WM kompakt: Gruppenphase, Spieltage 1 und 2

Kompakte Spiel- oder Aspektanalysen zu zahlreichen Partien der WM-Gruppenphasen: Unter anderem mit Frankreich, England und den deutschen Gruppengegnern.

Erster Gruppenspieltag

Gruppe C: Frankreich – Australien 2:1

Zum Auftakt gab es für die mitfavorisierten Franzosen von Didier Deschamps gegen einen guten Defensivauftritt Australiens noch manche Schwierigkeiten. Zwar hatte das französische Team viel vom Ball, aber wenig Durchschlagskraft. Von den beiden Achterpositionen ging reichlich Präsenz vor den zwei hinteren Defensivreihen des Gegners aus, aber die Orientierung lag zu stark auf dem direkten Pass hinter die Abwehr und dem direkten Lauf der vielseitigen, umtriebigen Sturmlinie. Problematisch war vor allem das ungünstige Timing zwischen den Aktionen, während Australien nicht nur mit einigen guten Staffelungsumformungen im zentralen Mittelfeld Frankreich zu vielen Verlagerungen drängen konnte, sondern vor allem in der Strafraumverteidigung durch starke Organisation auffiel.

Wirksamer waren die Bewegungsmuster der französischen Angreifer bei den direkten Diagonalpässen der Außenverteidiger hinter die Abwehr, aber auch dagegen kam die Viererkette der Australier später besser zurecht. Als Frankreich mal konsequenter den kurzen Weg durch die Halbräume fokussierte und Australien von den offensiven Flügelpositionen nicht mehr so konsequent unterstützen konnte, brachte dies etwa den guten Spielzug zum – wenn auch glücklich abgefälschten – 2:1. Auch im Pressing ließ der Favorit noch Luft nach oben: Die Australier bauten zunächst sehr vorsichtig auf, mit vielen horizontalen Ballpassagen zwischen den Innenverteidigern und zwischen den tiefen Sechsern. Über das gute Passspiel dieser Akteure kamen sie nach gemächlicher Vorbereitung aber irgendwann doch recht simpel hinter die französischen Achter.

Dort musste Australien stets aufpassen, nicht durch Kantés Herausrücken abgedrängt zu werden. Insgesamt machte Zehner Rogic das aber gut, die Bälle in den Zwischenräumen zu sichern und schnell weiter nach außen zu verteilen. So kamen die Australier zu einigen vielversprechenden Szenen gegen die Abwehrreihe: Mit ihren sehr klaren, aber auch simplen Diagonalbewegungen konnten sie jedoch nie wirklich genug Effekt aufbieten, um die überlegene Athletik von Varane und Umtiti zu überwinden. Aus ähnlichen Gründen fand der van-Maarwijk-Vertikalstil schließlich auch bei Konterangriffen zu keiner Schlüsselrolle in diesem Match. Gefährliche Umschaltaktionen hatten in der zweiten Halbzeit kurzfristig eher die Franzosen, wenn Australien mehr Aufrücken versuchte, da ihre Durchbruchsaktionen im Offensivdrittel ansonsten recht klar über die Angriffsspieler als einzelne Gruppe liefen.

Gruppe F: Schweden – Südkorea 1:0

Eines der Fragezeichen kurz vor dem Turnierstart war Deutschlands Gruppengegner aus Südkorea, nach einer personell wechselhaften Vorbereitung und einem überraschenden 5-3-2-haften Formationsexperiment im allerletzten Testspiel. Gegen Schweden trat die Mannschaft von Shin Tae-Yong schließlich in einer Mischformation an, die aus einem 5-4-1 immer stärker in eine 4-1-4-1-hafte Variante tendierte. Das verband die Mannschaft mit einer risikolosen Spielweise, versuchte nur selten ihre typischen (zu) direkten Vertikalkombinationen, sondern betonte vielmehr längere Bälle in Ausweichzonen, die sie mit wenig Offensivpräsenz am Flügel aber selten gegen Schwedens Physis festmachen konnten.

Dass die Südkoreaner somit wenig Kontrolle ins Spiel brachten, wurde noch durch die suboptimale Ausführung ihrer Mischformation verstärkt. Die beiden vorderen Mittelfeldakteure Lee und Koo – also keineswegs Sechsertypen – orientierten sich bei Ballbesitz recht weit nach vorne. Dahinter blieb aber der Sechserraum teils unbesetzt: Das hätte wohl Schlüsselspieler Ki leisten sollen, er konnte sich aber nicht konstant und frei dort einbinden, da die Abwehrspieler sich aus der Mischformation heraus eher wie aus einer Fünferkette verhielten und auch Ki dementsprechend handeln musste bzw. auch nicht immer ganz so weit aufrücken wollte.

Letztlich fehlten den Koreanern im zweiten Drittel somit die stabilen Rückpasswege. Wenn sie Übergänge durch zentralere Räume herstellen wollten, gerieten die „Achter“ nahe der schwedischen Mittelfeldreihe sofort unter Druck und hatten wenig Anschlussmöglichkeiten. Auch konnten sie nicht wirklich stabil durch den etwas offenen Sechserraum zirkulieren, um Szenen besser und sauberer vorzubereiten, sondern mussten viel lokal lösen und über diagonale Anspielversuche der Flügelverteidiger aus „Kompromiss“-Staffelungen agieren. In diesen Szenen blieb ihr Spiel immer durch den kleinen Pool festgelegter Optionen und fehlender Alternativrouten eingeschränkt.

So hatten letztlich die eigentlich defensiv ausgerichteten Schweden sogar mehr vom Spiel. In Ballbesitz zeigten sie einen recht guten Auftritt und präsentierten sich insgesamt gefälliger als vielleicht im Vorfeld zu erwarten war. Die Sechser hatten einige passende Herauskippbewegungen im zweiten Drittel und kurbelten das Spiel solide an. In den Angriffszonen bewegten sich die Offensivspieler zwar meistens sehr hoch, in flachen und teilweise zu flachen Staffelungen. Aber aus diesen heraus starteten sie gelegentlich nochmal Folgebewegungen und vor allem formierten sie sich vergleichsweise eng, so dass es potentielle Grundverbindungen gab. Diese versuchten sie über schnelle Direktweiterleitungen nach Vertikalpässen auszuspielen.

So hatte Schweden einige, punktuell sehenswerte Ansätze am Strafraum und am Ende auch die besseren Chancen: Gerade nach unkontrollierten Abprallern war das der Fall, wo sie ihre hohe, dichte Präsenz für nochmalige Doppelpässe oder durchgesteckte Bälle nutzen konnten, und hier wurde den Zuschauern auch etwas geboten. Ansonsten zeigte sich überhaupt die Strafraumbesetzung der Mannschaft von Janne Andersson sinnvoll: Verlagerung auf den ballfern nicht zu breit nachrückenden Außenverteidiger spielten sie mit gutem Timing und schoben sich bei dessen Halbfeldflanken bewusst in sehr kompakte Ballungen, überluden also Südkoreas zentrale Abwehrspieler recht konsequent teilweise mit allen vier Angriffsspielern.

Auch wenn die Schweden nicht vor Kreativität sprühten und für ihren einzigen Treffer einen Elfmeter nach einer Standardsituation brachten, war ihr Sieg schließlich verdient. Dass beide Mannschaften im Offensivspiel eher wenig Mittel gegeneinander finden würden, war vorher zu erwarten, es wurde aber keine dröge Begegnung, sondern eine mit vielen interessanten, teils ausbleibenden und teils unorthodoxen Wechselwirkungen.

Gruppe G: Tunesien – England 1:2

Tunesien gehört(e) zu den potentiellen Hipster-Teams dieser WM, insbesondere wegen ihrer kombinativen Qualitäten aus einem recht stark auf Zentrum und vor allem Zwischenlinienraum fokussierten Aufbau. Gegen England standen die Mannen von Nabil Maaloul als Außenseiter ganz knapp vor einem (sensationellen?) Punktgewinn, schafften dies jedoch hauptsächlich über die defensive Arbeit und agierten überhaupt mit einem sehr pragmatischen Ansatz. Bei Ballbesitz wagten sie kaum mal ihren spielerischen Stil mit den sehenswerten Schnellkombinationen, sondern arbeiteten mit einfachen langen Bällen und bauten hauptsächlich über die Flügel auf. Letzteres machte gegen die vielen 5-3-2-Staffelungen der Engländer auch insoweit Sinn, dass man vor der zweiten Defensivreihe seitlich erst einmal etwas Platz hat.

Insgesamt mussten die Tunesier mit dieser Ausrichtung wenig Risiko eingehen, waren aber eigentlich schon zu zurückhaltend und ließen weite Teile ihrer Spielstärke ungenutzt. Den Ausgleichstreffer zum Ende der ersten Halbzeit erzielten sie durch einen zweifelhaften Elfmeter, der aus einer eigentlich ungefährlichen Szene heraus gepfiffen wurde. So hatten sie für den zweiten Durchgang ein Remis zu verteidigen und das taten sie recht geschickt: Vor allem nach der Pause verfestigte sich die Tendenz zunehmend, dass die Tunesier eine wirkliche Fünferkette aufbauten, indem Rechtsaußen Ben Youssef bis in die letzte Linie zurückfiel und sein Pendant Sliti sehr zentral verteidigte. Diese Umstellung passte defensiv gut: Vor allem konnten so die Vorstöße der englischen Flügelverteidiger viel besser aufgenommen werden als zu Spielbeginn, auch dank günstigerer Umstände etwa beim Sichtfeld.

Gleichzeitig führte der zweite Zentrumsspieler in der ersten Pressinglinie dazu, dass sich die Achter etwas tiefer halten konnten und im Pressing erst später herausrücken mussten, da die seitlichen Aufbauzonen um die Formation herum den Engländern nun ohnehin überlassen wurden. Vor der Halbzeitpause hatten die Tunesier aus dem Zentrum heraus sehr weiträumig verteidigt, mit viel Improvisation, manchen Mannorientierungen und guten, aber riskanten Diagonalbewegungen der Mittelfeldleute nach vorne. Dagegen war England auch gefährlich geworden – allerdings nicht, wie zu erwarten, über Vertikalpässe aus der präsenten Aufbaudreierkette auf einzelne Freilaufbewegungen der Offensivspieler in die Zwischenräume hinter den Achtern. Vielmehr hatten die Mannen von Gareth Southgate mit längeren, gechippten Pässen in kleine Halbraumballungen aus häufig drei Spielern operiert.

Die Ecke zum frühen 0:1 war etwa über einen sehenswerten Ablagespielzug über Kane und Sterling nach langem Ball entstanden. Im Verlauf der ersten Halbzeit hatten vor allem Lingards flexible Nachstöße von der Acht hinter die Kette nach solchen Zuspielen die Tunesier vor große Probleme gestürzt. Mit der veränderten formativen Ausrichtung und Aufteilung bekamen sie in jene Zwischenräume deutlich mehr Präsenz und England verlor so massiv an Durchschlagskraft nach dem Seitenwechsel. An der strategischen Klarheit im Aufbau über den Sechserraum fehlte es noch etwas und in der Ballzirkulation trotz einer weiträumigen und sauberen Grundanlage an Selbstverständlichkeit, um den hinten präsenten Gegner zu knacken. Tunesien wiederum beschränkte sich fast nur noch auf das Verteidigen und konnte nicht allzu viele Umschaltszenen auslösen. Fast hätte diese Marschroute zum Erfolg geführt, doch in der Nachspielzeit brachte ein zweites Eckentor den Sieg für England.

Gruppe H: Polen – Senegal 1:2

Eine der großen Enttäuschungen des ersten Gruppenspieltags waren die Polen in der Gruppe H, die vor Turnierbeginn mit ihren vergleichsweise ausgeglichenen Ausgangsvoraussetzungen schwierig zu prognostizieren war. In einer offensiven Ausrichtung hatten sie enorme Probleme im Aufbauspiel und kamen gegen das 4-4-2-Mittelfeldpressing des Senegals überhaupt nicht zu vernünftigen Aktionen: Ständig ließen sie sich simpel auf den Außenverteidigerpositionen zuschieben und fanden dort keinerlei Anschluss oder Lösungen. Gelegentlich versuchte mit Krychowiak der tiefere Sechser durch verschiedene Zurückfallbewegungen zu helfen, aber das geschah weder strukturell noch vom Timing besonders koordiniert. Die Innenverteidiger waren spielerisch eher schwächer als der Turnierdurchschnitt und so hing Polen immer wieder auf den Seiten fest, wo der Senegal sehr klar ins Pressing gehen konnte.

Nach einzelnen Ballgewinn konnten die Westafrikaner im Umschalten gefährlich werden, auch wenn sie insgesamt nicht glänzten und im Aufbau selbst gegen Polens 4-4-2 wiederum auch nicht so viel zustande brachten – dafür mit mehr Potential auf den Innenverteidigerpositionen. Ein wichtiger Vorteil für den Senegal war die Überlegenheit bei zweiten Bällen in verschiedensten Situationen, zumal beide Teams aus den Aufbauszenen heraus oft mit weiten Schlägen operierten. Das Nachrückverhalten der Mannschaft von Aliou Cissé funktionierte kraftvoller und geschlossener, im individuellen Verhalten war das auch für die Einleitung des 0:1 entscheidend.

Den Polen dagegen fielen an diesen Stellen gewisse Kompaktheitsprobleme auf die Füße: Horizontal lag das eher an der allgemeinen Spielanlage, vertikal an ihrer offensiven Ausrichtung. Die Milik-Einbindung hinter Lewandowski wirkte nicht gut abgestimmt. Zielinski konnte zwar die größeren Mittelfeldräume durch viele Dribblings zum linken Halbraum überbrücken, aber musste hinter sich dann viel Raum lassen. Vor allem zog es ihn nach halblinks, wo er das Zusammenspiel mit dem extrem engagierten, in seinem Interaktionsdrang aber bisweilen für die Umstände zu riskanten Grosicki suchte, punktuell auch mit Lewandowski. Dies brachte der Mannschaft von Adam Nawalka einige Ansätze, aber insgesamt bedeuteten das schwache Aufbauspiel und die unkompakte Absicherung in den Offensivzonen eine zu große Hypothek.

Letzteres schien im Laufe der Begegnung zunehmend auch die Sauberkeit in den Bewegungsmustern und die Schärfe in der Entscheidungsfindung zu schwächen, da die Spieler natürlich die Instabilität im Team und die mögliche Gefahr, die von bestimmten eigenen Aktionen, wie man sie normalerweise hätte machen können, auszugehen drohte, spürten. Fast symptomatisch war daher das 0:2, das aus einem Abstimmungsproblem bei einem eigenen Rückpass resultierte. Torschütze Niang war auch von seiner Rolle her ein wichtiger Akteur für die Offensivausrichtung der Senegalesen: Sein enorm häufiges Ausweichen auf den linken Flügel von Superstar Mané konnte als einfaches, aber konsequent umgesetztes Element zusätzliche Möglichkeiten auf jener Außenbahn schaffen oder Raum öffnen.

Zweiter Gruppenspieltag

Gruppe F: Serbien – Schweiz 1:2

Das intensive und stark aufgeladene Duell zwischen Serbien und der Schweiz war in seinen Wechselwirkungen grundsätzlich ein typisches Aufeinandertreffen 4-2-3-1-hafter Formationen, aber mit vielen interessanten Zusatzaspekten und einigen besonderen Dynamiken. Beide Pressingvarianten wurden einige Male überspielt und so gelangten die Teams zu häufigen Ansätzen im Zwischenlinienraum, die aber ebenso oft unvollendet blieben. Bei den Serben lief im Aufbau fast alles über Nemanja Matic als Überbrückungsspieler halblinks, der sich kleine Kompaktheitslücken hinter den gegnerischen Stürmern suchte und mit raumgreifenden Diagonaldribblings das Leder nach vorne trug.

Vonseiten der Schweizer rückten die Sechser oft und bisweilen unvorsichtig weit nach vorne heraus und so wurde Behrami einige Male überspielt, die Kollegen mussten sich absichernd zurückfallen lassen und Matic konnte Tempo in den Raum zum Aufrücken machen. Für die Folgeaktionen brachte Serbien fast immer zwei Offensivspieler zwischen die Linien, während einer für Vorwärtsbewegungen blieb und Mitrovic mit seiner enormen körperlichen Präsenz als Zielspieler diente. Der Mittelstürmer wurde mit zahlreichen Flanken und auch mit vielen längeren Bällen gesucht, die bei den Serben eine wichtigere Rolle einnahmen. Über die konsequente Orientierung an dieser Rollenverteilung hatte das Team stets eine solide Grundgefahr im Spiel.

Strategisch kam ihnen der schnelle Führungstreffer entgegen, der die Schweizer zu mehr Initiative, aber auch zu etwas mehr Vorwärtsrichtung im Pressing drängte. Mit der Zeit fanden die „Eidgenossen“ besser ins Spiel und konnten ihrerseits einige Male die gegnerische Mittelfeldlinie überwinden: Diese wechselte zwischen ebenfalls vielen Vertikalbewegungen der Sechser und recht engen Positionierungen der Flügelspieler. Dagegen versuchten es die Schweizer mit verschiedenen Mechanismen: Teilweise rückte Lichtsteiner in den Halbraum, um Kostic noch enger zu ziehen und Passwege auf den breit bleibenden Shaqiri zu öffnen, der aber auch viele Bewegungsfreiheiten erhielt.

Zurückfallende Bewegungen des Rechtsaußen oder auch des umtriebigen Dzemaili verfolgten die serbischen Sechser abwechselnd sehr weit. Gelegentlich konnten die Schweizer sie herauslocken und die verschiedenen Mannorientierungen bespielen, indem mal einer der herum driftenden Offensivspieler frei kam, jedoch blieben in ihrer bewegungsreichen Anlage die eigenen Verbindungen nicht immer stabil. Jene Mannorientierungen nahmen Mladen Krstajic´ Serben jeweils flexibel auf: Sie funktionierten wechselhaft, wurden aber durch die etwas engeren Flügel – auch wenn sie selbst mannorientiert zurückfielen – abgesichert und vor allem durch die engagierten Stürmer ergänzt, die hinter dem Ball viele Räume zuliefen und die Passwinkel für die „Eidgenossen“ erschwerten.

Im defensiven Mittelfeld der Schweizer kippte Behrami etwas häufiger ab als Xhaka oder nach rechts heraus, so dass eine Aufbaudreierkette entstand, aus der Akanji links in sehr breiten Zonen aufrücken konnte. Zwar versuchte er viel diagonal anzukurbeln, fand durch die wechselhaften Bewegungen vor ihm aber wenig Optionen. Vielversprechend wären anspruchsvolle Diagonal- bzw. aus seiner breiten Position fast schon Horizontalpässe in Richtung des Zehnerraums gewesen: Bei den Serben rückte in diesen Szenen Milivojevic sehr weit mit herüber und zu Matic entstanden größere Horizontallücken, die die Schweiz vielseitig anzulaufen versuchte, mal durch Zubers Einrücken, mal durch unorthodox weiträumige Läufe Xhakas.

Allerdings klappte es nicht ganz, diese Bewegungen aus den häufig unübersichtlichen Situationen hinaus einzusetzen – zum einen waren die Abläufe selbst etwas wild, zum anderen behielten die Serben durch die engagierte Mitarbeit von Milinkovic-Savic und Mitrovic oft eine dichte Präsenz über den Passzugängen in diese potentiellen Lücken hinein. Insgesamt besetzte die Schweiz den Zwischenlinienraum flexibler als die Serben, aber auch mit weniger Klarheit. Vor allem Zuber versuchte zudem immer wieder herum zu kombinieren, machte das aber unsauber und hektisch, Dzemaili brachte vielseitige, aber oft überambitionierte Bewegungen ein und das Team im gesamten Team stellte sich wechselhaft dar. So hatte die Schweiz viele Ansätze, aber es blieb meist dabei.

In der Schlussphase gelang es dem Team aber, das Übergewicht auf die eigene Seite zu ziehen und das Spiel zu den eigenen Gunsten zu entscheiden: Nach einer ausgeglichenen Schussbilanz bis zur 80. Minute sammelte sich für die letzte Phase eine 8-0-Verteilung zugunsten der Schweiz. Die Serben versuchten es nach offensiven Wechseln mit einer Art 4-3-3/4-1-4-1 und ließen Milinkovic-Savic und Ljajic quasi als Achter vor Matic spielen. Dadurch verloren sie etwas an Absicherung gegen Konter und auch an Zugriff bei zweiten Bälle, da nach hinten die Intensität leicht zurückging und nach vorne die genaue Organisation nicht eindeutig schien, während die Schweizer sich hier horizontal sehr eng zusammenzogen und clever verhielten.

Gerade Lichtsteiner und die Sechser blieben in zentralen Räumen bei serbischem Gegenpressing sehr ruhig. Sowohl aus Kontern wie aus Schnellangriffen wurden Dribblings und Bewegungen hinter das serbische Mittelfeld fokussiert, vor allem von halbrechts abwechselnd durch Shaqiri und den eingewechselten Embolo. Nicht nur im Umschalten boten sich gewisse Räume hinter den Achtern, auch per Schnellangriffen gelang es einige Male, diese über eine breite Aufbaukette diagonal zu überspielen. Ob präzise geplant oder in den situativen Dynamiken einfach sehr gut gelungen: Erneut attackierten die explosiven Drehungen von Shaqiri und Embolo gegen Matic die serbische Defensive sehr wirksam. So wirkten sich diese feinen Veränderungen überraschend gravierend aus und brachten mit etwas Glück auch noch das späte Kontertor zum 1:2.

Gruppe G: England – Panama 6:1

Beim krassen Außenseiter aus Panama stellte sich zum Turnierstart unter anderem noch die Formationsfrage: Würde Trainer Hernán Gómez auf das bewährte 4-4-2 setzen oder für mehr Stabilität auf die zuletzt einige Male getestete 5-4-1-Alternative umstellen? In unserer WM-Vorschau wurde diskutiert, dass eine dritte Möglichkeit der Schlüssel sein könnte, die aber seit einigen Monaten nicht mehr zum Einsatz gekommen war: eine 4-2-3-1/4-1-4-1-Mischung. Etwas überraschend brachte Panamas Trainer diese Variante direkt zum Auftakt gegen Belgien und das zahlte sich grundsätzlich aus: Die Mittelamerikaner gewannen dadurch direkt mehr Anpassungsfähigkeit im Pressing und konnten den offensivstarken Belgiern ein 0:0 zur Halbzeit abringen, ehe sie durch einen Sonntagsschuss von Mertens auf die Verliererstraße gerieten.

Auch in der zweiten Partie gegen England machte Panama in dieser Ausrichtung eigentlich einen guten Eindruck, obwohl der Verlauf der ersten Halbzeit sich ganz anders abspielte als zuvor gegen den anderen Favoriten – diesmal schon mit einem 0:5-Rückstand zum Pausentee. Gegen die englische 5-3-2-Formation interpretierte der Außenseiter sein System mit kleineren Veränderungen gegenüber dem Duell mit der Dreierkettenvariante Belgiens: Nun agierten die offensiven Flügelspieler konstant tiefer, in vielen Fünfer- und Sechserkettenstaffelungen, aber mit insgesamt recht geschickter Umsetzung.

England offensiv, Panama defensiv

Auf der linken Defensivseite beispielsweise pendelten die beiden Außenspieler zwischen dem in die letzte Linie rückenden Loftus-Cheek, Rodríguez fand gutes Timing beim Pressingübergang auf Trippier und davor konnte Godoy in einer diagonalen Rolle seine Weiträumigkeit einbringen, um durch den Halbraum auf tiefere Positionierungen des Flügelverteidigers oder etwaiges Vorrücken von Walker herauszuschieben. Gut ergänzt wurden diese ballfernen Rückstöße von Cooper mit einigen anpassungsfähigen Bewegungen. Dessen etwas höhere Spielweise passte auch in seinem eigenen Halbraum:

Dort holte sich Young häufiger mal tiefer die Bälle ab, Bárcenas rückte dagegen aus tiefer Staffelung wieder heraus und direkt daneben schirmte Cooper den Halbraum ab, um daraus entweder (den durch die unterschiedlichen Rollen fast etwas zu präsent werdenden) Maguire langsam unter Druck zu setzen oder die flexiblen Rückstöße vor allem von Lingard aufzunehmen.

Dessen Bewegungsmuster bildeten abermals ein Schlüsselelement für die Engländer, deren strategische Spielsteuerung weiterhin noch Luft nach oben ließe. Da die horizontalen Verbindungen des Favoriten zwischen den jeweiligen Flügeln über die Achterpositionen nicht so stabil aufgestellt waren, ging es für Panama zunächst auf, die beiden Außenbahnen jeweils für sich in tiefen Staffelungen zu verteidigen. England konnte dort selten direkte Dynamik aufnehmen und hatte kaum sofortige Verlagerungsanbindungen, sondern musste Seitenwechsel über die hinteren Linien organisieren oder mit anspruchsvollen Flugbällen stemmen, die gegen Panamas individuelle Unterlegenheit noch ordentlich funktionierten. Gelungen war der beste Spielzug über eine Kombination von Lingar und Sterling halblinks zum 3:0. Bis dahin war der Favorit aber eigentlich nicht so gefährlich: Nach einer halben Stunde führten sie zwar 2:0, jedoch mit nur zwei Abschlussversuchen, einmal per Ecke und einmal durch einen schmeichelhaften Elfmeter nach einem langen Ball hinter die Abwehrkette.

Erst danach und vor allem mit dem 3:0 wurde langsam der Widerstand Panamas gebrochen, die Kompaktheit ließ nach und England konnte von den Flügeln im Angriffsdrittel besser horizontal nach innen gelangen, woraus sich direkt Kombinationspotential entzünden ließ. Als sie im weiteren Verlauf mehr Personal zurückzogen, konnten sie etwas ruhiger und strukturierter aus dem Mittelfeld in den Zwischenraum um Panamas linken Achter eindringen. Dort lief sich Loftus-Cheek enger und einrückender frei, konnte teilweise sehr sauber in jener Lücke bedient werden. Sein Fernschuss leitete so den letzten englischen Treffer ein, für die Tore dazwischen waren aber wiederum fast ausschließlich Standardsituationen verantwortlich.

Panama brachte sich zwischenzeitlich mit Protestieren vielleicht selbst etwas aus der Konzentration und verlor so spielerisch den Faden, den sie erst später in der zweiten Halbzeit mit einigen Ballstafetten wieder aufnahmen. Sie ließen das Leder aber konstruktiv laufen und hatten zu Spielbeginn auch einige interessante Anbindungen zu bieten: Neben den Bewegungen von Cooper nach rechts für kleine Überladungsansätze lag der Fokus eigentlich auf links, wo sich beide Sechser für Präsenz und Absicherung häufig in kompakte Angriffsstaffelungen hinüber bewegten und die Ballsicherheit des jungen Rodríguez betont werden sollte. Insgesamt zeigten sich die Außenseiter am Ball recht gefällig und hatten sich am Ende ihr Ehrentor verdient.

Koom 26. Juni 2018 um 10:15

Danke für die Zusammenfassungen und Kurzberichte! Gerne mehr! 🙂

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