Spitzenspiel in der Phasen-Analyse

0:1

Einerseits verlief das Topspiel an der Spitze der Tabelle insgesamt sehr ausgeglichen, andererseits durschritt es mehrere Phasen, die sich stark voneinander unterschieden. Eine Analyse der Chronologie und einige philosophische Bemerkungen, was man mit dem Ergebnis macht.

Je nachdem, was man von einem Spiel wissen möchte, kann man manchmal ganz unterschiedliche Geschichten erhalten. Das hängt schon mit der Komplexität zusammen, denn 90 Minuten Fußball enthalten enorm viele Facetten. Eine der möglichen Erzählweisen dieses Spitzenspiels zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern drängt sich relativ schnell auf und ist zugleich relativ unstreitig: Es wäre mehr „drin“ gewesen für den Gastgeber, den stattdessen die knappe 0:1-Niederlage fast aussichtlos im Meisterschaftsrennen zurückwirft.

Damit hat man die Geschichte des Gesamtpakets dieser Begegnung: weitgehend auf Augenhöhe, bei gutem Grundniveau, mit einer besonderen Drangphase der Leipziger in der Situation des eigenen Rückstandes und letztlich sogar mit einer etwas größeren Menge an Chancen für sie. Eine solche Perspektive eignet sich für unterschiedliche Begegnungen unterschiedlich gut. In diesem konkreten Fall wird sie dadurch attraktiv, dass sie eine Partie, die manches Hin und Her erlebte, sehr knapp und kompakt auf einen runden Nenner zu bringen vermag, ohne dass wirklich jemand ihr widersprechen oder sich nicht in ihr widerfinden würde.

Neben der Perspektive auf das Gesamtpaket kann man – allgemein – auch die Perspektive der Chronologie anwenden. In einer Analyse (bzw. in der Analyse als nicht direkt Beteiligter) hängt diese Wahl von diversen möglichen Faktoren ab. Sie kann abhängig sein vom (geplanten) Umfang des Textes und vor allem davon, welche Betrachtungsweise für die konkrete Begegnung passend erscheint. Im Fall dieses Spitzenspiels geht beides. Die Bewertung im Gesamtpaket funktioniert tragfähig und gleichzeitig boten die 90 Minuten unterschiedliche Phasen, denen man sich kleinteilig nähern kann.

Struktur des Artikels:

  • Bayerns Schwierigkeiten gegen Leipzigs Pressing in Hälfte eins
  • Leipziger Schwierigkeiten gegen Bayerns Pressing in Hälfte eins
  • Kleines Momentum für Leipzig bis Mitte der ersten Halbzeit
  • Zweiter Teil der ersten Halbzeit: Bayern schwimmt sich massiv frei
  • Erster Teil der zweiten Halbzeit: Leipzigs Drangphase
  • Abschluss(-Philosophieren): Zur Erklärbarkeit von Ergebnissen

Bayerns Schwierigkeiten gegen Leipzigs Pressing in Hälfte eins

Nach gut einer halben Stunde führte die Statistik kaum Torabschlüsse. Kurz gefasst: Beiderseitig dominierte das Pressing die gegnerischen Bemühungen im Vorwärtsspiel.

Leipzigs Pressing in der ersten Spielphase

Die Bayern hatten Schwierigkeiten, sich von den eigenen Außenverteidigern zu lösen. Gegen den Ball agierte Leipzig auf Basis einer Dreierkette, aus der die Flügelläufer weit nach vorne pendeln konnten. Aus der Offensivabteilung rückten Forsberg und Nkunku gegen die Innenverteidiger vor und Olmo nahm den tiefsten Münchener Sechser auf, grundsätzlich also erst einmal Kimmich.

Wenn der offene Außenverteidiger der Bayern dann vom vorrückenden Flügelläufer attackiert wurde, gelang es den Gästen zunächst nicht so ausgewogen, eine wirksame kurze Option herzustellen. Sie fanden anfangs gruppentaktisch kein ideales Gefühl dafür. Da Leipzig auf den weiteren Mittelfeldpositionen bei Bedarf aggressiv mannorientiert anschloss, mussten die Bayern stets aufpassen, nicht unnötig Gegenspieler zu früh in die Ballzonen zu ziehen.

Daher entbehrte es nicht einer Logik, dass sich Goretzka rasch nach vorne orientierte. Kimmich war anfangs der klar tiefere Sechser und unternahm sehr viele Bewegungen in der zweiten Linie. Das führte aber umgekehrt dazu, dass Leipzig sich stark auf ihn konzentrieren und unterstützende Aktionen eng über Olmo verfolgen konnte. Individuell blieb damit für ihn ein ähnlicher Drahtseilakt gegen diese enge Deckung wie generell im Mittelfeld, nur noch anspruchsvoller: nicht zu früh zum Ball zu kommen, aber auch nicht zu weit weg zu sein.

Leipziger Schwierigkeiten gegen Bayerns Pressing in Hälfte eins

Leipziger Probleme beim Herausspielen stellten sich am stärksten bei eigenen Abstößen. Mit dem Ball bildete die Basis für Julian Nagelsmanns Team eine Viererkette, mit Mukiele und Klostermann außen. Bayerns Struktur dagegen gestaltete sich klar: Chuopo-Moting zwischen den Innenverteidigern, Müller zunächst im Umkreis von Adams, die Flügelstürmer auf dem Sprung von den Außenverteidigern in Richtung Innenverteidigern orientiert. Je höher das Anlaufen stattfand, desto näher startete mindestens einer von ihnen.

Vor Adams gab es bei Leipzig ein wiederkehrendes Muster in der Besetzung des offensiven Mittelfelds. Eine Dreierreihe mit Olmo, Forsberg und Sabitzer sorgte dafür, dass drei „Spuren“ des Feldes stets abgedeckt waren: halbrechts, halblinks und die Mitte. Diese Akteure staffelten sich um bzw. knapp hinter der Münchener Mittelfeldreihe. Aus den tieferen Aufbaubereichen war es die Herausforderung, das Leder dorthin zu transportieren – gerade gegen die diagonalen Bewegungen der Münchener Außenstürmer.

Bayern gegen den Ball in der ersten Phase

Der vielversprechendste Weg für die Gastgeber in dieser Gesamtstruktur lief über die Flügel und schließlich von dort diagonal zwischen die Linien. Gegen ein hohes Pressing war das schwierig: Die Außenverteidiger standen etwas enger als die enorm weit außen positionierten Nkunku und Haidara vor ihnen, aber versuchten dennoch oft das Feld groß zu machen. Im eigenen Drittel bedeutete das anspruchsvolle Passwinkel für die Innenverteidiger zur Seite. Ließen Mukiele und Klostermann dagegen davon ab, weiter aufzufächern, wurden jedoch die Wege für Sané und Coman nach vorne noch kürzer.

Rund um den eigenen Strafraum hatte Leipzig letztlich wenig Präsenz in der zweiten Linie und daher überraschend viele Ballverluste, die mehrmals sehr brenzlig hätten werden können. Fanden die Aufbauphasen jedoch – wenn Bayern sich gerade tiefer zurückzog; oder nach Ausbällen, nach zweiten Bällen, etc. – höher statt, funktionierte die Raumaufteilung wesentlich besser.

Gegen ein Mittelfeldpressing müssen sich die Abwehr- und Mittelfeldspieler auf „weniger“ Tiefe verteilen und daher sind die Passwinkel zwischen ihnen anders. Das machte die Positionsfindung für Sané und Coman nochmals etwas anspruchsvoller. Gleichzeitig hatten die Leipziger Innenverteidiger bessere Ausgangspositionen, um den eigenen Ballvortrag vorzubereiten, da sie nicht durch die Grundlinie nach hinten (und psychologisch die Nähe zum eigenen Strafraum bzw. eigenen Tor) beschränkt wurden.

Kleines Momentum für Leipzig bis Mitte der ersten Halbzeit

In der Anfangsphase gelang es Leipzig einige Male, im zweiten Drittel sauber auf den Außenverteidiger zu kommen und von dort diagonal hinter die verschiebende Münchener Mittelfeldlinie einzudringen. Solche Ansätze waren ein Faktor dafür, wieso die Gastgeber in einer zunächst ausgeglichenen und chancenarmen Auftaktphase leicht schwungvoller wirkten. Sie schienen ein minimales Momentum auf ihrer Seite zu haben.

Eine zweite Komponente dafür waren schlicht und ergreifend die Spielanteile: Bayern agierte tendenziell etwas passiver und Leipzig hatte zunächst ein Ballbesitzplus. Selbst wenn ein Pressing sehr gut greift, passiert es nur selten, dass es wirklich jede einzelne Situation für den Gegner zunichtemachen kann. Ausnahmen entstehen durch überraschende Spieldynamik oder individuelle Faktoren. Das heißt ganz einfach: Wenn zwei Teams mit ihrem Pressing dem Gegner jeweils wenig zugestehen, dann hat dasjenige mit mehr Ballbesitz rein statistisch die höhere Wahrscheinlichkeit, dass ein oder zwei Ausnahmen für es abfallen.

In der strategischen Gesamtkonstellation profitierte Leipzig vielleicht minimal davon, dass die Bayern nach verlorenen zweiten Bällen oder nach gegnerischen Rückpässen sehr häufig direkt bis ins höhere Attackieren durchrückten. Der Grund: Punktuell gab es Szenen, in denen dieses ambitionierte Verhalten nicht optimal passte, weil die Wege doch sehr weit waren und man den Ablauf nicht schnell genug vorbereiten konnte. Vereinzelt konnte Leipzig daraufhin leichter Raumgewinn – also Szenen, die dynamisch wirkten – verbuchen. In diesen Einzelfällen wäre Zurückhaltung für die Münchener besser gewesen. Insgesamt hat man es hierbei aber eher mit einem Mini-Faktor zu tun.

Schließlich war Leipzigs Quantität an Ballbesitz nicht unerheblich dafür, wie die Phasen des Münchener Ballbesitzes entstanden. Häufig gingen diese auf Ballverluste der Gastgeber im zweiten Drittel zurück, nach denen situativ jeweils kein direkter Konter möglich war. Folglich wurde jene anfängliche Umschalt- stattdessen in eine „ruhige“ Ballbesitzphase überführt. Bei Leipzig gingen mit dem Wechsel von Offensiv- in Defensivformation größere Verschiebungen einher: Die Viererkette transformierte sich, der rechte Breitengeber Nkunku wurde zum vordersten Pressingspieler und Haidara schob gegebenenfalls zurück.

Im Endeffekt tat das Leipzig gut, weil es bereits wie eine Vorbereitung für das weitere Verschieben wirkte. Die Bayern wiederum würden nach der Ballsicherung erst einmal versuchen, sich endgültig in den freien Raum zu lösen. Die Leipziger Umformung leitete sie mehrmals unfreiwillig auf die eigene rechte Seite, die etwas offener stand, während Nkunku vom anderen Flügel hineinrückte. Dadurch starteten die Münchener Ballbesitzmomente aber oft aus einer Dynamik heraus, die bereits zur Außenbahn in einen abgegrenzten Raum hinlief – und damit genau dorthin, wo der Gegner normalerweise gut attackierte.

Zweiter Teil der ersten Halbzeit: Bayern schwimmt sich massiv frei

Im weiteren Verlauf der ersten Halbzeit entwickelte sich exakt diese anfängliche Problemsituation der Bayern zum genauen Gegenteil, zum Ausgangs- und Umschlagpunkt für starke Ballstafetten. Die Veränderung begann bereits deutlich vor dem Führungstor. Anfangs war die Spielfortsetzung vom Außenverteidiger ein großes Problem, später gelang sie exzellent. Die verschiedenen Akteure fanden deutlich bessere Verhaltensmuster. Welch enorme Steigerung auf Hansi Flicks Anpassungen folgte, war beeindruckend und spricht für eine gute Form der Kommunikation dieser Anpassungen.

Zunächst versuchten es die Münchener auf rechts vermehrt mit diagonalen Zurückfallbewegungen Müllers im Aufbau, für den Goretzka nach vorne ging. Schließlich traten die Bewegungen der Außenverteidiger stärker ins Zentrum. Sie nutzten kurze Verzögerungen in der Auftaktaktion besser und suchten im ersten Moment kleine Dribblings nach innen. Meistens gab es dafür ein kurzes Zeitfenster von ein bis zwei Sekunden, da Leipzigs Flügelläufer weite Vorwärtswege zurückzulegen hatten.

Ließ man solche Momente nicht verstreichen, konnte man sich wichtige Bewegungsvorteile schaffen. Zudem hatten es Mukiele und Haidara in dieser Phase ohnehin nochmals etwas schwerer, da Neuer vermehrt in das Aufbaugeschehen eingriff und einige Male glänzte. In mehreren Szenen überspielte er das diagonale Vorrücken des ballfernen Stürmers, indem er den Ball mit starkem Effet „über“ das Standbein hinweg spielte. Das bedeutete stets eine Aktion gegen die Verschieberichtung.

In der Folge konnte Bayern die Außenverteidiger auch in flacheren Positionen per Verlagerung einbinden. Der Weg für den ballfernen Flügelläufer, um dagegen nach vorne zu kommen, verlängerte sich und Leipzig hatte Schwierigkeiten nachzurücken. Auf einer solchen Basis konnten die Münchener Steigerungen erst recht zum Tragen kommen.

Auch die Sechser gestalteten ihre Bewegungen zur Unterstützung des Außenverteidigers im Folgenden bis zur Halbzeit sehr ausgewogen. Sie fanden oftmals gute Momente, wie lange sie in ihrer Position warten mussten und/oder wann sie die etwaigen Bewegungen zur Unterstützung zu ihrem Mitspieler hin passend starten sollten. Spätestens nach dem 0:1 liefen die Leipziger bis zur Halbzeit hauptsächlich hinterher.

Erster Teil der zweiten Halbzeit: Leipzigs Drangphase

Allgemein ist es brutal, aber auch logisch, wie viel nur kleine Veränderungen in einem Fußballspiel auszulösen vermögen – sogar eine solch enorme Wandlung der Verhältnisse. Ähnliches passierte in der Anfangsphase des zweiten Durchgangs gleich noch einmal – nur umgekehrt, zugunsten der Leipziger. Strukturell änderte sich nur wenig, aber Kleinigkeiten – in der Umsetzung – veränderten die Partie grundlegend.

Leipzig gegen den Ball
Insbesondere in den ersten Minuten nach Wiederbeginn konnten sich die Münchener kaum von hinten befreien. Der entscheidende Unterschied: Leipzig startete mit seinen Flügeln konsequent noch einige Meter höher und hatte daher kürzere Wege im Anlaufen. Das Ganze wirkt so unscheinbar, weil es von solch selbstverständlicher und daher essentieller Bedeutung ist. Eine Sekunde oder ein Meter sind zwar formal Kleinigkeiten, aber wenn einer Mannschaft wieder und wieder jene Sekunde fehlt, macht sich das auf Dauer und in einer sonst ausgeglichenen Konstellation massiv bemerkbar.

Mit der höheren Startposition der Außen ging Leipzig stärker ins Risiko. Da die erste Linie sich ganz gut bewegte, konnten die Gastgeber die Münchener zumindest verstärkt nach halbrechts bzw. rechts leiten. Bayern hatte in der ersten Halbzeit das Gefühl für die Eröffnung über den Außenverteidiger hervorragend entwickelt, schien dennoch angesichts des höheren gegnerischen Anlaufens die Routen mehr variieren zu wollen. Daher gab es vermehrt Flugbälle aus dem Zentrum heraus, bevor der Ball überhaupt zur Seite gespielt worden wäre.

Prinzipiell war das vielversprechend: Leipzigs Flügel hatten längere Wege, um im Rückzug dagegen zu unterstützen. Zudem konnte man versuchen, die Bälle in Lücken zwischen verschiedenen Mannorientierungen zu chippen. Bereits in der ersten Halbzeit hatte Chuopo-Moting – in jener Phase oft auch aus dem Umschalten heraus – angedeutet, über seine Technik höhere Zuspiele gegen Leipzigs Physis festmachen zu können.

Letztlich brachten die weiten Pässe recht wenig ein, da Nagelsmanns Team gut darauf reagierte. Vor allem Sabitzer und Adams verhielten sich trotz des höheren Pressings weniger mannorientiert und setzen sich oft clever in passenden Momenten nach hinten ab. Wenn sie sich – bei erfolgreichem Abschneiden in der ersten Linie – zudem frühzeitig auf die eigene halblinke Seite konzentrieren konnten, wurden effektive Diagonalbälle in den Halbraum für die Münchener erst recht schwierig.

So blieb diesen wiederum die Route über die Außenverteidiger, primär über Pavard. Dafür ließ aber die Sauberkeit nach, wenn die Spieler sich gleichzeitig stärker auf Flugbälle einzustellen versuchten. Die Herausforderung war es, dass die Verhaltensmuster kollektiv einheitlich variiert wurden. Das ist sehr anspruchsvoll und Probleme lassen sich gerade innerhalb einzelner Situationen mitunter nicht mehr korrigieren. Sobald Goretzka nur einige Male etwas früher aufrückte, fehlte er als ballnahe Ergänzung, falls man schließlich doch über Pavard weiterspielen wollte.

Leipzig mit dem Ball
Gleichzeitig steigerte sich Leipzig auch mit dem Ball. Es ging weniger um eine Veränderung und mehr tatsächlich um eine Steigerung. Die Gastgeber pflegten bei Ballbesitz eine ähnliche Spielweise wie vor dem Seitenwechsel, sie setzen sie aber noch besser um. Entscheidende Figuren waren die zentralen Verteidiger: Sie fächerten nochmals etwas weiter auf als zuvor und konnten auf dieser Basis noch fokussierter andribbeln.

Im 2gegen1 erhielt Chuopo-Moting dadurch schließlich Probleme mit dem Zugriff. Sané und Coman hätten ergänzen können, schienen aber seltener die Energie für die aggressivere Bewegung zu haben bzw. sich diese zuzutrauen. Zudem gab es noch mehr Mittelfeldpressing-Phasen als zuvor schon, in denen sie sich eher zurückhalten würden. Alternativ musste Bayern gegen das Andribbeln Raumgewinn zulassen oder mit dem Zehner weiträumiger verteidigen.

An dieser Stelle rückte Müller in den Mittelpunkt, der sich stärker aus dem Sechserraum und aus dem Umkreis von Adams löste. Er versuchte langsam diagonal vorzurücken – ohne zu aggressiv zu werden – und währenddessen den Passweg zu blockieren. Leipzig hatte diese Aufgabe durch die enorme Breite mittlerweile deutlich erschwert. Nicht zuletzt bewegten sich die Aufbauspieler gut: Wenn Bayerns Flügel hinten blieben und am Ball effektiv ein 3gegen2 bestand, erkannten sie dies geschickt. Orban, Upamecano und speziell Adams spielten solche Szenen nach der Pause sehr fokussiert aus.

Abschluss(-Philosophieren): Zur Erklärbarkeit von Ergebnissen

Bayern wurde zunehmend nach hinten gedrückt und hatte wenig Entlastung. Ehe sich die Begegnung wieder etwas beruhigte, überstand der Tabellenführer die größte Leipziger Drangphase mit gefährlichen Abschlusspositionen unbeschadet. Fraglos hätte in diesem Abschnitt der Ausgleich fallen können. Wenn man auf das Thema der Betrachtungsperspektive zurückkommt, wird also deutlich, dass die chronologische Darstellung letztlich zu einer ähnlichen Stelle führt wie andere Perspektiven.

Das ist die Schwierigkeit einer Phasen-Analyse: Man kann eine Partie kleinteilig sezieren, aber letztlich bleibt die Frage, wie man die Aufschlüsse der einzelnen Teile zusammenbringt und was man insgesamt damit macht. Effektiv, ließe sich zuspitzen, führt die Perspektive nicht bahnbrechend „weiter“ als die Gesamtpaketsicht. (Für die Beteiligten ist sie in ihren Details natürlich sehr wichtig.) Man kann in diesem konkreten Fall höchstens daraus resümieren, dass beide Teams zu extrem zügigen und wirksamen Anpassungen und adaptierten Lösungsfindungen in der Lage sind – nun also keine besonders neue Erkenntnis.

Dies alles liegt schließlich auch daran, dass beide Perspektiven gleichermaßen einer kleinen Spannung unterliegen – und zwar der zwischen Spielausgang und Spielverlauf. Die Analyse, warum die Partie den Gang nahm, den sie nahm, erklärt noch nicht zwingend auch, warum am Ende das Resultat von 0:1 steht. Je weniger eindeutig sich der Spielausgang „logisch“ aus dem Spielverlauf ableitet, desto mehr wird man nach Gründen suchen, warum die unterschiedlichen Leistungen und Leistungslevel unterschiedlich viel Wert waren.

Tatsächlich gibt es manchmal Partien, in denen eines der beiden Teams deutlich „stärker“ war, man aber vergleichsweise konkrete Teil-Phänomene dingfest machen kann dafür, dass jene Mannschaft dennoch „logisch“ oder „sachgerecht“ beispielsweise ein Dutzend Gegentreffer kassierte oder kein Tor erzielen konnte. Demgegenüber ist es bei diesem Spitzenspiel gar nicht leicht zu sagen, was „definitiv“ den Ausschlag zugunsten der Münchener gegeben hat, eben weil es so ausgeglichen verlief.

Für diese Frage kommt man schließlich nur in den Bereich der Annäherung. Pragmatisch bleiben verschiedene Möglichkeiten, um damit umzugehen. Man kann sich zum Beispiel radikal an die Fakten halten. Dann muss man wie Nagelsmann argumentieren, dass das Gegentor entscheidend war (bzw. dass in der Situation des Gegentores Bayern sich „stärker“ verhalten hat als Leipzig), und könnte umgekehrt argumentieren, dass Olmo oder Sabitzer aus gefährlichen Positionen eben daneben geschossen haben.

In der Folge kommt man zudem schnell dahin, sich mit der Frage der sogenannten „fehlenden Cleverness“ zu behelfen. Dieses Motiv oder Argument klingt leicht wie eine Phrase, aber im Grundsatz ist es erst einmal sachgerecht (vorausgesetzt, man nutzt die Begrifflichkeit der „(fehlenden) Cleverness“ als analytische Kategorie nicht rein ergebnisbezogen, also auch in einem Szenario, in dem Leipzig beispielsweise durch ein spätes und kurioses Eigentor noch das Remis geschafft und dementsprechend gepunktet hätte, obwohl die Cleverness abgegangen wäre).

Praktisch lässt sich der klare, definitive Grund für ein (exaktes) Ergebnis nur schwierig eindeutig feststellen. Chancenverwertung, einzelne Situationen, Glück oder „fehlende Cleverness“ sind genau wie die Leistungsverhältnisse zwischen Mannschaften jeweils Gründe, die zu einem Spielverlauf und in abgeschwächter Form auch zu einem Spielausgang (bzw. dem konkreten Ergebnis) beitragen und ein bestimmtes Resultat mehr oder weniger wahrscheinlich machen. Dadurch entsteht gerade ein Reiz des Spiels: Man kann nicht jegliche Kausalität hundertprozentig definitiv klären (und als Beteiligter auch nicht jegliche Variable beeinflussen) und dementsprechend ergibt sich hieraus die „Offenheit“ (oder für manche: „Unvorhersagbarkeit“) des Fußballs.

Solche knappen Topspiele verdeutlichen und illustrieren diese Selbstverständlichkeit oftmals nur in besonders krasser Form. Im Fußball machen einzelne Situationen und einzelne Tore ohnehin viel mehr aus als in Sportarten, in denen mehr Tore/Punkte erzielt werden. Bei einem umkämpften und komplexen 0:1 ist dieses Extrem schließlich am stärksten ausgeprägt, stärker als bei jedem anderen Ergebnis. (Besonders wenn ein Team durch gravierende Mängel verliert, lässt sich natürlich klar benennen, woran es bei dieser Niederlage „lag“, aber selbst da nicht das genaue, nur eben wesentlich weniger „relevante“ Ergebnis begründen.) Platt gesagt: Im Normalfall ist der Unterschied zwischen 4:0 oder 6:1 einfach unbedeutender als der zwischen 0:0 und 0:1 oder zwischen 1:1 und 0:1.

BM 5. April 2021 um 16:47

Interessanter Ansatt.
Erinnert mich an Krieg und Frieden.
Wahrscheinlich sollte jeder Fußballanalyst verbindlich Krieg und Frieden gelesen haben.

Antworten

MR 5. April 2021 um 17:12

Kenn ich nicht, erklär mal bitte. 🙂

Antworten

BM 6. April 2021 um 10:29

Puh, da hab ich mir ja was eingebrockt.
Tolstoi widmet sich u.a. den napoleonischen Kriegen und beleuchtet dabei exemplarisch auch den Einfluss des Einzelnen, des Großen, des Einfältigen, des Schicksals, der Pläne.
Hier zu meiner Erleichterung ein Zitat aus einer Rezension:
„Alle diese Leute, die da zu spielen glauben, sind nur Schachfiguren in der Hand des Schicksals, der Vorsehung – um so lächerlicher, je kunstvollere Pläne sie machen und je mehr sie zu lenken vermeinen. Deshalb ist Napoleon mit all seinem Genie eigentlich der Lächerlichste – jeder strategische Meisterzug, jeder Sieg führt ihn dem Untergange näher, den ihm nicht etwa Kutusow, sondern das russische Klima, die russische Erde, das russische Volk, den ihm „Raum und Zeit“ bereiten werden.
Kutusow dagegen, der russische Oberbefehlshaber, ist gegen ihn gewiss ein träger, unfähiger, gewöhnlicher Alltagsmensch, aber groß insofern, als er der „Macht des Unbewussten“ folgt, seinen eignen Willen der Vorsehung unterordnet, dem Schicksal gleichsam nur seinen Lauf lässt.“

Ergänzend dazu stellt sich dann die Frage wie die Historiker, die Nachwelt diese Gemengelage dann beurteilen. Welche Zusammenhänge werden erkannt, oder bloß vermutet. Gibt am Ende alles einen Sinn, oder werden nur Muster im Zufälligen gesucht und gefunden?

Ich hoffe das ist halbwegs verständlich. Ansonsten kann ich nur noch die Lektüre empfehlen 😉

Antworten

savona 7. April 2021 um 03:34

Dieses Bedürfnis, im Nachhinein für ein historisches Phänomen – oder eben auch nur den Ausgang eines umkämpften Fußballspiels – eine unzweideutige Erklärung aus einem Guss zu finden, ist nicht nur fragwürdig, denn in den einzelnen Situationen lassen sich immer auch andere weitere (in der ex-post-Betrachtung kontrafaktische) Verläufe denken. Sondern es ist auch eine Voraussetzung für diverse Verschwörungstheorien: „Natürlich haben sich die Dinge so entwickelt, denn wegen des Faktoren x (z.B. Bill Gates‘ sinistre Pläne) oder y (die stete Bevorzugung der Bayern durch die Schiedsrichter) konnte es ja nicht anders kommen.“ Beide Beispiele sind willkürlich gewählt und können problemlos durch andere ersetzt werden.

Antworten

Gh 7. April 2021 um 09:44

„Beide Beispiele sind willkürlich gewählt und können problemlos durch andere ersetzt werden.“ Das bezweifle ich mal beides. Für x und y gäbe es auch noch andere Erklärungen als den bloßen Zufall. x und y haben Dominanz, x seine Finger in unzähligen Sachen, y auf dem Platz aufgrund von Dominanz mehr Offensiv- und Strafraumaktionen. Beide können so, egal was sich realisiert, auf ein für sie günstiges Ergebnis hoffen, da sie nicht, wie weniger dominante Marktteilnehmer, alles auf eine Karte setzen müssen (zB auf DIE eine Strafraumaktion). Dass sie dann evtl. noch direkten Einfluss auf die Legislative und Judikative nehmen ist, jedenfalls für „den Uli“ keine Verschwörungstheorie sondern durch „kicker“ und „Bild“ bestens belegt. Und Bill wird sein Anwaltsheer auch nicht aus karitativen Gründen beschäftigen.

Antworten

savona 7. April 2021 um 20:00

Dass Macht zur Durchsetzung eigener Interessen eingesetzt wird, lässt sich schlechterdings nicht bestreiten. Davon sind allerdings Verschwörungstheorien zu unterscheiden. Die ganze Corona-Krise als von Bill Gates gesteuert zu betrachten oder anzunehmen, die Schiedsrichter, zumindest in Deutschland, seien angewiesen, im Zweifel pro Bayern zu entscheiden, geht für mich entschieden in diese Richtung.

Gh 8. April 2021 um 08:00

Behauptet (hier) auch keiner. Es geht darum, dass Marktmonopolisten um ihr Monopol aufzustellen und vor allem zu wahren nicht unbedingt dem folgen, was wir als „Fairplay“ bezeichnen. Da mag in Deutschland offene Schiedsrichterbestechung nicht dazugehören. Wohl aber Druck. Zitat Schiedsrichter Krug: „Seine (Hoeneß) Aussage im November 1997, dass ich nie wieder die Bayern pfeifen würde, hat es mir nicht einfach gemacht. Danach bewegte sich die Kommentierung, wenn ich Spiele der Münchner leitete, nur in Extremen. Bei einer vermeintlichen Entscheidung pro Bayern hieß es: Krug hat sich weichkochen lassen. Pfiff ich scheinbar gegen Bayern: Jetzt will er es ihnen richtig zeigen.“ Watzke agiert im übrigen ja ganz ähnlich.
Um auf „Krieg und Frieden“ zurückzukommen ist das Buch eine Trostfabel für die Schwachen und Machtlosen (wie immer bei Tolstoi mit stark christlicher Motivik). Nur ist der Trost, dass die Mächtigen auch den allgemein menschlichen Limitationen unterworfen sind ein schwacher, solange sie sich „im Menschnlichen“ alles anmaßen und zuschustern was geht.

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