteres wurde auch praktiziert, allerdings ebenfalls von den Norwegern, welche den Bauernballbesitz den Engländern überließen und sich selbst in der eigenen Hälfte formierten. Diese Formation war ein 4-5-1, an welchen die Pressinglinie mit dem alleinigen Mittelstürmer erst am gegnerischen Sechserraum angesetzt wurde.

Um dann Pressingopfer bei den Engländern zu provozieren und den eigenen Raum trotz des gegnerischen Ballbesitzes zu kontrollieren, gab es ein paar interessante Mechanismen im norwegischen Spiel. So rückten zum Beispiel in die offensiven Halbräume bzw. die defensiven Halbräume des Gegners nicht die Flügelstürmer hinaus – oder auch niemand wie es bei einer passiven Spielweise wäre –, sondern die Halbläufer neben dem Sechser. Dies wurde allerdings nicht immer gleich praktiziert; ging der Angriff über den Flügel, dann rückte nur einer der Achter heraus. Diese Bälle auf die Außen im Spielaufbau der Engländer wurden auch bewusst durch den norwegischen Mittelstürmer, dessen Bewegungen und das  4-5-1 als solches provoziert.

Dadurch gab es situative 4-3-2-1-Anordnungen im Tannenbaumsystem, 4-3-3-0-Formationen oder auch sehr asymmetrische 4-4-1-1-Stellungen. Was das zur Folge hat, sehen wir an diesem Beispiel:

Der Ball kommt auf den englischen Sechser, woraufhin Singh herausweicht. Er tötet den Raum hinter sich ab, er ist von England nicht bespielbar. Wenn XY jetzt auf Rose weiterleitet, kann auch dieser wegen des Rechtsaußen die Mitte nicht bespielen. Pedersen kümmert sich um den Sechser, England muss über die Innenverteidiger neu aufbauen oder in ungünstige Situationen gehen.

Der Ball kommt auf den englischen Sechser, woraufhin Singh herausweicht. Er tötet den Raum hinter sich ab, er ist von England nicht bespielbar. Wenn Lowe jetzt auf Rose weiterleitet, kann auch dieser wegen des Rechtsaußen die Mitte nicht bespielen. Pedersen kümmert sich um den Sechser, England muss über die Innenverteidiger neu aufbauen oder in ungünstige Situationen gehen.

Die starken Ince und Richmond fanden dadurch kaum ins Spiel, auch die drei zentralen Akteure der Engländer – individuell durchaus stark – kamen selten in gefährlichen zentralen Zonen an den Ball. Immer wieder schoben die Three Lions aus dem angelaufenen Halbraum den Ball auf den Flügel oder zurück in den Sechserraum und dann ging es meistens wieder auf den gegenüberliegenden Flügel. Dies wurde gelegentlich mit ein paar Hereingaben oder Steilpässen entlang der Flügel kombiniert, sorgte jedoch kaum für Gefahr.

England in der Defensive

Auch die Engländer waren defensiv keineswegs eine schwache Mannschaft.  Sie pressten dabei überaus variabel; es war kein statisches 4-4-2 in Offensive und Defensive, wie man es sich hätte erwarten können. Stattdessen spielten sie offensiv mit einem in der Zentrale beweglichen 4-2-3-1 und situativen 4-3-3-Anordnungen bei Hendersons Zurückfallen, während sie defensiv zwischen 4-4-1-1, 4-4-2, 4-2-3-1 und 4-1-4-1 Stellungen wechselten.

Das war aber gruppentaktisch nicht so stark organisiert wie bei den Norwegern; immer wieder gab es Öffnungen in der Absicherung, unsauberes Verschieben oder unpräzises Herausrücken. Beispielsweise gab es beim dritten Treffer der Norweger zu viel Raum für Pedersen, der entlang der Außenbahn an Dynamik aufnehmen konnte und dann im Rückraum den aufrückenden Eikrem fand.

Grundformationen zu Beginn

Grundformationen zu Beginn

Pech für die Engländer war in dieser Situation auch, dass ihr schwaches Umschalten und die mangelnde Kompaktheit ausgerechnet von Eikrem und Pedersen bespielt wurden. Mittelstürmer Pedersen bewegt sich nämlich individual- wie gruppentaktisch außerordentlich gut. Er weicht intelligent auf die Flügel, kann sich für Kurzpasskombinationen schnell nach hinten fallen lassen und ist generell ein guter und intelligenter Passgeber.

Zu diesen Stärken kommen noch ein gutes Dribbling und eine kraftvolle, aber gleichermaßen elegante Ballführung und ansprechende Übersicht für einen Stürmer. So setzte er sich nicht nur auf dem Flügel gegen zwei Mann durch und lief die offenen Räume geschickt an, sondern hob vor dem Abspiel noch den Kopf – wodurch er die mangelnde Kompaktheit im Rückwärtsgang der Engländer bespielen konnte. Kongenialer Partner war Moldes Eikrem, der mit seiner Spielintelligenz von der Halbposition vorstieß und diesen Raum besetzte. Einzig logische Konsequenz: Ein Traumtor.

Dieses sollte England aus dem Spiel heraus trotz einiger Veränderungen verwehrt bleiben. Zur Halbzeitpause stellte Englands Nationaltrainer Stuart Pearce um. Mit Connor Wickham brachte er einen neuen Mittelstürmer und stellte Henderson auf die Sechs. Rechtsaußen Tom Ince rückte in die Mitte und seine Position auf dem Flügel übernahm der vorherige Mittelstürmer, Wilfried Zaha. Dadurch hatten sie mehr Dynamik im Zwischenlinienraum, einen Fixpunkt im Angriff und Henderson musste nicht mehr weit zurückfallen, um den Spielaufbau zu übernehmen.

Somit erhöhten sie zwar minimal die Durchschlagskraft, die grundlegenden Probleme im Spiel nach vorne gegen das norwegische 4-5-1 konnten sie aber nicht beseitigen. Es fehlte ihnen an der dynamischen gruppentaktischen Bewegung, intelligentem Kombinations- und Bewegungsspiel sowie strategischer Kreativität aus dem Aufbauspiel heraus. Auch die Einwechslung von Jonjo Shelvey für Nathan Redmond brachte keine grundlegende Veränderung ins Spiel; mit mehr Risiko im Spiel nach vorne wurde zwar Druck erzeugt, Norwegen behielt aber eigentlich durchgehend die Oberhand und konnte auch eine gute Strafraumverteidigung unter Beweis stellen.

Fazit

England hatte über 70% Ballbesitz und zeigte trotzdem keine gute Leistung. Gruppentaktisch war das durchaus interessante Defensivspiel einige Male mangelhaft, insbesondere aber die Absicherungen und das kollektive Bewegungsverhalten enttäuschten. Hier wiederum glänzten die Skandinavier, die durch gute Absicherungen bei ihren Kontern und Angriffen überzeugen konnten, nur einmal kamen sie durch einen englischen Konter in wirkliche Bedrängnis – trotz so guter Dribbler wie Zaha und Redmond. Die englischen Konter wurden zusätzlich auch, ebenso wie der Spielaufbau, auf die Flügel geleitet und dann dort räumlich isoliert. Ansonsten zeigte England wenig: Ihre Spielzüge kamen nicht über die langen Bällen, versuchte Einzelaktionen und seitliche Pärchenbildungen hinaus.

Norwegen war also der mehr als verdiente Sieger, obwohl die Statistiken ein knapperes Bild malen könnten. Der Sieg fiel aber keineswegs zu hoch aus und Norwegen könnte ein Geheimfavorit in diesem Turnier sein. Das 4-5-1 ist generell ein interessantes System, wenn man mit einem spielstarken und intelligenten Stürmer Verbindungen im offensiven Umschaltmoment schaffen kann. Desweiteren bewegen sich die Norweger im Defensivspiel mit der Fünferreihe sehr sauber und intelligent. Norwegen könnte also das Spielverlagerungsteam des Sommers werden, wie man auch schon am ersten Artikel zum Auftaktspiel sehen kann.

GH 10. Juni 2013 um 11:38

Gab es auch andere offenisve Auffälligkeiten im Norweger Spiel, als das ausweichende Verhalten von Pedersen?

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RM 10. Juni 2013 um 13:34

In der ersten Analyse zu den Norwegern von MR müsste was drinstehen, dazu waren auch Eikrems Bewegungen, das intelligente Aufrücken bei Kontern der Mittelfeldspieler in die Zwischenlinienräume und das generelle Kombinationsspiel und die Intelligenz dabei interessant.

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TW 9. Juni 2013 um 13:38

RM, Danke für die tolle Analyse. Zu dem Beispiel mit dem Pressing aus dem 4-5-1 bleiben bei mir jedoch noch ein paar Unklarheiten. In der dargestellten Situation würde auch in einem ballorientierten Pressing nach Standard der Halbspieler herausrücken. Der Ball befindet sich im Halbraum und der rechte Außenspieler hat einen direkten Gegner in seiner Zone. Also rückt der Halbspieler heraus und die Spieler links von Ihm rücken ein, so wie im Beispiel skizziert. Da du im Text jedoch schreibst, dass so auch situativ 4-3-2-1 bzw. 4-3-3-0 Ordnungen entstanden, lässt sich erahnen, dass bei einem Ball ins Mittelfeldzentrum nicht der zentrale, sondern beide Halbspieler herausgerückt sind. Er wäre prima, wenn Du diese Besonderheiten noch etwas detaillieren könntest.

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RM 9. Juni 2013 um 15:14

Das Lässige am Herausrücken war halt, wie intelligent und sauber in der Bewegungsführung das praktiziert wurde, wodurch die Halbräume in der ersten Hälfte eigentlich selbst bei hohem Risiko der Engländer absolut nicht bespielbar waren.

Das waren situative Mannorientierungen, wo die Norweger bei einer passenden Situation herauswichen und sich kurzzeitig mannorientiert verhielten. Dadurch musste der Sechser der Engländer, der ja ohnehin mit Pedersen zu kämpfen hatte, den Ball wieder zurück schieben und einer der Innenverteidiger erhielt ihn dann. Nun konnten die Norweger in ein aggressiveres Pressing gehen, wenn die Situation es erlaubte (schwacher Pass, Isolation zwischen den Innenverteidigern möglich) oder sich zurückziehen und das Spielchen dann nochmal machen, wenn England wieder auf die Flügel geleitet wurde und zurückspielte.

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Daniel_D 9. Juni 2013 um 12:47

Mal was Allgemeines dazu:

Früher hat England 4:4:2 gespielt und wurde zurecht dafür kritisiert. Jetzt spielen die U Mannschaften 4:2:3:1 oder 4:3:3, aber die Spieler haben einfach nicht die spielerische Intelligenz für die monströse Aufgabe in einem 4:3:3 für die Synergieeffekte zu sorgen. Hendersen müsste auf dem Niveau eines Gündogan, oder Kroos, oder Tiago sein um dieser Aufgabe gerecht zu werden.

Im Guardian gab es mal wieder einen guten Artikel dazu:
http://www.guardian.co.uk/football/2013/may/23/germany-bust-boom-talent

Zwei Dinge fallen dabei besonders auf. Erstens: Der signifikante Unterschied zwischen der Menge an profesionellen Trainern in Deutschland und England, denn nur wer den Job semiprofesionell macht, hat überhaupt Zeit dafür sich mit neusten Trainings- und Taktikmethoden zu beschäftigen bzwe. ist über Lehrgänge verpflichtet das zu tun.

Zweitens die hohe Schuldbildung, die fast jeder deutsche Spieler bekommt. In meinen Augen gibt es einfach eine Korrelation zwischen vermittelter Bildung und Abstraktionsfähigkeit und der sogenannten Spielintelligenz.
Jedes Mal wenn ich England spielen sehe, habe ich den Eindruck, die verstehen einfach ihr eigenes Spiel nicht.

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king_cesc 9. Juni 2013 um 11:33

England ist meiner Meinung nach unglaublich enttäuschend. Ich weiß nicht was die in der Vorbereitung auf das Turnier trainiert haben, aber anscheinend standen offensive Spielzüge nicht auf dem Programm.
Wie schon im ersten Spiel müssten sich immer 2-3 Spieler gegen 5-8 Verteidiger durchsetzen…

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SCP-Poker 9. Juni 2013 um 00:18

Die können ja echt gut kicken.
Und ich dachte immer in Norwegen würd man nur Elche jagen;)…

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julian 8. Juni 2013 um 23:27

Freue mich, dass Pedersen hier so stark gesehen wird.

Ich hatte ihn beim Sehen direkt als möglichen neuen Hoffenheimer Mittelstürmer im Sinn, der sowohl ins Kombinationsspiel mit Firmino und Volland eingebunden werden kann, als auch durch geschickte ausweichende Bewegungen Raum schaffen kann und außerdem kein schlechter Vollstrecker ist.

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