FC Liverpool – FC Arsenal 1:2

Diesen Samstagmittag empfing der FC Liverpool die Mannschaft von Arsenal – ein Klassiker zwischen zwei Mannschaften, welche in den letzten Jahren ihren Ansprüchen etwas hinterherhinken. In solchen Spielen sind Favoriten schwer auszumachen, Arsenal mag die etwas bessere Saison haben (trotz des Cup-Siegs des Gegners), doch auswärts in einem solchen traditionsreichen Spiel hat man an der Anfield Road immer ein schweres Spiel. Dieses Mal sollte es nicht anders sein und es sind die bekannten Tugenden Liverpools, Einsatz und Leidenschaft, welche keineswegs vermisst wurden gegen die eigentlich spielerisch stärkeren Gäste, die dieses Mal allerdings nicht so wirkten.

Wechselwirkung der Formationen

Grundformationen zu Beginn des Spiels

Die Gäste traten mit ihrem klassischen 4-2-3-1-System an, in welchem Benayoun auf links den nominellen Zehner Rosicky unterstützen sollte. Davor agierte der Niederländer Robin Van Persie, aktuell auf dem Weg zum Torschützenkönig und auch er wurde von einem der beiden Flügelstürmer unterstützt, nämlich Theo Walcott, der mehr Zug zum Tor und einen Fokus auf den Strafraum haben sollte, anders als sein Pendant auf der gegenüberliegenden Seite. Da beide Stürmer aufgerückt und hoch spielten, sollten einerseits die Außenverteidiger (Gibbs auf links, Sagna auf rechts) offensiv spielen und Rosicky die Bindung herstellen. Es war die klassische Schlangenformation, wie sie bei Arsenal üblich ist und auch beim FC Barcelona praktiziert wird: ein Sechser vor der Abwehr, welcher vorrangig vor der Abwehr hilft und seine Offensivarbeit in Form von Aufbauspiel ableistet (Song, respektive Busquets), einem Achter, der horizontal verschiebt und das Spiel organisiert (Arteta, respektive Xavi) und einem Zehner, welcher Räume sucht und im letzten Drittel für Kreativität sorgen soll (Rosicky, beziehungsweise Iniesta). Damit versuchte man einigermaßen sicher zu stehen in der Abwehr und bei Aufrücken der beiden Außenverteidiger eine verkappte Dreierkette zu bilden, doch bei Arsenal wurde nicht das Zentrum bei Kontern attackierte, sondern die Lücken auf außen; die Defensivschwäche beim Umschalten Rosickys und Artetas wurde genutzt, um Flanken und Bälle in den Rücken der Abwehr anbringen zu können.

Taktisch war Arsenal auf dem Papier nämlich den Gastgebern überlegen. Liverpool spielte mit einem relativ klassischen 4-4-2, wobei Suarez und Kuyt beides sehr athletische Stürmertypen sind, die beide auf die Flügel ausweichen können – wenngleich sie es in diesem Spiel selten taten. Es war ein Zeichen Dalglishs, dass er das Flügelspiel, Kurzpassspiel und gar hohe Bälle miteinander verbinden konnte, dafür musste aber Carroll draußen bleiben. Ihm fehlt die Wendigkeit der beiden Konkurrenten, welche nicht nur im Zentrum für Wirbel sorgten, sondern sich bei den Flügel und vor dem defensiven Mittelfeld als Anspielstationen und zum Prallen-lassen von Bällen anboten. Ansonsten agierte das gesamte Team der Heimmanschaft sehr klassisch, die Außenstürmer beackerten hauptsächlich die offensiven Außenbahnen und bildeten lediglich defensiv Pärchen mit den beiden Außenverteidigern. Beide Verteidiger auf der Seite kümmerten sich wenig um die Offensive und hielten sich diszipliniert an das enge Linienspiel in der Viererkette, wo sie fleißig von der Viererkette davor unterstützt wurden. Die beiden Sechser organisierten das Spiel rein von hinten heraus und gingen maximal bis ans Ende des zweiten Drittels nach vorne, was für eine kompakte Stellung sorgte. Rosicky wurde eingekreist und konnte nur Rückpässe spielen, während den Außenstürmern des Gegners sowie Weltstar Van Persie kaum Raum und Zeit zum Atmen überlassen wurde. Dies veränderte sich aber im Laufe des Spiels etwas.

Pass- und Kombinationsspiel

Von Beginn an hatte Arsenal große Probleme im Kombinationsspiel und konnte ihr Kurzpassspiel mit hohem Ballbesitz nicht aufbauen. Liverpool stand mit seinen zwei Viererkette hinter der Mittellinie und überließ den zwei Stürmern ein einfaches Attackieren der gegnerischen Innenverteidiger, vorranging sollten ohnehin die Passwege ins Zentrum blockiert werden.

Dadurch provozierte man den Pass auf die Außenverteidiger, konnte danach mit einem Mann attackieren und dicht am Mann dahinter stehen. Die Außenstürmer wurden effektiv aus dem Spiel genommen und Arsenals Kurzpassspiel wurde zum Himmelsfahrtkommando, da nun lediglich der Pass zurück oder in die Mitte übrig blieb – mit Rosicky zwischen den zwei gegnerischen Sechsern sowie Arteta und Song ebenfalls in deren Nähe sowie kompakt von den Stürmern unter Druck gesetzt, hatte man kaum sichere Passoptionen. Das Spiel Arsenals wurde in die Breite und nach hinten gedrückt, insbesondere Sagna rückte extrem weit auf und die beiden Innenverteidiger zurück.

Die Optionen wurden mehr, die Pässe länger und die Bindung zu den vier offensiven Spielern immer geringer, was Liverpools Innenverteidigern zu zweit gegen Van Persie und den defensiv orientierten Außenverteidigern leichtes Spiel einbrachte. Aufgrund der aufgerückten Außenverteidiger der Londoner im Spielaufbau konnten gute Konter gesetzt werden, davon eingeschüchtert zog sich nun Arsenal etwas zurück. Erhöhter Ballbesitz für Liverpool war die Folge, welche aus einer kompakten Defensive mit sicheren Pässen und den zwei Sechsern als sicheren Anspielstationen im zweiten Drittel agierten. Problematisch wurde hier die zu hohe und lethargische Spielweise Rosickys, welcher Arteta auf der Acht und Song vor der Abwehr in der ersten Halbzeit defensiv im Stich ließ und dadurch Liverpool eine sichere Spielweise ermöglichte. Dazu kam das breite Spiel über die Außen, die meist bis zur Grundlinie durchzulaufen versuchten. Ziel hierbei war es, die gegnerische Viererkette auseinander zu ziehen und die Schnittstellen zu erweitern. Mit dieser Methode mussten die gegnerischen Innenverteidiger wie auch Song extrem viel Raum decken, was dem quirligen Suarez und dem laufstarken Kuyt entgegenkam. Im Normalfall rückte ebenfalls der ballferne Außenspieler auf und verstärkte diesen Effekt, während einer der beiden Stürmer Liverpools sich vor dem Strafraum und einer etwas im Rücken der Abwehr positionierte. Weiter hinten sicherten die Sechser und die stark offensiv-passive Viererkette ab.

Eine Kehrtwende gab es dann nach dem Ausgleichstreffer des bis dato blassen Van Persie.  Rosicky ließ sich nun weiter nach hinten fallen und der niederländische Torjäger ebenfalls, beide unterstützten das eigene Aufbauspiel und man spielte generell tiefer. Eine untypische Veränderung im Spiel Arsenals, welche als das offensivste Team der Premier League gelten, seit Jahren. Dieses Mal aber spielte man tief und verbarrikadierte die Räume, um danach möglichst schnell nach vorne zu kontern. Aus dem dynamischen horizontalen Spiel wurde also ein klassisches vertikales Spiel, man schob die Rolle der spielmachenden Mannschaft gänzlich Liverpool zu und war selbst etwas vorsichtiger. Die Scousers fanden nun weniger Räume vor und mit ihrem Fokus auf Sicherheit konnten sie nicht mehr bis zum Tor durchbrechen, hielten den Ball jedoch weiterhin sicher in ihren eigenen Reihen. Song und Arteta positionierten sich teilweise zu nah vor der eigenen Abwehr und hatten keinen Zugriff auf den Gegner, allerdings konnte man so das Spiel zwischen den Linien und damit die Gefahr von kurzen Gassenpässen zu Suarez und Kuyt effektiv bekämpfen.

Chancenverwertung, Psyche und sonstige Veränderungen

Bereits nach der ersten halben Stunde hätte man das Spiel entscheiden müssen: zwei vergebene Großchancen, ein vergebener Elfmeter und ein Tor. Danach setzte es das Gegentor und die Karten wurden neu gemischt – es ist keine allzu gewagte These, wenn man behauptet, das Spiel wäre bei einer besseren Chancenverwertung bereits früh entschieden worden. Für den Gegner ist es beinahe eine große mentale Hilfe, wenn man mehrere Chancen vergibt und danach auswärts den Ausgleichstreffer erzielen kann. Dies zeigte sich insbesondere beim jungen Szeczsny, der beim Elfmeter hervorragend agierte und auch danach mehrere Torschüsse in Weltklasse-Manier parieren konnte. Desweiteren hatte Arsenal nun kein Problem mehr, sich etwas weiter hinten zu positionieren und dafür mit mehr Laufarbeit eine defensivere Haltung einzunehmen.

Im Gegenzug hatte Liverpool Probleme, sich diesem anzupassen und obwohl man in Bezug auf Ball und Raum weiterhin die mindestens ebenbürtige Mannschaft war, konnte man nicht mehr die Geradlinigkeit der Anfangsphase an den Tag legen. Den Hausherren fehlte der Mut aufzurücken und aus ihrem Kokon zu kommen, was zu einer Pattstellung führte.

Dieser Mut wurde ihnen aber in der Halbzeitpause eingeimpft, so schien es zumindest. Kelly konnte ebenso wie sein Gegenüber ab und zu bei offensiven Läufen beobachtet werden und taktisch gesehen war dies eine absolute Notwendigkeit. Mit Arsenals disziplinierterer und tieferer Stellung im Defensivverbund hatten die vier offensiven Spieler weniger Räume. Deshalb mussten sie nun in Halbpositionen agieren und die Seiten öffnen, um mit dem Außenverteidiger für Überzahl zu sorgen. Die beiden Spieler in der Doppelsechs hätten dies aufgrund fehlender Dynamik und dem etwas behäbigen Innenverteidigerduo nicht riskieren bzw. gar nicht praktizieren können, allerdings spielten sie auch ein paar Meter näher am gegnerischen Tor.

Mit der Zeit entwickelte sich ein interessantes Spiel, Arsenal reagierte abermals und nutzte nun die breiteren Räume bei Liverpool, um sich wieder an ihre eigene ursprüngliche Spielweise heranzutasten. Der Ball wurde vermehrt im zweiten statt im ersten Drittel gepasst und die Ballzirkulation verbesserte sich. Dennoch blieb man unter seinen durchschnittlichen Ballbesitzwerten der letzten Jahre, Liverpool presste hoch und gut, Arsenal suchte aufgrund der nun vorhandenen offenen Schnittstellen (fast zu oft) den tödlichen Pass hinter die Abwehr – hinzu kam eben die eigene tiefere Stellung ohne Ball, die man bereits vor dem Seitenwechsel eingenommen hatte.  Passend dazu war die Einwechslung Diabys statt Arteta, der mehr Kraft ohne großen spielgestalterischen Verlust bringen sollte. Der Franzose agiert ein kleines Stück defensiver als der Spanier und es war dieser marginale Unterschied, der die Veränderung Arsenals im Laufe des Spiels unterstrich. Ohne Ball war man tief, mit Ball versuchte man schnell nach vorne zu kommen und die offenen Schnittstellen zu nutzen, wobei sich Liverpool im Laufe der zweiten Halbzeit nicht mehr ganz sicher war, wie sie agieren sollten. Die offensive Stellung machte sie gefährlicher und gleichzeitig angreifbarer, bei der Variante der ersten Halbzeit stand man sicherer, spielte sich aber in den letzten 15 Minuten fest.

Je weiter das Spiel fortschritt, umso mehr entschied sich Liverpool für die erste und somit offensive Variante, man schnürte Arsenal in die eigene Hälfte ein und dominierte das Spielgeschehen nun wieder wie in der ersten Halbzeit; allerdings auf eine ganz andere Art.

Fazit

Ein gutes und taktisch ansprechendes Spiel, insbesondere natürlich von Liverpool. Die Hausherren dominierten das Geschehen und hatten nicht nur (überraschend) mehr Ballbesitz als der Gegner, sondern waren offensiv deutlich präsenter. Das Spiel selbst hatte mehrere unterschiedliche Phasen und letztlich war es der Torinstinkt von Robin Van Persie, welcher den schmeichelhaften Sieg in den Schlussminuten brachte. Die Gunners zeigten sich nur teilweise ebenbürtig und dürfen sich glücklich schätzen, den Niederländer auch in diesem Spiel in ihren Reihen gehabt zu haben.

Henrik 4. März 2012 um 17:53

Walcott hat fast jeden Ball verloren. Er ist nur gut wenn er genügend Raum hat. Da Liverpools Außenverteidiger aber sehr vorsichtig agierten, blieb er einmal mehr hinter den Erwartungen zurück. Wenger ließ ihn aber durchspielen und nahm Benayoun raus, der sich weiter ins Mittelfeld zurück fallen lassen müsste.

Chamberlain im Mittelfeld war ein guter Zug von Wenger. Er, Rosicky und der nun offensiver agierende Kuyt haben dafür gesorgt, dass Song mehr Platz bekam und letztendlich diesen entscheidenten Pass auf van Persie spielen konnte.

Gute Seite, hab sie heute entdeckt. Ich hab garnicht gewusst, dass es sowas auch auf deutsch gibt.

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Captain Vantastic 3. März 2012 um 17:05

Gute Analyse wie immer, ein mMn zu beleuchtender Aspekt wäre noch die Einwechslung Chamberlains gewesen. Als Diaby (verletzungsbedingt?) rausmusste, spielte Chamberlain auf der Spielmacher-Position, was mich sehr erstaunte. Hätte eher erwartet, dass Gervinho, Walcott und AOC die 3 offensiven Positionen unter sich ausmachen, und dass dann van Persie sich auf die 10er Position fallen lässt, weil er typischerweise sich in vielen Spielen fast auf die Höhe der 6er (8er) begibt, um beim Spielaufbau zu unterstützen.

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Henrik 4. März 2012 um 17:58

Diaby war anscheinend wieder leicht angeschlagen.

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