Borussia Dortmund – 1.FC Köln 5:0

Dortmund ist national weiter im Aufwind, Solbakkens Kölner nach der komplett enttäuschenden 0:5-Schlappe weiter im Zick-Zack-Kurs.

Nach überzeugenden Heim-Siegen, bei denen man hinten sicher und kompakt stand und nach vorne mit gefährlichen Kontern die Tore machte, folgten zuletzt regelmäßig verpatzte Spiele in der Fremde, bei denen die eigene Strategie nicht aufging oder sogar zerlegt wurde. So war es auch hier – nach dem Sieg gegen Hannover konnte die  nur auf einer Position veränderte Mannschaft (Matuschyk für Brecko) den Schwung nicht mitnehmen und geriet bei der Borussia unter die Räder.

Diese konnte sich damit nach der Niederlage in Piräus unter der Woche rehabilitieren. Jürgen Klopp baute seine Mannschaft vor dem Spiel ein wenig um, als er Gündogan durch Kehl ersetzte und Großkreutz anstelle von Perisic auflaufen durfte. Wie auch die Kölner blieb man damit der eigenen Strategie treu.

Der Fluch der hohen Abwehr

Zwar machten die ersten Minuten des Spiels noch nicht den Eindruck, welchen die gesamten 90 nachher bieten sollten, doch schon nach 7 konnten die Borussen die Führung erzielen. Es muss angemerkt werden, dass es die erste Chance des Spiels war, dass die Kölner bis dahin über risikoloses Ballbesitzspiel etwas kontrollierender waren und dass dieser Treffer der Kölner Strategie erheblich erschwerte.

Aber nichtsdestotrotz demonstrierte dieses Tor ein Kernproblem der Domstädter in diesem Spiel. Die Strategie ihres Trainers Solbakken basiert auf zwei eng stehenden Viererketten, welche sich weit vom eigenen Tor entfernt und sehr eng beisammen aufhalten, um dem Gegner ein Kombinationsspiel sehr schwer zu machen. Anstatt eines Pressings oder eines aggressiven Vorgehens gegen den Ballführenden, belässt man es bei konstantem Verschieben und vor allem Zustellen der Passwege, um dem Gegner die Optionen zu nehmen.

Durch den fehlenden Druck auf den Gegner hat dieser allerdings sehr viel Zeit am Ball. Der Gegner kann also auf den richtigen Moment warten und dann unbedrängt einen langen Ball hinter die Abwehrkette spielen, da diese viel Raum hinter sich verteidigen muss. Bei guter Ausführung und einem schnellen und präzise getimten Lauf eines Offensivspielers verspricht diese Strategie gute Torchancen.

Solche Attribute konnten die Dortmunder auf sich vereinen – Hummels hatte Raum und konnte ungehindert vorstoßen, Lewandowski ließ sich geschickt fallen, Großkreutz attackierte den Raum hinter der Abwehr – Rückpass auf Kagawa, Tor (7.). In dieser Szene machte sich die neue (bzw. extremer gewordene Rolle) Hummels´ bezahlt. Sicherlich ist Kritik berechtigt, wenn der Innenverteidiger die Schwäche der Spieler vor ihm im Offensivspiel ausgleichen muss, doch dies ändert nichts daran, dass ein moderner und spielstarker Innenverteidiger absolut vorteilhaft ist – und so waren die Bälle hinter die Abwehr von Spielmacher Hummels – wie auch Subotic – an diesem Tag wesentlicher Faktor für das gute Offensivspiel der Dortmunder, denn neben dem ersten Tor fielen auch das 4:0 (Lewandowski, 50.) und das 5:0 (Kehl, 66.) auf diese Weise.

Kubas Läufe, Kagawa und das passive Abseits

Bei letzterem Tor kam die Vorlage von Kuba, der exakt demonstrierte, warum ihn Klopp zur Pause ins Spiel brachte. Schon in der letzten Saison waren Bälle hinter die Abwehr auf den schnellen Polen ein probates wie effektives Mittel des deutschen Meisters.

Zurück zum ersten Tor des Nachmittags: Hier gebührt dem späteren Schützen noch ein Sonderlob. Kagawa begab sich ins passive Abseits und verwirrte die Hintermannschaft der Kölner, was es Großkreutz ermöglichte, relativ leicht an das Leder zu kommen. Es war ein sehr interessantes wie wirksames taktisches Mittel, das die Dortmunder hier anwendeten – schon Thomas Müller, den man wie Kagawa als Falsche Zehn bezeichnen kann, war in van Gaals Bayern-Amtszeit Protagonist einer solchen Strategie. Dass Kagawa anschließend bei der Hereingabe recht frei stand, hatte nicht nur mit seiner Intelligenz und Intuition zu tun, sondern vor allem mit einem weiteren positiven Effekt seines Dummy-Laufes ins passive Abseits – er war mögliche Gegenspieler los geworden.

Dortmunder Flügelüberlegenheit

Selbst wenn die Kölner – wie beispielsweise in einer Phase Mitte der ersten Halbzeit – tiefer standen, hatten sie defensive Probleme. Weil die zweite Viererkette so extrem eng an der ersten stand und Götze und Großkreutz weit einrückten und ihre Gegenspieler mitzogen, hatten die Kölner Flügelspieler große Probleme, die Vorstöße der Dortmunder Außenverteidiger zu unterbinden.

Wenn ein zentraler Mittelfeldspieler den Ball hatte und der Außenverteidiger aus seinem Rücken angesprintet kam, war es deshalb viel zu einfach, diesem locker in den Lauf und ihn dann hinter der Abwehr freizuspielen.

Ein weiterer Nachteil der Kölner Verteidigungsstrategie war in solchen Fällen die fehlende Staffelung. Wenn man zum Ball verschob, was man obendrein auch noch zu langsam und träge sowie manchmal nicht kollektiv genug machte, und vor allem wenn die Außenspieler die Seiten für ihre in die Mitte gezogenen Außenverteidiger sichern mussten, wurde man im Rückraum völlig entblößt – Kehl brachte einige gefährliche Distanzschüsse an, Schmelzer bestrafte dies bei seinem Treffer zum 2:0 (25.).

Das Flügelspiel war an diesem Tag die Hauptwaffe der Dortmunder. Durch die passiv und abwartend ausgelegte Verteidigungsweise der Kölner konnte man häufig relativ ungehindert Flanken (21) in den Strafraum schlagen. Weil Bender in die Abwehrkette einrückte, konnten die beiden Außenverteidiger sich stark nach vorne einschalten und sich hinten auf die Minimal-Dreier-Absicherung gegen die Kölner Gegenstöße verlassen.

Diese befanden sich in einem Dilemma, denn durch den starken Offensivdrang von Schmelzer und Piszczek wurden ihre schnellen Umschaltspieler zu viel Defensivarbeit gezwungen. Gelegentlich ließ man sie zocken, doch dann wurde man hinten entblößt. Doch auch sonst waren die Hausherren auch die Herren der Außenbahn, denn gegen die langsam verschiebenden Gäste war die simple Überzahlbildung durch verstärkt eingesetztes Helfen Kagawas (später auch Benders und Kehls) auf Außen sehr erfolgsversprechend.

Kölner Harmlosigkeit

Ebenso enttäuschend wie die Abwehrleistung der Kölner war auch das, was sie im Angriff boten. Ohne ihre Konter, die an diesem Tag überhaupt nicht zum Tragen kamen, waren sie total harmlos. Chihi und Peszko hatten mit der angesprochenen Zwickmühle zu kämpfen und das gute Dortmunder Gegenpressing besorgte den Rest – Köln stand meistens recht hoch, Dortmund stand hoch, Köln stand sehr eng beieinander, Dortmund stand vorne eng zusammen – ideale Bedingungen.

Im geordneten Aufbauspiel hatte man ähnliche Probleme. Lanig sollte in einer sehr physischen und vertikalen Rolle Raum für Podolski aufmachen, doch dieser wurde – wie in der Spielgrafik zu erkennen – gut von den Dortmundern isoliert oder musste zumindest noch einen Schlenker machen, um in offene Spielstellung für seine Pässe zu kommen, doch bis dahin konnte Dortmund sich immer neu sortieren.

Folglich war man wieder stark auf die Flügelspieler angewiesen, was durch das durch Lanigs schematische Position erzeugte Kreativloch im offensiven Mittelfeld noch verstärkt wurde. Mit konstanter Pärchenbildung (Flügelspieler und Außenverteidiger oder Flügelspieler und zentraler Mittelfeldspieler) versuchte man diesem Rechnung zu tragen, doch es war zu wenig gegen Dortmund, die mit ihrem 4-1-3-1-1 defensiv gut verschoben, Flanken wie Zentrum zu machten.

Für Köln gab es so kein Durchkommen, fast keine Aktion war zusammenhängend, stattdessen abgehackt. Nach Ballverlusten konnten die Dortmunder kontern und nach einem solchen Konter fiel das 3:0 durch Lewandowski (44.), als man die Kölner mit guten Bewegungen komplett verwirrte – hervorzuheben war hier der Vorstoß Benders.

Fazit

Eine Statistik sagt mehr als tausend Worte – den allerersten Abschlussversuch der Kölner gab es erst nach 85 Minuten. Dortmund neutralisierte ihre Konter und nutzte die intrinsischen Schwächen der Abwehridee Solbakkens sinnvoll und intelligent aus.

Auch wenn der frühe Gegentreffer gerade für eine Mannschaft wie Köln fast schon der Genickbruch ist, auch wenn Solbakken nach dem Pausentee mit seinen Wechseln für mehr Sicherheit sorgen wollte, muss man doch von einer katastrophalen Leistung der Gäste und einem korrekten Ergebnis sprechen.

Wie prägend die Spielidee des Norwegers ist, erkennt man schon daran, dass sie in fast jeder unserer Analysen bei spielverlagerung.de ausführlich erklärt wird. In diesem Spiel ging sie nach hinten los – fast schon mechanisch reihten sich die Kölner defensiv auf, ohne wirklichen Widerstand. Aber wenn man diesen Weg gehen will, gehören Rückschläge dazu ebenso wie Spiele, in denen man mit dieser Strategie nichts holen wird. Wie schon nach der Niederlage bei der Hertha wurde deutlich, dass man offensiv Alternativen zum Konterspiel braucht, welche Solbakken nun trainieren lassen muss.

wimmer ma 23. Oktober 2011 um 13:53

Es ist für einen ehemaligen Kölner Fussballer nichts NEUES, wenn er in Schwaben zwischenzeitlich beheimatet, von dieser indipunierten leistung dewr Koelner FC`ler lesen muß, dass sie es bis dato nicht verstanden haben, eine Konstanz in ihr Spiel zu bekommen. Es sind Profis, die täglich nichts anderes machen als zu fußballern, was soll im Leben ein Schweißfachmann im Vergleich machen?, der kann auch die Naht nicht dahin setzen wo und wie es ihm passt. Dieset Trainer ist nichts für diese Schlebriane; denn diese Herren werden selbst unter einem Schleifer noch den Dienst beim Spiel verweigern! Vorprogrammierter Abstieg in die 3. Liga !!?? mfg M.W

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fritze 23. Oktober 2011 um 23:35

Schön, oder? Zumal der Durchschnittsspieler in der Bundesliga mehr verdient, als der durchschnittliche deutsche Geschäftsführer, der für einen Haufen Beschäftigte und Geld die Verantwortung trägt. Mit den besser verdienenden Fussballern können selbst die meisten Konzernchefs nicht mithalten, und bei den Spitzenfussballern wird es selbst für DAX30-Bosse eng.

So viel zu den Relationen. Da kann man natürlich mal schlecht spielen.

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HW 24. Oktober 2011 um 08:44

Ohne hier eine Diskussion anzufange, die nicht zu dieser Seite passt. Aber die Gehälter in verschiedenen Branchen zu vergleichen ist doch immer ein Spiel mit Äpfeln und Birnen.
Nicht alle DAX-Manager machen alles richtig. Immerhin können wir den kölner Fußballern nicht die Schuld an Finanzkrisen usw. geben.

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Christian 23. Oktober 2011 um 12:40

Mir gefällt diese Seite immer besser. Überaus interessante Analyse des Spiels, vielen Dank.
Bitte weiter so mit der guten Arbeit!

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Emil 23. Oktober 2011 um 11:50

Ich war im Stadion und traute meinen Augen nicht. So eine Vorstellung wie die von Köln habe ich noch nicht gesehen. Es war nicht nur die falsche Taktik gegen den BVB, es kamen technische Fehler dazu, die man in der Bundesliga selten sieht und es wurde überhaupt nicht gekämpft. Die Kölner waren auch immer einen Schritt zu spät beim Ball. Manchmal reichte eine einfach Körpertäuschung und der Spieler stand da wie stehengelassen und nicht abgeholgt. Ich denke, nach dem 2:0, das ja schon relativ früh fiel, hat die Mannschaft nicht mehr an einen Erfolg geglaubt und dann sieht man eben, wie stark die psychische Komponente im Fußball ist.

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piedra.montana 23. Oktober 2011 um 11:35

Absolut desolate Leistung.

Bereits seit letzter Saison schlägt die Amplitude des FC in Auswärtsspielen sehr weit aus (Beispiel 2:6 in Hamburg oder 1:4 in Wolfsburg). Ich glaube, dass es weniger eine Frage des Systems, als eine Frage der Psyche ist, warum solche Spiele so deutlich verloren werden. Der Tageswert der FC-Profis wird durch irgendwelche Faktoren beeinflusst, die man von außen nicht analysieren kann.

Weiterhin: nach diesem Spiel lassen sich genügend Kritikpunkte an Solbakkens System finden, daran führt kein Weg vorbei. Die langen Diagonalbälle in den freien Raum hinter der Abwehr wurden hier ausreichend thematisiert und Solbakken wird mindestens genauso schlau gewesen sein, um darauf hinzuweisen.
Nichtsdestotrotz hat das raumorientierte Defensivverhalten heute in allen Aspekten versagt und man hat teilweise haarsträubende Gegentore gefangen.

Der Wechsel Sascha Riethers aus der Zentrale nach rechts hinten war natürlich notwendig, aber dann zeigte sich eben auch, dass Matuschyk und Jajalo noch nicht so weit sind, das Zentrum alleine zu verdichten. Da ist Riether schon erfahrener…

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datschge 23. Oktober 2011 um 02:00

Wie immer eine schöne Analyse.

Im pressingfreien kölsche Biotop blüht der BVB auf. Ich finde es etwas bewundernswert, wie strikt sich Solbakken und sein Team an das nicht-Pressen halten, damit habe sie (wie im Artikel schön herausgearbeitet) genau den Schwachpunkt des BVBs ausgespart. Mit Stellungsspiel alleine ist dem BVB nicht beizukommen. Ein schönes Geschenk mit schönen Toren, und ein Lehrbuchbeispiel, wie man gegen BVB nicht spielen sollte.

Köln und BVB sind für mich die zwei aktuellen Bundesligaklubs mit sehr speziellen Strategien: Wenn es funktioniert, sieht es sehr schön aus, wenn es nicht funktioniert, gehen sie unter. Beide Seiten müssen offensichtlich noch an einem Plan-B arbeiten.

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Torsten 23. Oktober 2011 um 01:10

Danke für diese tolle Analyse. Ich hatte keine Möglichkeit, das Spiel zu verfolgen und fühlte mich durch den unsäglich niederträchtig-hämischen Spielbericht von Steffen Simon in der Sportschau bisher sehr schlecht informiert.

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Rolf 23. Oktober 2011 um 17:08

Beide Aussagen von dir treffen den Punkt.
Ich begreife nicht, was in diesen Reporter gefahren ist. Schlechte Leistungen muss man auch so nennen dürfen, aber dann noch kübelweise dümmlichen Spott loslassen – hat er eine Bewerbung bei rtl2 laufen? Wie ärmlich!

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knaxl 25. Oktober 2011 um 13:43

Mir ist beim Anschauen des Spielbereichts in der Sportschau der Zwiebelkuchen aus dem Mund gefallen. Ich wusste ja vorher schon, dass der FC sich die Klatsche verdient hatte, aber einen solchen Kommentar habe ich im Leben noch nicht gehört! Ich habe daraufhin der Sportschau mal eine verärgerte Email geschrieben. Aber noch hat sich keiner gemeldet.

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