Spielanteile indirekt vorteilhaft

2:1

Mit guten Grundanlagen machen sich die beiden Erstliga-Absteiger im Unterhaus auf den Weg. Im direkten Duell sammelt sich nicht zuletzt über die Vielzahl an Ballkontaktzeiten ein leichter Vorsprung für die Stuttgarter.

Zwei Bundesliga-Absteiger zum Auftaktspiel der Zweitligasaison und beide prinzipiell mit dem Motto gestartet, einen Neuanfang vorzunehmen: Dementsprechend standen auch jeweils zwei neue Trainer an der Seitenlinie, beim Personal wiederum gab es viele Kontinuitäten mit bekannten Gesichtern. In den Details und Feinheiten der Ausführung offenbarten die Mannschaften noch Baustellen, aber für den frühen Zeitpunkt zeigten sich die Gebilde schon recht stimmig. So ergab sich auch eine über weite Strecken auf gutem Niveau geführte Begegnung, in der die Teams vor allem in der Konterabsicherung einen guten Eindruck machten und darin bereits viel Ausgewogenheit erreichten.

Hinsichtlich der Wechselwirkungen untereinander war die Partie ein Beispiel, wie über Ballbesitz und Spielanteile sich schleichend eine wirksame Überlegenheit anstauen kann, die sich kaum klar und konkret manifestiert, aber für stetige Annäherung in die torgefährlichen Bereiche sorgt und so gleichzeitig den Gegner nur wenig zum Spielen kommen lässt. Das gelang den Stuttgartern in mehreren Phasen, insbesondere im ersten Teil der ersten Halbzeit sehr nachhaltig.

Stuttgarts Aufbaubildungen

Bei der Mannschaft von Tim Walter gab es – trotz mancher Störfaktoren – kaum mal größere Gefahr von Zugriffsverlusten, stellte sich also eine grundlegende Solidität im Einklang mit dem Gesamtgewicht der Partie ein, obwohl das Team eigentlich sogar einen recht radikalen Ansatz verfolgte. Abwechselnd schob entweder einer der Innenverteidiger im Aufbau ins Mittelfeld vor und ein Außenverteidiger kippte nach hinten in die erste Aufbaulinie hinein oder aber einer von diesen begab sich aus aufgerückter Position nach innen in Richtung Sechser- oder Achterraum.

Stuttgart im Aufbau, Defensivformation Hannover

Dadurch entstanden verschiedene Dreierketten bzw. Rautenbildungen bei Ballbesitz, in die sich oft auch Kobel versetzt einschaltete und sich dann mal längerfristig außerhalb seines Strafraums positionierte. In dieser Rotation wurden die einzelnen Reihen also immer wieder unterschiedlich besetzt und Hannover gezwungen, zu reagieren. Wie sich die Einzelspieler des VfB in dieser Systematik bewegten, mit welchem Timing die Außenverteidiger nach innen gingen und wie sie sich dabei orientierten, funktionierte insgesamt zwar noch nicht so sauber.

In manchen Momenten passte die Abstimmung nicht so gut, wenn ein Spieler schon die folgende Rückzugsbewegung startete, der zuvor tiefer eingerückte Mitspieler aber noch gar nicht wieder auf solche Folgeaktionen vorbereitet war und dann improvisiert in einen mäßigen Nebenraum ausweichen musste, um sich gegenseitig in die Quere zu kommen. Aber die Ansätze machten bereits einen guten Eindruck, gerade das Freilaufverhalten des jeweils höheren Innenverteidigers gestaltete sich schon recht konsequent bis hinter die erste gegnerische Reihe, um dort auch mal für horizontale Pässe von außen anspielbar zu werden. Ansonsten diente ein aufgerückt positionierter Abwehrspieler als kurze Anspielstation im Mittelfeld, die im weiteren Verlauf von dort Zuspiele wieder prallen ließ.

Raumöffnen am Flügel in und gegen Grundflexibilität

Vor allem konnten sich die Stuttgarter Spieler durch die Rochaden um die ersten Linien leichter ruhige Auftaktmomente dort verschaffen, einfacher nach vorne aufdrehen und auch ihre genauen Startzonen und damit Winkel ins Spielfeld hinein feiner anpassen – dies war es, worauf Hannover eben reagieren musste. Aus ihrem 4-3-3 und auch dank dieser Struktur hielten sich die Gäste recht gut dagegen, ließen sich vor allem nicht zu weit nach vorne aus der Ordnung locken. Gerade die Mittelfeldreihe hatte über viele Phasen recht ausgewogene Bewegungen – abgesehen von manchen zu weitgehenden Vorstößen Haraguchis, gerade gegen Rückzugsbewegungen von Kempf durch den Halbraum – und einige gute Momente im Übergeben der Gegenspieler.

Weitergehend lag eine Idee des Stuttgarter Aufbaus darin, durch das tiefe Hereinkippen der Außenverteidiger die gegnerischen Flügelspieler herauszuziehen und so deren Abstände nach hinten zu vergrößern. Grundsätzlich standen die Mannen von Mirko Slomka in der passiven, flachen Dreierreihe vorne zunächst einmal kompakt, schräg dahinter ergab sich in dieser Konstellation aber tatsächlich etwas Platz. Dafür suchten beim VfB die Achter immer wieder die Flügel und boten sich dort breit an. Das gab ihnen diagonal hinter den gegnerischen Außenstürmern die Möglichkeit, über die Seite anzudribbeln und so Aktionen einzuleiten.

Alternativ konnte das den jeweiligen gegnerischen Außenverteidiger zum weiten Herausrücken provozieren und in der Folge dann zu größeren Schnittstellen der Abwehr führen, in die sich die Stürmer oder Didavi ausweichend bewegen würden. So fanden die Schwaben zu einigen guten Ansätzen. Später gelang es Hannover schon etwas besser dagegen zu halten, indem der Achter im Pressing ballnah noch weiter zur Seite arbeitete und die Außenverteidiger auch mal tiefer und enger blieben. Vorteilhaft für den VfB waren wiederum die Folgewirkungen der aufgerückten Positionierungen der Innenverteidiger, hier dann für spätere Einbindungen.

Anspiele in die Ausweichzonen ambivalent

Ambivalent gestaltete sich in diesem Zusammenhang die Rolle von Karazor, der im Zuge eben jener höheren Raumbesetzungen der Abwehrspieler häufig übergangen wurde und sich dann oft erst einmal die richtigen Räume suchen musste. So durfte er sich als Reaktion nicht zu weit nach vorne ziehen, im Hinblick auf die Verbindungen von den seitlichen Positionierungen der breiten Achter zurück in die Mitte. Diese gestalteten sich insgesamt noch etwas wechselhaft bei den Stuttgartern, da nicht nur die Halbspieler, sondern auch Didavi zu vielen ausweichenden Läufen neigten und diese Menge an entsprechenden Bewegungen mitunter die Konstanz in den Staffelungen für die Folgemomente schwächte.

Gerade nach gelungenen Einleitungen von Ballstafetten waren die seitlichen Bewegungen für die späteren Übergänge sehr hilfreich, indem der ballferne Achter bei Verlagerungen fast wie ein eigentlicher Flügelstürmer hoch neben der Abwehrkette auftauchen konnte. Allerdings bestand im zweiten Drittel demgegenüber die Gefahr, dass der ballnahe Akteur nach dem Ballfordern in breiter Position in dem zur Seitenlinie begrenzten Raum in Isolation geraten würde. In dem Moment, in dem das nach außen gerichtete und die Kompaktheit der Grundstellung im Zentrum verlassene Freilaufen nicht sauber genug ergänzt wurde, drohten Unterzahlsituationen mit Blickrichtung nach hinten.

Bei Hannover startete links defensiv Prib teilweise etwas breiter, um Ascacibar unter Druck zu setzen. Teilweise war dann Stenzel noch sehr weit innen, Muslija zog sich zügig zurück und konnte schräg von vorne gegen den Stuttgarter Achter doppeln. Mit der Zeit funktionierte die Ausführung solcher breiten Einbindungen der Halbspieler am geöffneten Flügel beim VfB weniger gut: Gelegentlich versuchten die Spieler diesen Mechanismus auch umzusetzen, wenn es die Situation eigentlich nicht wirklich hergab. Überhaupt wurden die Einbindungen aus dem Mittelfeld heraus später ungeduldiger: Einige Akteure ließen sich schon früher zurückfallen, bevor die erste gegnerische Defensivlinie entsprechend weiter nach innen geschoben worden war, und forderten mitunter zu tief die Bälle.

Aufenthaltszeiten im Offensivbereich

Einige Male holte sich auch selbst Didavi das Leder außerhalb der Formation ab, wenngleich er sich dafür in die übliche Rotation eingliederte. Prinzipiell verlief sich das Stuttgarter Spieler in der letzten Phase des ersten Durchgangs etwas häufiger. In diesen Zusammenhängen wurden beim VfB dann auch zunehmend Flugbälle von Kobel in seitliche Ausweichzonen gespielt, zumal wenn Tiefenbewegungen aus dem Mittelfeld dort Raum geöffnet hatten: Einerseits zeigte sich in entsprechenden Freilauf- wie auch Passentscheidungen etwas mehr Ungeduld. Andererseits schienen diese Zuspiele zu einem gewissen Grad bewusste, aber recht ambitionierte und in erster Instanz schwierig zu verarbeitendes Maßnahmen für die Momente darzustellen, in denen die eigentlichen Abläufe weniger gut in Schwung kamen.

Im Grunde genommen war auch dies ein Beispiel dafür, dass es bei den Stuttgartern vielfach eigentlich gar nicht so besonders lange Ballbesitzphasen, sondern dass sie viele solcher Ballbesitzzeiten hatten, und oft auch in recht hohen Zonen. Selbst nach den nicht optimalen längeren Eröffnungen konnten sie bei Ausbällen weiter hochschieben oder bei ins Feld zurück springenden Abprallern über wuchtiges Aufrückverhalten einige zweite Bälle festmachen – und dann die nächste Welle starten.

Bei jenen Aufrückbewegungen, die erfolgreich ins Angriffsdrittel gelangten, hatten sie viel und aus der Raute sehr flexibel angelegten Zug in die ballfernen Zonen hinein. Damit waren sie bei Klärungen zur Seite recht präsent. Das beschäftigte Hannover hinten regelmäßig und zwang gegen die schnellen Übergänge oft dazu, zumindest erst einmal die weiteren Wege bis ins Abwehrdrittel zurück zu machen, selbst wenn dort konkrete Gefahrensituationen oft noch vermieden wurden. Über die Vielzahl solcher Ansätze wurde Hannover letztlich häufig nach hinten gedrückt und Stuttgart kam regelmäßig zu längeren Aufenthaltsphasen im Offensivdrittel.

Hannover gewinnt Aufrückmomente

Hannover mit Ball, Stuttgart ohne Ball, oft auf die gegnerische linke Seite lenkend

Etwa ab Mitte der ersten Halbzeit erkannte Hannover aber zunehmend, dass sie diese Situationen von Passivität nicht zuletzt mit mehr eigenem Ballbesitz zu bekämpfen versuchen könnten. Gegen das frühe mannorientierte Pressing aus der Rautenformation der Schwaben hatten sie sich zunächst nur selten zu lösen vermocht. Didavi rückte aus seiner Deckung immer wieder mit in die erste Pressingreihe auf, vorne leitete der VfB häufiger auf die linke gegnerische Seite und Ascacibar schob dort sehr intensiv heraus. Die verbleibenden beiden Mittelfeldspieler konnten sich dann lose an den Hannoveraner Achtern orientieren, aber auch die Verteidiger agierten zusätzlich recht vorwärtsgerichtet.

Ein kleiner möglicher Knackpunkt für die Schwaben bedeutete der Raum horizontal hinter Didavi, denn die erste Reihe blieb beim weiteren Verschieben nach außen öfters noch recht hoch. Prinzipiell gingen von Bakalorz in jenem Bereich einige gute Bewegungen aus, um sich dort zu befreien. Letztlich versperrte der VfB aber auch die Querpasswege im direkten ballnahen Zuschieben recht gut und so ergaben sich nur vereinzelt entsprechende Einbindungen. In Verbindung mit einem anderen Element gelangte Hannover im Verlaufe der ersten Halbzeit trotzdem besser ins Spiel. Kleine Anpassungen betrafen die Bewegungsmuster der Achter:

Nicht nur formierte sich in der ersten Aufbauphase auch mal Prib tiefer neben Bakalorz, mehr als eine verschobene Doppel-Sechs. Vor allem unternahmen beide Akteure von den Halbpositionen im zweiten Drittel viele horizontale und diagonale Läufe nach außen, meist etwa schräg im Rücken der jeweiligen gegnerischen Halbspieler. Da sich gleichzeitig die nominellen Flügelstürmer der Gäste in der vordersten Linie sehr hoch orientierten, banden sie die grundsätzlich mannorientierten Außenverteidiger eng an der Kette.

In der eigentlich vertikal angelegten Grundhaltung gegen den Ball rissen dadurch einige Male die Übergänge zwischen Mittelfeld- und Abwehrreihe beim VfB ab: Gerade beim seitlichen Verschieben und auch gegen (Halbraum-)Verlagerungen sank hinter dem Herausrücken der Achter der konsequente Anschluss des Nachschiebens ab. In jene Zwischenzonen setzten sich wiederum Hannovers Achter ab, um den Ball nach vorne zu tragen. Zwar bedeutete das normalerweise keine direkten Wege zum Tor, aber es nahm aus Sicht der Niedersachsen zunächst einmal Druck heraus und sorgte für einfachere Aufrückmomente.

Ansätze und Veränderungen

Durch die prinzipiell flexible Anlage der Bewegungen bildete sich darin vermehrt der Ausgangspunkt für weitere Spielzüge, wenn die ballnahen VfB-Akteure gruppentaktisch zu ambitioniert und isoliert in die Zugriffssuche gingen und dann überspielt wurden. Bei Hannover verharrten die Flügelstürmer in etwaigen Folgemomenten nicht bloß in der vordersten Linie und auch Bakalorz schaltete sich einige Male diagonal aufrückend ein, wenn die Ausweichbewegungen seiner Kollegen übermäßig flache Staffelungen hervorzurufen drohten. Die beiden Treffer für die Stuttgarter fielen eigentlich mitten in der besten Hannoveraner Phase, insbesondere das 1:0, das wiederum andererseits ein Beispiel für das Potential des VfB im Gegenpressing über offensives Nachrückverhalten zumal aus der Raute darstellte.

Dass Hannover in späteren Abschnitten der Begegnung die vielversprechenden Ansätze ihrer guten Phase nicht mehr wirklich wiederholen sollte, hatte sich in Form gewisser Problempunkte schon zu jener Zeit selbst angedeutet. Beispielsweise tendierten die Gäste im weiteren Aufrückverhalten dazu, die Verbindungen zwischen den beiden Halbräumen zu grobmaschig zu verlieren. Dieses Thema stand im Folgenden in enger Wechselwirkung mit Anpassungen auf beiden Seiten wie auch mit den weiteren strategischen und rhythmusbezogenen Entwicklungen.

Unter anderem setzte Stuttgart das Pressing nun insgesamt etwas tiefer an. Zudem kappte Didavi beim Verschieben häufiger wieder zurück auf den Sechser, presste teilweise auch bis zum Flügel durch. Dadurch wurden die vertikalen Abstände wieder kleiner, auch die Stürmer investierten mehr in raumstopfende Rückwärtswege und Tiefenpositonierungen auf den Außenbahnen. Auch gegen ballnahe Grundkompaktheit kam Hannover aber prinzipiell schon noch zum Ballvortrag. Den Hintergrund dafür bildete die Einbindung der Flügelstürmer: Diese variierten hohe und dann nun breitere Positionierungen mit sehr weiten Zurückfallbewegungen in den äußeren Halbräumen.

Flügelspiel, Aufrückverhalten und Konter nehmen zu

Vereinzelt kam Hannover so zu etwas Raum außerhalb der gegnerischen Formation, um simpel den Flügel entlang zu spielen. Etwas häufiger waren Aufrückaktionen über Verlagerungen, ausgelöst über die Unterstützung der offensiven Außenspieler aus der gegnerischen Kompaktheit heraus. Gerade Muslija auf links konnte einige Bälle, auch in lokaler Unterzahl, kurz festmachen und dann gegen die Raute das Spiel zur Seite öffnen. In beiden Fällen resultierten Aufrückmomente am Flügel für Hannover. Gerade bei der ersten Konstellation wurden sie aber früh nach außen und damit vom Tor weg gedrängt.

Insbesondere hier half zwar der jeweils ballnahe Achter umtriebig und engagiert, das reichte aber nicht für Überladungen und diese so seitlich ausgerichteten Bewegungsmuster zogen die Anbindungen an das restliche Mittelfeld in Mitleidenschaft. Insgesamt taten sich die Gäste aus gruppentaktischen Ausgangslagen auf Außen daher schwer, wieder nach innen zu kommen und letztlich Durchschlagskraft zu generieren. Auch ansonsten wirkten die häufigen Aufrückwege über die Flügel nicht unbedingt förderlich für Hannover: Dieser Gesamtkontext führte im Lauf des zweiten Durchgangs, zumal bei Rückstand, zu insgesamt offensiverem Aufrückverhalten. Auf den Außenverteidigerpositionen, aber auch mannschaftlich schoben die Gäste weiter vor.

Das führte nach dem Seitenwechsel zu mehr Kontermöglichkeiten für die Stuttgarter, die gerade mit den Stürmern aus der Raute mehrmals vielversprechend neben die Restverteidigung kamen. Auch auf diese Weise spielten sich die Schwaben in der zweiten Halbzeit das klare Übergewicht bei den Abschlüssen heraus. Wichtig in diesem Zusammenhang war noch, dass der VfB im selben Moment nicht gleichzeitig seine Ballbesitzphasen einstellte. Auch wenn gerade das abwechselnde Vorrücken der Innenverteidiger nicht mehr so durchgängig und sauber umgesetzt wurde: Die Mannen von Tim Walter suchten sich zwischendurch immer wieder ihre Phasen, das Leder laufen zu lassen.

Stuttgart vernachlässigt Ballbesitz nicht

So beruhigten sie nicht nur die Partie, sondern konnten in der eigenen Ausrichtung auch die Grundstatik des ersten Durchgangs halten. Das galt für Hälfte zwei insgesamt, nicht erst seit des Platzverweis etwa 20 Minuten nach Wiederbeginn, der sie in Überzahl brachte. Auf diesen Einschnitt musste Hannover reagieren: Ein asymmetrisches 4-3-2 schien sich kurz anzudeuten und wäre eine Variante gewesen, letztlich wollte es Slomka aber mit einem 4-2-3 versuchen. Das ermöglichte es, die Struktur der ersten Defensivlinie beizubehalten.

Zunächst zeigten die Hannoveraner bei den Bewegungen gegen den Ball auch wiederum gute Ansätze, bald ließen sich die Außenspieler aber immer tiefer zurückfallen. Das hing auch mit einer geschickten Anpassung Walters zusammen: Beim VfB war zu diesem Zeitpunkt bereits mit Klement ein zusätzlicher Mittelfeldspieler für Al Gaddioui in die Partie gekommen, so dass weitere Rochaden um die Spitze herum möglich wurden. Im vorderen Bereich wurde die Angriffslinie nun sehr breit und eigentlich konstant mit zwei hohen, seitlichen Breitegebern besetzt, um die Abwehrreihe der Niedersachsen hinten zu binden und deren Präsenz zu schwächen.

Auf diese gute Maßnahme reagierten die Gäste also nicht optimal, wenn die Außenspieler sich dagegen entsprechend zu weit zurückzogen. Bei Hannover entstanden zunehmend flache Staffelungen, die den Druckaufbau und schnelle Ballbesitzübergänge und/oder Vorwärtswege aus der Defensivordnung erschwerten. Stuttgart bekam das Spielgeschehen insgesamt mehr in die eigene Hand und verlagerte den Schwerpunkt wieder weiter nach vorne. Auch sie ließen sich jedoch zu sehr von den Gegebenheiten leiten und drifteten nach außen ab: Nach der Einwechslung von Klement wirkten die neuen Rollenzuteilungen nicht ganz so eindeutig.

Von den vielen potentiellen Zentrumsakteuren gingen insgesamt zahlreiche flexible Ausweichbewegungen aus, die teilweise zu sehr in ballferne Zonen oder „neben“ die letzte gegnerische Linie drängten. Stuttgart verlagerte viel, kam oft gefährlich an den Strafraum, aber blockierte sich gerade bei der Raumbesetzung für die Seitenwechsel und die Läufe hinter die Kette vereinzelt sogar selbst. Sie improvisierten oft noch gut zu kleinen Kombinationsansätzen, durch die Ansammlung von Optionen außen wurde das Spiel aber stärker vom Tor weggedrückt und es ergaben sich so letztlich keine ganz klaren Abschlusspositionen mehr. Zumindest kamen sie auch in diesen Phasen noch dazu, auch in höheren Zonen nochmal verlagern zu können. Das ging den Gästen etwas ab, die viele ihrer Szenen dann oft direkter zu Ende spielen mussten.

Abschließende ungewöhnliche Umstellung geht nicht wirklich auf

Hannover gegen den Ball nach der Einwechslung von Korb (vorne tauschten Duksch und Weydandt häufiger), Phase ca. 71. bis 86. Minute

Unorthodox gestaltete sich schließlich die nächste Anpassung der Hannoveraner: Slomka hatte es bereits mit einem asymmetrischen Aufrückverhalten für die Ballbesitzmomente versucht, indem der Linksverteidiger sich früh sehr hoch positionierte und Jung recht tief und eng blieb. Das war allerdings kaum zur Geltung gekommen, da die meisten Eröffnungen nun früh in die Spitze gingen – entweder gegen situativ wieder aggressivere Zwischenphasen im Stuttgarter Pressing oder bzw. vor allem als zunehmende Folge der Einwechslung von Duksch, der als zweiter nomineller Stürmer für eine weitere Anspielstation in der Spitze sorgen konnte.

Nun nahm Slomka noch eine weitere Änderung vor: Er brachte Korb für Maina auf rechts, zunächst einmal im Mittelfeldbereich. Zumindest gegen den Ball wurde daraus letztlich nicht die mögliche Dreier- bzw. Fünferkette. Stattdessen verteidigte Korb schon eher knapp vor der letzten Linie, von seiner Startposition sogar im Wesentlichen ähnlich der problematischen Positionierungen Mainas, aber phasenweise etwas enger und vor allem anders eingebunden. Er startete zunächst in tiefen Bereichen, rückte im Laufe der gegnerischen Zirkulation dann aber heraus und lief letztlich zumeist gegen Aufrückbewegungen eines Innen- oder tiefer gebliebenen Außenverteidigers an, oft mit diagonalen Bewegungen von außen leicht nach innen.

Dadurch erhöhte sich im Laufe der Aktion die eigene Präsenz zur Mitte hin, während ein ballnaher gegnerischer Breitengeber in der letzten Linie bestmöglich dadurch im Deckungsschatten bleiben würde. In diesem Ablauf deuteten sich einige Ansätze an, aber letztlich funktionierte er doch nicht so richtig: Die weitere Organisation zum Mittelfeld hin gestaltete sich nicht klar und sauber genug. In der Asymmetrie wurde die eigentliche Kern-Viererkette weitgehend hinten gehalten anstatt von dort weiterer Präsenz zu „gewinnen“ versuchen, die dann noch nach vorne hätte transferiert werden können. Der Halbraum neben Korb bzw. die dortige Schnittstelle nach innen ließen sich in dieser Ausführung nicht gut genug schließen, so dass Stuttgart über jene Route mehrfach am Herausrücken des rechten Außenbahnakteurs vorbeikam und ins Mittelfeld gelangte.

Schlussworte

Diese Entwicklungen bildeten die letzte größere Wegmarke in einer Abfolge vieler Veränderungen der zweiten Halbzeit, in der die verschiedenen Phasen schnell hin- und her wechselten – zwischen mehreren kleinen Umstellungen der Trainer und vielen Verschiebungen in den strategischen Konstellationen. Aus jenem Verlauf mit den unterschiedlichen Rück- und Folgewirkungen zog der verregnete zweite Durchgang seinen besonderen Reiz, auch wenn er sich nicht mehr so fußballerisch-gefällig zeigte. In dieser Hinsicht hinterließen beide Mannschaften bereits am ersten Spieltag einige Lichtblicke. Sie machten damit deutlich, dass es für sie in dieser Saison auf die Wege führen könnte, die man ihnen im Vorhinein zugeschrieben hat.

tobit 2. August 2019 um 11:15

Walter ist so langsam echt reif für die Bundesliga. Wenn er es mit Stuttgart nicht schafft, findet sich bestimmt ein Erstligist, der sie von ihm erlöst. Hat bisher auf jedem Level in kürzester Zeit einen sehr klaren und eigenwilligen Spielstil eingeführt und damit Erfolg gehabt. Augsburg, Mainz oder Köln dürften auch mit seiner „Sprunghaftigkeit“ wenig Probleme haben, wenn er ihnen ein erfolgreiches Jahr verspricht.

Jetzt stellt euch diesen Stil Mal mit Weigl als vorstoßendem IV vor *träum

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