Riccardo Calafiori: Sturm und Grandezza (hn)

Italien hat wieder einen Weltklasse-Verteidiger – und der kann nicht nur hinten auswischen. Mit Dribblings quer über den Platz und giftiger Verteidigung hat er Fußball-Europa bei der EM 2024 verzückt. Nun folgt allem Anschein nach der Wechsel zum Arsenal. Was macht Calafioris Spiel so besonders? Und passt er zu den Gunners? 

Er ist der „beste Spieler“ der noch laufenden Europameisterschaft 2024 – und das mit gerade einmal 22 Jahren und fünf Länderspielen. Dieses Urteil fällte ZDF-Experte Christoph Kramer nach der Vorrunde über Riccardo Calafiori. Der Innenverteidiger spielt (noch) beim FC Bologna, ist 22 Jahre alt, 1,88 Meter groß und bändigt seine schulterlangen schwarzen Haare mit einem weißen Stirnband.

Vergleiche zu Paolo Maldini, Fabio Cannavaro oder Alessandro Nesta waren in den letzten Wochen ebenso obligatorisch wie Spekulationen um seine Zukunft. Zunächst war Juventus Turin noch in der Pole Position, doch spätestens seit der EURO 2024 reißt sich auch der Rest Europa um ihn. Seit Tagen mehren sich die Meldungen, dass der FC Arsenal wohl für 50 Millionen Euro den Zuschlag erhalten wird. Der Transfer würde nicht nur Calafioris Ex-Klub FC Basel einen Geldsegen bescheren (50% Weiterverkaufsbeteiligung), sondern den Youngster außerdem zum teuersten italienischen Verteidiger der Geschichte machen. Aber von vorne.

Aussortiert von Mourinho, entdeckt von Vogel, geschliffen von Motta 

Nach seiner Jugend bei der AS Rom durchlebte Calafiori harte Lehrjahre unter José Mourinho. Dort startete er 2020 zunächst vielversprechend als linker Schienenspieler, ehe er von Bänder- und Muskelverletzungen zurückgeworfen wurde. Nach einer enttäuschenden Leihe zum FC Genua hatte Mourinho genug und ließ Calafiori 2022 zum FC Basel ziehen. Dort erkannte der damalige Interimscoach Heiko Vogel im Frühahr 2023 das Potenzial des Linksfußes und setzte ihn fortan als linken Halbverteidiger in der Dreierkette ein.

Vier Monate später schlug der FC Bologna mit Trainer Thiago Motta für 4,5 Millionen Euro zu. Der Brasilianer und Calafiori waren auf Anhieb das perfekte Match. Als gelernter Außen- und Flügelverteidiger verfügte Calafiori bereits über eine schneidende Geradlinigkeit und ausgeprägte Ruhe im Ballhandling. Doch in den Augen des gehypten Relationismus-Verfechters Motta war er mit diesen Fähigkeiten viel besser als Innenverteidiger in seinem super fluiden 2-7-2-Aufbau (horizontal betrachtet) geeignet.

Calafiori als „Druckablassventil“ jedes Pressings 

In der Bologna-Philosophie besaß Calafiori die Freiheit und zugleich die Pflicht, dem gegnerischen Pressing nicht wie sonst üblich auszuweichen und mit langen Bällen zu entgehen, sondern den Druck bewusst mit vorwärtsgerichteten Aktionen durchs Zentrum zu zerschneiden. Serie-A-Journalist Stephen Ganavas beschreibt Calafiori sehr passend als „pressure release valve“ – als „Druckablassventil“. In dieser Funktion drängt Calafiori regelmäßig in den halblinken Sechser und teilweise sogar in den Achter-Raum nach vorne, um von dort aus Angriffsaktionen auszulösen.

Exemplarisch für Calafioris Rolleverständnis steht Bolognas Treffer zum 3:0 gegen Lecce am 11. Februar dieses Jahres. Bologna war hoch gepresst worden und hatte darauf wie üblich mit geduldigem Kombinationsfußball und Positionswechseln reagiert.

Ein Hauch Bologna gegen Kroatien

Eine Kopie des Tores (zumindest in seiner finalen Ausführung) durfte die europäische Öffentlichkeit bei Italiens letztem EM-Gruppenspiel gegen Kroatien bestaunen: Auch da hatte Calafiori nach einem beherzten Solo seinen Flügelspieler (in dem Fall Mattia Zaccagni) so bedient, dass dieser mit einem Kontakt abschließen und den Last-Minute-Ausgleich erzielen konnte.

Das Tor war eine Befreiung für Italien – und insbesondere auch für Calafiori selbst. Lange musste er sein stürmisches Naturell zugunsten des konservativen Spielaufbaus seines Teams zurückhalten. Doch als die Zeit drängte und das EM-Aus drohte, wurde er von der Leine gelassen. Das enge taktische Korsett Spallettis hatte ihn in den 270 Minuten davor deutlich eingeschränkt. 

Nach seiner ersten verletzungsfreien Profisaison in Bologna (2.338 Spielminuten, zwei Tore, fünf Vorlagen, fünfmal in der Elf des Spieltages) musste sich Calafiori im Nationalteam bremsen. Die Azzurri befinden sich unter ihrem neuen Trainer Luciano Spalletti im Umbruch, entsprechend holprig waren die Abläufe beim (Noch-)Europameister während des Turniers.

Calafiori als Italiens EM-Lichtblick 

Seine Stärken im Ballbesitz durfte Calafiori nur vereinzelt ausspielen. Meist holten sich Jorginho und Nicolò Barella die Bälle ab und versperrten so mögliche Tiefenläufe ihres Innenverteidiger. Mit Alessandro Bastoni und Federico Dimarco hatte er in der ersten Aufbaulinie zudem zwei Inter-Spieler neben sich, die ihre angestammten Positionen nur äußerst ungern verließen.

Das starre Positionsspiel kam vor allem im Spiel gegen die Spanier und Kroaten an seine Grenzen. Gegen Spanien folgte häufig nach ein bis zwei Pässen ein unkontrollierter langer Ball auf Scamacca, der die Kugel nicht verarbeiten konnte. Auffällig war dennoch, dass sich der pressingaffine Calafiori situativ mehrmals gut aus dem Druck der Spanier befreien konnte. Auch gegen Kroatien blitzte Calafioris besondere Gabe im Vertikalspiel nicht erst in der 97. Minute beim Ausgleichstreffer auf. 

Calafiori auf vergeblicher Partnersuche

Einmal bediente er Mateo Retegui mit einer präzisen Halbfeldflanke (21.) und wenig später leitete er einen Abschluss von Lorenzo Pellegrini mit einem Pass und anschließenden Tiefenlauf in den Strafraum ein (s. Grafik). 

Auch gegen Spanien spielte und dribbelte Calafiori bewusst ins (Gegen-)Pressing hinein, doch seine Mitspieler scheuten im Anschluss meist die Anschlussaktion und ließen Calafiori ins Leere laufen. Dank des relationistischen Spielprinzips toco y me voy (deutsch: Spiel und geh!) konnte sich der Verteidiger individuell sehr elegant aus einzelnen Situationen befreien, in denen andere Spieler (gerade IVs) den Ball lieber schnell weitergeben. 

Doch das Prinzip toco y me voy hat isoliert ausgeführt keinen spürbaren Effekt auf das Spiel. In direkter Verbindung zu toco y me voy muss ein Ablagespieler stehen, der entweder den direkten oder verzögerten Doppelpass mit Calafiori sucht oder selbst einen progressiven Nutzen aus Calafioris Läufen zieht. So würde ein tabela (deutsch: Tisch) entstehen, ein weiteres Relationismus-Prinzip. In Bologna konnte sich Calafiori im übertragenen Sinne fast überall auf dem Feld an einen gedeckten Tisch setzen. Im Nationalteam wartete er vergeblich auf einen „Tischpartner“.

Calafioris Anti-Pressing-Skills

Trotz dessen war sein Spiel auch bei EM (zumindest in situativen Aktionen) kaum pressbar für den Gegner. Calafiori vereint mehrere entscheidende Fähigkeiten:

  1. Eine passable Beidfüßigkeit, die ihm auch ein Dribbling nach innen ermöglicht und ihm so mehr Passoptionen offenhält als beim Abkippen nach außen.
  2. Die von Motta antrainierte Abneigung gegen lange Bälle und seine Ruhe am Ball trotz Gegnerdruck, getreu dem Motto: Irgendwann geht schon ein Passfenster auf.
  3. Seine stabile und zugleich agile Physis, die seinen Aktionen eine schwer zu verteidigende Dynamik verleiht, gepaart mit einer guten Übersicht und kühlen Entscheidungsfindung sorgt dafür, dass Calafiori sehr gut abwägen kann, wann sich ein riskantes Dribbling lohnt und wann ein einfacher Querpass angebracht ist.

Im Schnitt trägt Calafiori in einem Serie-A-Spiel den Ball rund 154 Meter weit, nur vier Innenverteidiger kamen vergangene Saison auf eine längere Strecke. Und das obwohl Calafiori aufgrund seiner offensiven Rolle unter größerem räumlichen und zeitlichen Druck sowie mit höherer Geschwindigkeit dribbelt, als es seine Kollegen in der ersten Aufbaulinie üblicherweise tun.

Was kann Calafiori gegen den Ball?

Auch beim Verteidigen, der ursprünglichen Kernkompetenz eines Abwehrspielers, lassen sich seine Werte sehen: 7,4 Ballgewinne pro Spiel (Top 3 in Serie A), eine Zweikampfquote in der Luft von 71,4 Prozent und insgesamt von 63,1 Prozent (beides Top 5) sind Beweis für sein vorausschauendes und vorwärtssgerichtetes Verteidigen, was ebenfalls zur Bologna-DNA gehörte.

Dank seiner Handlungsschnelligkeit kann Calafiori seinen Gegenspieler nicht nur verfolgen, sondern auch im richtigen Moment in Bedrängnis bringen und Fehler provozieren. Ähnlich wie bei Bologna rückte er dafür während der EM bis teilweise bis auf die Höhe seiner Mittelfeldspieler und teilweise sogar seiner Angreifer auf. Wenn er seine Chance auf einen Ballgewinn witterte, stach er mit großer Dynamik heraus und sorgte beim Gegenspieler für Probleme bei der Ballverarbeitung. So geschehen unter anderem in der 18. Minute, als Spanien die Italiener eigentlich sehr tief in die Verteidigung zwang.

Risiken und Nebenwirkungen bei der Balljagd

Seine Antizipationsgabe verhilft ihm sowohl bei der Vorwärts- als auch Rückwärtsverteidigung, Steckpässe in seinen Rücken entweder im Keim zu ersticken oder sie durch seitliche Bewegungen abzufangen.

Kehrseite ist im Gegensatz zum Spiel mit dem Ball die Abwägung, wann und wie weit Calafiori seine Position verlässt. In hohen wie auch in tieferen Pressingphasen der Italiener neigte Calafiori ein ums andere Mal dazu, entgegen der kompakten Staffelung ein bis zwei Linien aufzurücken und ohne gute Aussichten auf einen Ballgewinn ins Risiko zu gehen.

Fazit – also fast

Riccardo Calafiori umgibt schon mit 22 Jahren eine aufreizend-elegante Aura, die nicht nur optisch an die Grandezza eines Paolo Maldini erinnert. Dieser war im Übrigen auch Linksfuß und wechselte im Laufe seiner Karriere immer wieder zwischen Außen- und Innenverteidigung. 

Einmal im Ballbesitz, bringt Calafiori so schnell nichts aus der Ruhe. Er sieht nicht die Gefahr eines Ballverlustes, sondern die Chance, dem Gegner mit eigener Aktivität wehzutun. Seine Dribblings und Pässe, die nicht frei von kleineren Unsauberkeiten sind, kommen zunächst unspektakulär daher, haben jedoch aufgrund seiner Überzeugung und Selbstsicherheit das Potenzial, gegnerische Pressingordnungen in Sekundenbruchteilen zu zerschneiden und gefährliche Angriffe zu initiieren.  

Italien verspürt bereits nach fünf Länderspielen einen Calafiori-Effekt, der beim Achtelfinal-Aus gegen die Schweiz (Calafiori fehlte gelbgesperrt) sofort deutlich wurde. Doch auch Calafiori selbst ist abhängig von seinem Umfeld. Seine liebgewonnene Rolle als linienbrechender und vorwärtsverteidigender Innenverteidiger scheint in dieser Form nur unter Thiago Motta und mit entsprechender Absicherung umsetzbar. Im Sommer wird er Bologna verlassen, allerdings nicht wie zunächst angenommen gemeinsam mit Motta zu Juventus Turin, sondern wohl zu Mikkel Arteta und dem FC Arsenal. 

Zurück nach außen? Calafiori bei den Gunners

Bei Arteta haben die Innenverteidiger fast diametral unterschiedliche Rollenzuschreibungen als beim Motta-Ball in Bologna. Ein Innenverteidiger ist beim Spanier ein Innenverteidiger und kein Sechser oder Achter. Calafiori müsste sich hier also ähnlich zum Nationalteam umstellen und in seiner Aktivität einschränken. Zumal er zunächst einmal an Wiliam Saliba oder Gabriel vorbeikommen müsste. 

Oder kommt es ganz anders? Unter Umständen plant Arteta überhaupt nicht mit Calafiori in der Zentrale, sondern rückt den Italiener wieder zurück auf seine angestammte Position auf der linken Außenbahn. Als Linksverteidigers bei den Gunners (Zinchenko, ) in den Sechser-Raum , genau in die linke Halbspur, in der Calafiori in Bologna zum Rising Star wurde.

Seine kognitiven Stärken in puncto Ruhe, Übersicht und Antizipation sowie seine Statur dürften ihm dabei helfen, seine technischen Limitationen in der aggressiveren Premiere League zu kaschieren. Hohes Passspiel, Flanken und Ballverarbeitung auf engem Raum bieten dennoch Verbesserungspotenzial. Sein Körper scheint nach verletzungsreichen Jahren auch endlich beschwerdefrei mitzuspielen. Sein Ziel war schon in Basel die Premier League, anders als Maldini, Nesta und Co. will er dort zu einer italienischen Verteidiger-Legende aufsteigen.

Dafür sollte er aber unbedingt an seiner Beziehung zu Balljungen arbeiten. Mit denen würde Calafiori als Außenverteidiger in England wieder öfter in Kontakt kommen – so wie im Europa-League-Achtelfinale 2021 bei Ajax Amsterdam: Calafiori vs. Balljunge (Video)

Artikel von HN
HN liebt andribbelnde Innenverteidiger und jeden Ballkontakt von Florian Wirtz. Bei Twitter und Instagram als @hannes_ne unterwegs.

tobit 12. Juli 2024 um 16:51

Sehr interessanter Artikel über einen fantastischen Spieler. Arsenal sammelt so langsam ja echt viele Linksverteidiger, so ganz zufrieden scheint Arteta da mit niemandem zu sein. Mit Whites Entwicklung in Ballbesitz (kann jetzt wirklich jede AV- und HV-Rolle spielen) dürfte es da sehr interessant werden, welche Struktur sich da letztlich herauskristallisiert. Calafiori könnte es da anders als die Ein-Rollen-Spezialisten ähnlich flexibel angehen wie White.
Die Über-Avantgarde wäre es natürlich, wenn man nur noch einen aus Gabriel und Saliba drauf hat und dafür davor eine 3er-Reihe aus Cala, Rice und White, die jeweils flexibel zwischen IV, Flügel und Achterraum pendeln – nominell ist das dann die 4er-Kette.

Trossard — Jesus —— Saka
— Havertz — Ödegaard —
———— Jorginho ————
— Cala — Rice — White —
———— Saliba —————
————— Raya ————

Einzig zu di Marco und Bastoni würde ich widersprechen. Die spielen bei Inter schon gerne sehr beweglich. Vor allem auch sehr rausrückend im Pressing. Aber sind halt eigentlich beides Spieler für eine 3er-Kette. Gerade Bastoni hat man auch angemerkt, dass er als Linksfuß auf halbrechts nicht gut zurechtkam. Die Inter-Spieler wurden von Spalletti einfach sehr schlecht eingesetzt, auch Barella, der viel zu tief und statisch spielen sollte (nach Jorginho-Auswechslung ja sogar tlw als tiefer Ankersechser) statt sich im offensiven Halbraum aufzuhalten und die Intensität hochzutreiben.

Antworten

Hannes_Ne 13. Juli 2024 um 11:44

Absolut, da geb ich dir Recht mit Bastoni, der ist dann doch eher falsch eingesetzt auf RIV. Bei Di Marco hatte ich eigentlich schon immer einen sehr außen klebenden (weil LWB in der Fünferkette) im Kopf.

Antworten

tobit 14. Juli 2024 um 20:54

Klar spielt di Marco die meiste Zeit linear am Flügel. Aber bei Inter bewegt er sich da auch mal weg und variiert vor allem viel mehr die Höhe. Da steht halt eine 3er-Reihe dahinter, die auch die volle Breite abdecken kann. Und die ZMs und STs weichen auch öfter auf die Flügel aus als bei der N11. Er muss also bei Inter nicht so viel in AV-Räumen stecken bleiben, und tut das dann auch nicht.

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*