SV Werder Bremen – Bayer 04 Leverkusen 1:1

Für beide Teams und beide Trainer ein richtungsweisendes Spiel. Während bei den Leverkusenern mehr über Dutt und Ballack, als über die sportlichen Leistungen geredet wird, darf sich Schaaf seines Amtes und seiner Spieler mehr oder weniger sicher sein – nicht aber des Standortes in der Bundesliga. Ist man eine Topmannschaft in mäßiger Form, ist man eine schwache Mannschaft in akzeptabler Form oder eine Durchschnittsmannschaft? Die letzten Jahre würden Rückschlüsse auf alle drei Szenarien erlauben, doch dieses Jahr ist eben wieder ein neues Jahr im turbulenten Bremer Vereinsleben. Mit ein paar recht unbekannten Gesichtern empfing man den Vizemeister aus Leverkusen in einem Heimspiel, welches beidem Mannschaften mit einem 1:1 nicht richtig aus ihrem Identitätsdilemma helfen konnte.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Grundformationen zu Beginn des Spiels - zwei Rauten prallen aufeinander, was würde die Geometrie dazu sagen?

Robin Dutt wählte eine interessante Methode, um das Spiel der Bremer zu neutralisieren. Ebenso wie sein Trainerkollege Thomas Schaaf schickte er eine Raute ins Feld, was dafür sorgte, dass sich nahezu jeder Spieler einem direkten Gegner gegenübergestellt sah. Lediglich die beiden Außenverteidiger der zwei Mannschaften hatten sehr viel Raum nach vorne, was aber natürlich bei jedem Offensivausflug schwer bestraft werden könnte. Mit Danny da Costa als rechtem Verteidiger und Castro in der halbrechten Position im zentralen Mittelfeld traten die Leverkusener sehr offensiv und dynamisch auf, man wollte hier die beiden als Schwachpunkt ausgemachten Youngsters Bremens angreifen. Hartherz als linker Verteidiger und Trybull in der Halbposition wurden dadurch vor eine schwere Probe gestellt, welche sie gut bewältigten. Über diese linke Seite Bremens kam es zum Führungstreffer, Trybull, welcher sich generell gut bewegte und das Spiel breit zu machen versuchte, ließ einen Angriff über seine Seite kommen, Pizarro im Zentrum nutzte die daraus resultierende Vorlage mustergültig.

Bei den Leverkusenern gab es einige Aspekte, die sehr gut und einige, die wiederum sehr schwach waren. Zwar hatten sie deutlich mehr vom Spiel und pressten gut, jedoch fehlte es aus der Mitte an Kreativität. Mit Bender als vorderstem Spieler hinter den beiden Stürmern gab es zwar einen extrem laufstarken und individuell hervorragenden Akteur, aber in gewissen Momenten fehlt es ihm an der Dynamik und Präzision sowie etwas Einfallsreichtum im letzten Drittel. Mit Rolfes auf der halblinken Position, der Kadlec gegen die offensivstarken Fritz und Ignjovski bei Bremen absichern sollte, und Reinartz im defensiven Mittelfeld hatte man zwei weitere Spieler, die eher defensive Stärken besitzen. So mögen sowohl Rolfes als auch Bender einen guten Vorwärtsdrang haben, doch während letzterer viel zu sehr gelernter Sechser oder Achter ist, so ist Rolfes technisch oftmals zu unsauber und ebenfalls eher in tieferer Position oder als box-to-box-player klassischer Prägung zu gebrauchen. Reinartz spielte im defensiven Mittelfeld fast als altmodische Sechs, was aber in diesem Spiel keine schlechte Variante war. Er dichtete die Mitte und die Löcher seiner Vordermänner ab, verschob gut und war körperlich präsent. Desweiteren konnte er bei Castros und da Costas Ausflügen nach vorne seitlich verschieben und mit Rolfes eine Art Doppelsechs bilden, was Schürrle etwas nach links verschob.

Ansonsten spielte Schürrle als Mittelstürmer mit Kießling, eine sehr interessante Stürmerkombination. Während Rosenberg und Pizarro unterschiedliche Rollen besetzen, so ähnelten sich Kießling und Schürrle diesbezüglich mehr, obwohl sie zweifelsohne sehr verschiedene Stärken haben. Rosenberg und Pizarro teilen sich die Aufgaben vorne in zwei Teile, wobei sie diese Verantwortungen – das Positionieren an vorderster Front und das Bieten von Anspielstationen um den Vordermann herum – beide erfüllen und tauschen können. Das Leverkusener Sturmduo hingegen besteht aus zwei Spielern, welche beide körperlich und laufintensiv agieren, dazu noch gerne über die Flügel kommen und in einem auf Pressing basierenden System als Stürmer gut hineinpassen. Problematisch wird es aber im Zusammenspiel mit den Hintermännern und vor dem Tor, manchmal bieten sie keine Anspielstationen in den richtigen Räumen, treffen im letzten Drittel die falsche Entscheidungen und harmonieren nicht konstant richtig. Kießling wirkt manchmal etwas tollpatschig, während Schürrle zu verspielt und ballverliebt agiert.

Ähnlich wie letzterer tritt oftmals Mehmet Ekici auf, der beim SV Werder Bremen die Position des Spielmachers inne hatte und nur ansatzweise überzeugen konnte. Abgedrängt durch Reinartz und das aggressive Pressing in der Verteidigung der Leverkusener hatte er schweres Spiel, war aber keine Enttäuschung auf ganzer Linie.

Unterstützung

Ob bewusst oder nicht – fast wirkte es, als ob die vom Papier her „unsicheren Spieler“ der beiden Teams einen Helfer erhielten. Da Costa agierte neben Schwaab und Castro, beides Spieler, welche diese Position kannten und ihm aushelfen konnten, sowohl kommunikativ als auch durch Ausfüllen seiner Verantwortungsbereiche, wenn er nach vorne ging. Castro insbesondere dadurch, dass er als eigentlich potenziell sehr guter Rechtsverteidiger und spielintelligenter Akteur nicht nur diese Position ausfüllen könnte, sondern die zentralen Mittelfeldspieler auch zur Absicherung beauftragen könnte. Mit Bender als relativ tiefem „Zehner“ sowie Rolfes und Reinartz gab es drei Spieler, die durch das Verschieben ebenso die Bereiche da Costas hätten schützen können, allerdings funktionierte dies nicht so recht und deswegen verließ da Costa zur Halbzeitpause das Feld, um Derdiyok Platz zu machen. Es war keine durchweg schlechte Leistung mit einigen vielversprechenden Aktionen, aber Dutt sah sich dazu gezwungen, da er durch die Einwechslung eines bulligeren Stürmers mehr Präsenz vorne erhoffte und Castro, der eine schwache erste Halbzeit zeigte, folglich auf seine Stammposition in der rechten Außenverteidigung rücken konnte. Viel mehr Kreativität mit Schürrle als zentralem Mittelfeldspieler und teilweise einem verkappten 4-3-3 gab es allerdings nicht.

Ähnliche Unterstützung konnte man bei Bremen nicht finden, lediglich könnte man hiergehend argumentieren, dass Bargfrede etwas links spielte und absicherte, während Trybull offensiv wie defensiv mehr Freiheiten genoss, als es bei Ignjovski der Fall war. Dennoch kann man in der kollektiven Ausrichtung eine gewisse Bevorteilung für Werder ausfindig machen, sie spielten deutlich passenderes Pressing, weniger aggressiv und kollektiv, dafür mit schnellerem und vereinfachtem Umschaltspiel in die Spitze. Leverkusen hingegen presste überall auf dem Platz und ab dem ersten Drittel mit extremer Dynamik, musste sich aber nach Ballgewinn auf eine tiefe gegnerische Mannschaft einstellen. So entwickelten sich die 60% Ballbesitz für Bayer, wobei natürlich dazu gesagt werden muss, dass es zwei bis drei Mal im Spiel sehr starke Phasen für Leverkusen gab, wo man den Ball gut laufen ließ und sich den Ballbesitz nicht aufzwingen ließ, sondern selbst sehr gut mit Ball agierte. Dennoch hatte, besonders zu Beginn der zweiten Halbzeit, Bremen eine relativ einfache Taktik, presste nur mit Mannschaftsteilen oder vereinzelten Spielern und formierte sich knapp vor dem eigenen Sechzehner, wenn auch dieser Zustand nicht als Sinnbild für das gesamte Spiel genommen werden darf. Sehr oft wechselten die Phasen der beiden Teams, zumeist Leverkusen natürlich höher, jedoch konnte Bremen ebenfalls teilweise sehr hohen Druck in der gegnerischen Hälfte entfalten, mit und ohne Ball.

Lufthoheit – Bayer hatte sie, Tim Wiese nicht

Ein weiterer Aspekt war die Kopfballstärke der Leverkusener Mannschaft, insbesondere natürlich durch die personelle Besetzung im Zentrum. Da Dutt wohl damit rechnete, dass seine Mannschaft ein besseres Pressing spielen würde und sicherer gegenüber dem gegnerischen Forechecking wäre, waren weite Bälle Bremens die erwartete Maßnahme des Gegners. Um dieser zuvorzukommen, trat man mit einigen kopfballstarken und körperlich groß gewachsenen Akteuren an, man wollte dem SVW keine Chance geben, sich mit simplen Mitteln aus dem hypothetischen Leverkusener Klammergriff zu befreien und gar Pizarro einfach anspielen zu können. Mit der personellen Besetzung und der generellen Positionierung in der Raute, wie eingangs erwähnt, kam Dutt dem zuvor. Fast 70% der Kopfballduelle entschieden die Leverkusener für sich. Das Ausgleichstor fiel ebenfalls per Kopf, Reinartz setzte sich gut in der Luft durch und Tim Wiese kam im falschen Moment heraus – auch noch mit der Faust, was in dem Spiel mehrmals riskant geschah und dieses eine Mal eben bestraft wurde.

Fazit

Ein interessantes Spiel dieser zwei Mannschaften und das Trainerduell ging, wie auch das Match selbst, Unentschieden aus. Schaaf wechselte zwischen den verschiedenen Pressingarten sehr gut, zeigte sich mutig und großteils sehr richtig bei der personellen Besetzung und nahm die Situation an, im eigenen Stadion die konternde Mannschaft zu sein. Dutt dachte gut, doch seine Akteure konnten die ihnen gegebenen Rollen nicht immer perfekt umsetzen. Der der Leverkusener Trainer adaptierte jedoch gut und passte seine Mannschaft nach Halbzeitpfiff an, aber auch das konnte nur für eine Patt-Stellung sorgen.

werra 31. Januar 2012 um 16:29

Ob Castro nochmals in die NM zurückkehrt?

Ob Marin jetzt endgültig raus ist? Verbessern wird er sich in Bremen nicht mehr und TS hat dies scheinbar endlich erkannt.

Interessant, dass Werder erstmals mit zwei kleineren, spielstarken IVs agierte und eben nicht mehr mit zwei unbeweglichen Türmen. Hat dies den Gegentreffer begünstigt? Oder eher weitere verhindert?

Gespannt, ob Werder weiterhin eher defensiv agieren wird, auch gegen schwächere Gegner und ob Ekici seine Rolle als 10er noch finden wird.

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Dylan 8. Februar 2012 um 11:55

Wenn Castro in die NM zurückkehren würde, dann würde ich persönlich mich sehr freuen.
Die Frage ist, auf welcher Position er in Frage käme?
Als Ersatz für Schweinsteiger ist er für mich vorstellbar…

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Danny 30. Januar 2012 um 12:11

Warum experimentiert man nun eigentlich mit da Costa herum?
Da halte ich Toprak in der IV und Schwaab als RV viel sinnvoller.
Wenn Sam wieder fit ist, würde ich Castro auch wieder als RV spielen lassen und Schwaab als IV. Wenn dann auch noch Augusto wieder kommt Sam nach links, Augusto rechts. Warum probiert man nicht mal ein 4-4-1-1 wie Köln?
Derdiyok
Schürrle
Sam Reinartz Bender Augusto
Kadlec Friedrich Schwaab Castro
<3

Antworten

Max 30. Januar 2012 um 22:06

Schwaab ist nicht unbedingt besser als da Costa, Toprak noch nicht ganz fit. Castro wird im zentrl. M eingeplant – dafür kommt ja Corluka (wahrscheinlich)! Ballack war gegen Mainz schwächster Mann auf dem Platz und hat reihenweise Bälle verstolpert, Kreativität Fehlanzeige. Holzi hat RA nie als Alibifußballer bezeichnet, er wird spielen wenn er fit ist. Barnetta ist noch verletzt, Ortega wird wohl noch nicht für fit genung befunden um zu spielen, sollte aber bald so weit sein. Ich denke man wird ein 4-2-3-1 spielen:
Leno
Corluka Toprak Schwaab Kadlec
Bender Castro
Sam Renato Schürrle
Derdiyok

So würde das schon viel besser aussehen in den Partien. Dutt hat halt andere Vorstellungen als Solbakken, ist halt so. Die Idee mit Schürrle a la Reus fände ich auch gut.

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Danny 30. Januar 2012 um 11:26

Schöne Analyse, vielen Dank! Tja, dem Spiel hätte wohl ein Ballack gut getan 😉
Die Kombinaion Schürrle mit Kiesling hat mich gewundert, da spielen schon endlich mal zwei Stürmer, aber dann die beiden. Ich würde eher einen von beiden zurückziehen und Derdiyok wie eine Art Gomez in dem gegnerischen Strafraum fixieren.
Tja woher soll die fehlende Kreativität kommen? Ballack darf nich, Bender und Rolfes sind auch nicht die richtigen. Renato Augusto wurde auch vor seiner Verletzung von Holzhäuser als „Alibikicker“ bezeichnet. Barnetta? Ortega?

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