Zwischen Hammergruppe und Wembley

Wie unterschiedlich Spiele doch sein können: Warum agierte die deutsche Nationalmannschaft gegen Portugal so furios und tat sich anschließend gegen Ungarn so schwer? Wie sind die Aussichten vor dem großen Duell gegen England? Welche Art von Spiel ist am Abend in Wembley zu erwarten?

Kaum hatte das spektakuläre 4:2 gegen Portugal große Euphorie entfacht, bedeutete schon die nächste Begegnung gegen Ungarn fast wieder einen Stimmungsumschwung rund um die EM der deutschen Nationalmannschaft. Die schwierige Zitterpartie gegen den klaren Außenseiter nährte viele Zweifel. Ein solch scharfer Kontrast, wie er sich zwischen den beiden Partien ergab, kann recht schnell auftreten und setzt sich aus verschiedensten Gründen zusammen, so auch in diesem Fall.

Ungarn defensivstärker als Portugal

Ein erster einfacher Faktor waren die jeweiligen Gegner. Zwar ist Ungarn im Gesamtpaket als Mannschaft nicht so stark wie die Portugiesen, aber bringt in der Arbeit gegen den Ball mehr Output aufs Feld. Strukturell konnte das Team von Marco Rossi mit der eigenen Fünferkette die deutschen Flügelläufer deutlich besser aufnehmen, die dem Titelverteidiger noch solche Probleme gemacht hatten. Bei Portugal war die Abdeckung der Breite geringer und die Außen standen immer wieder vor der Frage, wie sie auf Kimmich und Gosens reagieren sollten.

Darüber hinaus sind die Ungarn – im Gegensatz zu Portugal – an ein tiefes Verteidigen, wie gegen Deutschland über viele Phasen praktiziert, sehr gut gewöhnt. Dementsprechend fühlten sie sich in jener Haltung vertraut und konnten die Spielweise mit hoher Grundkonstanz abrufen. Diese Gewöhnung machte sich bei der Ausführung in vielen kleinen Details bemerkbar: Wenn ballnah der Flügelverteidiger heraus- und der Halbverteidiger dahinter weiter nachschieben musste, füllte Nagy von der Sechs zügig größere Lücken in den Schnittstellen der Abwehrreihe auf.

Der ballferne Achter wiederum pendelte stets sehr sauber vor die Kette. Brachte Deutschland mal Hummels kurz ins Andribbeln und beispielsweise Schäfer musste von der linken Acht anstelle eines Stürmers vorschieben, fand dieser schnell ein gutes Timing im Anlaufen und erkannte den Moment, wann er „abbiegen“ und etwa auf einen Querpass zu Ginter nachrücken konnte. Ungarn war also einerseits im Allgemeinen defensivstärker als Portugal und zum anderen in den konkreten Wechselwirkungen für die deutsche Spielanlage die unangenehmere Aufgabe.

Schwächere Umsetzung der eigenen Spielweise

Genauso machte aus Sicht der DFB-Elf die eigene Ausführung jener Spielanlage einen weiteren Faktor für den „schwächeren“ Auftritt aus. Deutschland hatte schlichtweg eine weniger gute Umsetzung des mannschaftlichen Systems als in der Partie zuvor, bzw. eine weniger gute Umsetzung verschiedener Aktionen und Verhaltensweisen. Der Knackpunkt war vor allem das Übergangs- und Vorwärtsspiel von den Halb- und den Flügelverteidigern nach vorne und die Staffelungen, die zum Offensivdrittel hin entstanden.

Die Mehrzahl der Szenen lief über die halbrechte bzw. rechte Seite. Das hatte mehrere Gründe: Zunächst einmal agiert Ginter aufrückender und breiter als Rüdiger. Kimmich, als potentiell spielmachender Akteur, wird naturgemäß mehr gesucht als Gosens, dessen Einbindung erst in späteren Momenten ihre größte Effektivität verspricht – und prinzipiell versucht die DFB-Elf dem zu entsprechen.

Zweitens war das Herauskippen von Kroos nach links, um dort Bälle zu fordern, nochmals etwas seltener als in anderen Turnierauftritten. Häufiger überließ der Routinier jene Räume dem recht hoch stehenden Rüdiger und hielt sich stärker im Zentrum. Das lag auch daran, dass Gündogan sich früher ins offensive Mittelfeld orientierte als bislang und Kroos entsprechend klarer in der Absicherung gefordert wurde. Es entstand eine schärfere Tiefenstaffelung. Mitunter stand Gündogan enorm weit vorne und fast zentral an der letzten Linie.

Drittens schließlich kam die Spielweise der Ungarn zum Tragen, die grundsätzlich versuchten, das DFB-Team in den deutschen rechten Halbraum zu leiten. Zwar war die Anordnung der Stürmer des ungarischen 5-3-2 noch halbwegs symmetrisch. Aber Adam Szalai, der prinzipiell höhere der beiden Angreifer, startete überwiegend auf der halbrechten Position. Entscheidend waren vor allem die Verhaltensmuster: Wenn Rüdiger den Ball von Hummels erhielt, kam es häufig (wenn auch nicht konstant) vor, dass Szalai im Bogen und dann von außen anlief, um den deutschen Verteidiger wieder zurück nach innen zu drängen.

Allgemeine Offensivprobleme im Hintergrund

Viele Bälle innerhalb der Dreierkette gingen schließlich auf Ginter, der zunächst etwas Raum zum Andribbeln hatte. Auch Ballstafetten von dieser Position zum Breitengeber am Flügel und zurück waren grundsätzlich möglich. Danach aber begannen die Schwierigkeiten des deutschen Teams, wenn es darum ging, das Leder von einem der Verteidiger noch weiter nach vorne zu transportieren. Das Hauptthema dieses Problemkreises lautet: Die Organisation und die Rollenverteilung im Offensivbereich, so beweglich dieser prinzipiell aufgestellt ist, sind insgesamt nicht definiert genug.

Das deutete sich gegen Frankreich an und war gegen Portugal nicht vollends verschwunden. In jener Begegnung fanden sich aber noch am ehesten genauere Schärfungen dadurch, dass oft einer der drei vorderen Akteure tiefer versetzt zu den anderen beiden agierte und der höhere Sechser vermehrt Verbindungsräume dorthin besetzte. Gegen Ungarn kam wieder stärker die horizontale Orientierung durch. Das lag auch daran, dass Gündogan teilweise so weit aufrückte, dass er sich fast zwischen den Stürmern einreihte, und teilweise etwas zu weit ballfern abdriftete.

Gündogan ist hier wieder tiefer zurückgefallen und verteilt auf Ginter. Dieser verpasst es nach dem Zuspiel, mit Tempo ins Andribbeln zu kommen. Gnabry kommt kurz entgegen, läuft dann aber wieder weg – vermutlich, um den Zwischenlinienraum zu vergrößern, doch kann dieser anderweitig kaum besetzt werden. Eine Kreuzbewegung mit Sané bleibt aus. Zumal zieht Gnabry selbst ohne Blickrichtung zum Ball von Ginter weg, kann dadurch nicht beobachten und dynamisch weitere Optionen antizipieren. Würde er sich wieder kurz einbinden, könnte der nachrückende Gündogan per Ablage im Zentrum ins Spiel gebracht werden. Auch auf den ballfernen Positionen laufen die Spieler eher passiv und gleichförmig mit nach vorne durch. Es deutet sich bereits eine flache Fünferstaffelung in vorderster Linie an, hinter der die angrenzenden Halbräume kaum besetzt sind (hier nur durch den ballführenden und aufgerückten Ginter).

Die Angreifer zogen daraufhin vermehrt auseinander, wurden in ihren Bewegungen aber leichter ziellos. Spätestens wenn der Ball auf die Flügelläuferposition ging, hatten sich schließlich vielfach flache Staffelungen in der letzten Linie ergeben. Bei kurzem Andribbeln von Ginter kamen aus der Angriffsreihe heraus zwar oft kurze explosive Antäuschbewegungen des jeweils ballnächsten Kollegen zu ihm hin. Aber in der Folgeaktion starteten sie wieder in die Spitze, es gab kaum mal eine gegenläufige Reaktion darauf und somit in der Summe zu oft nur Läufe vom Ball weg.

Fortsetzung der Szene von oben: Kimmich muss abbrechen und zurückspielen, viele Spieler stehen ungestaffelt im Strafraum. Sehr wichtig für Ungarns Stabilität hier die Position von Adam Szalai ballfern gegen Kroos.

In der seitlichen Orientierung vorne und in den vertikalen Staffelungen oder großen Abständen zwischen den Sechsern entwickelte sich letztlich fast gar keine Halbraumbesetzung. Das erschwerte in insgesamt zu vielen Szenen die Optionen, um das Leder vorwärts zu transportieren. Auch für die Ballzirkulation, um nach abgebrochenen Ansätzen schnell über das Mittelfeld neu verlagern zu können, war diese Konstellation nicht optimal. Es wurde schwieriger, sich aus einem Halbraum in den anderen zu lösen und den Gegner ausreichend in Bewegung zu bringen, bevor man ihn attackierte.

Kein dauerhafter Druckaufbau auf den Außenseiter

Dies sollte das Hauptproblem bleiben, nachdem Joachim Löw zur Halbzeitpause die Struktur des Teams bei Ballbesitz angepasst und grundsätzlich verbessert hatte. Kimmich rückte von rechts ins Zentrum neben Kroos (und schien dort gegen den Ball prinzipiell bleiben zu sollen, was aber eher chaotische Folgeumformungen und improvisierte Flügelläuferpositionen Sanés wie vor dem 1:2 nach sich zog). Dadurch konnte Gündogan (bzw. später Goretzka) unbeschwerter in höhere Linien vorschieben, wenngleich oft in eine seltsam linksseitige Position.

Als Breitengeber auf der rechten Seite blieb statt Kimmich fortan Sané in der letzten Linie übrig. Eröffnete die deutsche Mannschaft über halbrechts, begab sich zudem Havertz (und später teilweise Müller) frühzeitig ausweichend in jenen Halbraum vor Ginter, um die Verbindung zum Flügel zu geben. Dadurch zog das DFB-Team viel Präsenz nach halbrechts rund um Kimmich.

Es bereitete diese potentiellen Überladungen aber nicht nur frühzeitig vor, sondern spielte sie aus dem Aufbau auch sehr schnell an – und forcierte sie fast zu viel. Mehr und mehr neigte Deutschland dazu, die alternative Eröffnung oder Verlagerung zu übergehen. So konnte sich Ungarn frühzeitig auf jene Seite fokussieren und zuschieben. Zwischenzeitlich schnürte sich die deutsche Elf mit der vorzeitigen Orientierung nach halbrechts dort fast selbst ein.

Schließlich beförderte die unausgewogene Aufteilung in den Verbindungszonen im Halbraum Probleme mit Kontern, die Deutschland häufiger zulassen musste als etwa gegen Frankreich. Die Lücken in den Halbräumen konnten allein von den Halbverteidigern nicht gestopft werden. Numerisch waren die Voraussetzungen für Gegenpressing und Restverteidigung mit den vielen Spielern in der letzten Linie und den hohen Flügelläuferpositionen ohnehin nicht optimal.

Obendrein erwischten die Ungarn im Konterspiel einen besonders guten Tag. Die Flügelläufer glänzten mit ihrem Nachrückverhalten und die Achter bewegten sich in den ersten Momenten geschickt und wendig in Lücken. Nur wenige Konter wurden direkt torgefährlich, zumal die Stürmer viel ausweichen mussten und teilweise zu viel auswichen (bzw. bei Szalai athletisch nicht die leichtesten Voraussetzungen haben).

Aber es gelang den Ungarn, zumindest großen Raumgewinn aus dem Umschalten zu erzielen und Deutschland so nach hinten zu drängen. Dies unterbrach die Druckphasen der DFB-Elf wieder und wieder. Vor allem trugen solche vertikalen Momente, zumal nach dem frühen Rückstand, dazu bei, dass sich vermehrt Hektik in den deutschen Angriffen auszubreiten begann. Einige der besseren Situationen, in denen potentiell und strukturell mehr möglich gewesen wäre, wurden durch wilde, überambitionierte Entscheidungen zunichte gemacht. Deutschland stürmte gegen den tiefen Defensivblock des Gegners phasenweise zu forsch und ungestüm an.

Letztlich verstellte dies die Möglichkeit, das 5-3-2 Ungarns über längere Abschnitte klar hinten einzuschnüren und dauerhaften Druck zu generieren. Dazu trug noch ein letzter Faktor bei, das deutsche Pressing – auch wenn es quantitativ wenig gefragt war. Anfangs versuchte das Team oft, die gegnerische Dreierkette mit zwei Stürmern (Gnabry und Sané) allein zu kontrollieren. Das war angesichts weiträumiger Staffelungen aber nicht immer möglich.

Mit der Zeit ergänzte Havertz häufiger vorne, aber nicht unbedingt in sauberen Dreierreihen, sondern lauerte eher ballfern auf Herausrückmöglichkeiten. Problematisch war das Timing: Einige Male stand Havertz ausgerechnet in den Situationen höher, in denen Gnabry und Sané gerade zu zweit mit der ersten Linie des Gegners zurecht kamen und diese lenken konnten. Dahinter sah sich das deutsche Team gezwungen, mit vielen situativen Mannorientierungen im Mittelfeld zu improvisieren, wo Ungarn sich flexibel staffelte und immer mal einen Achter tiefer als den Sechser zurückzog.

Insgesamt gelang es nicht konstant, Aufrückmomente für den Gegner zu verhindern. Wieder musste Deutschland aus gegnerischen Ballbesitzphasen heraus einige lange Wege machen. Von Räumen in der ersten Linie ließen die Ungarn sich aber andererseits zumindest vermehrt zu ambitionierten und teils überambitionierten Aktionen bei Dribblings und im vertikalen Passspiel verleiten. Zwischendurch verbuchte das DFB-Team dagegen einige gute Ballgewinne. Aber zuvor hatte sich Ungarn meist einige Meter nach vorne gearbeitet und die vorige deutsche Druckphase gestoppt.

Welche Art von Spiel wird es gegen England?

Gegen England könnte es wiederum ein gänzlich anderes Spiel geben, mit anderen Aufgabenstellungen und anderen Qualitäten, die gefragt sind. Man trifft auf eine sogenannte „große“ Nation, die vor heimischer Kulisse aufläuft. Doch wird sich die (strategische) Grundkonstellation tatsächlich so stark unterscheiden? So herausragend das englische Team insgesamt und ganz besonders die englische Offensive individuell auch besetzt sein mag: Trainer Gareth Southgate setzt, bei dieser EM noch klarer als in den letzten Monaten, mannschaftlich eher auf einen Ansatz der Risikovermeidung.

In den drei Gruppenpartien hatten seine „Three Lions“ zwar stets mehr Ballbesitz, gegen Schottland 60 % und gegen Tschechien 57 %. Aber wenn der Gegner mal das Spiel aufbaute, ergriffen die Engländer auch Gelegenheiten, um sich zurückzuziehen und passiv zu verteidigen. Das könnten sie gegen Deutschland quantitativ noch häufiger machen. Vor allem sind sie im tiefen Verteidigen für ein Top-Team ungewöhnlich erfahren und sauber. Unabhängig von der genauen Ballbesitzverteilung werden sich viele deutsche Angriff wieder mit einer tief gestaffelten Defensive auseinander zu setzen haben – also vom Prinzip doch eine Konstellation wie gegen Ungarn.

Trotzdem wird England zwischendurch mehr Angriffspressingphasen haben als der letzte deutsche Gegner. In diesen Momenten agieren sie intensiv und schieben gut zum Flügel nach. Lücken gibt es am ehesten hinter der ersten Reihe im Halbraum. Der jeweilige Zehner neigte zuletzt gegen Tschechien dazu, sich etwas zu weit zur Seite zu orientieren und dadurch die Innenbahn offener zu lassen. Wenn die Staffelungen innerhalb der Aufbaudreierreihe und zu den Sechsern passen, dürften sich diese für Deutschland bespielen lassen. Sollten Gündogan und Kroos wieder tiefer und zurückhaltender agieren, wäre das dafür eine hilfreiche Voraussetzung.

Es scheint nicht unrealistisch, dass Deutschland auch gegen England in Wembley eine größere Anzahl langer Ballbesitzphasen, auch in höheren Zonen, haben dürfte. So ähnlich diese Konstellation derjenigen der letzten Gruppenpartie wäre: Dennoch dürfte sie sich anders darstellen und „anfühlen“, denn die Parameter (taktik-)psychologischer Art unterscheiden sich. Deutschland steht nicht unter dem Zugzwang, gegen den vermeintlichen Zwerg der Vorrundengruppe anspielen zu müssen, und kann problemlos auf eine Ausrichtung mit erhöhter nomineller Absicherung setzen. Vor gegnerischen Kontern gilt besondere Vorsicht. Daher ist mit einer vorsichtigeren Spielweise der Sechser zu rechnen.

Strukturell hätte Southgate die Möglichkeit, von seiner zuletzt bevorzugten 4-3-3- bzw. 4-2-3-1-Formation umzustellen auf ein 3-4-3, die zweite große Option seines Teams. Mit einer Dreierkette bestritt England die WM vor drei Jahren, als es bis ins Halbfinale ging (damals im 3-5-2). Gegen Deutschland wäre die 3-4-3-Grundordnung die direkte Antwort auf die Flügelläufer des DFB-Teams – als eine Reaktion, um diese Akteure möglichst direkt aufnehmen und verteidigen zu können.

Welche Ausrichtung im Pressing?

Auch wenn England im bisherigen Turnier erst zwei Treffer erzielt und keineswegs Offensivspektakel geboten hat, muss sich Deutschland vor den gegnerischen Ansätzen mit Ball in Acht nehmen – und zwar jenseits des Potentials der Einzelkönner. Das Aufbauspiel der Mannen von Southgate ist unangenehm zu verteidigen. Wenn sich die deutsche Offensive im Pressing diesmal in einer flachen Dreierreihe formiert, hätte sie erst einmal eine gute Grundsituation.

Sollte Löw tatsächlich bei der Fünferkettenformation bleiben, könnte Deutschland im 5-2-3 etwa nach diesem Muster hoch zustellen (mit möglichen personellen Besetzungen)

Bei einer solchen Anordnung könnte sie Rückstöße von Rice und/oder Philipps direkter aufnehmen als mit zwei Mann und außerdem auf asymmetrische Umformungen in einen Dreieraufbau reagieren. Es kommt vor, dass die englischen Verteidiger ihre Positionen sehr subtil und kleinräumig innerhalb von laufenden Ballbesitzphasen anpassen und einen Außenverteidiger flacher und enger neben die Innenverteidiger ziehen.

Strategisch bietet es sich für das deutsche Team an, hoch zuzustellen, aber in einer passiven Ausrichtung. Sind die zentralen Optionen in der ersten Reihe blockiert, greift Keeper Pickford mitunter recht frühzeitig oder sogar zu frühzeitig zu Flugbällen oder ambitionierten Chip-Pässen. Aus der Passivität heraus wäre es für das deutsche Team aber passend, bei Problemen rund um die erste Pressingreihe schnell die Entscheidung zum Rückzug in eine tiefere Position zu treffen.

Signale zum Attackieren wären demgegenüber vor allem die Momente, in denen englische Offensivakteure in sehr breiten Positionen im Mittelfeld Bälle fordern. Das soll generell wohl ein lockendes Mittel sein, damit der Gegner aus mehreren Richtungen heranschiebt und England anschließend über die Viererkette schnell verlagern kann. Allerdings erfolgen diese Aktionen bisher doch eher unsauber, bei suboptimalen Abständen und manchmal unbedacht in ungünstigen Momenten. Gegen eine Fünferkette und das Herausrücken des ballnahen Flügels könnte England in jenen Positionen stark unter Druck geraten.

Leiten auf Englands rechte Seite?

Eine wichtige Erwägung für Joachim Löw bestünde darin, Englands primären Aufbauspieler Maguire zuzustellen und die „Three Lions“ auf ihre halbrechte Seite zu lenken. Dafür muss nicht zwingend einer der Angreifer schematisch vor den anderen postiert werden. Etwas zurückhaltender wäre es auch möglich, den rechten Stürmer mehr zwischen Innen- und Außenverteidiger starten und später dynamischer auf Maguire vorschieben zu lassen, um „nur“ Rückpässe zu provozieren.

Das Leiten auf die rechte englische Seite würde Deutschland zudem zur Verteidigung von Kane helfen. Der Mittelstürmer und Torjäger der Engländer lässt sich oft und weit ins Mittelfeld zurückfallen – in einem solchen Ausmaß, dass er fast zum wichtigsten Übergangsspieler wird. Kane bevorzugt den halblinken Bereich vor Maguire und findet ein exzellentes Timing für seine Bewegungen, um geöffnete Räume zu füllen und Bälle nach vorne weiterzuleiten.

Auch die anderen Offensivakteure unternahmen zuletzt viele Rückstöße, jedoch in der Entscheidungsfindung und Raumwahl neben guten Ansätzen etwas unstetiger. Allgemein wird es für die deutsche Elf wichtig sein, solche Bewegungen nach hinten nicht zu weit zu verfolgen, sondern über die Sechser aufnehmen zu lassen. Nach kurzen und flachen Eröffnungen versucht England gar nicht so häufig, die folgenden Szenen weiter kleinräumig auszuspielen und situative Überzahlen am Ball zu erhalten, sondern entfacht mit Anschlussläufen sehr viel allgemeine Bewegung und setzt auf die Menge von Anspieloptionen in mittlerer Reichweite.

Sollte es Deutschland gelingen, das Spiel auf die englische rechte Seite zu lenken, werden die seitlichen Bewegungen von Philipps ein Thema sein. Bei Rückstößen seiner Mitspieler scheint es in manchen Szenen fast, als würde der umtriebige Mittelfeldallrounder den jeweiligen Kollegen zulaufen, nur um dann im letzten Moment doch wegzuziehen und nach außen zu weichen. Überraschend entsteht dadurch doch manchmal wertvoller Raum. Entscheidungsfindung und Absprachen werden für die DFB-Elf in jenem Bereich essentiell sein.

Allgemein ist es gut möglich, dass die Engländer in festgeschobenen Staffelungen recht schnell zum Flugball greifen werden – wie sie es aus den ersten Linien heraus ohnehin oft gezielt machen. Auf der linken Defensivseite hätte Deutschland mit Rüdiger und Gosens das passendere Personal als am anderen Flügel, wenn es letztlich in viele Laufduelle an der Linie gehen sollte. Bei beiden ist der Einsatz fraglich, doch prinzipiell wäre Deutschland mit Süle und Halstenberg in dieser Disziplin ebenfalls nicht schlecht aufgestellt.

Schlussworte

Allgemein deutet sich an dieser Stelle der Einfluss des Personals an: Die Teams haben enorm viele Optionen in ihren Kadern, dank derer die Trainer in ihrer Startelf überraschen oder im Laufe der Partie von der Bank hochkarätig wechseln könnten. Einzelne Individualisten hätten das Potential, die genauen strukturellen Parameter der Partie entscheidend zu verändern und in Details für überraschende Wendungen zu sorgen.

Darin ist ein weiterer besonderer Reiz des Duells zu erwarten. Auf die grundlegenden strategischen Konstellationen haben diese Personalfragen jedoch weniger Einfluss. Bei der großen, übergreifenden Dynamik steht – unabhängig von den genauen Aufstellungen und Besetzungen – zu erwarten, dass beide Teams zunächst einmal stark auf Stabilität gehen werden (bzw. bei Deutschland wieder verstärkt darauf gehen müssen). Selbst ein solches „Stabilitätsduell“ sollte aber sehr anspruchsvoll ablaufen und dementsprechend spannend zu verfolgen sein.

[email protected] 30. Juni 2021 um 20:41

Frage an Alle: was sagt ihr denn zu der 3er Reihe?

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Koom 2. Juli 2021 um 12:32

Simple Antwort: War nicht das Problem. Hat aber auch nicht groß geholfen.

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tobit 2. Juli 2021 um 18:00

Kurze Antwort: Wurde mir an einigen Stellen zu unsymmetrisch und an anderen zu symmetrisch gespielt.

Längere Antwort:
Die Asymmetrie im Aufbau fand ich ganz gut. Die Verschiebung nach rechts passte zu den Spielertypen. Links Platz für Rüdiger und Kroos zum Ausweichen sowie für mal tiefere Positionen von Gosens. Hummels eher nach rechts geschoben um Kroos aus dem Weg zu gehen (gegen England dann auch mal nette 2-2-Staffelungen mit Hummels vor den Halbverteidigern), geht mit seinem aktuellen Spiel natürlich wesentlich besser als früher. Ginter rechts mit der Freiheit sich offensiv einzuschalten (wo mir seine Laufwege seit der Tuchel-Zeit durchaus gefallen) aber mit weniger Risiko isoliert oder überrannt zu werden. Man hätte das natürlich noch mehr variieren können mit symmetrischeren Staffelungen der Halbverteidiger, aber für die begrenzte Trainingszeit war das schon ganz ordentlich. Ich hätte sie aber mit einem wendigeren Spieler als Ginter und viel mehr Bewegungen Kimmichs nach innen noch besser gefunden.
Das spricht auch sofort einen großen Kritikpunkt an: Kimmich hat zu viel symmetrisch mit Gosens an der Auslinie geklebt. Das passt mir aus mehreren Gründen nicht. Erstens ist Kimmich besser mit mehr möglichen Spielrichtungen (sprich: im Mittelfeld, nicht hoch und breit). Zweitens weichen reichlich der Halbstürmer gerne nach rechts außen aus (wurde ja auch immer mal genutzt, wo dann Kimmich situativ zum Halbstürmer wurde). Da hätte man Kimmich also gar nicht so lange außen stehen lassen müssen, sondern eher den direkten Passweg Ginter => Stürmer öffnen können um dann auf Kimmich zurückzulegen. Und drittens hätten Gündogan und Kroos in der Mitte durchaus noch Unterstützung gebrauchen können, dann wäre das Spiel dort vllt etwas variabler geworden und Raumgewinn durch die Mitte nicht immer vom Zurückfallen von Havertz abhängig gewesen (den ich in höheren Zonen für stärker und wertvoller halte).
Ein anderer Kritikpunkt bezieht sich vor allem auf das Lettland-Testspiel. Da hat Kroos sich oft links auf eine enge Halbverteidiger-Position fallen lassen und damit Rüdiger nach innen, Hummels sehr breit nach rechts und Ginter sehr hoch geschoben, was eine grausige Struktur zur Konterverteidigung gegen jeden etwas besseren Gegner gewesen wäre. Weder Kroos noch Hummels können in diesen Situationen den Flügel verteidigen und der leere Sechserraum würde wenn halbwegs clever angespielt auch noch Rüdiger nach vorne ziehen. Wie wichtig schnelle Halbverteidiger sind, hat England ja bei der großen Müller-Chance demonstriert: Walker zwingt durch sein auf- bzw. überholen Müller zu einem überhasteten Abschluss vom Strafraumrand anstatt dass dieser „nur“ mit Mann im Rücken auf den Torwart laufen kann.

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Taktik-Ignorant 3. Juli 2021 um 23:18

Eigentlich hat das nur im Spiel gegen Portugal wirklich funktioniert, gegen andere Gegner wirkte es sehr statisch und nach vorne nicht wirklich überzeugend.
Bei Angriffen des Gegners war unsere rechte Abwehrseite ein Schwachpunkt. Kimmich hat wohl vergessen, dass die rechte Position in der 5er-Kette eben ursprünglich auch eine Verteidigerposition ist.
Nach vorne hin fehlte ein wenig die Schnelligkeit in der Entscheidungsfindung; Läufe von Gnabry, Sané oder Havertz vom rechten Strafraumeck aus Richtung Grundlinie wurden fast nie zu einem Pass auf sie genutzt, der Gegner konnte sich immer darauf einstellen, dass Kimmich/Ginter den Ball wieder hinten herüber ins Zentrum spielen würden.

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Jogibär 30. Juni 2021 um 16:17

An sich ist egal ob Löw an gewissen Entwicklungen Schuld hat oder nicht. Nach fast zwei jahrzehnten nutzt sich alles mal ab, das hätte man sich aber auch eher eingestehen können. Das muss ja kein Unvermögen sein, sondern schlicht etwas ganz Natürliches.
Er ist jetzt weg und Flick wird zeigen können, was mit diesem durchaus guten Spielermaterial möglich ist. Insofern Bierhoff da nicht irgendwie wieder irgendwelche komischen Ideen in den Kopf schießen.

Ich sehe lieber ne Mannschaft 3:4 verlieren als dieses Gegurke. Das ist wohl die erste Frage die man sich stellen sollte. Will man was bieten, auch zur Identifikation, oder sich einigeln (wie die Engländer … und das tut mir echt Leid, aber das war erbärmlich bei dem spielerischen Potential. Im eigenen Stadion zum Em-Achtelfinale in der 2 HZ nur auf Konter setzen. Puh …. )?

Mit Löw sollten auch einige Spieler Platz machen. Denn sie machen es nicht besser. Und ob es andere Spieler, mit etwas Lerneffekt am Anfang schlechter machen, um dann daran zu wachsen, macht schon nen Unterschied. Hummels, Müller, Kroos sollten jetzt die Konsequenzen ziehen. Und Neuer vielleicht auch mal die Möglichkeit in Betracht, die beste Nummer 2 in der Nationalelf weltweit zu sein.

Zum Thema Rüdiger. Er ist einfach n Arschlochspieler. So n kleiner Ramos, nur eben nicht mit der Qualität. Eigtl. brauchst du den. Aber wie er gestern in einer Szene Gosens angemotzt hat ging null. Und in der Szene hatte er noch nichtmal 100% Recht. Gosens hatte sich entschieden anchzugehen. Schlechte Entscheidung. Hats aber konsequent gemacht, statt abzubrechen und damit noch mehr Unheil anzurichten. Wenn du selnst deinen Fehler bemerkst und dich dann noch dumm vom eigenen Mitspieler anpflaumen lassen musst, dann stimmt da etwas nicht. Und ich glaube bei Rüdiger ist auf dem Platz der Kopf einfach nicht immer kühl genug. Schwieriges Thema. Bin gespannt wie das moderiert wird. Weil das Potential gut ist. Aber das kann so unbeherrscht auch schnell mal zum Negativen geraten.

Anyhow, es wird spannend zu sehen sein was passiert und ob Flick daraus ne Truppe machen kann, die wieder mehr spirit hat, sich selbst vertraut gegen alle Umstände und auch für den Trainer alles rein wirft.

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Taktik-Ignorant 30. Juni 2021 um 19:11

Rüdiger scheint es nötig zu haben, sich und andere zu pushen. Tuchel hat ihn aber gut hingekriegt, allerdings kommen Ausraster (wie das böse Foul gegen De Bruyne im CL-Finale) trotzdem noch mal vor, auch wenn sie seltener geworden sind. Boateng hatte sich die nach einer gewissen Zeit abgewöhnt, Rüdiger ist schon 28 und sollte aufpassen, dass er seiner Mannschaft nicht mit unbedachten Aktionen schadet. Nichtsdestotrotz ist er inzwischen ein richtiger Klasseverteidiger, der in dieser Form bis zur EM 2024 gesetzt sein sollte.
Die Idee, jetzt erst einmal auf kurzfristigen Erfolg zu verzichten, um langfristig eine gute Mannschaft aufzubauen, hört sich auf den ersten Blick gut an, offenbart dann aber doch ihre Tücken. Löw hat genau das nach 2018 versucht und einiges probiert und dafür die Nations-League-Spiele 2018 „abgeschenkt“ – das wurde ihm massiv angelastet. Und trotz ziemlich erfolgreicher Qualifikationsrunde für die jetztige EM (Gruppenerster vor Holland) wurden ihm manche mauen Leistungen zwischendurch dann auch wieder vorgehalten, ebenso die Versuch, mit der Ausbootung von Hummels, Boateng und Müller die jüngeren Spieler mehr in die Verantwortung zu nehmen.
Ferner: wie genau und für wie lange soll es neuen Spielern erlaubt werden, es am Anfang schlechter zu machen? Um den Preis eines Scheiterns in der Quali für die ungeliebte WM in Quatar? Oder eines Vorrundenaus bei dieser WM? Glaube kaum, dass der neue Bundestrainer sich dann noch lange halten kann.
Auch aus praktischer Sicht drängen sich Einwände auf: Es ist kaum möglich, über 3 Jahre eine Mannschaft aufzubauen, dafür ist das Geschäft zu schnellebig, und alle schönen Pläne können rasch an Verletzungen oder Formtiefs zum unpassenden Zeitpunkt scheitern. Fußball ist eine kurzfristige Angelegenheit. Es klingt zwar gut, jüngere Spieler „heranführen“ zu wollen, aber es kann sein, dass es sich nicht auszahlt. Das beste Beispiel ist diese EM: Weder Werner noch Sané, Gnabry oder Süle waren richtig gut, nur Kimmich und Goretzka (letzterer wegen Verletzung in Teilzeit) erreichten halbwegs Normalform. Daran konnte auch die 3jährige Integrationsphase nach 2018 nichts ändern.

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Andy 30. Juni 2021 um 21:41

Ich muss einfach widersprechen:
Es gab ab 2014 bis zur EM und dann von 2016 bis zur WM 2018 genug Gelegenheiten einen Umbruch einzuleiten und -Überraschung!- der ist sogar erfolgt, allerdings eher aus der Not heraus: Konföderationen-Pokal 2017 den man ohne viele der Weltmeister gewinnen konnte.

Mit Deutschland gewann die bisher jüngste Mannschaft das Turnier, die im Schnitt 24 Jahre und 4 Monate alt war.[18] Die im Finale eingesetzten Spieler waren mit einem Schnitt von 16,6 Länderspielen[19] auch die unerfahrensten vor Dänemark 1995 (18,2[20]). (Quelle; Wikipedia)

Hätte Löw mehr Mut gehabt, wäre das eine gute Basis gewesen.

Und: Gab es nach 2018 wirklich den Versuch eine neue Mannschaft aufzubauen oder war es eher konzeptloses „Versuch und Irttum“ ?
Bei Hummels und Müller war es eher die Art und Weise die zur Kritik geführt hat – sportlich macht es Sinn – umso erstaunlicher dass er (Löw) 2 Monate vorher alles wieder umwirft und die geschassten zurückholt.
Jeder Trainer und Manager steht immer vor der Frage wann Spieler ersetzt werden müssen – Es ist ja nicht so das über 3 Jahre nichts mehr Laufen würde (siehe Erfolg Konfed-Cup) – und sorry, Nations-League hat Löw einfach nicht interessiert. Wieder verschenkte Zeit.
Wenn man sich die die Gegner der Quali angeguckt sollte sich auch eine C-Elf qualifizieren können. Also Umbruch geht auch zwischen den Wettbewerben – anderen gelingt das ja auch. Das einzelne Spieler nicht zünden kommt immer mal wieder vor wobei es bei den Genannten unterschiedliche Gründe gibt.

Fazit: Löw war der falsche für den Umbruch, eigentlich hat er genau das Gegenteil gemacht, nämlich mit der Nominierung von Hummels und Müller und dem Festhalten an Kroos und Neuer den Umbruch 4 Jahre verhindert. (und anderen Entscheidungen)

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Taktik-Ignorant 1. Juli 2021 um 13:15

Widerspruch zurück: Es bestand aus sportlicher Sicht vor dem WM 2018 keine Notwendigkeit, einen radikalen Umbruch einzuleiten. Die im Konfetti-Pokal geschonten Stammspieler waren alle leistungsmäßig noch auf höchstem Niveau. Dieses Gerüst wurde dann mit den Spielern aus dem Konföderationen-Pokal (vor allem denjenigen, die dort als Leistungsträger aufgetreten waren) ergänzt: Goretzka, Werner, Kimmich, Hector, Brandt, Ter Stegen, Rüdiger, Süle, Ginter – die „Umbruch“-Spieler waren also alle mit dabei, haben 2018 bei der WM auch gespielt und dort ebenso einen mauen Eindruck hinterlassen wie die Etablierten. Stindl wäre wohl auch mitgekommen, war aber verletzt, ebenso wie U21-Europameister Gnabry. Sané wurde wegen der Leistungen in den Vorbereitungsspielen und der Trainingseindrücke nicht berücksichtigt. Und dass Mario Gomez den Vorzug gegenüber Sandro Wagner erhielt, wird den WM-Verlauf nicht wesentlich beeindruckt haben.
Zu den Umbruchsversuchen nach 2018 wurde schon genug geschrieben. Dass es dort stockte, lag weitgehend nicht an Löw. Kroos und Neuer sind leistungsmäßig immer noch so einzuordnen, dass man auf sie nicht unbedingt verzichten muss, und die Ausbootung von Hummels, Boateng und Müller wurde Löw von seinen Hatern immer wieder vorgehalten (und zwar nicht nur des Stils wegen).

Antworten

Koom 1. Juli 2021 um 13:43

Aus damaliger Sicht gab es ein paar Fehler für 2018, die mitgespielt haben. In Sachen Personal war die Entscheidung Pro Neuer bspw. kaum vertretbar. Er war sicherlich nicht das Problem, aber es störte sicherlich das Gefüge, dass es leistungsunabhängig vergebene Positionen gab. Dazu passte dann auch, dass einige der Etablierten nicht lieferten (Kroos, Müller) und andere dafür der Masse zum Fraß vorgeworfen wurden (Özil, teilweise Gündogan). Und Sane wurde zu einem Heilsbringer hochgejazzt, der er nie war.

Das kam als großes Problem in Sachen Mannschaftsfühung dazu. Die „alten“ waren dadurch sehr loyal, die Jungen fühlten sich aber sicherlich übergangen. Und das andere Problem war Löws Wunschspielweise des Tiki-Takas. Das IMO funktionierte, aber eben auch alle Schwächen eines Tiki-Taka hatte.

Und „Umbruch“ auf Nationalmannschaftsebene ist auch so ne Sache. Ich finde sowas Quatsch. Man setzt die Spieler ein, die aktuell und idealerweise auch 1-2 Jahre noch leistungsfähig sind. Und man holt sich die Spieler, die man braucht. Und wenn das dann heißt, dass der 4te verkappte 10er-der-sich-für nen-6/8er-hält dann eben nicht nominiert, weil man eben einen richtigen 6er im Kader braucht, dann ist das eben so. Ein Manager kauft ja auch nicht 8 Innenverteidiger, weil sie gerade gut und günstig waren. Und wenn dieser 6er halt nur 12 Follower auf Instagramm hat und immer noch schwarze Schuhe trägt, dann ist das auch egal, solange er auf dem Platz den Job macht, den er tun soll. Casemiro verkauft sicherlich weniger Trikots als Kroos, war aber für die CL-Titel-Siege essentiell. Javi Martinez war kein eleganter Rastelli wie Thiago, aber essentiell für den CL-Sieg über Dortmund (Martinez war aber generell ein geiler Kicker).

Damit will ich jetzt auch keine Haudraufs oder Grätscher als DIE Lösung propagieren, aber es gibt es Aufgaben auf dem Feld, die jemand erfüllen muss, der das „täglich“ macht.

Antworten

Taktik-Ignorant 1. Juli 2021 um 15:40

OK, einverstanden, wir verzichten auf die Reaktivierung von Jens Jeremies. D’accord in Bezug auf Martínez, wirklich ein toller Spieler. Der war jeden Penny wert, den er die Bayern gekostet hat.

Im Übrigen trifft es auch zu, dass die Entscheidung pro Neuer 2018 nicht unbedingt nachvollziehbar war, hier dürfte Löw tatsächlich einen Fehler gemacht haben, der das Mannschaftsklima beeinträchtigt hat.

Andy 1. Juli 2021 um 18:44

Ich suche noch die Argumente für den Wider-Widerspruch:
Ich sprach nicht von „radikalen“ Umbruch – Die EM 2016 hat doch schon einge Baustellen aufgezeigt. Im Konfed schlägt man Mexico 4:1 bei der WM geht man 1 Jahr später unter. Neuanfang statt Umbruch trifft es vielleicht besser.
Und spätestens nach 2018 hätte der beginnen müssen. Nicht dadurch dass etablierte Spieler geschasst werden (hat was von Schuldzuweisung), sonderen dass man eine neue Truppe findet und dann schaut welches System passt (nicht umgekehrt)
Zu den Problemen 2018 hat „koom“ bereits etwas geschrieben – wir wissen nicht wer welchen Anteil an dem Debakel hat (Löw, Bierhof, „die Medien“, der DFB etc).
Übrigens „Hater“ ist so ein Totschlagargument. Löw hat besonders von 2010 -2014 der Mannschaft gut getan und naürlich seinen Beitrag am Erfolg. Die größere Leistung für mich, war der Gewinn des Konfed-Cup, weil er mutig gehandelt hat. (Natürlich kann man die Wettbewerbe nicht miteinander Vergleichen). Leider hat er ab 2018 einige Fehler gemacht, Personalentscheidungen wie Özil (wobei das auch dem DFB anzulasten ist), Neuer, Müller, Hummels, schlechte Moderation und Kommunikation (WM 2018), fehlendes Konzept, wiederholen alter Fehler (2014 Lahm als AV oder DM, Kimmich 2021 die Selbe Diskussion), fehlende Kritikfähigkeit usw.
Ich kann einiges kritisieren bei Löw, deshalb bin ich kein „Hater“.

Ich bin gespannt was nun Flick anstellt – die WM ist bereits nächstes Jahr – daher wenig Zeit viel zu ändern – vielleicht reichen aber schon Nuancen. Ich traue Flick da einiges zu.

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Taktik-Ignorant 1. Juli 2021 um 20:59

Ich denke, man sollte zwei Dinge unterscheiden: die Fehlentwicklungen vor und während der WM 2018 und den versuchten Neuaufbau/Umbruch oder was auch immer danach.

Eine kleine Anmerkung noch zum „danach“: Nach jedem Turnier ist eine gewisse Zäsur, Spieler beenden ihre NM-Karriere. Zurückgetreten war damals nur Özil. Löw hatte damals erklärt, neue Spieler einbauen zu wollen, aber die routinierten Spieler nicht alle gleich in einem Schub auszusortieren, sondern ihnen eine Bewährungschance zu geben. Sané sollte eine wichtige Rolle zukommen, und es sollte mehr Augenmerk auf die Defensive gelegt werden. Dann wurde im ersten NL-Spiel ein 0:0 gegen Frankreich ermauert. Gleich wurde dann Kritik laut, weil Deutschland nicht genug Torgefahr ausstrahle. Gegen die Niederlande und im Rückspiel gegen Frankreich zeigten sich die Stärken des Offensivtrios Gnabry/Sané/Werner („die 3 Mopeds“), aber auch die damit erhöhte defensive Anfälligkeit, verbunden mit einer absoluten Formdelle bei Hummels und Boateng, während Müller über eine Rolle als Ergänzungsspieler nicht hinauskam. Die Medien forderten einen radikaleren Schnitt, den Löw, nachdem er sich den Winter über etwas Zeit zum Nachdenken gelassen hatte, auch folgte (Hummels, Müller, Boateng). Die jüngeren Spieler wie Süle, Rüdiger, Kimmich, Goretzka, Brandt, Gnabry und Sané sollten mehr Verantwortung übernehmen. Das klappte in der WM-Quali anfangs ganz gut, viele Spiele wurden souverän gewonnen, dazu kam eine starke Auswärtsleistung in den Niederlanden. Dabei sah die oben aufgeführte mittlere Generation ganz gut aus.
Danach stockte die Entwicklung: Sané verletzte sich, ebenso Süle. Brandt verlor seine Form. Rüdiger verletzte sich. Neue Talente, die die immer noch vorhandenen Lücken (Außenverteidiger, Mittelstürmer) hätten schließen können, kamen nicht nach. Die Mannschaft machte Rückschritte in der Entwicklung, die Ergebnisse nach der Coronapause waren deutlich schlechter (NL-Spiele gegen Schweiz, Spanien), gleichzeitig zeigte die Formkurve im Verein bei Boateng, Hummels und Müller wieder steil nach oben. Für die Verletzungen und Formschwächen war der BT nicht verantwortlich, wohl aber für die Unklarheit im Hinblick auf Spielsystem und Spielphilosophie.

[email protected] 2. Juli 2021 um 10:02

Das tut mir echt leid, aber Taktik und Training kommen in deinem Beitrag nicht vor. Du redest so, als wäre die Aufgabe eines Bundestrainers die Gästeliste bei einem Geburtstag zusammenzustellen.

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joakina 30. Juni 2021 um 14:09

Danke den allermeisten fachlichen Kommentaren hier, ist ein wenig Balsam auf die leidende Fußball-Seele!
Vielleicht hätte Löw vorher sagen sollen: Egal, wie es ausgeht, wenn wir ein Tor kassieren, machen wir vorne halt zwei.

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FAB 30. Juni 2021 um 10:25

Ich bin einfach nur froh das die „Ära Löw“ nun endlich vorbei ist und habe eigentlich seit der EM 2016 darauf gewartet, weil für mich klar war, dass die deutsche Mannschaft mit dieser überheblichen Herangehensweise nicht erfolgreich sein kann.
Mit überheblich meine ich:
– es gibt einen unumstößlichen Matchplan, der auf keinen Fall geändert wird und der auch nicht in Frage gestellt wird. Spieler müssen Aufgaben übernehmen, die nicht ihren Stärken entsprechen. Offenbar bekommen die Spieler relativ klare Anweisungen was sie machen dürfen und was nicht, wodurch es mir scheint, dass die Spieler ohne erforderlicher Kreativität und Leidenschaft agieren. Wenn der Plan im Spiel nicht aufgeht, wird Ingame trotzdem nichts geändert. Es wird bis zum bitteren Ende an dem Plan festgehalten.
Der Plan darf im Nachgang anscheinend auch nicht kritisiert werden. Ich habe nie von Löw gehört, dass vielleicht die Taktik nicht die Richtige war, dabei zeigt das Spielsystem immer auch Schwächen bzw. zumindest Aspekte, die meinem Verständnis von Fußball deutlich widersprechen.
Wichtigstes Beispiel: Meiner Erfahrung nach ist der Sechser einer der wichtigsten Spieler für die Gesamtstruktur im Spiel (bei der WM2014 waren Lahm und dann Schweinsteiger wichtige Strukturgeber und entscheidend für die Verbindung zwischen Defensive und Offensive). Löw scheint es (abgesehen von der WM2014) komplett anders zu sehen und spielt sehr gerne mit 2 Achtern. Bei diesem Turnier war es für mich nun komplett absurd, weil man mit Kimmich einen der besten Sechser der Welt hatte.

Der einzige positive Trend der letzten 3 Turniere bei der deutschen Mannschaft war, dass man wieder versucht schneller in die Spitze zu spielen, um zum Torabschluss zu kommen. Hier könnte sich etwas Interessantes entwickeln. Aus der Not heraus, weil Deutschland weder einen Superstar noch einen klassischen Mittelstürmer hat, muss Deutschland hier etwas Kreatives entwickeln und könnte den anderen Nationen damit in einem der nächsten Turniere einen Schritt voraus sein.
Spanien versucht verzweifelt mit Morata einen „Durchschnittsmittelstürmer“ ins Spiel zu bringen, Italien wird nicht ewig auf Immobile vertrauen können, Kane wird für England im nächsten Turnier möglicherweise eher ein Klotz am Bein, usw. Die Frage ist also wie ich mit mehreren schnellen, beweglichen Spielern wie Havertz, Gnabry und dann vielleicht Wirtz mit fluiden Bewegungen und vertikalen Spielzügen Räume im Zwischenlinienbereich und dann hinter der Abwehr finde …
Löw ist es bei dieser EM zumindest in Ansätzen gelungen. Ich bin gespannt, was sich Hansi Flick hierbei überlegt.
Interessant und wichtig in dieser Frage ist auch, wie sich die Bayern auf eine Post- Lewandowski Zeit einlassen. Einfach Haaland verpflichten oder mitarbeiten die Post- Mittelstürmer Zeit einzuläuten …

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nougat 30. Juni 2021 um 09:24

Seien wir froh, dass es vorbei ist. Deutschland hat sich mit erhobenen Hauptes von der EM verabschiedet und ist verdientermaßen ausgeschieden, weil unter der Führung von Löw einfach zu viele Fehler gemacht wurden.
Die Kniefallgeste fand ich wider erwarten sehr ästhetisch, wenn auch zweckfrei, weil politisch motiviert. Ein Trauerflor war das mindeste, was zu erwarten gewesen wäre. Beschämend für das eigene Land.

Wird es einen Neuanfang unter Flick geben? Mit Sicherheit. Unter Löw waren die letzten Jahre komplett verschenkt.

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Taktik-Ignorant 30. Juni 2021 um 12:28

Richtig ist, dass man gegen England verlieren kann, eine extrem defensivstarke, schwer bespielbare Mannschaft. Aber insgesamt war das sehr wenig, was da gekommen ist. Vier Spiele, dabei ein Sieg, sieben Gegentore, das ist keine gute Bilanz und bestätigt, dass die deutsche Mannschaft im Vergleich zu anderen Nationalmannschaften irgendwo zwischen 11 und 20 angesiedelt ist. Dann ist es logisch, wenn man unter den besten 8 von Europa nicht mehr dabei ist.

Was den Neuanfang unter Flick angeht, so bin ich mal gespannt. Personell erwarte ich wenige Änderungen, denn es ist ja nicht so, dass Löw irgendeinen Top-Spieler übersehen hätte. Die qualitativen Lücken im Kader liegen ja nicht am Trainer, sondern daran, dass für bestimmte Positionen keine Spieler zur Verfügung stehen, die internationale Klasse verkörpern. Es kann also nur darum gehen, die vorhandenen Spieler besser einzustellen, ihnen Selbstvertrauen einzuimpfen, mit einfachen, konkreten Anweisungen. Zum Einüben von Spielsystemen wird Flick wenig Zeit haben, vor den jetzt anstehenden Quali-Spielen, bei denen die NM nach der Niederlage gegen Nord-Mazedonien unter Zugzwang steht, bleibt wenig Zeit.

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studdi 30. Juni 2021 um 09:23

Ich habe abgesehen von den ganzen taktischen und spielerischen gründen gestern nach dem Spiel mir noch direkt einige gedanken zu einem psychologischen Grund gemacht.
Ich hatte den Eindruck das man bei dieser Em und besonders gegen Ungarn und England zu extrem darauf bedacht war kein gegentor zu bekommen. Nicht nur in der herangehensweise an die Spiele sondern auch an der einstellung zum Spiel. Nach dem Ungarn Spiel hies es auch oft „gegen die darf man nicht 0:1 in Rückstand geraden, dann wird es eben schwer“. Und selbiges hat man Gestern auch gespürt.

Man hatte meiner Meinung nach zu große Angst in rückstand zu geraden und das hemmt dann auch irgendwo. Der Angst vor dem 0:1 wurde vielleicht in den letzten Wochen zu viel aufmerksamkeit geschenkt. Dies hat dann den effekt das man zu vergrampft spielt aus Angst ein gegentor zu Fangen und dann tritt das natürlich auch oft ein.
Ebenfalls führt dies nach einem 0:1 dann auch dazu das ich jetzt als Spieler denke „scheisse genau das was wir nicht wollten, wie sollen wir jetzt noch gewinnen“. Man kann auch nach einem 0:1 noch ein Spiel gewinnen. „Mund aputzen weiter gehts“ diesen gedanken hat man nicht wirklich hinbekommen in letzter Zeit, evtl. weil man einfach zu sehr Angst und auch im vorfeld vor den Spielen (reine spekulation das weis ich nicht was da besprochen wurde) zu oft dieses 0:1 und das es nicht passieren darf angesprochen hat.

Spanien gegen Kroatien z.B. hatte nach dem 0:1 einfach weiter gespielt. Bayerb gegen Dortmund diese Saison war auch nach einem frühen 0:2 noch nicht entschieden.
Da fehlte der Deutschen Mannschaft in diesem Turnier einfach Mut und natürlich auch Selbstvertrauen. Vielleicht hat man als große Nation ohne selbsvertrauen dann auch zu viel Angst vor dem scheitern in solchen spielen, während andere Nationen nur gewinnen können. Aber diese Ängstliche Spielweise hat mich dann doch etwas gestört bei Deutschland und das war etwas was in der Ära Jogi Löw bis nach der WM 2018 eigentlich nicht vorkam und das finde ich am schluss dann sehr traurig.

Sicherlich nicht der einzige Grund warum es in letzter Zeit bei der Nationalmannschaft nicht so gut gelaufen ist aber gerade gestern war ich da schon sehr enttäucht aufgrund der Ängstlichen spielweise. Ist aber natürlich auch leicht zu sagen ohne in der Haut der Spieler zu stecken.

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Koom 30. Juni 2021 um 10:44

Es gab halt so ziemlich exakt eine Herangehensweise, unabhängig von 4-2-3-1 oder 5-2-3: Im wesentlichen ein geduldiges Tiki-Taka, bei dem – spöttischerweise – der Ball dann irgendwie zu Kimmich oder meist Kroos kommt, der dann eine lange Verlagerung spielt. Die entweder hängen bleibt oder eine Flanke bewirkt. Das war im wesentlichen der einzige Modus Operandi. In Rückstand und unter Zeitdruck zerfiel das ganze in Gebolze. Lang, hoch, Kopfball, Hektik. Aber keine Raumordnung oder Sortierung, nichts. Das darf und muss man Löw ankreiden, dass es da nicht mehr Ideen und Varianten gab.

Mal zum Positiven: Ich fand Rüdiger stark. Gute Präsenz, Zweikampf, Spielaufbau. Auf den kann man bauen. Kroos mag ich auch mal loben: Hab ihn noch nie korrekt als 6er spielen sehen, gegen England hat er das sehr positionsgetreu gemacht. Ansonsten: Schwierig. Gosens war gut, aber sein Auftrag war auch recht simpel. Kann mir vorstellen, dass er sehr viel spannender ist, wenn die Spielweise als Idee mehr vorsieht als nur genau einen Spielzug.

Generell: „Ordentliche“ EM. Für den Titel war DE zu uninspiriert – ähnlich wie die Franzosen dachte man, dass die individuelle Klasse einfach reicht und man einfach seinen Stiefel runterspielen muss.

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Max 30. Juni 2021 um 11:46

Ich fand ja Rüdiger eher als den größten Unsicherheitsfaktor der 3-er Kette mit vielen Stellungsfehlern. Er ließ sich oft unnötig rausziehen, hob mehrfach Abseitsstellungen auf, etc. Er hat dann zwar viel mit Zweikampfstärke wieder ausgebügelt, aber das wars dann aber auch.

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Koom 30. Juni 2021 um 12:45

Stimme ich dir zu. Aber das fällt für mich unter fehlender Feinarbeit, die eben überall gefehlt hat, was man auch merken konnte. Es waren wenig Abläufe in der Mannschaft dabei, die über „Paße zu einem freien Spieler“ hinausgehen.

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Max 1. Juli 2021 um 08:27

Ok, da gebe ich Dir auch Recht und an der Feinarbeit haperte es ja an vielen Stellen. Bei Chelsea in eingespielter Position war er ja bockstark letzte Saison. Hoffen wir dass Flick ihn da einigermaßen gut eingebaut bekommt.

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Gh 1. Juli 2021 um 09:16

Frage ist, ob man, wenn Zeit zur Feinarbeit fehlt, überhaupt mit Dreierkette hätte spielen sollen. Rüdiger ist auch nicht der einzige aus der Kette, der zum Teil wild durch die Gegend lief. Und um das offensiv aufzufangen fehlte dann auch der beständige Druck auf den Gegner (acuh im Gegenpressing), den man sich ja eigentlich durch die Dreierkette (Stichwort Mittelfeld dominieren) erhofft. So lebten alle sichtbar mit Konterangst. Löw hat hier gegambelt, er wusste ja um die Schwächen, weil so was bei einem Turnier ja auch gut gehen kann.

Koom 1. Juli 2021 um 10:12

Ja, die Idee war wohl, mit der Dreierkette etwas Defensivstärke dazuzugewinnen – was auch nicht falsch ist – und dadurch auch Gosens einbauen zu können. Der als LV sicherlich überfordert gewesen wäre, aber als LMF/LA durchaus eine interessante Waffe war. Aber es fehlten schlichtweg Abläufe. Das man Kimmich gegen Ungarn so isolieren konnte, spricht da bspw. Bände.

Rot_Wein 30. Juni 2021 um 12:19

Von welcher individuellen Klasse bei Deutschland redest du denn? Im 1:1 Vergleich ist Deutschland schlechter besetzt, als die meisten Teams der EM, selbst im Vergleich mit Mannschaften wie Tschechien, Schweden oder Dänemark. Natürlich kann man auch mit dieser Gurkentruppe bei einem Turnier weit kommen, aber dann muss man auch so spielen (Stichwort Deutschland der 80er), anstatt dauernd attraktiven Fußball einzufordern, und auf Löw einzudreschen. Es fehlt einfach das Spielermaterial, mit dem man besseren Fußball spielen kann. Der Kicker hat Recht, das Problem war diesmal nicht fehlender Teamgeist oder Streitereien und Gruppenbildungen, auch nicht das System, sondern die Ursachen liegen tiefer, es fehlt das Grundgerüst. Es gibt momentan mit Ausnahme Havertz keinen einzigen anderen deutschen Spieler, um den Deutschland beneidet wird. Kroos, Hummels und Müller sind weit über dem Zenit, und können nur einer Mannschaft helfen, falls diese schon ein Grundgerüst hat, aber das sind keine Spieler, die den Karren noch herumreißen können. Die restlichen Spieler sind allesamt Ersatz- oder Ergänzungsspieler bei Ihren Vereinen bzw. waren es vor Kurzem noch (Rüdiger, Werner, Sane, Süle, usw.), oder völlig uninspirierte Wichtigtuer wie Kimmich, der dauernd die Mitspieler anschreit, um zu verbergen, dass er selber nichts kann. Es ist lachhaft, wie dieser Spieler von der Bayernpropaganda in Deutschland groß geredet wird, dabei sind fast alle Gegentore von seiner Seite gefallen.
In Deutschland fehlt jede konstruktive Selbstkritik, wenn man die Kommentare so liest entsteht der Eindruck, eine Mannschaft von Top Spielern wäre ausgeschieden, weil der Trainer versagt hat. Das trifft aber nur auf Frankreich zu, sicher nicht auf Deutschland, wo die meisten Spieler nicht einmal zu einem gewöhnlichen Dribbling in der Lage sind (Ginter, Gosens, Müller, Werner, Goretzka, Rüdiger, usw.) – keine andere Spitzenmannschaft ist technisch so unbegabt.
Es bleibt mir nur, Löw dankbar zu sein für die wunderbaren Jahre 2010 bis 2016, und vor seiner Idee vom kreativen, selbstbestimmten Fußball den Hit zu ziehen. Die letzten Jahre waren bitter, es lag aber beileibe nicht an ihm. Respekt, dass er bis zuletzt an seiner Idee des Fußballs festgehalten hat.
Wer übrigens immer noch nicht den Unterschied von 2014 und jetzt verstanden hat, dem schreibe ich es gerne noch einmal auf: Lahm statt Kimmich, Boateng statt Rüdiger, Özil (Fußballgott!) statt Gündogan, Schweinsteiger statt Goretzka, Klose statt Werner, dazu Kroos und Hummels am Zenit, usw. das ist ein Zwei(!!!)Klassenunterschied, denkt nach darüber… Ich hoffe sehr, dass solche Spieler wieder heranwachsen bzw. ausgebildet werden, sonst bleibt Löws mutiges Konzept leider nur eine Episode…

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Koom 30. Juni 2021 um 12:42

> Im 1:1 Vergleich ist Deutschland schlechter besetzt, als die meisten Teams der EM, selbst im Vergleich mit Mannschaften wie Tschechien, Schweden oder Dänemark.

Nicht nur in dem Satz steckt so viel populistischer Quark dass es weh tut. Da fehlt mir Zeit und Interesse, das zu widerlegen, auch wenn es recht einfach wäre. Aber die Erfahrung zeigt, dass man Meinungen selten ändern kann. Vermutlich wirst du in 3-4 Monaten die ganzen Spieler der N11 wieder toll finden, wenn sie im Verein oder unter Flick dann besser funktionieren. Aber ich bezweifle, dass du die Größe hast, dann hier auch kundzugeben.

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Taktik-Ignorant 30. Juni 2021 um 13:23

Ich teile ja die Hochachtung vor Löw, aber viele der hier angeführten Gründe dafür treffen nicht zu.

Deutschland hat zwar nicht den qualitativ besten Kader (da sehe ich Frankreich vorne, auch Spanien, Portugal, England, Italien, vielleicht auch Belgien und die Niederlande) haben einen mindestens genauso starken, aber die Schweiz, Tschechei, Ukraine, Schweden oder Dänemark sicher nicht, sonst würden viel mehr Spieler von denen bei jenen Vereinen spielen, die neulich ihre eigene europäische Superliga gründen wollten bzw. von seiner Majestät Herren Perez dazu eingeladen wurden, und dort tragende Rollen einnehmen. Allerdings gelingt es diesen Mannschaften anders als der deutschen, einen homogeneren Auftritt hinzulegen und eine Spielweise zu zeigen, bei der Fußball tatsächlich wie ein Mannschaftssport wirkt. Bei der deutschen Elf war vieles Stückwerk, und von der früheren Löwschen Ballphilosophie des schnellen, vertikalen Spiels mit wenigen Ballkontakten ist nicht viel übriggeblieben (ansatzweise war es gegen die Engländer bei einigen schnellen Vorstößen zu sehen).
Der Großteil der deutschen Elf ist Stammspieler und Leistungsträger bei Mannschaften, die regelmäßig in der CL spielen bzw. dort dieses oder letztes Jahr im Endspiel standen (Gündogan bei ManCity (weshalb Özil ihm gegenüber als Fußballgott bezeichnet wird, bleibt ein Geheimnis), Havertz, Rüdiger, Werner bei Chelsea, Neuer, Süle, Kimmich, Gnabry, Sané, Müller, Musiala und Goretzka bei Bayern, Hummels beim BVB – alles wichtige Spieler bei erstklassigen Adressen.
Dass die Qualität nicht so durchschlagen konnte, hat mit vielen Details zu tun. Süle ist nach seiner Verletzung noch nicht der Alte, Gnabry und Sané sind nicht in der Form von 2019 (bei Sané verletzungsbedingt, Gnabry wirkt für mich überspielt), Kimmich auf einer inzwischen ungewohnten Position eingesetzt und vielleicht auch überspielt, Goretzka wieder gut, obwohl gerade von einer Verletzung genesen, Werner hat seine Explosivität und sein gutes Positionsspiel wiedergefunden, aber noch nicht seinen Torriecher, Müller in einer etwas anderen Rolle als im Verein und erst im letzten Moment zurückgeholt (seine Bilanz als Vereinsspieler in den letzten beiden Jahren war erstklassig), Hummels in der Tat über seinem Zenit, Kroos hat gespielt wie immer, Ginter auch.

Also waren es eher formbedingte Schwankungen, weshalb viele Spieler nicht ihr volles Leistungspotenzial ausschöpfen konnten.

Rüdiger hat ein starkes Turnier gespielt. Er hatte in Chelsea nach seiner Verletzung seinen Stammplatz verloren, wurde aber schon von Lampard allmählich eingesetzt und war bei Tuchel sofort unumstrittener Stammspieler, dessen Leistungskurve steil nach oben zeigte und der seine gute Form bei der EM bestätigt hat.
Mit anderen Worten: Obwohl Löw dieses Mal anders als bei früheren Turnieren so gut wie keine Verletzungsausfälle hatte, war der Kader nicht an allen Stellen (Außenverteidiger, 6er, Mittelstürmer) mit qualitativ hochwertigen Spezialisten besetzt, und einige der Stammspieler hatten mit Formproblemen zu kämpfen. Dennoch hätte die Trainingszeit ausreichen sollen, um ein kohärenteres Zusammenspiel aufziehen zu können, wie es weniger gut besetzte Mannschaften wie Tschechien oder die Schweiz geschafft haben, obwohl deren Spieler über weit mehr Vereine verstreut sind. Von Italien gar nicht erst zu reden. Von daher kann man Löw schon Vorwürfe machen.

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Taktik-Ignorant 30. Juni 2021 um 12:44

Das Selbstvertrauen spielt sicher eine Rolle. Die taktische Ausrichtung ist das Ergebnis der langen öffentlichen Diskussionen seit Herbst 2020 über die defensive Instabilität. Aber damit wurde halt auch mental der Fokus auf die Defensive verschoben (was kein Fehler sein muss, denn eine stabile Abwehr gilt generell als für Turniererfolge wichtiger als ein guter Angriff). Dadurch, dass man das Problem nicht in den NL- und WM-Quali-Spielen, aber auch nicht in der Turniervorbereitung in den Griff bekam, hat auch das Selbstvertrauen gelitten. Eine Ausnahme war das Portugalspiel, wo sich die Mannschaft 10 Minuten nach dem 0:1 wieder fing und dann wuchtig weiterspielte, als sei nichts gewesen. Dabei kam ihr zugute, dass schon vor dem Gegentor deutlich geworden war, dass vorne „etwas geht“, und dass dann nachher recht schnell der Ausgleich fiel. Aber ja, die Selbstverständlichkeit eines Champions, die Selbstgewissheit und Arroganz, die auch auf den Gegner ausstrahlt, fehlte ein wenig.

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Taktik-Ignorant 29. Juni 2021 um 13:03

Der Artikel liest sich fast wie eine Vorab-Verabschiedung der deutschen Nationalmannschaft. Er zeigt die deutschen Unzulänglichkeiten gut auf und ebenso die englischen Stärken. Viele Konjunktive, was die deutsche Mannschaft müsste oder sollte, mit dem Unterton, dass sie vermutlich das Spiel doch genauso angehen wird wie die Spiele zuvor, wobei es nach den Presseberichten von heute so aussieht, als würde Goretzka für den verletzten Gündogan spielen. Dennoch rechne ich mit einem frühen Gegentor, vielleicht zur Abwechselung mal aus einem Standard (Ecke, Kopfballtor Maguire, Stones oder Kane), und dann uninspiriertes Anrennen (sofern man von „rennen“ sprechen will), mit Rückpässen von Kimmich auf Ginter und Halbfeldflanken. Kurz vor Schluss werden Volland, Sané und Werner eingewechselt und durch einen Konter fällt das 0:2.

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CHR4 29. Juni 2021 um 19:03

Goretzka tut uns unheimlich gut da er
a) die Mitte besetzt, wenn Kroos mal im aufbau nach hinten oder zur Seite ausweicht
b) mehr Vertikalität mit Tempo reinbringt
Werner passt dann endlich mal zur veränderten Spielanlage
Wenn Löw kurz vor dem Spiel merh vertikalität forderte, lies dass ja immerhin schonmal hoffen.

Die Engländer haben zwar Chancen und es könnte da natürlich auch mal klingeln, aber dadurch, das unser Zentrum viel besser zupackt, müssen die IV nicht mehr so viel im DZM zusätzlich aufpassen und sind daurch hinten viel stabiler und souveräner. Auch wenn England Chancen hat, sieht sich das heute viel souveräner an.
Mit der Leistung der ersten Hälfte wäre ein Weiterkommen durchaus verdient.
auf jeden Fall aber endlich mal ein ansehnlicheres Spiel, mit Tempo und einem guten Gefühl in der Defensive

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[email protected] 29. Juni 2021 um 20:17

Sicher war es stabiler und das Gegentor etwas unnötig. Warum in der Mitte alle stehen und außen niemand – na ja. Warum der Stürmer frei durch den 16er rennt und den keiner aufnimmt – auch keine Ahnung.

Aber ich habe immer noch keinen Plan sehen können, wie man die Defensive der Engländer knackt. Havertz hat sich in die Schnittstelle gestellt und auf ein Anspiel gewartet. Blöd nur, dass der Verteidiger einen viel besseren Antritt hat als Havertz und zudem Havertz ja wirklich stand.

Ich bin froh, dass das Elend jetzt vorbei ist. Hansi wird das schon geradebiegen und das ja auch schon nächstes Jahr.

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Taktik-Ignorant 29. Juni 2021 um 21:05

Ich hoffe, dass Flick das geradebiegt, die richtigen stabilisierenden Maßnahmen ergreift und der Mannschaft auch wieder eine gewisse Arroganz einimpft, denn die vielen Rückschläge gehen den Spielern vielleicht dann schon aufs Gemüt.

Insgesamt möchte ich CHR4 aber zustimmen, die Spielanlage war nicht schlecht gewählt. Hinten sah die Mannschaft lange stabil aus, „hat wenig zugelassen“, aber eben auch – wie gegen die gute englische Defensive zu erwarten – vorne wenig Gefahr bewirkt. Wenn man weiß, dass man nur wenige Chancen bekommt, muss man die (sorry, Binsenweisheit) natürlich auch reinmachen. Bestes Beispiel der Schuss von Werner aus halblinker Position Mitte der ersten Halbzeit. Genau so hatte sich Löw die Angriffe der Mannschaft wohl erhofft. Werner ist einer der wenigen, die dann auch durch ihr Positionsspiel und ihren Antritt überhaupt in eine solche Schussposition kommen. Aber er ist keiner, der solche Bälle dann oft versenkt.
Insgesamt kam da aber auch viel zu wenig, gerade individuell waren die Engländer unserer Mannschaft voraus, was die Physis angeht. Im Mittelfeld wurden die Bälle viel zu schnell verloren, und die Bälle nach vorne wurden von den englischen Verteidigern problemlos abgelaufen. Dann blieben als Möglichkeiten noch die Freistöße, aber da haben wir ja auch keinen vernünftigen Schützen.

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Koom 29. Juni 2021 um 21:17

Im Grunde eigentlich ein typisches 0:0 Spiel von 2 Mannschaften, die sich ziemlich respektieren und deswegen kaum aufmachen. Man merkt auch, wie sehr der Gegner ernst genommen wird, wenn Kroos plötzlich positionsgetreu einen 6er gibt (und das auch solide gemacht hat). Riesige Vorwürfe will ich der N11 nicht machen. Ein Weiterkommen war drin, wenn auch nicht zwingend. In Sachen Blamage ist uns vor allem Frankreich weit voraus.

Die N11 braucht insgesamt etwas mehr Spielschärfe und Plan außer den Ball möglichst lange in den Reihen zu halten. Insbesondere die Powerplay-Phasen sind richtig lausig. Außer lang und hoch gibt es da wenig Ideen. Direktspiel floppte das ganze Turnier über, Dribblings gab es fast keine. Wenn man sich gerade mal die Schweizer anschaut, die mit weniger individueller Klasse sehr gut und konzentriert nach vorne Spielen, dann ist das deutsche Tiki-Taka mit dem Endpunkt der Verlagerung von Kroos-Kimmich oder Kimmich-Gosens halt schon schwach.

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Taktik-Ignorant 29. Juni 2021 um 23:31

Die Franzosen hatten wohl wegen der eigenen Match-Vorbereitung keine Zeit gehabt, das Spanien-Spiel zu sehen. Im Prinzip waren es 15 inkonsequent gespielte Minuten zum Ende der 2. Halbzeit, denen sie das Ausscheiden zu verdanken haben. Deschamps hat vielleicht mit der Herausnahme von Griezmann zu früh das Signal gegeben, dass das Spiel vorbei sei. Allerdings ist die Fallhöhe bei den Franzosen insofern größer, als ihr Kader noch einmal deutlich stärker besetzt ist als der deutsche und viele Schlüsselspieler in Form waren.
Es bleibt bei der deutschen Mannschaft ein schales Gefühl zurück. Ich hätte Müller und Hummels einen besseren Abschied gegönnt, und Müller ein EM-Tor.

Es gibt einiges, was man im deutschen Spiel verbessern muss. Leider hat Flick genauso wie sein Amtsvorgänger nur wenige Möglichkeiten, im Training auf die Mannschaft einzuwirken. Ich rechne deshalb nicht mit raschen Veränderungen zum Besseren.

Pat 30. Juni 2021 um 08:26

Ich glaube, dass der Unterschied in der Mentalität lag. Die Englaender waren einen Tick hungriger. Man hat gesehen, wie sich die Defensivleute staendig gegenseitig hochgepusht haben (Stones/Maguire haben eine super Partie abgeliefert, koerperlich waren die auch stark). Nach dem 1:0 haben sie weiter gedrueckt, das macht eine Klasse Mannschaft aus. Trotzdem fand ich Deutschland keineswegs blamabel. Die letzten 5% haben gefehlt, vielleicht haette das anders ausgesehen mit einem deutschen Fuehrungstor. Jogi’s Einwechslungen haben nicht gezogen.
Positiv: Hummels, Goretzka, Havertz, kompakte Abwehr.
Negativ: Müller hatte einen gebrauchten Tag erwischt, da hätte ich mir ab Minute 60 Musiala gewuenscht. Auch haben die anderen Einwechslungen nicht gestochen. Bei England schon. Grealish hat den Unterschied gemacht.

Es war eine Schlacht. England hat sich den Sieg hart erarbeitet und die Tore sauber herausgespielt. Respekt.

Koom 30. Juni 2021 um 10:13

Ich glaube nicht, dass Hummels und Müller jetzt weg sind. WM ist direkt im nächsten Jahr. Wenn Flick beide für unverzichtbar hält – und bei Müller sehe ich das – dann werden die dort dabei sein.

[email protected] 30. Juni 2021 um 17:27

Das Beispiel Schweiz finde ich sehr gut: es gab einen klar erkennbaren Plan und die Spieler haben sich versucht dran zu halten. Es gab einen Defensivplan und einen Offensivplan. Es gab individuelle Fehler sicher, die gibt es in jedem Spiel.

Der Löw strickt die Story dann so: gäbe es keine Fehler (Offensiv/Defensiv) hätten wir gewonnen. Aber am Plan liegt es sicher nicht.

Gerade bei der Schweiz sieht man, dass ein guter Plan fehlende individuelle Qualität mehr als ausgleicht, während Löw ernsthaft in der PK nach dem England-Spiel sagt: es kommt nicht auf die Taktik an, auf dem Niveau entscheiden die individuellen Aktionen.

Das ist so traurig, dass es schon fast wieder lustig ist. Damit hat er politisch natürlich gesagt: alle sind Schuld, ich aber sicher nicht. Der könnte glatt Kanzler werden. Der ist mehr Politiker als alles andere.

Koom 1. Juli 2021 um 10:14

Mit dem Satz stellt er aber weite Teile der Fußballexperten-Landschaft aber ruhig. Die ganzen alten „Koryphäen“ kommen auch mit solchen Erklärungen. Aber das individuelle Fehler immer ein Symptom bleiben, aber nicht die Ursache, verstehen sie nicht.

[email protected] 30. Juni 2021 um 09:11

Da muss ich mir nochmal selbst antworten, ich hatte das gestern gar nicht gesehen.

Die Pressekonferenz von Löw habe ich heute kurz angeschaut und ich möchte mal kurz herausstreichen, was er sagt.

1) Es lag nicht am System, er habe gut gearbeitet mit der Mannschaft, intensiv vorbereitet
2) Die Spieler haben Fehler gemacht und die Mannschaft müsste noch reifen – er hebt heraus, dass die Kaltschnäuzigkeit gefehlt hat – defensiv hat er glaube ich keinen Mangel ausgemacht, aber hab nicht alles angehört

Er schiebt also alle Verantwortung von sich weg, er hat mit keiner Niederlage eigentlich was zu tun. Schuld ist die Mannschaft.

Drehen wir doch mal die Kommunikation um, ein Spieler im Interview:

Wir haben gute Spieler und gut trainiert. Dem Trainer hat aber gefehlt die richtige Mischung zu finden und es fehlt ihm der Überblick eine geeignete Mannschaft und Taktik zusammenzustellen. Da muss er noch etwas reifen.

Antworten

csp 30. Juni 2021 um 13:03

„…die Mannschaft müsse noch reifen….“ das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
In der Startaufstellung waren mit Neuer, Hummels, Ginter, Kross, Müller fast die Hälfte der Spieler Weltmeister von 2014. Was soll da noch reifen?

Mein Eindruck ist schon, dass die Mannschaft seit langem unter der Kommunikation Löws gelitten hat.

Letztlich hat die deutsche Mannschaft ein Spiel verloren und die Zukunft gewonnen (hoffentlich).

Antworten

Koom 30. Juni 2021 um 13:16

Ja, da ist nix, was reifen müsste. Alles gestandene Fußballer, Topspieler, WM-, Confedcup- oder CL-Gewinner…

Ich würde teilweise zustimmen, dass die Herangehensweise ok war. Der Einsatz der Spieler stimmte weitgehend, aber es fehlten bestimmte Spielertypen und Löw sah sich nicht zuständig oder willens, diese irgendwie herauszuarbeiten. Und es war ja auch kein neues Problem, schon seit längerem gibt es keinen MS im Kader, der was taugen würde und auch die AV und DM sind Positionen mit wenig Quantität und Qualität.

Das es da schon Leute gibt, die dort helfen könnten, übersieht er dann mal. Stolz ist er auf Gosens, aber warum Demme, Weigl und andere keine Rolle spielten, verstehen auch nur wenige. Er sieht halt seine beiden Weltklasse „6er“ mit Gündogan und Kroos und das die das schon richten.

Taktik-Ignorant 30. Juni 2021 um 13:45

Er ist sich halt zu schade, Gündogan oder Kroos für Weigl oder Demme rauszunehmen. Dass die Mannschaft noch „reifen“ soll, ist in der Tat ein Witz, sie war eine der ältesten des Turniers. Die Veteranen wurden schon aufgezählt, und die Nachrücker-Generation von 1996 ist jetzt auch schon im besten Alter (Sané, Gnabry, Kimmich, Goretzka, Werner, Süle), „Talent“ Havertz auch schon 22. Außer Wirtz, Musiala und vielleicht Baku (und Moukoko, wenn er sich als verletzungsresistent genug erweist und für Deutschland entsecheidet) sehe ich auch nicht viel, was nachrückt.

[email protected] 30. Juni 2021 um 17:55

@Koom: ich sehe es zwar auch so, dass nicht alles schlecht ist. Aber man merkt den Spielern sehr deutlich an, dass sie nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Die Laufwege sind nicht klar in Abstimmung zueinander. Offensiv geht dann bis zum Strafraum des Gegners öfter mal was, aber so an der Grenze des Strafraums spätestens ist Schluss.

Da stehen dann ersthaft gestandene Stürmer herum und warten – ich gehe davon aus, dass das entweder so explizit angewiesen ist oder aber sie so verrückt instruiert wurden, dass sie lieber passiv sind, als das Falsche zu tun.

Das Problem ist ja nun, dass eine Bewegung in der Spitze keinen Sinn macht, wenn die Spielzüge nicht wenigstens grob bekannt sind. Warum soll ein Stürmer lossprinten nach vorne, wenn sowieso keiner reagiert in der Reihe dahinter, um den Pass zu spielen.

Ich denk mir also, wenn ich die Statik sehe, dass die Spieler vor der Wahl sind aus ihrer Sicht unsinnig durch die Gegend zu laufen, weil man keinen Pass/Flanke bekommt oder aber stehen zu bleiben.

Oder anders ausgedrückt: es gibt zuwenig Detailanweisungen, wer wann was tut. Und eine Mannschaft funktioniert eben nur dann gut, wenn man sich praktisch blind versteht.

Die 3er-Kette muss man dann auch in dem Licht sehen: ein theoretisches Konzept mag ja je nachdem aufgehen. Aber die Spieler müssen doch eine Vorgabe auch praktisch füllen können und zwar einigermassen intuitiv. Man kann ja nicht in der Defensive mal kurz 5 Sekunden Auszeit nehmen, um nachzudenken.

Ich würde mich daher als Bundestrainer fragen: welche Muster sind in der Bundesliga etabliert und sich daranhängen. Dann die Spieler aussuchen, die diese Muster gut beherrschen und nur noch Fein-Tuning betreiben.

[email protected] 30. Juni 2021 um 18:01

Und da muss ich mir auch nochmal selbst antworten: die deutsche Mannschaft sieht tatsächlich immer dann schlecht aus, wenn sie zügig Entscheidungen treffen muss. Das ist in der Defensive unter Druck so, genauso wie ab etwa 20m vor dem Tor. Da gibt es einfach enormen Handlungsdruck, man muss z.T. in weniger als einer Sekunde die richtige Entscheidung treffen, damit es aufgeht.

Im Aufbauspiel ist Zeit, der Pass kommt, oft wenig Gegnerdruck, wenig Gegner direkt auszuspielen, die Bewegungen der Gegner sind gut zu analysieren.

Im Vollsprint auf die Abwehrreihe zukommend oder im 16er ist Handlungsschnelligkeit gefragt und zwar in sinnvoller Abstimmung. Das gleiche offensiv: die letzten 2 bis 3 Pässe müssen z.T. sehr schnell gespielt werden und zwar natürlich auch in Abstimmung zueinander auch zu den Laufwegen.

Koom 1. Juli 2021 um 10:22

[email protected]: Sehe ich genauso. Wie gesagt: Die grundsätzliche Vorgehensweise, also Ballbesitz, 5-3-2 bzw. 5-2-3 war IMO in Ordnung. Das grobe Layout machte Sinn für mich, arbeitete ein paar potentielle Stärken heraus an Stellen, die sonst eine Schwäche gewesen wäre. Und die „offensichtliche“ Schwäche im Zentrum kam nicht zum Tragen, weil vor allem Kroos erstaunlich gewissenhaft gearbeitet hat.

Aber ja: Es fehlten wichtige Details, um dieses grobe Layout dann funktional zu machen in der „echten Schlacht“. Laufwege und Positionierungen im Angriff. Aufteilung in der Defensive. Ein „Plan B“, wenn man im Rückstand liegt mit Anpassungen, wie man dann vorgehen soll…

tobit 30. Juni 2021 um 16:42

„Kein Spieler internationaler Klasse“ kann für mich keine Entschuldigung für eine fehlende Rollenbesetzung sein. Wenn die IV oder TW schlecht sind, spielt man ja auch nicht plötzlich ohne, sondern nimmt was man hat. In Mittelfeld und Angriff hat man sicherlich mehr Freiheiten bei der Zusammensetzung der Spielertypen, aber eben auch nicht völlig.

Und wenn ich eine Rolle im System haben will, dann stelle ich da den für diese Rolle besten Spieler hin und nicht den der woanders Weltklasse aber in der Rolle an guten Tagen so gerade erstligatauglich ist. Klar hätte ein Weigl oder Arnold nicht automatisch alle Probleme gelöst. Aber wenn Kroos nicht so gut aufgelegt gewesen wäre, wäre das ein noch wesentlich hässlicheres Turnier geworden.
Aber das mach Löw ja gerne. Vor der EM ständig Ginter, Klostermann oder Kehrer als Flügelläufer. Gnabry oder früher Götze als echte Neun. Kroos oder Khedira als Sechser. Sané als Zehner.

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Koom 1. Juli 2021 um 13:54

Wenn es denn mal die Position „echter Neuner“ gewesen wäre. Effektiv standen die auf der Tafel für diese Position, spielten aber so, wie sie es im Verein kennen: Tief fallen lassen, kombinieren, eher den Paß als den Abschluss suchen, eher für einen sicheren Paß anbieten anstatt eines Tiefenlaufs in den Strafraum. Ob das nun der Plan war oder die Spieler mangels anderen Input einfach das machten, was ihren üblichen Abläufen entsprach, sei dann mal dahingestellt. Ich tippe eher auf letzteres.

Das ist das, wo ich bei Flick am meisten drauf gespannt bin. Ob er einzelnen Spieler klarere Aufträge gibt. Das sowas geht, hat IMO Tuchel bei seiner Dortmunder Zeit mit Dembele großartig bewiesen. Ein kompletter Chaot, der keine taktischen Zwänge kennt – aber Tuchel gibt ihm 3-4 einfache Defensivaufgaben mit, ansonsten lässt er ihn machen und plant dieses Chaos ein. Wir haben in der N11 kein solches Talent. Aber ich kann mir vorstellen, dass bspw. ein Havertz mit etwas Anleitung ein guter echter 9er sein kann. Der Bursche ist jetzt schon spielintelligent und hat einen guten Zug zum Tor wie ihn seine Offensivkollegen in der N11 weitgehend nicht haben.

tobit 2. Juli 2021 um 21:20

Gnabry hat schon relativ oft, gerade in den Anfangsphasen, wie eine echte Neun gespielt. Aber den fressen die gegnerischen IV da halt zum Frühstück. Irgendwann holt er sich dann, irgendwie verständlich, auch mal seine Bälle ab um nicht völlig zu verhungern.
Aus genau diesem Grund bin ich z.B. großer Fan von Werner in der N11 (auch andersow, aber dort besonders). Der sucht von Natur aus die Tiefe, was eigentlich überall gut mit einer entgegenkommenden Neun (egal ob so richtig „falsch“ oder „nur“ Wandspieler) harmoniert.
Generell sind die Tiefensucher in den letzten Jahren von Löw nach und nach (in Verbindung mit eigenen Formschwächen/Alterserscheinungen) entsorgt worden oder haben sich davon weg entwickelt (Müller, Gnabry, Goretzka insbesondere unter Flick). Was Brandt und Werner da beim CONFED Cup veranstaltet haben, war schon fein anzusehen.

D’Accord, so ein „Agent of Chaos“ fehlt irgendwie. Früher hat Müller das eingebracht, aber der ist auch ruhiger/gleichförmiger in seinen Aktionen geworden. Gnabry hätte das Potential dazu, aber wirkt auf mich nicht so kreativ wie ein Dembélé. Der spult dann auch zu viel das „Schema F“ ab und lässt sich vom Rest in geordnete Bahnen lenken.
Auf Flicks Handschrift in diesen kleinen Feinheiten bin ich auch sehr gespannt. Einfach weil mich die „broad strokes“, die in den letzten Jahren bei all meinen Teams Überhand genommen haben, Leid bin.


rum 29. Juni 2021 um 12:58

Die beiden Grafiken finde ich sehr anschaulich, um eine Idee von den Phasen mit geringer Durchschlagskraft zu bekommen.

Antworten

kalleleo 29. Juni 2021 um 12:18

Tolle Beschreibung des englischen Spielansatzes und echt schade dass kaum noch Zeit bleibt, hier vor dem Spiel zu diskutieren! Stabilitaetsduell klingt fuer mich sehr nach einem krampfigen 0:0 in dem das erste Tor spielentscheidend sein wird. Hoffe die deutsche Abwehr und das Mittelfeld erwischen einen guten Tag und wir gehen nicht in der ersten halben Stunde in Rueckstand.

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