Türchen 15: Douglas Santos

Die Wandlung vom (Mit-)Läufer auf Außen zum einrückenden Außenverteidiger und die Zuspitzung als Spielmacher im Halbraum.


Kontext: Spielerleistungen und –einschätzungen beim HSV

Es klang im diesjährigen Adventskalender bereits an: Beim Hamburger Sport-Verein hatten es diverse Spieler im Laufe der Dauerkrise in der Bundesliga nicht leicht, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen und schöpften ihr eigentliches Potential erst wieder nach der Zeit in der Hansestadt aus oder manchmal auch nie wieder.

Als klassischer Fall für ersteres dient hier Filip Kostic. Auch Namen wie Luca Waldschmidt, aktueller Nationalspieler, ließen sich in diesem Kontext nennen. Für zweiteres käme beispielsweise Lewis Holtby, ehemaliger Nationalspieler, in Frage. Ganz zu schweigen von Talenten wie Kerem Demirbay, die in der Vergangenheit nicht einmal eine Chance erhielten.

Doch die Geschichte von Douglas Santos ist anders gelagert: Nachdem er bereits bei Granada und Udinese gespielt hatte, kehrte er zunächst nach Brasilien zurück. Nur um dann 2016 doch wieder in Europa zu unterschreiben. Dieses Mal beim HSV, der sich seine Dienste über 6 Millionen Euro kosten ließ.

Lange Zeit lief er irgendwo mit im alltäglichen Wahnsinn an der Elbe. Er schaffte es immerhin, häufig zu spielen und dabei vergleichsweise wenig negativ aufzufallen. Doch Spiele gewann er für die Rothosen im Alleingang ebenfalls nicht.

Als es eigentlich schon zu Ende ging, kam schließlich Christian Titz. Der erste Trainer seit Jahren, der seinen Fokus auf das Spiel bei eigenem Ballbesitz legte, statt den dauerhaften Überlebenskampf am Rande des fußballerisch Aushaltbaren fortzuführen.

In Bezug auf Douglas Santos wirkte dieser Schritt so, als hätte man den Brasilianer nochmals verpflichtet und nun aber auch wirklich den Spieler bekommen, der er vorher nur selten sein durfte.

Doch auch die Zeit unter Titz verlief in Hinblick auf die Gesamtsituation turbulent: Abstieg in die 2. Bundesliga. Douglas Santos setzte sich im Zuge dessen fast nach Leverkusen ab. Als der Wechsel scheiterte, blieb er eben. Vor allem um Woche für Woche zu zeigen, dass es fast lächerlich war, dass er nicht eine Liga höher spielen durfte.

Dabei gestaltete sich seine Rolle im oft ausrechenbaren, flügellastigen Spiel anspruchsvoll. Zu häufig ließ sich die Mannschaft an der Seitenlinie isolieren. Zu selten gab es für ihn die Möglichkeit, einen freien Raum mit Tempo zu attackieren.

Schritt 1: Santos, der einrückende Außenverteidiger

Dann kam Hannes Wolf und veränderte die Grundausrichtung. Er gab Douglas Santos eine ebenso prominente wie passende Rolle. War unter Titz die hohe Torwartkette noch das taktische Aushängeschild, ließ Wolf die beiden Außenverteidiger einrücken.

Dieses Mittel wird häufig aus zwei Gründen genutzt. Erstens: Zum Freiziehen der Passwege auf die beiden Flügelspieler, die dann mehr oder weniger isoliert ins 1 gegen 1 gehen können. Beim HSV waren dies zu Beginn oft Jatta und Narey. Später wurden allerdings auch andere Spielertypen aufgeboten, auf die dies eher weniger zutraf.  Zweitens: Zur besseren Konterabsicherung beziehungsweise um nach Ballverlust zentral besser ins Gegenpressing zu kommen.

Ein anderer Grund spielt demgegenüber oft keine entscheidende Rolle: Die tatsächliche Nutzung der eingerückten Außenverteidiger für das eigene Ballbesitzspiel. Doch genau dies geschah beim HSV unter Hannes Wolf phasenweise mehr oder weniger fokussiert.

Das lag nicht zuletzt an den beiden eingesetzten Spielern: Gotoku Sakai und eben Douglas Santos. Die Entstehung des Siegtreffers gegen den 1. FC Köln veranschaulicht die Bedeutung eindrucksvoll.

Beim HSV stehen in dieser Situation die beiden Außenverteidiger zentraler als die Mittelfeldspieler. Sakai spielt den Ball zum eingerückten Douglas Santos, während Mangala den äußeren Mittelfeldspieler von Köln bindet. Zudem wird die Viererkette Kölns von den Angreifern des HSV besetzt und nach hinten gedrängt. Douglas Santos hat den gesamten Halbraum offen vor sich, muss lediglich einen der Sechser ausspielen und kann mit Tempo in Richtung Tor ziehen. Sein Schuss wird von Horn noch pariert. Den Abpraller bringt Lasogga im Tor unter.

Das Einrücken war aber nicht das einzige Merkmal für die Spielweise des nominellen Linksverteidigers. Für das Gesamtbild vielleicht gar nicht mal das entscheidende. Douglas Santos wurde zunehmend in Rotationen eingebunden, in deren Zuge er den Ball auch klassisch an der Seitenlinie in Empfang nehmen konnte.

Es ging dabei aber eigentlich immer nur um eines: Ihn mit Blickfeld Richtung Tor so anzuspielen, dass er mit Dynamik in den linken Halbraum vorstoßen oder diesen bespielen konnte. So wurde er im Ballbesitzspiel immer wieder zum entscheidenden Mann, wenn es um überraschende Momente (sprich: Rhythmuswechsel) ging.

Im Derby beim FC St.Pauli bekommt Douglas Santos den Ball am Flügel. Aufgrund der starken Mannorientierung im Mittelfeld der Gastgeber ist einer der dortigen Spieler damit beschäftigt, den Tiefenlauf von Mangala aufzunehmen. So kann nur der Außenverteidiger Druck auf Douglas Santos ausüben. Doch er kommt mit Verspätung an und der Weg nach innen bleibt frei. Der Brasilianer nimmt seinen ersten Kontakt nach innen und dribbelt mit Tempo so lange ins Zentrum, bis er tatsächlich attackiert wird. Dann spielt er den Ball zentral auf Lasogga. Dieser wird gefoult. Freistoß in zentraler Position kurz vor dem Strafraum.

Schritt 2: Santos, der Spielmacher im Halbraum

Je länger die Zeit von Hannes Wolf als Trainer beim HSV dauerte, desto inkonstanter wurden die Ergebnisse. Je inkonstanter die Ergebnisse wurden, desto mehr probierte der Trainer taktisch aus, um vielleicht doch eine dauerhafte Lösung und damit die Konstanz wiederzufinden.

Als Außenseiter im Pokal gegen RB Leipzig packte er die Dreierkette aus. Probiert hatte er das vorher schon ein paar Mal. Doch dieses Mal begann Douglas Santos als Sechser. Das hatte es so noch nicht gegeben.

Gewissermaßen bildete diese Rolle den Höhepunkt sowie den Abschluss einer Entwicklung. Von der zentralen Startposition konnte er, andersherum im Vergleich zu vorher, auf den Flügel ausweichen – entweder im Zuge von Rochaden oder aber zum Überladen.

Aber in den Halbraum musste er sich eben nicht erst bewegen. Da war er schon. Oft wurde er so zum entscheidenden freien Mann, wenn die Hamburger den Ball in ihren Reihen hatten.

Zu Beginn des Spiels war Douglas Santos als Teil einer Doppelsechs im Pressing noch etwas überfordert. Er musste oft weit zum Flügel verschieben und in der Rückwärtsbewegung auch noch den Raum vor der Abwehr mit abdecken. Physisch wäre dies sicher möglich gewesen, aber erschien im Vergleich zu seiner sonstigen Spielweise einfach zu ungewohnt.

Schon früh im Spiel wurde deshalb Jung klar als dritter zentraler Mittelfeldspieler hinzugezogen. Santos spielte fortan eindeutig als linker Achter. Von hier konnte er gut nach außen pressen, mehr wie er es als Linksverteidiger gewohnt war. Gleichzeitig war das Zentrum hinter und neben ihm besser abgesichert und er besser mit den Nebenleuten verbunden.

Nicht zuletzt hatte die Rolle im Mittelfeld den Vorteil, dass er auch in offensiven Umschaltmomenten schneller in zentralen Räumen zur Verfügung stand und sofort Tempo im linken Halbraum aufnehmen konnte.

Der HSV spielt nach Ballgewinn aus der Abwehr nach vorne auf Lasogga, der den Ball auf Douglas Santos klatschen lässt. Er hat das Feld vor sich, kann einen Gegenspieler ausdribbeln und geht im Anschluss nahezu unbedrängt in die gegnerische Hälfte. Dort schickt er dann den am Flügel vorgesprinteten Jatta ins 1 gegen 1, das dieser für sich entscheidet.

Neben den üblichen Vorstößen mit Blickfeld zum Tor wurde im Spiel gegen Leipzig aber auch ein weiterer Aspekt angedeutet, der in dieser Form vorher selten zu sehen war. Douglas Santos lockte als Sechser Gegenspieler an, indem er den Ball auch mit dem Rücken zum Feld forderte. Darin ist er gar nicht einmal herausragend, vor allem nicht im Vergleich mit ausgebildeten Sechsern.

Doch dadurch konnte er Räume freiziehen, die er anschließend selbst nutzte. Im Zuge dessen nutzte er wiederum seine Dynamik. Aber eben aus gänzlich anderer Ausgangslage. Das letzte Szenenbeispiel zeigt: Aus dem Linksverteidiger war ein (potentiell kompletter) Spielmacher mit Fokus auf den linken Halbraum geworden.

Lacroix geht nach Rückpass von Jung zwischen zwei Leipzigern nach vorne und spielt diagonal auf Douglas Santos, der einen Gegner im Rücken hat. Er lässt den Ball einfach prallen und bewegt sich sofort selbst in den freigezogenen linken Halbraum. Dort spielt van Drongelen ihn schließlich auch an. Douglas Santos läuft mit Tempo auf die Abwehr zu, spielt perfekt durch die Schnittstelle auf den von rechts einlaufenden Narey. Großchance für den HSV auf das 2:1.

Fazit: Ein kurzes Vergnügen

Während das Pokalspiel gegen Leipzig trotz 1:3-Niederlage als guter Auftritt des HSV gewertet werden konnte, sollten die übrigen Einsätze von Douglas Santos im zentralen Mittelfeld vor einer Dreierkette nicht von Erfolg gekrönt sein.

Die Mannschaft blieb unter Hannes Wolf letztlich ein einziges großes taktisches Experiment, dem die große strategische Linie fehlte. Einzelne Versuche, wie eben jener, Douglas Santos als kompletten Halbraumspieler aufzubieten, erwiesen sich dabei zwar als sinnvoll, aber verschwommen im Zuge allgemeiner Inkohärenz.

Der Aufstieg wurde verpasst. Am letzten Spieltag spielte Douglas Santos wieder als Außenverteidiger in einer Viererkette. Im Sommer wechselte er schließlich zu Zenit St. Petersburg – immerhin von der 2. Bundesliga in die Champions League.

Dort macht er weiter sein Ding. Ein paar Mal wurde er sogar als Sechser im 4-2-3-1 aufgeboten. Seine erste Aktion beim 3:1-Sieg gegen Tula: Er bekommt den Ball hinter den gegnerischen Stürmern, dribbelt diagonal nach halblinks in den freien Raum an, zieht einen Gegenspieler aus dem Zentrum auf sich und passt wiederum entgegen der Bewegungsrichtung beider nach halbrechts vor die Abwehr auf seinen Zehner.

Irgendwie beschleicht einen dennoch das Gefühl, es wäre mehr drin gewesen: Douglas Santos wirkt wie der perfekte Linksverteidiger für den Fußball von Pep Guardiola. Der Trainer wäre andersherum mit seiner Art womöglich am besten dafür geeignet gewesen, die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Brasilianers gezielt und klar einzubinden und sein Spiel auf ein neues Level zu bringen.

Mittlerweile wird die Rolle des Linksverteidigers bei den Citizens von Angelino ausgefüllt. Den hatten viele vor dieser Saison sicherlich auch nicht auf dem Zettel. Und Douglas Santos? Wenn er nicht gefoult wurde, dann dribbelt er noch heute (im linken Halbraum).

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