Strategisch ganz breite Palette

1:0

Ein mäßiges Bundesliga-Spiel beginnt mit Mainzer Ballbesitzmonopol gegen ein 3-5-2-artiges 3-4-3 der Düsseldorfer und endet mit einer Halbzeit vollen Düsseldorfer Offensivdrangs gegen Mainzer Unterzahl.

Nach einem weitgehend erfolglosen Auftaktprogramm gegen viele Mannschaften aus der oberen Tabellenregion schien zuletzt der Sieg in Paderborn ein kleiner Befreiungsschlag für die Mainzer zu sein. Nun folgte eine erste Serie von Partien gegen sogenannte Abstiegskandidaten, gegen die die Rheinhessen ihre Punkte sammeln wollen. Dementsprechend versuchten sie in Düsseldorf ihre spielerischen Ansätze aus den vorigen Wochen – und prinzipiell auch Monaten – weiter zu tragen und in eine engagierte, bestimmende Herangehensweise umzusetzen.

Gegen zurückhaltende Gastgeber gestaltete sich die Anfangsphase über ausgeprägte Ballbesitzmomente der Mainzer, die ruhige Übergänge aus dem Aufbau heraus und sich oft durch die Halbräume nach vorne zu spielen versuchten. Im Laufe der ersten Halbzeit ließ jedoch die Konsequenz nach und Düsseldorf gewann zunehmend mehr Spielanteile hinzu. Mit dem Platzverweis für Edmilson Fernandes, in der letzten Aktion vor dem Halbzeitpfiff, nahm die strategische Prägung des Spiels eine neue Richtung: Die gesamten zweiten 45 Minuten verliefen in dem Kontrast zwischen Düsseldorfer Offensivversuchen und tiefer Abwehrarbeit der zehn Mainzer.

Bis kurz vor Schluss hielten die Gäste mit einem Mann weniger dem Druck stand, gerade gegen den breiten, flügellastigen Ansatz der Fortuna konnten sie aber die eine entscheidende Flanke nicht mehr verteidigen. Der späte Zeitpunkt des Tores und die eigene numerische Überzahl bedeuteten für Düsseldorf in den wenigen verbleibenden Minuten dann eine vergleichbar komfortable Situation: Unter diesen Umständen gelang es ihnen, den Sieg über die Zeit zu bringen und damit nach fünf verspielten 1:0-Vorsprüngen in Folge die Unruhe stiftende Debatte über die Schwierigkeiten, eigene Führungen zu halten, zu dämpfen.

Düsseldorfs Asymmetrie in den ersten Linien

Im Vergleich mit den zahlen- und punktemäßig wenig ergiebigen letzten Wochen hatte Friedhelm Funkel seine Mannschaft in einer neuen Grundformation auf das Feld geschickt: Der Coach setzte auf eine 3-4-3/5-2-3-Ordnung, womöglich als Reaktion auf die physische Spielweise und die Doppelspitze der Mainzer zur zusätzlichen Absicherung, allerdings auch mit einigen Eigenheiten versehen. Während mit Ball die Offensivformation insgesamt sehr weiträumig gespielt wurde, ergaben sich in der Defensivarbeit gewisse Asymmetrien: Statt auf rechts verteidigte Tekpetey oft eher an der Seite von Hennings wie ein zweiter Stürmer.

Grundformationen erste Halbzeit

Dafür ließ sich Karaman als der andere nominelle Außenstürmer etwas tiefer fallen und gab eher einen zusätzlichen linken Achter neben einer Doppel-Sechs, die sich weiterhin primär wie eine solche verhielt. Dementsprechend blieb die rechte Seite ein wenig offener, so dass es dort weitere Herausrückbewegungen aus der letzten Defensivlinie bis an die nächst höhere Reihe heran gab – entweder von Flügelspieler Zimmer oder von Halbverteidiger Ayhan. Mit den zwei vorderen Akteuren und den zwei Sechsern hatte Düsseldorf erst einmal eine gute Präsenz im Zentrum, um dort den beiden defensiven Mittelfeldmannen der Mainzer zu begegnen.

Diese bewegten sich insgesamt sehr flexibel und neigten frühzeitig, teilweise fast etwas zu schnell zu ballfordernden Freilaufbewegungen. In verschiedenen Staffelungen kippten sie häufig schräg in den Halbraum heraus und versuchten das Spiel anzukurbeln. Aufgrund der Asymmetrie im vorderen Bereich der Düsseldorfer Grundordnung geschah das hauptsächlich auf halbrechts. Diese Bewegungen verfolgten die Gastgeber im ersten Moment häufig sehr mannorientiert und weiträumig, wodurch der Ballführende stärker abgedrängt wurde – von kurzem Rückzug Karamans abgesichert und über die ballfern gewissermaßen abschneidende Position Tekpeteys kompakter geschlossen.

Mainzer Übergangsversuche über die Halbräume

Da die Doppel-Sechs der Mainzer sich aber sehr engagiert und einige gute Folgebewegungen zeigte, ermöglichte das in zweiten Anläufen doch immer mal Optionen zur Fortführung nach vorne. Die Übergänge in die Offensivzonen sollten bei der Mannschaft von Sandro Schwarz über die nominellen Flügelspieler des 4-4-2 geschaffen werden: Öztunali und Boetius rückten weit ins Zentrum ein und orientieren sich prinzipiell in den jeweiligen Schnittstellen der gegnerischen Mittelfeldreihe zwischen Sechsern und äußeren Akteuren – bzw. ungefähr da, wo diese gewesen wären.

Auf links war es gegen die tiefere Spielweise Karamans und die entsprechende Verdichtung schwieriger, in diese Bereiche zu gelangen. Auf der anderen Seite lief es bei Düsseldorf oft darauf hinaus, den Raum durch das Vorrücken Ayhans zu verstärken, der phasenweise schon zwischen Zimmer und Zimmermann auf Mittelfeldhöhe auffüllte. Der Raum dahinter wurde offen gelassen, aber über die Deckungsschatten der zweiten Reihe partiell isoliert und sonst situativ aus der Dynamik heraus verteidigt. Wenn Mainz in der ersten Aufbaulinie länger horizontal zirkuliert hatte, ließen sich häufig Boetius oder Öztunali abwechselnd auf die Linksverteidigerposition zurückfallen und versuchten von dort anzudribbeln.

Es bot sich ein guter diagonaler Winkel ins Feld hinein, Düsseldorf versuchte dagegen mit der Mittelfeldlinie kompakt herauszuschieben. Da in diesen Konstellationen die raumgreifenden Sechser der Gäste schnell wieder mit unterstützten, gab es einige Ansätze aus solchen Momenten. Allerdings bekam Mainz den Halbraum hinter bzw. um Ayhan nicht gut genug besetzt, um diese letztlich noch weiter nach vorne zu tragen. Die Stürmer brachen kaum mal seitlich in jenem Raum rechts vom Zentralverteidiger heraus, sondern hielten sich oft eher im Zentrum an der letzten Linie: Insgesamt schienen sie stark auf zuverlässige Ausgangspositionen für mögliche Ablagen zu achten, die ihre Mitspieler in jenen Konstellationen jedoch nur selten erst einmal vorbereiten konnten.

Stürmereinbindung und Folgeentscheidungen problematisch

Nun war es nicht so, dass den Gästen kaum mal die Überleitung ins vordere Drittel gelungen wäre. Gelegentlich kamen sie von halbrechts trotz der dortigen Kompaktheit über die unterstützende Einbindung aus den Flügelzonen und eventuell scharfe Rückpässe ins Zentrum mal in die Dynamik. Auch gelungene Aktionen beim Andribbeln, nicht nur von links, sondern potentiell auch durch einen der Sechser nach dem Herauskippen, sorgten für einzelne Ansätze. Im zweiten Drittel hatte Mainz eigentlich viel Präsenz zentral und um die Halbräume – und das machte sich auch bemerkbar.

Aber selbst wenn sie vielversprechende Szenen starteten, blieb am Ende fast immer ein Problem mit den Folgeaktionen: Entweder kam einer der offensiven Außenspieler wie gewünscht in einem Zwischenraum frei, doch in diesen Fällen gestalteten sich die weiteren Optionen instabil, da neben den wechselhaften Laufwegen der Stürmer zusätzlich die Sechser mit ihren so flexiblen wie auch unstetigen Bewegungen häufiger mal die Verbindungen abreißen ließen. Statt eine eigentlich gute Position zu halten, gingen sie dann ungeduldig schon in den (nächsten) Anschlusslauf.

Wurde alternativ stattdessen einer der Angreifer eingebunden, gab es Probleme mit der Entscheidungsfindung bei den folgenden Pässen: So gingen einige Ablagen zu weiträumig aus dem Ausgangsraum wieder heraus. Allerdings betraf das nicht nur die Stürmer, sondern stellte in gewisser Weise ein generelles Problem im Laufe der ersten Halbzeit dar: Es gab die eine oder andere eigentlich spielerisch gute Szene, wo die Mainzer dann ausgerechnet die eine vielversprechendste Freilaufbewegung eines Mitspielers in die Zwischenlücke ignorierten, obwohl es gleichzeitig fast die „einfachste“ Option gewesen wäre. Mitunter eine solche eigentlich naheliegende Möglichkeit – vielleicht auch überambitioniert – zu übersehen, war ein schmerzlicher Verlust.

Mainzer Angreifer versuchen nach rechts abzuschneiden

Letztlich sah die Spielanlage der Mainzer im ersten Durchgang insgesamt recht gut aus, es kam daher aber fast nichts dabei herum und keine wirklich klar zu Ende gespielte, allzu gefährliche Torchance zustande. Während das Team von Sandro Schwarz nach beinahe erdrückenden ersten fünfzehn Minuten auch im weiteren Verlauf noch einige lange Ballbesitzphasen hatte, nahmen zusätzlich ab etwa Mitte der Halbzeit bei den Düsseldorfern die Spielanteile zu und die Momente mit Ball mehr Raum ein. Grundsätzlich bedeutete dafür ihre Dreierkette keine so schlechte Ausgangslage gegen das defensive 4-4-2 des Gegners, um in der ersten Aufbaulinie in Überzahl zu sein.

Demgegenüber versuchten die Mainzer Stürmer, bei Pässen vom Zentral- zu einem Halbverteidiger aus der Grundstaffelung mal druckvoller vorzuschieben und dann die jeweils zwei ballnahen Abwehrspieler zuzustellen, den dritten ballfernen Akteur damit dynamisch abzuschneiden. Das machten sie recht geschickt und schienen dabei gewissen leitenden Motiven folgen zu wollen. Zumindest trafen die Angreifer jenen Entschluss für das Zuschieben häufiger zu ihrer eigenen rechten Defensivseite hin, um den Gegner dort zuzustellen. Dies ergänzte sich auch mit dem Muster, dass der dortige Außenspieler häufiger tiefer blieb und sich auf die Kompaktheit zum Block konzentrierte, erst beim Pass auf den gegnerischen Flügelverteidiger aus dem äußeren Halbraum herausschob.

Auf jener Seite konnte Mainz damit viel Präsenz gegen Karaman nachschieben, von dem die Düsseldorfer in ihrer Ausrichtung nominell am stärksten überraschende Momente für sich erwarten durften. Zumeist versuchte sich der Offensivmann in der Schnittstelle zwischen dem ballnah schon etwas höheren Außenverteidiger und dem ballnahen Sechser anzubieten. Dort konnte er einerseits durch gleich drei potentiell nachschiebende Gegenspieler schnell mal abgedrängt werden, mit einigen feinen Bewegungen gelangen Karaman aber auch einzelne Ansätze, um die Situation fortsetzen und beispielsweise Gießelmann zumindest zum Flügel hin mitnehmen zu können.

Raumgewinn über rechts bleibt ineffizient

Wenn Düsseldorf über längere Zirkulation innerhalb der ersten Linie zur anderen Seite eröffnen konnte, agierte dort der Mainzer Außenspieler wesentlich weiträumiger und versuchte bis zu Ayhan vorzurücken. Überhaupt reihte sich der Linksaußen mehrmals situativ als dritter Mann in der vordersten Pressinglinie ein, stellte so also versetzte 4-3-3-Staffelungen her. Wurde sein Vorrücken mit einem Pass nach außen überspielt, schob maximal noch der dortige Außen- auf den gegnerischen Flügelverteidiger nach, ansonsten ließ Mainz aber den Anschlussraum offen und zog sich eher zurück. So kam Düsseldorf über rechts einige Male zu einfachem Raumgewinn, um den Ball so ins Angriffsdrittel zu treiben.

Die Gäste nahmen das in jenen Situationen in Kauf, die Fortuna konnte hingegen nur wenig daraus machen: Die vorderen Spieler rückten sehr schnell in den Strafraum vor, so lief es vom Flügelläufer zumeist auf eine Flanke hinaus, die Staffelungen im Sechzehner gestalteten sich durch die vorausgehenden Bewegungen jedoch zu flach, gerade auch im Anschluss zu nur zwei zentralen Mittelfeldmannen. Solche Anordnungen waren für die Strafraumverteidigung der Mainzer meist stabil zu verteidigen, zumal sie früh auf den geschlossenen Rückzug geschaltet und somit zumindest eine gewisse Vorbereitungszeit gehabt hatten.

Düsseldorfs simple Offensivanordnung

Diese Konstellation im Umkreis ihrer offensiven Staffelungen machte den Gastgebern auch im zweiten Durchgang lange Probleme, als sie gegen ein tiefes 4-4-1 anspielten. Die Dreierkette konnte gegen einen Stürmer zwar weiträumig aufbauen, die Flügelläufer schoben weit vor, die Stürmer besetzten die vordersten Bereiche. Aber untereinander hatten sie nur lose Bindungen und insgesamt waren die Düsseldorfer gewissermaßen auf dem äußeren „Ring“ oder dem Gerippe der Formation präsent aufgestellt, in dessen Mitte jedoch leichtgewichtiger. Die meisten Ansätze gingen weiterhin von Karaman aus, der im Bereich des linken Halbraums umtriebig agierte und gelegentlich innerhalb der gegnerischen Formation eingebunden werden konnte, aber bei den Folgeaktionen selten einen unterstützenden Nebenmann beispielsweise für einen kurzen Doppelpass fand.

Nun waren die beiden Sechser auch jeweils nicht unbedingt die dafür prädestinierten Kombinationsspieler, um in kleinen Zwischenräumen feinfüßig und ballsicher die entscheidende Ergänzung zu Karaman zu geben. Allerdings kamen sie gerade zu Anfang doch vergleichsweise selten mal in den Block hinein. Über Zimmermann gab es einige Ansätze, wofür er wahrscheinlich im Tausch mit Bodzek nun deshalb den halblinken Part bekleidete um so näher an Karaman zu agieren. Später spielte dieser dann wesentlich höher und fokussierte sich mehr auf die Angriffszonen.

Konsequenz im Flügelspiel

Ohnehin schien Düsseldorfs Spiel nun einer klaren Route zu folgen: Von halbrechts aufbauen, verlagern, über den linken Flügel zum Durchbruch kommen. Die Mainzer sollten wohl zunächst auf eine Seite gelockt werden, um sie dann mit dem Flügelwechsel auf der anderen Außenbahn zu attackieren – so vermutlich der Plan Funkels. In den ersten Aufbaumomenten ließen sich die Gäste einige Male zu überambitionierten zusätzlichen Herausrückbewegungen des ballfernen Sechsers verleiten, so dass der Flügelspieler daneben weiter nachschieben musste und später dessen Rückweg zu seiner Seite länger wurde – in diesem Fall nicht unwesentlich mit bedingt durch die Positionierungen der Düsseldorfer Zentrumsspieler ihrerseits.

Bei Verlagerungen sorgten Karaman und der sehr hoch postierte Gießelmann teilweise für enorme Breite, der als Rechtsaußen eingewechselte Kownacki attackierte als zweite Abnehmeroption für Hereingaben zusätzlich den Strafraum. Das war nicht sonderlich bahnbrechend oder mitreißend, ohne die besonderen spielerischen Highlights, zwar eine einfache Ausrichtung, aber insgesamt eben konsequent umgesetzt. Genau diesem Muster folgte am Ende auch die Vorbereitung des Siegtores: Verlagerung von rechts aus dem Aufbau nach links. Mainz konnte in dieser Szene nicht mehr rechtzeitig herüberschieben, die Düsseldorfer kamen außen am Block vorbei und so brachte ihnen der Seitenwechsel die Möglichkeit zur Flanke, die Hennings in der Strafraummitte verwertete. Letztlich erzwang der Gastgeber damit noch den Heimsieg.

Koom 22. Oktober 2019 um 17:14

Als Meinung: Wie siehst du (TR) denn die Mainzer so bislang (wenn du sie siehst)? Mal abgesehen davon, dass der eigene Plan einerseits etwas anspruchsvoll und gleichzeitig vielleicht etwas zu simpel ist: Wie empfindest du das, was die 05er da so im Schnitt aufs Feld bringen?

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TR 28. Oktober 2019 um 22:12

Besonders viel aus anderen Spielen habe ich jetzt von Mainz in dieser Saison nicht gesehen. Das sind insgesamt nur sehr sporadische Eindrücke, die dann leider zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht wirklich als ausreichende Basis für eine allgemeinere Einschätzung anzusehen sind. Vielleicht kommt im Laufe der Hinrunde noch mehr an Impressionen aus der einen oder anderen Partie hinzu.

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Koom 29. Oktober 2019 um 17:08

Das war zu befürchten. Trotzdem danke. Würde mich sehr freuen, wenn du – irgendwann – eine kurze Abschätzung zu Mainz abgeben könntest und deren Entwicklung.

Aus meiner Sicht finde ich das schwer zu bewerten. Man agiert mit einem etwas anderen Anspruch, nämlich durchaus mit Ballbesitzidee, aber die scheint mir nicht gut ausgearbeitet zu sein. Und so klemmt es dann immer irgendwie auf dem Platz.

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Daniel 21. Oktober 2019 um 14:44

Vielen Dank für solche Artikel, die auch untere Bundesligateams ansprechen. Generell ist spielverlagerung diese Saison wieder deutlich aktiver als letztes Jahr, freut mich 🙂

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Koom 21. Oktober 2019 um 14:57

Aye, da schließe ich mich an. Bitte gerne weiterhin so. 🙂

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