Wie Guardiolas 3-2-2-3 (letztlich) das Abwehrspiel löst

Es ist schwierig, Guardiolas Image in der Welt des Fußballs (angemessen) zu beschreiben. Obwohl er polarisiert, scheint zumindest Einigkeit darüber zu bestehen, dass er ein Innovator des Fußballspiels ist. Paradoxerweise polarisiert er genau wegen dieser Übereinstimmung von Kritikern und Fans. Das neue 3-2-2-3 scheint vielversprechend zu sein, um diese Polarisierung durch Erfolg und eine erneuerte Rückkehr zu gängigen Prinzipien zu lösen.

Die öffentliche Debatte rund um seine erfolgreiche Zeit beim FC Barcelona drehte sich hauptsächlich um das Positionsspiel und nahm – trotz der erfolgreichen Europameisterschaft 2008 der Spanischen Nationalmannschaft unter Trainer Luis Aragones – stark die damalige Einzigartigkeit seiner Idee des Fußballs in den Blick und wie sich diese von den meisten anderen Mannschaften unterschied: Spielaufbau mit Flachpässen von hinten raus unter Einbezug des Torhüters, sogar unter hohem gegnerischem Druck, Zentrumsüberladungen bei gleichzeitiger Wahrung von Breite und Tiefe in der letzten Linie und auch das eigene extreme Pressing mit einer außerordentlich hoch stehenden Abwehrlinie, um eine frühe Ballrückeroberung zu ermöglichen. Die Katalanen eroberten damals die Welt des Fußballs im Sturm (gekrönt von zwei Champions League Titeln in vier Spielzeiten, in denen der FC Barcelona stets hoch favorisiert wurde) – und seither haben seine Ideen auch in anderen Vereinen mehr und mehr Einzug genommen. Einige dieser Ideen hatte Guardiola bereits in seinem ersten Jahr als Cheftrainer, seinerzeit noch bei Barcelona B, gezeigt.

Während Guardiola bei der (Weiter-)Entwicklung seiner eigenen fußballinhaltlichen Revolution weiterhin an vorderster Front stand, schien der Vorsprung gegenüber seinen Trainerkollegen in der Zwischenzeit Schritt für Schritt zu schmelzen. Zeitweise wurde Guardiola dafür kritisiert, dass er entweder zu sehr darauf bedacht war, diese Distanz wieder zu vergrößern oder dafür, dass seine Trainerkollegen andere, offensichtlich ebenso wichtige, Aspekte des Spiels höher zu bewerten oder zumindest genauer zu beurteilen schienen, wie z.B. Vertikalität oder Konterspiel.

Unsterblich, nicht unbesiegbar

In seiner letzten Saison als Trainer des FC Barcelona wirkte die Kombination aus der Qualität seines Teams und der seiner Person zugegebenermaßen jeder anderen Mannschaft Europas überlegen. Doch Guardiolas Fokussierung auf stetige Weiterentwicklung schien seine Mannschaft von einem unbesiegbaren zu einem gelegentlich schlagbaren Team zu verwandeln. Quasi: Der fehlgeschlagene Versuch das Maximale zu verbessern. Experimente mit der Dreierkette in der Abwehr hatten zwar einzelne höhere Leistungsspitzen zur Folge, die aber womöglich etwas weniger nachhaltig waren als die Leistungen, zu denen Guardiolas Mannschaft in der Saison 2010/11 fähig war. Seine persönliche Weiterentwicklung als Trainer führte zu mehr und mehr Detailarbeit, die aber auch wie Limitierungen für eine Mannschaft mit dem Kern aus Messi, Iniesta, Xavi und Busquets wirkten; einer Mannschaft, deren individueller Qualität grundsätzlich eigentlich keine Grenzen gesetzt schienen.

Angeblich, so Medienberichte aus der letzten Saison beim FC Barcelona, spiegelte sich dieser Sachverhalt letztendlich auch in der Umkleidekabine der Mannschaft und beim Vorstand des Vereins wider. Dennoch wäre das nur die halbe Wahrheit: Obwohl Guardiolas Nimbus der Unantastbarkeit in den Medien zwischen seinem ersten und vierten Jahr beim FC Barcelona zu bröckeln begann, änderte er selbst sich weniger als über ihn geschrieben wurde.

Die Hauptgründe für dieses Missverhältnis bestehen in einem Mangel an Aufmerksamkeit für Details und dem niedrigen Diskussionsniveau in der öffentlichen Debatte zu Beginn der Guardiola-Ära. Beispielsweise war die sogenannte „falsche 9” bei Barcelonas legendärem 6:2-Sieg gegen Real Madrid genau die Art von „Experiment”, welche ihm Jahre später nach verlorenen oder unentschieden gestalteten Partien vorgeworfen würden. Im wohl noch legendäreren 5:0-Sieg über Real Madrid zwei Jahre später nutzte der FC Barcelona im Aufbauspiel eine asymmetrische Dreierkette, bei der Abidal tiefer stand, ein 2-2-Mittelfeld, bei welchem die zwei vorderen “10er” und die zwei hinteren “6er” im Trapez angeordnet waren, im Zentrum (mit Xavi und Busquets als Basis, davor Messi und Iniesta) und eine weitere Asymmetrie in der letzten Linie mit Villa, Pedro und Dani Alves. Dies wies bereits also eine sehr starke Ähnlichkeit zu seinem aktuellen Team bei Manchester City im Jahr 2021 auf.

Letztendlich werden mediale Narrative von Ergebnissen geschrieben, ebenso wie Geschichte von Siegern. Guardiolas perfekte erste Saison mit sechs gewonnenen Titeln war offensichtlich unmöglich konstant zu wiederholen und dennoch begannen Medien eine Geschichte des Absturzes vorzubereiten (und zwar aus Höhen, die den meisten früheren Trainern vollkommen unbekannt waren).

Der Trainer, der sich selbst schlug

Natürlich ließ sich Guardiola von der Kritik Außenstehender nicht allzu sehr beirren und galt in den ersten Wochen seines Sabbaticals weiterhin als die begehrteste Person im Fußballgeschäft für die darauffolgende Saison. Auch wenn seine Amtszeit beim FC Bayern München nicht ganz den Wünschen und Erwartungen vieler entsprach, so ließ er doch über weite Strecken absolut dominanten Fußball spielen, der („nur“) in überaus erfolgreichen nationalen Wettbewerben gipfelte. Das Ausbleiben des ultimativen Erfolgs in der Champions League mit den von Jupp Heynckes übernommenen Triple-Siegern schien das öffentliche Bild Guardiolas international, aber besonders in Fußballdeutschland, ein wenig zu trüben. Und dennoch waren die Prinzipien seines Fußballs nicht nur immer sichtbar, sondern befanden sich während seiner Tätigkeit in Deutschland gleichzeitig auch in einem steten Wandel.

Strukturelle Änderungen und Rotation sowohl von Spiel zu Spiel als auch innerhalb eines Spiels wurden viel häufiger als zu seiner Zeit beim FC Barcelona praktiziert. Ohne die individuelle Qualität von Messi, Iniesta, Xavi und Busquets, der kein gegnerischer Matchplan gewachsen schien, wirkte die Bedeutung seines Einflusses als Trainer sogar noch größer. Trotz ihrer Erfolge vor der Zusammenarbeit mit Guardiola benötigte diese Bayern-Mannschaft seine (zusätzlichen) Ideen nicht nur, um auf ihrem Höhepunkt zu bleiben, sondern auch, um in ihren Leistungsspitzen diesen sogar noch zu übertreffen und seine Spielweise auf angemessenen Niveau zu praktizieren.

2-3-4-1-Staffelung bei Bayern München

Ohne Messi zur Zentrumsüberladung und Lösung schwieriger Situationen wandte sich Guardiola in einer pressing- und konsterlastigen Liga seinen Außenverteidigern Lahm und Alaba (neben anderen Spielern) zu, um seine fußballerischen Prinzipien erfolgreich umzusetzen. Gelegentlich gab es sogar Spiele mit einer Mittelfeldraute bestehend aus Ribery, Robben, Götze und Alonso als Anpassung von Guardiolas Stil in Bezug auf das Umschalt- und Ballbesitzspiel der Bayern, aber auch der Bundesliga. All diese verschiedenen Grundordnungen und Systeme hinterließen einen „direkteren“, „vertikaleren“ Eindruck, als es bei Guardiolas letzten beiden Spielzeiten in Barcelona der Fall war.

„Bei Bayern München hat Guardiola das Positionsspiel gefördert, das Louis van Gaal vor fünf Jahren eingeführt hat. Aber das, was Bayern gerade praktiziert, ist ein Spiel, das sich viel mehr an der vertikalen als an der horizontalen Achse orientiert und diese Version erfordert ein hohes Maß an technischer Exzellenz, weil es versucht, die oben erwähnten Überlegenheiten nicht auf der Basis von horizontalen, sondern vertikalen Pässen zu konstruieren. Dies ist eine äußerst ambitionierte Interpretation des Positionsspiels.“

Marti Perarnau

Zwar war die Mannschaft immer noch sofort als Guardiola-Team erkennbar, doch nicht nur taktisch, sondern auch strategisch ergab sich eine andere Flexibilität. Das Ausbleiben des ultimativen Erfolgs in Form der Champions-League, in Kombination mit Guardiolas Anpassungen, führte zu einem Wandel seines öffentlichen Bildes in den Medien: Vom unschlagbaren Trainer zu einem potenziell unschlagbaren Trainer, dessen “Experimente” und Grübeleien nicht selten dazu führten, dass er sich ohne Barcelonas Top-Spieler auf dem höchsten Niveau letzten Endes selbst schlug. Doch das war schon damals nur ein Narrativ in den Medien (und in Teilen der fußballinteressierten Öffentlichkeit), aber keines innerhalb der Branche selbst. In der Fußballblase blieb das Image Guardiolas nahezu unverändert und Manchester City versuchte alles, um ihn aus München wegzulocken.

Ausgekontert

Binnen dreier Jahre veränderte sich das öffentliche Bild Guardiolas stark: Trotz erneuter national erfolgreicher Saisons mit den Citizens wandelte sich erwähnter Narrativ immer weiter zum Negativen. Plötzlich wurde nicht nur geschrieben, dass Guardiola sich selbst besiegte, sondern er wurde sogar als “entschlüsselt” bezeichnet – hauptsächlich durch Jürgen Klopp, der mit seiner enthusiastischen Herangehensweise zu Fragen der (Menschen-)Führung und der Spielweise schließlich das passende Gegenmodell zu Guardiola zu sein und die Krone des besten Fußballtrainers der Welt zu übernehmen schien.

Nebst einer größeren Betonung des Positionsspiels als zu seiner Dortmunder Zeit sah es so aus, als ob Konter, eine gewisse Körperlichkeit im Pressing und verschiedene Varianten in den Standardsituationen brachiale Gegenmittel zu Guardiolas Spielstil darstellen würden. Zeitweise wirkte dieses Narrativ so einleuchtend-simpel, dass es einfach wahr sein musste. Die Duelle mit Klopp schienen Guardiola bereits zu dessen Dortmunder Zeit, aber noch mehr, als dieser Trainer von Liverpool war, zu selbst für ihn ungewöhnlichen Anpassungen zu zwingen, indem er teilweise von seinen Prinzipien abrückte oder diese mit Niederlagen bestraft wurden.

Doppelt besetzte Flügel -> weniger Präsenz im Zentrum

Selbst eine 100-Punkte-Saison schien die unvermeidliche Kritik an zu langem und damit ineffizientem Ballbesitz, an zu naiven und weit gestaffelten Positionen in der Restverteidigung, an den Nachteilen des (vermeintlichen) Verzichts auf traditionelle Verteidigerqualitäten bei Innen- und Außenverteidigern oder sogar einem – oberflächlich betrachteten – Mangel an purer Körperlichkeit nur zu verstärken. Geduldiges Verteidigen und dann Ballgewinne bei schnellen Kontern, egal, wie lange man manchmal ausharren und aushalten musste, wurden als ausreichend postuliert, um mit City mithalten zu können. Im Grunde lautete die Gleichung glasklar: Wenn City lange in Ballbesitz ist, haben beide Teams ähnliche, aber wenig Torchancen. Wenn City versucht, kürzere Ballbesitzphasen zu haben, zeigten sie zeitweise ihre Topform, aber ließen zeitweise zu viele Chancen für den Gegner zu, um in Begegnungen auf den größeren Bühnen / gegen bessere Gegner zu bestehen.

Im Vergleich zu Klopp und dem „kompletten Liverpool“ der letzten Saison wirkte Guardiola in seinem Spielstil stagnierend, unempfänglich für Veränderungen, die ihm die Realität scheinbar aufzwang, nicht nur in Bezug auf seine Spielideen, sondern auch auf sich selbst. Wenngleich niemals jemand von Liverpool zu verlangen schien, ihre Spielweise zu erweitern, sah Klopp sogar so aus, als hätte er die Schlacht gewonnen, als Liverpool ihre jeweiligen Gegner vergangene Saison in jeder Phase des Spiels geradezu in eine (fußballerische) Folterkammer schickte. Guardiola hingegen fand sich in dieser Saison am vorläufigen Tiefpunkt wieder, als ManCity nach beinahe einem Drittel der Saison auf dem 12. Tabellenplatz stand.

Spult man in der Entwicklung einige Monate nach vorne, stellt sich der beschriebene Prozess geradezu umgekehrt dar: Während Klopp in dieser Saison nunmehr große Probleme hat (nachdem er Liverpool den ersten Meistertitel seit einer Ewigkeit beschert hat) und um einen Platz unter den ersten Vier kämpfen muss, kletterte Manchester City im Laufe der Saison Tabellenplatz um Tabellenplatz, rollte das Feld von hinten auf und sieht nicht nur wie der große Favorit auf den Gewinn der englischen Meisterschaft, sondern gleichsam aller anderen Wettbewerbe aus. Der katalanische Trainer schreibt diesen Umstand – neben anderen Faktoren – einem anderen Fokus, einer größeren Geschlossenheit, stärkerem Zusammenhalt innerhalb der Gruppe und gar „besserem Schlafverhalten” zu. Auf dem Spielfeld selbst sieht es allerdings so aus, als ob es noch den ein oder anderen zusätzlichen Grund dafür geben könnte.

Guardiolas neueste Lösung ist ein Update

Obwohl sich statistisch keine große Veränderung feststellen lässt – bereits in der letzten Saison lag City in vielen Messwerten deutlich vor Liverpool – verdient das Spiel gegen Southampton in Hinblick auf die Ergebnisse besondere Beachtung. Seitdem gewann Guardiolas Mannschaft (bis zum Aufeinandertreffen gegen ManUtd Monate später) jedes einzelne Spiel. Was hatte sich verändert? Wenn man dieses Narrativ des nachdenklichen Guardiola zu Ende denken möchte, dann könnte man argumentieren, dass sein anhaltendes Overthinking endlich Früchte getragen hat.

Typische 4-1-2-3-Staffelung

Zu Beginn der Saison kam relativ regelmäßig ein 4-1-2-3 mit verschiedenen Strukturen und Aufstellungen zum Einsatz, das offensichtlich auf den jeweiligen Gegner abgestimmt wurde. Eine der diversen recht stiltypischen Adaptionen durch Guardiola war, dass De Bruyne je nach Spielsituation und Gegner als Neun oder Acht auflaufen konnte. Die oft doppelt besetzten Flügel und breiten, mitunter auch hochschiebenden Außenverteidiger, stellen wohl die größte Änderung von Saisonbeginn zu jetzt da – und haben sich auf auch den Spielrhythmus, das Passspiel und die Restverteidigung ausgewirkt.

Abkippender Mittelstürmer erzeugt die Überzahl im Zentrum
Über eine Asymmetrie der beiden Achter entsteht aus dem 1-2-1 (Raute) ein 2-2 (Trapez) im Mittelfeldzentrum.
Situativ konnten in dieser Staffelung auch enger stehen und aus den Schnittstellen statt aus der Breite agieren; die Breite in höheren Zonen sollte von den Außenverteidigern übernommen werden, was wiederum neben Timingproblemen im Positionsspiel auch zu Problemen in der Konterabsicherung führen kann.

Über die letzten Wochen kristallisierte sich ein anderes Muster heraus: Wie sein Mentor und ehemaliger Trainer Johan Cruijff, fing Guardiola an, verstärkt ein System mit drei Spielern in der ersten und drei Spielern in der letzten Linie zu verwenden. Cruijffs Basis dafür war aber ein 3-Raute-3 System; ein Sechser vor der Abwehr, ein Zehner hinter der Sturmreihe und zwei Achter, die als Box-to-Box-Spieler agierten. Und: Gegen den Ball wurde gar so verteidigt. Guardiola hingegen nutzt anstatt einer Mittelfeldraute und somit einem 1-2-1 mit Manchester City ein 2-2 bzw. eine Art Trapez, wo die Sechser etwas enger und die Zehner etwas breiter agieren. Schon in einzelnen Spielen bei Barcelona wie dem erwähnten 5:0 gegen Real Madrid kam das System einem 3-2-2-3 am nächsten. Und: Guardiolas Mannschaft verteidigt nach wie vor mit Viererkette; es sind die Außenverteidiger, welche sowohl den Dreieraufbau als auch die Überzahl im Zentrum schaffen. Das Problem für die jeweiligen Gegner liegt zurzeit in dieser sehr kleinen, doch bedeutenden Veränderung und ihrer einhergehenden Flexibilität.

Staffelung im 3-2-2-3 über die asymmetrischen Außenverteidiger, welche nicht mehr aus der Breite spielen.

Cancelo oder Zinchenko übernahmen die Rolle der zweiten Sechs neben Rodri, oder – wenn auch seltener – sogar des dritten offensiven Mittelfeldspielers, also quasi einem seitlichen Zehner. Guardiola entscheidet sich aber zumeist für das Mittelfeld in Trapezform, in dem sich Rodri nach links fallen lassen kann und Walker (von rechts) oder Laporte (von links) einrücken und quasi als zusätzlicher Innenverteidiger aus ihrer tiefen Position höher herausschieben und im Aufbau aushelfen können, während Cancelo vor der Abwehr als zusätzlicher Mittelfeldspieler anspielbar bleibt.

Bewegung des abkippenden Mittelstürmers überlädt das Zentrum zusätzlich.

Je nach Art des Gegners kann auch besagte Rautenformation mit dem eingerückten Außenverteidiger als drittem Zehner helfen, weil sie mehr Anspielstationen zwischen den Linien vor der gegnerischen Abwehr kreiert, dem Spiel somit mehr Tiefe ermöglicht, einen Spieler in jeder Lücke des gegnerischen Mittelfelds platziert – unter der Prämisse, dass im Spielaufbau eine nominelle Sechs ausreicht.

1-2-1 (Raute) anstatt 2-2 (Trapez) oder 2-3 im Mittelfeld.
Variante: Cancelo über links inverser („wrong-footer“), dritter Zehner.

Diese Option wird allerdings aktuell wieder seltener genutzt und ist eher eine Facette in der Zirkulation oder Anpassung im Spiel. Wenn der Druck stärker oder das Zentrum zu dicht ist, besteht für Gündogan oder Bernardo Silva die Chance, nach außen zu ziehen und so eine ähnliche Formation zu schaffen, wie wenn sich Rodri fallen lässt – also einen Aufbau mit vier Spielern in der ersten Linie, wie es ansonsten die meisten Mannschaften über ihre Innen- und Außenverteidiger machen.

Rodri stellt den Viereraufbau als zusätzlicher Spieler innerhalb der Dreierkette her.
Rodri stellt den Viereraufbau als zusätzlicher Spieler innerhalb der Dreierkette her.

Das Erfolgsgeheimnis der neuen Ausrichtung liegt allerdings in der enormen Breite. Egal, ob sie im Zentrum mit diesem unüblichen Trapez oder der Raute spielen, sieht sich der Gegner einem Dreieraufbau und zwei sehr hoch wie sehr breit aufgestellten Flügelstürmern gegenübergestellt, die Tiefe im Rücken der gegnerischen Abwehr erzeugen, die letzte Linie des Gegners binden und natürlich 1-gegen-1-Situationen lösen können.

Zusätzlich können Gündogan, Silva oder de Bruyne zur Seite ausweichen und entweder als freier Mann agieren, das Zentrum öffnen oder mit den Flügelspielern auf der Seite eine klare Überzahlsituation erzeugen. Die gelegentlichen Hinterlaufbewegungen mit den erwähnten seitlichen Innenverteidigern (speziell Walker) machen es dem Gegner dabei nicht einfacher. Öffnet der Gegner zu viel Raum, insbesondere nach einer flachen Verlagerung, kommt Walker oft mit Tempo ins Andribbeln und in eine Überzahlsituation (2v1, 3v2, 3v1).

Seitenverkehrter, aber identer Ablauf – mit der Option, dass sich Walker bei ausreichend Zeit und Raum miteinschaltet.

Um diese Rochaden der Mittelfeldspieler auf der Seite zu unterstützen, verlässt sich City nicht nur auf die Doppelsechs-plus-Doppelzehn-Staffelung im Mittelfeld, sondern auch auf einen Mittelstürmer, der sich zusätzlich fallen lässt, um die Lücke in der Mitte zwischen den breiteren Zehnern zu schließen und gleichzeitig die Innenverteidiger aus der Formation zu locken, während Flügelstürmer und Mittelfeldspieler mit Läufen in deren Rücken gefährlich werden können. Somit wird der Mittelstürmer zu einem zusätzlichen Mittelfeldspieler im Zentrum, der Überzahl schafft und gewissermaßen ein Fünfeck erzeugt.

Das bedeutet also fünf Spieler in der Mitte, aber mit mehr Breite davor als üblich und vier Spielern mit der Option, sich tief oder zur Seite fallen zu lassen, um so stets eine Lösung gegen intensiveres gegnerisches Pressing parat zu haben. Dennoch kommt die Schlüsselfunktion der Rolle der Flügelstürmer dazu: Zwei Spieler, die jederzeit ins 1-gegen-1 gehen oder tiefe Läufe im Rücken der Abwehr starten können – zum Teil sogar auf langem Anspiel von Torhüter Ederson –, um Räume zu öffnen, und jeden Versuch, das Zentrum dicht zu machen, zu bestrafen. Bedenkt man die gelegentliche Rotation der Mittelfeldspieler, Flügelstürmer und des Mittelstürmers, wird klar, dass es nicht nur schwer ist eine Lösung dagegen zu finden, sondern beinahe noch schwieriger diese konsequent umzusetzen.

Trotzdem gibt es weiterhin von Spiel zu Spiel Umstellungen. Gegen Fulham konnte man als Antwort auf deren Manndeckung eine gänzlich andere Herangehensweise beobachten; als Antwort auf Southamptons Ansatz änderte sich die Rolle der Außenverteidiger und Flügelspieler asymmetrisch und in der zweiten Halbzeit gegen Gladbach war Cancelo derjenige, der sich, um das Konzept des Gegners zu durchkreuzen, zwischen die Innenverteidiger fallen ließ, während der Mittelstürmer enorm weit entgegenkam und teilweise eine tiefere Position einnahm als beide zentralen Mittelfeldspieler. Der faszinierendste Aspekt daran: Abgesehen von dem Spiel gegen Fulham, passieren nicht nur die meisten Anpassungen aus derselben Grundordnung heraus, sie wirken geradezu simpel.

Diese 3-2-2-3-Idee mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen und ihren einstudierten Details wirkt regelrecht wie ein endlich finalisiertes Zusammenspiel aller Prinzipien Guardiolas: In der letzten Linie Breite und Tiefe zugleich, Breite in der ersten Linie des Aufbaus, flexibles Schaffen von Überzahl in der Mitte und auf den Flügeln, aber dabei doch in der Lage, sich gegen die Schwächen in der Konterabsicherung, die früher durch ähnliche Strukturen entstanden, zu schützen. Dies ist natürlich nicht nur durch den einzigartigen Einsatz der Außenverteidiger möglich, sondern auch dank der Qualität der Spieler.

Guardiolas Idee von Fußball handelt nicht nur in verschiedenen Formen von Überlegenheit, wie es oft in Trainerlehrgängen heißt, oder darum „den Ball zu halten“, wenn man die Erklärung möglichst oberflächlich halten will. Stattdessen geht es darum, den Spielern des verteidigenden Teams ihre Aufgaben und Funktionen zu nehmen und so dem angreifenden Team Vorteile zu verschaffen. Gegen die falsche Neun verloren einst gegnerische Innenverteidiger ihre Funktion und jetzt gilt dies in gewisser Weise sogar für die gegnerischen Außenverteidiger, die von den Flügelstürmern zusätzlich gebunden werden. Das 4-2-2 oder 4-Raute, aus dem die ersten drei Linien von Barcelonas Aufbau bestanden, fanden sich oft – unter Mithilfe des Torhüters – in einer numerisch vorteilhaften Situation (Neun gegen Sechs), welche von den beiden bindenden Stürmern abgeschlossen wurde.

Ederson kann dem Spiel als zusätzlicher Aufbauspieler in der ersten Linie und in weiterer Folge mehr Breite verschaffen.
Durch seinen sehr langen Schlag kann Ederson unter Druck oder gegen hochstehende Gegner auch direkt die Tiefe bespielen.

Sehr hohes (und suboptimales) Pressing führte oft nur dazu, dass der Gegner zu weit auseinandergezogen wurde und damit keine Chance mehr hatte, Guardiolas Spielern die Räume eng zu machen und sie somit effektiv unter Druck zu setzen. Tiefes Pressing führte mit Ausnahme einiger hart erkämpfter Unentschieden und glücklicher Siege quasi unvermeidbar zu Niederlagen. Eine Art mittleres Pressing mit Phasen in ganz hohem Pressing (sh. Klopp, Jürgen) erschien eine probate Lösung und einer Mannschaft wie Liverpool, die in Sachen Pressing mit zu den Besten aller Zeiten gehört, zumindest eine Chance zu Dominanz und Erfolg zu geben. Und mitunter scheint es unwahrscheinlich, dass diese bisherigen Lösungen gegen Guardiolas neueste Umsetzung seiner Prinzipien zum Erfolg führen, wenn nicht das Glück etwas mithilft.

Die neueste Lösung könnte die letzte sein

Guardiolas Dreieraufbaureihe ermöglicht in Kombination mit seinen Flügelstürmern einen zusätzlichen zentralen Spieler inmitten der gegnerischen Formation zu platzieren oder ihn alternativ flexibel nach außen zu ziehen, um so Druck aufzulösen oder diesen sogar kontrolliert zu provozieren. Natürlich spielen dabei die Spieler, die ihm zur Verfügung stehen, eine große Rolle. Ederson und Cancelo sind auf ihre Art einzigartig, auch wenn beide womöglich nicht ganz das individuelle Potential eines Kevin De Bruyne haben. Sterlings Fähigkeiten sind wiederum möglicherweise die wertvollsten, wenn es darum geht, den Erfolg in engen Spielen in der Champions League zu sichern, während das Zusammenspiel von Stones und Dias vielleicht der wichtigste Aspekt der Zirkulation darstellt.

Doch nicht nur einzelne Konzepte und bestimmte Gegenspieler bzw. Positionen standen plötzlich ohne defensive Aufgabe gegen Citys System, individuelle und kollektive Qualität da. Es scheint ein grundsätzlicheres Problem zu sein. Klassische Abwehrsysteme wirken veraltet, nahezu obsolet und gelöst. Guardiolas neuestes Update schützt nicht nur vor Abstürzen durch Bugs im System, wie man sie zu Saisonbeginn noch vor dem neuesten Patch beobachten konnte; es hat die Möglichkeit geschaffen jedes Problem, das von der gegnerischen Verteidigung aufgebracht wird, aus dem gleichen Grundsystem heraus lösen zu können. Nur die Ausführung muss stimmen – was schwierig genug ist, aber dennoch der Realität zu entsprechen scheint.

Die Niederlage für den Gegner kommt insofern manchmal langsamer, doch sie ist unterwegs und kommt meistens noch pünktlich. Im Gegensatz zu früheren Systemen bietet Guardiolas 3-2-2-3 die Möglichkeit, auf große Veränderungen präzise mit kleineren Anpassungen zu reagieren und so stets die Oberhand zu behalten und Gegner zu neuen, größeren Veränderungen zu zwingen. Die Qualität Guardiolas als Trainer, nicht als Philosoph, zeigt sich in den Details. Beispiele?

Sobald ein Innenverteidiger versucht, Druck auf den Mittelstürmer Citys auszuüben, gibt es drei Optionen:

  1. Der Mittelstürmer wird sich noch weiter fallen lassen, bis der Gegenspieler ihn ziehen lässt
  2. Der Mittelstürmer bewegt sich horizontal, um so die Innenverteidiger zur Übergabe zu zwingen, ihre Zuordnung zu verändern, wodurch sie Raum und Zeit verlieren oder
  3. Einer der Flügelspieler oder Mittelfeldspieler setzt zu einem Sprint in die Tiefe an

Ein anderes? Wenn der gegnerische Flügelstürmer versucht, Gündogan in den Deckungsschatten zu nehmen und mit einem Lauf von Außen den seitlichen Innenverteidiger zu pressen, reagiert Gündogan in exakt jenem Moment, wo der Schritt des Gegenspielers zur Seite kommt und rückt wieder im Tempo in die Mitte ein, um den entstandenen Raum zu besetzen und den Ball in der Mitte zu erhalten.

Versucht ein Außenverteidiger selbiges mit der Verbindung zwischen Gündogan und dem Flügelstürmer (bspw. Foden) und möchte dem eigenen Flügelstürmer damit helfen, die Flügel gegen City zu verteidigen, indem er eine Linie höher schiebt, ist die Antwort wiederum ein sofortiger Sprint in dessen Rücken vom Flügelstürmer, um den gegnerischen Außenverteidiger zu binden. Falls hier keine Reaktion erfolgt, startet Gündogan (oder auf der anderen Seite Silva, de Bruyne) ein Dribbling nach innen, weg vom Druck in den freien Raum und in die Passoptionen, was fast zwangsläufig zu einer gefährlichen Abschlusssituation führt. Macht es der Gegner perfekt oder stimmen die Abläufe bei City nicht überein, so geht im Zweifelsfall der Ball zurück, man orientiert in den Positionen neu, beginnt den Angriff wieder vom Anfangspunkt und die Ballzirkulation startet von neuem. Und so lässt man den Gegner schließlich laufen, bis Kopf und/oder Beine müde werden und irgendwann Löcher in der gegnerischen Verteidigung auftauchen.

Flügelspiel unter hohem Druck – mit Tiefe, Quer- und Rückpassoptionen.

Wenn etwas nicht nach Plan läuft, schafft es Manchester City unter anderem wegen der enormen Breite in der ersten Linie und Edersons Qualität als mitspielender Torwart für gewöhnlich trotzdem den Ball zu behalten. Eine mögliche Anpassung besteht dann darin, im Zentrum mehr Präsenz zu erzeugen, in dem man vom erwähnten Trapez in die Rautenformation wechselt.

Eine weitere Option besteht darin, das Spiel mit den beiden weiter außen platzierten Mittelfeldspielern extrem breit zu machen, die sich dabei sogar bei Bedarf teilweise noch deutlich flacher anbieten. Gündogans Timing und Entscheidungsfindung ist in diesen Situationen ebenso fantastisch, wie Bernardo Silvas Dribblings von außen nach innen, wenn er derjenige ist, der mit dieser Aufgabe betraut wird.

In manchen Spielen passiert das regelmäßig auf beiden Seiten, in anderen übernimmt nur einer von beiden diese Aufgabe und dann kann es passieren, dass der Außenverteidiger bzw. zusätzliche Innenverteidiger wieder weiter nach außen zieht und so eine Art 4-2-2-2-Formation entsteht oder dafür auch ein Mittelfeldspieler die Position des Außenverteidigers einnimmt und Cancelo mit Rodri die Mitte hält. Bei gegnerischem Druck oder um Räume zu öffnen können sich die beiden wie erwähnt sogar noch zusätzlich zentral fallen lassen.

Es überrascht kaum, dass diese variablen Positionierungen eine der komplexesten „Wenn-Dann“-Choreographien in Guardiolas Mannschaft zu sein scheinen.

Guardiolas Flügelbrillanz

Die Zehner von ManCity, also die vorderen zentralen Mittelfeldspieler, fangen oft auf außen an und bewegen sich von dort nach innen. Dies ist also die präferierte Grundstellung anstatt es andersherum zu organisieren. Wieso?

Beginnen sie innen und bewegen sich nach außen, ist es aufgrund der Laufgeschwindigkeit und der Stellung des Körpers schwieriger, das richtige Timing zu finden – was wiederum die Körperstellung und Orientierung bei der Ballannahme beeinflusst, weil sie nach außen schauen, wenn sie versuchen, schnell in Position zu kommen. Beginnen sie bereits auf der Seite, dann werden sie den Ball entweder mit dem richtigen Fuß annehmen, nach innen ins Spielfeld schauen und in der Lage sein, sofort von innen in die Mitte einzudringen, anstatt nach außen zu schauen und ihrem genervten Trainer zuzunicken, während sie unter Druck geraten – auch wenn sie dies mit ihrer Qualität oftmals noch lösen können.

Zudem versuchen sie, indem sie auf Außen beginnen, gegnerisches Pressing von einer breiteren Ausgangsposition zu provozieren, um dann entgegen der gegnerischen Laufrichtung schnell nach innen zu kommen und mit der bereits offenen Körperhaltung dann den Ball zentral zu erhalten. Die anderen Mittelfeldspieler (welche, wie wir wissen, nominell auch Stürmer oder Außenverteidiger sein können) unterstützen sie dann für Ablagen und Kombinationen, während die Flügelstürmer tiefe Anspielstationen bieten.

Ausschnitt aus einem der letzten Spiele – mit den nominellen Positionen gegen den Ball.

Hinzu kommen über die letzten Partien konstant weitere Details als Ergänzung: Zu Beginn dieser neuen Ausrichtung kamen unter Druck die zentralen Mittelfeldspieler noch zentral entgegen und die Flügelstürmer versuchten auf der Seite die bedrängten Halbverteidiger zu unterstützen, wenn sie gepresst wurden. Ein paar Spiele später passierte dies selten bis gar nicht mehr, stattdessen fanden die zentralen Mittelfeldspieler ihre Position auf der Seite (mit Tiefe gebenden Flügelstürmern davor) und ihr Timing wurde besser, die erfolgreichen Aktionen häufiger, früher und schneller. Noch ein paar Spiele später konnte man wiederum beobachten, wie die auf die Seite gezogenen zentralen Mittelfeldspieler zuerst hinter den Flügelspielern begannen und nun Zeit hatten, um ständig den gegnerischen Außenverteidiger („verteidigt er nach vorne auf mich oder habe ich Zeit?“) und die zentralen Mitspieler (Rodri, Cancelo) zu beobachten.

Ein Zuspiel auf den sogenannten „dritten Mann“ (tercer hombre) oder ein Dribbling am Gegner vorbei würde nicht nur geschehen, sondern durch gute Winkel der tieferen zentralen Mittelfeldspieler perfekt unterstützt werden, wobei der Mittelstürmer zentral hinter den gegnerischen Mittelfeldspielern und der andere zentrale Mittelfeldspieler auf der ballfernen Seite hinter dem gegnerischen Flügelspieler positioniert ist. In dem Moment, in dem der gegnerische Außenverteidiger versuchen würde, nach vorne auf den breiter stehenden zentralen Mittelfeldspieler zu pressen, bedroht der Flügelstürmer von Manchester City sofort mit einem tiefen Lauf die gegnerische Kette, entweder für einen Pass in die Tiefe oder um mehr Raum und damit Zeit für eine leichtere Ballsicherung durch den breiten zentralen Mittelfeldspieler zu ermöglichen, da er den gegnerischen Außenverteidiger positionell oder zumindest gedanklich beschäftigt.

Möglichkeiten durch das Spiel über den Dritten.

Selbst wenn der gegnerische Außenverteidiger versucht, die Verbindung zu kappen, ohne Zeit zu verlieren, wird der breite zentrale Mittelfeldspieler wahrscheinlich in der Lage sein, an ihm vorbei in die Mitte hinein zu dribbeln. Das ist der Grund, warum es diese kleinen Abstände und spitzen Winkel zwischen dem breiten zentralen Mittelfeldspieler und dem Flügelstürmer gibt: um dem äußeren zentralen Mittelfeldspieler ein einfaches Dribbling in die Gegenrichtung zu ermöglichen.

„Es ist unmöglich, den dritten Mann zu verteidigen, unmöglich… Ich werde erklären, was das bedeutet. Stell’ Dir vor, Piqué will mich anspielen, aber ich bin gedeckt, ein Verteidiger stellt mich zu, ein sehr aggressiver Typ. Nun, dass Pique mich nicht anspielen kann, ist offensichtlich. Wenn ich mich wegbewege, nehme ziehe ich meinen Verteidiger mit mir. Dann fällt Messi zurück und wird der zweite Mann. Piqué ist der Erste, Messi der Zweite und ich der Dritte. Ich muss sehr aufmerksam sein, oder?! Piqué spielt dann zum 2. Mann, Messi, der zurückspielt, und in diesem Moment bin ich eine Option. Ich bin jetzt frei von meinem Verteidiger, der sich bewegt hat, um näher am Ball zu verteidigen. Jetzt bin ich völlig unbedrängt und Piqué gibt mir den Ball. Wenn mein Verteidiger auf den Ball schaut und dabei übersieht, dass ich ungedeckt bin und dann auftauche, bin ich der dritte Mann. Wir haben bereits eine Überzahl erreicht. Das ist nicht zu verteidigen, das ist die holländische Schule, das ist Cruyff. Es ist eine Weiterentwicklung der holländischen Dreiecke. (…) Den dritten Mann zu suchen, heißt zum Beispiel, dass die zentralen Spieler den Ball haben und einer von ihnen immer offen ist, weil man immer einen Spieler mehr hat als die gegnerischen Stürmer. In diesem Fall hat Puyol den Ball und geht nach vorn, vorn, vorn, bis ein Verteidiger ihn herausfordert. Wenn der Verteidiger, der ihn zu stoppen versucht, mein Manndecker ist, dann bin ich zufällig der dritte Mann! Wenn es Iniestas Verteidiger ist, der Puyol herausfordert, dann ist Andres der dritte Mann. Und so suchen wir die Überzahl in jedem Bereich des Feldes. Wenn du ein Drei-gegen-Zwei schaffst, gewinnst du, und du hast den dritten Mann. Wir rücken die Positionen auf dem Feld vor.“

Xavi Hernández

Wenn der Außenverteidiger in seiner Position bleibt und der gegnerische zentrale Mittelfeldspieler versucht, Gündogan oder Silva (oder de Bruyne) auf der Außenbahn zu halten, kann der Mittelstürmer als dritter Mann nach vorne rücken, indem er den Flügelspieler für die Ablage nutzt oder der tiefere zentrale Mittelfeldspieler kann wie bisher als dritter Mann nach vorne rücken. Stellt man den ganzen offenen Raum zu, dann hat das einen Rückpass und eine schnelle Verlagerung zur anderen Seite des Feldes zur Folge – dank der Breite in Citys erster Linie des Aufbauspiels. Hält man sie zu lange und zu passiv auf einer Seite, dann haben Cancelo und Rodri genug Zeit, um für einander die Räume durch eine einfache Gegenbewegung zu öffnen. Verfolgt man beide und verschließt man die Rückpassoptionen an den Seitenlinien zu den seitlichen Innenverteidigern (Walker, Stones, Dias, Laporte), dann ist der zentrale Aufbauspieler (Dias, Stones) wieder offen.

Kann der Gegner irgendwie all diese Möglichkeiten, wenn City den Ball auf einer Seite erhält, verteidigen, ermöglicht es die individuelle Qualität von City trotzdem oft in Ballbesitz zu bleiben und den Ball gegebenenfalls zum Torhüter für den erneuten Beginn des Aufbauspiels zu spielen. Verlagerungen von einer Seite des Feldes, wenn man so viele Spieler dort verschoben hatte, auf die andere Seite können mental außerordentlich belastend sein; und nach einigen dieser Verlagerungen auch körperlich. Diese ständige Überzahl auf den Seiten mit einem 2v1/3v2 ist der Hauptgrund, warum City so oft den Ball neu zirkulieren lassen kann, ohne ihn zu verlieren.

“Das Geheimnis besteht darin, eine Seite des Platzes so zu überladen, dass der Gegner seine Verteidigung verschieben muss, um damit fertig zu werden… so dass er seine andere Seite schwächt. […] Dann greifen wir an und treffen von dieser anderen Seite.”

In gewisser Weise kann an dieser Stelle ein Vergleich mit der historischen Entwicklung der Schachtheorie angestellt werden: Siegbert Tarrasch formulierte verschiedene schachliche Prinzipien, darunter (auf Grundlage der Theorien des ersten Schachweltmeisters, Wilhelm Steinitz) die Besetzung der Zentrumsfelder durch Bauern. Die sogenannte “Hypermoderne Schule” (repräsentiert durch Richard Reti, Aron Nimzowitsch und Savielly Tartakower) hingegen betrachtete einige dieser Konzepte als zu dogmatisch und empfahl eher die indirekte Kontrolle des Zentrums durch die Fernwirkung der Leichtfiguren, wodurch sie den Gegner einluden, seine Bauern in der Brettmitte zu postieren, wo sie entweder zu Angriffszielen wurden oder die gegnerischen Figuren binden sollten. Insbesondere Aron Nimzowitsch war hier besonders einflussreich, obwohl die “hypermodernen Lehren” weiterhin als Ergänzung oder Erweiterung der Grundlagen der Schachtheorien gelten, die immer noch auf der eher klassischen Theorie beruhen (was für eifrige, langjährige Spielverlagerung-Leser vielleicht nicht allzu überraschend ist).

In ähnlicher Weise scheinen Guardiolas Positionierungen mit den Breite und Tiefe gebenden, hoch stehenden Flügelstürmern, dem Spielaufbau mit drei Spielern in der ersten Linie und der Positionierung der Breite gebenden Mittelfeldspieler auf die gleiche Provokation abzuzielen wie die “hypermoderne Schule”. Um ein Zitat zu bedienen: „Verzögere die direkte Besetzung des Zentrums mit der Idee, den zentralen Vorposten des Gegners zu unterminieren und zu zerstören.”

Dies ist mehr oder weniger genau das, was Guardiolas Struktur beim Gegner mit der offensichtlichen, überfallartigen Zentrumsbesetzung bei Öffnung der Mitte anrichtet, um einen schnellen, entscheidenden Angriff über das Einrücken mit den anfangs breiter postierten zentralen Mittelfeldspielern und/oder dem Abkippen des Mittelstürmers, der versucht, den Ball in der Drehung zu erhalten und die Aktion voranzutreiben, zu fahren oder schließlich über die direkt in die Tiefe startenden Flügelstürmer. Übrigens wurde der Gebrauch der “falschen Neun” von Guardiola selbst mit einer ähnlichen Idee beschrieben:

“Ich mag es, wenn die Stürmer in ihren Positionen ankommen und nicht schon dort stehen.”

Offenkundig sind nicht nur diese (etwas hypothetischen) strategischen Ideen, sondern die taktischen Vorgaben, die Menge an Details und das fantastische Coaching auch in anderen Aspekten des Positionsspiels sichtbar: Der Ballvortrag von Dias, um Passwege zu manipulieren, der Einsatz der zentralen Mittelfeldspieler, um Räume für den Pass nach vorne zu öffnen, usw.

Der fortwährende und stromlinienförmige Prozess aus Kommunikation, Entscheidung und Ausführung auf höchstem Niveau von mehr oder weniger jedem einzelnen Spieler mit klaren Hinweisen (und Gründen) ist eindeutig (zumindest in Teilen) ein Werk des Trainers -– und wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass mit Rodolfo Borrell und Juan Manuel Lillo neben Guardiola auf der Trainerbank zwei als genial geltende Fachmänner Platz genommen haben, neben anderem kompetenten Personal auf den Trainingsplätzen und in den Büros.

Wenn sich der Mittelstürmer zum Beispiel fallen lässt, schaut er zuerst in die Richtung, aus der er kommt, um zu sehen, ob der Innenverteidiger ihm folgt, und zweitens sucht er den nächsten gegnerischen Mittelfeldspieler in seiner Nähe, um zu sehen, ob jemand die Zuordnung übernimmt. Seine Mitspieler im zentralen Mittelfeld werden dann entweder den Raum für ihn öffnen, indem sie sich wegbewegen, wenn gedeckt, oder Winkel für One-Touch-Pässe besetzen und dann gegebenenfalls reagieren, indem sie neue Positionen finden, sobald ein Dribbling beginnt. Und das geschieht neben noch grundsätzlicheren Prinzipien, wie zum Beispiel dem Passen des Balls im richtigen Moment in die richtige Richtung für die Folgeaktion mit der richtigen Geschwindigkeit. Diese Trainerqualität (gepaart mit der herausragenden individuellen Qualität der Spieler) und Klarheit gilt auch für andere Phasen des Spiels.

Das unsterbliche Spiel

Eine Hauptaspekt ist natürlich der Domino-Effekt auf die Verteidigung, den ManCitys Angriffsverhalten ausübt. Fußball auf Grundlage des Positionsspiels vermittelt oft den Eindruck, dass man immer einen Spieler (bzw. dessen Funktion oder Aufgabe) für die optimale Raumbesetzung zu wenig hat. Breite in der ersten Linie, Tiefe in der ersten Linie, Breite in der letzten Linie, Breite dazwischen, Überladung des Zentrums und eine tiefe Option in der letzten Linie; die offensichtliche Lösung für dieses Problem ist das Hochschieben des Torhüters (z.B. 4-2-2-3), aber es ist auch die riskanteste. Guardiola hat dieses Problem schon seit seinen Tagen in Barcelona anders gelöst: Der tiefe zentrale Spieler fällt weg (also „Mittelstürmer“) und stattdessen werden alle anderen Funktionen erfüllt. Die zentralen Mittelfeldspieler, die Flügelspieler und die Dreierkette geben Breite, wobei die Mittelfeldspieler, wie bereits erwähnt, nach innen kommen.

Aufgrund der Verbundenheit aller Spielphasen folgt daraus, dass bei Ballbesitz alle zehn Feldspieler eine Position einnehmen, die nicht die tiefste, am weitesten nach vorne gerichtete ist. Kombiniert mit kurzen Abständen und kurzen Pässen, einer klaren Struktur, sauberen Mustern, hoher Passgeschwindigkeit und der Fähigkeit zu dribbeln, führt dies zu leicht zu beobachtenden Drucksituationen und Umschaltmomenten, die nicht nur gut „vorbereitet“ sind, sondern auch dazu führen, das Spielfeld früh und schnell genug zu verdichten, um effektiv gegenzupressen. Kombiniert mit dem Stilmittel des taktischen Fouls und einer fantastisch organisierten Restverteidigung ist es kaum noch möglich, gegen diese City-Mannschaft aus Umschaltmomenten heraus zu treffen – abgesehen von enormer individueller Qualität und sehr guten Abläufen, wie sie z.B. West Ham United in ihrem letzten Spiel zeigte. Die Qualität der positionellen Struktur, ihrer Muster und Prinzipien führt zu gleicher Qualität im Umschalten und damit in der Verteidigung.

Organisiertere Abwehrsituationen aus einer typischeren Abwehrformation heraus – mit Cancelo oder Zinchenko als Außenverteidiger – bedeuten, dass Guardiola es geschafft hat, eine fast komplette Mannschaft zu kreieren, die man kaum begreifen kann. Man muss sie gesehen haben auch dann kann man es kaum glauben, dass eine so komplette Mannschaft sich trotzdem so stark auf einen Aspekt/eine Phase des Spiels spezialisiert.

Ohne Umschweife kann man konstatieren, dass nicht nur Citys Positionsspiel, sondern auch ihr Pressing, Defensivspiel und sogar die zweiten Bälle auf höchstem Niveau sind. Die Viererkette schiebt ständig auf Rück- und Querpässe oder den Gegner, der den tiefen Ball nicht spielen kann, raus. Die Außenverteidiger verteidigen herausragend nach vorne, starten oft mutig höher als die gegnerischen Flügelstürmer, decken diese vor und legen ihren Deckungsschatten auf die Innenverteidiger, die bis zur Seitenlinie verschieben. Die ganze Mannschaft ist generell sehr gut und ständig aktiv auf der Suche nach Pressingauslösern.

Ihre Formation im Pressing ist flexibel. Sie können mit einem 4-3-3, 4-4-2, 4-2-3-1 oder einem 4-2-2-2, das eher wie ein 4-2-4-0 aussieht, starten. In letzterem decken die „Mittelstürmer“ das Zentrum und die Flügelspieler versuchen ständig, das Pressing auszulösen und auf die Innenverteidiger zu sprinten – wobei vor allem Foden sich wie ein perfekter Spieler im Geiste Ralf Rangnicks verhält und Guardiolas In-Game-Coaching einmalig schnell im Korrigieren schlechter Zugriffssituationen ist.

So sind Gegenpressing, das Erzwingen längerer Bälle und die Unterstützung der Mitspieler in Zweikämpfen keine Schwäche mehr sowie die Nutzung der Abseitslinie bzw. das Spiel auf Abseits von der Kette nahezu perfekt. Auch individuell verteidigt zum Beispiel Walker mittlerweile mehr als ebenbürtig oder zumindest auf Augenhöhe mit den meisten Innenverteidigern von Champions-League-Kalibern, indem er in den wenigen Momenten, in denen er noch klassisch verteidigen muss, Abwehrfinten einsetzt, um gegnerische Flügel- und Mittelstürmer rechtzeitig von ihren Mitspielern zu trennen. Meist möchte City Konter schon im Keim ersticken, verhindert ein Aufdrehen, nutzt taktische Fouls und zwingt den Gegner ansonsten Richtung Auslinie zu schnellen Angriffen, wenn sie noch in Unterzahl sind.

Bisher haben wir uns in diesem Artikel also schon damit beschäftigt, wie City den Ball hält und ihn nicht verliert, damit und dabei Torchancen des Gegners verhindert und auch den Ball wieder zurückgewinnt. Wie zu erkennen war, hängen diese Aspekte klar miteinander zusammen. Der im Fußball wichtigste Aspekt, das Erzielen von Toren, aber wird im Fußball nicht nur teilweise im Coaching etwas vernachlässigt, sondern auch bei der Analyse – besonders von Guardiolas Mannschaften – zumindest unterbewertet.

Wenn Tore zum Handwerk werden

Suche nicht nach der Lösung, die Lösung muss sich ergeben.

Diese Heuristik wird in der Regel allgemein auf das Passspiel bezogen, doch bei City scheint sie den Vorgang der Torerzielung selbst zu beschreiben. Abschlüsse werden nicht erzwungen, stattdessen wird der Ball zirkuliert und der Gegner zurechtgelegt. Das geschieht in möglichst hoher Geschwindigkeit und Frequenz, um auf diese Weise möglichst hochwertige Abschlusssituationen zu generieren. Ohne Ball kann der Gegner bekanntlich kein Tor erzielen und solange die Ordnung des Gegners nicht hinreichend aus der Ordnung geraten ist, verteidigt City im Ballbesitz und versucht währenddessen aktiv eben diese Ordnung bzw. Organisation aus der Balance zu bringen oder ausreichend zu destabilisieren.

Es mag paradox klingen, oder – schlimmer noch – wie eine leere Phrase, aber es stellt eine extreme Herausforderung für die mannschaftliche Ausrichtung und Balance sowie insbesondere das Coaching dar, während dieser (langen) Zirkulationsphasen nicht passiv, defensiv und ziellos oder gar uneinheitlich und ungeduldig zu werden, sondern den Fokus darauf zu halten, nur Pässe zu spielen, die den Angriff vorantreiben und Fehler aufgrund von schlechter Kommunikation und Missverständnissen zu vermeiden, während man beispielsweise versucht zu erkennen, ob ein Sprint in die Tiefe geschieht, um wirklich den Ball zu erhalten oder um eine andere Zirkulation zu ermöglichen, die stattdessen zum Ziel des möglichen (oder wahrscheinlichen) Torerfolgs führt.

Ein Pass muss immer mit einer klaren Absicht gespielt, mit dem Ziel den Ball in das gegnerische Tor zu verfrachten. Passen darf nicht zum Selbstzweck werden.

Ein freier Ball (d.h. ohne dass der Mitspieler aktiv unter Druck gesetzt wird) mit dem Blick nach vorne führt bei ManCity sofort dazu, dass Läufe in die Tiefe gestartet werden, selbst wenn sie im Endeffekt nur den Zweck haben, Räume zwischen den Linien aufzureißen, durch und in welche flache Pässe auf De Bruyne, Gündogan oder Silva gespielt werden, die somit die Chance haben mit einer schnellen Drehung weit vorzustoßen. Hohe Bälle werden nur gespielt, wenn die Anspielstation in der Tiefe oder Breite komplett frei ist oder durch Druck des Gegners keine andere Option bleibt. Unter normalen Umständen hat es höchste Priorität, geduldig und ohne Ballverluste zu riskieren, möglichst viele Pässe zu spielen, um in Situationen um den gegnerischen Sechzehner herum zu kommen, in denen viele verschiedene Spieler einbezogen werden können und man dabei trotzdem gut abgesichert bleibt Von hier aus arbeiten sie sich dann Schritt für Schritt zu einer Torchance vor.

Start am Flügel.

Mit den Flügelspielern kann auf den Außen ein 1-gegen-1 oder 2-gegen-1 gespielt werden.

1v1 oder 2v1 von der Seite Richtung Tor.

Wenn das nicht möglich ist, werden Läufe hinter die Abwehr gestartet, um so im Rücken der Viererkette vor das Tor quer- oder zurücklegen zu können.

Tiefe Läufe für einfache Pässe hinter die Kette.

Falls der Gegner das gut verteidigt, kann versucht werden, durch einen Querpass parallel zur letzten Verteidigungslinie, den Raum für einen Abschluss von der Strafraumkante zu finden.

Parallelpässe zum Strafraum öffnen sich unter Umständen.

Wenn der Gegner diese Räume zustellt und sich dadurch Platz dahinter ergibt, nutzt man die eingerückten Verteidiger bzw. die defensiven Mittelfeldspieler, um den Ball in den Strafraum zu transportieren.

Nach dem Pass in den Rückraum folgen oft Chipbälle diagonal.

Regelmäßig werden Gegenbewegungen verwendet, um Räume aufzuziehen und mögliche Passwege mit Laufwegen zu bedienen.

Die Bewegungen variieren je nach Spielsituation und Gegner.

Wenn der Gegner gut presst, wird die Seite gewechselt oder durch die Mitte kombiniert.

Gibt es zu viel Druck oder keine Anspielstation, wird die flache Verlagerung gesucht.

In manchen Situationen erkennt der Außenverteidiger – manchmal sogar der Innenverteidiger – einen Raum, in den er vorstoßen kann, und versucht sofort, das zu nutzen.

Walker schaltet sich mit ein und schafft Überzahl.

Die durchgehende Präsenz mit genanntem Personal am gegnerischen Strafraum ist der Hauptgrund, warum Manchester City – seitdem sie in dieses System gewechselt sind –, eine so irrsinnige Torausbeute pro Spiel aufweisen (wenn sie sie auch zuvor in dieser Hinsicht nicht ganz so schlecht waren). All diese Optionen sind Teil eines Systems und eröffnen durch geduldiges Spiel am gegnerischen Strafraum eine ganze Reihe von Möglichkeiten, um Angriffe abzuschließen. Und selbst wenn sie sich entscheiden, nicht direkt den Abschluss zu suchen, verspürt das gegnerische Team natürlich stets die Notwendigkeit, das eigene Tor zu verteidigen und gegnerische Abschlussmöglichkeiten zu blockieren, anstatt Vorstöße und mögliches Passspiel zu unterbinden. Das erwirkt wiederum neue Überzahlsituationen und freie Spieler am Strafraum und somit vor und um das Defensivbollwerk. City wird also erlaubt, im letzten Drittel den Ball zirkulieren zu lassen und den Gegner am eigenen Strafraum festzunageln, bis sich eine bessere Abschlusssituation ergibt.

Kann modernes Verteidigen noch Fragen stellen?

Die Prämisse dieses Artikels und seine Hauptthese besteht darin, dass Guardiola das traditionelle Abwehrspiel gelöst hat; und dennoch sollte noch ein kurzer Blick auf mögliche Reaktionen geworfen werden. Letztendlich wird Guardiolas Mannschaft auch in Zukunft einige Spiele verlieren und vielleicht sogar aus verschiedenen Wettbewerben ausscheiden (obwohl davon auszugehen ist, dass es in diesem Fall an einer Veränderung der Spielweise, einer schlechten praktischen Umsetzung oder an einem herausragenden Gegner liegen wird.)

Leider können auch die großartigsten Mannschaften von Gegnern besiegt werden, die womöglich weniger gut, aber vielleicht perfekt spezialisiert sind – manchmal, indem man ihre Stärken umgeht, anstatt versucht, sie herauszufordern. Neben einigen weniger offensichtlichen Ideen (Asymmetrien, neue Konzepte oder extrem gute Ausführung) könnten ein ordentliches Positionsspiel und Standardsituationen ein Weg in die Zukunft sein. Die Frage ist jedoch, ob typische Muster in gewohnten Formationen sinnvoller sind als andere oder Manchester City zu größeren Anpassungen und Vorgaben zwingen können.

First things first, gegnerische Teams können sich (auf einem sehr fundamentalen Niveau) entweder für eine Raumdeckung oder für eine Manndeckung entscheiden. Entscheidet sich ein Trainer für Letzteres, läuft die Mannschaft aufgrund der Rotationen von City, der individuellen Qualitäten und der Einbindung des Torhüters natürlich Gefahr, ihre jeweiligen Aufgaben zu verlieren, so dass man als Trainer in diesem Fall beten und im Idealfall zurücktreten sollte. Natürlich kann man auf eine Mischung aus Raum- und Manndeckung setzen, wobei man sich ohnehin nicht zu sehr über diese Konzepte und auch nicht über die Formationen aufregen sollte, auch wenn es bei dieser Art von Diskussion hilfreich sein kann. Wenn man im Raum verteidigt, ist die Frage, wie man die jeweiligen Zonen aufteilt (was mehr oder weniger der größte Grund für die Nutzung von Formationen als Coachingtool ist).

Da es bekanntlich nicht erlaubt ist, zwei Torhüter aufzustellen (oder hey, gar keinen und wegpressen!), sollte man zum Zwecke des Brainstormings und der Diskussion die Anzahl der Verteidiger in der ersten Linie und deren dazugehörenden Aufgaben erörtern. Wenn man mit einer Viererkette spielt, wird City über die Seiten und mit ihren Flügelstürmern zum Erfolg kommen, weil man Spieler in der hinteren Linie verliert, die effektiv nach vorne in die nächste Ebene verteidigen können. Versucht man es mit einer Fünferkette, kommen sie durch das Zentrum beziehungsweise die offenen Halbräume und mit ihrer weniger bedrängten ersten Aufbaureihe zum Erfolg, weil man als Gegner Spieler weiter vorne verliert, um sie erfolgreich hoch zu pressen.

Wenn man etwas anspruchsvoller an die Sachen herangehen möchte, könnte man darüber nachdenken, die Spieler in der hinteren Fünferkette in ihren Zonen immer wieder nach vorne zu schieben, um in der nächsten Linie zu verteidigen und dafür etwas Kopfzerbrechen aufgrund der ständig wechselnden Aufgaben zu riskieren. Das Problem ist, dass die Spieler in der Regel innerhalb ihrer Zone und nur bis zu einem bestimmten Punkt nach vorne hinaus verteidigen wollen; die Spieler von City orientieren sich ständig nach dieser Art von gegnerischen Bewegungen und lassen sich dann entweder noch weiter fallen oder bewegen sich seitlich, damit der Gegner seine Organisation verliert oder die Zuordnungen über große Distanzen wechseln muss, während City diese Räume mit Gegenbewegungen attackiert.

Dies mit einer Viererkette statt einer Fünferkette beispielsweise in einem 4-1-4-1 zu tun, um das Zentrum zu überladen und die Flügel weiterhin zu beschäftigen, macht es wiederum noch schwieriger, so dass ein perfekter Tag in Bezug auf die Entscheidungsfindung in diesen Situationen nötig wäre. Ein 4-1-4-1 sieht in Anbetracht dessen eher weniger erfolgsversprechend aus.

Also, warum kein 4-2-3-1? Southampton versuchte es mit einer Mischung aus 4-2-2-2 und 4-2-3-1 und allein Hasenhüttls nahezu perfektes Pressingsystem verhinderte über eher unfreiwillig spektakuläre Flügelverteidigung eine klare Niederlage (im Gegenteil: Southampton lieferte in beiden Spielen eine wirklich gute Leistung ab). Über Citys Aufbauspieler wird früher oder später der zweite Stürmer bzw. die beiden Mittelstürmer entweder herausgelockt oder in die Tiefe überspielt. Wenn man komplett im Raum verteidigt und gegen den engeren Aufbau flexibel in ein 4-4-2 und gegen den breiteren Aufbau in ein 4-2-3-1 schiebt, kann das funktionieren, ist aber eine enorme Denkaufgabe (die hoffentlich nicht nach fehlgeschlagenen Wechseln und Pressingansätzen zur Denk-Aufgabe führt).

Das Worst-Case-Szenario für City als Reaktion darauf ist eigentlich keines: Rodri oder Cancelo lassen sich fallen, um ein 4v3 in der ersten Linie zu schaffen, wenn Ederson nicht ausreichend Unterstützung darstellen sollte. Wenn die gegnerischen Innenverteidiger zu sehr auf ihre Stürmer oder Flügelspieler reagieren, werden die Mittelfeldspieler stattdessen tief durch die geschaffenen Kanäle gehen.

Das ist der Hauptgrund, warum die meisten Teams nun mit den eigenen Sechsern die Mittelfeldspieler von City manndecken und dafür das Zentrum öffnen, wo der Mittelstürmer dann an einem guten Tag aufblüht und an einem schlechten Tag nicht gefunden wird; mit den Innenverteidigern rauszuschieben und den Mittelstürmer im Mittelfeld zu verfolgen, wird wiederum zu den oben erwähnten Rotationen und tiefen Laufwegen führen. Sich mit dem zentralen Mittelfeldspieler von der anderen Seite seitlich zu bewegen und den Mittelstürmer zu übernehmen, ist nicht nur ein enorm langer Weg, sondern wird nur zu einer weiteren Verlagerung führen, bis der gegnerische Mittelfeldspieler entweder den Flügel oder die Mitte nicht mehr rechtzeitig erreichen kann, um den Außenverteidiger zu unterstützen oder für den Innenverteidiger zu übernehmen.

Also … 4-3-2-1? Die ständige Zirkulation würde City zwar nicht unbedingt helfen, das gegnerische Mittelfeld einfach zu überbrücken, auch wenn manche Gegner nichts dagegen hätten, wenn City in erster Instanz mit einem Überladen der Mitte reagiert und sich in jede einzelne Lücke der gegnerischen Mittelfeldlinie stellen würde. Sehr diszipliniertes Verschieben und Schließen von Passwegen könnte effektiv sein, aber diese Formation würde letztlich über Querpässe von außen in die Formation und zur Nutzung des “dritten Mannes” führen. Das Spiel durch den dritten Mann in der Mitte wird dann regelmäßig zu Vorstößen und Umschaltaktionen führen. Wenn die beiden offensiven Mittelfeldspieler (die „2“ im 4-3-2-1) die ganze Zeit innen schließen, kann die Abwehr zwar damit zurechtkommen und rechtzeitig umschalten, aber ein höherer Ballgewinn scheint unmöglich oder riskant.

In einem 4-Raute-2 hätten Gegner auf dem Papier vielleicht die besten Chancen, sie tatsächlich unter Druck zu setzen, aber die Stürmer und das Mittelfeld müssten nahezu fehlerfrei agieren, um mögliche Pässe der drei Innenverteidigern ins Mittelfeld zu verhindern und gleichzeitig das Vorrücken per Dribbling der seitlichen Innenverteidiger zu unterbinden. Außerdem könnten schon einzelne Verlagerungen und verlorene Zweikämpfe mit Angriffen im eigenen Strafraum enden, da es sehr schwer sein wird, sich rechtzeitig wieder zu organisieren, um den Strafraum sauber zu verteidigen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man mit einem 4-Raute-2, einem engen 4-2-3-1 oder einem 4-3-2-1 das notwendige Glück verringern und auf seiner Seite haben könnte – vorausgesetzt, man ist in der Lage, potenziell das ganze Spiel über höchst intensiv zu laufen, zu sprinten und aus dem Zentrum heraus nach außen zu verteidigen. Es sei denn, City kombiniert sich durch die engen Räume oder nach minutenlangem Hin- und Herlaufen wird ein Spieler entweder müde, verliert die Geduld oder wird, wie man weiß, menschlicher als die von City und macht einen Fehler.

Also zurück zur Taktiktafel: Wenn der Gegner mit einer Fünferkette reagiert, wo die Halbverteidiger vorwärts verteidigen, um Mittelfeldspieler und Angreifer zu unterstützen, werden die Zehner von City noch mehr von der Seite aus kommen, sobald sie dies erkennen. Eine Alternative dazu gab es letztens zu sehen, wo zwei Stürmer die Halbverteidiger des Gegners gebunden hatten, um dies zu verhindern und dann flexibel – meist ballentfernt – sich im Rücken des gegnerischen Sechsers zu zeigen und wieder Überzahl im Zentrum zu schaffen.

Wenn die Flügelverteidiger stattdessen versuchen die Abläufe von City auf dem Flügel zu verteidigen, entscheidet sich City womöglich für eine Raute im Mittelfeldzentrum oder die Flügelspieler starten als alternative Lösung in die Tiefe, als wäre es nicht schon unmöglich genug für die gegnerischen Flügelverteidiger, die Dribblings Richtung Zentrum zu verteidigen, die Bernardo Silva (mit links) und Gündogan oder de Bruyne (mit rechts) von außen starten, und sie dazu zwingen, flexibel mitzugehen oder ihre Position komplett aufzugeben. Allerdings hat man gegen letzteres mit der nominellen Fünferkette zumindest ausreichend Breitenstaffelung, um dies zu kompensieren.

In dieser Situation bleibt die Überzahlbildung im Zentrum bestehen, weil der Mittelstürmer sich sofort (oder sonst überraschend und im letztmöglichen Moment) fallen lässt, sobald der Mittelfeldspieler außen den Ball erhält. Je nachdem, wo zentrale Mittelfeldspieler des Gegners sich befinden, lässt er sich entweder auf der ballfernen oder der ballnahen Seite fallen, was regelmäßig von Läufen in die Tiefe komplementiert wird (entweder von den Flügelstürmern oder eben den zentralen Mittelfeldspielern). Gegen Evertons 5-3-2 kam vor ein paar Tagen ein 3-1-4-2 zum Einsatz, in dem beide Stürmer variabel die gegnerischen Innenverteidiger in vorderster Front binden können. So wird proaktives Verteidigen unterbunden, wenn die zentralen Mittelfeldspieler des Gegners das Zentrum eng machen oder alternativ besagte Stürmer sich fallen lassen, um die breiter aufgestellten Gegenspieler auszuspielen, die durch die breiteren Zehner ohnehin auseinander gezogen werden und auf größerem Raum verteidigen müssen.

Eine Fünferkette kann trotz allem besonders dann gut funktionieren, wenn die schnellen, konstant wechselnden Deckungsaufgaben gut ausgeführt werden oder wenn ein Team sich von der eigenen Raumaufteilung nicht dogmatisch blenden lässt und stattdessen in der passenden Situation in Manndeckung verbleibt. Als Beispiel darf hier Atalanta Bergamo dienen, bei denen die Innenverteidiger bei Bedarf weit außen agieren und hoch pressen und gelegentlich sogar die gegnerischen Außenverteidiger unter Druck setzen, während der eigene Flügelverteidiger hinten bleibt und höheren gegnerischen Flügelspielern beschäftigt sind.

In den wenigen Fällen, in denen entweder die grundsätzliche Flexibilität gegeben ist oder aber die die Qualität der Spieler eine solche Flexibilität unnötig macht, kann also eine Fünferkette eine sinnvolle Herangehensweise sein. Ein 3-4-2-1 / 5-2-3 kann – wie besprochen – dazu führen, dass schnell durch die Lücken im Zentrum gespielt wird, während ein 3-3-2-2 / 5-3-2 so lange zurechtgespielt und durchbewegt wird, bis sich durch die kontinuierlichen Bewegungen des Stürmers Lücken wie von selbst auftun. Ein asymmetrischer Mix aus beiden Varianten lieferte zumindest für West Ham zuletzt eine sehr gute Leistung.

Ein 5-4-1 stellt sich in der Regel als zu passiv heraus, besonders aufgrund des starken Andribbelns von City gegen diese Formation. Eventuell taugt es aber immerhin trotzdem dazu, um ein Unentschieden zu provozieren. Das aktivste Fünferkettensystem, ein 3-4-1-2 / 5-2-1-2, scheint schlicht schwer umsetzbar.

So ist also eine Fünferkette – bei passendem Spielermaterial – eventuell spannend, auch wenn die Chancen, komplett ausgespielt zu werden oder in Passivität zu erstarren, recht hoch sind. Verglichen mit einer Viererkette ist diese Variante für die meisten Mannschaften zwar schwerer selbst auf Topniveau zu spielen, aber bei passendem Personal scheint sie recht gut zu funktionieren und insgesamt stabiler zu sein. Auf dem Papier bietet sich eine eher ungewöhnliche Variante als theoretisch beste an: Eine tatsächliche Dreierkette scheint vielversprechend zu sein, auch wenn sie ausgesprochen anfällig gegen die Läufe in die Tiefe sein könnte, welche Citys Mittelfeldspieler und Flügelstürmer so gerne praktizieren.

Um das vernünftig zu lösen, bietet sich mit einem 3-3-3-1 eine high-risk-high-reward-Variante an, bei der die erste Verteidigungslinie sehr breit aufgestellt ist, während die folgenden beiden Dreierketten sehr eng stehen, um das Zentrum zu verdichten. Bei dieser Herangehensweise würden die beiden Flügel eigentlich wie enge Zehner in den Halbräumen agieren und die einfachen Passwege zu den zentralen Mittelfeldspielern zustellen, um von dort aus die seitlichen Innenverteidiger pressen, während sie gleichzeitig die Mittelfeldspieler per Deckungsschatten abdecken. Anderes formuliert: So wie ManUtds 4-2-3-1, aber mit einem Innenverteidiger weniger und einem Sechser, der das Loch zwischen den beiden breiten, mannorientierten Sechsern auffüllen kann.

Um zu verhindern, dass diese Strukturen über den dritten Mann erreicht werden und City von dort aus zielstrebig in die Spitze spielen kann, sollte der nominelle Zehner bzw. zweite Stürmer im 3-3-3-1 sich immer zwischen den beiden hinteren Mittelfeldspieler von City aufhalten (also den Sechsern im Trapezmittelfeld, der sich wie erwähnt aus der Variante mit einem einrückenden Außenverteidiger ergibt) und sich zum richtigen Zeitpunkt in Richtung des ballnahen Sechsers orientieren, um diesen bei Anspielen zu pressen. Anstatt den Außenverteidigern fällt in dieser Variante also den beiden zentralen Mittelfeldspielern die Aufgabe zu, variabel die gegen die Flexibilität (hauptsächlich in Form ihrer Mittelfeldspieler) von ManCity zu verteidigen.

Eine ganz ähnliche Herangehensweise wie in der Linie direkt vor ihm, verfolgt dabei der zentrale Spieler dazwischen, der beide Mitspieler neben ihm absichert, das Zentrum dazwischen kontrolliert und sich entweder in die Kette fallen lässt und Läufe in die Tiefe verfolgt oder Citys entgegenkommenden Mittelstürmer in seiner Zone manndeckend aufnimmt. Der einsame Mittelstürmer ganz vorne in diesem System würde hauptsächlich den zweiten Stürmer unterstützen, von den Sechsern weg Rückpasse auf den zentralen Innenverteidiger Citys pressen oder Lücken im Mittelfeld schließen, um von dort aus wieder Rückpässe zu verteidigen und Anspielstationen für die erneute Zirkulation zuzustellen (hier eben vor allem den zentralen Innenverteidiger in Citys Dreierkette, weniger die seitlichen). Eigentlich ist es ein Retrosystem: Ein Libero, zwei Manndecker auf den Seiten, ein Vorstopper auf der Sechs, wieder zwei Manndecker auf den Seiten, dann drei enge Zehner und ein Mittelstürmer, der als Bezugspunkt dient.

Schlussendlich bleibt aber jede theoretische Lösung mit massiven Fragezeichen behaftet, gerade wenn es um ihre jeweilige Umsetzbarkeit geht. Es ist nicht nur eine Frage von Taktik und Umsetzung (gerade letzteres wirkt geradezu über 90 Minuten unmöglich), sondern auch der körperlichen Fitness. Können die Spieler diesse Pensum über 90 und mehr Minuten fehlerfrei und intensiv bringen?

Je höher man presst, desto mehr wird die schiere Erschöpfung zu Citys Joker. Mannschaften wie Southampton, Liverpool oder Chelsea erwischten samt und sonders einen guten Start, gingen aber in der zweiten Halbzeit unter. Dennoch sollte man deswegen nicht von einem höheren Pressing absehen. Von den Ergebnissen in diesen Partien abgesehen springt einem die Ermüdung bei tieferem Verteidigen oftmals nur weniger auffällig ins Auge und kostet nur mit großem Fragezeichen versehen unter Umständen weniger Kraft, bringt aber am Ende nicht den Ertrag des hohen Pressings: Den Ruhepausen, dem eigenen Ballbesitz, den möglichen Torchancen. Tieferstehend hat man dazua kaum eine Möglichkeit, denn dies ist der zermürbendste Faktor von Citys Positionsspiel, nämlich das Gegenpressing und Restverteidigung, die solche Ruhepausen verhindern.

Wenn sich allerdings Mannschaften entschließen, tiefer zu verteidigen, ergibt sich also umso weniger Zeit und Raum, um umzuschalten, selbst wenn sich dafür größere Räume im Rücken von Citys Abwehr öffnen würden. Dafür steht City meistens zu klar mit einem klaren Absicherer hinter mehreren Manndeckern in der Konterabsicherung. Crystal Palace fuhr mit seinem 4-5-1 zwar gut, fing sich aber trotzdem vier Gegentore ein (allerdings nach Standardsituationen) und konnte nur wenige Balleroberungen, Ballbesitz oder erfolgreiche Konter in der gegnerischen Hälfte verzeichnen.

Die Schwierigkeit liegt letztlich erst in zweiter Linie darin, dass eine systemische Lösung konstant funktionieren sollte; zuerst muss man einfach gut genug sein, um mithalten zu können. Gut genug um gegen eine Mannschaft zu bestehen, die von allem losgelöst aus herausragenden Einzelspielern besteht und im laufenden Spiel auch immer (högschd!) flexibel gecoacht wird. Durch die neue, in diesem Artikel ausführlich besprochene Struktur sind Anpassungen einfach und schneller möglich, ohne große Veränderungen an der Grundordnung vornehmen zu müssen. Alleine Walker kann wieder von seiner Position in der Innenverteidigung in Richtung Außenverteidiger schieben und viel ändern; oft gibt es aber auch nur Anpassungen in Hinblick auf Abstände, Bewegungsmuster oder Platzierung einzelner Spieler, die vorgenommen werden und damit mühsam entwickelte Ideen des Gegners zunichte machen.

Es mag beinahe trivial klingen, aber aber allein de Bruyne oder Silva außen im Mittelfeld aufzustellen, bedeutet schon einen gewaltigen Unterschied. Zinchenko anstatt Cancelo auf dem Feld, gibt dem Spiel einen ganz anderen Fokus. Stones oder Dias gegen Laporte zu tauschen, verändert den Rhythmus. Und unterschiedliche Typen als Mittelstürmer sind nur eine weitere Anpassung, die auf diesem Niveau riesige Auswirkungen hat. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob der Ball hinter dem gegnerischen Mittelfeld bei de Bruyne landet, der sofort nach vorne abspielt, bei Silva, der der mit dem Ball am Fuß die letzte gegnerische Linie überwindet, Jesus, der sich nach außen orientiert, oder Agüero, der immer auf den Strafraum fokussiert ist und sich mit Gegner im Rücken wohl fühlt. Vor allem aber, nachdem City im letzten Drittel eine ganz eigene Strategie verfolgt, immer mit dem gegnerischen Tor als Ziel ihrer Laufwege (anstatt der Ballkontrolle) und beinahe immer in der Lage, früher oder später in das gegnerische letzte Drittel und von dort gegnerischen Rückraum oder den Raum hinter der Abwehr mit viel Personal vorzustoßen, selbst wenn das Spielermaterial in einzelnen Spielen vielleicht nicht unbedingt ideal für eine perfekte Ballzirkulation ist.

Neue Fragen benötigt

Um diese kleine Brainstormingeinheit abzuschließen, kann man zusammenfassend sagen, dass Guardiola beide Seiten der selben Medaille gelöst hat: “Raum-Zeit”, wie es einige La-Masia-Absolventen (besonders und wiederkehrend al-Sadd Trainer Xavi) mittlerweile nennen. Das Konzept als solches ist recht geradlinig und weniger kompliziert, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Letztlich ist es die Voraussetzung für bestimmte Annahmen und Ideen des Positionsspielkonzepts und die Grundlage dafür, wie Fußball auf dem Platz eigentlich generell funktioniert.

Dieser ältere Spielverlagerungsartikel über die (klassischen) Prinzipien des Positionsspiels wurde bereits in diesem Beitrag erwähnt, daher soll hier nur kurz auf das “Raum-Zeit”-Konzept in Bezug auf den Spielstil und den Erfolg von Manchester City in den letzten Monaten eingegangen werden. Bezüglich dieses “Raum-Zeit”-Konzepts gibt es einige einfache und objektive Annahmen, die gemacht werden.

Zuerst muss der Raum auf dem Spielfeld manipuliert werden und das geschieht über die Positionierungen jedes einzelnen Spielers der gesamten Mannschaft (ein Beispiel von Domagoj Kostanjsak hier). Begriffe wie Breite, Tiefe oder Staffelung zwischen den Spielern werden hauptsächlich verwendet, um diese Prinzipien zu erklären. Auf einer grundlegenden Ebene ist es noch einfacher zu erklären: Indem (Mit-)Spieler versuchen, eine Anspielstation zu sein, beeinflussen sie die Gegenspieler. Stehen die Spieler der angreifenden Mannschaft weder zu nah noch zu weit zu ihren Mitspielern (bestenfalls mit guten Winkeln zueinander) und zum Ball, wird der Gegner auseinandergezogen, während er versucht, diese zahlreichen Anspielstationen bzw. Passoptionen zu verteidigen. Dies öffnet wiederum Räume dazwischen.

Im Positionsspiel ist es von größter Wichtigkeit, einem Mitspieler nicht die Funktion zu nehmen, indem man zu nah an ihm steht. Steht man wiederum zu weit von ihm entfernt, hat er keine Verbindungen. Diese Balance ist wichtig. Das Gegenteil wird für die gegnerische Mannschaft beziehungsweise Gegenspieler in der Nähe probiert. Auf diese Weise hat die angreifende Mannschaft entweder viele kleinere Räume geöffnet oder gelegentlich einzelne größere Räume aufgezogen. In letzteren Fall sind die Passoptionen in ganz kleinen Öffnungen diejenigen, die den Raum für die Anspielstationen in den größeren Lücken freiziehen.

Sind diese Lücken mehr oder weniger gleich groß und gleichmäßig verteilt (z.B. bei Gegnern mit aktiver, guter Raumdeckung), wird man im Positionsspiel entweder versuchen, den Gegner dort anzulocken und dazu zu verleiten, einzelne Räume noch mehr zu schließen (indem man sie dort mit kurzen Pässen oder Dribblings ködert), um dann mit schneller Ballzirkulation in geöffnete Räume zu kommen, bevor sie wieder geschlossen werden – oder man sucht einen Spieler, der die Qualität hat, diese kleinen Öffnungen trotzdem zu nutzen (siehe: Messi, Lionel). Letzteres würde man in der Terminologie des Positionsspiels als “Qualitative Überlegenheit” bezeichnen, während das Anspielen eines freien Mannes, der viel Zeit zum Aufdrehen hat – also im Grunde ein 1v0 -, als “Positionelle Überlegenheit” kategorisieren würde. Oder, falls man auf Definitionsstreit steht, als positionelle Überlegenheit auf Mannschaftsebene, die durch gute kollektive Aktionen auf dem Feld in der Konsequenz zum “freien Mann” (hombre libero) führt.

“Der Grundgedanke des Positionsspiels ist, dass sich die Spieler den Ball auf engem Raum gegenseitig zuspielen, um dann zu einem weit offenen Mann zu passen.”

Juanma Lillo

Doch nicht nur die Mitspieler können Raum öffnen, indem sie versuchen eine Passoption zu werden, sondern auch Spieler für sich selbst – zum Beispiel über die typischen Flügelstürmerbewegungen, wo über kurzes Entgegenkommen offener Raum für darauffolgenden Tiefgang entsteht oder über kurzes Weggehen mehr Raum entsteht, um dann entgegenzukommen und den Ball zum Aufdrehen zu erhalten. Doch auch diese Einzelaktionen funktionieren nicht ohne Verbindungen (also verfügbare Mitspieler für eine Folgeaktion oder eine direkte Abschlussmöglichkeit). Ohne diese wird die gegnerische Mannschaft solche Aktionen durch die Einbeziehung von mehr Verteidigern recht gut verteidigen können. Daher kann eine numerische Überlegenheit (oder zumindest das Verhindern numerische Unterlegenheit) erforderlich sein, wenn die positionelle oder qualitative Überlegenheit nicht für eine direkte Folgeaktion zum Angriffsvortrag ausreicht.

Diese sogenannten “Überlegenheiten” der Seirul•lo’schen Barcelona-Schule (positionell, numerisch, individuell, dynamisch und sozio-affektiv, wobei die Zahl und Bezeichnung nach Publikation variiert) werden hauptsächlich durch Prinzipien der Positionierung im Raum des Spielfelds in Bezug auf den Gegenspieler und die Mitspieler kreiert. Guardiolas persönliche Interpretation bezüglich der Raumauf- und -einteilung scheint mit dieser 3-2-2-3-Basis abgeschlossen zu sein. In manchen Definitionen und Meinungen zum Positionsspiel werden oftmals starre Strukturen mit Vorgaben einer minimalen und/oder maximalen Anzahl von Spielern in einer vertikalen oder horizontalen Ebene angegeben.

Guardiola scheint mit diesen Prinzipien gebrochen zu haben und fokussiert mehr und mehr auf die Überlegenheiten beziehungsweise situativen Spieleraufgaben. So gibt es neben den bereits erwähnten Definitionen von Überlegenheiten auch Kategorisierungen für Räume in der Seirul•lo-Denkweise: den “Interventionsraum” am Ball, den Raum der “gegenseitigen Hilfe” für die Ballnähe und den “Kooperationsraum” für die Ballferne. Als Vergleich hierzulande könnten Individualtaktik, Gruppentaktik und Mannschaftstaktik in Wechselwirkung zum Gegner dienen. Die Logik dahinter ist eine Aufteilung unterschiedlich wichtiger Räume und Verbindungen beziehungsweise (Inter-)Aktionen innerhalb dieser Räume, die relevant sind. Durch diese Definition bewegt sich das Denken weg von starren Formationslinien (die auf dem Spielfeld selten so klar und sauber sind wie auf einer Taktiktafel) und hin zu Verbindungen von Mitspielern, Gegenspielern, ihren Möglichkeiten über Lauf, Pass- und Dribbelwege innerhalb der jeweiligen Spielphasen.

Auf Mannschaftsebene hat diese verbesserte und konstant optimierte Struktur eine sinnvolle Verteilung der Spieler ermöglicht, um diese Überlegenheiten und Interaktionen konstant sowie ohne zu viel Spielerbewegungen durchzuführen – stattdessen eben über mehr Ballbewegung, was Guardiola selbst als die größte Verbesserung benannt hat. Wenn der Gegner das Zentrum kontrolliert, kann City es räumen und über die offenen Seiten in die Mitte eindringen, sich mit dem MIttelstürmer in den frei gewordenen Raum fallen lassen, anstatt mit dem breiter stehenden zentralen Mittelfeldspieler nach innen zu rücken. So geben Gündogan oder Silva als jeweilige Pendants zueinander ihre jeweilige Kontrolle über Zentrum und Flügel aus dem Halbraum nie auf, sondern behalten ihre Qualitäten in diesen Räumen. Hierbei konzentriert sich also im Barcelona-Sprech die numerische Überlegenheit immer auf die Flügel, die positionelle oder dynamische Überlegenheit aber meist auf die Mitte – und im Idealfall gibt es eine qualitative Überlegenheit überall auf dem Feld.

Diese Manipulation des Raumes und das Schaffen verschiedener Arten von Überlegenheit, flexibel und abhängig von der gegnerischen Ausrichtung, durch das Auftreten als Einheit mit gemeinsamer Intention als Mannschaft ist dank Guardiolas neuer Struktur nahezu perfektioniert worden – zumindest im Sinne der Hypothese dieses Artikels. Die erste Antwort auf die “Raum-Zeit”-Frage ist gegeben; und sie ist wiederum stark mit dem zweiten Teil verbunden. Neben der Wichtigkeit in der Positionierung finden natürlich auch Bewegungen statt, um diese oder neue, bessere Staffelungen zu erreichen. Hier spielen Richtung und Geschwindigkeit eine Rolle, um von einer in eine andere Position zu kommen. Dies ist deutlich schwieriger zu konzeptualisieren als eine statische Struktur. Gleichermaßen ist im Coaching und in der Umsetzung auf dem Platz das Timing bzw. der Moment am schwierigsten zu erreichen, welcher diese Aspekte von Position mit Richtung und Geschwindigkeit verbindet.

Offensichtlich haben Spieler mit mehr Raum auch mehr Zeit. Die Zeit ist eine Konsequenz des Raumes und über mehr Zeit haben es die Spieler im Normalfall einfacher, die bestmögliche Lösung für eine gegebene Spielsituation zu finden (meistens jedenfalls). Wenn der erste Schritt eines Stürmers beim Einlaufen hinter die gegnerische Abwehr bereits ins Abseits führt, wird der Kontakt bzw. die passende Verbindung mit seinem Teamkollegen, der diesen Pass spielen soll, schwieriger sein, als wenn “mehr Schritte” als möglicher Zeitrahmen für die Kommunikation, Entscheidung und Ausführung dieser interaktion zur Verfügung stehen. Immerhin ist die Geschwindigkeit etwas anpassungsfähig, auch wenn sie nach oben hin begrenzt ist, während die Position mehr oder weniger das Gegenteil hiervon ist.

Spiegelbildlich dazu wird das Verteidigen für den Gegner schwieriger, wenn er mehr Raum kontrollieren oder abdecken muss und folglich weniger Zeit zum Verteidigen hat. Auch wenn die Zeit also hauptsächlich eine Konsequenz des Raums ist, können die Spieler dennoch beides beeinflussen. Defensiv sind Pressingfallen ein Beispiel dafür. Das Timing ist wie schon erwähnt das, was die räumlichen Aspekte zwischen den Spielern und der (Inter-)Aktionen verbindet.

“Positionsspiel besteht nicht aus einem horizontalen Passspiel, sondern aus etwas viel Schwierigerem: Es besteht darin, hinter jeder Pressinglinie Überlegenheiten zu schaffen. Das kann mehr oder weniger schnell, mehr oder weniger vertikal, mehr oder weniger gruppiert geschehen, aber das Einzige, was immer beibehalten werden sollte, ist das Streben nach Überlegenheit. Oder anders ausgedrückt: Freie Spieler zwischen den Linien schaffen.“

Marti Perarnau

Die Manipulation des Raumes ist relativ einfach und, so die These dieses Artikels, auf Mannschaftsebene von Guardiola mit dieser Struktur perfektioniert worden. Die Manipulation der Zeit ist eher schwierig zu analysieren, zu beschreiben und zu trainieren, auch wenn manche Beispiele ziemlich klar und deutlich sein können. Ein oft genanntes Beispiel ist das “La Pausa”-Konzept von La Masia, das in vielen verschiedenen Situationen sichtbar werden kann.

Letztlich muss diese Manipulation von Zeit einer Absicht folgen, eine Intention haben; zum Beispiel eine Situation, wo eine möglichst schnelle Spielverlagerung der einzige Weg ist, um eine Lösung auf der anderen Spielfeldseite aufrechtzuerhalten oder wo eine kurze Pause einem Mitspieler Zeit gibt, sich vor der Ballannahme zu drehen, eine bessere Position zu finden oder eine bessere Anspielstation zu öffnen, indem man den Gegenspieler weglockt. Das Besondere ist, dass jeder Spieler bei ManCity zu verstehen scheint, dass nicht nur seine Position und Richtung ihm Raum und Zeit für sich und die anderen geben, sondern der Prozess seiner Aktionen und der daraus resultierenden physischen Umsetzung (sprich: Bewegung) die Zeit auf dem Spielfeld durch Timing und Geschwindigkeit manipuliert.

Spielt eine Mannschaft konstant im gleichen Rhythmus, egal, wie der aussieht, kann der Gegner diesen kopieren und verteidigen. Stoppt, verlangsamt und beschleunigt eine Mannschaft ihr Spiel, wird der Gegner dies nicht einfach voraussehen können und dann verspätet, überrascht und somit schlechter aus einer anderen Position (nach-)beschleunigen müssen. Bei gleichem Tempo wäre der Gegner bereits beschleunigt und könnte z.B. Läufe leichter aufnehmen. Ein ziemlich einfaches Beispiel gibt es im Spielaufbau.

Im Gegensatz zu den meisten Mannschaften wird man die Aufbauspieler von Manchester City seltener dabei beobachten können, wie sie den Raum durch schnelles Übergehen von Mitspielern seitlich überwinden. Der gelegentliche Diagonalball in die letzte Linie für ein 1v1 von Sterling, Mahrez oder Foden wird zwar gesucht, aber die meisten Verlagerungen und Zirkulationen kommen mit einzelnen, einfachen Pässen vor dem vertikalen Vortrag. Bevor dies geschieht, wird der Gegner ausgebremst und fixiert, meist auf einer Seite. Dies geschieht nicht nur positionell, sondern auch über das Timing. Citys Innenverteidiger stoppen den Ball, suchen nicht lange nach Mitspielern, aber dribbeln bewusst langsam, halten Ausschau und wollen den Gegner nicht tatsächlich überspielen, sondern erst den Raum für eine bessere Progression generieren.

Wie oft sieht man stattdessen bei vielen Mannschaften, dass die Innenverteidiger kaum nach vorne andribbeln, wodurch es nicht gelingt, einen Vorteil und kurze Passwege zu schaffen? Aber noch häufiger, zumindest heutzutage in den Top-Ligen, sieht man Innenverteidiger, die gegen eine noch im Tempo sauber verschiebende Mannschaften im Tempo andribbeln anstatt womöglich noch einmal abzubrechen, mit einem kurzen Dribbling die Geduld des gegnerischen Stürmers zu prüfen, sie herauszuziehen und Raum zu öffnen, bevor die Zirkulation auf die andere Seite eine klare Progression später ermöglicht. Diese Ideen beziehen sich auf die Überlegenheiten, die als “dynamische” oder “sozio-affektive” bezeichnet werden. Um diese Überlegenheiten speziell auszuführen, ist es wichtig, die gleiche Sprache zu sprechen und idealerweise eine Sprache, die der Gegner nicht verstehen oder Muster, die er nicht verhindern kann.

Nach Bielsa gibt es beispielsweise 36 verschiedene Möglichkeiten über einen Pass zu kommunizieren – und es ist nicht ungewöhnlich, Ähnliches von Absolventen oder Trainern der Barcelona-Akademie zu hören oder lesen. Einfach gesagt: Ein sehr schneller Pass in den Fuß hat eine andere Bedeutung als ein sehr langsamer Pass in den Raum. Auch das bezieht sich auf die Aspekte von “Raum-Zeit” auf prinzipieller Ebene und für individuelle (Inter-)Aktionen. Es ist aber auch wichtig für Muster und auf mannschaftlicher Ebene. Wenn zum Beispiel der Druck hoch ist und die Pässe schnell, bleibt weniger Zeit zum Freilaufen, um in Positionen zu kommen und Spielzüge zu beginnen. Wenn ein Spieler mehr Raum und somit Zeit hat, haben die Mitspieler meistens weniger. Nimmt er sich diese Zeit, über ein Dribbling oder eine Pause, sollte nach dem Pass der nächste Spieler normalerweise mehr Zeit haben. Um “Wenn-Dann”-Spielzüge bzw. -Muster richtig spielen zu können, führen bestimmte Pässe zu einer bestimmten Situation und Möglichkeit. Ein liegender, ruhender Ball, ohne Gegnerdruck oder Ballbewegung, erzwingt keine Veränderung der Situation. Ein Dribbling oder Ballbewegung schon, auch wenn in vielen Teams die Mitspieler kaum darauf reagieren. Ein Pass ändert die Situation immer und noch klarer; und je weiter er unterwegs ist, desto mehr bzw. stärker.

„Positionsspiel ist ein Modell eines konstruierten Spiels, es ist überlegt, durchdacht, studiert und bis ins Detail ausgearbeitet. Die Interpreten dieser Spielweise kennen die verschiedenen Möglichkeiten, die während des Spiels auftreten können und auch, welche Rollen sie zu jeder Zeit einnehmen sollten. Natürlich gibt es bessere und schlechtere Interpretationen. Es gibt auch Spieler, die es nie schaffen, sich an diese Spielweise anzupassen, aber trotzdem sensationelle Spieler sind und es dennoch schaffen, viele Stärken für die Mannschaft einzubringen. Aber im Allgemeinen müssen die Interpreten dieser Spielweise den Katalog der Bewegungen, die ausgeführt werden müssen, genau kennen. Wie bei jedem Musikstück gibt es bei ein und derselben Partitur viele verschiedene Interpretationen: schneller, langsamer, harmonischer, … mehr oder weniger eine konkrete Interpretation, die einem gefällt, aber was auf jeden Fall beibehalten werden sollte, ist, dass die Melodie dem Original ähnlich ist. Positionsspiel ist eine Partitur, die jede Mannschaft in ihrem eigenen Tempo ausübt, aber es ist wichtig, hinter jeder Linie des gegnerischen Druck Überlegenheit zu erzeugen.“

Marti Perarnau

Positionsspiel wird also oft als Choreographie beschrieben und es scheint, dass jeder Pass ein Auslöser für einen bestimmten Teil der Choreographie ist; abhängig von der gegnerischen Situation (besteht die Gefahr den Ball zu verlieren oder nicht?), der eigenen Situation (besteht die Chance mit guten, weiteren Verbindungen sofort vorwärts zu kommen?) oder anderen Aspekten. Ein Pass aus dem Zentrum auf den Flügel führt bei manchen Mannschaften zu wenig, zu viel und/oder zu zufälliger Bewegung. Bei Guardiolas Mannschaften scheint es für jeden Pass eine ziemlich klare Reihe von möglichen Interaktionen oder Mustern zu geben (ähnlich dem, was viele gut koordinierte Pressingmannschaften tun, wenn sie versuchen, den Ball zu erobern; vor allem, wenn sie vom ersten Pass des Torhüters an Druck zu machen).

Auf der anderen Seite bedeutet dies wiederum, dass sich das Abwehrspiel ändern muss, um Guardiola (verdient) besiegen zu können; die räumlichen Strukturen müssen Manchester City zu anderen Lösungen zwingen oder ihnen die Effektivität nehmen, wobei die Zeitkomponente entweder ihren Rhythmus durch ständiges, maximales Pressing zerstört oder ihren Rhythmus adäquat kontert und ihnen die Optionen nimmt, bevor sie da sind. Letzteres scheint allerdings schwieriger zu sein, als selbst wie eine Guardiola-Mannschaft auftreten zu wollen. Hierbei sollte allerdings nicht vergessen werden, wie gut diese Mannschaft nicht nur gecoacht, sondern auch zusammengestellt ist.

Diese Struktur mit asymmetrischen Außenverteidigern zu schaffen, während man mit unterschiedlichen Viererketten verteidigt, gibt ihnen eine eigene Form von Dynamik durch diese Rotation und natürlich einen phänomenalen Verteidiger mit Walker und einen extrem pressingresistenten Mittelfeldspieler mit Cancelo. Brighton Hove Albion versuchte eine ähnliche Staffelung aus ihrer 3-4-1-2-Defensivformation herzustellen, aus derer sich die Flügelverteidiger nach innen bewegten (gegen ein 4-Raute-2) und die Mittelstürmer in Ballbesitz weit auffächerten. Abgesehen von der fehlenden individuellen Qualität ist es dennoch nicht dasselbe wie bei City.

Fazit: Wenn Guardiola sich nicht selbst schlägt oder seine Spieler wieder schlechter schlafen (oder sie einfach weniger sauber spielen, wie es in den letzten Spielen phasenweise schon der Fall war), scheint es wenig Lösungen für Guardiolas neues Rätsel zu geben, auch wenn es, wie zu erwarten, einige rätselhafte geben könnte. Am Ende wird es für Guardiola, seinen Stab und seine Spieler am wichtigsten sein, so weiter zu spielen; die Positionen, die Bewegung und den Schlaf diszipliniert und konstant durchzuziehen; einige (vergleichsweise) schwächere Spiele gab es ja zuletzt schon.

Macht’s gut, und Danke für die Siege!

„Primer és saber què fer.
Després, saber com fer-ho!
Zuerst muss man wissen, was zu tun ist.
Dann muss man wissen, wie man es macht. „

Die Geschichte des Fußballs ist gepflastert mit Hunderten von taktischen Erfindungen, Tausenden von Variationen unterschiedlicher Muster und einer Unzahl von Anpassungen, die sich gegenseitig bekämpfen, wobei sich einige Ideen durchsetzen, andere in einem sich wiederholenden Zyklus als Paradigmen abwechseln und einige wenige zu notwendigen Standards im Fußball werden. Guardiola hat diesen angesammelten Defensivkonzepten von heute den Kampf angesagt und das Abwehrspiel in seiner aktuellen Ausprägung zerstört. Über die Jahre scheint er Ergänzungen und Hierarchien zwischen seinen Prinzipien gefunden zu haben. Es scheint eine klare Logik dafür zu geben, wann wer auf welcher Position ist und wann man in eine Bewegung kommt, welche Details wichtig sind und wie man sie trainiert. Wie im Leben ist es die Erfahrung, die uns lehrt, welche Prinzipien Vorrang vor anderen haben; als bloße Worte auf Papier klingen sie alle gleich überzeugend. Diese Erfahrung scheint zu einem Schlusspunkt geführt zu haben.

In den meisten Sportarten führen alle zehn bis fünfundzwanzig Jahre besondere Spieler, Teams oder Denker zu Revolutionen im Spiel. Jordan veränderte die NBA ebenso wie die Golden State Warriors (oder gar Daryl Morey). Andere wurden sogar durch Regeländerungen daran gehindert, was im Fußball zum Glück nicht üblich ist (obwohl man bei Standardsituationen und Abwehrpressing im 5-3-2 darüber nachdenken sollte). Jedenfalls scheint es zu spät dafür. Das Spiel wäre nach Guardiola nicht mehr dasselbe gewesen, auch nicht nach möglichen Regeländerungen. Jetzt muss die Konkurrenz auf Guardiola reagieren und sich selbst verändern. Der Krieg ist verloren, beginne einen neuen, sozusagen. Aber Vorsicht, das folgende Zitat von Guardiola zeigt schon, dass er ohne akut dringliche Fragen nach Antworten sucht, vom hypermodernen Positionsspiel auf dem Weg zu AlphaPeppio (kein Spaß: schaut mal Partien von AlphaZero durch) zu sein scheint, noch bevor die anderen aufgeholt haben:

Ich glaube, dass die Evolution des Fußballs eintreten wird, sobald der Torhüter in das Offensivspiel einbezogen wird. Ich glaube, dass wir diese Spieler entwickeln müssen. Die Aufbauphase ist einfach: Für mich als Trainer, je mehr Spieler näher zum Ball kommen, desto einfacher. Aber dann, wenn man die ersten Linien durchbrochen hat, hat man diese Spieler nicht mehr vorne, um eine Überlegenheit zu schaffen. Ich meine, wenn man hier den Ball hat, ist das Ziel, die Überlegenheit in den vorderen Zonen zu bekommen, um dem Gegner zu schaden. Wenn man alle Spieler näher heranbringt, ist das ok, aber dann kann man dem Gegner vorne nicht mehr schaden. Sie haben den Ball dann in der Anfangsphase, sobald Ihr Mittelfeldspieler den Ball erhält, kann er mit dem 10er, den Flügelspielern, den Außenverteidigern einen Vorteil haben, um dort zu schaden. Wenn man diesen Schaden aufrechterhalten möchte, ohne vorderen Spieler nach hinten zu holen, muss der Torwart helfen und erlauben, dass dies geschieht. Aber, natürlich, muss er die Fähigkeiten haben, und sich bewusst sein, dass der Torwart in den ersten Aktionen helfen kann, aber nicht immer als Innenverteidiger benötigt ist. Denn wenn du den Ball verlierst, können die anderen vom Mittelfeld aus ein Tor schießen. Man kann die erste Aktion mit ihm machen, die zweite, aber dann muss der Torwart wieder auf seine Position kommen. Ich glaube, dass der Trainer, der den Mut hat, dies zu entwickeln, derjenige sein wird, der auf engem Raum besser angreifen kann.

Die stilistische Einteilung von Fußballideen in „proaktiv-aktiv-reaktiv-passiv“ wurde auf dieser Webseite schon mal erwähnt, auch in Bezug auf eine klare Interpretation des Positionsspiels. Es wird interessant sein, ob es neben der verstärkten Nutzung des Torhüters noch weitere, noch (pro-)aktivere Möglichkeiten gibt, um die jetzigen oder die neuen Fragen, die gegnerische Defensiven früher oder später aufwerfen werden, besser zu beantworten. Rotationen, bewusste numerische Unterlegenheit oder Asymmetrien könnten interessant werden.

Dieser Artikel war ein Gemeinschaftsprojekt von mehreren Autoren und Addis Worku auf der englischen Version von Spielverlagerung. Danke an die Guardiola-Enthusiasten @Melkor91 und Max Senner für die freiwillige und zügige Übersetzung des Artikels. Gute Artikel über ManCity von Ahmed Walid – anhand der Gladbach-Spiele – sind hier und hier zu finden.

JaAber 28. März 2021 um 00:33

Es ist ein etwas trauriger Umstand, dass die offensichtliche Frage im Text ein wenig als dümmliches Narrativ der Medien dargestellt wird, und dann in einer Art Überkorrektur gar nicht mehr behandelt wird:
Warum underperformt Guardiola seit seiner Zeit bei Bayern in der Champions League jedes, und ich meine wirklich jedes, Jahr? Viele Kritiker Guardiolas ignorieren natürlich die absolut fantastische Performance in der Liga, aber das Muster scheint deutlich und konsistent zu sein: Sehr gute Liga Performance, und enttäuschendes Auftreten und Ausscheiden in der CL. Möglicherweise Zufall (7 Jahre hintereinander eher nicht), aber es sollte wenigstens besprochen werden:
In den letzten 7 Jahren hat Guardiola es nur einmal geschafft, ein gleichwertiges Team in der CL rauszuwerfen (Achtelfinale 2020 gegen Real Madrid), ansonsten gab es deutliche Klatschen (2014 Real, 2015 Real Madrid) oder Teams eine oder zwei Stufen unter Bayern/Man City (2016 Athletico, 2017 Monaco, 2018 Liverpool, was damals noch deutlich schlechter als im Jahr darauf war, 2019 Tottenham, 2020 Lyon ).
Dies ist keine zufällige Häufung mehr, und man sollte trotz allem Taktikverständnis und der berechtigten Faszination mit den Ergebnissen in der Liga den Wald trotz der Bäume sehen können und dies als Schwachstelle Guardiolas anerkennen.

Warum dies auftritt, kann ich nicht beantworten. Häufig höre ich, dass Guardiola vor solchen Spielen uncharakteristisch von seinem System abweicht, vielleicht funktioniert aber auch ein komplexes System einfach nicht so gut unter Druck in KO-Spielen. Auch die 3 Cl-Gewinne Zidanes in Folge sind nicht nur dem Zufall zu zuschreiben, der ja wie man hört simple Systeme bevorzugt.

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MR 28. März 2021 um 04:40

Das Narrativ des Textes lautet doch, dass die Mannschaft aktuell auf einem höheren Niveau agiert, als Guardiolas Mannschaften zuvor. Insofern stellt sich diese Frage in diesem Kontext hier doch gar nicht.

Dennoch zur Frage: Ich denke, das ist, wie so häufig, multifaktoriell. Einige Male haben seine Mannschaften hervorragend performt, doch das Spielglück hat gefehlt, andere Male hatte man hervorragende Gegner und kam nicht ganz ran, einige Male hat Guardiola vielleicht auch falsche Entscheidungen getroffen und generell kann man mE kritisch sehen, dass er die Auswärtsspiele tendentiell unnötig risiko-avers angeht.

Ich denke nicht, dass das den einen großen Grund hat. Dass sich das in der CL mehr häuft als in der Liga, liegt außerdem wohl auch daran, dass dort häufiger Top-Mannschaften die Gegner sind. Gegen Teams vom Kaliber Real, Atletico, Liverpool passiert ihm in der Liga auch schon mal eine Niederlage. a) Das geht keinem Trainer anders. b) Solche Gegner hatte er in der Bundesliga maximal in Form vom BVB und in der Premier League primär mit Conte’s Chelsea und Klopp’s Liverpool, die ihm ja jeweils einen Ligatitel abringen konnten. (ManU und Arsenal sind ja in seiner gesamten Zeit nicht auf hohem CL-Niveau einzuordnen.) Die These, dass die CL für ihn also grundsätzlich anders funktioniert als die Liga, stützt sich letztlich dann doch nur auf Einzelfälle. Es ist schlichtweg schwieriger einen Wettbewerb mit allen Topteams Europas zu gewinnen als einen Wettbewerb mit den Topteams nur eines Landes. Oder anders gesagt: Es gibt jedes Jahr nur einen CL-Titel, aber es gibt cirka 5 große Ligatitel. Also nur normal, dass die im Durchschnitt häufiger gewonnen werden, egal von welchem Trainer.

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tobit 28. März 2021 um 12:21

Unterstützend dazu: Wer außer Zidane war denn in der CL jemals konstanter als Pep? Und Zidane hat mehr als einen seiner CL-Titel als für mich eindeutig nicht-bestes Team gewonnen, sondern sich eher glücklich ins Finale gewurschtelt und da dann von indivudeller Klasse (Bale!) profitiert.

Guardiola ist in seinen ersten sieben Jahren als Erstliga-Trainer jedes Mal im Halbfinale der CL gewesen. Er ist ein einziges Mal im Achtelfinale ausgeschieden, mit einem noch völlig überalterten und im Umbau befindlichen City. Und in den letzten Jahren war es meiner Meinung nach deutlich schwieriger dauerhaft ins Halbfinale zu kommen, weil es viel mehr ähnlich starke Teams gibt und nicht mehr nur die großen Drei. Seit er bei City trainiert (16/17 bis heute) haben sich 13 verschiedene Teams für die 16 Halbfinalplätze qualifiziert, dieses Jahr kommen nochmal zwei neue dazu (BVB/City und Porto/Chelsea), macht dann 15 Teams auf 20 Plätze. in den fünf Jahren davor (11/12 bis 15/16) waren es ganze acht verschiedene Teams für dieselben 20 Plätze.

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JaAber 28. März 2021 um 17:26

Es ist richtig, dass der Hauptfokus des Textes auf der aktuellen Entwicklung liegt, aber trotzdem enthält er Passagen wie „Trotz erneuter national erfolgreicher Saisons mit den Citizens wandelte sich erwähnter Narrativ immer weiter zum Negativen“, oder „Trotz der 100 Punkte-Saison“, und behandelt die deutlichen Klatschen und die mehrfachen, hochenttäuschenden Performances in CL KO-Spielen als Randerscheinung. Es ist nicht nur, dass die CL nicht gewonnen wurde seit 2013, und auch nicht nur, dass die Teams gegen gute Gegner Pech gehabt haben: Gegen gleichwertige Gegner gab es seitdem deutliche und klare Niederlagen, wo von einem knappen Ausscheiden keine Rede sein kann (2014 Real, 2015 Barca, 2018 Liverpool), und ansonsten ist man gegen auf dem Papier klar unterlegene Mannschaften rausgeflogen. Umgekehrt gibt es, anders als du darstellst imho, NUR EINEN Fall, wo die Mannschaft überperformt hat (2020 gegen Real) und einen mindestens gleichwertigen Gegner rausgeworfen hat, also hält es sich in keinerlei Weise die Wage. Selbst unter Ancelotti und Heynckes ist Bayern nur knapp gegen Real ausgeschieden (ein Tor-Unterschied bzw. Verlängerung).

Mathematisch gesprochen, wenn man (extrem generös) davon ausgeht, dass die 8 Spiele (7 mal ausscheiden + 1 Real) 50/50 Spiele waren, ist die Wahrscheinlichkeit nur einmal weiterzukommen nur <0.04 % (Sampling mit zurücklegen). Vor allem, da dass Narrativ, dass Guradiola in wichtigen Spielen sich vercoacht schon vor seinem Engagement bei Manchester City bestand und sich danach noch verdeutlicht hat (es ist also keine Post-Facto Narrativ), ist es ernstzunehmen. CL Performance ist nicht alles, aber es ist auch nicht nur eine Randnotiz.

Risiko-aversive Auswärtsspiele sind aber tatsächlich ein guter Erklärungspunkt.

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MR 28. März 2021 um 19:50

Diese 8 Spiele haben aber einen hochgradigen selection bias, weil du gegen unterlegene Mannschaften nur die unerfolgreichen Spiele selektierst. Und im Übrigen auch die Barcelona-Saisons herausnimmst. Wenn du die Niederlage gegen Lyon reinnimmst, musst du auch so ziemlich alle anderen CL-Spiele als Vergleichswert mit reinnehmen und sehr lange hat er es ja quasi jede Saison ins Halbfinale geschafft, war also gegen solche Teams sehr erfolgreich. Die Gruppenphasen lässt du auch komplett raus.

Ich denke, man kann argumentieren, dass Guardiola generell einen strategischen Ansatz verfolgt, um mit überlegenen Spielern eine extrem hohe Siegwahrscheinlichkeit zu erzeugen, und dieser Ansatz dann mit gleichwertigen oder unterlegenen Spielern weniger gut funktioniert als der von zB Klopp. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das im Allgemeinen stimmt oder ob es doch eher um einzelne Entscheidungen geht. Die Stichprobe ist ja immer noch sehr klein.

Aber ich versuch’s noch mal aufzulisten, weil’s mich auch gerade interessiert:

Wir sprechen über 11 Saisons, wenn wir die aktuelle rauslassen.

Davon wurden 2 gewonnen, 5 Mal das Halbfinale erreicht, die letzten 4 Male war im Viertel oder Achtel Schluss, dabei zwei Mal gegen die späteren Finalisten und dazu Lyon und Monaco.

Seine Gesamtbilanz in der CL sind übrigens
131 Spiele, 82S/27D/22L, 310:129 Tore (2,4 : 1,0 pro Spiel), 2,08 Pkt pro Spiel.
Vergleich Premier League: 2,35 Pkt pro Spiel.
Referenz Zidane: ebenfalls 2,08 Pkt pro Spiel in der CL – 2,3 : 1,3 Tore pro Spiel – in der Liga 2,23 Pkt – also extrem ähnlich

Guardiola hat insgesamt 31 KO-Runden gespielt, hat davon 22 gewonnen und 9 verloren. Ohne Barcelona hat er 10 gewonnen und 7 verloren. Das ist keine gute Bilanz, aber auch eine kleine und eine selektierte Stichprobe.

Die 7 verlorenen waren
mit Bayern gegen: Barcelona, Real, Atletico
mit City gegen: Monaco, Liverpool, Tottenham, Lyon

Die drei Gegner bei den Bayern haben alle den Titel geholt oder (Atletico) erst im Elfmeterschießen verloren.
Die von City waren zwei Finalisten und zwei Halbfinalisten, wobei man gegen Monaco und Tottenham nur wegen Auswärtstoren rausflog und gegen Lyon nur ein Spiel hatte.

Klar unterlegene Mannschaften waren da also zwei bis drei dabei, dem gegenüber stehen 22 überstandene Runden, ohne Barca immer noch 10. Angesichts dessen, dass das zwei Mal über Auswärtstore und einmal nicht mit Rückspiel war, scheint mir das eher nicht als signifikante Häufung.

Gegen gleichwertige Gegner hat man dann eine 1:4 Bilanz. (Dabei rechnet man aber wieder Barcelona heraus, was angesichts von Barcelonas Ergebnissen seit Guardiolas Abgang wenig gerechtfertigt scheint. (2 Titel in 4 Jahren vs 1 Titel in 8 Jahren))

In diesen 5 Runden gab’s eine Bilanz von 4 Siegen, 1 Unentschieden, 5 Niederlagen, was also relativ ausgeglichen ist. Die Torbilanz beträgt aber 10:19, was schwach ist. Das liegt primär daran, dass man in den vier Auswärtsspielen vor dem Real-Sieg letztes Jahr insgesamt 0:10 abgeschossen wurde. Generell sehen die Auswärtsresultate auch in den anderen Spielen nicht gut aus (auch das dreimalige Ausscheiden gegen schwächere Teams + das Barca-Ausscheiden gegen Inter waren mit Auswärtsniederlage (und bis auf Lyon Heimsieg)).

Man kann’s also auf zwei Dinge runterbrechen:

– Generell schwache Performance in den Auswärtsspielen der CL. (Auch schon mit Barca, auch bei Erfolg.)
– Die hohen Niederlagen gegen Inter, Real, Barca und Liverpool, sowie die schwachen Auftritte auswärts bei Tottenham, Monaco und auf neutralem Boden gegen Lyon.

Ersteres ist ein ziemlich auffälliges Muster, das sich auch mit Aussagen und beobachteter Herangehensweise deckt: Guardiola ließ auswärts in der CL zu defensiv spielen.

Zweiteres bezieht sich auf konkrete 7 Spiele aus einer Masse von 131 Spielen und scheint mir daher eher irrelevant, zumal die meisten dieser Spiele gegen Topteams waren und alle auswärts, der „Auswärtsfaktor“ das also eh weitestgehend erklärt.

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Koom 29. März 2021 um 09:58

Guardiolas (vermeintlicher) Mißerfolg in der CL lässt sich idR wohl meist darauf runterbrechen, dass er manchmal zu verkopft herangeht und zu sehr was ändert. Wobei man hier natürlich aufdröseln könnte, wie oft er mit großen Änderungen zu seiner üblichen Spielweise VOR dem Spiel trotzdem noch weiterkam.

Ich glaube, Guardiolas Teams profitieren weniger von überraschenden Umstellungen vor dem Spiel, weil das konditionierte Naturell seiner Teams einen Fokus auf Ballbesitz hat und weniger auf den Torerfolg. Guardiolas Teams pushen selten hektisch aufs Tor, sie erwürgen den Gegner bevorzugt.

Wenn man jetzt mal Tuchel hernimmt, den ich als Spezialisten für Umstellungen (wie Guardiola) sehe, aber einen deutlich geringeren Fokus auf Ballbesitz hat – dessen Teams sind oft erfolgreich in den ersten 20 Minuten, gerade in Mainz und BVB war das einer seiner besten Waffen.

Ergo: Guardiolas Umstellungen sind clever, verpuffen aber oft in der Wirkung, weil sich die meisten Gegner nach 20 Minuten darauf eingestellt haben – und dann fehlten gerne mal 2-5% gegen einen gleichwertigen Gegner, weil jener sich in seinen gewohnten Bahnen weitgehend bewegt, während in der eigenen Abstimmung Kleinigkeiten anders sind.

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studdi 30. März 2021 um 12:17

Die Champions League ist nunmal auch ein KO Modus. Da ist es nunmal schwierig immer zu Gewinnen. Durch seine KOnstanten Erfolge in Meisterschaft hat man bei Guardiola auch einfach eine Krasse Erwartungshaltung.
Bei anderen Trainern spricht man nie davon das Sie gescheitert seien in der Champions League. Da reicht teilweise ein Titel und man gilt als guter Trainer. Sir Alex Ferguson z.B. hat auch „nur“ 2 mal die Champions Leauge Gewonnen. Und hat es auch nur mit ManU versucht. Wer weis ob er mit anderen top Mannschaften auch Gewonnen hätte.
Öfters die Champions League Gewonnen als Guardiola haben Sie nur Zidane und Ancelotti. Dabei hat Zidane auch nur mit Real Madrid gewonnen und mit keinem anderen Team.
Gegen Tottenham wäre Pep mit City weitergekommen wenn die Handregel für Tore schon 1 Jahr vorher eingeführt worden wäre, andersherum hat er mit Barca nur Gewonnen weil Iniesta in letzter Sekunde bei Chelsea trifft. ChampionsLeague ist durch den KO Modus nunmal auch glücks sache. Sir Alex hat seine 2 Titel übrigens 1 mal im Elfmeterschissen gegen Chelsea gewonnen und einmal mit 2 Toren in der Nachspielzeit gegen Bayern. Er könnte auch ohne Titel da stehen.

Koom 30. März 2021 um 14:47

Alles richtig. Aber gerade Diskussionen im Fußball sind gefühlt oft sinnfrei, wenn man so will. Ich sag ja auch gerne mal, dass man da hinreißend über ein Spiel spricht/schreibt, in dem es darum geht, dass man außer Puste, im vollen Lauf mit dem Körperteil, dass vielleicht am unpräzisesten ist von allen am menschlichen Körper, versucht, ein Objekt, dass sich von sehr vielen Faktoren wie Luftdruck, Feuchtigkeit u.v.m beeinflussen lässt punktgenau und mit Wucht an einen bestimmten Ort zu feuern. 😉

Also ja, KO Spielen sorgen für ein Ende. Wir reden trotzdem über eine Trainerkarriere, die schon recht lange läuft und verhältnismässig vielen „Arbeitsproben“ Guardiolas. Und natürlich gibt es nie eine Garantie auf den CL-Sieg, weil Fußball auch immer ein Stück weit Glücksspiel bleibt. Was man aber durchaus beobachten kann, dass Guardiola seine Herangehensweise auswärts oft stark zu dem verändert, was er im Liga- oder Gruppenspielmodus so macht und auch gerne mal gegen besondere Gegner auch in Heimspielen. Und das geht auch gerne mal schief, es gibt auch hier auf SV.de den ein oder anderen Bericht dieser Art, wo man ein verspekulieren feststellen konnte. Manchmal ging es gut, weil Guardiola nach 20 Minuten umstellte, manchmal nicht.

studdi 30. März 2021 um 15:34

Ja das stimmt definitiv. Guardiola hat sich manchmal verspekuliert in Spielen aus welchen gründen auch immer. Vielleicht zu viel Angst vielleicht zu Perfektionistisch vielleicht hat er auch den Gegner anders erwartet… Aber auch hier wird Guardiola meiner Meinung nach kritischer gesehen als andere Trainer.
Natürlich ist er auch angreifbarer, weil er eben dann oft umstellt und anders Spielen lässt. Mann kann ja aber genauso gut sagen Trainer xy ist aus der Champions League rausgeflogen weil er nicht umgestellt hat und seine Taktik nicht angepasst hat. Das passiert allerdings so gut wie nie.

Wenn es dann heisst Zidane gewinnt 3 mal hintereinander die Champions League weil er nicht die Mannschaft überfordert und einfach Spielen lässt. Finde ich das nicht korrekt Zidane ist letztes Jahr auch am Champions League titel gescheitert. Vielleicht weil er seine Taktik nicht angepasst hat?
MR schreibt ja oben das Pep und Zidanes Punkteschnitt in der Champions League und in der Liga gleich sind. Also könnte man ja theoretisch behaupten beide Verlieren gleich oft Spiele sowohl in Liga als auch in Champions League. Durch die herangehensweise von Pep durch seine Umstellungen wird bei Ihm nur der Fokus mehr auf den Trainer gelegt weil man sagt “ der Trainer hat etwas anders gemacht also ist es seine schuld“. Dies fällt in KO spielen vielleicht auch extremer auf weil hier eine Niederlage höher bewertet wird als eine in der Liga.

Koom 30. März 2021 um 19:29

Ich glaub, Guardiola wird hier einerseits verehrt, andererseits kritischer gesehen, weil sein Fußball im Prinzip weniger auf Zufall basiert. Er lässt von allen Toptrainern wohl am ehesten Rasenschach spielen. Du kannst ihn deswegen auch besser analysieren, weil viele Dinge einen nachvollziehbaren Ursprung haben.

Nimmt man mal Klopp oder Flick als Beispiel, ist das nicht so einfach, weil dort vieles auf dem Umschaltmoment basiert, der halt überall auf dem Feld entstehen kann, ein brillianter (nicht voll planbarer) langer Ball auf den Stürmer, der durchbricht und netzt. Was ist davon Plan des Trainers und des Trainings, was ist ein genialer Moment von 1-2 Spielern? SV.de im allgemeinen geht dabei schon eher vom Trainer aus, aber die Ästhetik und der klarere Spielplan – und der Verzicht auf allzu hektische Umschaltmomente – machen es für Taktikfans eben verlockender, Guardiola zu betrachten. Auch weil er fast immer exzellenten Erfolg hat.

Um mal zu Zidane zu kommen: Er macht auch wenig verrückte Dinge auf dem Platz, setzt ebenfalls durchaus auf Umschaltmomente und auf ein defensiv gut stehendes Korsett. Etwas interessanter und offensiver als es bspw. Mourinho macht, aber IMO durchaus ähnlich. Das ganze natürlich noch kombiniert mit hoher individueller Klasse und Erfahrung, dazu ein paar Charaktere, die in engen Spielen auch einfach besondere Leistungen bringen wollen.

MR 30. März 2021 um 20:17

„Wenn es dann heisst Zidane gewinnt 3 mal hintereinander die Champions League weil er nicht die Mannschaft überfordert und einfach Spielen lässt. Finde ich das nicht korrekt Zidane ist letztes Jahr auch am Champions League titel gescheitert. Vielleicht weil er seine Taktik nicht angepasst hat?“

Im Übrigen kommt man hier auch schnell zu einem Fehlschluss, weil man Anomalie mit Normalität vergleicht und damit eine mehr oder weniger unselektierte mit einer extrem selektierten Stichprobe:

Es gibt keinen bzw nur sehr wenige Trainer mit Guardiolas Ansatz. Es gibt sehr viele mit einem gegensätzlichen Ansatz.

Wenn dann _einer_ von diesen vielen Trainern mit anderem Ansatz erfolgreicher ist, ist das kein starkes Argument für diesen Ansatz, weil gleichzeitig etliche Trainer mit diesem Ansatz scheitern.

(Das ist natürlich etwas vereinfachend dargestellt, weil es ja nicht nur Ansatz A und Ansatz B gibt, sondern alle irgendwo dazwischen sind, auch Guardiola und Zidane. Aber die grundsätzliche Logik „unkonventionelle Strategie scheitert in Einzelfall gegen konventionelle Strategie, ist also unterlegen“, die ist definitiv falsch, weil eine konventionelle Strategie immer viel mehr Versuche hat.)

Koom 31. März 2021 um 17:14

Deinem letzten Absatz stimmte ich sehr zu.

Wie gesagt, Guardiolas „Scheitern“ sehe ich auch weniger in seiner allgemeinen Herangehensweise, sondern eher, dass er zu bestimmten Spielen eben genau davon abweicht und was anderes versucht. Nicht krass anders, aber doch schon sehr zu der normalen Spielweise von ihm.

Böserweise würde ich sagen, dass Guardiola manchmal zu sehr ein Trainers-Game aus Fußball machen will und mit brillianten Manövern dieser Art sich selbst ein Denkmal setzen will. Ich halte ihn aber nicht für so eitel, sondern ich denke eher, dass er es etwas zu gut meint und damit seiner Mannschaft einen vermeintlichen Vorteil geben will.

MR 31. März 2021 um 18:16

Die einfachstmögliche Erklärung wäre, dass er extrem viele Entscheidungen trifft und dann ab und an auch mal mit welchen falsch liegt.

Und wenn er in einem entscheidenden Spiel falsch liegt, wird das
a) weniger schnell vergessen als bei einer Auswärtsniederlage gegen Everton
b) wird das vom Gegner eher bestraft, während gegen Fulham die Chance größer ist, auch mal trotz statt wegen einer Entscheidung zu gewinnen

studdi 1. April 2021 um 09:45

Sehe das wie MR. Vielleicht machen wir und die Medien auch einfach zu sehr ein Trainers-Game aus Fußball gerade bei diesen Niederlagen von Guardiola.
Das man in KO spielen vielleicht auch mal etwas „ängstlicher“ auftritt und nicht mit dem letzten Mut Aufrückt und ins Gegenpressing geht oder Risiko spielt, kann ja auch zum großteil an den Spielern liegen. Sie haben ja auich Angst auszuscheiden und ein recht großen Druck.
In der Amazon Prime Doku gibts ja auch eine Szene wo Pep in der HZ vom ich glaube League Cup Finale singemäs sagt „spielt mutiger nicht so ängslich immer wenn wir Mutig spielen sind wir gut“

Der Fußball wie in Pep spielen lässt verlangt schon sehr viel Mut und Selbstvertrauen. Wenn man da z.B. im Gegenpressing kurz zögert oder ein Schritt nach hinten macht anstatt nach vorne hat das schon große auswirkungen.
Bei Barca hatte er ja schon auch den Vorteil das die Spieler von der Jugend an ein ähnliches System gelernt haben. Bei Bayern hat er nur 3 Jahre gehabt es den Spielern beizubringen.
Und wie gesagt in einem Bundesliga Spiel gegen Köln fällt zum einen mein Fehler nicht so auf und zum anderen traut sich ein Spieler vl schon eher zu ins Risiko zu gehen als in einem KO spiel gegen Real Madrid.

[email protected] 1. April 2021 um 12:40

Interessanter Gedanke, der da aufgeworfen wird: was sind unter welchen Umständen akzeptable Risiken? Was sind kollektive Risiken und individuelle Risiken?

Wenn ein Mensch den Instinkt hat, dass Rückzug sicherer ist, als Vorwärtsbewegung, würde somit die Frage entstehen, wie man unter welchen Umständen diesen Instinkt übersteuern kann, wenn das Risiko für das Kollektiv sinnvoll sinkt durch Vorwärtsbewegung.

Vielleicht käme man zur Erkenntnis, dass Vertrauen in sich und Vertrauen in den Trainer dabei wichtige Komponenten sind und damit Trainerdebatten allgemein auch immer den Teil haben:

Wie bringe ich einen Spieler dazu seine Instinkte links liegen zu lassen? Geht das mit einem „erfolglosen“ Trainer?

Oder anders gefragt: schlägt irgendwann der Instinkt des Spielers die Ratio und das ist dann die Situation, wo ein Trainer fliegt bzw. realistisch gesehen kein Land mehr sehen KANN und somit Trainerentlassungen total logisch wären, weil der Mensch ist, wie er ist?

Koom 1. April 2021 um 12:59

@studdi: Guter Punkt. Führt (unfairerweise) dann wieder zur Frage, ob Guardiolas System dann anfälliger ist für das Kopfkino von Spielern? Kann gut sein, da sein Positionsspiel schon sehr explizit ist. Was ja dann auch wieder Guardiola teilweise anzulasten ist (Stichwort Spielerüberforderung).

@[email protected]:
Es gibt vermutlich immer einen Punkt, wo ein Team „gesättigt“ ist und seine Aufgaben nicht mehr „lebt“, sondern abspult. Trainer, die über lange Zeit erfolgreich sind, forcieren entweder eine Fluktuation (Fergusson) oder bekommen sie vereinsseitig aufgezwungen (weil man „klein“ ist und die großen die Besten wegkaufen). Alternativ hast du das große Glück dass du lauter Fußballroboter wie Lewandowski und Lahm bekommst – aber da endet auch irgendwie schon die Liste an konstant starken Leistungsträgern spontan auch schon für mich.


tobit 27. März 2021 um 14:55

Hab den Roman zwar noch nicht gelesen, aber schonmal vielen Dank dafür. Eine Pep-Analyse war Mal wieder an der Zeit.

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