SV Werder Bremen – Fortuna Düsseldorf 2:1

In einem engen Spiel ging Düsseldorf früh in Führung und verlor dennoch. Dabei konnten sie in der Anfangsphase ein Tor erzielen und zeigten lange Zeit eine defensiv gute Leistung, brachen aber nach dem Ausgleich ein und gaben das Spiel noch aus der Hand.

Düsseldorfs Mannorientiertheit

Einer der großen Faktoren in dieser Partie war die extreme Mannorientierung der Gäste. Fast alle Spieler hatten einen direkten Gegenspieler, an dem sie sich primär orientieren sollten. Dabei suchten sich die zwei Sechser die jeweiligen gegnerischen Achter, auf den Flügeln angelten sich die Flügelstürmer die gegnerischen Außenverteidiger, welche deshalb nur vorsichtig aufrückten. Das wohl größte Problem stellte allerdings die aggressive Mannorientiertheit der Außenverteidiger auf Eljero Elia und Marko Arnautovic dar.

Grundformationen zu Spielbeginn

Im Aufbauspiel waren diese somit kaum ordentlich anzuspielen, weil sie dann den Ball nur nach hinten stoppen konnten. Die große Stärke der beiden, das Dribbling, kam kaum zum Tragen. Des Weiteren war der Mannfokus so aggressiv, dass sie nicht einrücken oder zurückfallen konnten, weil sie sogar außerhalb ihrer Position vom gleichen Gegenspieler eng verfolgt wurden.

Ähnliches hatten auch die Mittelfeldspieler zu erdulden. Sie wurden zwar nicht ganz so extrem verfolgt und öfter an andere Spieler übergeben, aber auch sie mussten sich zumeist mit einem direkten Gegenspieler herumschlagen. Darum mussten sie sich entweder extrem weit fallen lassen oder sehr viel bewegen, womit Aaron Hunt größere Probleme hatte als der dribbelstarke und dynamische Kevin de Bruyne, weswegen letzterer auch etwas auffälliger war.

Wirklichen Zugriff nach vorne erhielten die beiden nicht und selbst Zlatko Junuzovics höhere Position im Spielverlauf brachte nichts. Wie auch die Außenverteidiger traute er sich nicht ausreichend nach vorne, war nicht ausreichend vertikal und zu positionsgebunden, um Räume zu überladen.

Marcelo Bielsas Mannorientierungen wurden in der spanischen Liga zumeist mit sehr viel Bewegung, raumöffnenden Spielern sowie aufrückenden Innenverteidigern ausgehebelt. Von Werder Bremen sah man dies nichts ausreichend in der ersten Halbzeit, lediglich de Bruyne zeigte sich hierbei spielintelligent, konnte aber ebenso wenig etwas Wirksames schaffen.

Unterschiedliche Phasen vor und nach dem Führungstor

Nach der Führung war aus dem relativ offenem Schlagabtausch ein intensives Spiel beider Seiten geworden, in welchem Werder zu einigen Abschlüssen, aber zu wenig wirklichen Chancen kam. In der Anfangsphase hatten sich die Düsseldorfer Flügelstürmer noch in der Offensive sehr hoch gezeigt und bildeten im Offensivspiel einen Vierersturm. Dadurch gaben sie dem Spiel Breite, wobei sich die Außen dann schnell in die Mitte bewegten und die selbst erzeugten Löcher nutzen wollten.

Werder hatte damit so seine Probleme, konnte aber das Spielgeschehen dominieren und es gab viel Hin und Her ohne viel Verwertbarem. Düsseldorf stellte mit frühem und hohem Mittelfeldpressing Passwege nach vorne zu und ließ dabei weite Räume im Mittelfeld offen, die wegen der Manndeckungen nicht effektiv bespielt werden konnten.

Düsseldorf in der Tiefe: Sie können die Manndeckungen eng ausführen, Sokratis läuft nicht in die freien Räume, hinter der Abwehrreihe ist viel Raum

Nach der Führung durch einen Elfmeter, als Sokratis als letzter Mann unglücklich einen Düsseldorfer umgrätschte, veränderte sich das Spiel. Düsseldorf positionierte sich (noch) tiefer, kümmerte sich um die maximale Disziplin bei den Manndeckungen und zerstörte das Kreativspiel der Bremer. Einige Male gab es Löcher im Rückraum oder ganz auf den Seiten, welche aber kaum effizient verwertet wurden bzw. werden konnten. Offensiv strahlte Düsseldorf zwar Gefahr aus, doch das war nur eine Scheingefährlichkeit.

Unterzahlkonter

In der gesamten ersten Spielhälfte hatte Düsseldorf nur einen Torschuss, abgesehen vom Elfmeter. Aus ihrer tiefen und sehr vorsichtigen Formation versuchten sie mit viel Bewegung, aber nur mit vereinzelten Akteuren und Aktionen offensiv zu spielen. Zumeist waren es der Mittelstürmer, der ballnahe Flügelstürmer und Ken Ilsö, die sich an den Kontern beteiligten.

Diese Unterzahlkonter wirkten gefährlich, weil enorm weite Räume offen waren. Die drei bis vier Offensivspieler schalteten extrem schnell nach vorne um und Werder konnte aufgrund des eigenen langsamen Umschaltens die gegnerischen Konter manchmal nicht zu „Unterzahlkontern“ werden lassen. Die Außenverteidiger schalteten langsamer um, weswegen auf einmal zwei gegen zwei oder gar drei gegen zwei spielten. Düsseldorf konnte diese Situationen aber 2-3mal nicht effizient zu Ende spielen, ein Pass auf den völlig freien Ilsö landete sogar in den Armen von Sebastian Mielitz.

Werder Bremen erhöht das Tempo

Nach der Pause spielten die Werderaner mit mehr Gegenpressing, höherem Pressing generell und natürlich „mutigeren“ Spielern. Soll heißen: sie wurden instruiert, ruhig vertikaler zu spielen, sich auf Verdacht freizulaufen und in freie Räume zu stoßen. Dadurch sollte Düsseldorf nicht nur stärker in der eigenen Hälfte eingeschnürt werden (Bremen mit annähernd 70% Ballbesitz in Halbzeit eins), sondern auch zu Fehlern gezwungen werden.

Ein solcher entstand beim Ausgleichstreffer, als Lukas Schmitz nicht wie üblich so schnell wie möglich auf seine Position als Linksverteidiger zurückkehrte, sondern ins Gegenpressing ging. Er setzte die gegnerischen Ballführenden unter Druck, wodurch der Ball Richtung Eckfahne abprallte. Ein Pass in den Raum für Schmitz von ihm selbst, wie ihn wohl keiner hätte besser spielen können. Einer guten Ballbehauptung folgte eine Flanke, die im 1:1 resultierte.

Das Sprichwort „Gegenpressing ist der beste Spielmacher“ kam hierbei voll zum Tragen und ermöglichte den Ausgleich, was das gesamte Spielgeschehen veränderte.

Neues Ergebnis, neues Spiel

Nach diesem Ausgleich veränderte sich letztlich der Spielrhythmus, denn die Fortuna konnte sich nicht mehr auf eine tiefe Formation konzentrieren, sondern musste wieder mehr für die Offensive tun.

So sah es in der Anfangsphase aus; Düsseldorf musste mehr Druck machen (4-4-2-Pressing statt 4-4-1-1), wodurch de Bruyne und Hunt Räume hatten sowie Junuzovic Pässe verteilen konnte. Ähnliches gab es – wenn auch nur mit zehn Bremern – in der Schlussphase zu sehen. Zu Beginn klappte es wegen hoher Laufarbeit, viel Aggressivität und mangelnder Passmuster bei Bremen, welche diese Räume nicht bespielten, noch gut. Gegen Ende nicht mehr.

Dies gelang aber kaum, denn Werder hatte das Momentum und die Eingespieltheit auf ihrer Seite. Ihre Spielweise veränderte sich wenig, lediglich die höhere Aggressivität und vertikalere Ausrichtung waren ein Unterschied zur ersten Spielhälfte. Dennoch waren sie klar verbessert, denn Düsseldorf konnte sich nicht mehr auf das Abdecken ihres Mannes konzentrieren, sondern musste sich ihrerseits frei bewegen und Anspiele suchen wie finden.

Im Gegenzug konnte nun Bremen Schnellangriffe durchführen, wenn ihre Spieler frei waren. Sie wollten ihre Angriff ins Rollen bringen, bevor die Düsseldorfer Spieler wieder ihre Manndeckungen aufnehmen konnten. Dies war das Spiel der Bremer: mehr Raum, wenn auch eng, und ein ansatzweise mitspielender Gegner. Die Fortuna fühlte sich im Gegensatz sichtbar unwohl.

Trotz der offensiveren Ausrichtung konnten sie in Ermangelung der richtigen Passmuster sowie der vereinfachten Defensivarbeit für Bremen aufgrund weniger Raumbesetzung pro Spieler keine einzige Torchance herausspielen. Bremen machte trotz der roten Karte einfach weiter und erzielte den Führungstreffer. Thomas Schaaf reagierte richtig, brachte einen Verteidiger und das Spiel über die Zeit.

Fazit

Ein emotionales Spiel auf beiden Seiten, welches hitzig und intensiv geführt wurde, was zu einigen längeren Off-Phasen durch Gespräche mit dem Schiedsrichter und viel Hin und Her sorgte. Düsseldorf konnte allerdings die Konter und Angriffe nie zu Ende spielen, während Bremen etwas zu überhastet und unpräzise schien. 24:3 Torschüsse spiegelte das 2:1-Ergebnis nur unzureichend wieder, ebenso wenig wie die 14:2 Flanken oder 65:35% Ballbesitz. Alles in allem ein verdienter Sieg für die Bremer, welche nach der Pause nicht nur taktisch besser, sondern auch psychologisch verändert waren – wobei die Psychologie eine große Wirkung auf die Taktik und Spielweise hatte.

BenHasna 19. November 2012 um 22:07

Hmm, Düsseldorf spielt IMO absolut keine extreme Mannorientierung, im Gegenteil, ihr Spiel gegen den Ball beruht auf zwei im Raum (stark) verschiebenden Viererketten.

Natürlich gabs in diesem Spiel viele direkte Duelle. Den Bremer Offensivspielern unnötig viel Zeit/Platz am Ball zu lassen, konnte nicht Düsseldorfs Ziel sein. Aber jo, deshalb muss das keine extreme Mannorientierung sein. Diese Charakteristik der vielen Duelle entstand IMO vielmehr durch Bremens relativ starre Spielweise vor der Pause. Besonders Elia, meist auch Arnautovic geben oft den klassischen Aussen, stehen breit, wollen den Ball in den Fuss gespielt bekommen, sich drehen, laufen, dribbeln. Die Aussenverteidiger sowie Hunt/de Bruyne hielten sich noch vergleichsweise zurück mit mutigen Läufen.

Fürth spielt extreme Mannorientierung. Da war in Dortmund der Flügel die Hälfte der Zeit tiefer als der Aussenverteidiger und die Zentrumsspieler, inkl. Innenverteidiger, lassen sich in der eigenen Spielhälfte überall hinziehen. So was ist bei Düsseldorf nicht übermässig vorgesehen.

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Flankengott66 19. November 2012 um 13:22

Das Aufbauspiel der Fortuna ist eine einzige Katastrophe. Anstatt nach vorne zu spielen wurde wegen des Pressings der Bremer auf Giefer gespielt. Der wiederum wurde sodann bedrängt und konnte keine vernünftigen Bälle mehr spielen, es blieb also nur die Möglichkeit den Ball nach vorne zu schlagen. Die Zweikämpfe wurden aber nicht gewonnen! Das Siegtor war deshalb nur eine Frage der Zeit….Mittlerweile merkt man der Fortuna an, daß fehlende Qualität durch Kondition kompensiert werden muss. Die Mannschaft scheint nach 70 Minuten physisch & psychisch am Ende zu sein!

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juwie 18. November 2012 um 22:29

In der ARD-Berichterstattung hieß es gerade, dass die Fortuna in den letzten Spielen drei Meter höher stand als in den ersten. Kann das ein Grund dafür sein, dass die Defensive für mein Gefühl nicht mehr so kompakt steht wie zu Beginn der Saison? Oder ist von solchen Daten gar nichts zu halten?

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MR 18. November 2012 um 23:29

Wie wurde diese Zahl denn ermittelt? Was sind denn überhaupt „die ersten“ und „die letzten“ Spiele? Und auf welche Höhe bezieht es sich genau?

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juwie 19. November 2012 um 22:11

Keine Ahnung. Sagte halt der Kommentator (sonst gab es keine Infos).

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blub 18. November 2012 um 18:58

Ich muss RM in der Betrachtung des Spiels widersprechen.
Ich schon früh ganz vertikale Bewegungen vor allem von Sokratis und dann auch von Lukimya gesehen, die aber fast ausschließlich in potentiell gefährlichen Kontern endeten.
Das 1:0 war eine Folge von Lukimyas Ballverlust. Das Bremen aus prinzip extrem offen steht (bereits bei SV besprochen)
(Genaugenommen, hab ich erst die Vertikalen IVs gesehen und hab dann die Mannorientierung gesucht und auch gefunden)

Ich finde es durchaus verständlich dann in Rückstand und mit bereits einigen Kontern das riskante Spiel etwas zurückzufahren. UND aufrückende IVs SIND einfach riskanter.

Imo hat Bremen einfach mehr aufs Tempo gedrückt um mehr Platz zu schaffen und das individuelle Qualitätsplus hervorstechen zu lassen.
Das bessere Gegenpressing anch der Pause war offensichtlich und hat auch funktioniert.

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RM 18. November 2012 um 21:37

Als die Düsseldorfer höher standen, hätte er ja auch nicht aufrücken sollen, sondern eben später. Wenn man es umgekehrt macht, ist die Bedrängnis auf die Innenverteidiger größer und dann passiert sowas.

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MR 18. November 2012 um 21:38

„UND aufrückende IVs SIND einfach riskanter. “ Wenn man gut dahinterschiebt, nicht unbedingt. (Bzw. nicht signifikant.)

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