Mexiko – Kamerun 1:0

Trotz Sechserkette unterliegt Kamerun den Mexikanern 0:1. Mexiko fand nicht immer die richtige Mischung aus Ballzirkulation und vertikalem Spiel, dominierte aber die Partie.

Die Grundformationen

Die Grundformationen

Bereits im zweiten Spiel der WM gab es für Taktikfreunde die erste Dreierkette zu bestaunen. Mexiko trat im 3-1-4-2/5-3-2-Mischsystem an, das Trainer Miguel Herrera seit seinem Amtsantritt spielen lässt. Volker Finke hielt ihm ein 4-1-4-1-System entgegen, das auch im Testspiel gegen Deutschland zum Einsatz kam.

Von Sechserketten und Passivität

Kamerun zog sich über weite Strecken der Partie zurück und überließ den Mexikanern in vorderster Linie das Spiel. Ein Pressing wagten sie nur selten. Stattdessen reihten sie sich in einem sehr passiven 4-5-1 auf. Dieses 4-5-1 war derart passiv, das es in der Praxis eher ein 6-3-1 war, denn die kamerunischen Außenstürmer verfolgten die mexikanischen Außenläufer bis an den eigenen Sechzehner. Kamerun stand damit dicht gestaffelt in der hintersten Linie, konnte aber vorne keinen Druck ausüben.

Kameruns defensive Verteidigung, bei der sie mit sechs Mann auf einer Linie standen.

Kameruns defensive Verteidigung, bei der sie mit sechs Mann auf einer Linie standen.

Mexiko nutzte die passive Verteidigung der Kameruner zunächst, um den Ball ruhig zwischen den Verteidigern zirkulieren zu lassen. Die Dreierkette war für den Spielaufbau zuständig, ab und an unterstützte sie der zurückfallende Sechser Vazquez. Kapitän Marquez rückte in diesen Situationen etwas nach rechts und überlud im Spielaufbau mit „Maza“ Rodriguez die rechte Seite.

Vorne setzten die Mexikaner vor allem auf Attacken über die Flügel. Neben den sehr offensiven Wing-Backs bewegten sich auch Achter Guardado, gelernter Linksverteidiger, und Stürmer dos Santos immer wieder auf die Außenpositionen. Vor allem auf links schienen die Mexikaner eine kamerunische Schwachstelle ausgemacht zu haben, sie orientierten sich immer wieder auf diese Seite. Guardado versuchte oft, in die Schnittstellen zwischen gegnerischen Außenverteidiger und Außenstürmer zu starten, wenn sich die mexikanischen Wing-Backs etwas zurückfallen ließen.

Rhythmusschwierigkeiten und Konterabsicherung

So sehr Mexiko die Partie in der Anfangsphase gegen die passiven Kameruner dominieren konnte, so wenig Torgefahr strahlten sie aus. Sie fanden nicht immer die richtige Mischung aus ruhiger Ballzirkulation und plötzlichem Übergang zum vertikalen Spiel. Manchmal spielte Mexiko potentiell gefährliche Situationen auf dem Flügel gar nicht erst aus, sondern passte den Ball lieber zurück zu den Verteidigern. In anderen Szenen schlugen die Wing-Backs verfrühte Flanken, an die Peralta und dos Santos gegen die groß gewachsenen Innenverteidiger Kameruns nicht herankamen. Kameruns Strategie, vor allem die letzte Linie und das Mittelfeldzentrum zu verteidigen, ging damit recht gut auf. Aus dem Spiel heraus hatte Mexiko bis zur Pause nur eine Chance (wobei Kamerun hier Glück hatte, dass der Schiedsrichter eine falsche Abseitsentscheidung traf).

Kamerun hingegen konnte die teilweise schlecht abgesicherten Ballverluste der Mexikaner nicht nutzen. Die tiefe Positionierung der Außenstürmer erschwerte eigene Konter über die Flügel. Zudem warf Mexiko auch bei eigenem Ballbesitz immer einen Blick auf Kameruns Schlüsselspieler Alex Song und attackierte ihn nach Ballverlusten sofort. Dieses Pressing auf Song war ein wesentliches Merkmal der Mexikaner Defensive, das im Gegenzug jedoch etwas Freiräume für Mbia schuf.

Als Mexiko nach rund 20 Minuten etwas weniger intensiv presste und die Bälle aufgrund einer vertikaleren Spielanlage früher verlor, zeigte sich, dass sie defensiv durchaus anfällig sind. Ihre Wing-Backs ließen sich teilweise weit von den Außenstürmern zurückdrängen, was auf dem Flügel wiederum Platz für die Außenverteidiger schuf. Kamerun bespielte dieses 5-3-2-Gerüst jedoch nicht gut, sondern suchte sehr früh den Pass auf Eto’o. Gerade gegen Flügelwechsel im Mittelfeld schien das System anfällig zu sein, auch weil Varquez im Mittelfeld oft hervorstieß und Song attackierte – seine zwei Nebenmänner konnten das nicht immer auffangen.

Dos Santos im Zwischenlinienraum

Nach der Pause zeigte sich Mexiko wieder aggressiver. Sie konnten nun erstmals ihre Engenkombinationen auf den Platz bringen, die charakteristisch für sie sind: Vom Flügel aus suchen die Wing-Backs oder die herausrückenden Innenverteidiger einen Angreifer, der den Ball sofort auf seinen Kollegen ablegt. Mit schnellen Ablagen und Vertikalpässen kombinieren sie sich aus der Enge des Zentrums bis vor das gegnerische Tor. Wenn es zu eng wird, bleibt ihnen immer noch der Pass auf die breit stehenden Wing-Backs.

Kamerun hatte in dieser Phase Probleme, den Zwischenlinienraum zu schließen. In ihrem passiven 6-3-1 folgten die Verteidiger nur selten Dos Santos, wenn dieser aus dem Sturm zurückfiel. Gerade nach der Pause ließ er sich immer wieder ein Stück fallen, um direkte Zuspiele in den Zwischenlinienraum zu ermöglichen. Aber auch Herrera suchte nun seltener den Weg auf den rechten Flügel, sondern bewegte sich immer wieder in den rechten Halbraum. Peralta diente nun als Doppelpass-Partner für die beiden technisch starken Angreifer. Aus solch einer Kombination entstand das 1:0:

Das Tor der Mexikaner: Hernanez ist frei im Zwischenlinienraum, die Kameruner reagieren erst darauf, als er den Pass bekommt. Mit einem Doppelpass mit Peralta befreit er sich von den Gegenspielern und kommt hinter die herausrückenden Verteidiger. Der Pass auf dos Santos ist frei, am Ende versenkt Peralta den Abpraller.

Das Tor der Mexikaner: Herrera ist frei im Zwischenlinienraum, die Kameruner reagieren erst darauf, als er den Pass bekommt. Mit einem Doppelpass mit Peralta befreit er sich von den Gegenspielern und kommt hinter die herausrückenden Verteidiger. Der Pass auf dos Santos ist frei, am Ende versenkt Peralta den Abpraller.

Schlussphase: 4-1-3-2 gegen 5-4-1

Die Formationen in der Schlussphase.

Die Formationen in der Schlussphase.

Nach dem Gegentor löste sich Kamerun von der passiven Spielweise. Vor allem die Außenverteidiger rückten weiter auf. Nach der Auswechslung Songs (79., für ihn kam Stürmer Webo) spielte Kamerun effektiv in einem 4-1-3-2, wobei die Außenstürmer weit einrückten und die Außenverteidiger die Breite übernahmen. Mexiko hingegen zog sich weiter zurück und agierte in einem 5-4-1.

Kamerun gelang es nun, mit den einrückenden Außenstürmern die mexikanischen Wing-Backs in die Mitte zu locken. Dies eröffnete Räume für die eigenen Außenverteidiger, die sich nur noch einem Gegenspieler gegenübersahen. So kam Kamerun kurz vor Schluss noch zu zwei guten Chancen nach Flanken, traf allerdings das Tor nicht. Mexiko hingegen spielte die eigenen Konter nicht mehr aus, sodass sie bis zum Ende zittern musste. Sie konnten das 1:0 jedoch halten, auch weil Kamerun bis auf Flügelattacken und Pässen auf Eto’o keinen Plan hatte, wie sie die Defensive der Mexikaner knacken können.

Fazit

Mexiko deutete beim 1:0-Erfolg die Stärken des eigenen Systems an: Wenn die Engenkombinationen erst einmal ins Rollen kommen, sind sie schwer zu verteidigen. Dos Santos und Peralta harmonierten bereits gut und auch der Spielaufbau aus der Abwehr funktionierte trotz einiger strategisch falscher Entscheidungen. Doch auch die Probleme des Teams waren zu erkennen, bspw. nach eigenen Ballverlusten. Stärkere Gegner könnten dies ausnutzen – vielleicht ja schon Brasilien im zweiten Spiel.

Kamerun hingegen enttäuschte über weite Strecken. Ihre Formation als 4-1-4-1 zu bezeichnen, würde ihnen schmeicheln – über weite Strecken des Spiels standen sie in einem extrem defensiven 6-3-1. Superstar Eto’o klinkte sich aus der Defensive aus, sodass man von einem Pressing kaum reden mag. Erst in der letzten Viertelstunde wagten sie mehr, da war es jedoch bereits zu spät. So wird es schwer für das Team von Volker Finke, gegen Kroatien und Brasilien zu bestehen.

Schicktanz, Florian 29. August 2015 um 22:21

Eigentlich hatte ich mir von Kamerun auch mehr erwartet, aber sie agierten viel zu passiv.

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CF 14. Juni 2014 um 13:44

Super Artikel. Gegen Kroatien wird spannend, dann wieder ohne Guadrado und mit Pena. Könnte Offensiv von Vorteil sein. Guadrado war nur eine Anpassung an Kamerun theoretisch war sie ziemlich intelligent praktisch hat sie leider nicht so gezündet. Lag aber auch den wirklich uninspirierten Kameruanern. Carlos Pena ist noch kreativer, strategischer und kombinativer. Bin gespannt auf die Mexikaner.

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Maratonna 14. Juni 2014 um 13:36

Rafael Marquez: ab Min 39:48

http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2176398/Mexiko—Kamerun-in-voller-L%C3%A4nge

Bilde ich mir nur ein zu erkennen, das Marquez mit Absicht seinen Mitspieler ( glaub‘ Aguilera) zum diagonalen Steilpass auf Peralta leitet oder fast schon zwingt. Da er erkannt hat, das sich die kamerunische Defensivordnung nach Verhinderung des vorangegangenen Angriffs nicht richtig formiert hat. Hat er das strategisch, erfasst? Den Ball kann natürlich jeder spielen. Er nötigt ihn regelrecht, indem er ihm den Ball in den Raum vorlegt. Er gibt ihm eine Option bzw. Sicht-/Passwinkel, den er nicht gehabt hätte wenn Marquez ihm den Ball in den Fuss gespielt hätte. Eine Ballannahme bzw. einen Bruchteil einer Sekunde wäre der Passweg wieder zu gewesen. Vllt. interpretiere ich da auch zuviel hinein, war schon immer ein Fan von ihm……..Warum hat Pep ihn eigtentlich gehen lassen, war das nur das Alter?

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Edeljoker 14. Juni 2014 um 09:00

Was hatte sich Finke von der Sechserkette erhofft? Trotz der ultradefensiven Taktik ist Mexiko ja häufig zu Schnittstellenpässen gekommen. Und die drei Spieler vor der Abwehr waren völlig verloren und konnten die riesigen Räume nicht ansatzweise kontrollieren. Eine Art Pressing war absolut unmöglich…

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JEW 14. Juni 2014 um 08:29

Kann der Autor nicht bis zwei zählen? Wenn ein Team in einer HZ zwei Tore geschossen hat, dann haben sie auch Torgefahr ausgestrahlt. Ansonsten wäre es schön, wenn MR mit seiner Analyse von ESP-NED nicht wieder bis Montag braucht.

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RM 14. Juni 2014 um 10:06

Zum Spiel ESP-NED wird leider keine Analyse kommen.

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Guergen 14. Juni 2014 um 10:21

Hat Springer dafür die Exklusivrechte gekauft?

Schade, schade eigentlich. Die ganzen „Tiki-Taka/Ballbesitz ist tot, sieht man ja an Spanien und der miserablen Saison des FC Bayern“-Trollolols laufen wieder ganz aufgescheucht rum.

Zu dem NED-Spiel gibt es ohnehin nur eins zu sagen: „Wie man den Kroos da auf Rechtsaußen stellen kann, um Sneijder in Manndeckung zu nehmen geht gar nicht. Angsthasenfußball und verdient 5:1 abgeschossen. Typisch Löw. Mit einem richtigen Trainer (del Bosque) und Winnertypen wie Ramos und Co. statt der Nulpen-Bayern wäre das nicht passiert.“

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RM 14. Juni 2014 um 10:30

Ja. Wir haben unsere Seite mit 1.7. verkauft und werden hier dichtmachen.

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Guergen 14. Juni 2014 um 10:55

Eine sehr gute Entscheidung. „IQ-Analytiker“ sind ja ohnehin out. Da noch einen Batzen Geld rauszuschlagen, obwohl Rethy und Reif euch schon lange widerlegt haben… Respekt.

Aber eigentlich wollte ich nur darauf verweisen, dass man eine Analyse von TE bei welt.de findet.

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Maratonna 14. Juni 2014 um 11:53

Warum kommt den zum ESP-NED keine Analyse, van Gaal hat die Spanier doch mit einer taktischen Meisterleistung entzaubert. Wenn nicht zu dem Spiel, dann weiss ich auch nicht.

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juwie 14. Juni 2014 um 11:58

Es ist legitim, dass Ihr mit Eurem Wissen auch Geld verdienen wollt. Macht doch einfach einen Link zu Euren externen Analysen: http://www.welt.de/sport/fussball/wm-2014/article129068047/Van-Gaal-beschleunigt-Spaniens-Goetterdaemmerung.html

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TE 14. Juni 2014 um 12:06

Mein Kollege RM hat versucht, ironisch und lustig zu sein. Natürlich wird es eine SV-Analyse zu dem Spiel geben, PP macht sie fertig, sobald er Zeit findet.

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Maratonna 14. Juni 2014 um 12:13

Juchu

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Fabi 14. Juni 2014 um 14:28

Das heißt, dass das mit dem verkaufen auch nicht stimmt, oder?
Ich hoffe ich habe das richtig verstanden!
Eure Seite ist der absolute Hammer! Ohne zu übertreiben: Eine der Besten auf der ich jemals war!

Bitte macht immer weiter so!!!

TE 14. Juni 2014 um 14:57

Nein, nein, natürlich verkaufen wir SV nicht. Einfach den RM ignorieren 😉

Fabian 14. Juni 2014 um 10:46

Erst rumstänkern und dann auch noch Ansprüche stellen, das haben wir hier gerne…

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TE 14. Juni 2014 um 11:14

Wir können gerne auf dem Niveau diskutieren. Dann einigen wir uns darauf, dass ich nicht bis drei zählen kann und du nicht lesen. „Aus dem Spiel heraus hatte Mexiko bis zur Pause nur eine Chance“ – was nicht heißt, dass sie nur eine Chance hatten. Auf meinem Notizzettel stehen drei Chancen: Eine aus dem Spiel heraus (das erste abgepfiffene Tor), eine nach einer Ecke (das zweite abgepfiffene Tor) und eine nach einem Freistoß (als Marquez und Moreno sich gegenseitig blockierten). Und: Auch drei Chancen würde ich nicht unbedingt als schwere Gefahr für das kamerunische Tor empfinden.

Kritik nehme ich immer gerne an, aber bitte achtet doch auf den Ton.

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right knider 14. Juni 2014 um 14:19

find ich jetzt ein bisschen respektlos den autoren gegenüber, machen das ja so viel ich weiss freiwillig & gratis

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TE 14. Juni 2014 um 14:58

Ganz gratis nicht, ein bisschen was verdienen wir ja an der Werbung. Wie gesagt, ich hab auch nichts gegen Kritik und freue mich sogar darüber – solange sie ordentlich vorgetragen wird.

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trurll 14. Juni 2014 um 19:10

Schön, dass ihr auch auf so unqualifizierte Kritik eingeht, ignorieren wäre aber auch ne Lösung.

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mh 14. Juni 2014 um 01:39

Hat Finke wie Hitzfeld den modernen Fussball verpasst? Klar ist es immer auch eine Frage der Qualität der Spieler. Aber so ein destruktiver Auftritt gegen auch nur solide Mexikaner, keinerlei Dynamik und kaum Spielzüge über mehrere Stationen – sehr enttäuschend…

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RM 14. Juni 2014 um 10:49

Schade, dabei hätte man sich eigentlich ausgerechnet von Finke mehr erwartet. Über seine Freiburger in den 90ern und 2000ern hörte man ja nur Gutes, wobei ich die damals als Knirps kaum mitbekam – und im Gegensatz zu anderen Teams findet sich bei Recherchen nicht so viel.

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sappydharma 14. Juni 2014 um 13:07

vor allem weil er es gegen die germans ja nicht so schlecht gemacht hat, aber roger milla und die mexikaner selbst haben das taktische niveau kameruns kritisiert und anscheinend zurecht, mit etoo und choupo vorne ist genügend qualität vorhanden um sich etwas zuutrauen, dazu noch song im mittelfeld, warum so feig

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mh 14. Juni 2014 um 23:21

SCF in den 90ern war Ballbesitz, Pressing und Fluidität – gestern Kamerun nur „und“ 🙂

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