Schlagabtausch um die Europa League

2:2

Balance im Auf- und Nachrückverhalten zieht sich als Schlüselthema durch ein ausgeglichenes, vielseitiges und wechselhaftes 4-4-2-Duell zwischen Wolfsburg und Freiburg. In der Strafraumverteidigung treten ungewöhnliche Vorkommnisse auf.

Oliver Glasners Wolfsburger und Christian Streichs Freiburger trennen sich in einem wechselhaften Spiel mit einem Unentschieden, das für keinen der zwei direkten Konkurrenten um die Europa-League-Plätze größere tabellarische Weichenstellungen bringt.

Das sieht man mittlerweile so eher selten in der Bundesliga: Zwei Mannschaften agieren jeweils in einer nominellen 4-4-2-Grundformation und interpretieren diese mit zwei wirklichen Spitzen auch recht „klassisch“ – damit aber übrigens nicht zwingend: veraltet – 4-4-2-haft. Beide versuchten durch kompakte Defensivstaffelungen mit den Angreifern den gegnerischen Sechserraum zu versperren. Beide hatten über das Sturmduo zwei direkte Anspielstationen in der Tiefe sowohl aus dem Ballbesitz als auch für den ersten Umschaltmoment. Die Angreifer sorgten für Bewegung in hohen Zonen und beschäftigten die gegnerischen Verteidiger mit vielen Ausweichbewegungen.

Dementsprechend überwog über weite Strecken eine gute Umsetzung dieser personellen Besetzungen. Konkret im Offensivspiel stützten sich die Teams nicht nur auf die reine numerische Präsenz der Doppelspitze, sondern schöpften darüber hinaus systematisch an deren Möglichkeiten, etwa durch klare Kreuzbewegungen. Freiburg hatte einige saubere Abläufe in der Strafraumbesetzung und auch schon im Rückraum, wo Waldschmidt bei schnellen Vorstößen der Kollegen über außen häufig im Schatten von Höler lauerte.

Licht und Schatten in der Freiburger Strafraumverteidigung

Beide Teams betrieben schließlich viel Aufwand, um im Mittelfeld letztlich nicht zu offen zu werden – was zwar nicht immer, aber häufig funktionierte. Für Wolfsburg konnte Schlager mit vertikalem Bewegungsspiel weite Räume überbrücken, zumal Ginczek die gegnerischen Sechser beschäftigte. In den frühen Phasen des Aufbaus positionierte er sich oft tief und band Koch bzw. Höfler. Erst im Übergang sorgte er für aggressive Läufe in die Spitze, die die Freiburger aus dem Mittelfeld zur Vorsicht manchmal sogar mannorientiert verfolgten und die dadurch Schlager noch etwas mehr Raum ermöglichten.

Wenn die Gäste in den Rückzug übergehen mussten, ergab sich in den tiefen Bereichen in der Folge ein ungewohntes Bild: Die Mannen von Streich hatten in der Strafraumverteidigung ungeordnete Momente – selbst in Szenen, in denen Wolfsburg den Ball zunächst noch zumindest kurz im Angriffsdrittel hielt. Die offensiven Flügel verteidigten mehrmals auch dann in sehr flache Staffelungen, wenn der gegnerische Außenverteidiger eingerückt hinten blieb. Dadurch hätten die eigenen Außenverteidiger mehr gegen die Wolfsburger Doppelspitze unterstützen können, im letzten Moment übernahmen stattdessen oft die zunächst gut gestaffelten Sechser kurzfristig und spontan noch die Verfolgung der Läufe von Weghorst und Ginczek zum Fünfereck, ersten oder zweiten Pfosten.

Dieses Verhalten hätte interessant sein können, quasi in Form einer ergänzenden Rückwärtsdeckung durch die defensiven Mittelfeldakteure auch in der Strafraumverteidigung, aber nur bei klarerer Koordination zu den Innenverteidigern und deren Orientierung und Bewegungen. Das war aber nicht so abgestimmt und so geriet Freiburg speziell in der ersten Halbzeit gegen Flanken und Hereingaben in Schwierigkeiten. Bei beiden Gegentoren (bzw. beim 2:0 der Entstehung) war der verfolgende Sechser gegen den Abschluss des Stürmers sogar fast „dran“, aber vor dem zweiten Tor musste Koch letztlich alleine in den größeren Raum verteidigen.

Obacht in der Positionsfindung im Mittelfeld

Neben Ginczeks Zurückfallen rückten Brekalo und Steffen in verschiedensten Situationen nach innen, suchten viele Dribblings und schufen damit hohe Dynamik in der Viereroffensive. Allerdings gestaltete sich ihr Timing für den Moment der Einbindung wechselhaft. Bei Freiburg hatte Grifo viel Präsenz, bot sich konstant in den Halbräumen an und versuchte in unterschiedlichen Feldbereichen Überzahlen herzustellen. In diesem Zusammenhang war es für die Sechser allerdings auf beiden Seiten schwierig, die gegnerischen Offensivabteilungen zuverlässig zu kontrollieren. Herausrückende Bewegungen mussten sorgsam abgewogen werden. Es gab viele Szenen, in denen sich die vier Offensivkräfte eng zusammenzogen.

Die defensiven Mittelfeldmannen mussten aufpassen, nicht zu früh auf einen bestimmten Raum oder eine bestimmte Bewegung zu setzen und dadurch einen weiten Weg zurück in die Position zu haben. Optimistisches Vorrücken speziell in längeren bzw. mehrfachen Umschaltsituationen – mit ihrer oft nicht so leicht abzuschätzenden Dynamik – konnten schnell gefährlich sein. Letztlich kam es häufiger vor, dass Abpraller nach umkämpften Situationen im Mittelfeld überraschend durch das Feld sprangen und die Sechser, aber in der Folge auch die Viererketten vor Probleme stellten. Ganz allgemein wurde in diesem 4-4-2-Duell das Abwägen sämtlicher Arten von Vorwärtsbewegungen und damit das Auf- und Nachrückverhalten zu einem Schlüsselbereich.

Während der Anfangsphase ergab sich auf Wolfsburger Seite zwischenzeitlich zumindest für die eigene Absicherung aus dem Ballbesitz eine leichte Erhöhung der Stabilität, als sie verstärkt über die rechte Seite angriffen. In diesen Überladungen zogen die Gastgeber viel Personal – oft auch die beiden Spitzen – zusammen und spielten daher offensiv eng gestaffelt. Zwar antwortete Freiburg darauf mit einer nicht minder geschlossenen und grundsätzlich starken Horizontalkompaktheit, so dass eine beidseitige Stabilität entstand, die sich großteils neutralisierte. Aber so hatte Wolfsburg zumindest einen höheren Anteil an Ballbesitzmomenten, in denen gefährliche Ballverluste unwahrscheinlich waren. Aus diesen engen Staffelungen gab es zudem noch den kleinen Vorteil, dass Schlager und Arnold gegenüber ihren Freiburger Pendants noch etwas mehr Dynamik einbringen konnten.

Dreierreihen im Aufbau bei beiden Teams

Um in der ersten Linie mit Ball gegen die jeweiligen Stürmer des Gegners mehr Ruhe zu generieren, arbeiteten die Mannschaften mit vielen Dreierreihen im Aufbau. Einer der Sechser kippte seitlich neben die Innenverteidiger heraus oder ließ sich zentral zwischen sie fallen. Auch deshalb war es wichtig, dass die Offensivspieler sich häufiger ins Mittelfeld bewegten, um den anderen Zentrumsspieler dort zu ergänzen.

Gegen das Freiburger Herauskippen verschob Wolfsburg zumeist in asymmetrische 4-3-3-Staffelungen zum Ball hin – mit dem ballnahen Außenspieler in höherer und dem ballfernen Kollegen in tieferer Position. Vonseiten der Gäste fanden solche Umformungen nicht in diesem ausgeprägten Maße statt. Die Breisgauer setzten aus den 4-4-2- oder tiefen 4-2-4-Staffelungen stärker auf bogenförmige Anlaufbewegungen von den Seiten. Probleme konnten sich allerdings in den Anschlussräumen hinter der ersten Linie zum zentralen Mittelfeld hin ergeben.

Wenn im Wolfsburger Pressing der ballnahe Außenspieler auf den Ballführenden – damit etwa auf eine Linie mit den Mittelstürmern – vorrückte, konnte er den Passweg auf den Außenverteidiger hinter ihm gut im Deckungsschatten versperren. In der Anfangsphase hätte Freiburg gegen dieses gegenläufige Pendeln der Wolfsburger Flügelspieler den Ball noch mehr laufen lassen sollen. Die Freilaufbewegungen des zweiten Sechsers war zwar ambitioniert und vielseitig, aber bei diesen Situationen etwas unzuverlässig und unstetig.

Dadurch konnte der entsprechende Akteur nicht immer die Verbindungen zwischen den Verteidigern halten, um weitere Dynamik für die Ballzirkulation zu ermöglichen. Auch wenn die Gäste ohne einen tieferen Sechser in der ersten Linie aufbauten, kamen die Bewegungen der gegnerischen Flügelspieler zunächst gut zum Tragen. So zog sich Ginczek gegen die zwei Innenverteidiger einige Male tiefer zurück und ging in der Folge kürzere Mannorientierungen auf einen defensiven Mittelfeldmann der Freiburger ein. Dies verband der VfL mit einem diagonalen Pressing des Flügelspielers ballnah auf den Innenverteidiger, woraufhin der eigene Außenverteidiger im Anschluss nachrücken konnte.

Vom tiefen Sechser zu seitlichen Vorwärtswegen

Im Laufe der Partie entwickelte sich für den Freiburger Aufbau das zentrale – statt seitliche – Zurückfallen des Sechsers zur vielversprechenderen Variante. Zwar konnte Wolfsburg gegen diese Form der Dreierkette im Pressing die Bewegungen noch flexibler anlegen, wenn sie mit einem der beiden Außen zusätzlich vorrückten. Der Ablauf erfolgte also noch dynamischer, allerdings fanden die Gäste darin keine so gute Umsetzung, wie man sie in anderen Partien der aktuellen Saison bereits von ihnen beobachten konnte. Vor allem das Timing der Bewegungen der Offensivakteure funktionierte nicht optimal, war in dieser veränderten Konstellation jedoch stärker gefragt.

In der Folge konnte es in einigen Situationen eher zu Unsicherheit kommen, ob der jeweilige Außenspieler beispielsweise gerade nur die unmittelbare Kompaktheit um die erste Linie herum halten oder etwas aggressiver anlaufen sollte. Hinzu trat eine Veränderung im Verhalten der Freiburger Außenverteidiger, die sich dadurch besser ins Spiel brachten. Grundsätzlich starteten sie im Aufbau weiterhin aus einer erhöhten Startposition, wenn der eine Sechser die Innenverteidiger in der Tiefe ergänzte. Aus dieser Ausgangslage heraus ließen sie sich bei diagonalen Vorrückbewegungen eines gegnerischen Außen später häufiger dynamisch in flachere Staffelungen zurückfallen.

So lösten sie sich nach hinten aus dem gegnerischen Deckungsschatten heraus und wurden tief anspielbar. Schmid und Günter führten diese Bewegungen gut aus und nahmen etwaige Pässe auch dynamisch nach vorne mit. Wurde also das diagonale Anlaufen des offensiven Flügels überspielt, versuchte Wolfsburg erneut mit dem Außenverteidiger dahinter nachzurücken, traf jedoch auch auf dieser Position diese Entscheidung gelegentlich verspätet – speziell im Laufe des zweiten Durchgangs. Dies schwächte wiederum die Wirkung des Deckungsschattens. So hatte Freiburg letztlich – nach klaren, simplen Vorwärtspässen entlang der Linie – Ansätze über Ausweichbewegungen in den Rücken des gegnerischen Außenverteidigers, beispielsweise über den gewohnt umtriebigen Höler.

Insgesamt blieb Wolfsburg dagegen in der Kette recht vorsichtig: Vor allem Brooks konzentrierte sich stärker darauf, das Zentrum zu halten denn allzu aggressiv durchzusichern, vermutlich wegen der nominellen Präsenz aus dem gegnerischen 4-4-2. Im Verlauf der Partie mussten die Wolfsburger den Gästen daher vermehrt Aufrückmomente zugestehen und sich stärker auf die Strafraumverteidigung verlassen, in der ihre Defensivbesetzung aber nicht den besten Auftritt der Saison an den Tag legte – also ähnlich wie ihr Gegner in einer früheren Phase. Zum Schluss waren die Freiburger in einem über die Gesamtdauer recht ausgeglichenen Begegnung dem Sieg näher.

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