SSC Neapel – AC Mailand 3:1

Mit Spannung wurde das Spiel zwischen Napoli und Milan erwartet. Die beiden Topteams Italiens hatten ihre Aufgaben auf europäischer Bühne erfolgreich absolviert und gegen die Favoriten Manchester City bzw. den FC Barcelona jeweils ein Unentschieden erzielen können. Nun empfingen die Neapolitaner den Meister im eigenen Stadion und wollten den Rossoneri ein Bein stellen. Die Mailänder hingegen hatten nach dem Unentschieden im Auftaktspiel gegen Lazio noch eine offene Rechnung und wollten sich beweisen.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Grundformationen zu Beginn

Wie seit Jahren üblich trat der AC Mailand mit seiner bekannten Rautenformation an. Dieses 4-3-1-2 war einer der Gründe für die tollen europäischen Leistungen Mitte der letzten Dekade und gilt doch heutzutage als etwas überholt, nichtsdestotrotz halten die Rossoneri meistens daran fest und konnten im letzten Jahr die Meisterschaft feiern. Dieses Mal agierte Mark Van Bommel als der Spielmacher in diesem System, er kam auf der tiefsten Position der Mittelfeldraute zum Einsatz und wurde mit Nocerino und Seedorf auf den Halbpositionen unterstützt. Interessant, dass mit Nocerino der defensivere der beiden beim offensiveren Außenverteidiger, Abate, zum Einsatz kam, während Bonera den halblinks agierenden Seedorf absicherte, der viele Freiräume genoss. Der nominelle Zehner war Aquilani, der mit seiner Vorliebe für Lochpässe für den tödlichen Stoß sorgen sollte – dieser gelang ihm aber per Kopf, als Cassano auf den linken Flügel auswich und eine Flanke in den Strafraum brachte. Neben Cassano agierte im Sturm Alexandre Pato, die beiden zeigten sich fluid und beweglich, was für ein paar gefährliche Szenen sorgte, aber letztendlich gegen die drei Innenverteidiger Napolis und deren schematisch tiefe Position nicht viel ausrichten konnte. Die Viererkette bildeten neben dem offensiven Abate und dem defensivorientierten Bonera die beiden Stamm-Innenverteidiger Nesta und Thiago Silva vor Torhüter Abbiati.

Napoli trat im 3-4-3 an, wobei sich die Mittelfeldspieler natürlich der gegnerischen Raute anpassen mussten. Dossena und Maggio hatten nicht nur die Aufgabe, Bonera und insbesondere Abate bei ihren Vorwärtsgängen zu verteidigen, sondern mussten sich auch um Seedorf und Nocerino kümmern, die in den Halbpositionen agierten. Dies gelang aber ganz gut, da mit dem eher defensiven Nocerino und Bonera auf jeder Seite des Spielfelds eine offensive Gefahr de facto wegfiel und man sich hauptsächlich auf einen Gegenspieler konzentrieren konnte. Ein weiterer Grund für den Erfolg dieser Defensivtaktik war die tiefe Stellung der drei Innenverteidiger, bei denen Cannavaro mittig agierte und von Campagnaro auf rechts und Aronica auf links geholfen wurde. Davor sorgten Inler und Gargano mit hoher Laufarbeit und Kampfkraft für ein dichtes Zentrum, welches dafür zuständig war, schnell umzuschalten und die Offensive zu unterstützen, welche das Trio Cavani, Hamsik und Lavezzi war. Dies war trotz des 1:0-Rückstandes zu Beginn eine gute Taktik und wurde dank dreier Tore Cavanis mit einem souveränen Sieg belohnt.

Milans Schwäche

das Problem bei einer Raute - es fehlt an der Breite im letzten Drittel

Eines der Probleme bei Rauten-Formationen ist, dass es dem Spiel an Breite fehlt. Die Flügelpositionen sind nicht besetzt und man hat ein sehr geballtes Zentrum, was für wenig Raum und eine einfache Verteidigung für den Gegner sorgt. Fast schon zwangsläufig wird man ausrechenbarer und benötigt entweder extrem viel Dynamik und Sicherheit im Passspiel oder Kreativität im letzten Drittel, um dieses Problem überwinden zu können – Milan hatte beides nicht und zeigte offensiv keine gute Leistung. Abate, die Stürmer und die Spieler auf den Halbpositionen versuchten auch im letzten Drittel dieses Manko zu kaschieren, indem sie auf den Flügel rochierten, doch es gelang viel zu selten. Dadurch, dass Bonera nicht wirklich offensivstark und Seedorf nicht dynamisch genug ist, entstand eine negative Asymmetrie, die sich sehr unvorteilhaft auswirkte. Die Champions-League-Siegermannschaft Milans von 2007 hatte mit Oddo, Jankulovski, Cafu, Serginho auf den Außenverteidigerpositionen und den damals dynamischeren Seedorf, Ambrosini und Gattuso die perfekten Spieler für dieses System, was neben einem extrem kreativen Zentrum, perfektioniert von Kaká und Pirlo, auch die nötige Breite für diese Spielweise hatte. In den letzten Jahren geht diese Dynamik allerdings ab und trotz vollmundiger Versprechen Berlusconis hat man den Kader in diesem Sommer nur punktuell aufgefrischt, was nicht genug zu sein scheint. Natürlich hat der AC Mailand weiterhin eine starke Mannschaft, doch man muss schauen, ob man mit dieser Spieleweise und dem Spielermaterial weiterhin international konkurrenzfähig ist.

Das Napoli-Prinzip

Die Löcher, die Neapel entstehen ließ und sie bei ihren Kontern nutzte

Allerdings muss man anmerken, dass der SSC Neapel eine starke Mannschaft ist und taktisch die Raute in ihre Einzelteile zerlegte. Nicht nur, dass man die Löcher auf den Außen in der Offensive nutzte, man zerstückelte auch die Defensive der gegnerischen Raute und profitierte davon. Einerseits machte man das Zentrum mit der Doppelsechs dicht und die Wingbacks sicherten die Außen, was dafür sorgte, dass Milan kaum einen Weg hindurch fand. Durch die schematisch tiefe Rolle zwang man dann Milan dazu, sich entscheiden zu müssen, ob man ein Loch im Zentrum entstehen lassen würde oder ob man aufrücken und dann einen Nachteil gegen die schnellen gegnerischen Stürmer in Kauf nehmen müsste.

Beide Varianten hatten große Nachteile, wenn Van Bommel und die Viererkette tief agierten, dann gab es sehr viel Raum zum Umschalten für Napoli und man konnte mit einem Dribbling viel Platz in der Mitte erobern oder fallen lassenden Stürmern den Ball einfach spielen. Wenn Milan aufrückte, dann gab es sehr viel Raum dahinter und einiges an Raum in den Löchern der Raute, die man zwar kaschieren, aber nicht verschwinden lassen konnte.

Exakt diese Löcher nutzte Napoli bei seinen Kontern, die sie in rasender Geschwindigkeit und extrem gekonnt zu Ende spielten und so das Spiel mit 3:1 für sich entschieden. Abermals zeigten die Neapolitaner, dass Konterspiel nicht nur modern, sondern auch ansehnlich sein kann.

Fazit

Kein berauschendes, aber ein gutes Spiel, in welchem die Probleme einer Raute und fehlender Dynamik einmal mehr zur Schau gestellt wurden. Napoli hatte zwar im eigenen Stadion weniger Ballbesitz als der Gast, dennoch ließ man selten Zweifel aufkommen, wer die bessere Mannschaft an diesem Abend war. Cavani erzielte einen Hattrick und sorgte dafür, dass Milan nur einen Punkt aus den ersten zwei Ligaspielen für sich verbuchen kann. Die Rossoneri werden sich etwas einfallen lassen müssen, wenn sie ihr System weiterhin so weiterspielen möchten.

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