Außen am Block vorbei

2:1

Düsseldorf ließ den Ball laufen, um außen um die gegnerische Defensive herumzukommen. Die dagegen vielleicht nicht intuitive Nürnberger Umstellung auf 4-3-2 war aufwendig, aber musste nicht unbedingt ungünstig sein.

Vorbemerkung: Die Analyse geht direkt vom Szenario von 11gegen10 aus.

Die Düsseldorfer Herangehensweise gestaltete sich in der Form, außen um den Block herum zu spielen und an diesem entlang zum Strafraum zu kommen. Zwischenräume nutzten die Gastgeber vor allem, um kurz Bewegung zu provozieren und die Seite weiter öffnen zu können. Mit Flanken und Tiefenläufen zur Grundlinie griffen sie dann fokussiert den Sechzehner an, den sie präsent besetzten.

Ambivalente Aktivität im Freilaufverhalten

Grundformationen in der kurzen Phase mit Nürnberger 4-4-1

Diesem Stil mussten sie auch deswegen folgen, weil das Freilaufverhalten im Mittelfeld wechselhaft und etwas überambitioniert daherkam. Die Sechser bewegten sich sehr weiträumig und oft diagonal entgegengesetzt, indem der eine einen offenen Halbraum ansteuerte und dort aktiv den Ball forderte, der andere aus aufgefächerter Position vorstieß. Teilweise konnte es passieren, dass sie die Verbindungen untereinander verloren, insbesondere wenn es jemanden sehr weit nach außen zog.

Einerseits bestand die Gefahr insofern überambitionierter Aktionen, dass die Sechser mit ihren weiträumigen Rückstößen zu sehr zum Ball tendierten und dadurch eher einem Innenverteidiger den sich anbahnenden Aufrückraum blockierten, oder auch mal dem Nebenmann dessen Bewegungsradius. Auch bei den sauberen und konstant auf den rechten Halbraum orientierten Zurückfallbewegungen von Karaman war es ein schmaler Grat, dass die Spieler der Fortuna sich im Mittelfeld nicht gegenseitig Platz nahmen.

Andererseits gelang es den Düsseldorfern einige Male, durch die aufwendigen Rochaden einen solchen Lauf in die Mittelfeldzonen einzusetzen. Wenn beispielsweise ein Sechser sich diagonal nach halblinks zurückfallen ließ, der Ball zunächst zur anderen Richtung ging und Ayhan ihn nach vorne tragen konnte, Karaman aus seiner Aktion schließlich abdrehte, hatte der andere Zentrumsakteur gute Aussichten, innerhalb der zweiten Nürnberger Reihe eingebunden zu werden (sofern er nun nicht viel zu früh gestartet war).

Nachdem sie es in solche Zwischenräume geschafft hatten, brachte das den Gastgebern dort oft nur kurze Ballbesitzzeiten ohne Druck, ehe sie schon wieder aus diesem herausspielen mussten. Die raumöffnende Vorbereitungsweise und die hohe Offensivpräsenz ergaben für jene Bereiche auch Momente geringer Unterstützung. Halblinks suchte anfangs Lukebakio – vor dem Seitentausch der Flügel – sehr fokussiert die Schnittstellen in den Halbräumen, ließ etwaige Anspiele kurz prallen oder verarbeitete sie per Mitnahme für unmittelbare Folgepässe.

Verlagerungen nach außen und Anschlussaktionen

Aus dem Zentrum gingen bei Düsseldorf viele und rasche Verlagerungen auf die Außenverteidiger. Hauptsächlich über diese beiden funktionierte das Aufrücken nach vorne. Die offensive Rollenverteilung beim Team von Friedhelm Funkel gestaltete sich konsequent: Lukebakio betätigte sich nach der Anfangsphase auf links später auf der gegenüberliegenden Seite vor allem als Dribbler aus breiteren Positionen, Raman sorgte für viele Diagonalsprints in den Rücken der Außenverteidiger, Karaman war neben seinen Rückstößen auch viel in der letzten Linie und generierte gemeinsam mit Kownacki horizontale Bewegung.

Sehr fokussiert schoben sich die Offensivakteure vor allem beim Andribbeln eines Innenverteidigers an der gegnerischen Viererkette entlang, um dann – teilweise mit zwei Leuten gleichzeitig in engen Abständen – auf Breite des entsprechenden Halbraums den Weg hinter die Abwehrreihe anzuvisieren. Die Präsenz durch hohe Positionierungen dieser Spieler beschäftigte den „Club“ hinten, wenn mitunter nur Gleichzahl dort herrschte.

Angedeutete Tiefensprints der ballnahen Akteure waren gerade bei den Verlagerungen auf die Außenverteidiger hilfreich, um im ersten Moment Teile der letzten gegnerischen Linie zurück zu drücken. Zum einen konnte das dazu führen, dass der Mittelfeldspieler aus der Reihe davor sich erst einmal tiefer zurückzog, um wieder die Kompaktheit aufzufüllen und nach hinten anzuschließen. Dann hatte der Außenverteidiger zunächst etwas mehr Raum und konnte noch einige Meter gehen.

Dies bildete für die Düsseldorfer letztlich die Grundlage für zahlreiche Flanken. Die Statistik zählte am Ende 46 davon. Zum anderen hätte ein im ersten Nachschieben aggressiveres Zustellen die Gefahr geborgen, dass ein anderer Offensivakteur sich in den durch die Tiefenbewegung hinterlassenen Raum fallen ließe und einen direkten Folgepass von außen erhielte, um gegen den verfolgenden Abwehrspieler den kurzen Vorsprung wiederum für eine Anschlussverlagerung zu nutzen.

Nürnbergs Umstellung auf 4-3-2

Vor diesem Hintergrund war es keine unkomplizierte Entscheidung der Nürnberger, nach gar nicht so langer Zeit auf 4-3-2 umzustellen. Bereits zuvor hatten sich leichte Asymmetrien und vor allem eine entsprechende Rollenverteilung angedeutet, in der ersten Phase nach der Anweisung durch Interimstrainer Boris Schommers verteidigte dann Kubo zunächst rechtsseitig. Andererseits hätten die Gäste aber auch im 4-4-1 mehr verschieben müssen als sonst.

Sie konnten aus jener Grundordnung heraus nicht auf so stabile, scharfe Pressingmechanismen setzen und mussten in der ersten Phase direkt nach dem Platzverweis viel über Herausrückaktionen eines Sechsers über dem ballnahen Halbraum machen. Das bedeutete für die Flügel also viel Arbeit in der Absicherung nach innen dahinter und entsprechend auch einen gewissen Mehraufwand bei den Wegen zur Seite.

Grundformationen nach der Nürnberger 4-3-2-Umstellung

Mit dem 4-3-2 standen die Nürnberger zunächst einmal im Zentrum stärker verdichtet, drängten so die tendenziell sprunghaften Einbindungen der gegnerischen Sechser weiter nach außen. So eröffnete sich Düsseldorfs Spiel noch öfter und vor allem früher auf die Flügel. Dort konnte Nürnberg sich zunächst einmal kompakt formieren und nachschieben. Es ergaben sich aber trotzdem einige Wege für Düsseldorfer Verlagerungen – und diese drohten in ihrer Menge letztlich unangenehm zu werden.

Mittelfeld lässt sich weiter zurückfallen

Mit dem 4-3-2 ließ sich der „Club“ gewissermaßen darauf ein: Die Gäste waren gut beschäftigt in der Strafraumverteidigung, standen zunächst einmal aber stabil. Diese Umständen ließen sie schon in der letzten Phase der ersten Halbzeit zunehmend tiefer in absichernde, flache Staffelungen zurückfallen. Halbrechts verteidigte Löwen breiter, halblinks Behrens enger. Erstgenannter verfolgte nach hinten und reihte sich dann quasi neben der letzten Linie ein, als Ergänzung der Abwehr.

Auch Behrens agierte insgesamt tief, besetzte aufmerksam die Schnittstellen im Halbraum bei Herausrücken seines Außenverteidigers. Wichtig war vor allem, dass er nach etwaigem ballfernen Auffüllen der tiefen Verteidigung im Falle einer Düsseldorfer Verlagerung auf deren rechte Angriffsseite mit starkem Timing wieder herausschob und nicht in absicherndee Position verharrte. So konnte er potentiellen Aufrückdynamiken der Fortuna etwas entgegen setzen und deckte auch noch viel Raum in seinem Deckungsschatten ab.

Durch die behutsame Orientierung und mit hohem Laufaufwand machte das den Kapitän zum Nürnberger Schlüsselspieler für den Defensivverbund in jener Phase. Das breitere Verteidigen Löwens wurde auf der anderen Außenbahn durch längere diagonale Herausrückbewegungen Petráks zur Seite ergänzt, der seinem Nebenmann die Bewegung zum Ball in diesen Fällen abnahm. Diese verschiedenen zurückgezogenen Rollen der Mittelfeldspieler ließen insgesamt Nürnberg die Breite noch etwas besser abdecken.

Tendenz zu flachen Staffelungen und Strafraumpräsenz

Beim „Club“ erhöhte sich also die Besetzung der hinteren Linien. Gleichzeitig tendierten Düsseldorfs Offensivkräfte ungeduldiger nach vorne und drängten zu sehr in eben jene hohen Bereiche. So kam es dazu, dass die Gastgeber vermehrt in schwächer aufgeteilte Staffelungen abglitten. Wenn die Sechser sich früh etwas zu sehr nach außen ziehen ließen, konnten sie dort tatsächlich mal die Verbindung verlieren und sich festfahren, da auch das Aufrückverhalten der Außenverteidiger sich schneller in die vorderen Anordnungen einreihte.

Insbesondere Löwen konnte weit zurückgedrängt werden, dafür wurden aber die Verlagerungen wiederum schwieriger zu spielen. Zunehmend musste sich dafür der Außenverteidiger oder ein Offensivakteur kurzfristig wieder nach hinten lösen. Mit solchen Aktionen musste es primär darum gehen, das Leder erst einmal zu kontrollieren und auf die nachrückenden Sechser zurückzulegen statt direkte Angriffsfortsetzungen schaffen zu können.

In den Flügelzonen selbst stand Nürnberg in dieser Konstellation also stabiler, sie hatten in den eigenen flachen, tiefen Staffelungen jedoch andererseits noch weniger Zugriff und eine tendenziell erneut gestiegene Belastung der Strafraumverteidigung, die es in Kauf zu nehmen galt. Um in druckvollen Düsseldorfer Phasen deren Präsenz standhalten zu können, brauchte es da schon der sehr engagierten Mitarbeit beider Stürmer für das tiefe Auffüllen des Rückraums. Beispielsweise waren sie in dieser Hinsicht im Abschnitt kurz vor der Pause stark gefordert.

Eigentlich sollten die beiden den prinzipiellen Vorteil der Formation für das Umschalten ausspielen: Mit einem zweiten zentralen Akteur vorne boten sich eine zusätzliche Anspielstation für die Ballsicherung und damit bessere Tiefenmöglichkeiten als im flacheren 4-4-1, bei eventuell kürzeren Wege durch die Halbräume. Wenn die Stürmer so weit hinten mit verteidigen mussten, konnte das phasenweise nicht zur Geltung kommen.

Insgesamt blieb das 4-3-2 für die Momente nach Ballgewinnen aber nicht ohne Wirkung. In der personellen Unterzahl ging es für Nürnberg ohnehin weniger darum, direkt in Konter zu gelangen, als vielmehr die Präsenz der zwei Akteure in der Tiefe zu nutzen, um sich kurz zu lösen und beispielsweise Standards herauszuholen, die dann Ballbesitzmomente ermöglichten. Einige Male funktionierte das auch ganz gut und in jenen Momenten machte sich das 4-3-2 bezahlt.

Löwens Zurückfallen im Aufbau

Den eigenen Aufbau mit zehn Mann effektiv zu nutzen, zumal wenn der Gegner ohnehin viele Spielanteile hat, ist eine schwierige Aufgabe. In tiefen Zonen und bei Abstößen besetzte bei Nürnberg Petrák den Sechserraum vor den aufgefächerten Innenverteidigern, Düsseldorf ließ dagegen einen der Sechser weiträumig nachschieben und stellte so mit zwei Stürmern und einem Akteur zentral dahinter zu. Das bedeutete eine typische, unangenehme Situation für die Gäste.

Ihre Antwort darauf sah zunächst so aus, Löwen tief in den rechten Halbraum zurückfallen zu lassen, um über ihn den Druck und das Zustellen aufzulösen. Dafür rückte Valentini nochmals deutlich weiter auf und drückte gegen die eng ausgeführten, aber situativ und flexibel aufgeteilten Mannorientierungen den gegnerischen Flügelstürmer zurück. Da der andere Sechser der Gastgeber nicht zu weit nachschieben konnte, ergab sich für Löwen also etwas Raum schräg hinter der vorderen 2-1-Staffelung und er wurde mit seitlich an dieser vorbei gehenden Pässen gesucht.

Nach der Umstellung auf das 4-3-2 kam diese Methode kaum mehr zur Anwendung, obwohl der Mittelfeldakteur aus dem Achterraum heraus eigentlich gerade eine noch etwas günstigere Startposition dafür gehabt hätte. Allerdings ließ sich mit dieser Variante erst einmal „nur“ für Beruhigung der Szenen sorgen und die erste Pressingkonstellation umschiffen. Bei der Nutzung der so geschaffenen Situationen wäre trotzdem noch viel zu tun gewesen, zumal sich bereits erste Schwierigkeiten in den Folgeaktionen anbahnten, nachdem Düsseldorf auf Löwens Einbindung mit höheren Positionierungen des Linksaußen reagierte.

Lange Bälle nach halblinks

In diesem Zusammenhang schien Nürnberg die Umformung gewissermaßen aufzugeben und den Verlust solcher Möglichkeiten für Zeitgewinn und Ballkontakte in Kauf zu nehmen, weil sie die Stabilität als zweiten Wert, den sie auf diese Weise generierten, auch auf anderem Wege herstellen konnten – auf einem Wege, den sie wohl eher bevorzugten und auf den sie ihre Anstrengungen verlagerten. Strategisch gab es bei den Gästen eine sehr konsequente Fokussierung auf die langen Bällen in die Ballungszone nach halblinks, die schon in den ersten Minuten ein Element ihres Spiels gewesen war.

Nun wurde sie noch wichtiger: Beide Stürmer verschoben sich in jenen Bereich, Behrens rückte in typischer Manier weit auf, oft schlug Mathenia das Leder schon früh dorthin. Bereits zuvor hatte sich die Fortuna in diesem Bereich etwas anfällig gezeigt: Eine sehr mannorientierte Ausrichtung der Außenverteidiger verband sich mit positionsorientierten Verhaltensmustern der zweiten Linie im Rückzugsmoment, ob aus vorigen Mannorientierungen heraus oder in Vorbereitung gegen lange Bälle aus tieferer Ausgangsstaffelung.

Wenn Zimmermann teilweise gegen Kubos Zurückfallen sehr weit ins Mittelfeld verteidigen musste, wurden die seitlich neben Ayhan entstehenden Räume nicht mit positionellen Anpassungen in der umgebenden Staffelung beantwortet. Die Mittelfeldreihe konzentrierte sich vergleichsweise stark nur auf den eigenen horizontalen Bereich. Auch bei der Übernahme der breiteren Position in der Flügelverteidigung durch den Außenverteidiger zeigte sich dies einige Male.

Innerhalb der letzten Linie sorgten die umtriebigen Läufe von Behrens in entsprechende Horizontallücken für Schwierigkeiten und mussten als Reaktion eher improvisiert aus der Abwehr durch Einzelspieler aufgenommen werden, also normalerweise durch Ayhan. Dieses gewisse Risiko deutete Nürnberg in der ersten Halbzeit mit einigen Ansätzen an. Beim Tor zum 0:1 wäre diskutabel, ob die Offensivakteure sich hier insgesamt etwas zu hoch schon in Umschaltpositionen formierten und dadurch die Kompaktheit zum ballfernen Halbraum fehlte.

Und im Endeffekt…

Einerseits belohnte sich Nürnberg mit dem Treffer für die Geschlossenheit in solchen Szenen wie für die strategische Konsequenz mit Ball im Allgemeinen. Andererseits führt eine entsprechende Situation trotzdem in den meisten Fällen nicht zu einem Treffer. Ob aus einer solchen Position mal ein Abschluss sitzt, ist dann eben nur noch bedingt mit der Gesamtheit der Kräfteverhältnisse auf dem Platz verknüpft, sondern fügt sich durch zahlreiche und teils glückliche Faktoren in momentaner Weise.

Oft entscheiden eben genau solche Einzelszenen darüber, ob bestimmte und für ein Spiel typische taktische Muster und Prägungen quasi unmittelbar „entscheidend“ auf das Ergebnis einwirken oder „nur“ eine gewisse stärkere oder schwächere Phase eines Teams hervorrufen. Umgekehrt konnte man ähnlich auch über die beiden Tore der Gastgeber im zweiten Durchgang diskutieren: Sie waren Ergebnis des Drucks der Düsseldorfer, die Nürnberg hinten vermehrt einschnürten und hohen Aufwand betrieben, aber eine solche Halbzeit mit ihren ebenso vorhandenen Schwierigkeiten brächte in anderen Fällen auch mal keinen Treffer.

Um das abzuschließen: Am Ende entscheiden natürlich oft die berühmten Kleinigkeiten, und diese Kleinigkeiten wiederum sind nur das Zeichen dafür, welche Vielzahl von Faktoren entscheidet.

AG 25. Februar 2019 um 10:37

In der 4. Minute eine rote Karte ist schon bitter. Dann sogar erst noch die Führung und erst in der 83. das zweite Tor kassiert… Da war wirklich etwas Pech dabei und wer weiß, was bei 11 gegen 11 rausgekommen wär.

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*