Chelsea FC – Benfica Lissabon 2:1

Benfica dominierte das Spiel, bekam eine rote Karte und dominierte weiter. Chelseas schwache Leistung wurde wegen Schiedsrichterentscheidungen, Petr Cech und Benficas Mangel an Strafraumspielern nicht bestraft.

Die Linkslastigkeiten

Beide Teams griffen vornehmlich über ihre linke Seite an, was schon an den Formationen abzulesen war.

Benfica trat dabei in der bekannten 4-1-3-1-1-Mischformation auf, die etwas vom 4-2-3-1, vom 4-1-4-1 und vom 4-4-2 hat. Das Herzstück ihres Offensivspiels war Aimar, der etwas linksseitig spielte, während der solide Axel Witsel leicht rechts versetzt vor Abräumer Matic startete. Ebenfalls war der linke Flügel spielstärker besetzt als die rechte Seite.

Die Personalwahl von Trainer Jorge Jesus für seine Innenverteidigung war ungewöhnlich. Der schnelle Außenverteidiger Emerson spielte links, während sein Nebenmann Javi Garcia in erster Linie ein defensiver Sechser mit guten Passspiel ist. Zwar durch Verletzungssorgen bedingt, ergab diese Wahl aber auch wegen der schwierigen Ausgangslage der 0:1-Heimniederlage Sinn, da Benfica definitiv spielerische Klasse benötigte – möglichst auf allen Positionen.

Chelseas Trainer di Matteo stellte seine rechte Seite bedeutend defensiver auf als die linke, hoffte so vermutlich Benficas Stärken eindämmen zu können. So spielten die hauptsächlich lauf- und defensivstarken Ramires, Obi Mikel und Ivanovic den destruktiven Part, während auf der anderen Seite Cole, Lampard und Kalou vor allem offensive Stärken einbrachten. Ebenfalls tendierte Juan Mata von seiner nominell zentralen Position hinter Torres sehr stark auf diese Seite und zog mit Lampard gemeinsam das Angriffsspiel der Blues auf.

Chelseas Unpressing und Aimars Dominanz

Zumindest der defensivere Teil von di Matteos Strategie ging jedoch kaum auf. Neben Benficas Spielstärke war dafür das Pressingverhalten von Chelsea verantwortlich, welches die Bezeichnung nur bedingt verdiente. Zwar waren die Londoner diszipliniert, gingen gegnerische Vorstöße und verschoben solide zum Ball, aber im gruppen- und indivdualtaktischen Verhalten waren sie schwach. Immer wieder wurde ein Portugiese am Ball gestellt, aber dann nicht attackiert, was auch am oft zögerlichen Doppeln lag. Chelsea fehlte es also sehr an Aggressivität und Leidenschaft in der Zweikampfführung, was bei einem so physischen Team ein ungewohntes Defizit ist.

Auch Passwege wurden gerade im wichtigen Mittelfeld schlecht zugestellt, was Benficas Aufbauspiel sehr vereinfachte und trotz relativ hohen Pressings zu ganz wenigen frühen Ballgewinnen führte. Wenn die mangelhafte Zweikampfführung ein strategisch geplantes „falsches Pressing“ sein sollte, wurde es spätestens dadurch unbrauchbar. Das potentielle Verunsichern des Gegners war überhaupt nicht zu beobachten.

Auffällig und wichtig war auch, dass Bewegungen innerhalb der Räume kaum aggressiv verfolgt wurden, weshalb sich Benficas zentrale Spieler immer wieder leicht lösen konnten. Kaum einmal konnten Witsel oder Matic bei der Ballannahme gestört werden. Hier war zudem ein Vorteil von Benficas ungewöhnlicher, quasi fünfreihiger Formation zu sehen. Die vertikal gestaffelten zentralen Spieler sind in ihren Bewegungen sehr frei. Durch die ungleichmäßige, asymmetrische Besetzung der Mittelfeldräume können sie sich weit in verschiedene Richtungen bewegen ohne sich gegenseitig einzuengen.

Am auffälligsten bewegte sich dabei aber eindeutig Aimar, der keine Zweifel daran ließ, wer Benficas Schlüsselspieler ist und sein sollte. Nach Belieben bewegte er sich in allen Zwischenräumen des zentralen und offensiven Mittelfelds, wo er mit seiner brillianten Technik kaum in den Griff zu bekommen war. Wenn ihn Obi doch mal bei der Ballannahme stellen konnte, löste er sich mit überraschenden Direktpässen. Besonders mit Gaitán und auch Witsel zeigte er schönes Zusammenspiel, was immer wieder Räume vor Chelseas Viererkette öffnete. Die meisten Ballkontakte (87) und Schüsse (7) von allen Spielern untermauern sein dominantes Auftreten.

Benficas fehlende Durchschlagskraft

Aimars starkes Auftreten profitierte aber auch sehr von Benficas Strategie, oder anders gesagt – seine Leistung war Schuld an Benficas Problemen. Dass Benfica nämlich nach drei Halbzeiten gegen Chelsea immernoch keinen Treffer hatte, lag hauptsächlich an der mangelnden Durchschlagskraft.  Diese resultierte aus den gleichen Faktoren, die Aimar andererseits das Spiel erleichterten.

Aimar ist der zweithöchste Spieler bei Benfica, der aber fast ausschließlich spielerische Aufgaben übernimmt. Er orientiert sich nach hinten und seitlich um mit dem Mittelfeld zu kombinieren. Somit entsteht ein Loch im Strafraum, das Cardozo allein füllen muss. Gegen David Luiz und John Terry kann sich aber kaum ein Stürmer im Alleingang durchsetzen.

Die Flügelspieler bleiben meist sehr breit, was im Zentraum Raum schafft. Aimars Hintermänner Matic und Witsel bieten ihm Anspielstationen und sichern ihn ab. Keiner von ihnen unterstützt Cardozo in dem Bestreben hinter die Abwehrlinie zu kommen. Das System kommt vor allem Aimars Präsenz zugute.

Die Konzepte, um zum Torerfolg zu kommen, fehlten den Portugiesen aber. Da sich die Außenverteidiger hauptsächlich absichernd bewegten und es kaum Ballverluste im Mittelfeld gab, kam Chelsea zumindest nicht zum kontern. Das fehlende Hinterlaufen von Capdevila war jedoch auch ein Grund, dass sich Gaitán in den zahlreichen Duellen mit Ivanovic nicht durchsetzen konnte. Benfica war daher im Grunde auf geniale Momente von Aimar angewiesen, dem dafür dann aber wiederum die Abnehmer fehlten. Ohne Anspielstationen kann natürlich kein Spieler der Welt entscheidende Pässe spielen. Die wenigen Passoptionen, die sich ergaben, verteidigte Chelseas erfahrene Viererkette gut.

Somit kam Benfica kaum zu klaren Abschlüssen im Strafraum. Einige Halbchancen fielen zumindest ab, aber Gefahr strahlten sie hauptsächlich dadurch aus, dass sie zwischen den Linien Raum herauskombinierten und dann zu sauberen Distanzschüssen kamen. Zudem konnten sie durch ihre Präsenz in Strafraumnähe Standardsituationen generieren, was ja letztlich zum Ausgleichstreffer führte.

Chelsea ohne frühe Ballverluste

Das Offensivspiel von Chelsea funktionierte besser als die Defensive. Das Aufbauspiel war ruhig und risikolos. Die ungewöhnliche, asymmetrische Formation von Benfica öffnet allerdings auch dem Gegner Räume im Mittelfeld, die Chelsea nur eingeschränkt nutzte. Sie scheuten sich etwas davor, in riskanten Situationen zu kombinieren. Anstatt frühe Ballverluste und damit Konter von Benfica in Kauf zu nehmen, griffen sie recht oft zum langen Ball, was angesichts von 64% gewonnen Luftzweikämpfen keine schlechte Variante war.

Auch die Fokussierung auf die linke Seite half Benficas Defensive, die gut zu diesem Flügel verschoben. Der systematische Raum zwischen Gaitán und Witsel wurde zu wenig genutzt und auch der rechte Flügel blieb meist ohne Einfluss. Chelsea wurde dadurch recht berechenbar.

Somit hatte Chelsea weniger Kontrolle im Angriffsspiel als Benfica. Mit Kalou, Mata, Cole und Torres hatten sie dafür aber mehr Stationen in den Strafraum hinein. Dass der Führungstreffer nach einem langen Ball hinter die Abwehrlinie auf Cole fiel, gab Chelseas Strategie recht. Jedoch war der Elfmeterpfiff in einer Grauzone und damit glücklich. Chelseas Führung war keineswegs zwingend.

Benfica in Unterzahl weiter gefährlich

Ebenso glücklich für Chelsea war der Platzverweis für Maxi Perreira. Die erste gelbe Karte für ihn gab es wegen Lamentierens gegen den Elfmeterpfiff, die gelb-rote war ein Missgeschick, als er dem eigenen versprungenen Ball hinterhergrätscht und einen Sekundenbruchteil zu spät zurückzieht. Ob es gerechtfertigte Entscheidungen waren, sei dahingestellt; das Resultat taktisch relevanter Szenen waren sie nicht. Somit waren sie sportlich gesehen ein wertvolles Geschenk für di Matteos Mannschaft.

Dieses Geschenk vermochten sie jedoch kaum zu nutzen. Benfica war weiterhin überlegen und erzielte kurz vor Schluss sogar noch verdient den (spielübergreifenden) Anschlusstreffer. Das erreichten sie mit einer riskanten Umstellung auf ein 4-3-1-1, welches die Charakteristik des Startsystems beibehielt. Witsel ging auf Perreiras rechte Abwehrposition. Das dezimierte Mittelfeld wurde in eine etwas engere Ordnung zusammengezogen, spielte aber in sehr ähnlicher Aufgabenverteilung.

Somit änderte sich am Spiel überraschend wenig. Chelsea kam leichter und öfter in Überzahlsituationen, die sie aber in ihrer fehlenden Aggressivität schlecht nutzten. Mehrfach kombinierte sich Aimar mit einem oder zwei Nebenspieler durch fünf oder sechs eng gestaffelte Gegner hindurch, weil sich diese zu passiv verhielten. Auch Benficas ballsichere Abwehrreihe kam weiterhin kaum unter Druck.

Die Passivität ließ sich in der ersten Hälfte noch rechtfertigen, da man wohl den Strafraum nicht preisgeben wollte. Um eine Überzahl zu nutzen muss man jedoch aktiv attackieren. Stattdessen wurde Chelsea mit der Führung im Rücken noch um einiges passiver.

Chelseas fehlende Übersicht

Auch offensiv wurden der CFC nicht viel dominanter. Zwar konnte Benfica sie nicht mehr in lange Bälle drängen, die defensiven Risiken von Benficas Formation, die fehlende Abdeckung der Spielfeldbreite im Mittelfeld, nutzten sie aber viel zu schwach.

Situation aus der 46. Minute. Cole spielt in die enge Situation auf dem Flügel anstatt den riesigen Raum im Zentrum zu nutzen.

Benfica spielte nämlich weiterhin aktives Pressing im Mittelfeld, anstatt die Unterzahl durch Passivität und Raumtreue abzufangen. Die großen Zwischenräume, die sie daher beim Verschieben öffnen mussten, steuerte Chelsea viel zu selten an. Das Raumspiel, das unter Villas-Boas oft gut funktionierte, ließen sie vermissen. Auch wenn es in den letzten 20 Minuten besser wurde.

Allerdings kamen sie nach einigen Verlagerungen in 1-gegen-1-Situationen mit Abwehrspielern, in denen sie ihre individuellen Fähigkeiten ausspielen konnten. Auf diese Weise erspielten sie nun mehr Chancen, die jedoch vergeben wurden, weshalb Benfica im Spiel blieb und weiter mit Distanzschüssen und Standards für Gefahr sorgte.

Endphase im 4-3-3

Für die Endphase brachte di Matteo in der 79. Minute den Ex-Porto-Spieler Raul Meireles für Juan Mata und stellte auf ein 4-3-3 um. Nun verteidigte Chelsea etwas aggressiver und schien das Spiel dominant herunterspielen zu können.

Aus einer Standardsituation heraus, machte Benfica aber doch noch das 1:1. Ironischerweise in Chelseas bester Phase. Somit wurde es nochmal spannend, da ein weiteres Tor den Sieger umgekehrt hätte. Chelsea stemmte sich nicht entschlossen genug gegen das Momentum und ließ sich in einigen Szenen nochmal hinten reindrücken.

Aber Benfica fehlte die Klasse im Strafraum letztlich. Meireles machte in der 2. Minute der Nachspielzeit noch das 2:1 bei einem Konter nach einem Freistoß der Gäste. Somit wurden Chelseas Defizite doch nicht bestraft.

Fazit

Benfica trat deutlich geschlossener und entschlossener auf. 22:17 Schüsse, 9:4 aufs Tor aus Sicht der Gäste, das bei 50 Minuten Unterzahl. Ein Sieg und ein Weiterkommen wäre für Jorge Jesus‘ Team absolut verdient gewesen.

Chelsea zeigte ein recht schwaches Spiel. Man könnte sagen, sie taten „das Nötigste“, aber viel mehr war es so, dass sie Glück mit dem Spielverlauf hatten. Benfica hatte bis zuletzt die Möglichkeit, mit einer Aktion das Duell zu drehen.

Falls Chelsea diese Form konservieren sollte, würde der Verein für die Entlassung Villas-Boas‘ wahrscheinlich sogar kurzfristig bestraft werden. Im Halbfinale gegen Barcelona muss jedenfalls gerade defensiv eine viel bessere Vorstellung geliefert werden.

MR 6. April 2012 um 17:49

Danke für die Korrekturen, hab beides angepasst. (Wobei ich die Personalwahl geschickterweise nur als ungewöhnlich und nicht als überraschend bezeichnet hatte. 🙂 )

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emwe 6. April 2012 um 17:15

Wirklich eine tolle und sehr gelungene Analyse und ein voll und ganz zutreffendes Fazit – ein Weiterkommen Benficas wär nicht nur nach beiden Spielen gesehen, sondern auch nur nach dem Rückspiel absolut verdient gewesen.
Dennoch muss man dabei Chelsea sowohl kritisieren als auch loben:
Sie waren in beiden Spielen das (deutlich) schwächere, manchmal geradezu lethargisch wirkende gegen spielstarke, schnelle Portugiesen, Team. Aber trotzdem zweimal gegen diese wirklich, auch international, bärenstarke Mannschaft zu gewinnen, zeugt zwar auch von Glück, aber vor allem von einer großen Erfahrung und Cleverness, die im Halbfinale gegen Barcelona sehr wichtig wird. Bei sehr diszipliniertem Verteidigen ist dadurch sicherlich eine Überraschung drin, doch nach Betracht der gesamten Saison und der zwei Spiele gegen Benfica, ist Barcelona der haushohe Favorit im Halbfinale.

Eine Anmerkung noch:
Die Aufstellung der Innenverteidiger Benficas war nicht sonderlich überraschend, da alle vier Innenverteidiger ausfielen und die Konstellation Emerson-Garcia die logische Kosequenz war.

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Rudelbildung 6. April 2012 um 23:53

emwe: Ich dachte in Bezug auf Chelsea gegen Barcelona ähnlich, mir fielen da zwei Dinge auf. Zum einen ist Chelsea in der Luft stärker als der AC Milan und hohe Bälle/Standardsituationen sind ja ein probates Mittel gegen Barcelona.

Das andere ist die Qualität in der defensive, hier bin ich mir allerdings nicht sicher, ob Chelsea viel stärker ist als der AC? In Bezug auf die Qualität der einzelnen Spieler und des Torwarts vielleicht, ich fand nur, dass die Engländer als Team einfach nicht gut verteidigen, wie MR in Bezug auf dieses Spiel auch anmerkte. Mir fiel da besonders dieser Absatz auf:

„Zumindest der defensivere Teil von di Matteos Strategie ging jedoch kaum auf. Neben Benficas Spielstärke war dafür das Pressingverhalten von Chelsea verantwortlich, welches die Bezeichnung nur bedingt verdiente. Zwar waren die Londoner diszipliniert, gingen gegnerische Vorstöße und verschoben solide zum Ball, aber im gruppen- und indivdualtaktischen Verhalten waren sie schwach. Immer wieder wurde ein Portugiese am Ball gestellt, aber dann nicht attackiert, was auch am oft zögerlichen Doppeln lag. Chelsea fehlte es also sehr an Aggressivität und Leidenschaft in der Zweikampfführung, was bei einem so physischen Team ein ungewohntes Defizit ist.

Auch Passwege wurden gerade im wichtigen Mittelfeld schlecht zugestellt, was Benficas Aufbauspiel sehr vereinfachte und trotz relativ hohen Pressings zu ganz wenigen frühen Ballgewinnen führte.“

Ähnliches habe ich in der Premier League observiert, deswegen glaube ich auch, dass du vollkommen recht hast, dass Barcelona der haushohe Favorit ist.

Kann man sich vorstellen, dass RDM taktische Optionen hat, dieses Auszugleichen? Bin mir nicht sicher, aber vielleicht über die physischen Attribute? Wie MR aber aufzeigt sind diese ja „wertlos“ wenn der Gegner dynamischer und schneller spielt, oder?

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woody10 6. April 2012 um 16:42

danke für die Analyse dieses Matches!

eine Korrektur noch: im letzten Absatz jenes Kapitels, in dem du die Formationen kurz vorstellst, steht zwei mal Ramires. Einmal müsste das durch Ivanovic ersetzt werden.

lg

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