Erwartbare Schwierigkeiten und eindrucksvolle Reaktion

2:1

Aggressive Mannorientierungen und Frankfurts Beweglichkeit machten Bayern Mühe. Wie gut die Münchener nach dem Seitenwechsel noch antworten konnten, war nicht selbstverständlich. Die Anpassungen im Flick-Team passten gut.

Gegen die Frankfurter Eintracht bahnten sich für die Bayern in ihrer aktuellen personell angespannten Lage Schwierigkeiten geradezu an. Weiträumige Spielweisen, wie sie die Hessen – exemplarisch vor allem auf den Flügel- und Halbvertedigerpositionen – betreiben, sind für den Tabellenführer momentan sehr unangenehm.

Frankfurts Pressing raubt wichtige bayerische Spielanteile

Schematische Darstellung zum hohen Pressing der Eintracht zu Beginn der Partie

Zunächst einmal entwickelte sich das aggressive und mannorientierte hohe Pressing der Gastgeber zum zentralen Faktor. In der gegnerischen Hälfte arbeitete die Eintracht mit vielen 1-zu-1-Zuordnungen. Aus der nominellen 3-4-2-1-Formation ließ Adi Hütter dafür Kamada in die erste Linie neben Jovic und abwechselnd einen der Sechser nach vorne rücken. So wurden zusätzlich zu den bayerischen Innenverteidigern auch Roca und Kimmich direkt am Mann zugestellt. Auf dem Flügel presste ballnah jeweils der dortige Außenspieler gegen den gegnerischen Außenverteidiger vor.

Die im vorderen Bereich extrem mannorientierte Ausrichtung der Frankfurter bot sich im Gesamtkontext aus zweierlei Gründen an: Zum einen konnte man so die eigene Physis in den direkten Duellen gegen die Münchener besonders betonen, die zuletzt einen enorm dichten Spielplan und zunehmend weniger personelle Wechselmöglichkeiten hatten. Zum anderen erforderte die Konsequenz der Mannorientierungen, dass der Gegner schon ab dem Mittelfeldbereich sehr viele Bewegungen würden aufbringen müssen, um sie zu bespielen.

Zu diesen Abläufen kamen die Bayern zunächst überhaupt nicht. Speziell in der Anfangsphase blieben sie im Freilaufverhalten eher zögerlich. Sie entwickelten keinen günstigen Rhythmus für das Gespür, welche Muster und Rochaden und vor allem welches Timing passend sein könnten. Von den Offensivakteuren kamen in den tiefen Bereichen zunächst wenige unterstützende Bewegungen. Bei den (häufigeren) Eröffnungen über Alaba bot sich Coman einige Male im Halbraum an.

Dieser Bereich war zunächst für die Bayern am vielversprechendsten. Der höhere Frankfurter Sechser versuchte häufig, diesen im Verschieben zuzulaufen und zusätzlich den Passweg zu erschweren. Dafür löste er ballnah die Mannorientierung auf, um in jenen anschließenden Raum weiterzulaufen. Die einfache Folge: Der ballnahe Münchener Sechser wurde kurz frei. Wenn Davies sich in der Vorbewegung sauber verhalten hatte, konnte er Zuspiele von Alaba ins Zentrum klatschen lassen.

Über diese Lücke entstanden die einzelnen Szenen, in denen die Münchener sich anfangs aus den Mannorientierungen herauslösten. Ansonsten hatten sie wenige Aufbauszenen präsent ins oder durch das Mittelfeld und kamen entsprechend nicht zu ausreichend Spielanteilen. Überraschend war in Halbzeit eins, dass Staffelungen mit Davies im Halbraum und Coman breit am Flügel nicht genutzt wurden. Sie wären an dieser Stelle ein vielversprechendes Element gewesen und hatten in den vergangenen Partien phasenweise noch eine kleine Rolle gespielt.

In den insgesamt geringen Spielanteilen lag in weiten Teilen der ersten Halbzeit der Knackpunkt aus Sicht der Mannen von Hansi Flick: Die meisten und nachhaltigsten Probleme hatten die Münchener über die letzten Wochen stets dann, wenn sie dem Gegner überdurchschnittlich viel von der Partie überlassen mussten.

Bayern startet variabel gegen den Ball

Eine solche Phase stand in dieser Begegnung auch im Zeichen der Frankfurter Grundformation. Prinzipiell ist das 3-4-2-1 stets ein reizvolles Konstrukt, da es eine günstige natürliche Präsenz im Zentrum mit viel Absicherungspotential für die Vorwärtsbewegungen der Flügel verbindet. Rückten Touré und Kostic bei den Gastgebern im Offensivspiel weit auf, war die Münchener Viererkette in der Tiefe fast durchgängig gebunden.

Davor hatten die Flügelstürmer grundsätzlich gute Möglichkeiten, gegen die Halbverteidiger und dadurch in der ersten Linie mit Gleichzahl anzulaufen. Ballfern rückten Sané und Coman mehrmals gut diagonal heraus, aber ballnah mussten sie sich zunächst vorsichtiger verhalten und machten das mitunter schon zu vorsichtig. Anspruchsvoll gestalteten sich vor allem die Münchener Bewegungen im Zentrum gegen das dortige Quartett der Frankfurter. Aus der 4-2-3-1-Ausgangsordnung begannen die Gäste zunächst gut bei ihren Versuchen, flexibel zwischen den Gegnern zu pendeln.

Offensivformation Frankfurt, Defensivformation Bayern

Zwischendurch wurden sie aber auf einzelnen Positionen hier und da zu mannorientiert. Wenn beispielsweise die Außenstürmer aggressiver zum Mann rückten, um Druck zu geben, fehlte dadurch gelegentlich der Anschluss in diesem Übergang. Einige Male orientierte sich Chuopo-Moting unnötig weit zum ballfernen Sechser, wo speziell Hasebe ihn locken konnte. Meistens kippte ein Frankfurter Mittelfeldakteur in den Raum zwischen Hinteregger und Ndicka heraus, der auch etwas höher stand als Tuta.

Anspruchsvolles Verteidigen nach dem ersten Andribbeln

Mit geschickten Auftaktbewegungen holten sich Hasebe oder Rode dort die Bälle ab. Wenn etwa Chuopo-Moting nicht schnell genug durchschieben konnte, musste ein Münchener Sechser mit herausrücken, wollte aber auch nicht bis fast in die erste Linie folgen. Die zurückfallenden Frankfurter hatten dadurch von halblinks einige Male die Möglichkeit zum diagonalen Andribbeln, woraufhin Bayern die eigenen Positionierungen neu organisieren musste. Es blieb nicht aus, dass sich darin kleine Unsauberkeiten ergaben.

Insgesamt gestaltete sich die horizontale Kompaktheit vom ballfernen Flügelstürmer aus nicht immer optimal, wie bereits gegen Bielefeld angedeutet. Als möglicher Ausgleich kam dieser Faktor daher nur relativ wenig zum Tragen. Wenn die Bayern in den Bewegungen im Zentrum, beispielsweise beim Herausrücken, leichte Fehler im Timing machten, kam es unter diesen Umständen schnell dazu, dass sich das bloße Zahlenspiel der theoretischen 4gegen3-Numerik zu Frankfurter Gunsten Bahn brach.

In solchen Konstellationen ergeben sich aus einer ungünstigen Aktion leicht Kettenreaktionen: Schon eine einzelne suboptimale Positionierung führt dazu, dass der nächste Kollege etwas länger vor seiner Entscheidung überlegt als sonst. Diese Sekunde fehlt ihm dann womöglich, damit beim anschließenden Vorrücken der Deckungsschatten so wirkt wie geplant. Statt durch eine gute Bewegung das numerische Zahlenverhältnis egalisieren zu können, ist auch dieser Akteur dann wieder einen halben Schritt zu spät und wird erst recht überspielt – das ist dann schnell passiert.

Viele Aufrückmomente der Eintracht ins letzte Drittel

Zwischendurch erging es den Bayern im Mittelfeldzentrum einige Male so – auch deshalb, weil Frankfurt derartige Situationen stark bespielte. Die Sechser fanden eine passende Orientierung in ihren Bewegungen und beim Andribbeln. Dadurch entstanden günstige Abstände zu den verschiedenen Gegenspielern, dank denen man gut durch verschiedene Zwischenräume durchspielen konnte.

Speziell Kamada im rechten offensiven Halbraum agierte sehr sauber und geduldig in der Besetzung dieses Bereichs. Situativ setzte er sich ballfern leicht noch etwas nach außen ab, wenn nötig. Letztlich konnte Frankfurt eben genau den jeweils ballfernen Zehner oft über Verlagerungen finden, der für die Münchener aus dem Zentrum heraus nicht mehr abzudecken war.

Das führte zunächst einmal vor allem zu vielen Aufrückmöglichkeiten für die Frankfurter. Diese kamen also sehr oft ins Angriffsdrittel gegen die verbleibenden vier bis fünf tiefsten Münchener Akteure. Aus diesen Ausgangslagen – so muss man einschränken – erspielten sich die Gastgeber nun nicht reihenweise Torchancen, sie nutzten die vorhandenen Gelegenheiten recht effektiv. In der ersten Halbzeit waren die Frankfurter zwar nicht das übermäßig stärkere Team, aber gerade in einem spürbaren Maße und vor allem auf komplette Weise in vielen Belangen. Erst diese Konstellation machte die ersten 30 bis 35 Minuten so eindrucksvoll.

Frankfurter Sauberkeit und Aktivität mit Ball lassen nach

Nach dem Seitenwechsel gab es die gelungenen Momente im Frankfurter Übergangsspiel immer seltener, die die langen Bälle bis dahin ergänzt hatten. Damit veränderte sich auch die Partie. Die Spielanteile verschoben sich entsprechend. Auch nach dem Seitenwechsel liefen die Flügelstürmer der Münchener häufig von außen nach innen an. Ballfern standen sie auf diesen Positionen jedoch etwas flacher und enger. Dadurch konnte Frankfurt mögliche lokale Überzahlen im Mittelfeld weniger isoliert und großräumig ausnutzen, indem sich Spieler zum ballfernen Halbraum hin absetzten.

Zudem ließ bei den Sechsern die Intensität im Freilaufverhalten nach, wenn die Halbverteidiger den Ball hatten. Mit der Führung im Rücken und bei zunehmender Spieldauer wurden sie womöglich einfach intuitiv und unterbewusst zurückhaltender. Wenn es zurückfallende Läufe zum Ball gab, zeichneten sich langsam kleine Probleme in der Umsetzung ab: Entweder begannen sie etwas zu früh oder sie fanden häufiger in zentralen Bereichen – gerade auch bei situativen Viererkettenstaffelungen im Aufbau, dann also mittig zwischen den zentralen Akteuren – statt denn im Halbraum.

Beides führte dazu, dass sie für Chuopo-Moting einfacher zu verfolgen waren. Zudem wurden die Abstände zwischen den Sechsern größer und die vertikale Bewegung des tieferen Akteurs erschwerte eine diagonale Staffelung zwischen beiden. Je geringer diese diagonale Note ausfiel, desto effektiver wirkte jeder Deckungsschatten, mit dem die Münchener in jenem Feldbereich arbeiteten. Sowohl im Angriffs- als auch im höheren Mittelfeldpressing fand Frankfurt nicht mehr so sauber Anspielstationen im defensiven Mittelfeld und wurde vermehrt zu langen Bällen gedrängt.

Die Viererkettenstaffelungen versuchten sie sporadisch mit dynamischen Aufrückbewegungen von Hinteregger nach vorne aufzulösen. Aber ansonsten konnten sie in diesen Anordnungen eher leichter nach außen gedrückt werden. Insgesamt kam aus dieser Gesamtsituation nicht mehr die für die Eintracht nötige Vorbereitung zustande, um die eigene Offensivbesetzung im ballfernen Halbraum praktisch zu bespielen.

Bayerns unvollendete Ansätze aus Halbzeit eins

Stattdessen nahmen die Spielanteile der Bayern zu. Darüber hinaus konnten die Gäste im zweiten Durchgang auch noch mehr aus diesen machen als zuvor. Vor der Pause hatten sich die Ansätze dafür angedeutet. Da die Münchener gegen das hohe Frankfurter Pressing zunächst zu vielen Eröffnungen über die Seiten gezwungen waren, tat ihnen jeglicher ruhender Ball im Feldzentrum gut – und sei es, dass dieser etwa aus einer Abseitsposition resultierte. In solchen Fällen konnten sie, so die Lage vor der Pause, verstärkt über die Sechser eröffnen.

Nach etwa 25 bis 30 Minuten hatte es in diesem Kontext vermehrt Szenen gegeben, in denen sich Kimmich und Roca in flachen Positionen und kurzen Abständen zueinander positionierten. Dagegen war es für die Frankfurter unangenehm, mannorientiert zu verfolgen. Normalerweise wurden die engen Deckungen im Übergang nach hinten ohnehin aufgegeben, da man in tieferen Defensivphasen keine Staffelung mit zwei Spielern in der vordersten Linie mehr benötigte.

Umgekehrt übergab der jeweils höhere Sechser das Zurückfallen von Kimmich bzw. Roca meistens entweder an einen Zehner oder in den Raum und orientierte sich zurück nach hinten. Bis auf einzelne Ausnahmen verhinderten die Gastgeber dadurch, das Zentrum zu sehr für Chip-Pässe zu öffnen. Zumindest konnten sich die Münchener auf diese Weise ab Mitte der ersten Halbzeit zunehmend Zirkulationsphasen im zweiten Drittel verschaffen, wenn sich die eigenen Sechser entsprechend befreiten.

Ein Hindernis für Ballpassagen der Bayern ergab sich wiederum gelegentlich durch die Orientierung Frankfurter Mittelfeldakteure, die als gerade „freie“ Spieler keine mannorientierte Zuteilung hatten. Grundsätzlich verschoben sie einfach klassisch im Raum zwischen den Kollegen und füllten nach hinten Lücken. Ballfern nahmen diese überzähligen Mittelfeldleute aber teilweise den dortigen Münchener Außenverteidiger auf. So standen selbst Hasebe oder Rode einige Male in großem Abstand zum jeweils anderen ballfern – und hielten sich dort im unmittelbaren Umkreis von Davies.

Auf solche unorthodoxen Staffelungen mussten sich die Bayern in den entsprechenden Situationen erst einstellen. Der jeweils ballführende Akteur brauchte hier und da etwas länger für die eigene Entscheidungsfindung. Da dies nicht übermäßig häufig passierte, wirkte sich der leichte Überraschungs- oder Gewöhnungseffekt eher zu Frankfurter Gunsten aus, indem er die Dynamik in Münchener Zirkulationsphasen leicht verringerte. Nach dem Seitenwechsel kamen solche Staffelungen ohnehin kaum mehr vor. Nach etwa 65 Minuten schien Hütter eine tiefere Grundpositionierung anzugeben, im Zuge derer sich die Eintracht geschlossener in den Raum fallen ließ.

Rode doppelt gegen Sané, Süle lockt Kostic

Auf der eigenen linken Seite musste der Sechser bei der Eintracht oft aus der Bewegung weit zum Flügel verteidigen. Bei gegnerischem Ballbesitz im Zentrum startete Rode manchmal bereits in einer breiteren Grundposition, sofern klare Mannorientierungen der Zehner auf die gegnerischen Sechser bestanden und sich Hasebe um Chuopo-Moting kümmerte. Generell fiel dem halblinken Mittelfeldakteur die Aufgabe zu, gegen Sané doppeln, falls dieser ins 1gegen1 gegen Ndicka kam.

Diese Konstellation erlaubte Kostic gelegentlich mehr Freiheiten bzw. eine höhere Positionierung. Da Süle dagegen aber ebenfalls hinten blieb und absicherte, sorgte situatives Zocken auf der bespielten Seite letztlich nicht für allzu ausgeprägte Kontergefahr. Wirksamer versprach Kostic in der Rolle als Umschaltspieler demgegenüber aus ballfernen Zonen zu werden. Griffen die Münchener über links an, schob Süle gar nicht so sehr als Absicherung flach in die Kette, sondern oft horizontal enorm eng, also eher in den Sechserraum.

Mehrmals stand er nicht diagonal versetzt ,sondern mehr oder weniger vertikal genau vor Boateng. Unabhängig davon, welche Intention dahinter im Einzelnen bestand, half dies den Bayern letztlich aus dreierlei Gründen: Erstens verteidigte auch Kostic ballfern gelegentlich weit nach innen, da er dort mitunter auf Lücken zwischen Mannorientierungen reagieren musste und dem Anschein nach nicht zu tief nach hinten fallen wollte oder sollte. Dementsprechend hatte ihn Süle aus einer sehr engen Position oft immer noch auf dem Schirm.

Zweitens waren für den Nationalverteidiger die Wege kurz, um im Umschalten zumindest die Möglichkeit zu haben, gegen Kamada oder Younes ins Gegenpressing zu rücken. Die gegnerische Zehnerbesetzung war also im Dunstkreis. Drittens war die enge Position Süles für die Rückzirkulation interessant, nachdem ein Angriff von der linken Seite abgebrochen und zurückgespielt worden war. Oft setzte sich der Münchener Rechtsverteidiger in solchen Szenen schnell nach hinten, aber gar nicht so weit in die Breite ab. Gelegentlich ließ sich Kostic davon schnell nach vorne locken und spekulierte zu früh auf einen möglichen neuen Pressingübergang, stand dann aber zu hoch.

Raum öffnen für Sané ins 1gegen1 oder für Lewandowski als Zusatzspieler

Offensivformation Bayern, Defensivformation in Halbzeit zwei bis ca. zur 65. Minute

Generell deutete sich an dieser Stelle das allgemeine Potential engerer Positionen der Außenverteidiger gegen die Zuteilungen der Frankfurter Mannorientierungen an. In der zweiten Halbzeit wurde dies auf jener rechten Seite schließlich zu einem Schlüsselspielzug für die Bayern – möglich auf der Basis der steigenden Ballbesitzwerte. Der Grundablauf war an sich einfach, in der Ausführung setzten die Münchener ihn nach der Pausenansprache wesentlich klarer und gezielter um als zuvor:

Süle stand eng und setzte sich gegebenenfalls kurzfristig nochmal flacher und tiefer ab, Kostic verteidigte dadurch auch eng und der Flügel hinter ihm wurde geöffnet. Sané lief sich breit frei und sollte in diesem Raum ausweichend ins 1gegen1 kommen. Häufig spielte Süle selbst die Bälle nach außen und ging dann innen nach. Er sorgte so für die Folgeaktion, für die unter anderem der eingewechselte Goretzka alternativ infrage kam.

Später variierten die Bayern das bei längeren Zirkulationsphasen mit flachen und breiten Positionen Süles, um so den diagonalen Passweg für Boateng oder einen Sechser durch den Halbraum zu öffnen. Dort bot sich gelegentlich auch Lewandowski an, der umtriebiger agierte und mehr Bälle im zweiten Drittel forderte. Er suchte sich Lücken zwischen den Mannorientierungen, um dort als Überzahlspieler zu fungieren.

Wenn er das in frühen Phasen des Übergangsspiels vor möglichem Übergeben der Frankfurter machte, taten sich diese schwer darauf zu reagieren. Hinteregger, als zunächst nomineller Gegenspieler, konnte als tiefster Verteidiger nicht bis nahe an die erste Pressinglinie verfolgen. Auch bei einfachen Fällen dieses Übergeben wurde Frankfurt nach der Pause unsauber und nachlässig. Es kam mehrmals vor, dass die Hessen es einfach unterließen und beim Verfolgen der Gegenspieler blieben.

Ende der ersten Halbzeit hatte Lewandowski verstärkt mit ausweichenden Bewegungen nach links in die Räume hinter Tuta begonnen. Nach dem Seitenwechsel schaltete er sich vielfältiger ein: Links forderte er stärker in ganz breiten Positionen, quasi neben Coman, die Bälle und nicht nur diagonal ausweichend für Tiefenläufe. Dazu kamen die Wege nach halbrechts.

Dadurch war es für die Münchener weniger problematisch, wenn sich Chuopo-Moting erst in späteren Phasen einschaltete. Hatte dieser sich tief zurückfallen lassen, war er oft eng verfolgt worden, meistens von Hasebe. Mit Gegenspieler im Rücken hatte er bei diesen großräumigen Unterstützungsbewegungen aber Probleme mit dem Timing und brachte sich in mäßige Situationen.

Rund um die Übergangszonen zum Angriffsdrittel waren demgegenüber kürzere Wege zurückzulegen, um eingebunden zu werden. Das lag ihm mehr und dort machte es ihm nicht mehr so stark zu schaffen, wenn er frühzeitig unter Druck stand oder sogar in Unterzahl geriet. Als starker Techniker sicherte Chuopo-Moting in höheren Zonen im Verlaufe der zweiten Halbzeit einige anspruchsvolle, fast zu scharf gespielte Vertikalpässe.

Starke Passgewichtung in den freien Raum bei den Bayern

Genau das war ansonsten ein wichtiger Schlüssel für die Steigerung der Münchener in Durchgang zwei: die Passgewichtung. Passmöglichkeiten, wie jene auf Lewandowski, in den freien Raum kamen vor, aber bildeten nicht die Mehrheit. Hauptsächlich ging es weiterhin um Zuspiele in 1gegen1-Situaitonen – und darum, diese 1gegen1-Situationen möglichst geschickt anzuspielen (und, jenseits der technischen Ausführung, zuvor bestmöglich Raum darum herum zu schaffen).

Paradebeispiel waren erneut die Bälle aus dem rechten Halbraum auf Sané: Vor allem die Münchener Sechser fanden eine gute Balance für den Schnitt und das Tempo der Pässe. Ihnen gelangen die Zuspiele vermehrt so, dass ihr Kollege von Ndicka nicht sofort unter direkten Druck zu setzen war und/oder dass er ihn gut ins Tempo mitnehmen konnte. Zudem achtete Sané nach der Pause stärker auf Auftaktbewegungen, mit denen er sich vor einem Dribbling bereits in den Raum absetzen konnte. Dies könnte auf konkrete Anweisung von außen zurückzuführen sein.

Insgesamt gestaltete sich die Münchener Anlage nach dem Seitenwechsel schlüssig. Flick passte sein Team gut an: Die Bayern intensivierten Ausweichbewegungen der Stürmer, banden Lewandowski umtriebiger und Süles tiefe Aufbauposition fokussierter ein. Die Sechser bewegten sich insgesamt gut und vielseitig. Folglich legten die Münchener eine starke zweite Halbzeit hin, drängten Frankfurt immer weiter zurück und konnten das Leder phasenweise sehr flüssig laufen lassen.

Dieser Auftritt hätte prinzipiell problemlos noch für den Ausgleich reichen können. Grundsätzlich hielt die Tendenz an, nachdem sich Frankfurt ab etwa der 65. Minute tiefer und 5-4-1/4-5-1-hafter zurückfallen ließ, wenngleich der ganz große Schwung abnahm – womöglich letztlich sogar entscheidend. Insgesamt war es kurios, dass ausgerechnet die Bayern die Intensität zum Ende der Partie steigern konnten, während die Eintracht zwischenzeitlich dem ausgeprägten mannorientierten Verfolgen womöglich Tribut zollen musste.

Fazit

In ihrer 3-4-2-1-Formation – zumal die Zentrumsspieler teilweise enorm gute Positionierungen finden – ist die Frankfurter Eintracht derzeit ein sehr unangenehm zu bespielendes Team. Allein schon der allgemeine Stil der Truppe von Adi Hütter schien gegen die Bayern mit ihrer aktuell drohenden Müdigkeit sehr passend zu sein. Diese Grundkonstellation bestätigte sich in der starken ersten Halbzeit und vor allem der starken Anfangsphase seitens der Frankfurter.

Zur Pause schien die Konstellation für die Bayern eine komplizierte Zwickmühle. Vom Standpunkt jener Momentaufnahme aus war es überraschend, wie gut die Münchener nach dem Seitenwechsel in die Partie zurückkamen und wie dominant sie im weiteren Verlauf wurden. Nicht zum ersten Mal nahm Flick die passenden Maßnahmen innerhalb der laufenden Partie vor, ohne dass es sich um gravierende Eingriffe handeln musste.

So war letztlich für die Münchener die zweite Halbzeit fast „wichtiger“ als der erste Durchgang, aus der die entscheidende Hypothek des 2:0-Rückstandes stammte: Zum einen wäre allein nach der Leistung des zweiten Durchgangs trotz eben jener Hypothek ein Punktgewinn doch noch absolut im Bereich des Möglichen gewesen. Zum anderen lässt sich aus den zweiten 45 Minuten ein guter und wichtiger Eindruck mitnehmen, auch wenn es eben keinen handfesten Zähler für die Tabelle gab. Auch das kann sehr wertvoll sein und manchmal muss man sich damit begnügen.

Joakina 21. Februar 2021 um 17:35

Danke für den interessanten Artikel!

Antworten

Daniel 21. Februar 2021 um 12:13

Verfolgt hier jemand Serie A und kann sagen, inwiefern der Stil und die Stärken Lazios ähnlich gut zu Bayerns momentanen Problemen passt wie der der Eintracht? Hab Lazio leider schon ewig nicht mehr spielen sehen…

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