Ambitioniertes 4-4-2 hängt lange in der Luft

0:3

Gegen raumgreifende Vorrückaktionen finden die Bayern die Räume in den ersten Momenten besser, in den Folgebewegungen im Übergang nicht ganz so gut. Weitgehend kontrollieren die Münchener die Begegnung. Schalkes stärkste Phasen entstehen, als sie weniger überwiegend das Umschalten prononcieren.

Von einer 4-4-2-Grundordnung versuchten die Schalker beim Heim-Debüt ihres neuen Trainers David Wagner mit vielen engen Deckungen und einigen Herausrückbewegungen den Titelverteidiger aus München unter Druck zu setzen, zumeist auf normaler oder etwas vorgeschobener Mittelfeldhöhe. Besonders McKennie schob sich von der Sechserposition immer wieder weit nach vorne und oftmals fast bis zur ersten Linie, häufig nahm er dort dann Kimmich auf und stellte diesen zu.

Im Zuge einiger kurzfristiger personeller Umbauten nach der Verletzung Thiagos agierte der Nationalspieler bei den Münchenern im defensiven Mittelfeld, Pavard dafür als Rechtsverteidiger und Lucas Hernández neben Süle. Hinzu kam bei den Mannen von Niko Kovac eine veränderte Anordnung der Viererketten im Spielaufbau: Während sich Pavard insgesamt auch etwas tiefer formierte als Alaba links und damit ansatzweise eine Dreierreihe bildete, bewegte sich Letztgenannter in vielen Phasen eher einrückend. Zunächst sah es so aus, als könne er dadurch noch mehr Präsenz hinter die erste gegnerische Pressinglinie bringen.

Räume um die Sechserbewegungen

Vor allem wirkte sich dieses Element letztlich aber so aus, dass Caligiuri enger gebunden wurde und die Münchener einen ersten offenen Passweg auf den breit stehenden Coman hatten. Prinzipiell lag darin Potential, aber gleichzeitig auch eine Ambivalenz: In dieser Konstellation kam der Flügeldribbler oft schon recht früh in die Spielsituationen hinein, kam es also recht tief und teilweise zu tief zu seiner Einbindung, oftmals mit dem Rücken zum Tor und direkt verfolgt durch den nominellen Gegenspieler. Den entsprechenden Raum dahinter versuchten die Gäste über ausweichende Aktionen von Tolisso und Lewandowski zu belaufen. Überhaupt versuchten die Münchener viel tief und außen zu unterstützen, auch recht flexibel.

Bei den aufgerückten Positionierungen von McKennie hatte Schalke teilweise zwar viel Präsenz um den gegnerischen Sechserraum, nutzte das aber kaum mal zum Zugriffsübergang, sondern blieb jeweils beim Verknappen lokaler Räume und dem Erschweren der unmittelbaren Anspielstation. Dahinter machte zusätzlich oft auch Mascarell aufwendige Wege im Verfolgen von Gegenspielern: Selbst wenn sein eigentlicher Nebenmann weit vorne agierte, heftete er sich mitunter großräumig an einen Münchener, zumeist den umtriebigen Tolisso, der halblinks oft durch Vorstöße in den Raum für Übergänge zu sorgen versuchte. Im anderen Halbraum hielt sich Müller etwas breiter und rochierte regelmäßig auch mit zum Flügel.

Zunächst startete er konsequent in der Schnittstelle zwischen Mascarell und Raman. So konnte er gelegentlich Letztgenannten stärker beschäftigen und zu weiteren Bewegungen nach außen fordern. Im Anschluss an Müllers Ausweichen durfte Gnabry einige Male dafür nach innen rochieren. Mit dem hohen, teilweise auch mal längerfristig fortgeführten Vorrücken McKennies und den ambitionierten Mannorientierungen im Zentrum hatte Schalke das Mittelfeld nicht ganz so kompakt besetzt. Über Alabas situatives Einrücken und Lewandowskis Zurückfallen nach halblinks kamen die Gäste zwischen auseinander strebenden Bewegungen ihrer mittleren Akteure noch zu Möglichkeiten jeweils in den äußeren Halbräumen, dagegen den Ball laufen zu lassen.

Schwieriger Anschluss in der Raumnutzung, aber Grundzugriff

Insgesamt ergab sich dadurch zunächst die Situation, dass Bayern erst einmal gut durch das zweite Drittel gelangte und auch auf verschiedene Weisen Raumgewinn verbuchen konnte. Die zentralen Akteure zogen mit dem Ausweichen immer mal Gegenspieler weg, starteten dann aber auch selbst wieder in die – teilweise dieselben – Räume, gerade Tolisso setzte dieses Wechselspiel um. Auf rechts hielt sich Raman mehrmals mannorientiert höher am nur wenig aufrückenden Pavard, so dass Müller sich in dem entsprechenden vertikalen Zwischenraum mehr bewegen konnte. Die Gäste entzogen sich den gegnerischen Verfolgungen durch das Ausweichen und bildeten so viele Überladungsstrukturen in seitlichen Bereichen heraus, danach kamen sie von dort aber zumindest nicht stabil in geöffnete Mittelfeldräume zurück.

Hinzu kam beispielsweise, dass Caligiuri seine – zunächst gegen Alaba – engere Position in der weiteren Rückzugsbewegun gut nutzte, um horizontale Anschlussoptionen zu verschließen. Auf Seiten der Münchener sind mit Tolisso und Gnabry die beiden Spieler, die die entsprechenden Zonen am ehesten hätten attackieren können, zwar gut im Anlaufen von Räumen, aber neigen auch beide dazu, relativ schnell Folgebewegungen zu Voraktionen zu suchen, und liefen in diesem Fall dann einige Male fast etwas zu früh schon wieder in den nächsten Raum weiter und so quasi auch mal aus dem später potentiell nutzbaren Bereich weg.

Besonders vielversprechende Ansätze ergaben sich situativ nach Halbraumverlagerungen nach rechts, wenn Müller sofort ins Zentrum weiterleiten konnte. Insgesamt reichte den Münchenern die Gemengelage letztlich, um genug Präsenz im Angriffsdrittel aufzubauen, dass sie mit Verlagerungen einige Male Coman doch ins 1gegen1 bringen konnten und Tolissos verschiedene Ergänzungsläufe um den linken Halbraum für die eine oder andere Gefahrenandeutung sorgte.

Schalkes Ansätze

Auch war diese Situation insofern als aus Münchener Sicht günstig anzusehen, dass Schalke so häufig nach hinten gedrückt wurde. Ihre längeren Ballbesitzmomente trugen dazu bei, den Gegner möglichst wenig ins Spiel kommen zu lassen und Stabilität zu generieren. Denn – nicht zum ersten Mal – ihre Probleme hatten die Münchener genau in den Phasen, in denen ihr Ballbesitzanteil zurückging. Erstmals in dieser Partie trat das nach etwas mehr als einer halben Stunde auf. Die Bayern zogen sich weiter zurück, mit dem Ball hatten die Gastgeber insgesamt einige ordentliche Ansätze.

Die offensiven Außen gingen oft in den Halbraum, Caligiuri schien dies teilweise gezielt für Ablagen zur Vorbereitung von Verlagerungen zu machen. Bei den Außenverteidigern gab es im Timing einige gute Momente, wenngleich noch ohne Konstanz. Gegenüber der Einbindung Caligiuris wurden halblinks eher Überladungen gesucht, über die dortigen Ansätze im Zusammenspiel von Raman und Harit ging dann auch mehr Präsenz aus. Dass sich Letzterer oft zurückfallen ließ, um Bälle abzuholen, und auch Caligiuri eher tief spielte, wurde durch zahlreiche Vorrückbewegungen von McKennie ergänzt, der immer wieder in unterschiedlichen Situationen bis in vorderste Position durchlief.

Dies bereitete den Münchenern auch deshalb die eine oder andere Schwierigkeit, weil die Defensivarbeit im Zentrum wiederum recht klar in engen Mannorientierungen organisiert war. Da diese insgesamt nicht ganz so aufmerksam wie in anderen Partien und mitunter etwas unvorsichtig gespielt wurden, gab es dazwischen bzw. vor allem dahinter Raum zur Abwehrkette. Zunächst blieben die Ansätze, die Schalke dagegen entwickelte, nicht viel mehr als Strohfeuer. Als die Münchener nach dieser passiveren Phase dann wieder die eigenen Spielanteile erhöhen wollten und dafür entsprechend die eigene Pressinghöhe weiter nach vorne verlagern mussten, trat dieses Thema der Mannorientierungen noch etwas deutlicher hervor: Über Anschlussläufe von McKennie nach Pässen zum Flügel konnte Schalke einige Male im zweiten Drittel durchbrechen und so auch erste konkrete Abschlüsse vorbereiten.

Es sollte auch bei der zweiten für die Gäste kritischen Phase zum Tragen kommen, den Minuten direkt nach dem 0:2 als der vermeintlichen Vorentscheidung. Die Münchener zogen sich erneut etwas zurück, Schalke konnte häufiger gegen die Mannorientierungen anspielen. In diesen Zuordnungen hielt sich das Mittelfeld der Münchener etwas zu hoch: Teilweise stellten sie mit den zwei vorderen Akteuren – also zunächst Müller und Tolisso – nun einen Innenverteidiger und den gerade tieferen Sechser zu. Wenn Kimmich dann im Anschluss auch einen weiteren Spieler aufnehmen sollte, musste er sich sehr flach und teilweise in zu flacher Staffelung hinter den Kollegen positionieren. Beim Verschieben nach außen hätten die Zentrumsakteure aus etwaigen Deckungen heraus noch etwas tiefer und diagonaler zurückfallen können.

Neuordnungen und Spielberuhigung

Man kann sicherlich darüber diskutieren, ob man so schnell nach dem Treffer die beiden Neuzugänge Perisic und Coutinho schon hätte einwechseln müssen. Kurzfristig schien dadurch in diesen Momenten, als sich die Verhältnisse ohnehin sortierten, das Gefüge zumindest ein wenig durcheinander zu geraten, brauchte es eben erst einer gewissen Findungsphase. In diesem Abschnitt zeigte sich bei eigenen Ballbesitzphasen der Münchener dann auch, dass Absicherung und Gegenpressing in dieser Konstellation nachließen, zumal einige überambitionierte Entscheidungen im Herausrückverhalten hinzukamen. Vor diesem Hintergrund kam Schalke dann auch zusätzlich zu der einen oder anderen Umschaltsituation.

In den Folgewirkungen ließen sich schließlich viele taktikpsychologische Effekte beobachten, die die Gastgeber besser in die Partie brachten und zu ihrer stärksten Phase führten. Vor diesem Hintergrund funktionierte nun auch das Vorrücken in Angriffspressingmomente bei den „Königsblauen“, dessen einzelne Bewegungen dann etwa druckvoller umgesetzt wurden. Beispielsweise orientierte sich der Außenverteidiger ein oder zwei Mal offensiver mit nach vorne zur Unterstützung gegen seitliche Freilaufbewegungen eines gegnerischen Mittelfeldspielers, woraus einzelne weitere Balleroberungen entstanden.

So erhöhte sich insgesamt auch die Präsenz der Gastgeber. Kleinigkeiten hätten in dieser Phase schnell zu einem Anschlusstreffer führen können. Es kam aber anders: Das Momentum der Gastgeber brachte nichts Zählbares, Bayern konnte die Partie wieder beruhigen. Dazu trugen entscheidend die zwischenzeitlich wesentlich tieferen Positionierungen des Mittelfelds bei eigenem Ballbesitz – eine vergleichsweise simple Maßnahme – bei, die das Tempo herunter regeln konnten, kürzere Schalker Drangphasen unterbrachen und wieder zusätzliche Spielanteile aufbauten. In diesen Bereichen ließen die Münchener zwischenzeitlich das Leder gut laufen und legten so entscheidende Bausteine zur Absicherung des Erfolges.

TC 28. August 2019 um 12:01

Ich habe bei den Bayern in den ersten Spielen so ein wenig das Gefühl, dass das im ersten und zweiten Drittel alles ganz gut klappt, aber dann im letzten Drittel die nötige Durchschlagskraft und Kreativität fehlt. Dem hat man aber jetzt durch die Coutinho- und perspektivisch auch durch die Cuisance-Verpflichtung entgegengewirkt, weswegen ich eigentlich recht positiv in die kommende Saison blicke. Die Grundstruktur sowohl für eine gute Offensive wie auch eine stabile Defensive sehe ich eigentlich schon gelegt. Ein fitter und vor allem eingespielter Tolisso wird den Bayern sicherlich auch mehr Stabilität bringen können.
Mit Coutinho im Zentrum und Gnabry und Coman auf den Außen könnte es auch für Lewandoswki eine seiner erfolgreichsten Saisons werden von der reinen Torausbeute her.

Davon mal abgesehen geistert durch die Medien ja das Gerücht, dass die Bayern interessiert an Kai Havertz sein sollen – nicht ganz zu unrecht. Inwiefern sieht man denn hier, die wirtschaftlichen Faktoren mal zur Seite geschoben, eine mögliche Kombination von Havertz und Coutinho und die generelle Einbindung in das System? Würde es Sinn ergeben beide fest zu verpflichten (falls überhaupt möglich), oder sollte man sich da auf einen der Beiden fokussieren?

P.S Danke für den tollen Artikel 🙂

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tobit 28. August 2019 um 17:15

Diesen Sommer wird bei Havertz nichts passieren. Dafür war die Positionierung der Leverkusener Verantwortlichen zu deutlich.

Die Kombination Havertz/Coutinho wäre für mich in einem 3er-Mittelfeld nicht ideal. Dafür sind beide zu offensiv. In einer Raute, als Doppelzehn in einem 3-4-2-1 oder mit einem von beiden als einrückendem Flügelstürmer könnten sie aber gut zueinander passen – wenn man keinen von beiden zu extrem fokussiert. Dieser Fokus auf einen einzelnen Spieler ist Coutinho ja bei Barca zuletzt zum Verhängnis geworden.

Finanziell halte ich es außerdem kaum für darstellbar, beide zu verpflichten. Coutinhos Kaufoption liegt bei 120 Mio, Havertz kostet mindestens dasselbe. Und eigentlich will man ja auch noch einen DM und Sané, was nochmal 150-200 Mio kosten würde. Ich denke daher, dass man im nächsten Sommer alles versuchen wird um Havertz zu holen und nur wenn das nicht klappt die Kaufoption bei Coutinho zieht. Sollte Eriksen seinen Vertrag bei den Spurs nicht verlängern, könnte der (dann ablösefrei) auch noch eine Alternative sein.

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Daniel 26. August 2019 um 11:09

Alles in allem ein Spiel mit ein paar guten Ansätzen. Pavard macht sich, seine Interpretation als rechter Verteidiger hat mir gefallen. Kimmich war auf der Sechs stärker als großteils in der Vorbereitung. Nichtsdestotrotz gibt es einen xG-Wert von 1,0:0,8(+Elfmeter) für Schalke. Bayern erzeugte praktisch keine Gefahr aus dem Spiel heraus, hatte aber jede Menge von dem Matchglück, das letzte Woche gegen die Hertha fehlte-auch wenn 0:3 natürlich in jedem Fall ein viel zu hohes Ergebnis ist. Kritisch für die Saison wird der Gesunheitszustand Lewandowskis. Hält er diese Form seh ich den FCB weiterhin als Favoriten. Verletzt er sich oder fällt in ein Formtief kann Bayern fast beliebig abstürzen, da kein anderer Spieler im Kader für eine zweistellige Anzahl an Toren gut ist.

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rb 26. August 2019 um 16:12

ich glaube, dass der fcb sich von coutinho 10-15 tore erhofft (und das halte ich auch für realistisch). müller und gnabry werden sicherlich auch zweistellig werden.
trotzdem stimme ich dir zu: die saison von bayern hängt an lewandowski.

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tobit 26. August 2019 um 16:45

Natürlich hängt viel an Lewandowski. Allerdings (glaube ich) weniger an seinen Toren als an seiner Fähigkeit vorne drin zu spielen. Kein Bayern-Trainer der letzten Jahre hat es geschafft, einen der anderen Offensivspieler effektiv als Stürmer einzusetzen um Lewy mal eine Pause zu verschaffen oder taktisch etwas zu verändern. Wie du sagst: Tore können auch andere schießen, aber alle anderen Stürmeraufgaben kann halt nur Lewy erfüllen.

Den Bayern fehlte es Samstag sehr an der Besetzung des Zwischenlinienraumes und der Kreativität aus dem Zentrum. Das lag für mich klar an der Positionierung von Gnabry und Coman als Breitengebern und Müller und Tolisso zentral. Genau deswegen hat man jetzt Coutinho geholt, auch wenn der defensiv sicherlich instabiler ist als alle anderen Optionen. Mal schauen ob man die Struktur auch mit Thiago und Coutinho in der Startelf so beibehält.

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tobit 26. August 2019 um 16:56

Top-Elf: http://lineupbuilder.com/?sk=h326t
Rotation von Alaba oder Kimmich durch einen IV als tiefen AV: http://lineupbuilder.com/?sk=h326f hier spielt immer entweder Alaba oder Kimmich als einrückender AV und die andere Seite der Raute wird von einem ZM besetzt.

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