„Bayern-Dusel“: HSV wollte nicht

8:0

Wer gegen eine überlegene Mannschaft versucht mitzuspielen, riskiert, so heißt es oft, abgeschossen zu werden. Der HSV zeigte in München: Das riskiert man auch, wenn man nicht versucht mitzuspielen.

In unerwartet zurückhaltender Spielweise ließen die Hamburger den überzeugenden bayerischen Torexpress auf sich zurollen, statt schon gegen dessen Aufbau zu arbeiten. Acht Gegentore hin oder her: Der mannschaftstaktische Plan gegen die Sahneseite der Bayern funktionierte sogar eigentlich ganz gut, doch hatte der HSV seine eigene Balance nicht umfassend unter Kontrolle.

Es ist wohl besser, die für den HSV dramatische zweite Halbzeit eher auszuklammern (Hummels´ zunehmend ankurbelnde Aufbauaktionen seien aber als Nebenfaktor für das Schützenfest mal wahllos erwähnt) und sich analytisch vor allem darauf zu fokussieren, wieso die Partie schon vor dem Seitenwechsel gegen die zunächst mit so großen Hoffnungen angereisten Hanseaten entschieden war. Zu Anfang sah es für die Mannschaft von Markus Gisdol noch gar nicht so schlecht aus, wenngleich etwas überraschend aus einer sehr zurückhaltenden Ausrichtung heraus. In den erfolgreichen letzten Wochen hatten die Hamburger gegen den Ball vor allem mit viel Intensität und hohem Attackieren überzeugt, dahinter dann jedoch mit Instabilität in der Restverteidigung zu kämpfen.

Zurückgezogener Defensivfokus auf eine Schlüsselzone

fcb-hsv-2017Von daher verwunderte es ein wenig, dass sie in der Allianz-Arena eigentlich nie ein Angriffspressing wagten, auch nicht in kürzeren Phasen. In ihrer 4-4-1-1/4-2-3-1-Formation legten die Gäste den Fokus auf Stabilität und konzentrierten sich besonders auf die rechte Offensivseite der Münchener. Gegen den starken Flügel von Robben und Lahm schoben sie enorm weit herüber, um dort mit viel Personal den Raum zuzustellen und keine Verbindungen in den Halbraum zuzulassen. Von der Doppelsechs rückte hier Walace sehr weit nach außen und agierte primär schon als Doppler bzw. Trippler gegen das bayerische Flügelpärchen. Auch Holtby war grundsätzlich linksseitig orientiert, was die Enge etwas verstärkte.

Der Zehner achtete vor allem auf Thiago, der über den tiefen Halbraum die Zirkulation nach vorne zum Flügel verband. Zwar schränkte man so dessen prägende Entfaltung etwas ein und schuf teilweise zusätzliche Pressingdynamiken für Holtby ins Zentrum hinein, jedoch wurde diese Zuteilung auch leicht schematisch umgesetzt. In den mittigen Bereichen hatte der HSV eigentlich Überzahl: Gegen die herauskippenden Tendenzen im Münchener Mittelfeld konnten sich die Sechser auf die zentralen Passwege konzentrieren und führten anfangs ein interessantes Duell mit der Offensivabteilung der Bayern, die wiederum den Zwischenlinienraum vielseitig zu fluten versuchte.

Gegen das Aufbauspiel in den Halbraumbereichen arbeitete die Dreierreihe viel mit, wo sich die Flügelspieler kompakt an den Block anschlossen, wenngleich nach außen etwas lasch arbeiteten. Rechts hielt sich Nicolai Müller noch etwas enger und suchte mit – ballfernen – Diagonalvorstößen situativ zusätzlich den Zugriff auf den bayerischen Sechserraum. Dort entwickelten sich durchaus Ansätze zu Pressingfallen gegen Vidal, wofür die Sechser auf einzelne kurze Herausrückbewegungen lauerten. Generell verbuchte der HSV gar nicht so wenige Ballgewinne, die sie aber kaum für Konter nutzen konnten: Aus der Enge von rechts waren die Umschaltrouten gegen Hummels, Martínez und eventuell den von ballfern mithelfenden Alaba zu klar vorgezeichnet, zumal der Tabellenführer fast immer seine Doppel-Sechs noch hinter dem Ball präsent hatte.

„Zu viel Fokus“

Horizontal standen die Hamburger insgesamt wirklich kompakt, sie zogen viel Personal in enger Staffelung um Bayerns potentiell gefährlichste Kräfte zusammen – trotzdem wussten sich Robben und Co. mit der Zeit immer häufiger durchzusetzen. In knapper Form könnte man diese nicht unbedingt intuitive Kausalität vielleicht so auf den Punkt bringen: Der HSV hatte „zu viel“ Fokus, in mehrerlei Hinsicht. Erstens legten die Gäste ihren Schwerpunkt auf eine bestimmte Zone, auf die lokale Kompaktheit genau dort. Sie hielten sich zunächst zurück, wichen beispielsweise gegen die Dribblings von Robben leicht nach hinten und wollten den gefährlichsten Weg diagonal nach innen zumachen.

Das taten sie jedoch etwas zu „einseitig“ und vorsichtig: Aus Überzahl gingen sie oft nur in individuelle Zweikämpfe über, vor allem aber fokussierten sie sich schon etwas zu sehr auf die Verbindung in den Halbraum. So konnte Bayern teilweise an jener Lokalkompaktheit „vorbei“ spielen und sich seitlich nach vorne lösen. In der Anschlussaktion war das dann gleichbedeutend mit fehlendem Zugriff, der sich – zumal wegen der passiven Grundhaltung – weiter durchzog. Zweitens enthielt der zurückhaltende Hamburger Ansatz eine taktikpsychologische Tücke: Wenn man einmal in Rückstand geraten war, ließ er sich für die Hamburger schwieriger aufrechterhalten.

Zumindest bis zum vierten oder fünften Tor, als wirkliche „Demoralisierung“ eintrat, entstand daraus ein selbstverstärkender Effekt und die vertikale Kompaktheit ließ immer mehr nach, speziell zwischen zweiter und dritter Linie. Indem die Spieler unterbewusst etwas großräumiger und vorwärtsgerichteter agieren zu wollen schienen, ergab sich individual- und gruppentaktisch eine schwächere Ausführung der Passivität, zumal die zugehörigen stilistischen Verhaltensweisen ohnehin nicht der intuitiven Orientierung der erfolgreichen Vorwochen entsprachen. Der eher an dynamisches bis wildes Spiel gewöhnte und auf viel Herausrücken eingestellte HSV fand einfach nicht so natürlich in den veränderten Rhythmus. Nun stand das abwartende Spiel aber stark im Fokus statt der eigenen Stärken, und man musste immer wieder nur verteidigen, zumal mit wenig Entlastung. Die beiden Faktoren verstärkten sich auch gegenseitig.

Bayerns passende Systematik

Diese Konstellation bot aber zumindest vor der Pause noch nicht reihenweise dramatische Schwachpunkte. Für eine auf die Robben-Müller-Lahm-Interaktion setzende Ausrichtung der Bayern bestanden zwar günstige Voraussetzungen, es bedurfte aber auch einer starken Ausführung dessen – und das war der Hauptpunkt. Mit einem guten Auftritt konnten die Münchener die schon im Hertha-Spiel angezeigte Steigerung des Gesamtsystems bestätigen. Um das harmonierende, sehr zielstrebige Duett aus Lahm und Robben rochierte der glänzend aufspielende Thomas Müller zwischen unterstützender, ausweichend-raumöffnender und in die Schnittstellen attackierender Rolle

Zudem übernahm er mit hohem Aufwand oft die Positionen der Offensivkollegen, die sich abwechselnd zusätzlich halbrechts einschalteten. Situativ half Douglas Costa in den Dreiecksbildungen, die sich klar auf kreuzende Bewegungsmuster und Weiterleitungen dazwischen stützten. Demgegenüber ließ sich Lewandowski eher vertikaler in den Raum fallen: Auch das geschah aber mit gutem Timing oft bei einer gleichzeitigen, gegenläufigen Ausweichbewegung eines Kollegen vom rechten Halbraum nach vorne. So sollten die Sechser beschäftigt und der Passweg geöffnet werden. Dieses Muster ging etwa dem 3:0 voraus. Da viele Durchbrüche über rechts erfolgten, kamen Vidals ballferne Nachstöße zum zweiten Pfosten gut zur Geltung.

Bei allem Lob für einige Spielzüge der Bayern und die Deutlichkeit, die das Resultat letztlich annahm, muss man aber schon sagen, dass der HSV vor dem 1:0 tatsächlich wenig zuließ. Die zurückhaltende Herangehensweise überließ den Münchenern zwar – problematischerweise – viel Initiative und gab ihnen auch einige Möglichkeiten für Vorwärtswege in Offensivpräsenz. Aber durchschlagskräftige Gefahr entstand daraus zunächst kaum, viele Versuche über Robben- Dribblings blieben stattdessen hängen. Einerseits könnte man aber bezweifeln, ob die Gäste das durchgehend aufrechtgehalten hätten, wenn nicht nach etwa 15 Minuten der Führungstreffer  über links gefallen wäre.

Tiefe Verlagerungen nach und von links

Andererseits rückt das das 1:0 noch einmal in eine Position als ein Knackpunkt des Spiels. An diesem Treffer zeigte sich aber eine dritte Ausprägung des „zu viel Fokus“ beim HSV. Aus ihrer starken Schwerpunktlegung gegen den rechten Flügel der Bayern erfolgte das Nachschieben auf die andere Seite etwas lasch – speziell bei tiefen Verlagerungen. Diese nutzten die Münchener einige Male geschickt, indem sich Douglas Costa zusätzlich weit nach hinten fallen ließ, so dass die zuvor ballfernen HSV-Akteure zu etwas weiterem Herausrücken getrieben wurden.

Daher hatten sie noch weniger absichernden Anschluss an die Kollegen hinter ihnen, weshalb beispielsweise eine erfolgreiche 2gegen2-Situation sofort sehr viel und sehr dynamischen Raumgewinn bringen konnte. Beim Treffer war sogar Holtby zusätzlich aus dem Zentrum mit nach außen geschoben, aber die Hamburger kamen hier gruppentaktisch nicht hinterher. Generell – ein noch erwähnenswerter Aspekt – bewegte sich Douglas Costa auch bei Aufbauszenen über links einige Male weit zurück. Dabei konnte er sich zwar so die Bälle abholen, aber mit wenig anschließender Präsenz nach vorne hatte das als direktes Mittel wenig Effektivität.

Jenes Zurückfallen schien aber ohnehin nur auf weitere Ballverteilung ausgerichtet. In dieser Hinsicht wurde daraus sogar ein hilfreiches Detail, da die Wege im Verschieben für den HSV wiederum minimal länger und mit einem weiteren kleinen Rhythmuswechsel versehen wurden. Möglicherweise hatte auch das eine gewisse beitragende Wirkung dafür, dass die Hamburger aus ihren eigentlich kompakten und präsenten Szenen heraus jene entscheidenden Schwächen bei der Zugriffsfindung hatten. Das nutzten die gut eingestellten Hausherren aus und brachten sich frühzeitig auf die Siegerstraße, die sie dann im zweiten Durchgang spektakulär befuhren.

Fazit

Vermutlich wäre der HSV mit einer etwas weniger nur auf Torverhinderung und Stabilität ausgerichteten Defensivarbeit besser beraten gewesen statt quasi völlig auf Angriffspressing-Elemente zu verzichten. Im Übrigen gestaltete sich auch ihr Aufbau ähnlich zurückhaltend: Auf Holtbys Zurückfallen nach hinten wurde im Mittelfeld eher unsauber reagiert, vor allem aber hielten sich Sechser und Außenverteidiger bei den oft genutzten langen Bällen der Hamburger sehr stark an ihre Defensivpositionen.

So beschränkten sich die Hanseaten insgesamt ein Stück weit selbst und schienen gegen den Ball gerade in der gruppentaktischen Umsetzung ihrer Spielweise zu krampfhaft an das Verbarrikadieren der Räume um Robben, Lahm und Co. geklammert. Die grundsätzlichen Staffelungen und die Kompaktheit zwischen Flügel und Halbraum waren dann in der übergeordneten Systematik auch tatsächlich ganz gut, aber die Zugriffsfindung und quasi die Souveränität in der allgemeingültigen Anwendung nicht.

Eine gute und im Vergleich zum Rückrundenstart erneut deutlich verbesserte Bayern-Mannschaft konnte sich dagegen immer besser in Fahrt spielen. Das war also nicht nur „Arsenal-Form“, sondern über die letzten drei Partien gesehen auch ein leichter genereller Aufwärtstrend, nun wiederum mit deutlichem Ausdruck im Ergebnis. So wie die Bayern den sich öffnenden, „inkonsequenteren“ Charakter der Partie in Durchgang zwei nutzen konnten, legte die Torflut aus Hamburger Sicht noch einmal die generelle Problematik namens Strafraumverteidigung bzw. tiefes Abwehrverhalten vor Augen. Verteidigen mussten sie zu lange und zu oft, weil sie kaum mitspielten. Ansonsten steht es um diesen HSV unter Gisdol aber im Allgemeinen besser als bei so manch anderem ähnlichen Ergebnis in München.

 

HUKL 26. Februar 2017 um 11:29

In dieser Begegnung offenbarte sich erneut eindeutig, dass nicht der einheimische Favorit das vom Trainer angeblich geplante System so einfach durchziehen kann, sondern allein die Spielweise des vermeintlich chancenlosen Gegners! Hat dieser Mut, über das gesamte Mittelfeld, also auch über die von Journalisten einfach nie genannte (Fünfer-Position) (rechte Seite!) hier und da mal etwas für den eigenen Angriff zu tun, dann war es natürlich für die Hamburger geschehen, weil die Bayern praktisch ij jede sich bietende Lücke hineinstießen. Das Positive dabei war, wie wenig Wert sie dabei darauf legten, wer jeweils zum Schluss der oftmals prächtigen Kombinationsserien den finalen Torschuss setzte!

Von einem System konnte man bei den regelrecht untergehenden Hamburgern längst nicht mehr sprechen, und der praktisch völlig alleingelassene Torhüter Adler war fast schon zu bedauern, sprach anschließend sogar im Zorn von gerade erlebten „unerträglichen“ Momenten! Anderenfalls ist die immer ruhige Art von Trainerfuchs Anceoletti schon zu bewundern, da er sich nicht besonders im medialen Mittelpunkt wohl fühlt und von planbaren Spielen und anzuwendenden Systemen nichts wissen will, weil diese sich auf dem Platz einfach ergeben! Klappt es gut, ist er zufrieden, geben seine hochdotierten Jungs mal Anlass zur Kritik, verweist er auf das noch längere Frühjahr……

Dagegen bleibt z.B. die Lage beim ständig um seinen Arbeitsplatz bangenden Wolfsburger Trainer Ismael nach der erneuten Heimniederlage gegen die abstiegsgefährdeten Bremer ebenfalls weiter sehr angespannt. Wie aber sollte er seine Spieler noch anders einstellen, die doch nachweislich richtig kämpften, was aber nicht einmal zum Remis reichte? Das ist eben beim Fußball das Prickelnde, weil das Glück sich mit dem Pech immer wieder abwechselt!

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CHR4 26. Februar 2017 um 13:04

Die derzeitige Stärke bei Standardsituationen (whosored: „Defending set pieces: Very Strong – Attacking set pieces: Strong) spricht für mich dagegen, dass Carlo Ancelotti von anzuwendenden Systemen nichts wissen will.
Sollte das aber doch stimmen, dann scheint es scheinbar wichtigere Dinge zu geben, die über Erfolg und Mißerfolg entscheiden, denn mir fallen gerade recht wenige Vereine ein, die den Tanz auf drei (vier) Hochzeiten ebenso erflogreich stemmen. Wenn das dann alles ungeplant funktioniert hat, herzlichen Glückwunsch!

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Ein Zuschauer 26. Februar 2017 um 22:19

Ist es wirklich am prickelnde am Fußball, dass sich das Glück mit dem Pech abwechselt? Wo ist das denn nicht der Fall?

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CHR4 26. Februar 2017 um 00:59

zum Thema „leichter genereller Aufwärtstrend“ kurz vor den drei entscheidenden Monaten und Periodisierung fällt mir spontan folgende Zeile der Gruppe Kraftwerk ein: „We’re charging our battery – And now we’re full of energy – We are the robots …“

jetzt kommt so langsam aber sicher die Zeit in der wir erfahren dürfen, wie gut der mittelfristige Plan von Carlo wirklich funktioniert …

Anfang April werden dann auch volle Akkus gebraucht …

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Schorsch 26. Februar 2017 um 10:46

Ich präferiere die deutsche (und bei Kraftwerk heißt das wohl die Original-) Version: „Wir laden unsere Batterie – Jetzt sind wir voller Energie – Wir sind die Roboter“

Wobei ich hinsichtlich des Trends zur ‚Mensch-Maschine‘ sehr skeptisch bin und immer wieder froh bin, dass Menschen, nicht nur was den Sport anbelangt, nicht wie Maschinen funktionieren. Man muss sich dies halt immer wieder bewusst machen. Vielleicht sieht Carlo Ancelotti das ja auch ähnlich und möglicherweise ist es ja genau das Handeln in einem solchen Bewusstsein, was seine lange Karriere so erfolgreich hat werden lassen? ‚Abgerechnet wird zum Schluss‘ wusste schon Sam Peckinpah, und wir werden am Ende der Saison sehen, was Carlo Ancelotti mit den Bayern erreicht haben wird.

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The Soulcollector 26. Februar 2017 um 12:58

Man kann ja schon froh sein, dass die Bayern in der Liga dominieren. Immerhin ist die Meisterschaft nicht unbedingt Carlos Spezialität. 3 CL Titel sind großartig, aber er hat auch erst 3 Mal die Meisterschaft gewonnen, was bei über 20 Jahren im Geschäft und Vereinen wie Juventus Turin, AC Milan, FC Chelsea, PSG und Real Madrid ja ziemlich wenig ist. Auch im jeweiligen Landespokal hat er erst 3 Titel.

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CHR4 26. Februar 2017 um 14:03

da bin ich zwiegespalten und nicht nur froh:
positiv: CL-Quali so gut wie sicher und man kann „Körner“ für die beiden Pokalwettberwerbe sparen
negativ: fehlende Spannung in der Liga, gepaart mit veringerter Wertschätzung der Siege und Titel – Konkurrenz belebt das Geschäft, fordert mehr, hebt die Spannung und verschafft mehr attraktivere Spiele in der Liga

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Schorsch 27. Februar 2017 um 00:49

Wenn man die reine Meistertitelanzahl sieht und sich die Namen seiner bisherigen Clubs anschaut, so mag man zu dem Schluss kommen, dass die Meisterschaft nicht unbedingt zu Ancelottis Paradewettbewerben zählt.

Schaut man etwas genauer hin, kann man auch durchaus zu einem anderen Schluss kommen. Begonnen hat Ancelotti als Clubtrainer beim Zweitligisten AC Reggiana. Den hat er zum Aufstieg geführt, was man als Erfolg werten kann. Das Gleiche gilt für die Arbeit mit seinem zweiten Club als Trainer, den Erstligisten AC Parma. Mit diesem wurde er in der Meisterschaft Zweiter. Ein Erfolg, mit dem man vorher nicht unbedingt rechnen konnte. Darauf folgte Juve. Mit der ‚Alten Dame‘ wurde er zweimal Zweiter; hier hätte man eventuell eine Meisterschaft erwarten können. Dann übernahm er Milan, allerdings in einer sehr schwierigen Situation (auch was den Tabellenplatz anbelangte). Ancelotti führte den AC noch auf den vierten Platz. In der darauffolgenden Saison gewann er mit Milan sowohl die CL, als auch den Pokal und in der nächsten Spielzeit die Meisterschaft. Mit Milan war er am Ende der Meisterschaftsspielzeiten immer auf Toprängen; die Konkurrenz in Italien war seinerzeit auch eng beieinander. Dabei erreichte er mit Milan noch zweimal das CL-Finale; Milan gewann bekanntlich eines davon. Als er den AC verließ, wurde er mit dem Team Dritter. Beim FC Chelsea war er nur 2 Jahre tätig; in der ersten Saison gewann er mit den Blues das Double. Dass er nach seiner zweiten Saison gehen musste, weil es nicht richtig lief, ist bei Chelsea nichts ungewöhnliches. Beim PSG gewann er in seiner ersten vollständigen Saison ebenfalls die Meisterschaft (was vielleicht nicht ganz so außergewöhnlich ist) und hätte (ich weiß, Konjunktiv…) vielleicht noch mehr gewonnen, wenn Real ihn nicht hätte haben wollen. Dort blieb er aufgrund der ‚Gesetzmäßigkeiten des Trainergeschäfts‘ (die für Real in besonderem Maße gelten) auch nur zwei Jahre, gewann aber die CL, den Pokal und wurde in der Meisterschaft Dritter und Zweiter. Letzteres mag man als zu wenig erachten für einen Trainer von Real.

Bei jedem seiner bisherigen Clubs hat Ancelotti erfolgreich gearbeitet. Das kann man so sehen, wenn man man Erfolg mit Titeln gleichsetzt. Aber auch, wenn man eine positive Entwicklung als Erfolg sieht. Letzteres war mit Sicherheit bei seinen ersten beiden Trainerstationen so und auch beim AC Milan. Damit ein CL-Sieg und eine Meisterschaft oder gar das Triple in einer Saison geschafft wird, müssen schon außergewöhnliche Konstellationen zusammenkommen. Das gilt für jeden Trainer. Als Manko würde ich es auf jeden Fall nicht sehen, wenn ein Trainer dies (noch) nicht erreicht hat. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Bayern diese Saison sich für den Gewinn der CL entscheiden würden, wenn sie zwischen Meisterschaft und CL-Gewinn wählen müssten. Das war bei Real auch nicht viel anders, als man unbedingt ‚La Décima‘ gewinnen wollte.

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Koom 27. Februar 2017 um 09:28

Die Historie würde ich auch durchwegs als „erfolgreich“ bezeichnen, auch ohne Meisterschaften. Vieles davon fand ja auch in einer Zeit statt, als es noch nicht den Mono-titelismus in den Meisterschaften gabe, wie jetzt in Italien und Deutschland und mit Abstrichen in Spanien (wo seit Jahrzehnten es _eigentlich_ nur Barca oder Real als Champions gibt). Mit Juve oder Bayern heutzutage Meister werden erscheint mir keine glanzvolle Trainerleistung zu sein. Zu sehr ist die Geldschere (gepaart mit einem besseren Einsatz der Gelder) in den letzten 5-7 Jahren auseinandergegangen. Nur die seltsame Struktur der Premiere League sorgt noch für Spannung in der Liga. Letztlich dann doch irgendwie die unterhaltsamste Liga. 😉

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CHR4 26. Februar 2017 um 13:36

@ Schorsch:
Den Trend zur „Mensch-Maschine“ sehe ich ebenso skeptisch, gerade im Umgang miteinander und, was die Abfoderung an Leistung ohne ausreichende Erholungsphasen angeht. Soziale Kompetenz ist sicherlich ein wichtiger Erfolgsbaustein und ohne Emotionen verliert Sport einen seiner Sinnfaktoren.
Allerdings gibt es für mich auch Momente, wenn ich mich „im Tunnel“, im „flow“ befinde, die etwas maschinenhaftes haben …

PS: das mit der engl. Version liegt allein daran, dass meine Assoziationen zufällig mit dieser verknüpft sind, da ich mich zum Verknüpfungszeitpunkt in meinen Synapsen an der Orginal-Version schon satt gehört hatte … hatte sogar überlegt, trotzdem das Orginalzitat zu verwenden 😉

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Schorsch 26. Februar 2017 um 16:47

‚Tunnelphasen‘ kennt wohl jeder, der in angespannten Situationen unter Druck agieren muss. Es ist sogar mMn sogar oft sehr hilfreich, in bestimmten Situationen den Verdrängungsmechanismus einzuschalten und (wie es so oft genannt wird) stur wie ein Panzer seinen Weg zu gehen. Man muss halt nur wissen, wann der Tunnel zuende ist. Hat man diese Phase hinter sich, muss man dann auch wieder den weiten Horizont sehen. Sich selbst entspannen und anderen entspannt begegnen. Im Leistungssport weiß man schon lange um die Wichtigkeit solcher mentaler Prozesse. Mitunter ist da auch gar kein spezifisches Training notwendig, wenn man die entsprechende Mentalität mitbekommen hat. Vielleicht gehört Ancelotti ja zu diesem Typus, wer weiß.

Nochmals zu Kraftwerk: Ab einem bestimmten Zeitpunkt erschienen die Alben gleichzeitig in einer deutschen und einer englischer Version und in anderen Sprachen. Ich bin mir nicht sicher, aber ‚Die Mensch-Maschine‘ könnte das erste Album gewesen sein. dass gleichzeitig in deutsch und englisch veröffentlicht wurde. Für mich persönlich ist halt die deutsche Version immer ‚original‘, weil Kraftwerk sich als deutsche Musikgruppe sich eben von Beginn an explizit zur deutschen Sprache bekannt haben.

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