Folge 4: Wir haben uns nicht belohnt

Es ist die Lieblingsphrase vieler Fußballtrainer und -spieler: Geht ein Spiel aus ihrer Sicht unverdient verloren, folgt als Begründung „Wir haben uns nicht belohnt“. Doch was bedeutet das überhaupt? Und wieso dient diese Phrase häufig nur als Ablenkung, um wirklich über das Spielgeschehen zu reden? Darüber debatiert die Phrasendrescher-Crew in Ausgabe vier des Podcasts. Tobias Escher, Martin Rafelt und Prof. Dr. Simon Meier-Vieracker beleuchten die Phrase von allen Seiten

Dominic 13. April 2021 um 16:21

Tach Drescherologen.
Reihe toll, Staffel2 vorauseilend gebucht, Vorfreude auf übrige Folgen von Staffel1 groß, geweckt durch die bisher je höchst anregenden vier Episoden! Faszinierend, was ihr da linguistisch wie fußballtaktisch und trainerwissend so alles rauszieht.

SCHADE, da hat mir der Professor ab Minute19 den Gedanken von den Fingern gesprochen, der zuvor bei mir supernovagrell aufgeleuchtet war; und Dr Escher das Ganze auf den Begriff der „Neoliberalisierung“ des Fußballs und seiner Sprache gebracht.
Klar müsste man das entlang von corpora linguistisch noch empirisch nachweisen und aufzeigen, aber (sprach)soziologisch betrachtet scheint mir die Sache klipp und klar: zu auffallend bei allen bisherigen vier Phrasen, dass sie ab den 90ern vereinzelt und dann zunehmend in den Sport und
speziell Fußball eingewandert sind. Eine Zeit also, als die Tvisierung begonnen hatte
https://cdn.podigee.com/uploads/u2083/59914be6-a703-4cb2-90ce-7484ea32801e.mp3?v=1523894657&source=feed
und mit RAN, DSF und als Pay-TV-Angebot Premiere die „Darreichungsform“ des Fußballs sukzessive als nahezu reines Stadion- zu einem medialisierten, ergo stadionfern konsumierbaren Unterhaltungsangebot umgeformt hat. Unterhaltung, die sendeformatfreundlich tunlichst als Event zu inszenieren sein sollte, das (Event) um das Geschehen auf dem Platz herum verkaufbar ins rechte Licht gerückt wurde. Einführung der CL 1993 durch drei Marketingprofis das offensichtlichste Beispiel als „cash cow“
https://11freunde.de/artikel/sie-sind-die-besten/524265?komplettansicht=
Eine Entwicklung, die wiederum erst ausgelöst wurde und aufkommen konnte durch Thatchers und Reagons übergeordnete Neoliberalisierung ab Anfang der 80er Jahre. In diesem Kielwasser die (zu erbringende) Leistung des Einzelnen stetig zentraler und abzuverlangen, LEISTUNGSNACHWEISE vorzuzeigen, quasi abzuleisten, um überhaupt noch Anerkennung zu erhalten in der Leistungsgesellschaft.
M.E. sind (wenigstens alle bisherigen Phrasen) nichts als (verklausulierte) Leistungsnachweise in einem – Vergleich zu HALLEN-Teamsportarten wie Hand- und Basketball – doch so viel stärker zufallsabhängigen Fußball.
Dieser (phrasische?^^) linguistic turn ist also die stammtischzugewandtere, auch für Gelegenheits-„Fans“ taugliche, weil anschlussfähige und für Fußballreporter aussprechbare Ausdrucksweise, um an die Kundschaft zu verkaufende Fußballevents aufzuwerten. Es wird stets Leistung erbracht, selbst wenn man sie nicht erkennen kann, die Ergebnisse auch nicht darauf hinweisen und es schon gar nicht unterhaltsam war. Sprich, auch dann, wenn man es kaum noch zu Markte tragen kann, versucht man mittels (auch solcher) Phrasen die abgeleistete Wertigkeit des Gebotenen hervorzuheben – mit den von Trainer Rafelt benannten bias der Überbetonung der EIGEN- versus der Unterbetonung der FREMD-Leistung (m.E.: Ausnahmen bestätigen die Regel, wo gegnerische Leistung unverblümt anerkannt wird).
Man hatte doch Robert Claus-offensichtlich einen zutiefst durchdachten und eintrainierten matchplan, um sich Gegner und Zufällen leistungsvoll und zielbewusst entgegenzustellen;
Man hat sich doch offensichtlich auch nicht bloß zufällig uninspirierte Halb-, sondern angriffsgekonnt 100%ige Torchancen rausgespielt (selbst wenn deppert vergeben *murmelmurmel*);
Man hat mit Plan und Können stets kompakt gestanden und so defensiv dem Gegner die Freude am Spiel genommen und offensiv geschmeidig wie an einer Schnur besagte Torchancen bewirkt;
Man hat also unter Aufbietung aller Möglichkeiten Leistung gefördert und in der Partie Leistung abgerufen und somit Leistung erwiesenermaßen nachgewiesen, für die eine Be-lohn-ung nichts als angebracht gewesen wäre.
Falls man dann doch scheiterte – wir sind es nicht in Schuld, denn wir bilden ein Leistungsteam im leistungssport einer neoliberalisierten Leistungsgesellschaft.

Interessant, ob sich diese eher leicht verwässernden/verwischenden Phrasen trotzdem halten können, obwohl die Spielanalyse und zunehmende Statisierung (? Zunahme von Statistik, alles quantitativ ausdrückbar zu erfassen) eine Objektivierung der Fußballleistungen suggeriert. Frage also, ob man sich noch hinter solchen Phrasen verstecken kann und will, wenn doch zunehmend auch für Fans per Live-App LEISTUNGS-Statistiken verfügbar und leicht zugänglich sind, anhand derer die Urteile zu fällen sind.
Btw: m.E. auch Spiel- und Taktikanalyse, immer mehr Statistik (mit Aufwand von billigen Lohnarbeitern erstellt) Ausdruck von der Neoliberalisierung, also auch Ökonomisierung =Vergeldlichung des Fußballs, der es sich ja nur durch die (marketing)gewonnene Aufmerksamkeit geldlich leisten kann, diesen extremen ausifferenzierten mehraufwand zu stemmen, um da und dort das eine oder andere Prozent an leistung rausholen, um am Ende alles raushauen zu können.
Immer detailliertere Taktiken in immer fuchsigere Matchpläne gegossen,
durch immer ausgeklügeltere Statistiken unterfüttert und ermöglicht,
wofür man sich immer mehr Fachpersonal leistet,
wodurch sich der Fußball immer fußballferner aufstellt,
um per (mathematisiert) OPTIMIERTER Leistung die Ergebnisse einzufahren,
nur die im Ergebnisleistungssport final zählen
und – von ein paar heroischen Tragödiennarrativen abgesehen – das Prestige ausmachen.
The winner takes all!
Eine zunehmende Informatisierung
https://de.wikipedia.org/wiki/Informatisierung
mit dem Ziel, den zufallsabhängigen Fußball über Einsichten im Informationsraum gezielter steuern und so das Spiel/den Spielverlauf kontrollieren zu können. Der ganze Aufwand nur möglich durch und mit dem Endzweck von mehr Geld.
Freilich ein sich seither stetig steigernder Prozess, wohingegen die 90er gegenüber heute harmlos und handzahm wirken. Interessant daher, dass sich im Kern so alte Phrasen so lange gehalten haben.

Und wie von euch mehrfach gewendet sehr spannend, wie die Phrasen auf merkwürdige Weise zwar Umstände external einschließen/andeuten, um letztlich aber damit doch eigenen Leistungen hervorzuheben (internale Attribution/Zuschreibung). Das ist schon pfiffig gemacht, sich nicht zu direkt zu lobpreisen und rühmen resp. den Gegner als ggf. unfähige Rumpelfüße aber auch nicht abzuwerten. Man hält sich da die Waage und bleibt vage, wer denn jetzt ganz genau was eigentlich wie sehr be- und erwirkt hat.
Und Phrase bleibt es, weil (nahezu) nie eine Analyse folgt ODER diese auf die Phrase hin journalistisch eingefordert wird – aber das habt ihr auch schon gesagt.

Und dass Klopp das Belohnen so hochhängt, ist nach Innen sicher motivationspsychologisch gemeint, den aufwandleistenden Spielern in seinem anspruchsvollen Vollgas-/Heavy Metal-Fußball so immer die Möhre vor die Nase zu hängen, es immer weiter zu versuchen.
Und nach außen, um klarzumachen, dass der laufaufwendige, Gegenpressing als Spielmacher chaotisch ausnutzende Spielstil wild wirkt, aber doch stets sinnvoll ist, um eine andere Art der Spielkontrolle auszuüben. Man treibt also eine belohnenswerte Leistung, für die (zu BVB-Zeiten) gerne die Laufleistung als DER Indikator herangezogen wurde. Also in den gemeinen Medien;-)

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*