Türchen 12: Filip Kostic

Totgesagte leben länger. Und Absteiger sowieso. Die wundersame Auferstehung des Filip Kostic.

Der Hamburger SV hat in den vergangenen Jahren einige schlechte Entscheidungen getroffen. An Filip Kostic lässt sich die gesamte Misere des Klubs nacherzählen. Der mit Kühne-Millionen finanzierte Rekordeinkauf des Hamburger SV – angeblich kostete er 15 Millionen Euro – entpuppte sich nicht nur als Flop. Viel schlimmer noch: Als er dann nach Frankfurt verliehen wurde, blühte er plötzlich auf. Das ist der Albtraum eines jeden Kaderplaners: Erst wurde Kostic zu teuer gekauft, dann zu billig verkauft.

So manch ein Fan des Klubs formerly known as Bundesliga-Dino flucht bis heute auf Kostic. Hätte er solche Leistungen nicht auch im Dress des Hamburger SV zeigen können? Sie verkennen dabei, dass Kostic in Hamburg nie das Umfeld vorfand, um aufblühen zu können – außerhalb, aber auch auf dem Feld. Erst Eintracht-Trainer Adi Hütter gelang, Kostic umzuschulen und in einer neuen taktischen Rolle ideal einzubinden.

Karrierestart als Dribble

Kostic begann seine Karriere in Serbien, ehe er 2012 nach Holland wechselte. Beim FC Groningen genoß er die klassische niederländische Ausbildung eines Außenstürmers. Als Linksaußen machte Kostic das, was klassische Linksaußen im holländischen 4-3-3/4-2-3-1-Mischsystem so machen: Mit seiner filigranen Technik und seinen Tempodribblings narrte er seine direkten Gegenspieler.

Als der VfB Stuttgart ihn verpflichtete, sollte er genau diese Rolle erfüllen: Als Linksaußen sollte er mit seinen Dribblings die gegnerischen Verteidiger narren. Die meiste Zeit nutzte der VfB eine Asymmetrie, um die Stärken von Kostic zur Geltung zu bringen: Er sollte als Linksaußen Angriffe vorbereiten und Flanken in den Strafraum schlagen. Der jeweilige Rechtsaußen, beispielsweise Diagonalstürmer Martin Harnik, sollte in den Strafraum starten und die Flanken abnehmen.

Stuttgarts Asymmetrie unter Huub Stevens: Kostic blieb auf links breit und bereitete vor, Harnik auf rechts startete in den Strafraum.

In dieser Zeit war Kostic ein recht klassischer Flügeldribbler, mit einem klassischen Repertoir aus Stärken und Schwächen. Hatte er erst einmal Tempo aufgenommen, konnten die wenigsten Verteidiger ihn halten. Kostics große Stärken waren sein irres Tempo gepaart mit seiner engen Ballführung. Kostic ist jedoch kein Stratege. Da er sich beim VfB selten ins Kombinationsspiel einfügte, neigte er dazu, sich selbst von seinen Mitspielern zu isolieren. Breit stehen, ins Tempo kommen, Gegenspieler ausdribbeln: Das war sein Spiel. Ein taktisch limitierter Linksaußen mit wahnsinnigen individuellen Stärken, wenn man es vereinfacht ausdrücken möchte.

Zugleich entpuppte er sich gerade in der Stuttgarter Abstiegssaison als defensive Schwachstelle. Kostic mangelte es an Spielintelligenz, um sich in den Pressing-Plan seines Teams einzufügen. Meist orientierte er sich nur am gegnerischen Außenverteidiger und nahm diesen mannorientiert aus dem Spiel. Häufig ließ er sich dabei weit in die eigene Hälfte ziehen, einfach weil er an seinem Gegenspieler klebte. Das schadete nicht nur seinem offensiven Potential – Kostic startete im Konter meist zu tief. Es lief gerade in der ersten Saisonphase Alexander Zornigers Plan zuwider, ein aggressives Angriffspressing spielen zu lassen. Kostic war keineswegs der entscheidende Akteur am Abstieg des VfB; er ragte jedoch auch nur selten aus einer schwachen Elf heraus.

Kostic beim HSV: zur falschesten Zeit am falschesten Ort

Beim Hamburger SV sollte alles besser werden. Der zur Saison 2016/17 als Rekordeinkauf verpflichtete Serbe sollte das Offensivspiel seiner Mannschaft ankurbeln. Das Problem: Er wurde in eine dysfunktionale Mannschaft geschmissen. Spätestens mit dem Trainerwechsel von Bruno Labbadia zu Markus Gisdol gab der HSV jeden Versuch auf, Fußball zu spielen. Gisdol praktizierte Chaosball: Der Gegner sollte ständig angelaufen werden, der lange Ball wurde lang gespielt, es gab keine Ruhe im Spiel.

Kostics Einbindung unter Gisdol anhand des Derbys gegen Werder: Er spielte tororientierter und weniger breit als zu seiner Zeit in Stuttgart.

Das war keine ideale Voraussetzung für einen Techniker wie Kostic. Fußballerisches Können war bei Gisdols HSV keine Grundvoraussetzung, sondern eher hinderlich. Kostic kam nie in dynamische Dribblingsituationen – er bekam nie den Ball in den Fuß. Im Pressing fehlte ihm das Timing, um wirklich nützlich zu sein. Gisdol versuchte, sein Tempo als Diagonalstürmer zu nutzen. Unter Christian Titz spielte er zumeist als Rechtsaußen als Abnehmer von Bällen hinter die Abwehr. In der Abstiegssaison 2017/18 gelangen Kostic fünf Tore, sonst aber so gut wie nichts.

Kaum jemand ärgerte sich in Hamburg, als der Verein ihn nach dem Abstieg nach Frankfurt auslieh. Ein Kaufgeschäft kam nicht infrage – dazu war Kostics Gehalt zu hoch. Der HSV war überhaupt froh, nicht auf den enormen Kosten für ihren Flop-Außenstürmer sitzen zu bleiben. Doch mit dem, was dann geschah, konnte niemand rechnen.

Vom Flügeldribbler zum Wing-Back

Unter Frankfurts neuem Trainer Hütter blühte Kostic auf. Er war der erste Trainer, der Kostics Mischung aus Stärken und Schwächen gut in ein Gesamtkorsett einzubauen wusste.

Kostic bekam bei Eintracht Frankfurt keine fokale Rolle, er sollte nicht mehr als Außenstürmer jedes Tor einleiten oder als Diagonalstürmer Tore erzielen. Hütter stellte ihn als Wing-Back einer Fünferkette auf. Oder war es wirklich eine Fünferkette? Hütter denkt derart offensiv, dass er von seinen Wing-Backs fordert, permanent vorne präsent zu sein. Kostic rückte bis an die letzte Linie vor. Als Wing-Back konnte er jedoch sein Tempo viel besser einsetzen: Er startete aus der Tiefe, nahm Geschwindigkeit auf und erhielt erst dann den Ball. In Stuttgart kam Kostic häufig in undynamische, tote Situationen auf dem Flügel, wo er häufig erst Tempo aufnehmen musste. In Hamburg bekam er Bälle meist erst im letzten Drittel. In Frankfurt ist beides nicht der Fall: Er erhält Bälle in Situationen, die bereits dynamisch sind, und das wesentlich häufiger und erfolgsstabiler als in Hamburg.

Zugleich hat Hütter für Kostic eine wesentlich einfachere Defensivrolle. In Frankfurts äußerst mannorientiertem System darf sich Kostic an seinem Gegenspieler orientieren. Zudem darf er in Frankfurt viel stärker nach vorne verteidigen: Aufrücken und Durchverteidigen bis an die gegnerische Abwehrlinie wird von allen Spielern gefordert, gerade von den Wing-Backs. Kostic kann seine Dynamik nun also auch im Spiel mit dem Ball besser einsetzen, und das in einer simplen, aber dennoch äußerst effektiven Rolle.

Kostic avancierte zum absoluten Stammspieler und Publikumsliebling. Seine Tempodribblings waren ein wesentlicher Faktor für Frankfurts starke Saison. Mit seinen Läufen in die Tiefe befreite er zudem die Büffelherde das ein oder andere Mal von ihren Verteidigern – eine Win-Win-Situation. Mit 23 Torbeteiligungen in 46 Pflichtspielen war es Kostics effektivste Saison, seit er nach Deutschland kam. Unter dem klassischen Außenstürmer schlümmerte ein offensiver Wing-Back, der nur darauf wartete, befreit zu werden.

Der Preis des Erfolgs

Zur neuen Saison verlor die Eintracht ihre Büffelherde. Kostic indes wurde fest verpflichtet von Eintracht Frankfurt für die spöttische Summe von sechs Millionen Euro. Beim HSV hatte beim Aushandeln des Preises niemand damit gerechnet, dass Kostic derart durchstartet. Man hatte den Kaufpreis nach seiner Durchbruchssaison sogar noch hochhandeln können.

In Frankfurt machte Kostic in der neuen Saison dort weiter, wo er aufgehört hatte: als Tempodribbler bekam er Bälle auf Linksaußen, immer häufiger zog Kostic mit dem Ball am Fuß in Richtung Tor. Seine Einbindung wird sogar noch stärker forciert, seit die Büffelherde nicht mehr im Frankfurter Waldstadion grast. Kostics dynamische Durchbrüche sind mittlerweile fester Teil von Hütters Strategie, vor das gegnerische Tor zu gelangen.

Kostics stärkere Einbindung hilft dem Serben aber nicht immer. Kostic steht nun wie die gesamte Eintracht vor dem Problem, tiefer stehende Gegner zu knacken. Er gelangt somit seltener in Umschaltmomenten dynamisch an den Ball, sondern häufiger in „toten Situationen“ auf dem linken Flügel, wie man sie aus seiner Zeit in Stuttgart kannte. Zu selten hat er bereits Tempo aufgenommen, wenn er den Ball erhält.

Diese klassischere Nutzung als Außenstürmer und die stärkere Fokussierung auf Kostic als Unterschiedsspieler kommt dem Naturell Kostics nicht immer entgegen. Gegen Hertha BSC war Kostic etwa der Eintracht-Spieler mit den meisten Ballkontakten. Fast jeder Angriff lief über seine linke Seite. Kostic ist ein großartiger Techniker, aber kein Stratege und Ballverteiler. Das spürt man: Ganze 28mal wählte er eine Flanke, um eine Situation zu lösen. Nur ein Viertel dieser Flanken fand einen Mitspieler.

Kostic droht, in dieser neuen Einbindung seine Stärken nicht so gut zur Geltung bringen zu können wie noch in der vergangenen Saison. Es droht quasi ein Rückfall in alte Zeiten. Hütter wird genau dies zu verhindern suchen. Ihm ist es schon einmal gelungen, Kostics wahres Potential auszuschöpfen. Daran ändert auch eine etwas schwache Phase aktuell nicht. Am Phantomschmerz in Hamburg auch nicht: Sie werden noch immer dem Verlustgeschäft Kostic hinterhertrauern.


Izi 21. Januar 2020 um 07:04

„ Fußballerisches Können war bei Gisdols HSV keine Grundvoraussetzung, sondern eher hinderlich.“
Das ist schon eine deftige Watschn für Gisdol. Kann msn das gleiche über seine aktuelle Kölner Mannschaft sagen?
Wenn ja, was qualifiziert ihn zum Trainer? Wenn nicht, warum?
Danke für das Portrait! Obwohl Kostic beim VfB nicht optimal genutzt wurde, war er in so manchem Spiel der einzige Lichtblick für mein geplagtes Fanherz…

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tobit 22. Januar 2020 um 23:30

Was ihn qualifiziert: Er kann seine Spielweise vermitteln. Damit ist er schonmal in zwei Punkten weiter als so einige andere mit regelmäßiigen Profi-Engagements:
1. Er hat eine eigene Idee, wie er spielen lassen möchte.
2. Diese Idee wird dann auch auf dem Platz sichtbar.

Seine Idee basiert vor allem auf der eigenen körperlichen Überlegenheit und der besseren Vorbereitung auf das erzwungene Langball-Chaos. Seine Teams werden so eingestellt, dass sie den Gegner (bis zu einem gewissen Qualitätsunterschied) so stark unter Druck setzen, dass er die Ballkontrolle verliert. Die daraus folgenden Situationen mit ständig wechselnden Spielzonen und Ballbesitz-Ping-Pong werden entsprechend fokussiert trainiert, sodass die eigenen Spieler in ihnen weniger Fehler machen als die daran nicht gewöhnten Gegner. Diese Situationen erfordern keine filigrane Technik sondern (neben starken athletischen Fähigkeiten) vor allem permanente Aufmerksamkeit und Reaktionsschnelligkeit. Auf dem Level der typischen Gisdol-Teams finden sich halt eher selten Spieler wie Messi oder Marquinhos, die alle diese Merkmale vereinen. Also sucht er eher die technisch limitierten, dafür aber in den anderen Bereichen begabten Spielertypen. Schmelzer könnte z.B. ein durchaus interessanter Gisdol-Spieler sein, da er sehr flexibel auf situative Anforderungen reagiert, stark im Pressing (wenn auch nicht unbedingt in direkten Duellen) ist und in Ballbesitz nicht zum überbordenden Klein-Klein neigt.

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DG 15. Dezember 2019 um 12:45

Kostic unter Titz fand ich eigentlich auch ganz cool. Also klar, die Rolle war nicht optimal, aber in den paar Spielen, die ich damals mit ihm rechts außen gesehen habe, hat er auch immer wieder durch horizontale Bewegungen durch den Zwischenlinienraum Kombinationen angetrieben. So ein wenig hatte ich immer das Gefühl, er wolle auf seine linke Seite, weshalb er dann angefangen hat, sich darüber zu kombinieren.

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